Kitabı oku: «Es ist nie zu spät...», sayfa 2
Der Wirkung des hohen, säulengetragenen Innenraums mit den Kreuzrippen-Gewölben konnte sich niemand entziehen. Sie setzten sich auf zwei der endlos aufgereihten Stühle der evangelisch-lutherischen Kirche und atmeten tief durch. Die schlichte Würde des riesigen Raumes tat ihnen gut.
Als sie wieder heraustraten, hatte der Regen schon wieder aufgehört, und zaghafte Sonnenstrahlen brachen durch die dunklen Wolken. Sie schlenderten durch den Bischofsgarten und Maria erzählte stockend, dass Vater Ole ihr für lange Jahre den Besuch von Kirchen strikt verboten hatte. Er hatte „diese ganze pseudo-christliche Geschichte“ gehasst, die für ihn pure Heuchelei war. Sein eigener Vater hätte hier, im Nidaros-Dom, geheiratet, am 14. April 1945, also kurz vor der Kapitulation der Deutschen, in SS-Uniform. Das war angeblich bei einer Massenhochzeit der Deutschen Wehrmacht, und die Braut war nicht seine Mutter gewesen, die hatte der Vater nämlich in Deutschland sitzen lassen, da sei Ole neun gewesen. Die Frau war jedenfalls auch schwanger, und ihre Tochter sollte im Nazi-„Lebensborn“-Heim aufwachsen, hier in Trondheim, aber dazu kam es dann wohl nicht mehr…
„Vielleicht lebt sie ja hier irgendwo, meine Halbtante – keine Ahnung“, meinte Maria, „dass die Kirche da mitgemacht hat…“
„Aber bei solchen Hochzeiten war vielleicht gar kein Pastor dabei“ sinnierte Herbert, „das war bestimmt ´ne deutsche Zivilehe.“
Jedenfalls war Maria froh, den Dom mal von innen gesehen zu haben; hier war nichts vom Nazi-Spuk zu spüren gewesen. Dieser Schatten der Vergangenheit jedenfalls hatte sich in Luft aufgelöst.
Morgen wollten sie weiterreisen, in Richtung Brønnøysund, das lag über 300 Kilometer weiter im Norden, auf halbem Wege nach Bodø.
Die beiden hatten, seitdem sie sich auf den Nordland-Trip gemacht hatten, einen gesunden tiefen Schlaf wie schon lange vorher nicht mehr. Keine Alpträume legten sich aufs Gemüt, viele Ängste der letzten Jahre schienen von ihnen abgefallen zu sein.

War es nicht ein herrliches Gefühl, alle innere Getriebenheit abzuschütteln und einfach in den Tag hinein zu gehen?
Wieder wanderten sie auf die Landstraße hinaus und vertrauten auf den lieben Gott und freundliche Menschen. Auch zu Fuß würden sie an ihr Ziel kommen, Zeit hatten sie jedenfalls im Überfluss. Trotzdem waren sie ganz froh, dass bei aufkommendem Regen ein freundlicher Milchwagen-Fahrer hielt und sie die 100 Kilometer bis Steinkjer mitnahm, immer schön am Trondheim- Fjord entlang. Er freute sich, dass die Deutschen Norwegisch verstanden, zumindest Maria, und seine Schwärmereien über seinen „Traumberuf“, so nah an der Natur, nachvollziehen konnten.
Nach zwei Stunden trennten sich ihre Wege wieder, und Maria und Herbert wanderten weiter über eine zerklüftete Halbinsel durch Täler und an Bergseen und Wasserfällen entlang und durch Birken- und lichte Föhrenwälder, bis sie bei Namsos wieder auf die Fjord- und Schärenküste stießen. Sie übernachteten zweimal auf gastfreundlichen Bauernhöfen und nahmen dann die Fähre nach Geisnes und von dort weiter nach Hofles. Die letzte Fähre hieß Olav Duun und Herbert unkte, ob sie wohl nach Marias Vater Ole benannt sei. „Blöder Witz“, meinte Maria, obwohl sie ihm selbst erzählt hatte, wie oft Ole „duhn“ und betrunken gewesen war.
Olav Duun aber, und das wusste sie noch ziemlich genau aus ihrem norwegischen Schulunterricht, war ein hochgeschätzter Heimatdichter, der eigentlich Lehrer gewesen war und aus einem gänzlich unsentimentalen Naturgefühl heraus schrieb, in einem klaren, durchaus humorvollen Stil, der ihr gut gefallen hatte, auch wenn er mythische, also eher heidnische Anklänge an die alten Sagas widerspiegelte. Sein großer Romanzyklus „Die Juwikinger“ kam in den 1930er Jahren heraus und handelte von einem edlen Bauerngeschlecht des 19. Jahrhunderts – im Kampf um Würde und Menschlichkeit… Die Bücher gab es auch als deutsche Übersetzung und ihr Vater hatte sie verschlungen, auch wenn er sonst eher wenig Neigung zum Lesen hatte.
