Kitabı oku: «Secret Citys Italien»

Thomas Migge
SECRET CITYs
ITALIEN
60 charmante Städte
abseits des Trubels

INHALTSVERZEICHNIS
SECRET CITYS ITALIEN – Einleitung
NORDITALIEN
1GLURNS – Stolzes Städtchen in den Bergen
2AOSTA – Wildromantischer Bergort
3ORTA SAN GIULIO – Versteckt in den Bergen
4COMO – Städtchen am malerischen Ufer
5BASSANO DEL GRAPPA – Hochprozentiger Genuss
6AQUILEIA – Stadt mächtiger Bischöfe
7BRESCIA – Welterbestadt in bester Lage
8TREVISO – Klein-Venedig auf dem Festland
9TORCELLO – Ein Traum von einer Insel
10TURIN – Der coole Klassiker
11PAVIA – Geistige Größe und schlichte Schönheiten
12MANTUA – Von den Gonzaga begünstigt
13MONTAGNANA – Die Ummauerte
14PARMA – Für Augen, Ohren und den Gaumen
15FERRARA – Emilia Romagna für Romantiker
16POMPOSA – Die Versteckte
17GENUA – Die ignorierte Weltstadt
18BOLOGNA – Die große Unbekannte
19RAVENNA – Die Kaiserliche
20TRIORA – Dörfliches Idyll in den Bergen Liguriens
MITTELITALIEN
21ORSIGNA – Die Wahlheimat von Tiziano Terzani
22LA VERNA – Ein Platz für heilige Legenden
23URBINO – Schatzkiste der Marken
24MONTERIGGIONI – Das runde Wunder
25GUBBIO – Streifzüge durchs Mittelalter
26SAN GALGANO – Mysteriöses Mittelalter
27GIARDINO SPOERRI – Ein Garten voller Ideen
28SPOLETO – Ein Festival schreibt Geschichte
29PITIGLIANO – Das italienische Jerusalem
30ORVIETO – Ein Ziel der Extraklasse
31CIVITA DI BAGNOREGIO – Dorf in Spitzenlage
32BOMARZO – Fantasie im Grünen
33TUSCANIA – Latiums heiterer Norden
34TARQUINIA – Friedhof mit Kleinstadt
35CAPRAROLA – Ein Manifest des Manierismus
36SAN CLEMENTE – Das Nationalmonument
37DAS UNTERIRDISCHE ROM
38PALESTRINA – Im Tempel gebaut
39OSTIA ANTICA – Pompeji lässt grüßen
40NINFA – Besuch im Zaubergarten
SÜDITALIEN
41CASERTA – Das größte Schloss der Welt
42TRANI – Kathedrale am Meer
43NEAPEL – Italiens faszinierendste Stadt
44HERCULANEUM – Das kleine Pompeji
45PAESTUM – Dorische Tempel vom Feinsten
46MATERA – Wohnliche Höhlenlandschaft
47MARTINA FRANCA – Altstadt mit Stil
48LECCE – Hochburg der Baukunst
49OTRANTO – Apuliens zauberhafter Süden
50DIAMANTE – Ein perfekter Badeort
51THARROS – Antiker Ankerplatz
52BARUMINI – Weltkulturgut im Grünen
53STROMBOLI – Großes Kino auf der Insel
54PALERMO – Die Unterschätzte
55MONREALE – In Gold getaucht
56CEFALÙ – Altstadtzauber am Meer
57AGRIGENT – Antiker Klassiker am Meer
58PIAZZA ARMERINA – Eine Villa macht Furore
59SYRAKUS – Vom Armenhaus zur Prachtstadt
60NOTO – Auferstanden aus Ruinen
Register
Bildnachweis
Impressum
HISTORISCHE STADTKERNE, URIGE GESCHÄFTE, FELSENDÖRFER, FISCHERORTE, SCHLÖSSER UND STRASSEN VOLLER LOKALE: DAS EHER UNBEKANNTE ITALIEN IST REICH AN ZIELEN, DIE ES ABSEITS DER AUSGETRETENEN TOURISTENPFADE ZU BESICHTIGEN GIBT.


CALTANISSETTA AUF SIZILIEN: ITALIENS EINZIGE TREPPE, DEREN STUFEN KOMPLETT MIT HANDGEFERTIGTEN KACHELN VERZIERT SIND.

SECRET CITYS ITALIEN
OFFENBARUNGEN FÜR ENTDECKER
Rom, Venedig, Florenz – wer immer nur diese sicherlich faszinierenden italienischen Städte anfährt, sieht einiges und verpasst doch eine Menge. Denn ihm oder ihr bleibt verborgen, wie viele andere verführerische Orte es in Italien zu erkunden gibt. Ohne Massentourismus und mit reichlich Charme: Da können sich selbst Kenner überraschen lassen.
Bella Italia, das schöne Italien, das Land, so Dichterfürst Goethe, wo die Zitronen blühen, in das Deutsche seit den 1950er-Jahren über die Autostrada del Sole strömen – zu erleben und zu sehen gibt es dort ungemein viel. In Strandbädern wie Rimini und Forte dei Marmi kann man gepflegt im Sand liegen, und Kultur von der Antike bis zum Barock wird in allen historischen Städten reichlich geboten. Italien kennt man, so die Überzeugung. Gondeln in Venedig, Peterskirche und Trevibrunnen in Rom und Michelangelos David in Florenz. Wohl kein anderes Reiseland Europas ist so sehr mit Urteilen und Vorurteilen besetzt wie Italien. Und doch gibt es etliche Facetten Italiens, von denen ausländische Touristen oft nur den Schimmer einer Ahnung haben.
Die vielfältigen Städte Italiens zum Beispiel. Fast alle Reisende besuchen in der Regel nur wenige Orte, Rom, Florenz und Venedig vor allem. Städte, die in der Hochsaison, also die meiste Zeit des Jahres über, fast aus den Nähten platzen. So voll sind sie, dass der Bürgermeister von Venedig bereits über maximale Tagesquoten an Touristen nachdenkt und in Rom Polizisten die Menschenmenge vor dem Trevibrunnen dirigieren müssen. Die Vatikanischen Museen und die Florentiner Uffizien sind derart überfüllt, dass man an vielen Tagen die Kunst vor lauter Menschen kaum zu sehen bekommt.
IN NOTO WIE AUF GANZ SIZILIEN EXISTIERT IMMER NOCH DIE TRADITION DER BUNT GESTALTETEN PFERDEKARREN. ALTE UND NEUE KUNST ZEIGT DAS MUSEO CIVICO IM NORDITALIENISCHEN BASSANO DEL GRAPPA. FRESKENPRACHT IM PALAZZO FARNESE IM MITTELITALIENISCHEN CAPRAROLA.
Abstecher ins Unbekannte
Doch es gibt noch ein ganz anderes Italien, gar nicht oder nur wenig touristisch überlaufen. Wo der Gast noch König ist, weil er nicht als Gruppe, sondern als Einzelreisender auftritt, wo nicht alles im Dienst der Massenabfertigung steht.
Unter Italiens »Secret Citys«, den verborgenen Orten, hat man die Qual der Wahl, und man muss in den meisten Fällen gar nicht weit fahren. Ein, maximal zwei Stunden von den Hauptstraßen des Massentourismus entfernt locken Ortschaften, Dörfer, Klein- und auch Großstädte, die es zu entdecken gilt. Und die in keiner Weise den großen Namen auf der Italien-Hitliste nachstehen. Orte zum Entdecken, zum Eintauchen, zum Erleben und Genießen.
Doch wer macht sich schon aus Nordeuropa auf, um Turin und Bologna im Norden, um Civita di Bagnoregio und Caprarola in Mittel- und Noto und Otranto in Süditalien einen Besuch abzustatten? Oder wer weiß, dass es unterhalb der vielbesuchten italienischen Hauptstadt eine unterirdische Stadt zu besichtigen gibt, die es mit dem oberirdischen Rom leicht an Faszination aufnehmen kann?
Ziele, die ans Herz gehen
Reiseführer zu Italien gibt es ebenso viele wie Italienreisende. Doch die meisten beten immer nur die gleichen, altbekannten Orte nach, während ganze Regionen fehlen, die von Reisebuchverlagen gar nicht oder nur am Rande berücksichtigt werden. Regionen mit Ortschaften voller Geheimnisse, mit Palästen und Kirchen, mit einsam gelegenen Abteien und Felsenkirchen, die das Herz jedes Italienreisenden höher schlagen lassen – vor allem, weil man sie nicht mit vielen anderen Menschen teilen muss.
Dieses Buch stellt 60 eher wenig besuchte Orte zum Entdecken vor, manche von ihnen sind riesig wie die Beinahe-Millionen-Stadt Neapel, manche winzig wie die Dörfer auf der Insel Stromboli, andere haben ihre Zeit als Stadt längst hinter sich und sind heute nur noch Ruinen. Insgesamt also 60 von zahllosen Orten in Italien. In vielen Fällen sind sie bequem mit dem eigenen Wagen oder mit dem Zug von den Hauptreisezielen aus zu erreichen. Oder aber es reicht, wie im Fall von Rom, unter die Erde zu gehen. An allen anderen Orten sollte man ruhig wenigstens eine Nacht verbringen, um ihren ganzen Charme zu erfahren. Secret Citys in Italien: eine Garantie für ein Italien, wie es sonst in kaum einem Reisebuch steht.
NORDITALIEN
Leuchtende Stadtschönheiten

BLICK VON EINER BAROCKEN PALASTTERRASSE AUF DEN RIESIGEN HAFEN GENUAS.

