Kitabı oku: «Es ist nie zu spät...», sayfa 4

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Mit Herberts Hilfe bekam auch sie vier Wochen vor Semesterende ihren Phantomkursschein, und sie konnten in vollen Zügen das Freibadwetter und ihre aufkeimende Liebe genießen…

In den Ferien allerdings wollte sie mit den Eltern eine Kreuzfahrt unternehmen und sich dann in Hamburg wieder intensiver dem Rappen widmen.

Im Oktober würde es endlich an die Patienten gehen, gut dass sie einen geschickten Partner hatte…

Im 1. Kurs der konservierenden Zahnheilkunde dauerte eine Füllung furchtbar lange. Auf jeder Seite des Kurssaals gab es circa zehn Behandlungseinheiten in Reihe mit halbhohen Zwischenwänden, auf denen gelbe Lämpchen installiert waren. Das war das Rufzeichen für den Assistenten und wurde anfangs gleich zuhauf angeknipst, weil er die erste Anästhesie geben sollte, damit die Studenten loslegen konnten. Das konnte dauern. Wenn die Spritze wirkte, ging die Lampe wieder an, weil ein Assi den betreffenden Zahn mit der Turbine aufziehen musste. Das durften sie selbst erst nach einem entsprechenden Testat…

Dann erst fing man an zu „bohren“. Mit langsam laufendem Rosenbohrer ging es der Karies zuleibe. Immerhin waren die altertümlichen „Doriot-Gestänge“ vor kurzem durch moderne „Mikromotoren“ ersetzt worden.

Dann wieder: Lämpchen an! und zehn Minuten auf den Assi warten, der das Testat „Karies entfernt“ im Kursheft abzeichnen sollte, aber natürlich noch eine versteckte braune Stelle erspähte und „weiterbohren!“ befahl.

Die Zweierteams wechselten an jedem Kurstag die Rollen: „Behandler“ und „Helferin“.

In den Wartezeiten galt es natürlich, die Patienten bei Laune zu halten oder deren schwäbische Geschichten mit schrecklichen Zahnarzterfahrungen anzuhören. Wenn das Loch endlich als sauber beurteilt wurde, durfte die Unterfüllung mit Phosphatzement gelegt werden, den „die Helferin“ auf kühler Glasplatte angespachtelt hatte, während die angehende Zahnärztin mit pausenlosem Watterollenwechsel beschäftigt war. – Wieder Testat und anschließendes Abdecken der Kavität mit warm-plastischer Guttapercha: „Vorsicht, nicht den Mund mit heißem Heidemannspatel verbrühen!“

Nach zwei Stunden Kurszeit den Termin für nächste Woche vergeben; ob die Patienten wohl wiederkämen? Wenn nicht, wären die nächsten zwei Stunden verplempert, es sei denn, ein Assistent würde ihnen einen neuen „Schmerzpatienten“ weiterleiten.

Säumige rief man schweren Herzens an oder klingelte sogar an ihrer Haustür, um sie mit Engelszungen zum Durchhalten zu bewegen, schließlich ginge es ja um ihre Zähne, deren Prognose ansonsten fraglich wäre.

In Wirklichkeit fürchtete natürlich jeder eher eine „infauste“ Prognose für den Kons1-Schein der Zahnerhaltungskunde, denn ohne Endtestat des Oberarztes über die fertiggestellte und polierte Füllung würden die Vortestate wenig nützen…

Wenn´s aber gut lief, wurde der Zahn beim nächsten Mal mit Kohlensäureschnee als „vital“ getestet, die Guttapercha rausgebrokelt und eine tofflemire Matritze angeschlungen.

Auch deren perfekter Sitz, gegebenenfalls mit Holzkeilchen optimiert, musste testiert werden. Dann wurden drei Portionen Silber-Amalgam angerüttelt und das „Schneeballknirschen“ desselben geprüft. Die „Helferin“ stukte es in die „Amalgampistole“, und der oder die Behandler(in) zirkelte die graue Masse Portion für Portion in die Kavität und „kondensierte“ immer wieder mittels Kugelstopfer.

Zwischendurch: pausenloses Wechseln der – besonders von ängstlichen Patienten ständig durchgespeichelten - Watteröllchen.

Wenn alles gut ging und die dreiflächige Füllung nicht beim ersten, „vo-o-orsichtigen“ Zubeißen des Patienten zerbrach, folgten endlose Okklusionskontrollen mit blauem Färbefilz und das modellierende Ausarbeiten, „carving“ genannt.

