Kitabı oku: «Blutdienst», sayfa 2
Sein Blick war nun fest auf meine Augen geheftet. Er war begierig, meine Reaktion zu erfahren. Ich dachte eine Weile nach und verlor mich in Gedanken. Es wäre ein gefährliches Leben. »Es ist mir eine Ehre, Herr. Darf ich allerdings eine Bitte äußern?«
Er nickte.
»Ich möchte in wenigen Wochen zu meiner Familie zurückkehren, um ihr zu berichten, was geschehen ist. Ich möchte meinem Vater sagen, was ich vollbracht habe, und dass ich von nun an Euch diene.«
Thortryg grinste und klopfte mir auf den Oberschenkel. Er stand auf und rief nach Männern, die mich ins Lager tragen sollten. Mein sechzehnter Winter zog nun langsam auf und ich war bereits jetzt bei meinem Jarl beliebt.
Die Jungen, die der Jarl geholt hat, um mich zu retten, trugen mich auf einer Trage über das Schlachtfeld. Lautes Stöhnen und die Schreie sterbender Krieger konnte ich hören. Die Jungen legten mich auf einem Wagen ab, der sich holpernd in Bewegung setzte. Neben mir befanden sich auf diesem Wagen sieben weitere Verletzte. Unter ihnen war ein junger Krieger, der sich mir unter Schmerzen als Kalf vorstellte. Mit ihm sollte ich später noch so manche Schlacht schlagen. Der Wagen hielt mehrere Male an der Straße an, um die Krieger abzuladen, die ihre Verletzungen nicht überlebten. Warum sie allerdings nur auf den Wegesrand geworfen wurden, weiß ich nicht zu beantworten. In diesem Moment wollte ich es auch nicht hinterfragen. Ich versuchte nur, so viel wie möglich zu schlafen, um das Gerüttel des Wagens zu ertragen.
Nach einiger Zeit sah ich, wie wir durch einen Torbogen fuhren. Das geschäftige Treiben um mich herum ließ mich vermuten, dass wir Karpgat erreicht hatten. Die Stimmen von Marktschreiern und den Menschen, die bei ihnen einkauften, wurden aber schnell übertönt von Schmerzensschreien, und ein Geruch von faulem Fleisch umwogte meine Nase.
Ich verbrachte lediglich einen Tag im Krankenlager in Karpgat. Der Wundarzt hielt es für keine gute Idee, dass ich gehen mochte. Doch ich widersetzte mich seinem Willen, indem ich ihn beiseiteschob und wütend anknurrte. Dieses Sterben und Schreien um mich herum hielt ich nicht aus. Meine Wunden verheilten sehr gut, ich konnte mich selbst versorgen. Wie ich in der Stadt umherlief, hielt ich Ausschau nach einem Wirtshaus. Ich hatte noch keinen Schluck Bier oder Met getrunken nach der Schlacht und es wurde Zeit, dies nachzuholen. Man hatte mir meinen Sold ans Krankenbett gebracht und nun wollte ich ihn verprassen. Ich erinnere mich auch an eine Feier, die Thortryg versprochen hatte. Hoffentlich fand sie noch nicht ohne mich statt.
In einer Gasse, nicht weit vom Krankenlager, fand ich tatsächlich ein Wirtshaus. Der Wirt war ein dicker Mann mit einem kräftigen Bart und einer sehr unfreundlichen Art. Er sah mich schlechtgelaunt an. »Was willst du?«
Ich bestellte einen Krug Met und setzte mich so weit wie möglich von diesem Kerl weg. Trinkgeld gab ich natürlich nicht.
Mein Platz war draußen an der Straße auf einem Holzschemel, von wo ich die Menschen, die vorbeigingen, beobachtete. Die meisten hier haben nichts von dem erlebt, was ich die letzten Wochen erlebt habe.
Die Schlacht zog noch immer an mir vorbei. Jedes Detail. Jede Einzelheit spielte sich noch einmal ab. Mein Vordermann, der sich eingeschissen hat. Sein Blut, dass mir ins Gesicht spritzte, als er fiel. Ich erinnerte mich an meinen Drang, wegzulaufen, aber auch an meinen Mut, einfach weiterzukämpfen. All die verzerrten Fratzen der Männer. Manche blickten mich voller Hass an, andere voller Schmerz und Erschrockenheit. Diese Gesichter waren nun deutlich vor mir. Die Schmerzen, die ich erleiden musste, schossen mir in den Kopf. Das Gefühl der Angst umschloss mich wieder und meine Wunde schmerzte. Ich erinnerte mich an die Männer, die meinen Wagen begleiteten und nach und nach die Verwundeten hinauswarfen, die nicht überlebt hatten. Wieder ergriff mich Angst. Was wäre, wenn ich tot am Straßenrand geendet wäre? Wieso taten diese Männer das? Hatten die Krieger kein anständiges Begräbnis verdient?