1
GLURNS – STOLZES STÄDTCHEN IN DEN BERGEN
VERGANGENHEIT ZUM GREIFEN NAH

Wohl keine andere Ortschaft Südtirols strahlt so viel altmodischen Charme aus wie Glurns. Die Perle des Vinschgaus ist eine der kleinsten Städte der Alpen und besonders reizvoll bei Schnee oder Dunkelheit – dann fühlt man sich in einen Historienfilm versetzt.
Schon die alten Römer haben die besondere Lage des Ortes genutzt – und ließen sich hier nieder. Über ihre Handelsstraße Via Claudia Augusta transportierten sie Waren in die heutige Schweiz und nach Frankreich und zurück. Doch erst im Mittelalter entwickelte sich Glurns zu einer erwähnenswerten Siedlung. Die Italiener nennen den Ort Glorenza: Es war im italienischen Faschismus üblich, deutsche Namen in Südtirol zu italienisieren.
Im Schutz der Mauern
Schön ist ein Rundgang um die fast komplett erhaltenen Stadtmauern der rund 900 Meter hoch gelegenen Ortschaft. Massiver können Mauern kaum sein: Sie sind sieben Meter hoch und 1,5 Meter dick. Die Wehrtürme, so wie sie sich heute präsentieren, wurden Mitte des 16. Jahrhunderts errichtet. Immer noch betritt man Glurns durch eines der drei historischen Stadttore.
Zwar kann man hier weder mit großer Kunst noch mit exzeptioneller Architektur aufwarten, doch die Ortschaft ist selbst ein bedeutendes historisches Monument, das man zu Fuß an einem halben Tag, inklusive Mittag- oder Abendessen plus Aperitif oder Cappuccino erkunden und genießen kann. Kein Spaziergänger lässt dabei die Straße der Bogengänge aus dem Jahr 1499 aus.
Reizvoll ist auch der Besuch der Pfarrkirche St. Pankratius von 1481, die außerhalb der Mauern in Richtung der Etsch liegt. Schon von Weitem sieht man den barocken Zwiebelturm der Kirche. Im Inneren birgt sie ein großes Wandfresko aus dem späten 15. Jahrhundert, das ein fürchterliches Jüngstes Gericht zeigt. Auch die anderen Sakralkunstwerke, wie vor allem eine Pietàgruppe aus dem 15. Jahrhundert, wurden liebevoll restauriert.
GLURNS IST EINER DER AM BESTEN ERHALTENEN MITTELALTERLICHEN ORTE IN NORDITALIEN. SEINE UMGEBUNG LÄSST SICH GUT ZU FUSS ODER PER RAD ERKUNDEN.
Traditionelle Märkte
Überlieferungen halten sich in Bergregionen meist besonders lang. Das gilt auch für zwei historische Märkte, die hier seit dem Mittelalter abgehalten werden. Zu diesen Anlässen putzt sich Glurns immer fein heraus. An jedem 24. August wird der Bartholomäusmarkt auf dem Stadtplatz abgehalten. Auf dem traditionellen Bauernmarkt werden Lebensmittel aus der Umgebung verkauft. Der Sealamorkt ist ein Jahrmarkt, der stets am 2. November, an Allerseelen, stattfindet. Wer den Namen langsam spricht, hört »Seelenmarkt« heraus.
Beim Rundgang durch Glurns fällt auf, dass sämtliche alten Gebäude restauriert sind. Alles wirkt gepflegt, egal, ob es sich um ein herrschaftliches Gebäude oder einen Gasthof handelt. Da wundert es nicht, dass Glurns auch als Rothenburg Südtirols bezeichnet wird. Ebenso dass der Besucher in Glurns auf viele Brunnen stößt, die sich zumeist an Straßenecken und Kreuzungen befinden, hat seinen Grund. Bis in die 1980er-Jahre lebten in der kleinen Stadt mit nur 900 Einwohnern jede Menge Kühe. Bis dato war es keine Seltenheit, dass Bauern ihr Vieh innerhalb der Stadtmauern hielten. Morgens trieb man die Tiere auf die Weide und holte sie abends wieder in die Stadt.
Der wohl berühmteste Sohn von Glurns war ein Zeichner: Paul Flora wurde 1922 hier geboren. Der österreichische Karikaturist, Illustrator, Schriftsteller und Grafiker, der 2009 in Innsbruck starb, aber auf dem Friedhof von St. Pankratius begraben liegt, erlangte internationale Bekanntheit. Viele seiner Zeichnungen zeigen Szenen aus Glurns.
WOHNEN UND SCHLEMMEN
Mitten im Ort übernachten und genießen ist ein leichtes Spiel in Glurns, etwa im historischen Hotel Grüner Baum. Schon 1730 gab es hier ein Gasthaus mit Gaststätte. Inzwischen schick modernisiert, bietet das Hotel jeden Komfort. Im hoteleigenen Restaurant werden lokale Leckereien serviert und Weine aus der Umgebung ausgeschenkt. Die Stube stammt noch aus dem frühen 19. Jahrhundert. Historisches Gemäuer erwartet den Besucher auch im Café Schöpf, das österreichisch inspirierte Kuchen auftischt. Bei gutem Wetter sollte man sich ein Fahrrad mieten und durch eines der Stadttore hinaus in die Landschaft fahren: etwa nach Mals, Malles Venosta, eine andere malerische Ortschaft, keine 20 Fahrradminuten entfernt. Mals liegt etwa 1000 Meter hoch und gilt als einer der sonnigsten Orte ganz Südtirols.
WEITERE INFORMATIONEN
Glurns,
www.glurns.eu

2
AOSTA – WILDROMANTISCHER BERGORT
LANGE GESCHICHTE IN GROSSER KULISSE

Umgeben von atemberaubenden Alpengipfeln ist diese Kleinstadt nicht nur der ideale Ausgangspunkt für sommerliche Bergwanderungen und winterliche Skitouren. Kulturdenkmäler aus rund 2000 Jahren begegnen den Besuchern auch hier im hohen Norden Italiens.
Wer fährt schon nach Aosta? Gibt es da etwas Besonderes zu sehen? Diese Reaktion bekommt man selbst von Italienern oft zu hören. Wer nicht gerade ein leidenschaftlicher Skifahrer und Bergwanderer ist, reist meist nicht ins Aosta-Tal und stattet auch der kleinen Hauptstadt der Autonomen Region Aostatal in rund 600 Metern Höhe keinen Besuch ab. Knapp 35 000 Einwohner leben dort.
Römerstadt in den Bergen
Dabei ist es ein echtes Versäumnis, Aosta zu unterschätzen. Umgeben von Bergriesen wie dem Monte Emilius mit fast 3600 Metern Höhe, dem über 4000 Meter hohen Gran Paradiso und dem Dolent mit 3800 Metern hat das 25 v. Chr. von Julius Cäsar als Garnisonsstadt gegründete Aosta viel zu bieten – auch ohne Berg- und Skischuhe.
Aus der glorreichen Römerzeit ist einiges erhalten geblieben, wie etwa der elf Meter hohe Arco di Augusto. Der Triumphbogen des Augustus, eines der ersten antiken Bauwerke überhaupt in der Stadt, kann sich mit anderen in Italien messen. Wahrscheinlich blieb der Triumphbogen bis heute so gut erhalten, weil im frühen Mittelalter innerhalb des Bogens ein sogenanntes Saint-Voût angebracht war, ein Heilandbildnis, das später durch ein Kruzifix aus Eisenstahl ersetzt wurde. Das stämmig wirkende Bauwerk wurde im 14. Jahrhundert auch bewohnt: 1318 baute eine lokale Adelsfamilie den Bogen zu einer Trutzburg um. Eindrucksvoll und sehenswert sind zudem die bis zu 22 Meter hohen Reste des ehemaligen Teatro Romano. Die Porta Pretoria, ein antikes Stadttor, gehörte zur römischen Stadtmauer und wurde aus riesigen Steinquadern errichtet.
DIE RÖMER HINTERLIESSEN AUCH IN AOSTA, HOCH IM NORDWESTEN VON ITALIEN, IHRE SPUREN. SOGAR EIN NAHEZU KOMPLETT ERHALTENER RÖMISCHER TRIUMPHBOGEN HAT ÜBERDAUERT.
Zeugen bewegter Zeiten
Aostas große Stunde schlug im Mittelalter. Geostrategisch ideal zwischen Frankreich und Italien gelegen, entwickelte sich das Städtchen zu einem bedeutenden Handelszentrum und Umschlagplatz für Waren aller Art.
Im 10. Jahrhundert wurde eine romanische Kirche errichtet, die sich sehen lassen kann. Santi Pietro e Orso wird noch heute von einem beeindruckenden Campanile, wie man im Italienischen den freistehenden Glockenturm nennt, überragt. In den folgenden Jahrhunderten immer wieder umgebaut, präsentiert sich dieses Gotteshaus im Innenraum gotisch, mit romanischen Fresken und einem zauberhaften geschnitzten Chorgestühl aus dem 15. Jahrhundert. Eine Treppe führt in die uralte Krypta mit Bogendecke. Wie reich die Bürger von Aosta im Mittelalter waren, beweist der Kirchenschatz.
Auch die Kathedrale ist ein Werk des Mittelalters, innen gotisch gestaltet und außen mit einer schönen, allerdings schon barocken Fassade verkleidet. Alle Wirren der Zeit überlebten einige der seltenen handbemalten Glasfenster aus dem 14. Jahrhundert.
Römer bauten für die Ewigkeit, und so wurde auch nach dem Untergang des Römischen Reiches die Stadtmauer über Jahrhunderte als Verteidigungsanlage weiter genutzt. Um sie zu begehen, sollte man sich einen schönen Tag aussuchen, vor allem im Westteil der Stadt hat sich die Mauer wirklich gut erhalten. Im Ganzen umfasst sie ein Rechteck von etwa 760 mal 580 Metern.
Wenn es sommers auch in Aosta so richtig warm wird, empfiehlt sich ein Ausflug in den römischen Criptoportico, einen stets kühlen unterirdischen Gewölbegang, dessen antike Verwendung bis heute Rätsel aufgibt.
GRESSAN – EIN TRAUM VON EINEM DORF
Keine zehn Autominuten von Aosta entfernt liegt seit der Römerzeit das hübsche Dorf Gressan, umgeben von Obstgärten inmitten einer dramatischen Berglandschaft. Alle Kirchen und Kapellen der Ortschaft stammen aus dem Mittelalter. Der Campanile der Chiesa della Madeleine ist einer der schönsten des gesamten Aosta-Tals. In Gressans Gaststätten und auch in Aosta und Umgebung sollte man die gastronomischen Leckereien der Region probieren, darunter das Fondue, die Polenta concia, einen Maisbrei mit dem würzigen Toma-Käse, und auch die herzhafte Seupa à la Vapelenentse, eine Käsesuppe mit Butter, Brot und Zimt. Dazu schmeckt einer der kräftigen Weine, die im Tal gekeltert werden. In der Weinbar L’Uva e Un quarto in Aosta, Via Challand 21/a, kommen die besten Tropfen auf den Tisch.
WEITERE INFORMATIONEN
Aostatal, www.lovevda.it
Gressan, www.comune.gressan.ao.it