„Eine Stunde gar nicht draufbeißen und einen ganzen Tag nur sehr behutsam“ wurde angeordnet und dem Patienten die absolute Notwendigkeit der Politur in den nächsten Tagen eingeschärft.

Komplizierter wurde es noch, wenn die bisher noch easy ausführbare „Caries profunda“- Behandlung nach Abtragen der letzten dünnen Kariesscholle ein Blutströpfchen erkennen ließ: Die Pulpa war „geknackt“, und obligatorisch musste die gefürchtete, steril gehaltene „Endodontiebox“ ausgepackt werden. Hektisch wurden auch Röntgenbilder herausgesucht oder neu angefertigt und mit zitternder Hand die Anästhesie aufgestockt. Manchmal kam jetzt allerdings stattdessen wegen Zeitmangels die bewährte Cortisonpaste „Ledermix“ zur Anwendung und wurde auf die unheimlich tiefe Stelle im Abgrund der Kavität gegeben, mit Watte abgedeckt und schnell mit Cavit zugeschmiert.

Ob jetzt der Patient wiederkäme, stand wirklich in den Sternen: Schließlich folgte eine verzögert einsetzende Schmerzentwicklung einer statistischen Wahrscheinlichkeit…

Eine Wurzelbehandlung war jetzt unerlässlich und erforderte die „absolute Trockenlegung“ unter Kofferdam. Mit diesem rigiden Spanngummi stand fast jeder Student (und Zahnarzt) auf dem Kriegsfuß. Allzu leicht machte man einen Fehler beim Ausstanzen des Löchleins, durch das der Zahn gesteckt werden sollte oder beim Überstreifen der womöglich abspringenden Kofferdamklammer. Das übersichtliche Eröffnen der Pulpenkammer und besonders das Aufbereiten der Wurzelkanäle war selbst für den versierten Praktiker immer wieder eine Herausforderung, für den Anfänger fast unmöglich. Immer wieder kam es zu Brüchen der Kanalinstrumente und zum betretenen Abgeben des Patienten an einen manchmal auch überforderten Assistenten, der einen „zum Dank“ womöglich beim Professor anschwärzte.

Es gab aber natürlich auch freundliche und zugewandte Assis, die mit langer Mähne wie ein Kommilitone auftraten und sich studentisches Mitgefühl bewahrt hatten.

Ein Semesterkollege berichtete, er sei für 2,50 Mark zum Haareschneiden im „Studentenkurs“ der Frisörlehrlinge gewesen. Die beiden gingen bei nächster Gelegenheit hin und feixten wegen der offensichtlichen Ähnlichkeit des Ambientes, wo die Jungen ihr Glück an Freiwilligen versuchen mussten und von ihren Handwerks-Assistenten kontrolliert bis schikaniert wurden.

Schikanös fanden manche auch die ersten Kurse in der Kieferorthopädie, wo die einzige Professorin der Zahnklinik präsidierte.

Sie ließ die Kandidaten verschiedenartig mäandrierende Schlangen aus federhartem Stahldraht biegen und prüfte die 30 cm langen Gebilde mit spitzem Zeigefinger, ob sie auf Druck ruhig auf dem Tisch liegen blieben: Falls nicht, durften sie umgehend wiederholt werden; sie knipste sie durch mit der Schneidezange und wischte sie in den Müll – was wenigstens zwei bis drei Stunden Mehrarbeit bedeutete.

7.

Stresserfahren war man also, wenn man in Tübingen das Examen glücklich absolviert hatte und so machte sich Herbert keinen Kopf, als am kommenden Montag Herr Meier wieder auf der Matte stand: Die vollverblendete Keramikkrone wurde eingepasst und erforderte nur wenige Handgriffe des Einschleifens, das lief sonst nicht immer so glatt.

„Passt, wackelt und hat Luft“, hatte der lustige Prothetikprofessor immer gesagt. Schnell war die Krone eingesetzt und der Zementrest entfernt: „Zubeißen bitte – und fertig!“

Vorn am Rezeptionstresen überreichte die Helferin feierlich den „Liebesbrief“. Der biedere Meier beabsichtigte Barzahlung, griff zum Portemonnaie und nestelte einen Hunderter heraus, um gleich darauf den Umschlag mit der Rechnung zu öffnen. Als er die Summe von 360 D-Mark erkannte, fragte er die freundliche Assistentin wie sich der Betrag zusammensetzte, was davon Kassenleistung und was Eigenanteil sei. „Das hat schon alles seine Richtigkeit so“, meinte sie, die 360,- seien ja der Eigenanteil, für solch eine Luxuskrone ein wahres Schnäppchen.