Herbert begann sich allmählich Sorgen zu machen, was für ein abgehobener „Blut-und-Boden- Kauz“ sie in Bodø erwarten würde. Aber Maria meinte nur, mit einem Dichter hätte Ole nun wohl gar nichts gemein, eher vielleicht mit Petterson.
„Petterson mit dem hohen gelben Hut, der immer mit seiner Katze spricht?“ fragte Herbert. Er kannte die großformatigen Bilderbücher und hatte sie als Student manchmal Kindern beim „Babysitten“ vorgelesen, weil sie sonst nicht eingeschlafen wären. Damit konnte er sich in Tübingen seinen Monatswechsel aufbessern.
„Ja genau den Petterson meine ich, von Sven Nordquist ist der“, schwärmte Maria „die Katze ist ein Kater und heißt Findus, die Bücher sind eigentlich aus Schweden, aber das ist egal. Mein Vater ist auch so ein Chaot gewesen, den berühmten „Tischlerschuppen“ hatten wir auch, überall lagen kaputte Angeln herum, die er irgendwann einmal reparieren wollte, wozu er natürlich nie kam, kaufte sich lieber eine neue… Eine Katze hatte er früher auch, und überall hörte er das Gras wachsen.“
„Bei dem alten Schweden gab es doch auch diese skurrilen wuseligen Wesen, kleine Naturgeister oder so“, sagte Herbert, und Maria nickte. „Der in den Büchern ist doch eigentlich ganz lieb, oder?“, fragte er.
„Ja, aber er kann auch sehr jähzornig werden“, flüsterte Maria und hatte auf einmal Tränen in den Augen, „und dann der Wodka und der Akvavit dazu…“
„Womit wir wieder bei „Olav Duun“ wären“, meinte Herbert lakonisch, „der Kahn legt übrigens gleich an – in Hofles“. Sie nickte wieder. Soviel hatte sie seit Tagen nicht geredet…
Ein paar Tage später erreichten sie Brønnøysund, das hübsche Hafenstädtchen hatte früher einmal Bodø fast den Rang abgelaufen als Hauptstadt der Nordprovinz.
Die erstaunlich große Feldsteinkirche war offen. Drinnen saßen einige Besucher und lauschten himmlischer Orgelmusik. Die blonde Organistin übte wohl für den kommenden Sonntag, es lagen Zettel für das bevorstehende Konzert aus: „Präludium und Fuge in C Dur von Johann Sebastian Bach“. Es klang wirklich überirdisch – und so kam ihnen auch der Blick auf die weitgespannte Brücke im Abendrot vor, die sie zur Insel Torget führen würde.
Hier wollten sie sich unbedingt den „Torghatten“ ansehen, den berühmten Berg mit dem 35 Meter hohen Loch, das gut 10 Meter breit und begehbar sein sollte.
Sie stiegen den beschwerlichen Weg hinauf und wanderten durch das 160 Meter lange Loch, das der wütende Sohn des Trollkönigs mit einem Pfeilschuss geschaffen haben soll. Er zerstörte damit auch das, was er liebte, die flüchtende Jungfer Lehamøya. Denn der König der Sømnaberge ließ zur Strafe alles versteinern.
„Ziemlich nah am Leben“, dachte Maria an ihren oft unberechenbaren Vater.
Jedenfalls war der Blick durch das hohe Tunnelloch auf die Schärenlandschaft überwältigend und lohnte alle Mühen.
Weiter ging es per Anhalter nach Nesna und Konsvikosen, wo ein freundlicher Wohnmobilfahrer die beiden zu einem köstlichen Fischessen einlud. Die Seelachse und Dorsche hatte er gerade an der Außenmole des kleinen Sportboothafens geangelt. Nur in Butter gebraten und mit ein paar Salzkartoffeln serviert schmeckten sie besser als in jedem Sternerestaurant. Dankbar kehrten sie dann im winzigen Hotel ohne Sterne ein, wo die Wirtin ihnen Gruselgeschichten erzählte.