3
ORTA SAN GIULIO – VERSTECKT IN DEN BERGEN
BILDSCHÖNE EINSAMKEIT

Ein romantisch in den Bergen gelegener See und eine Insel, die wie verwunschen wirkt: Die Isola San Giulio und der Ortasee fehlen zwar auf den meisten touristischen Landkarten, lohnen den Tagesausflug in den Norden der Provinz Piemont aber unbedingt.
Ein Gletschersee, nicht groß. Er misst keine 20 Quadratkilometer, ist knapp 13 mal drei Kilometer groß und nur 143 Meter tief. Der etwa 300 Meter hoch gelegene Ortasee ist an drei Seiten von Bergen umgeben. Die Hänge bedecken Wälder mit Edelkastanien, Tannen, Fichten und Buchen – nur hin und wieder von Bebauung unterbrochen. Zu sehen gibt es ein Italien wie auf romantischen Gemälden des 19. Jahrhunderts.
Der Besucher erreicht den See bei der direkt am Wasser gelegenen Gemeinde Orta San Giulio. Sie gilt mit ihren gerade mal 1300 Einwohnern als eine der schönsten Kommunen Italiens. Sämtliche historischen Gebäude wirken wie aus dem Ei gepellt. Schön ist die Promenade mit ihren Cafés und Lokalen. Der Palazzo della Comunità, das alte Rathaus mit dem offenen Portikus, stammt aus dem späten 16. Jahrhundert. Auch »la Motta«, so wird die Pfarrkirche von 1485 genannt, sollte man einen Besuch abstatten.
Zauberhafte Insel
Unbedingt zu empfehlen ist eine Fahrt mit einem der traditionellen Holzboote von Orta San Giulio zur Isola San Giulio. Ein Katzensprung von rund 400 Metern, und gleich taucht man in eine andere Welt ein, vor allem an Schlechtwettertagen. Ist schon das Dorf am See in der Regel still und von jeder Form von Chaos unberührt, so herrscht auf der komplett bebauten Insel eine Ruhe, die gleich in ihren Bann zieht. Der Name der Insel geht auf einen antiken Griechen zurück. Er soll die knapp 300 mal 150 Meter große Insel, die Einzige im See, von einem Drachen befreit haben. Fakt ist, dass die Isola San Giulio schon in der Steinzeit bewohnt war. Es folgten die Römer und im 4. Jahrhundert die erste christliche Kirche.
Die Basilika grüßt von Weitem
Dominiert wird die Isola San Giulio von der gleichnachnamigen Basilika. Die fromme Tradition will es, dass ein aus Griechenland stammender Giulio die Insel evangelisiert und eine erste Kapelle errichtet haben soll. Im Mittelalter wurde die Insel von lombardischen Herrschern defensiv ausgebaut. In diesem Zuge entstand im 12. Jahrhundert die Basilika auf den Resten einer frühchristlichen Kirche aus dem 5. Jahrhundert.
Die Fassade ist schlicht und im romanischen Stil mit zwei schlanken Türmen gestaltet. Der Innenraum mit drei Kirchenschiffen zeigt eine Architektur, die noch als romanisch durchgeht, auch wenn später, in Renaissance und Barock, das Kircheninnere mit Wandmalereien ausgeschmückt wurde. Sehr schön ist eine Predigtkanzel aus dem 12. Jahrhundert, die sicherlich zu einer der am besten erhaltenen in ganz Norditalien gehört. Neben den vier Evangelisten sind auch heidnische Zentauren und für das Mittelalter typische Fabelwesen zu sehen. Die leiblichen Überreste von San Giulio werden in einem reich verzierten barocken Reliquienschrein aufbewahrt.
Gassen ohne Autos
Nach einem Besuch der Basilika sollte man einen Spaziergang durch die malerischen Gassen der Inselortschaft unternehmen, mit ihren Palazzi und historischen Wohnhäusern und den einladenden Restaurants. Besonders reizvoll: ein Aperitif und dann ein Abendessen mit Blick auf das gegenüberliegende Ufer, wenn das natürliche dem künstlichen Licht weicht.
Im Sommer wird es musikalisch auf dem Eiland. Abends finden während eines Festivals klassische Konzerte statt. Die Schönheit der Isola San Giulio hat viele Schriftsteller und Filmemacher inspiriert, darunter auch Umberto Eco und den Regisseur Giuseppe Tornatore.
VOM SEEUFER AUS REICHT DER BLICK AUF DIE ISOLA SAN GIULIO – ZU JEDER TAGESZEIT UND BEI JEDEM WETTER EIN GENUSS. DIE AUSGEMALTE KUPPEL DER INSELBASILIKA GILT ALS TRIUMPH DES BAROCK.
DER HEILIGE BERG
In der Nähe von Orta San Giulio befindet sich ein sogenannter Sacro Monte, ein Heiliger Berg. Der religiöse Komplex besteht aus 20 Kapellen, die der Lebensgeschichte Franz von Assisis gewidmet sind. Die ausgemalten Kapellen entstanden zwischen 1591 und dem frühen 17. Jahrhundert. Es entspricht der Tradition, die einzelnen Kapellen betend abzuschreiten – ein romantischer religiöser Spaziergang mitten in der Natur in rund 400 Metern Höhe. Die Malereien stammen von regionalen Künstlern und haben sich gut erhalten. Das Phänomen der Heiligen Berge gibt es ausschließlich in Nordwestitalien, und nur wenige der Kappellenberge sind bis heute so gut erhalten wie der Sacro Monte bei Orta San Giulio.
WEITERE INFORMATIONEN
Orta,
www.ortasee-info.de
Sacro Monte,
www.sacromonteorta.com

4
COMO – STÄDTCHEN AM MALERISCHEN UFER
VOM SEE UMARMT

In- und ausländische Filmstars, Politiker und Unternehmer wissen nur zu gut, warum sie sich bei Como niederlassen und prächtige Villen am See erwerben. Hier wird Lebensqualität großgeschrieben – in einem Ambiente, so perfekt wie ein Postkartenmotiv.
Selbst wenn es in Como regnet, wirkt die Altstadt verführerisch. Vielleicht weil sie selten überfüllt ist und man das Romantische des historischen Zentrums in aller Ruhe genießen kann – wie die Piazza del Duomo, umstanden von eleganten Gebäuden aus den verschiedensten Epochen, und wie den aus dem Mittelalter stammenden Palazzo Broletto, in dem das Rathaus untergebracht ist. Errichtet im 13. und umgebaut im 16. Jahrhundert, rundet ein Turm von 1927 das Gebäude ab.
Der Dom gilt zurecht als das eindrucksvollste Bauwerk der 85 000-Einwohner-Stadt. Er ist nicht nur das religiöse, sondern auch das urbane Herz Comos und einer der schönsten Sakralbauten der gesamten Lombardei. Hier kommen, wie überall im Norden Italiens, nordeuropäische und italienische Einflüsse zusammen. Mit dem Bau wurde im 14. Jahrhundert begonnen. Der barocke Architekturstar Filippo Juvarra aus Turin vollendete die Kathedrale im Jahr 1723 und setzte dem Bauwerk die barocke Kuppel auf. Kurios: Von der hohen Decke im Kircheninnern hängen kostbare, riesige Gobelins aus dem 16. Jahrhundert.
Entdeckungsspaziergänge
Como ist eine Stadt zum Bummeln mit kleinen Plätzen, alten Palästen und einigen wenigen, aber reizvollen Museen. Viele Kirchen berühren mit ihrem mittelalterlichen Charme, so etwa Sant’ Abbondio aus dem 11. Jahrhundert. In seinem fünfschiffigen Innenraum, unterteilt von einem Wald aus Säulen, finden sich rare Wandgemälde des 14. Jahrhunderts. Beispiele für die Malerei der Lombardei im 17. und 18. Jahrhundert hängen in der Pinacoteca Civica. Sie erzählen auch die Geschichte vom Reichtum der Region. Der Stadt Como verhalf der Seidenhandel zu Wohlstand. Die Geschichte der Seidenproduktion und was alles aus dem Spinnengarn an Kostbarkeiten gefertigt wurde, zeigt das Museo della Seta.
EINE PERLE DIREKT AM SEE: COMO BIETET KUNST, ARCHITEKTUR UND HERRLICHE SPAZIERWEGE AM UFER. BAUHAUS UND FASCHISMUS: NUR IN COMO GEHEN BEIDE (STIL)RICHTUNGEN EINE UNGEWÖHNLICHE SYMBIOSE EIN.
Ein in ganz Italien einmaliges Gebäude erhebt sich im Stadtzentrum an der Piazza del Popolo. Die sogenannte Casa del Fascio wurde zwischen 1932 und 1936 errichtet. Der Architekt Giuseppe Terragni entwarf den ehemaligen Sitz der faschistischen Partei in Como. Ganz anders als im Dritten Reich schätzte man im Italien von Benito Mussolini die rationalistische Bauhaus-Architektur. Die Casa del Fascio ist ein klarer, eleganter Bau, mit geraden Linien und einem dialektischen Wechselspiel zwischen weißer Oberfläche und Vertiefungen der Fassade: ein Meisterwerk moderner Architektur des frühen 20. Jahrhunderts!
Der See in der Stadt
Einen wichtigen Teil der Innenstadt bildet das Seeufer. Die Bewohner von Como nennen die kilometerlange Uferpromenade Lungolario. Sie verläuft kurvenförmig am See entlang. Hier finden sich Cafés, wie das Terminus mit Jugendstil-Interieur oder die Bar des Hotel Metropole Suisse – zwei ideale Plätze für den Aperitif am frühen Abend. Von hier aus starten die Ausflugsboote über den 46 Kilometer langen, schmalen See.
An seinen Ufern errichteten reiche Bürger im 19. Jahrhundert prächtige Villen, wie die Villa Geno oder den Palast der Fondazione Ratti, der das Textilmuseum beherbergt. Die Villa Olmo hingegen, vielleicht die eleganteste von allen, stammt aus den 1780er-Jahren. Hier residierten Napoleon und Radetzky, Fürst Metternich und Ferdinand I. von Österreich. Der typisch italienische Landschaftspark lädt zu einem Spaziergang ein.
DER BALKON DES COMER SEES
Brunate ist eine Art Aussichtsbalkon: Von hier oben aus, 500 Meter über der Stadt, genießt der Besucher den wahrscheinlich schönsten Blick auf den Comer See und die ihn umgebende Berglandschaft der Südalpen. Den Ort Brunate erreicht man am bequemsten mit der vor über 100 Jahren errichteten Bergbahn. Die Fahrt dauert nur wenige Minuten. Oben, in luftiger Höhe, bieten kleine Hotels und romantische Restaurants und Cafés ideale Plätze zum Entspannen. Doch Achtung: nur bei gutem Wetter und am besten zum Sonnenuntergang hinauffahren.
WEITERE INFORMATIONEN
Como,
www.visitcomo.eu
Dom,
www.cattedraledicomo.it