Herr Meier wurde erst blass und lief dann rot an: „Luxus“ war für ihn ein echtes Reizwort! Als ehemaliger Verwaltungsangestellter hatte er sich Heil- und Kostenplan und Kassenanschreiben durchaus genauer angesehen und die circa 85 Mark Eigenanteil für die „wirtschaftliche, ausreichende und zweckmäßige Maßnahme“ penibel registriert.

Herbert hörte aus dem Behandlungszimmer das Crescendo der Diskussion und hoffte noch, die Überzeugungskraft seiner versiertesten Mitarbeiterin würde ihre Wirkung nicht verfehlen, da stand sie schon in der Tür: „Herr Doktor – da wird ein Patient ausfallend“. Von Unverschämtheit, Geldschneiderei und sogar „dusseliger Kuh“ sei die Rede gewesen.

Da Herbert zum Examen auch ein Büchlein über medizinische Psychologie durchgeblättert hatte, war ihm der Begriff der Deeskalation und des „Spiegelns nach Prof. Rogers“ in Erinnerung geblieben: „Sie fühlen sich also ungerecht behandelt“, sprach er sein Gegenüber mit bebender Stimme an, das gerade im Begriff war wie früher das Zigaretten-Männchen aus der Fernsehwerbung „in die Luft zu gehen“. Was heißt hier ungerecht? – betrogen fühle ich mich“, keuchte Herr Meier:“ 85 Mark und keinen Pfennig mehr werde ich zahlen!“

„Aber wir haben doch eindeutig über die Mehrleistungen gesprochen“, stammelte Herbert, dem schon schwante, dass er mit seinen unter dem Mundschutz hervor genuschelten Bemerkungen zu dem auf der Liege „ausgelieferten“ Patienten rechtlich auf glattem Parkett stehen würde. „Na gut“, räumte er um des lieben Friedens willen ein, „war wohl ein Missverständnis, nichts für ungut und auf Wiedersehen.“

Herr Meier knallte jetzt seine genau abgezählten 85 D-Mark auf den Tresen, schnaubte: „Auf Nimmerwiedersehen!“, und knallte die Praxistür von außen zu.

Nach Abzug der ziemlich teuren Laborleistung, die Herbert dem Zahntechniker würde zahlen müssen, war sein Umsatz für die aufwändige Behandlung – inklusive Kassenleistung - damit auf knapp 50,- zusammengeschnurrt: Irgendetwas machte er wohl falsch, dachte er sich…

Zudem hatte sich Herr Nielsen von seiner Hausbank angekündigt, er hatte tatsächlich einen Behandlungstermin gebucht, aber wahrscheinlich würde es auch um die leidige Verlängerung des Betriebsmittelkredits gehen, ohne die müssten sie die Praxis in zwei Wochen schließen!

Am übernächsten Tag war es soweit: Der Patient setzte sich schwitzend in den Behandlungsstuhl. Sein Zischeln war wieder sehr deutlich, und der „erfahrene“ Herbert dachte natürlich gleich an „insuffizienten Zahnersatz“, dessen Ersatz lukrative Abrechnungsmöglichkeiten eröffnen würde. Mittlerweise kannte er das Phänomen, dass ängstliche Patienten sich nicht zurückzulehnen trauten, manche ließen sogar die Füße neben der Liege stehen und waren selbst mit dem Versprechen, dass heute nur berührungsfrei „nachgeguckt“ werden würde, kaum zum Flachlegen zu bewegen.

Ganz so phobisch verhielt sich dieser Nielsen zwar nicht, er zog aber beim Platznehmen eine dicke Aktentasche auf seinen Schoß und nestelte zwei Papiere heraus: „Neue Konditionen für Betriebsmittelkredit“ stand über dem einen, „Unterschriftsblatt betreffs Zinsanpassung“ auf dem anderen. Herbert blieb keine Wahl: Der Kredit wurde um ein halbes Jahr prolongiert, der Zins stieg von 6 auf 7 ½ Prozent.