Wenige Kilometer weiter nach Norden überquerten sie den Polarsirkelen auf 66°33´55´´ nördlicher Breite. In dem kleinen Fischerdorf mit Sporthafen und Anglergeschäft gab es nur eine ziemlich unscheinbare Erdkugel aus Stahlbändern, die am Kai aufgestellt und beschriftet war.
Ab hier würde es also nach der Sonnenwende am 21. Juni Mitternachtssonne geben. Das heißt, der rote Sonnenball würde kurz das Wasser berühren und dann wieder höher steigen, ein magisches Theater.
Jetzt waren es nur noch 200 Straßenkilometer bis zur Saltstraumen-Brücke, die sich auf 40 Meter Höhe fast einen Kilometer lang über den Gezeitenstrom schwingt.
Der freundliche Wohnmobilfahrer und seine Frau griffen die beiden direkt am Polarkreis auf und luden sie ein, mit ihnen dort hinzufahren. Am Saltstraumen-Camping, wo das Ehepaar sein Mobil aufbockte, gab es tatsächlich noch ein paar günstige Hytten zu mieten und Grillmöglichkeiten genug für die Gäste.
Die meisten zogen hier so viel Fisch aus dem Strom, dass sie die Hälfte verschenken konnten; Maria und Herbert, die keine Tiere töten konnten, aber mit dem Essen toter Exemplare merkwürdigerweise keine Probleme hatten, würden hier also nicht verhungern.
Aber jetzt musste Herbert auch unbedingt den Malstrøm mit eigenen Augen und Ohren erleben, nicht nur wegen der Gruselgeschichten eines Edgar Allen Poe, sondern auch, weil er für seine zierliche Begleiterin eine gewisse Bedeutung zu haben schien…
Zwei Tage später erreichten sie Bodø, und Maria konnte endlich ihren altgewordenen Vater in die Arme schließen.
5. Die Zahnarztpraxis - 1992 / 1993
Der Mai 1992 brachte Bilderbuchwetter in ganz Norddeutschland.
Herbert Möller begann gerade sein Leben zu genießen: Er hatte sich für seinen ersten Ostseesommer kürzlich ein gebrauchtes Golf-Cabrio geleistet und fuhr an der Kieler Förde entlang auf der Landstraße in Richtung Eckernförde. Rechts und links blühende – und intensiv duftende – Rapsfelder, im Hintergrund blitzten immer wieder weiße Segel und Flecken blauen Meeres auf. Herbert hatte den rechten Arm lässig auf die Lehne des Beifahrersitzes gelegt, auf dem seine Freundin Britta sich den Wind um die Nase wehen ließ. Britta war eine hanseatische Schönheit mit schulterlangen, blonden Haaren, über die sie jetzt ein bunt getupftes Kopftuch gebunden hatte. Hinter ihrer übergroßen, stylischen Sonnenbrille hatte sie die Augen geschlossen und summte vor sich hin: „Knock-knock-knockin´ on heaven´s door…“, den alten Bob Dylan- Song, den die Guns N´Roses neu gecovert hatten und der gerade die Charts stürmte. Sie machte sich keine weiteren Gedanken zum Text des Songs, nur, dass es sich für sie himmlisch anfühlte, hier durch die duftende Mailuft und diese Traumlandschaft rauschen zu dürfen.
Die beiden kannten sich schon vier Jahre. Sie hatten 1990 zusammen ein gutes Examen in Tübingen hingelegt, wo Herbert auch sein Zahnmedizin- Studium begonnen hatte. Britta hatte in ihrer Heimatstadt Hamburg angefangen zu studieren, es aber richtig gefunden, die Uni einmal zu wechseln, da bot sich das idyllische Tübingen an für die letzten zweieinhalb Jahre, mal ganz was anderes…
In Höhe „Schwedeneck“ verlangsamte Herbert die Fahrt, und der Rapsgeruch intensivierte sich. Er bog ab nach Surendorf und steuerte den großen Strandparkplatz an. Es war zwar noch lange keine Ferienzeit, aber durch die frühe Wärme in diesem Mai wurde der Strand unterhalb des Campingplatzes zumindest am Wochenende schon gut besucht. Oben, vom Kurtax-Kassenhäuschen aus, hatte man einen herrlichen Blick bis weit über die Eckernförder Bucht, und die Nachmittagssonne blendete etwas und glitzerte in den Wellen. In einem Szene-Heftchen, das in allen Kieler Studentenkneipen auslag, hatten sie gelesen, dass hier eine Surf-Schule mit Board- Verleih betrieben wurde. Und tatsächlich – dort war geöffnet.