Diese Gedanken machten mich verrückt und so trank ich.
Ich bestellte einen weiteren Krug, und als ich auch diesen fast geleert hatte, stand plötzlich ein schlanker Mann vor mir. Er hatte mich wohl schon mehrfach angesprochen, doch ich hatte nicht reagiert. Mein Körper war bereits nach den zwei großen Krügen Met in einem leicht wankenden Zustand. Normalerweise bin ich trinkfester, doch ich glaubte, die Wunden hielten mich sogar im Trinken schwach. Ich blickte an dem Mann hoch und musste etwas grinsen wegen seines Gesichts. Es sah aus wie das einer Ratte ohne Schnurrhaare. Er bemerkte mein höhnisches Grinsen, ging allerdings nicht darauf ein.
»Seid Ihr Sigvart Fenris?«, fragte er mit unsicherem Ton.
»Wer will das wissen?«, lallte ich mehr grummelnd als laut.
»Ich bin Rolf, ein Gesandter von Jarl Thortryg. Ich soll Euch suchen und zu ihm bringen.«
Ich schielte ihn an und verstand nur langsam, was er wollte. Ich lächelte und klopfte ihm auf die Schulter.
»Na dann, Rolf Rattensohn, auf zu Jarl Thortryg.«
Ich stand auf und torkelte los. Ich wusste zwar nicht wohin, aber irgendwohin würde es schon gehen. Rolf holte tief Luft, als wollte er seinen Namen noch einmal richtigstellen, sah aber dann ein, dass es nutzlos war. Er lief neben mir her, leitete mir den Weg und achtete darauf, dass ich nicht allzu viele Menschen anrempelte. Er entschuldigte sich bei denjenigen, die ich streifte, und sah mich dabei jedes Mal vorwurfsvoll an.
Kurz vor der Halle des Jarls machte er abrupt neben einer Wassertonne Halt. »Tunk deinen Kopf in das Wasser, um klarer denken zu können. Der Jarl möchte mit dir reden und sich nicht mit dir betrinken.«
Ich ging einen Schritt auf ihn zu und blickte ihn ernst an. »Wie kommst du nur auf die Idee, mir sagen zu können, was ich machen soll?«, sprach ich langsam und mit tiefer Stimme.
Die Stille, die darauf folgte, bereitete Rolf etwas Unbehagen. Er war auch überrascht, dass diese Frage so klar aus meinem Mund kam, als hätte ich nichts getrunken.
Ich tätschelte etwas grob seine Wange und lachte. »Ich mache nur Spaß, Rolf Rattensohn! Du hast Recht. Ich sollte einen klareren Kopf behalten.«
Lachend steckte ich meinen Kopf in das kalte Wasser. Es fühlte sich so an, als würde mein Körper den ganzen Met auf einmal aussondern.
Als mein Kopf wieder aus der Tonne schnellte, sah mich Rolf nur mit runtergezogenen Mundwinkeln an. »Mein Name ist nicht Rolf Rattensohn«, sagte er.
»Nimm es nicht so schwer. Wenigstens nenne ich dich nicht Rolf Nervensägensohn. Und jetzt hör auf zu quatschen und bring mich zum Jarl.«
Rolf rollte mit den Augen und drehte sich um. Er ging mit schnellen Schritten voran. Vor einer großen Tür hieß er mich zu warten. Sie war kunstvoll geschnitzt und bestimmt noch einmal so hoch wie ich selbst. An den Seiten standen zwei Wachen, die starr nach vorne schauen. Die Halle für sich war außen eher einfach gehalten. Gut verarbeitetes Eichenholz in gepflegtem Zustand. Allerdings wurde auf prachtvolle Bilder im Holz verzichtet.