Als Herr Nielsen endlich den Mund zur Befunderstellung weit öffnete, atmete Herbert tief durch: Hier kam echter Behandlungsbedarf auf ihn zu! – Jetzt nur keinen Fehler machen! Erstmal wurde ein aussagefähiger Röntgenstatus erstellt, dann ein penibel genauer Befund erhoben. Dass die bisherigen Teilprothesen nicht mehr lange zu halten waren, erschien völlig klar, die Klammerzähne waren extrem gelockert und müssten wohl extrahiert werden. Also war neben dem allgemeinen und dem Karies-Befund auf jeden Fall auch der Parodontal-Status zu erheben!

Die ganze Diagnostik dauerte jedenfalls eine Dreiviertelstunde, die wirtschaftliche Aufklärung über den Zahnersatz- Plan mit ausführlicher Erwähnung möglicher kostensteigernder Komfortalternativen zur Grundversorgung noch einmal so lange. Gute Kommunikation brauchte eben Zeit – der Patient konnte entscheiden!

Die beste Variante sollte um die 25.000 D-Mark kosten, Herrn Nielsen ein Kauen „wie in jungen Jahren“ ermöglichen und der Praxis schon mal eine etwas rosigere Zukunft verheißen…

Der Patient wurde mit den notwendigen Unterlagen für seine Krankenkasse und der Zusatzversicherung entlassen, nicht ohne ihm die allersanfteste Behandlung in die Hand zu versprechen. Herbert sprach aber nicht aus, was ihm in der letzten Stunde immer klarer geworden war: Das würde ein längerer und für beide Seiten nicht wenig anstrengender Weg werden…

Die Ernüchterung ließ nicht lange auf sich warten: Nielsen rief in der darauffolgenden Woche an und verlangte die Röntgenaufnahmen, um eine „zweite Meinung“ einzuholen; den würden sie wohl so bald nicht wiedersehen, zumindest nicht als Zahnarztpatient!

Nur gut, dass Britta unauffällig und solide arbeitete, merkwürdigerweise erzählte sie gar nicht so viel von ihren Behandlungen wie Herbert von seinen. Sie hatte wohl weniger Stress – oder zu ihr kamen die vernünftigeren Patienten!

Andererseits sagten die Kollegen vom Zahnärzteverein gern: „Jeder bekommt die Patienten, die er verdient…“

Unbestritten aber brauchten sie ein paar zahlungskräftige Privatpatienten, damit es mit dem Betriebsmittelkredit ein gutes Ende nähme.

Für Herbert hatte sich jetzt ein Herr Huber, Franz angemeldet, er kam zum ersten Mal in ihre Praxis und war auch nie beim Vorgänger gewesen:

Eine gut gekleidete, geradezu elegante Erscheinung trat an den Rezeptionstresen. „Ma´ hört ja nur a Guates über die zwei neuen Doktoren hier bei Ehana“, sagte er mit sonorer Stimme und leicht bayrischem Tonfall. Mit seiner charmanten Art und einer mit Augenzwinkern herübergeschobenen Schachtel „Mon Cherie“ hatte er die Helferinnen gleich für sich eingenommen. Gut, er hatte diese versnobte Goldrandbrille auf der Nase mit leicht getönten und ziemlich verspiegelten Gläsern, aber die würde er ja für die Behandlung sowieso abnehmen müssen; bestimmt hatte er sympathisch braune Augen…

Dann war da aber noch ein leicht befremdlicher Umstand: Der Patient brachte einen Hund mit, einen jungen Golden Retriever, der zugegebenermaßen ein Prachtkerl war wie auf der Hundefutter- Reklame, hübsch, gut gepflegt und gut erzogen. „Fand leider keinen Sitter für ihn“, meinte der Halter entschuldigend, „der bleibt aber im Wartezimmer ganz friedlich, solange er mich nicht schreien hört“, lachte er und zwinkerte den Damen zu, „ein Scherz, nicht wahr?“

„Ihr könnt´s ihn freilich auch für a halbes Stündchen ausführ´n“, meinte er dann und winkte fröhlich mit einem 20er in Richtung der jungen Auszubildenden. Die errötete leicht und piepste: „Warum nicht, wenn´s der Chef erlaubt?“

Herbert erlaubte, zugunsten der Praxishygiene und anderer Patienten, die sich vielleicht gleich noch her verirren könnten.