Herbert hatte Badehose, seinen surftauglichen „Longjohn“-Anzug und Surfschuhe dabei, Britta wollte erstmal gucken, wie´s läuft…
„Erfahrung?“ fragte der eher wortkarge Vermieter. „Jahrelang …, nullo problemo“ antwortete Herbert. Schließlich hatte er es vor Jahren schon auf dem heimatlichen Maschsee versucht und später auf dem Kirchentellinsfurter Baggersee in der Nähe von Tübingen.
„Na gut“ brummte der Wortkarge, „Stunde 20 Mark“. Er hatte Herbert einen kurzen „Glider“ empfohlen und auf die Frage, wie denn das Schwert runterzulassen wäre, nur mit den Achseln gezuckt: „Gibt´s hier nich´, geht von selbst…“
Das Board auf dem Baggersee war ein schwerer alter „Verdränger“ gewesen, mit halblangem Schwert, das den Kurs stabilisierte; aber dieses hier war so viel leichter und schien einfacher zu sein in der Handhabung. Ein leichter Schönwetter-Ostwind blies fast parallel zur Küste, da könnte er glatt Eckernförde erreichen.
Die anfänglichen Wackler waren schnell ausbalanciert, und das bekannte Gefühl stellte sich wieder ein, als Herbert den Segeldruck des Riggs auf das jetzt stabiler liegende Board übertrug und sein Körper Teil des Sportgeräts wurde – mit Wasser, Wellen und Wind in vollkommenem Einklang. Er schloss die Augen und genoss es. Er war 32 Jahre jung, joggte dreimal die Woche durch den Kieler Schrevenpark und war mit seiner Kraft und Fitness ganz zufrieden.

Britta hatte sich einen Strandkorb genommen und döste in der schon sommerlich warmen Frühlingssonne. Sie freute sich, dass Herbert seinen Spaß zu haben schien und offenbar gut zurechtkam. Dann war sie eingenickt und erwachte erst, als es merklich kühler geworden war und der Wind auffrischte, hatte er nicht auch die Richtung gewechselt? Auch die Sicht war jetzt schlechter und Nebelschwaden zogen übers nun rauere Wasser. Herbert war nirgends zu entdecken. Es mochte eine Dreiviertelstunde vergangen sein, und sie rannte zur Surfschule und suchte nach dem Vermieter.
„Vadder is grad mit dem Boot raus“ rief ihr der etwa 10-jährige entgegen, der die Bude bewachte, „da hat sich wieder so´n Touri überschätzt, wenn er in 15 Minuten nicht zurück is, soll ich die Seenotrettung anrufen.“
Der Junge schien unaufgeregt, er kannte solche Sachen. Britta dagegen fühlte, wie ihr der Angstschweiß ausbrach: „Was, wenn sie allein zurückblieb, was wäre mit der Praxis – und den Schulden?“
Dann hörte sie das Tuckern eines alten Motorboots, dessen Konturen sich langsam aus dem Nebel schälten. Im Schlepptau schwamm das Surfbrett, auf dem sich ein erschöpfter Herbert festkrallte. Das Rigg hatte der Skipper auseinander gebaut, um den Widerstand von Wind und Wasser zu reduzieren. Er fluchte, schien aber doch zufrieden: „Hundert Mark“, brummte er, als Boot und Board samt Besatzung wieder an den Strand gezogen waren, „so´n Einsatz der Walter Rose von Schilksee wech wär´n beeten dürer worn for em…“
Die „Walter Rose“ war das nächstgelegene SAR-Schiff der „Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“. „Save and rescue“ hatte aber ja gerade noch mit Bordmitteln geklappt…
Herbert hatte offensichtlich seine Kräfte überschätzt, zahlte zähneknirschend und wickelte sich in Handtücher und Stranddecken, um den Körper aufzuwärmen und sein angeknackstes Selbstbewusstsein zu pflegen.
Dies war nicht der schwäbische Baggersee, und technisch hatte er bei den modernen Brettern wohl auch Nachschulungsbedarf.
Auf dem Parkplatz klappten die beiden das Verdeck des Cabrios herunter und fuhren betreten zurück nach Kiel in ihre frisch angemietete Wohnung. Hoffentlich war das alles kein schlechtes Omen für ihren Praxis-Start …
Seit Anfang März wohnten Britta und Herbert jetzt in Kiel. Es war ihre erste gemeinsame Wohnung, und sie hatten sich darauf gefreut, sie gemeinsam zu gestalten. Sie befand sich in einem nüchternen Mietsblock der Nachkriegszeit – Kiel war im letzten Krieg besonders stark zerstört gewesen -, war aber im begehrten Viertel rund um den Blücherplatz gelegen, wo zweimal wöchentlich buntes Markttreiben stattfand und es immer mal wieder Stadtteilfeste gab.