Als er hineinging, versuchte ich noch etwas klarer im Kopf zu werden, indem ich tief Luft holte und ebenso tief wieder ausatmete. Es schien zu funktionieren. Kurze Zeit später öffnete Rolf wieder die Tür und ich ging hinein. Die Halle des Jarls war einfach gehalten. Auch hier keine prachtvollen Bilder oder Schnitzereien an den Wänden, nur wie draußen gut gepflegtes Holz und Schilde an den Wänden. Auch Felle und bunte Tücher fanden ihren Platz an den Balken und dem Geländer im oberen Teil der Halle. In der Mitte des Saals befand sich eine Feuerstelle, die ringsum mit Decken und Fellen ausgelegt war. Ich ging an zwei langen Tischen vorbei, an denen Bänke standen, und dahinter saß Thortryg auf seinem Thron, der breit lächelnd aufstand, um mich zu begrüßen.
»Sigvart Fenris. Herzlich willkommen in meiner und in deiner Halle. Ich dachte eigentlich, dass ich dich noch nicht empfangen dürfe, da du noch verletzt bist. Aber ich hörte, du warst in einem Wirtshaus?«
Er umklammerte meinen rechten Unterarm mit seiner Hand. Wir blickten einander in die Augen. »Habe mich selbst entlassen. Ich fühlte mich unwohl so nah bei den Toten und bei denen, die es bald sein werden. Der Durst trieb mich ins Wirtshaus.«
Thortryg lachte und zeigte auf einen Stuhl etwas unterhalb seines Throns »Setz dich, bitte.«
Ich tat, was er sagte. Thortryg setzte sich wieder auf seinen Thron. Er ließ mir Bier einschenken von einer Sklavin, die ich noch nicht bemerkt hatte. Sie hatte in einer dunklen Ecke neben dem Thron gestanden. Nachdem sie mir eingeschenkt hatte, verschwand sie auch wieder im Dunkeln.
Thortryg beugte sich zu mir hinüber. »Heute Abend wird ein Fest gefeiert. Du wirst offiziell zu meiner Leibwache benannt und du wirst mir den Treueschwur leisten.«
»Ja, Herr.«
»Nun, ich habe dir oben in der Halle ein Bett bereiten lassen. Du siehst noch etwas müde aus, Sigvart. Geh und ruh dich aus. Ich brauche dich heute Abend fit und in Trinklaune.«
Ich stand auf und neigte kurz meinen Kopf vor Thortryg. Ich war mir unsicher, wie ich mich verhalten sollte. Verneigen? Die Hand schütteln? Einerseits war er nun mein Jarl, andererseits wäre er das nicht, wenn ich ihn nicht gerettet hätte. Uns verband ein Band, das nur schwer zu durchtrennen war. Ich war mir sicher, dass er mir schon noch sagen wird, welche Verhaltensform er gerne hätte. Dann ging ich zu den hölzernen Stufen, die mich in mein Lager führten. Es war ein Bett aus Fellen, sehr gemütlich. Kaum lag ich darauf, schlief ich auch schon ein.
Ein Fußtritt weckte mich. Ich schreckte hoch und wollte auf den Eindringling einschlagen, als ich Borgs Gesicht erkannte. Er grinste mich an und auch ich musste lachen. Ich freute mich sehr, dass er überlebt hat. Nach der Schlacht habe ich ihn nicht mehr gesehen. Er war wohl vor mir in die Stadt gekommen, da unser Wagen oft anhalten musste, um die Leichen loszuwerden. Ich verstand immer noch nicht, wieso das nötig gewesen war.
»Wie hast du es geschafft, mit deinem hohlen Schädel zu überleben?«, wollte ich wissen.
Er lachte und griff meine Schultern. »Ich erzähl es dir bei einigen Krügen Bier.«
Zusammen gingen wir die Stufen hinunter und besorgten uns von den Sklavinnen jeweils einen großen Krug Bier. Dann setzten wir uns auf eine Bank, zu anderen Kriegern, mit denen wir gekämpft hatten. Thortryg bemerkte trotz des Trubels in der Halle, dass ich unten in der Nähe war und prostete mir von seinem Thron aus zu. Ich erwiderte seine Geste. Die Feier hatte bereits begonnen, doch in meinem tiefen Schlaf hatte ich das nicht mitbekommen. Die Wolfshorde hatte ihren eigenen Tisch, ganz in der Nähe des Jarls. Der Jarl hatte meine Stellung noch nicht bekannt gegeben, also hatte ich dort noch nichts zu suchen.
Ich drehte mich zu Borg. »Also? Erzähl, was passiert ist.«
Borg nahm einen beherzten Schluck. Er setzte ab und rülpste. »Wir haben also den Schildwall aufgebrochen. Dann ging alles sehr schnell. Ich hackte und hackte und hackte hier und hackte da. Fünfzig Männer, sage ich dir, fünfzig Männer habe ich umgebracht!«
»Fünfzig? Borg, du kannst nicht mal bis fünf zählen. Woher willst du das wissen?«, lachte ich.