5
BASSANO DEL GRAPPA – HOCHPROZENTIGER GENUSS
EIN SALUTE AUF BASSANO!

Die Kleinstadt ist nicht nur reizvoll und besitzt eine der berühmtesten Brücken Italiens, sie brennt auch ein weltweit bekanntes Destillat. Bummeln und einen Grappa probieren kommen in Bassano auf sehr angenehme Weise zusammen.
Wehe jenen Besuchern von Bassano del Grappa, die erwähnen, dass der Grappa, der zu deutsch Tresterbrand heißt, auch in der italienischen Schweiz hergestellt wird! Für die Bewohner dieser Kleinstadt mit rund 38 000 Einwohnern, malerisch in der Provinz Vicenza gelegen, stammt das zwischen 37,5 und maximal 60 Prozent starke alkoholische Getränk natürlich einzig und allein aus Bassano. Wer anderes behauptet, ist ein Bugiardo, ein Lügner.
Der Grappa, das erzählt einem jeder Barbesitzer in Bassano, wird aus den vergorenen Rückständen der Weinherstellung destilliert. Die besten Grappas stammen aus roten Trauben. Die lange Lagerung in Holzfässern verleiht ihnen die bräunliche Farbe. Das Holz der Fässer bestimmt auch den Geruch und den Geschmack. Am besten probiert man die verschiedenen Produkte in den netten Weinbars von Bassano – sinnvollerweise abends, nach einem Rundgang durch das Städtchen.
Im Museo Civico, wo auch die Pinacoteca residiert, gibt es einiges zu besichtigen, am besten natürlich mit klarem Kopf, also ohne vorherigen Grappa-Genuss. Das Museum ist im ehemaligen Kloster Convento dei Minori untergebracht. Die hauseigene Gemäldesammlung präsentiert einige Meisterwerke, die man hier vielleicht nicht erwartet hätte – wie beispielsweise von Jacopo Bassano, einem Renaissancemaler, der 1510 in, der Name sagt es, Bassano geboren wurde und dort 1592 auch starb. Zu bestaunen sind zudem Gemälde von den Venezianern Giovanni Battista Tiepolo und Pietro Longhi. Kurios ist die Sammlung von Erinnerungsstücken, die Tito Gobbi dem Museum hinterlassen hat. Gobbi stammt ebenfalls aus Bassano und war einer der bekanntesten Baritone Italiens. Er starb 1984 in Rom.
Ein Entwurf für Jahrhunderte
Bassanos bekanntestes Bauwerk ist eine Brücke. Den Ponte Vecchio, die Alte Brücke, plante Andrea Palladio 1569 in Anlehnung an den Vorgängerbau, den ein Hochwasser fortgeschwemmt hatte. Palladio gilt als einer der berühmtesten Renaissancebaumeister Italiens. Die sogenannten palladianischen Villen im Nordosten Italiens zeigen seinen unverwechselbaren eleganten und klassischen Stil, der sich an der römischen Antike orientiert. Seine Brückenkonstruktion hielt über 200 Jahre – bis sie ein weiteres Hochwasser beschädigte. Es folgten noch etliche Zerstörungen, und die Brücke ging sogar in ein Soldatenlied ein. Bis heute orientiert sich jeder Wiederaufbau an Palladios Entwurf mit den vier schlanken Jochen, die die Brenta kaum am Durchfließen stören.
Beim Rundgang durch die liebevoll restaurierte Altstadt stößt der Besucher auf viele historische Gebäude, auf mittelalterliche Paläste und Wohnhäuser der Renaissance sowie auf Kirchen des Barock. Touristen gibt es hier nicht viele, und wenn, dann vor allem an der Brücke. Bei der Piazza della Libertà im Zentrum, der Ponte Vecchio liegt nur einen Katzensprung entfernt, befindet sich alles Sehenswerte in direkter Nachbarschaft: das Museum, die Kirchen S. Francesco und S. Giovanni Battista sowie der Palazzo del Municipio aus dem 13. Jahrhundert.
WIE EIN PITTORESKES BÜHNENBILD PRÄSENTIEREN SICH DIE ALTSTADT VON BASSANO UND DER PONTE VECCHIO. GRAPPA-VERKOSTUNGEN SIND IN DER STADT IN JEDER BAR MÖGLICH UND BELIEBT.
Und wer nach einem Rundgang keinen lokal gebrannten Grappa probiert, ist selber schuld. Es heißt in Bassano, dass selbst Kleinkindern ein in Grappa getauchter Finger zum Lutschen in den Mund geschoben wird. So wird ihnen der Grappa-Genuss schon in die Wiege gelegt.
MODERNE GRAPPA-BLASEN
Die Traditionsbrennerei Nardini wurde in den späten 1770er-Jahren gegründet. Um im Jahr 2004 das 225-jährige Jubiläum zu feiern, beauftragte man den römischen Architekten Massimiliano Fuksas mit dem Entwurf eines neuen Gebäudes, das die Hausbrände modern präsentieren sollte. Fuksas baute käferförmige Glas- und Stahlblasen, die begehbar sind. Sie enthalten einen Vortragsraum, ein Forschungszentrum (für Grappa natürlich) und Verkostungsräume – und sind die modernste Sehenswürdigkeit von ganz Bassano. Verlockend ist es, in den grüngläsernen Blasen die Hausbrände, vor allem die ganz alten, zu verkosten.
WEITERE INFORMATIONEN
Bassano del Grappa,
www.veneto.eu
Nardini,
www.nardini.it