Besonders im Sommerhalbjahr traf man „auf dem Kiez“ ein gemischtes Publikum aus Gutsituierten, Studenten und Alternativen.
Hier gab es noch bürgerliche Geschäfte, Restaurants und Handwerksbetriebe in Familienbesitz. Aber auch immer mehr alternative Kinderläden, Fahrradshops, Buchhandlungen und ökologische Hofläden schossen wie Pilze aus dem Boden.
In ihrer Assistentenzeit hatten die beiden getrennt und möbliert gewohnt, und auch als sie ihre paar Einrichtungsgegenstände zusammenschmissen, fehlte immer noch viel am eigenen Hausstand. Dafür gab es in Hamburg das angesagte schwedische Möbelhaus, aus dem sie sich im Stil der Zeit mit reichlich Kieferholzteilen einrichteten: Bald schliefen sie im Nordli, saßen in Søderhamn- Polstern, verstauten im Torsvig und stapelten im Billy.
Das Aufbauen stellte die jungen Zahnärzte vor keinerlei Probleme…
Die Praxis hätte eigentlich pünktlich zum Beginn des zweiten Quartals Anfang April starten sollen; daraus wurde nichts: Der alte Vorgänger war zwar gutwillig, verlangte nur moderaten „Abstand“ und hatte auch schon wegen „seines kaputten Dentistenrückens“, wie er es sarkastisch ausdrückte, vor Weihnachten sein Bohren eingestellt, damit den Nachfolgern genug Zeit für den Umbau bliebe. Er hatte aber die Tücken des nötigen neuen Mietvertrags völlig unterschätzt: Nicht nur, dass eine 91-jährige den „Nießbrauch“ für die Praxisetage innehatte und sich von ihrem ewig verreisten Sohn vertreten ließ, das restliche Haus und auch die Rechte an der Praxiswohnung nach dem Ableben der freundlichen Alten gehörten auch noch einer Erbengemeinschaft, die nur mit List und Tücke zu Unterschriften zu bewegen war: Da flossen dann einige Tausender, die nicht im Vertrag standen, und ein alter Junggeselle war erst nach etlichen Restaurantbesuchen mit viel Rotwein und bestem Cognac dazu bereit, nach „klugem“ Geschnacke und gönnerhafter Geste seine Paraphe unter den Vertrag zu setzen: „Wat mutt, dat mutt!“
Dann kamen die Probleme mit den Handwerkern, die jetzt, wo es aufs Frühjahr zuging, ja alle sooo viel zu tun hatten; überall mussten Eigenheime neu verputzt, Gartenzäune repariert und Dachstühle ausgeflickt werden; auch Elektro- und Klempnermeister kratzten sich bedenklich am Kinn und wälzten ihre dicken Auftragsbücher.
Nur das beauftragte Dentaldepot stand schon seit Monaten mit den bestellten Gerätschaften „Gewehr bei Fuß“ und begann allmählich damit, Lagerhaltungskosten anzudrohen, nur die Aussicht auf spätere gute Geschäfte ließ die Buchhalter dort noch eine Weile stillhalten.
Bezahlt waren die Sachen sowieso schon lange im Voraus, und die Zinsuhr für den 400.000 D-Mark-Kredit hatte längst zu ticken begonnen. Herbert bereute nun bitter, dass er sich das Geld für die Bauaufsicht hatte sparen wollen und jetzt die Handwerksmeister und Vorarbeiter fast auf den Knien anbetteln musste, Termine einzuhalten oder zu verschieben, ranzuklotzen oder sich in Geduld zu üben.
Der freundliche Vorgänger hatte in seinen letzten 25 Praxisjahren kaum noch etwas verändert: Außer den zahnärztlichen Handinstrumenten und einem bombastischen Büroschreibtisch musste fast die gesamte alte Einrichtung entsorgt werden, was weiteres Geld und Nerven kostete.
Am wichtigsten bei jeder Übernahme sei ohnehin der ideelle Wert, auch „goodwill“ genannt, hatte Britta und Herbert der smarte Vertreter der KZV belehrt. Das war auf einem halbtägigen Kursus der kassenzahnärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe gewesen, den sie zur Erlangung der Kassenzulassung verpflichtend hatten besuchen müssen. Es ging da besonders um das „Sozialgesetzbuch Ⅴ“, um Notdienst und Krankenscheine; von Krediten, Bürgschaften mit persönlicher Haftung und Praxisumbau, von nicht erscheinenden Handwerkern und störrischen Vermietern war keine Rede gewesen…
Als der alte Schrott entfernt war, stellte sich heraus, dass auch alle Rohre ausgewechselt werden mussten: Die Zuläufe waren aus ungesundem Blei, die Abläufe für moderne Dentaleinheiten zu dünn und die Heizungsrohre hässlich über Putz geführt.