Borg verzog das Gesicht. »Es waren jedenfalls sehr viele. Ich erkämpfte mir genügend Platz, um mal durchatmen zu können.«
Er machte eine Pause, als ob er auch jetzt durchatmen müsste. »Ich und viele andere Krieger sahen dich auf Thjodrec losgehen und euren Kampf. Wie du Jarl Thortryg das Leben gerettet hast und wie der Jarl dann wieder deins gerettet hat. Alle waren beeindruckt. Die Männer sagten, dass ihr beide ausgesehen habt wie Götter, die füreinander einstehen, um die Riesen zu bezwingen.«
Mir blieb der Mund offenstehen. Nun musste ich einen beherzten Schluck Bier zu mir nehmen.
Borg führte seine Geschichte fort: »Du bist ein Held und ein Vorbild für viele Männer geworden, weil du so mutig warst. Du hast uns gezeigt, was es heißt, für seinen Herrn einzustehen. Ich erzählte vielen, dass ich bereits zu Beginn der Schlacht neben dir stand und dass du dort bereits gekämpft hast wie ein wahrer Wolf von Thortryg.«
Stolz lehnte er sich mit seinem Becher ein Stück zurück und streckte seine langen Beine unter dem Tisch aus.
Mir wollte beim besten Willen nicht einfallen, wieso das heldenhaft war. Es war wohl eher dumm von mir gewesen, mein Leben für das eines anderen aufs Spiel zu setzen. Ich ließ mich vom Krieg leiten, ja. Doch bereute ich es auch zum Teil. Dieser Kampf hat mir zwar Ansehen und Ruhm beschert, nach Borgs Geschichte wohl mehr als ich dachte. Aber er bescherte mir auch Schmerzen und Bilder in meinem Kopf, die mich wohl nie wieder loslassen werden.
»Borg. Dieser Kampf hat mich schwer gezeichnet. Ich fühle mich momentan nicht wie ein Held.« Ich fasste seine Schulter und schenkte mit der anderen Hand Bier nach. »Komm, mein Freund. Wir wollen trinken und uns amüsieren. Skål!«
» Skål!«, stimmte er mit ein.
Die Halle füllte sich nach und nach. Krieger, die in der Schlacht gedient hatten, kamen und betranken sich. Sie strotzten vor Kraft und manche waren begierig darauf, erneut in die Schlacht zu ziehen. Auch ein paar Huren waren anwesend. Hier und da verschwanden einige Männer in die dunklen Ecken der Halle, um sich mit ihnen zu vergnügen. Immer wieder hörte man einen Aufschrei. Thortryg unterhielt sich mit einigen wohlhabenden Händlern, die ihm wohl zu seiner Herrschaft beglückwünschten.
Nachdem die Händler gegangen waren, stand Thortryg auf und erhob seine kräftige Stimme.
»Bürger und Krieger von Karpgat, herzlich willkommen zu meinem Herrschaftsfest.«
Die Menge jubelte und klopfte auf die Tische.
»Es gibt heute allerdings noch einen Mann, den wir feiern sollten. Er hat in der Schlacht gegen meinen Bruder heldenhaft gekämpft. Wie ein wahrer Wolf!«
Wieder hallten Beifall und Gejohle bis auf die Straßen Karpgats.
»Ohne ihn wäre ich heute nicht hier. Ohne ihn würde mein Bruder hier herrschen.«
Kurze Stille trat ein.
»Meine Freunde, hier ist Sigvart Fenris! Komm zu mir!«
Unter lautem Beifall stieg ich von der Bank auf und machte mich auf den Weg zu Jarl Thortryg. Männer klopften mir auf die Schulter und mir war es schon unangenehm, zu Thortryg gehen zu müssen. Als ich ihn erreichte, grinste er unablässig und schloss mich in seine Arme.
Er packte mich bei den Schultern und donnerte: »Sigvart, ich bin froh und stolz, dich zu meiner persönlichen Leibwache ernennen zu dürfen. Schwörst du mir ewige Treue, auf dass wir dieses Land beschützen und für das Volk einstehen?«
Ich schaute ihm fest in die Augen. Sie hatten wieder dieses unlöschbare Feuer, das jeden Mann ermutigte, ihm zu folgen.