Der wie sein Haushund gut frisierte Huber nahm im Behandlungszimmer Platz und seine goldumrandete Pilotenbrille herunter: Er hatte blaue Augen, wirklich ein freundlicher Herr, Mitte 40 und mit einem einnehmenden Wesen. Bevor er das markante Kinn fallen ließ und die Zähne zeigte, gab er noch zum Besten: „I bin privat versichert und Selbstzahler, bei mi kannst´ alles machen, Dokterchen, was gut und teuer is´, zahle alles bar. – Bloß schee muaß es sei´, gell?“

Herbert räusperte sich: „Ja, da ließe sich wohl einiges tun… Erst mal den Befund erheben und röntgen… Amalgam kommt natürlich alles heraus, ist zwar bei Ihnen einigermaßen stabil und wirkt randdicht, aber alles voller Quecksilber, ein Nervengift, Sie verstehn?“

Herr Huber wusste Bescheid, er hatte alles Wichtige dazu in seiner Bilderzeitung gelesen. Aber war nicht auch im renommierten „Spiegelblatt“ dazu Wesentliches beigetragen worden? Man war ja schließlich nicht auf den Kopf gefallen…

„Oh“, dachte Herbert, „dann also mit allen Schikanen.“ Sein Dentaldepot hatte ihm doch gerade letzte Woche ein Angebot gemacht, das hochaktuelle Naturresonanzen- Gerät kostenlos zu testen. „Bei den immer zahlreicher werdenden achtsamen und zahlungskräftigen Patienten sollte es sich schnell amortisieren“, hatte es im Werbe-Flyer geheißen, und, dass es neu „nur“ 15.000 Mark kosten würde.

Herbert war zwar von der Anti-Amalgam-Kampagne nicht voll überzeugt, schließlich hatten sie das am besten wissenschaftlich untersuchte Material in der Zahnmedizin in Studium und Assistentenzeit immer häufig und gerne verwendet. Immer noch galt es, gerade auch für die Krankenkassen, als Standardversorgung. Es ließ sich solide verarbeiten und hielt häufig „ewig“ lange. Letzteres Argument fand er aber in seiner jetzigen Situation gar nicht mehr so überzeugend…

Andererseits boten ja sogar etliche Zahnärztekammern in letzter Zeit Fortbildungen an, die mehr Esoterik als Wissenschaft zu vermitteln schienen, man musste sich also bei so einem Geräteeinsatz nicht schämen und befand sich dabei in bester Gesellschaft.

Herr Huber war sofort vom angepriesenen Vorgehen überzeugt: Ganzheitlich-biologische Diagnostik mittels des spacigen Gerätes, etappenweise Entfernung des üblen Amalgam-Giftes, sodann homöopathische Ausleitung mittels Berberis- und Mercurius solubilis- Globuli in D12-Potenzierung!

Immer wieder würde Herbert Nachmessungen und hochfrequente Therapieeinheiten mit dem teuren Gerät folgen lassen, in dessen hochwissenschaftlich verfassten verquasten Beschreibungen er etwas von „Erreichen höherer Quantenniveaus in der biologischen Resistenz des heute zunehmend gestressten Individuums“ gelesen hatte.

Da solcherart innovative Behandlung natürlich nicht in der validen Gebührenordnung von 1988 enthalten sein konnte, eröffneten sich Wege zu „Analogberechnungen“ mit Phantasiepreisen in traumhaften Höhen…

Als definitive Versorgung schwebten Herbert aufwändige Keramikinlays und –teilkronen vor, im Frontzahngebiet vollkeramische Kronen, respektive die neuerdings „Veneers“ genannten Porzellanschalen für den ästhetisch anspruchsvollen Patienten, für den das Beste gerade gut genug war. - Alles natürlich mit dualem – das hieß licht- und chemisch härtendem- Kunststoff- Zement adhäsiv verklebt, was der Haltbarkeit und der Höhe des Honorars zugutekommen würde.

Der junge Zahnarzt strahlte jetzt wieder Zuversicht aus: Wenn dieser Patient fertig saniert wäre, würde er am liebsten die Zahnarztpraxis umbenennen in „Spitzen- Institut für ganzheitlich-orale Gesundheit Fördewelle“, das sollte wohl auch Britta gefallen.

Jetzt wollte er schleunigst noch die leidige Finanzierungsfrage mit Herrn Huber besprechen. Nach den unguten Erfahrungen hatte er die Klärung dieser wichtigen Dinge zur Chefsache erkoren und begann alsbald, Herrn Huber über die Vorteile und fast zu vernachlässigenden Risiken der geplanten Maßnahmen zu informieren und – en passant – auch auf die geschätzten Gesamtkosten von 27.000 D-Mark hinzuweisen; ein detaillierter Heil- und Kostenplan würde folgen.