Wo hatte beim Vorgänger eigentlich der Druckluft-Kompressor gestanden, ohne den keine Praxis auskommt? – Zum Rumpüstern mit der Luft-Wasser-Spritze und zum Betrieb des einprägend singende Geräusche verbreitenden Turbinenbohrers war er unerlässlich.
Der Alte hatte nur einen kleinen, völlig veralteten, schwachen Kompressor besessen, der in einer Ecke seines „moderneren“ Behandlungszimmers stand. Im anderen war er mit einem Edelstahl-Püster mit Gummibalg immer gut ausgekommen. Dort hatte ja auch der „Frisörstuhl“ mit der schönen antiken Einheit gestanden mit dem alten „Doriot-Gestänge“, das früher in jedem gezeichneten Zahnarztwitz zu bewundern war. Über den langen Transmissionsriemen hatte der Kollege immer mal wieder schnurrende Wattebäuschchen laufen lassen – zur Belustigung seiner Kinderpatienten…
Auch eine Absaugeinrichtung hatte es bei ihm nicht gegeben, wozu gab es schließlich Gaze-Tupfer oder die berühmte „Wasserstrahlpumpe“ für den suckelnden Speichelzieher?
Der Mensch vom Dentaldepot wusste Rat: Die „große Lösung“: „Fußboden aufreißen, Ab- und Zuflüsse neu, ebenso wie Leitungen für Absaug- und Druckluft sowie Heizungsrohre auf und absteigend - alles komplett bis in den Keller geführt, dann gibt´s auch keine überflüssigen Glucker-Geräusche in den Praxisräumen.“ Dann erzählte er noch die wahre Geschichte, die vor einigen Jahren in allen Zeitungen gestanden hätte, dass nämlich ein ziemlich alter Kollege seine sehr junge Auszubildende mit seltsamen Rülps- und Gurgelgeräuschen aus dem Speibecken zum Narren halten wollte, die er im Nachbarzimmer selber produzierte - über die alten „kommunizierenden Röhren“. Die Bildzeitung hätte einen halben Sommer lang über die „Spukgeschichte“ geschrieben.
Schon gut, sie waren ja zur „großen Lösung“ bereit. Das Problem war bloß, dass der Weg vom ersten Stock in den Keller mitten durch die Erdgeschosswohnung eines treuen älteren Mieters führte…
Der hatte tatsächlich noch Respekt vor dem jungen Doktor, nickte brummend und erbat sich nur eine neue Tapete aus über den ausgestemmten Rohrmulden.
Als dann vier Wochen später die schwere neue Behandlungsliege direkt über seinem Schlafzimmer aufgestellt wurde und die Handwerker eine Spätschicht einlegten, war er schon nicht mehr so gleichmütig: Das Bohren der dicken Dübellöcher im Fußboden der Praxis ließ bei Langes den Putz von der Decke rieseln – mitten aufs alte Ehebett, in das sie sich gerade zur Ruhe begeben hatten.
Drei Tage später zeigte sich an der Zimmerdecke ein gelblicher Fleck, der sich bedenklich auszubreiten begann, da war der Ofen erst mal aus…
Es musste sich wohl eine Schelle am Frischwasserzulauf für die Zahnarzteinheit gelockert haben, sowas konnte bei Neuinstallation natürlich mal passieren.
Trotzdem dauerte es etliche Wochen, bis Britta und Herbert wieder Frieden mit der biederen Familie Lange schließen konnten: Der Haftpflichtschaden wurde geregelt und das eheliche Schlafzimmer komplett renoviert.
Die Praxis-Großbaustelle hatte sich jetzt auch entwickelt: Der Fußboden war verlegt und jede Wand verputzt. Auch der große, handgearbeitete Wandschrank mit den zahllosen Schubladen war immerhin schon mal eingebaut für die vielen Karteikarten, die man zum Ordnen der Patientenmassen brauchen würde, die in Kürze anrollen müssten.
Alle Gerätschaften waren installiert und die letzten Designerlampen im stylischen Wartezimmer aufgehängt; am 21. April, dem Dienstag nach Ostern, konnte endlich die Eröffnung gefeiert werden.