Ich ging auf die Knie. »Ich schwöre, mein Herr.«
Der Jubel in der Halle war nun vollkommen losgelöst. Thortryg wies einen Mann der Wolfshorde an, ein Päckchen zu bringen, das er mir übergab. Es war ein Wolfsmantel von einem rein schwarzen Wolf. Thortryg beugte sich zu mir und sprach: »Ein Wolfsfell, das deiner würdig ist, Fenris.«
Ich verbeugte mich und streifte das Wolfsfell über. Thortryg zeigte auf einen leeren Platz neben dem Thron. »Setz dich, Sigvart Fenris. Setz dich und feiere mit deinem Wolfsrudel.«
Erneut brach Beifall aus, als ich mich hinsetzte und einen Krug Met bekam. Thortryg hob eine Hand und gebot der Menge zu schweigen. Seine Stimme erhob sich laut über alle anderen.
»Meine Freunde. Heute wollen wir feiern. Deshalb erhebt euer Horn mit dem Göttertrunk und leert mit mir die erste Runde.«
Die Männer stimmten in den Spruch mit ein:
»Das Horn soll im Sonnenlauf kreisen.
Ein Jeder soll sprechen und trinken..
Skål! Skål!
Erhebt das Horn dem Jarl zu Ehren!
Skål! Skål!
Erhebt das Horn den Göttern zu Ehren!
Skål! Skål!
Trinkt aus eure Hörner!
Skål! Skål!
Unbesiegt werden wir sein.«
Mit diesen Worten Schloss Thortryg den Trinkspruch und nahm einen kräftigen Schluck. Die Männer in der Halle und auch ich taten es ihm gleich. Die Männer nahmen wieder ihre Gespräche auf und es herrschte ein reges Treiben in der Halle. Becher und Hörner wurden gefüllt und geleert und erneut gefüllt. Die Sklavinnen hatten ihre Mühe, den Männern nachzuschenken. Große, schwielige Hände griffen immer wieder unter ihre Kleider und an ihre Brüste. Eine solche Tat wurde stets mit großem Gelächter belohnt. Hier und da entflammte ein Streit und dann rangen Männer miteinander, bis einer aufgab oder sich ein Krieger der Wolfshorde dazwischen stellte.
Ich beobachtete Borg, wie er wieder mal versuchte, seine Kraft zu beweisen, indem er jedermann zum Armdrücken herausforderte. Thortryg kam auf mich zu und setzte sich neben mich. Er grinste so breit, dass es so aussah, als würden nur noch die Ohren seinen Mund davon abhalten, einen Kreis zu schlagen. »Sigvart, mein Freund. Dies ist eine Heldennacht. Für alle, die in der Schlacht gefallen sind, und für alle, die als Helden aus ihr hervortraten.«
Er hob sein Horn in meine Richtung und wir stießen an.
»Ja, Herr. Eine schöne Nacht und ein tolles Fest.« Ich rutschte etwas unruhig auf dem Stuhl hin und her. Ich war nervös, weil ich unbedingt etwas erfragen musste.
»Herr, mit Eurer Erlaubnis würde ich gerne morgen zu meiner Familie gehen, um ihr zu berichten, was geschehen ist. Sie sollen erfahren wer ich nun bin. Ich habe es damals meinem Vater versprochen und dieses Versprechen muss ich einhalten.«
Thortryg sah mich fragend an. Er runzelte die Stirn und überlegte wohl, was er sagen könnte. Sein nachdenklicher Blick verwandelte sich schließlich wieder in ein Grinsen und er trank einen Schluck.
Ich wurde bereits etwas ungeduldig, da er mir auf dem Schlachtfeld schon keine Antwort darauf gegeben hatte. Doch er drehte seinen Kopf in meine Richtung und sprach: »Du bist ein ehrenvoller Mann, und auch wenn ich dich nicht gerne ziehen lasse, sollst du deinen Wunsch erfüllt bekommen. Aber ich verlange etwas dafür.«
Meine Augen wurden groß. Was wollte er denn jetzt noch? »Was verlangt ihr, Herr?«, fragte ich unsicher.
»Sorg mit mir dafür, dass die Männer hier …« Er wies mit ausholender Geste in die Weite des Saals und sein Grinsen wurde noch breiter, »… diese Nacht nicht wieder vergessen.«
Ich erhob meinen Becher auf sein Wohl und wir stürzten beide den Met unsere Kehlen hinab.