„Nullo Problemo, Dokterchen, i woiß scho´ wie´s G´schäft läuft“, meinte Huber grinsend: „Nächstes Moal bring i dir fünf Riesen als a-Konto- Zahlung mit, dann koanst beruhigt anfangen, is scho recht…“

Herbert nickte hocherfreut, dass Huber mit den „Riesen“ keine Hunderter meinte, verstand sich ja wohl von selbst, dafür sprach auch der weiße Porsche – Targa, der vor der Praxis im Halteverbot parkte. Frohgemut wurde der erste Behandlungstermin ausgemacht. Jetzt erschien auch schon die „Azubine“ mit dem Retriever nach ihrem ausgedehnten Spaziergang im Schrevenpark, Huber übernahm nonchalant die Leine und brauste kurz darauf samt Luxushund im Luxusauto davon.

Tatsächlich kam er einige Tage später mit den 5000 zum Termin und ließ sich die ersten Amalgamfüllungen nach der Natur-Resonanzenmessung und –behandlung ausbohren, natürlich vorschriftsmäßig unter Kofferdam- Gummi und mit ständiger Absaugung. Den Golden Retriever hatte er jetzt zuhause gelassen und erwies sich auch sonst als angenehmer Patient und Zeitgenosse.

Jedenfalls stimmte die Chemie zwischen Arzt und Patient, und so nahm das anspruchsvolle Werk tatsächlich in wenigen Wochen Gestalt an: eine optimal sitzende, vermessene keramische Seitenzahnversorgung und super ästhetische Veneers und Kronen in der Oberkiefer- Front, dazu eine Amalgamausleitung nach allen Regeln der „ganzheitlichen“ alternativ- zahnärztlichen Kunst.

Auch der Zahlungsfluss lief bis zur Gesamthöhe von 27.000 Mark einwandfrei: sukzessive nach Behandlungsfortschritt und meistens in bar – und großteils „steuerfrei“! Man wolle doch nicht die Falschen mästen, bemerkte Huber mit vielsagendem Blick.

Herbert konnte der Versuchung nicht widerstehen, sein eigentlich auf Raten erstandenes rotes Golf-Cabriolet auf einen Rutsch zu bezahlen. Von der Steuer hatte er es ohnehin nicht absetzen dürfen, dann ginge das Finanzamt doch wohl auch nichts an, dass er ein „bisschen“ Geld nicht ausschließlich über das Kassenbuch vereinnahmt hatte…

Der gute Huber bedankte sich für die „super Behandlung“ dann auch noch mit einer Einladung in sein Unternehmen. Herbert sollte einmal sehen, wo sein gutes Geld herkäme: Huber war Chef und Mehrheitseigner eines landesweit bekannten hiesigen Glücksspielhauses. Er hatte Herbert mit Britta zu einem Gala-Abend eingeladen, anlässlich der Wiedereröffnung nach großzügiger Renovierung. Eine Hamburger Chanson-Sängerin sollte auftreten, anschließend würden die Gäste natürlich auch die Möglichkeit haben, an den Roulette- und Black-Jack-Tischen Platz zu nehmen und ein Spielchen zu wagen. Für Herbert hatte der großzügige neue Freund sogar eine Tüte mit Jetons hinterlegt – im Wert von immerhin 250 D-Mark. Da wollten sie auf jeden Fall hingehen.

Im mit gedämpftem Licht dezent ausgeleuchteten Spielsaal herrschte eine fast mondän zu nennende Atmosphäre: Huber und seine Leute hatten es geschafft, das neu gestaltete Etablissement so mit gediegener Einrichtung und geschmackvollen Accessoires auszustatten, dass alles einen vornehmen Hauch von Luxus ausstrahlte, ohne dass die Grenze zum Schwülstig-talmihaften überschritten wurde: Nichts sollte auch nur im Entferntesten eine Verbindung zum nicht weit ab gelegenen Rotlicht- Viertel vermuten lassen.

Noch waren die großen ovalen Tische für das American Roulette, das Black-Jack und das Französische Roulette mit grünem Tuch abgedeckt, als ein smarter Ansager im cremefarbenen Diner-Jackett den Star des Abends ankündigte: Gabriella aus Hamburg, die auch schon im Mitternachts-Special des NDR aufgetreten war und mit ihrer rauchigen, eindringlichen Stimme ihr Publikum in den Bann schlug. Elegant bewegte sie sich im lang geschlitzten, fast knöchellangen Etui-Kleid über den weichen roten Flor auf der überschaubaren, leicht erhöhten Bühnenfläche.