Zur Feier des Tages kamen die Leute von der Dentalfirma, die Handwerker und natürlich die drei schon am 1. März eingestellten Zahnarzthelferinnen. Mit dickem Blumenstrauß war es Britta gelungen, sogar Familie Lange zum Erscheinen zu überreden, und die Studenten- WG aus dem 2. Stock war auch fast vollständig da und in Feststimmung. – Das junge Zahnarztpaar wollte gute Nachbarschaft demonstrieren.
Bei Sekt und Schnittchen wurde es fast schon gemütlich und mancher Handwerker lustig: „Wenn dat man good geiht“ feixte der Tischler mit dem Gas- und Wassermann, „de ganze Straat is doch full mit Tein-Klempners“.
Am Nachmittag kam auch der korrekte Herr von der Kreditabteilung der Apa-Bank vorbei und drückte Britta einen ziemlich schlichten Nelkenstrauß in die Hand. Sofort fiel ihr wieder ein, dass sie Einladungen des Herren, angesichts der mehrfachen Krediterhöhungen absichtlich „vergessen“ hatte. Herr Nielsen würdigte sie keines Blickes und drängelte sich zu Herbert durch: „Da müssen wir doch nochmal über Zinsen und Sicherheiten reden, wenn wir Ihren Betriebsmittelkredit auch noch verlängern sollen“ zischelte er mit wichtiger Miene.
„Ich glaube, wir machen erst mal einen Praxistermin aus“ antwortete Herbert geistesgegenwärtig, „ich höre schon, da besteht dringender Handlungsbedarf.“ Als er merkte, dass Herr Nielsen rot anlief und sich ein Taschentuch vor den Mund hielt, setzte er nach: „Über Eigenanteile lassen wir mit uns reden und – eine Hand wäscht doch die andere“, meinte er augenzwinkernd, ließ den verdutzten Bankmenschen stehen und wandte sich zwei jungen Zahntechnikern zu, die schon auf ihn gewartet hatten und jetzt freundlich die Gläser hoben, weil sie mit ihm möglichst bald ins Geschäft kommen wollten.
Als Schnittchen, Sekt und Säfte verzehrt und die letzten Gäste am späten Nachmittag gegangen waren, ließen sich Britta und Herbert erst einmal entspannt in ihre bequemste Zahnarztliege fallen. Doch bevor es richtig schmusig werden konnte, drückte Herbert den Knopf für „aufwärts“. „Ab jetzt geht unser Geschäft durch die Decke!“, frohlockte er und ließ den Stuhl wieder herunterfahren.
Zusammen gingen sie zum großen Rezeptionsschreibtisch und griffen nach dem Bestellbuch, das die unausgelasteten Helferinnen in den letzten drei Wochen mit Terminen hätten füllen sollen: Für den morgigen Mittwoch standen tatsächlich „schon“ zwei Leutchen drin, und Herbert dämmerte, dass es lange brauchen würde, bis mehr Menschen hier durchgelaufen sein würden als am heutigen Festtag da waren.
Am nächsten Morgen war dann „Jobsharing“ angesagt: Britta blieb vormittags zuhause und kümmerte sich um das Waschen und Aufhängen der „schwedischen“ Gardinen, Herbert fand sich um 9 Uhr in der Praxis ein.
Die erste Patientin saß schon auf der neuen Liege. „Machen Sie es sich doch bequem“ meinte Herbert, der eher die liegende Patientenposition gewohnt war.
Er hatte während seiner Assistenzzeit in Hannover in einer hochmodernen Innenstadtpraxis gearbeitet. Gleich zu Beginn hatte sein noch recht junger Chef ihn angewiesen, keine Diskussion über die Lagerung aufkommen zu lassen: Der Patient hatte flach zu liegen, den Mund zu öffnen und möglichst still zu halten. Auch ein Spuckbecken hatte es in jener Praxis nicht gegeben, dafür aber die perfekte Absaug-Assistentin. Und das wollte Herbert hier auch so.
„Wie geht bequem-machen, wenn ich mich nicht anlehnen darf?“ grinste Frau Hafter und entspannte sich nicht, bis der junge Zahnarzt widerwillig die Rückenlehne steiler anwinkelte. „Ihr Vorgänger hatte einen sehr bequemen Stuhl aus schwarzem Leder“ meinte die resolute Rentnerin, und Herbert dachte an das handverstellbare Monster mit Fuß-Ölpumpe für „hoch“ und „runter“. „Der ist verschrottet“, meinte er mit überlegener Miene, „völlig veraltet und unergonomisch.“ „Ergo – was?“ fragte die alte Dame und schwenkte unheildrohend einen größeren Plastikbeutel vor seiner Nase herum. Herbert zuckte mit den Achseln und bat sie, den Mund zu öffnen und die Zähne zu zeigen.