An viel kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, dass Borg nicht besiegt worden ist und Thortryg mich eindeutig unter den Tisch gesoffen hat. Als ich am nächsten Morgen erwachte, lagen zwei Frauen an meiner Seite. Auch wenn ich mich nicht mehr erinnerte, merkte ich doch, dass meine Leistengegend wohl hart gearbeitet hat in der Nacht. Sobald ich aufstand, brachte mir direkt eine Dienerin eine Wasserschüssel. Ich wusch mich und streifte mein Leinenhemd über die Schultern. Ich tat mir schwer bei meiner Hose, denn als ich mich bückte, spürte ich den Met in meinem Kopf herumwirbeln. Nachdem ich die Hose endlich bezwungen hatte, torkelte ich die Stufen hinab in die Halle.
Auf den Tischen und Bänken lagen schnarchende und furzende Männer, die es nicht mehr geschafft haben, die Halle zu verlassen. Auch Borg zählte zu ihnen. Ich nahm mir einen Becher dünnes Bier, um meinen Kopf wieder zu ordnen, und setzte mich zu ihm auf die Bank. Mein Blick wanderte in der Halle umher und ich entdeckte Thortryg schlafend auf seinem Thron. Es sah etwas unbequem aus, wie er da halb saß und halb lag, und ich vermutete, dass er wohl mit Rückenschmerzen aufwachen würde. In den am Abend dunklen Ecken zeigten sich nun die nackten Leiber der Männer und Frauen, die sich ihrer Lust ergeben hatten. Es bewegte sich kaum jemand in der Halle, und so trank ich meinen Becher aus und steckte mir noch ein Stück kaltes Fleisch in den Mund, ehe ich nach oben ging, um meine Sachen zu holen, bevor ich zu meiner Familie aufbrach.
Ich verließ gerade die Halle, als eine Stimme von hinten mich aufhielt.
»Wo willst du denn hin?«
Ich drehte mich um und sah Borg in der Tür stehen, noch leicht wankend.
»Ich darf für kurze Zeit zu meiner Familie gehen und ihr berichten, was geschehen ist.«
Borg taumelte auf mich zu und erhob seinen Finger dicht vor meinem Gesicht. Sein Atem roch nach Bier und Fleisch. In seinem Bart hingen noch Essensreste – oder Erbrochenes. Da war ich mir nicht ganz sicher.
»Und da willst du ohne mich hin? Was soll ich denn hier ohne dich?«
Ich legte ihm die Hand auf eine Schulter. »Wenn du willst, dann komm mit. Beeil dich. Der Marsch wird lang.«
Er grinste und drehte sich zur Tonne mit dem kalten Wasser um. Er steckte seinen Kopf hinein und als er ihn wieder herauszog, sah er direkt um einiges frischer aus.
»Ich gehe nur schnell meine Sachen holen. Wir treffen uns am Tor«, sagte er mit begeisterter Stimme. Ich nickte und ging weiter in Richtung Marktplatz. Dort war um diese Zeit noch nicht viel los. Einige der Händler, die ich dort sah, waren ebenfalls bei der Feier gewesen und sahen auch entsprechend mitgenommen aus. Mühsam bauten sie ihre Stände auf und verschnauften immer mal wieder, da ihr Kopf wohl noch nicht ganz auf ihren Schultern saß.
Ich ging am Marktplatz vorbei und weiter in Richtung Tor. An einer Seitenstraße hielt ich inne. Ich sah den dicken, unfreundlichen Wirt von gestern, wie er sich mit einer jungen Frau stritt. Während er sie anschrie und danach trachtete, sie zu schlagen, machte sie abwehrende Bewegungen und versuchte wimmernd, etwas zu erklären. Als ich ein paar Schritte näherkam, drehte der Wirt sich erschrocken um. Die junge Frau erschrak ebenfalls und ich konnte nun ihr Gesicht sehen.
Sie war wohl so alt wie ich und einen Kopf kleiner. Sie hatte braunes Haar, das zusammengebunden war. Ihr Kleid war an der Brust etwas aufgerissen und sie hatte einen roten Handabdruck auf der Wange. Ihre Hände hielt sie vor ihren Bauch, so, als ob er wehtäte.
Der Wirt höhnte: »Was willst du hier? Bist du ein edler Retter, der nun die Frauen von Karpgat schützt?« Er verschränkte seine Arme und sein Gesicht zeigte eine herausfordernde Miene.
Ich blickte von ihm wieder zu der jungen Frau und fragte sie: »Hat dieser Mann dir Gewalt angetan?«
Sie senkte ihren Blick und sagte nichts.
»Wie ich mit meiner Tochter verfahre, hat dich nicht zu interessieren«, schaltete der Wirt sich ein.