Mit den Plakaten und der geschickt in Zeitung und Kino platzierten Werbung für dieses Programm in dem luxuriösen, nur ganz leicht verruchten Ambiente hatte Huber ins Schwarze getroffen: Eine bunte Gesellschaft aus fast allen gesellschaftlichen Kreisen hatte sich eingefunden, nicht nur die bekannten, extrovertierten Gesichter der Provinz-Schickeria, sondern auch Vertreter der Prominenz aus Rathaus und Landespolitik quer durch alle Parteien, Interessierte aus Verbänden und Vereinen und jede Menge „Normalos“.

Dass dabei die Menschen aus den betuchteren Stadtteilen des Kieler Westufers deutlich überrepräsentiert erschienen waren, störte die Macher überhaupt nicht. Schließlich war das ja auch in den hochsubventionierten Musentempeln für Drama und Musiktheater der immer eher links-regierten Landeshauptstadt so. Auf die dickeren Geldbörsen hatte man es ja schließlich abgesehen, sollten sich doch die anderen nach der Show gerne ins Untergeschoss zu den Slot-Automaten und „einarmigen Banditen“ verkrümeln…

Als sich dann gegen 22 Uhr die Chansonnette nach begeistertem Schlussapplaus in ihre Garderobe zurückgezogen hatte, kam man zum eigentlichen Kern und Sinn des Galaabends. Allerdings hatten sich jetzt auch die wirklich hochrangigen Leute, vielleicht um kompromittierende Fotos zu vermeiden, diskret zurückgezogen. Sie hatten wohl eigentlich nur einem wahrscheinlich beachtlichen neuen Steuerzahler die Ehre geben wollen, ihm aber damit zum schon vorhandenen Glamour den Anstrich biederer Seriosität hinzugefügt.

Alles verlief wie geplant: Die Glücksspieltische wurden aufgedeckt, und der Conférencier säuselte ein paar abgedroschene Worte vom Glück im Spiel und in der Liebe und dass der wahre Kenner von beidem genießen müsse.

Alkoholische Genüsse hatte es schon reichlich gegeben: Im Untergeschoss schäumte das Freibier aus dem Fass und hier oben gab´s Schampus bis zum Abwinken. Das lockerte die Zunge der Plaudernden und stärkte die Risikobereitschaft fürs Große Spiel.

Mit witzigen Pointen wurden jetzt die Spielvarianten erklärt, nicht ohne zu erwähnen, dass es bedauerlicherweise wohl ein paar spielsüchtige Zeitgenossen gebe, aber welcher Genuss berge nicht auch abgründige Seiten, die aber normal vernunftbegabte Menschen eigentlich niemals beträfen, denn wie immer im Leben mache die Dosis das Gift und es käme darauf an, das rechte Maß zu finden und einzuhalten.

Am besten würde man sich ein Limit setzen von ein paar hundert Mark, deren Verlust noch leicht zu verkraften wäre. Und wenn es gut lief, vielleicht eines von tausend Mark, nach dessen Gewinn man sich zufrieden vom Tisch erheben und nach Hause gehen könne: Alles nur eine Frage von ein bisschen Willensstärke. Das wäre auch für die Bank die beste Variante, damit sie nicht unberechenbare Glückssträhnen einzelner Glückspilze auszuhalten hätte, der Confériencier kicherte.

„Eine typische win-win-Situation eben!“ Das letzte Bonmot hatte Huber selbst beigesteuert, der damit die „Spiele für eröffnet“ erklärte und im Schlenderschritt auf Britta und Herbert zukam, nonchalant das Champagnerglas in der linken Hand schwenkend.

Die beiden waren gerade im Gespräch mit einem Patienten-Ehepaar, das über ihre Erfahrungen mit den Weisheitszähnen zu erzählen begonnen hatte. Herbert kannte solche Situationen aus der Kleinstadt, wo er auch mal Assistent gewesen war; eigentlich hasste er sowas und hatte gehofft, die Großstadt würde sie davor bewahren.

„Super-Doktoren, die beiden“, dröhnte Herr Huber dazwischen, als er zu der Gruppe stieß: „Darf ich sie Ihnen kurz entführen?“ Und er lud die beiden ein, ihm ein paar Schritte zu folgen und am nächsten „Roulette-Table“ Platz zu nehmen.