6
AQUILEIA – STADT MÄCHTIGER BISCHÖFE
BASILIKA DER SUPERLATIVE

In Aquileias langer und bewegter Geschichte gingen die meisten historischen Bauwerke verloren. Doch eine Kirche hat alle Zerstörungen überlebt. Sie ist so reich und kostbar gestaltet, dass jeder Umweg in die Kleinstadt mit nur knapp 3200 Einwohnern lohnt.
Viel zu besichtigen gibt es nicht in Aquileia in der Region Friaul-Julisch-Venetien: Schon seit dem 3. Jahrhundert n. Chr. ärgerten nach Italien einfallende sogenannte Barbaren die Römer im Nordosten des italienischen Stiefels. Es gab reihenweise Schlachten und Zerstörungen. Doch die Basilika blieb erhalten. Was für ein Glück!
Kirche nach deutschem Vorbild
Die romanische Basilika aus dem frühen 11. Jahrhundert wurde nach dem Vorbild ähnlicher Kirchen im heutigen Niedersachsen errichtet. An erster Stelle steht hier die Michaeliskirche in Hildesheim, unmittelbar zuvor fertiggestellt. Wie sie ist Santa Maria Assunta eine ziemlich große Kirche, 23 Meter hoch, 30 Meter breit und fast 66 Meter lang.
Das Kostbarste dieser Basilika ist die Gestaltung des Innenraums. Die Fußbodenmosaiken gehören zu den schönsten, zu den an Motiven reichsten und am besten erhaltenen in ganz Europa. Sie wurden in verschiedenen Jahrhunderten geschaffen und liegen deshalb übereinander. Ein Großteil dieser Mosaiken stammt aus dem 4. Jahrhundert, andere aus späteren Epochen. Der Fußboden ist, kein Wunder, ziemlich uneben. Besucher können ihn von Glasstegen aus besichtigen. Ganze 760 Quadratmeter sind mit kleinen und kleinsten Mosaiksteinchen bedeckt. Ein Rekordkunstwerk: Es handelt sich um eines der ältesten und größten christliche Mosaiken der westlichen Welt.
ERRICHTET AUS DEN GRANDIOSEN RESTEN DER ANTIKE UND GESCHMÜCKT MIT EINEM HEIDNISCHEN FUSSBODENMOSAIK: DIE BASILIKA VON AQUILEIA. IHRE GESAMTE UMGEBUNG IST ARCHÄOLOGISCHES GRABUNGSGEBIET.
Einige dieser Mosaiken zeigen Porträts, etwa von einem der Geldgeber für die Kirche. Experten zufolge sind auch Kaiser Konstantin, der erste christliche Kaiser, und seine Mutter Helena, ein einstmals leichtes Mädchen, das später von der katholischen Kirche zur Heiligen ernannt wurde, dargestellt.
Kaiser Konstantin soll Aquileia zwischen 313 und 333 besucht haben. Dank seiner Gunst wurde die Stadt reich und mit großen Finanzmitteln ausgestattet. Es entstanden viele Prachtbauten wie etwa der Zirkus und ein Amphitheater. Die Reste dieser spätantiken Bauten sind heute in nächster Nähe der Basilika zu besichtigen. Umgeben von viel Natur macht die archäologische Stätte einen ziemlich romantischen Eindruck.
Gönner und Kaiser
Der Mosaikboden wirkt an vielen Stellen wie ein Mega-Comic. Da ist zum Beispiel die Geschichte des biblischen Jonas, der von einem Meeresungeheuer verschluckt und dann ausgespuckt wird. Oder Jonas, der unter einer Pergola ruht oder Gott anbetet. Ein Bilderteppich, den man sich lange anschauen kann. Die realistische Darstellungsweise dieser spätantiken Bilder beschränkt die Figuren auf das Wesentliche – eine einfache Bildsprache, die jeder versteht.
Häufig sind auch Allegorien mit christlichen Symbolen zu sehen, Fische, Weintrauben und Vögel. Interessanterweise ähneln diese Fußböden denen im Nationalmuseum in Tunis, dem Bardo-Museum. Man vermutet, dass die Mosaiken in Aquileia von denselben Künstlern stammen, die auch die Landvillen der reichen Großgrundbesitzer in den nordafrikanischen Provinzen verschönerten.
Ebenso die zwischen der Spätantike und dem 18. Jahrhundert über Aquileia regierenden 83 Bischöfe waren wohlhabend und mächtig. Dank der guten Verkehrsanbindungen der Stadt kamen viele Händler und Kaufleute vorbei.
Das Patriarchat von Aquileia wurde 1751 aufgehoben. Fortan wohnten keine Bischöfe mehr in der Stadt, das Bistum wurde ein sogenanntes Titularbistum. Und so verwundert es auch nicht, dass der damalige Bischof von Münster, Joseph Kardinal Höffner, 1969 zugleich Titularbischof von Aquileia war.
DAS LEIBLICHE WOHL
Nach der Besichtigung der Basilika sollte man sich verführen lassen. In der Pasticceria Mosaico lockt Wein-Eis: Speiseeis mit Malvasia-, Traminer- und Refosco-Traubensaft. Im Restaurant des Hotels Patriarchi schmecken die Gnocchi mit geräuchertem Ricottakäse. Eine Brotspezialität der Gegend ist die Gubana, ein Blätter- oder Brotteigstrudel mit kandierten Früchten, mit Schokolade, Nüssen, Sultaninen und süßem Wein. La Colombara serviert eingelegte Sardinen mit Prosecco und marinierten Zucchinis. Dass die Lokale in Aquileia die Weine der Region Friaul kredenzen, versteht sich von selbst – eine bei Deutschen nicht so bekannte Winzerregion, die aber hervorragende Tropfen hervorbringt, vor allem ausgezeichnete Weißweine wie den Aquileia Refosco oder den Carso.
WEITERE INFORMATIONEN
Aquileia,
www.turismofvg.it
Pasticceria Mosaico,
www.pasticceriamosaico.com

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BRESCIA – WELTERBESTADT IN BESTER LAGE
DAS ALTSTADT-JUWEL

Die von den Römern gegründete Siedlung war schon im Mittelalter ein wichtiges Handelszentrum. Vom Wohlstand der Bürger zeugen die vielen prächtigen Gebäude in der fast vollständig erhaltenen Altstadt. Dass der Gardasee und Mailand nahe liegen, erhöht nur Brescias Reize.
Ein urbanes Paradies zum Bummeln – das ist die Altstadt Brescias, die, unbegreiflicherweise, nur selten von ausländischen Touristen besucht wird. Das Zentrum der Stadt mit knapp 200 000 Einwohnern markiert die Piazza della Loggia – ein Platz, der fast komplett von historischen Gebäuden im venezianischen Stil gesäumt ist. Die elegante Loggia stammt aus der Renaissance. An ihrem harmonischen Entwurf soll auch Renaissancebaumeister Andrea Palladio mitgewirkt haben.
Kuriose Nachbarn
Brescias prächtigstes Bauwerk aus dem Mittelalter ist unbestritten die Rotonda aus dem 11. Jahrhundert.
Ein kreisrundes und im Innern an einen antiken Versammlungssaal erinnerndes Gebäude, das sich direkt neben dem Dom aus dem 17. Jahrhundert erhebt – eine kurios anmutende Nachbarschaft. Gegenüber dem Dom steht der Broletto. Der Palazzo, eines der eindrucksvollsten profanen Gebäude der Stadt, wurde im 12. Jahrhundert errichtet. Hier hatte schon im Mittelalter die Stadtregierung ihren Sitz, als in Norditalien die ersten politisch unabhängigen Kommunen entstanden. Der Turm des Palastes, der Stadtoder auch Volksturm genannt wird, unterstreicht die Bedeutung des Broletto.
Dass Brescia eine Stadt mit langer künstlerischer Tradition ist, beweist die Pinacoteca Tosio Martinengo. Diese Gemäldesammlung kann es mit den großen Kollektionen etwa in Mailand problemlos aufnehmen. In den Ausstellungssälen stößt man auf Meisterwerke aus der italienischen Kunstgeschichte von Lorenzo Lotto und Jacopo Tintoretto, von Vincenzo Foppa und vielen anderen, zumeist lombardischen Malern.
VOM AUSLÄNDISCHEN TOURISMUS UNBEGREIFLICHERWEISE VERSCHMÄHT: DIE ZAUBERHAFTE ALTSTADT VON BRESCIA. DIE PIAZZA DELLA LOGGIA MIT DEM PRÄCHTIGEN BAUWERK VON RENAISSANCE-STAR PALLADIO BILDET DAS ZENTRUM DER ALTSTADT.
Unter den zahlreichen alten Kirchen faszinieren vor allem zwei: Die Basilika San Salvatore aus dem Hochmittelalter erhebt sich auf den Resten der einstmals reichen römischen Stadt. Die Fresken im Innern stammen aus dem 8. bis 15. Jahrhundert. Santi Nazaro e Celso hingegen verfügt über eine barocke Fassade und im Innenraum über eines der Hauptwerke von Tizian, eine »Verkündigung mit Heiligen«, aus dem Jahr 1522. Auch andere Gemälde der Renaissance und des Barock in dieser Kirche können sich sehen lassen.
Kostbarkeiten aus Brixia
Mitten in der Altstadt erhebt sich das antike Forum aus der Römerzeit mit dem Versammlungsplatz und den eindrucksvollen Resten des Tempio Capitolino aus dem 1. Jh. n. Chr. In dem ausgedehnten Ruinenkomplex ist das Museo Romano untergebracht, das sehr reizvolle Funde aus der antiken Stadt zeigt, die den lateinischen Namen Brixia trug. Der Komplex der antiken Ruinen umfasst auch ein Amphitheater aus dem 3. Jahrhundert. Bis ins Mittelalter nutzte man das Theater: Hier wurden die öffentlichen Versammlungen der freien Bürger abgehalten. Der Bau ist von hoher architektonischer Qualität, denn obwohl Brescia im 5. Jahrhundert ein schweres Erdbeben erschütterte, blieb das Teatro Romano fast unbeschadet. Bis zu 15 000 Menschen fanden Platz.
Der Complesso di Santa Giulia liegt an der antiken Straßenachse decumanus maximus. In einem ausgezeichnet erhaltenen Kloster aus langobardischer Zeit ist heute das Stadtmuseum untergebracht. Auf etwa 14 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden archäologische und künstlerische Funde aus fast 2000 Jahren Stadtgeschichte gezeigt, darunter ein sehr seltenes Prachtkruzifix aus der Zeit der Karolinger, Fresken der Renaissance, antike Mosaikfußböden und Wandmalereien.
ANTIKER ENGEL
1826 befreiten archäologische Grabungsarbeiten auf dem Capitolium mitten in Brescia eine einzigartige Skulptur aus dem Erdreich. Sie wird den Besuchern heute am Fundort präsentiert. Es handelt sich um ein 195 Zentimeter großes Werk aus Bronze, das eine junge Frau zeigt, die zwei große Flügel am Rücken trägt. Die Skulptur stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 250 v. Chr. Die antike Stadt Brixia erhielt sie von Kaiser Augustus, der damit die Erhebung der Kommune in den Stand einer Stadt, einer Colonia Augusta, würdigte. Dass das Bronzekunstwerk die Unbilden der Barbareneinfälle zum Ende des Römischen Reiches ohne Beschädigungen überlebte, ist jenen Unbekannten zu verdanken, die es in einem Hohlraum beim Kapitol versteckten.
WEITERE INFORMATIONEN
Tourismusamt,
www.turismobrescia.it
Complesso di Santa Giulia,
www.bresciamusei.com