»Eure Tochter?« Ich glaubte nicht recht zu hören. Wie es aussah, schlug er seine Tochter und verlangte von ihr, sich zu entblößen. Wer weiß, was er noch mit ihr angestellt hat. Eine unsägliche Wut stieg in mir empor.
Ich baute mich nun direkt vor dem Wirt auf und funkelte ihn wütend an. »Ich werde für eine kurze Weile fort sein. Wenn ich wiederkomme, werde ich deine Tochter befragen und ich werde sie mir genau anschauen. Wenn ich eine neue Verletzung entdecke, werde ich deinen Körper über den gesamten Marktplatz verteilen.«
Diese Worte machten den dicken Wirt rasend vor Wut. »Wer glaubst du denn zu sein? Ich zerquetsche dich wie eine Schabe!«
Mit diesen Worten gab er mir einen Stoß und holte zu einem Schlag aus. Ich duckte mich darunter weg, griff seine Beine und schleuderte ihn zu Boden. Blitzschnell warf ich mich auf ihn und schlug ihm zweimal heftig ins Gesicht. Das genügte, ihn benommen zu machen, sodass ich mich gefahrlos zu ihm runterbeugen konnte.
»Mein Name ist Sigvart Fenris. Ich bin die Leibwache von Jarl Thortryg. Das solltet ihr im Gedächtnis behalten, fetter Mann«, sprach ich so drohend wie möglich.
Ich stellte mich wieder auf und ging zur Tochter des Wirts.
»Wie heißt du?«
Mit ängstlichem Blick schaute sie zu mir auf. »Wey… Weylef, Herr.«
»Ich bin nicht dein Herr. Mein Name ist Sigvart. Von heute an wird er dir nichts mehr tun, Weylef.«
Ich drehte mich, um und setzte meinen Weg fort. Nach ein paar Schritten blieb ich stehen und wandte meinen Kopf zurück. Mit ernster Stimme sprach ich: »Und falls doch … hast du ja gehört, was ich mit ihm mache.«
Ich ging weiter und blickte nicht mehr nach hinten.
Am Tor wartete Borg bereits. »Wo hast du gesteckt?«, wollte er etwas ungeduldig wissen.
Ich grinste nur und ging an ihm vorbei. Zusammen traten wir den Weg zum Hof meiner Eltern an. Der Weg führte uns durch ein kleines Waldstück und an einem Bachlauf entlang.
Wir waren bereits über die Mittagssonne hinweg gewandert und bekamen Hunger. Borg nahm etwas Trockenfleisch aus seiner Tasche und ich holte ein Stück Käse und Brot, das ich mir in der Halle eingesteckt hatte, aus meiner Tasche. Wir saßen auf einem Ast direkt am Wasser und genossen die Stille und das einfache Plätschern des Bachs.
Borg sah mich fragend an. Bereits nach wenigen Augenblicken hielt ich es nicht mehr aus. »Warum starrst du mich so an, Borg?«
Borg schien wie aus einem Traum herausgerissen. »Ähm, ich würde gern wissen, was du deiner Familie erzählen wirst? Erzählst du nur die schönen Sachen wie, dass wir gewonnen haben und du glorreich gekämpft hast? Oder erzählst du auch von deinen Schmerzen, den endlosen Märschen und dem schlechten Essen? Wirst du die Männer erwähnen, die du getötet hast und die du sterben sehen hast?«
Das war eine sehr gute Frage, über die ich mir noch keine Gedanken gemacht habe. Manchmal war ich von Borg wirklich überrascht. Ich schaute in das Wasser und dachte eine Weile darüber nach, während ich mir ein weiteres Stück Käse in den Mund schob und es langsam kaute.
Ich schluckte den Käse hinunter und drehte mich zu Borg. »Ich weiß es noch nicht. Ich glaube, mein Vater weiß sehr wohl Bescheid über die Schrecken des Krieges.«
Borg nickte. Wir packten wieder alles zusammen und machten uns weiter auf den Weg.