Eigentlich waren sie jetzt ganz dankbar dafür, von den beiden Wissbegierigen weg zu kommen. „Nun mal ran ans ganz große Glück!“ meinte ihr Gastgeber: „Mit einem Freiguthaben könnt ihr ja gar nicht verlieren. Entschuldigt das Duzen, das ist meine bayrische Art“.

Damit hatte er natürlich Recht…; solange man sich nicht dazu verführen ließ, nach dem Verlust der 250 Mark, neue Jetons zu ordern.

Dazu kam es aber gar nicht: Herbert hatte sich eine kluge Taktik zurechtgelegt, er würde nur „rot“ oder „schwarz“, respektive „pair“ oder „impair“ spielen, eine reelle 50%- Chance also, wenn man von der sehr unwahrscheinlichen Zero-Null einmal absah.

Er setzte also in ihrer ersten Runde die ganzen 250 Mark auf „rot“ und war sicher, genug Willenskraft zu besitzen, bei einem Verlust sofort aufzuhören und zusammen mit Britta zu gehen.

Dann hätten sie eben einen amüsanten Gratis-Chanson- und Champagnerabend genossen. - Aber sie gewannen! Und verfügten damit über 500 D-Mark als Spielgeld. Jetzt bloß nicht alles riskieren, sondern nur eine Hälfte des halben Tausenders auf „ungerade“ gesetzt – und wieder gewonnen! Die nächsten 250,- gingen zwar verloren und man war wieder bei 500, aber die beiden nächsten 250 Mark-Einsätze gewannen wieder: Sie waren bei 1000 D-Mark angekommen, bedankten sich überschwänglich beim generösen Huber und schritten in gehobener Stimmung zum Kassenschalter, um ihren Tausender in Empfang zu nehmen. Ein Tausend-Mark-Schein mit dem Abbild der Märchen-Brüder Grimm, gewonnen mit einem intelligenten System zweier willensstarker Menschen, das erschien den beiden wirklich wie im Märchen.

„Wiedersehen macht Freude!“ rief ihnen der freundliche Herr Huber nach, als sie die Spielsaal-Treppe beschwingt hinuntersprangen, um noch einen Absacker in der nahen Kieler Altstadt zu genießen, das Einzige, was sie an diesem Abend bezahlen würden…

Dann bestiegen sie den Bus Nummer 42 in Richtung Blücherplatz, wo sie zu ihrer kieferholzmöblierten Wohnung strebten und den Fernseher im Wohnzimmer einschalteten. Es gab also auch hier ein Leben jenseits ihrer bürgerlichen Biederkeit. Jetzt bloß nicht übermütig werden!

Sie hatten den „Tatort“ von 20 Uhr 15 mit ihrem neuen VHS-Videorecorder aufgezeichnet, Manfred Krug als Kommissar Stöver aus Hamburg. Morgen würde wieder ein aufreibender Tag in der Praxis auf sie warten¸ vielleicht könnten sie ja in 14 Tagen wieder einmal in der Huber-Welt vorbeischauen…

Aber erst einmal begann Ende Juni der Ausnahmezustand der „Kieler Woche“, die sie in ihren Bann zog. Erstaunlich, wie die Stadt jetzt aus ihrem Dornröschenschlaf des übrigen Jahres zu erwachen schien: das maritime Flair rund um die Kieler Förde, die Pulks weißer Segel in Schilksee, die zu den Regattafeldern strebten, die gute Laune, die die Musikgruppen und die Straßenkünstler auf den Plätzen der Stadt verbreiteten und die ausgelassene Stimmung der Menschenmassen, die an den unzähligen Event- und Bewirtungsbuden entlang der Kiellinie entlang flanierten, dazu die vielen lachenden Kinder, die sich bei kostenlosen Spielen auf der „Spiellinie“ tummelten: Ein solches Volksfest hatten sie in der sonst so kühlen Stadt im Norden nicht erwartet und sie ließen sich von der Atmosphäre der Festwoche mitreißen.


Kurz darauf wurde es schnell wieder ruhiger in der Stadt. Mit der anbrechenden Zeit der Schulferien fuhren viele Kieler in den Urlaub, vier Wochen später taten es ihnen die Studenten gleich, die auch einen guten Teil der Patienten gestellt hatten.

So wurde es merklich leerer in der Praxis, der „horror vacui“ des dritten Jahresquartals hatte begonnen. Britta und Herbert wären gelassener geblieben, wenn sie geahnt hätten, dass es auch den meisten der alteingesessenen Kollegen nicht anders erging.

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