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TREVISO – KLEIN-VENEDIG AUF DEM FESTLAND
DICHT ANS WASSER GEBAUT

Paläste, kleine Kanäle, mittelalterliches Flair und viel Ruhe: Treviso ist eine jener typischen Kleinstädte Italiens, die viel zu bieten haben, an denen aber der große Touristenstrom vorbeigeht. Ein Glück für alle, die Venetien erkunden wollen.
Die Ortschaft ist vollständig von Wasser umgeben, obwohl das Städtchen mit seinen rund 80 000 Bürgern auf dem Festland liegt; auch ein See fehlt. Die Besonderheit Trevisos sind der Fluss Sile und die von ihm abgeleiteten Wasserkanäle. Das auf fast rechteckigem Grundriss angelegte Zentrum ist auf drei Seiten von Kanälen umgeben. Die vierte Seite bildet der Fluss. Eine flüssige Mauer, wenn man so will, hinter der sich ein intaktes Stadtzentrum verbirgt. Zu entdecken gibt es viel: Die im 13. und 14. Jahrhundert errichtete gotische Kirche S. Nicolò ist ein Meisterwerk nordostitalienischer Baukunst mit ihren drei Kirchenschiffen, den fünf Kapellen und riesigen Pilastern, auf denen das Dach ruht. Kunst zeigt sich auf Schritt und Tritt wie etwa die Fresken von Tomaso da Modena, Gemälde der lombardischen Schule und eine historische und voll funktionstüchtige Orgel. Allein das Altarbild »Heiliges Gespräch« aus dem frühen 16. Jahrhundert und das prächtige Grabmonument für den venezianischen Senator Agostino Onigo lohnen den Besuch.
Nordeuropäische Einflüsse
Wie überall in Treviso wird man in dieser und in anderen Kirchen feststellen, dass sich italienische und nordeuropäische Einflüsse mischen. Viele gotische Elemente erinnern an ähnliche Ausprägungen nördlich der Alpen. Diese Einflüsse kamen vor allem durch die engen Handelsbeziehungen Trevisaner Bürger mit Geschäftsleuten nördlich der Alpen zustande. Schon im frühen Mittelalter pflegte man wirtschaftliche Kontakte zu Kaufleuten in Süditalien und im Deutschen Reich. Im Museo Civico Luigi Bailo gibt es große Malerei zu bewundern. Hier hängen Werke von Giovanni Bellini und Cima da Conegliano, von Lorenzo Lotto, Tizian und vielen anderen.
BEEINDRUCKENDE ARCHITEKTUR: TREVISO IST EIN MINI-VENEDIG OHNE MASSENTOURISMUS, ABER MIT VIEL LOKALKOLORIT. WIE IN VENEDIG IST ES VON KÜNSTLICHEN KANÄLEN DURCHZOGEN, IN DENEN SICH ZAHLREICHE PALAZZI SPIEGELN.
Am Dom kommt natürlich keiner vorbei. Errichtet im Mittelalter, wurde er mehrfach umgebaut; in seinem Innern befindet sich eine Art Kunstmuseum. An Altären und in Kapellen prangen die Werke bedeutender Maler – unter anderem von Tizian. Das Baptisterium, die romanische Taufkapelle direkt am Dom, schmücken Fresken und antike Reliefs.
Vom Domplatz streift der Stadtbummel rustikale Trattorien und Feinschmeckerläden mit lokalen Spezialitäten und führt zur Piazza dei Signori. Den zivilen Hauptplatz Trevisos säumen wichtige weltliche Gebäude aus dem späten Mittelalter und der frühen Renaissance. Schön ist die Loggia dei Cavalieri aus dem 13. Jahrhundert, in der sich einstmals die lokalen Adligen trafen, um Politik zu machen.
Entlang der Wasserwege
Mitten durch die Altstadt führen kleine Wasserwege, den Kanälen in Venedig nicht unähnlich. Man nennt sie Buranelli. Der Name erinnert an die Bewohner der Insel Burano in der Lagune von Venedig. Sie hatten Häuser in Treviso, um die gut 40 Kilometer landeinwärts gelegene Kleinstadt stets mit frischem Fisch zu versorgen. Die Kanäle waren einst, wie in Venedig, Handelswege für Waren aller Art. Entlang einiger dieser Wasserwege stehen alte Häuser über Bogengängen, die Händler und Käufer vor Regen schützen. Die Kanäle haben, je nach Wetter, eine ganz eigene Aura. Mit dem Einbruch der Dunkelheit werden sie szenografisch ausgeleuchtet.
Wer sich durch das Gassengewirr der Altstadt treiben lässt, verliert schnell die Orientierung, was ungemein reizvoll ist. Beim Rundgang wird man auf eine Insel mitten in einem Kanal stoßen, Pescheria genannt. Das ist einer der magischen Orte Trevisos: Hier, wo seit Jahrhunderten Fisch verkauft wird, laufen viele Gassen und Kanäle zusammen.
BERÜHMTES GEMÜSE
Der Radicchio Rosso di Treviso ist eine Spezialität in Rot und Weiß – ein knackiges Gemüse mit einem unvergesslich zartbitteren Geschmack. Produziert wird er zwar nicht nur in Treviso, sondern auch in Nachbarkommunen, doch Kennern zufolge kommt der beste Radicchio aus der Stadt der Kanäle. Als typisches Wintergemüse findet er in Salaten, als Nudelfüllung und bei nahezu allen Gerichten Verwendung. Es gibt in Treviso sogar ein lokal gebrautes Bier, das mit Radicchio aromatisiert wird. Das Gleiche gilt für eine städtische Teespezialität. Ein Konsortium wacht darüber, dass der Radicchio auch wirklich nur aus Treviso und seiner Umgebung stammt. Natürlich trägt die Spezialität das begehrte Herkunfts- und Qualitätsgütesiegel IGP!
WEITERE INFORMATIONEN
Treviso,
www.visittreviso.it

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TORCELLO – EIN TRAUM VON EINER INSEL
RUHEPOL IN DER LAGUNE

Unter den vielen Inseln vor Venedig gibt es eine, die einen besonderen Reiz ausübt und die bis heute vom Massentourismus verschont blieb. Eine Stippvisite würde Torcello aber nicht gerecht. Nur mit etwas Zeit offenbart die Insel ihren ganzen Charme.
Ernest Hemingway liebte Torcello. Hier ging er jagen und wohnte in der Locanda Cipriani, die einst das Landhaus der Eigentümer von Harry’s Bar in Venedig war. Ob der US-amerikanische Schriftsteller auf Torcello seine enge Freundschaft zur bildschönen Gräfin Adriana Ivancich vertiefte, in seinem Hotelzimmer oder in seinem kleinen Haus, der Casa rossa, ist unklar. Klar ist hingegen, dass der Autor sich in das Eiland verliebte.
Fluchtort seit 1500 Jahren
Außerdem steht fest, dass Torcello zu den allerersten Inseln der Lagune gehörte, auf denen sich ganz am Rand des Römischen Reiches Menschen vom Festland niederließen, um vor möglichen Barbareneinfällen sicher zu sein. Angeblich nannten sich diese Leute Turris. Der Insel gaben sie den Namen Turricellum, woraus dann Torcello wurde.
Seit dem Jahr 638 ist die Insel Bischofssitz. Die Geistlichen brachten wichtige Reliquien und pflegten gute Beziehungen zu Kaufleuten. Zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert entwickelte sich Torcello zu einem bedeutenden Handelszentrum. Rund 20 000 Menschen sollen hier einst gelebt haben – auf nur 0,44 Quadratkilometer Land! Heute sind es noch knapp 20 Menschen, die auf Torcello leben, umgeben von viel Natur und Ruhe und großer Kunst.
Wertvolle Kirchenkunst
Gleich zwei Kirchen gibt es zu besichtigen, wobei S. Maria Assunta zu den kunsthistorisch bedeutendsten in ganz Nordostitalien gehört. Errichtet im 7. und erweitert im 11. und dann im 15. Jahrhundert, präsentiert sich das Gotteshaus heute im romanischen Stil. Drei Schiffe im Innern und die Decke werden von antiken und byzantinischen Säulen getragen. Der Mosaikfußboden stammt aus dem 11. Jahrhundert – ein Meisterwerk. Die gesamte Westseite des Innenraums wird von einem goldgrundigen Mosaik aus dem 12. und 13. Jahrhundert geschmückt. Das komplett erhaltene Kunstwerk zeigt das Jüngste Gericht mit zum Teil drastischen Bildern. Überall in der Kirche finden sich byzantinisch anmutende Mosaikkunstwerke. Besonders schön ist jenes in der Apsis, das die Madonna mit dem Jesuskind zeigt. Auch am Eingangsportal findet sich in der Lunette ein herrliches goldenes Mosaik mit der Gottesmutter. Wer beim Altar, auf der linken Seite, genau hinschaut, entdeckt eine Inschrift mit dem Datum 639. Damit ist das Gründungsjahr der Kirche gemeint. Es handelt sich hierbei um das zeitlich älteste historische Dokument der venezianischen Geschichte.
Die Kirche Santa Fosca hingegen, errichtet über den Reliquien der gleichnamigen Märtyrerin, ist innen ganz schlicht. Doch der romanische Bau aus dem 11. Jahrhundert strahlt eine große Ruhe aus, wie geschaffen zur Meditation.
Wandern und entspannen
Torcello eignet sich ideal zum Ausruhen nach dem Rummel in Venedig. Spazierwege laden zum Wandern und das einzige Inselhotel zum Verweilen ein; es ist nicht ganz preiswert, aber zauberhaft. Obwohl es aussieht wie eine einfache Herberge, bietet dieses seit 1934 existierende Hotel in jedem seiner nur fünf Gästezimmer allen Komfort. Und dazu ein Restaurant, das zu den besten der ganzen Lagune gehört. In der Locanda wohnten und speisten neben Hemingway auch Prinz Charles und Lady Diana, Elton John und andere Prominenz. Kein Spaß für jedermann, doch wer ein paar Tage das ganz Besondere auf einer Insel mitten in der Lagune sucht, der wird es hier finden.
FREI VON VENEZIANISCHEM RUMMEL: DIE EINSAM IN DER LAGUNE GELEGENE INSEL TORCELLO MIT IHRER BERÜHMTEN KIRCHE. JÜNGSTE FORSCHUNGEN ERGABEN, DASS DAS GOTTESHAUS SAMT SEINEN WANDMALEREIEN UNTER DEM EINFLUSS DER KAROLINGER ERRICHTET WURDE.
GEMÜTLICHE ÜBERFAHRT
Nach Torcello kommt man ganz schnell mit dem Wassertaxi, die Insel liegt ja nicht weit vom Markusplatz entfernt. Doch sollte man sich Zeit nehmen, um sie zu erreichen. Das Linienboot, das auch wesentlich preiswerter als das teure Wassertaxi ist, braucht etwas mehr als eine Stunde. Es hält an verschiedenen anderen Inseln, von denen man einen Eindruck gewinnt. Diese eine Stunde Fahrzeit gemächlich durch die Lagune schafft Distanz zum Trubel, und man kommt innerlich zur Ruhe. Wer Torcello so erreicht, ist in der richtigen Stimmung, um im langsamen Leben der Insel aufzugehen.
WEITERE INFORMATIONEN
Torcello,
www.turismovenezia.it
Locanda Cipriani,
www.locandacipriani.com
ACTV, Wasserbusse,
www.muoversi.venezia.it

AN DER PIAZZA SAN CARLO SCHLÄGT DAS BAROCKE HERZ DER EINSTIGEN KÖNIGSSTADT TURIN. VON DEN HÜGELN BIETET SICH EIN FANTASTISCHER BLICK AUF TURIN UND DIE BEI GUTEM WETTER SEHR NAH SCHEINENDEN ALPEN.