„Das tue ich doch schon die ganze Zeit“, meinte sie vergrätzt und leerte den Inhalt der Tüte auf die chromblitzend hygienische Fläche auf dem Behandlungsschwenktisch: acht mehr oder weniger saubere, trockene Vollprothesen klirrten darauf, vier für oben und vier für unten.
„Schleimhäute gut durchblutet, zahnlose Alveolarfortsätze leicht atrophiert, sonst ohne Befund“ diktierte Herbert sachlich seiner Helferin zum Eintrag in die Patientenkarte, um erst einmal seine Fassung wiederzufinden.
„Dann sind Sie ja bestens versorgt, liebe Frau…“ „Eben nicht, junger Mann“, meinte Frau Hafter und schob sich flugs ein Prothesenpaar ins Gesicht: „Das sind die für alle Tage, die sind hässlich abgekaut!“ „Nehmen Sie doch die anderen, die wirken deutlich schöner!“ „Ja, das sind die für sonntags, aber mit denen kann ich nichts essen – außer vielleicht Torte – die sind auch gar nicht von Ihrem netten Herrn Vorgänger…. Dann liegen da noch die viel zu großen – nehm ich nur, wenn die ersten drücken!“
„Und die letzten beiden, mit den ganz weißen Zähnen?“ stammelte Herbert zunehmend ratlos.
„Ja, die find ich persönlich am schönsten – aber die bring ich nicht rein – und nun kommst du! Ich brauche welche, die gut aussehen, fest saugen, nicht drücken – und möglichst für werktags und sonntags; außerdem hab ich kein Geld, bei ihrem Vorgänger war das umsonst.“
„Ich glaub, da gibt´s sowas wie ´ne Härtefallregelung“, murmelte Herbert verblüfft.
„Tun Sie mir bloß nich weh, ich bin eher zart besaitet“ meinte die energische Oma, schaufelte die Resultate aus vier Jahren zahnärztlicher Behandlung wieder in ihre Tüte und sperrte den Mund weit auf.
„Wir nehmen erstmal nur Vorabdrücke und stellen den Kassenantrag“ meinte Herbert mit leichtem Zweifel in der Stimme, „Sie bekommen dann einen Termin, wäre doch gelacht, wenn wir es nicht besser hinkriegen würden…“
„Sie machen das schon, junger Mann, is doch alles super modern hier“ meinte die 1. Patientin und stemmte sich ächzend aus der Liege. „Morgen wiederkommen?“
Angesichts des ziemlich leeren Bestellbuchs hatte Herbert auch schon daran gedacht, doch dann siegte die Vernunft: „Nie den Zahnersatz ohne genehmigten Antrag anfangen“, hatte der KZV- Mensch damals doch gesagt und den Satz auf dem Flip-Chart dreimal unterstrichen. „Lieber in zwei Wochen, wir warten besser den Kassenantrag ab…“
Jetzt also nur schnell noch zwei Alginat-Abdrücke nehmen, das beherrschte er natürlich aus dem FF. Die Helferin beherrschte es im Prinzip auch, also das Anrühren; er hatte sie vom verehrten Vorgänger übernommen, seit Weihnachten war sie allerdings etwas außer Übung. Außerdem wunderte sie sich, dass das Alginat in seiner Praxis jetzt grün aussah, nicht mehr rosa wie sie es von früher her kannte. Daher geriet die Mischung aus Pulver und Wasser etwas dünn, aber fest wird das Zeug ja irgendwann trotzdem… Also schnell die Paste in den Abdrucklöffel geklatscht, der dem Doktor mit unschuldigem Blick hingehalten wurde. Elegant drehte der das Ganze auf den dargebotenen Oberkiefer der Patientin. Beim Hochdrücken kleckerte die Hälfte der weichen Masse herunter, und Frau Hafter würgte. „Jetzt gaaanz ruhig bleiben und durch die Nase atmen“, spulte der Behandler routiniert ab, während die alte Dame mit den Füßen zu strampeln begann. Siedend heiß fiel ihm jetzt ein, was sein erster Chef ihm beigebracht hatte: „Immer mit dem harmloseren Unterkiefer-Abdruck beginnen, besonders bei KFO-Kindern und aufgeregten Alten, sonst können Sie den zweiten Löffel glatt vergessen.“ Wie wahr!, aber die Helferin hatte ihm doch ungefragt gleich den OK gereicht…