»Ich finde den Krieg gar nicht so schrecklich«, sprach Borg nach einer Weile. »Wenn man nicht darüber nachdenkt, was man tut, ist es auch nicht schwer.«
Ich grinste matt. »Der Schrecken liegt auch nicht in der Schlacht, Borg. Manche Männer haben ein Problem damit, die Stille nach der Schlacht zu bekämpfen. Wenn dir noch mal alles durch den Kopf geht und du die einzelnen Gesichter noch einmal siehst. Dir Gedanken machst um das Was-wäre-wenn. Diese Sachen lassen einen Mann nicht mehr schlafen und berauben ihn seiner guten Gefühle.«
Borg ging schweigend neben mir her. Es kam mir so vor, als ob ich ihn denken hören könnte. Nach einer längeren Strecke des Schweigens drehte er seinen Kopf und sah auf mich herab. »Da hilft wohl nur ein starkes Bier und eine gute Frau«, sagte er in vollkommen ernstem Ton.
»Ja«, lachte ich. »Das sind wohl die einzigen Dinge, die immer helfen.«
Die Bäume wichen einem lichten Hügel. »Wir müssen noch den Hügel hinauf«, sagte ich. »Von da aus sehen wir dann schon den Hof.«
Der Hügel war nicht steil und auch nicht sonderlich hoch. Es war ein Leichtes, ihn zu besteigen. Oben angekommen sah ich das Haus meiner Kindheit. Ich war nie weit weg gewesen und doch kam es mir vor, als hätte ich eine Reise an den Rand der Welt unternommen.
Vor dem Haus spielten zwei Kinder. Ich erkannte von weitem, dass einer von ihnen mein jüngerer Bruder Sigbart war. Bei den Göttern, der kleine Sigbart war gewachsen! Es dürfte nun sein dreizehntes Jahr sein. Den anderen Jungen kannte ich nicht. Schätzungsweise war er gerade mal fünf Winter jung.
Borg und ich näherten uns dem Haus, das auf einem kleineren Hügel stand. Dahinter fing ein Hain an. Sigbart entdeckte uns und wusste wohl nicht recht, wer wir waren. Er rannte ins Haus, wohl um Mutter und Vater zu holen. Der andere Junge rannte Sigbart sofort hinterher. Ich hieß Borg zu warten und auch ich blieb mit ein bisschen Abstand zum Hof stehen. Vielleicht erkannten sie mich nicht und hielten mich für einen Angreifer.
Mein Vater Horald kam aus dem Haus, mit einem Schwert in der Hand. Er ging ein paar Schritte auf uns zu, ohne etwas zu sagen. Ich spürte, wie sich Tränen in meinen Augen sammelten.
»Vater!«, rief ich.
Horald ließ sein Schwert fallen und kam auf mich zu gelaufen. Auch ich ließ meine Tasche fallen und ging auf ihn zu.
Hinter meinem Vater sah ich Sigbart heranstürmen. Er hielt eine Axt in der Hand und wollte auf mich losstürmen. »Er ist ein Betrüger!«, rief er.
Er rannte an Vater vorbei und zielte mit der Axt auf meinen Kopf. Mein Vater konnte nicht mehr reagieren, also musste ich es tun. Ich wich zur Seite aus und versetzte Sigbart einen so harten Schlag an den Kopf, dass er zu Boden ging und die Axt aus der Hand verlor.
»Du Narr! Wäre ich ein Betrüger, dann wärst du jetzt tot!«, schrie ich ihm entgegen.
»Mein Sohn lebt«, sagte mein Vater unter Tränen und schloss mich in seine starken Arme.
Er betrachtete mich. In seinem Gesicht war eine Mischung aus Stolz und Unsicherheit zu erkennen. »Du bist kräftig geworden. Schau dich nur an.« Er musterte mich und nach einer kurzen Zeit ruhte sein Blick auf meinem. »Du bist ein Mann geworden. Ich sehe es an deinem Blick. Ja … dich hat eine Schlacht gezeichnet.«
Wieder füllten sich meine Augen mit Tränen und ich nickte nur. Er umarmte mich erneut und hielt mich fest. Er wusste um die Qualen, die ein Krieg in der Seele eines Mannes auslöste. »Komm. Wir gehen ins Haus.« Horalds Blick erfasste nun auch Borg. »Wen hast du mitgebracht?«
»Das ist Borg. Ein Freund von mir und mein Schlachtenbruder.«
Nun schaute ich mich um. Ich sah Sigbart und das etwas kleinere Kind neben ihm stehen.
»Wo ist Mutter?«, wollte ich wissen.
Mein Vater ließ den Blick fallen, während er meine Schultern hielt. »Sie starb vor vier Jahren, bei Halefs Geburt.«
Mein Herz wurde schwer und auch ich nahm meinen Vater bei den Schultern. »Das tut mir leid, Vater. Du hast sie sehr geliebt. Sie hat dir noch einen Sohn geschenkt?«