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TURIN – DER COOLE KLASSIKER
FIAT, BAROCK-FINESSEN UND VIEL FLAIR

Die frühere Hauptstadt des Königreichs glänzt mit barocken Schlössern, eleganten Kaffeehäusern, einer Auto-Rennstrecke auf einem Fabrikdach und dem wichtigsten ägyptischen Museum nach Kairo. Und die Berge liegen gleich um die Ecke.
Es gibt nur wenige italienische Städte, die einerseits so viel zu bieten haben wie Turin, die aber andererseits so selten von Italienreisenden besucht werden. Das mag an der geografischen Lage im Nordwesten Italiens liegen, vor allem aber kommen so wenig Reisende, weil sie nicht ahnen, was ihnen in Turin, der 890 000-Einwohner-Stadt, entgeht.
Stolze Bauten
Das piemontesische Königshaus wollte in Sachen Kunst und Architektur Eindruck beim mächtigen Nachbarn Frankreich hinterlassen. Und so entstand im 18. Jahrhundert ein für seine Zeit modernes Stadtbild mit geraden Straßen und Alleen, flankiert von Prachtbauten, deren Stil französische Einflüsse verraten. Dazu gehört der Palazzo Madama mitten im historischen Zentrum – ein Meisterwerk von Baumeister Filippo Juvarra, dessen eleganter und nicht überladener Barockstil im Turin des 18. Jahrhunderts groß in Mode war. Im Palazzo Madama ist heute das Museo Civico d’Arte antica untergebracht, eine Gemäldesammlung mit Hauptwerken von Malern wie Antonello da Messina und Jan van Eyck.
Der Renaissancedom wurde im Barock prächtig umgebaut. In der Cappella della Sacra Sindone aus dem späten 17. Jahrhundert ist das Heilige Grabtuch untergebracht, eine der wichtigsten und zugleich wissenschaftlich umstrittensten Reliquien der katholischen Christenheit.
Über das Innenstadtgebiet, das im 19. und 20. Jahrhundert verschiedene Veränderungen erfuhr, liegen etliche barocke Prachtbauten verstreut, die vom Baufieber der Savoyen-Könige zeugen. In den vergangenen Jahren wurden diese Architekturjuwelen aufwändig restauriert – wie etwa die Armeria Reale, ein Teil des Palazzo Reale. In ihr ist eine der reichsten historischen Waffensammlungen der Welt untergebracht. Oder die elegante Piazza San Carlo, der Hauptplatz Turins: Symmetrisch stehen sich Palazzi des 18. Jahrhunderts mit Bogengängen gegenüber. Wie auf einem Bühnenbild wird der Platz am südlichen Eingang von zwei Barockkirchen eingefasst.
Im Palazzo Carignano, einem der besonders französisch wirkenden Barockbauwerke der Stadt, riefen italienische Patrioten 1861 das Königreich Italien aus.
Zehn Jahre nach dem Ereignis gestaltete man den Garten des Palastes zur Piazza Carlo Alberto um. Ein Reiterstandbild erinnert an den König, der sich Mitte des 19. Jahrhunderts liberalen Ideen öffnete.
Besonders reizvoll: die Palazzina di Caccia di Stupinigi am Stadtrand. König Vittorio Amedeo II. ließ sich von Filippo Juvarra dieses vielleicht schönste, größte und eleganteste Jagdschloss Italiens errichten.
Stadt der Museen
Italiens viertgrößte Stadt bietet Museen-Unikate. Neben ungewöhnlich reichen Sammlungen wie etwa der Galleria Sabauda, eine der bedeutendsten Gemäldesammlungen Europas, gibt es das wichtigste Filmmuseum des Landes, das Museo Nazionale del Cinema. Untergebracht ist dieses interaktive Museum im kuriosen Gebäude der Mole Antonelliana, deren Turm ganze 165,15 Meter aufragt und von überall zu sehen ist. Das Museo Egizio, erst vor wenigen Jahren komplett modernisiert und szenografisch eingerichtet, ist neben dem Nationalmuseum in Kairo das wichtigste seiner Art weltweit. Es präsentiert ägyptische Grabfunde, Kunstwerke, Sarkophage, Mumien und ausgezeichnet erhaltene Hieroglyphen.
DAS JAGDSCHLOSS STUPINIGI GILT WEGEN SEINER GRÖSSE UND PRACHT ALS EIN SCHLOSS DER SUPERLATIVE. AUF DEM DACH DER EHEMALIGEN FIAT-TESTSTRECKE PARKT EIN UFO, DAS IN WIRKLICHKEIT EINE KUNSTHALLE FÜR WECHSELAUSSTELLUNGEN IST.
Etwas außerhalb des historischen Zentrums, im Stabilimento FIAT Lingotto, kann die Teststrecke des Fiat-Konzers auf dem Dach der Exfabrik bestaunt werden. Heute ist in dem Riesenbau aus den 1930er-Jahren unter anderem ein minimalistisch eingerichtetes Luxushotel untergebracht.
Mekka für zeitgenössische Kunst
Und noch eine Perle offenbart Turin. Wie in nur wenigen anderen Kommunen Italiens wird hier zeitgenössische Kunst gefördert, privat von Stiftungen und in Galerien oder öffentlich in der Galleria Civica d’Arte Moderna und im Museo d’Arte Contemporanea im Castello di Rivoli vor den Toren der Stadt. Jedes Jahr im Herbst findet hier die Artissima statt, eine der wichtigsten Messen für zeitgenössische Kunst.
In der piemontesischen Landeshauptstadt lebt eine große Anzahl von Sammlern, die ihre Kunst auch der Öffentlichkeit zugänglich macht. Wie etwa Patrizia Sandretto Re Rebaudengo, die als eine der einflussreichsten Frauen in der italienischen Kunstszene gilt. In der Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, untergebracht in einem schlichten Kunsthaus, entworfen vom Architekten Claudio Silvestrin, zeigt sie die Highlights ihrer 1500 Werke umfassenden Sammlung internationaler Künstler. Die Fondazione Merz stellt die Werke von Mario Merz aus, der als einer der wichtigsten italienischen Exponenten der sogenannten Arte Povera gilt. Das Museum befindet sich in einer ehemaligen Fabrik.
Die Galleria Civica d’Arte Moderna e Contemporanea ist eines der ersten und reichsten städtischen Museen für moderne und zeitgenössische Kunst in ganz Italien, entstanden viele Jahre bevor andere Kommunen solche Häuser einrichteten. Die GAM, wie sie genannt wird, präsentiert mehr als 45 000 Gemälde, Fotografien und Skulpturen, darunter von vielen Klassikern der Kunst des 20. Jahrhunderts wie etwa Paul Klee, Michelangelo Pistoletto und Filippo De Pisis.
Das Museo dell’Arte Contemporanea im Castello di Rivoli, einem Schloss, das auf das 10. Jahrhundert zurückgeht, gibt zeitgenössischem Kunstschaffen in all seinen Facetten Raum. Immer wieder sorgt es mit seinen Ausstellungen für großes Aufsehen.
HISTORISCHE KAFFEEHÄUSER
Turin ist neben Triest Italiens Hauptstadt der traditionellen Kaffeehäuser. Das Belle-Epoque-Café Baratti & Milano von 1875 ist für seine Nougatschokolade berühmt, das Mulassano von 1907, ganz im Stil des Art Nouveau eingerichtet, für die ersten Tramezzini-Schnittchen und das 1793 eröffnete Caffè Confetteria Al Bicerin für das Bicerin, das beliebte heiße Getränk aus Kaffee, Schokolade und Milchcreme. Das Caffè Gelateria Fiorio stellt seit 1780 Eisspezialitäten her, besonders gut schmeckt das Gianduia-Eis. Prunkvoll ausstaffiert hat sich das historische Caffè San Carlo am gleichnamigen Platz mit Kristalkronleuchter, Stukkaturen und viel Marmor. Dazu gibt es Kuchen und Torten zum Schwachwerden. Das Caffè Platti, das Caffè Torino und andere erstrahlen noch heute in der üppigen Pracht des 19. Jahrhunderts – frequentiert und geliebt von den Einheimischen.
WEITERE INFORMATIONEN
Turin,
www.turismotorino.org
Museo Egizio,
www.museoegizio.it
Königsschlösser,
www.residenzereali.it

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PAVIA – GEISTIGE GRÖSSE UND SCHLICHTE SCHÖNHEITEN
PERLE DER LOMBARDEI

Wo Bildung schon seit dem 9. Jahrhundert großgeschrieben wird, wo sich eine der beeindruckendsten Kartausen Europas erhebt und man den romantischen Charme italienischer Kleinstädte ganz ohne touristischen Rummel genießen kann – in Pavia findet sich alles.
Bereits im Jahr 825 hatte Kaiser Lotario I., König Italiens und später Kaiser der Karolinger, in der von den Römern gegründeten Kleinstadt die sogenannte Scuola Palatina eingerichtet. Sie war eine der ersten europäischen Bildungseinrichtungen des Mittelalters, die an antike Vorbilder anknüpfte. Kaiser Karl IV. gründete 1361 die Universität Pavia, die schnell zu einer der wichtigsten und einflussreichsten von ganz Italien heranwuchs. Der Baumeister des Mailänder Opernhauses Teatro alla Scala, Giuseppe Piermarini, schuf im Auftrag von Kaiserin Maria Theresia um 1770 einen prächtigen Neubau mit der ehrwürdigen Bibliothek im Salone Teresiano. Die Universität Pavia bezeugt den großen kulturellen Reichtum dieser Provinzstadt, die immer ein wenig im Schatten des urbanen Giganten Mailand im Norden stand.
Stadt der Türme
Die mittelalterlichen Dichterfürsten Petrarca und Boccaccio nannten Pavia »Stadt der 100 Türme«. Einflussreiche Familien errichteten mehr als 100 sogenannte Geschlechtertürme, um ihre Macht und ihren Wohlstand für alle gut erkennbar zu demonstrieren. Nur einige dieser hohen Türme blieben erhalten, wie etwa der 60 Meter hohe Torre Belcredi aus dem 13. Jahrhundert oder der Torre del Maino, 51 Meter hoch. Die Stadt der Türme liegt am Ufer des Ticino und hat im Wesentlichen ihr mittelalterliches Bild erhalten.
Das im 14. Jahrhundert errichtete Castello Visconteo mit seinen abweisenden Wehrtürmen beherbergt heute das Stadtmuseum mit Funden von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. In der Pinacoteca Malaspina, einer kleinen, aber feinen Gemäldesammlung, sind Meisterwerke von Giovanni Bellini, von Antonio da Correggio, Antonello da Messina, Giovanni Battista Tiepolo und vielen anderen großen Namen der italienischen Kunstgeschichte ausgestellt.
Wahre Kirchenschätze
Besucher sollten vor allem drei Gotteshäusern einen Besuch abstatten. San Pietro in Ciel d’Oro ist eines der schönsten Beispiele romanischer Architektur in Norditalien. Über dem Altar befindet sich die Arca di S. Agostina: Die Knochenreliquie des Heiligen Augustinus soll schon im 8. Jahrhundert nach Pavia gelangt sein. Santa Maria del Carmine gilt als eines der schönsten Beispiele der von Nordeuropa beeinflussten Gotik, die vor allem in der Lombardei Verbreitung fand. Mit dem Bau wurde 1375 begonnen. Der Innenraum ist eine Art Kunstmuseum. Besonders berührt das Gemälde »Der Schutzengel« des Barockmalerstars Sebastiano Ricci von 1694.
San Michele, eine Gründung der Langobarden, ist das eindrucksvollste Gotteshaus Pavias. Hier wurden verschiedene Kaiser gekrönt, darunter der Deutsche Barbarossa. Auch diese Kirche präsentiert außen und innen schlichte und elegante romanische Architektur, ganz ohne störende Hinzufügungen späterer Jahrhunderte. Der Dom hingegen ist ein Meisterwerk der Renaissance von 1488. Der berühmte Baumeister Donato Bramante soll die Krypta entworfen haben.
Als Hauptflaniermeile des Städtchens mit 73 000 Einwohnern führt die Strada Nuova fast schnurgerade vom Castello zum Fluss. Rechts und links erheben sich Prachtbauten wie das Teatro Fraschini aus dem späten 18. Jahrhundert, die alte Universität, Kirchen, Paläste und das 1449 gegründete Ospedale S. Matteo. Apropos Flanieren: Pavias Altstadt ist fast komplett verkehrsberuhigt. Zahlreiche Cafés, Lokale und Geschäfte laden zum Verweilen ein.
AUCH PAVIA IST KEIN ZIEL FÜR DIE BREITE MASSE, SONDERN PRÄSENTIERT SEINE SCHMUCKE ALTSTADT GANZ ENTSPANNT. IN DER KÜNSTLERISCHEN BLÜTEZEIT ZWISCHEN DEM 14. UND 16. JAHRHUNDERT ENTSTANDEN ZAHLREICHE MEISTERWERKE.
UNVERÄNDERT SEIT JAHRHUNDERTEN
1376 wurde mit dem Bau der Kartause von Pavia, der Kirche und Grabstätte der Familie Visconti, begonnen. Entstanden ist ein hochgotisches und mit Frührenaissance-Elementen ausgeschmücktes Gebäude von eleganter Schönheit. Die reichverzierte Fassade stammt aus dem 15. Jahrhundert. Im Innenraum glorifizieren Wandbilder die Taten der Mailänder Fürstenfamilie Visconti. Die Kruzifixe und andere Sakralkunstwerke wurden zumeist im späten 15. Jahrhundert von regionalen Meistern geschaffen. Auch die beiden Wandelgänge, Chiostro Piccolo und Grande, stammen aus jener Zeit. Die Kartause liegt 15 Autominuten nördlich von Pavia.
WEITERE INFORMATIONEN
Pavia,
www.visitpavia.com
Pinacoteca di Malaspina,
https:malaspina.museicivici.pavia.it
Kartause von Pavia,
www.certosadipavia.it

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MANTUA – VON DEN GONZAGA BEGÜNSTIGT
GRAFEN, GEMÄLDE UND GIGANTEN

Gleich drei Seen umgeben dieses architektonische Stadtjuwel, das besonders bei schlechtem Wetter, bei Nieselregen und Nebel, ungemein verzaubern kann. Den Charme vergangener Jahrhunderte entdecken Spaziergänger an vielen Ecken Mantuas.
Mittelsee, Unterer und Oberer See: Gleich drei Gewässer umgeben das kleine, aber historisch sehr reiche Altstadtgebiet Mantuas. Hier lebten Menschen schon vor rund 6000 Jahren – wie der Fund der sogenannten »Liebenden von Valdaro« beweist, ein uraltes Skelettpaar, das 2007 in einem neolithischen Grab bei der Kirche San Giorgio entdeckt wurde. Doch erst mit den Römern wurde die von den Etruskern gegründete Ortschaft eine Stadt. Benannt ist sie übrigens nach der griechischen Wahrsagerin Manto.
Gonzaga und Österreicher
Mantua erhielt sein heutiges Aussehen durch die einst mächtigen und kunstsinnigen Gonzaga, ein Adelsgeschlecht, das seinen politischen Aufstieg den römisch-deutschen Kaisern verdankte. Sie machten aus den lokalen Grafen einflussreiche Herzöge. Nach verschiedenen historischen Wirren wurde Mantua österreichisch. Bis auf eine Unterbrechung durch die Herrschaft Napoleons blieb das so bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit entwickelte sich Mantua zu einer geruhsamen und ziemlich provinziellen Kleinstadt. Die malerisch von Wasser umgebene Altstadt ist derart gesteckt voll mit erstklassig erhaltenen Bauwerken, dass sie seit 2008 auf der Liste der UNESCO-Welterbestätten steht. Das sollten Besucher wissen: Es gibt genug Sehenswertes für zwei ganze Tage Programm im 50 000-Einwohner-Städtchen.
Im Saal der Verheirateten
Das politische Zentrum Mantuas war lange der mächtige Palazzo Ducale. Von hier aus regierten die Gonzaga ihren Zwergstaat. Errichtet im 14. Jahrhundert und immer wieder ausgebaut, verfügt dieser Palazzo heute über rund 450 Räume! Einen davon schmücken die berühmtesten Fresken der gesamten italienischen Kunstgeschichte aus. Es war der Renaissancemaler Andrea Mantegna, der Mitte des 15. Jahrhunderts die Camera degli sposi, das »Zimmer der Verheirateten«, schuf. Kunstvolle Malereien bedecken dort sämtliche Wandflächen. Das Deckengemälde zeigt einen offenen Himmel, aus dem Personen, darunter auch Putten, auf den Betrachter hinabschauen.

SEIT JAHRHUNDERTEN UNVERÄNDERT: DER BLICK AUF DIE ALTSTADT MANTUAS. TEATRO SCIENTIFICO BEDEUTET »WISSENSCHAFTLICHES THEATER« – UND WAR TATSÄCHLICH EINE BAROCKE BÜHNE UND EIN FESTSAAL DER ACCADEMIA NAZIONALE VIRGILIANA.
Wenige Schritte entfernt liegt die Kirche S. Andrea, die Renaissance-Star Leon Battista Alberti im späten 15. Jahrhundert entwarf. Fertiggestellt wurde das große Gotteshaus aber erst zur Zeit des Barock. Der Turiner Baumeister Juvarra schuf im 18. Jahrhundert die Kuppel. Das Kircheninnere ist eindrucksvoll: Drei große Neben- und zahllose Seitenkapellen sind mit Kunst ausgeschmückt – ein Triumph üppiger Verzierungen! Im Dom aus dem Mittelalter, der aber im Stil des römischen, also überaus dekorativen Barock umgebaut wurde, legte Giulio Romano Hand an. Der Hofmaler, Architekt und Baumeister ließ sich für sein Umbauprojekt vom Peters dom inspirieren.
Von Operationen zur Oper
Eines der kuriosesten und einzigartigsten Bauwerke Italiens ist das Teatro Scientifico. Der Name, »wissenschaftliches Theater«, erinnert an jene Zeit in der Renaissance, als Mediziner Operationen vor Publikum durchführten. In verschiedenen historischen Universitäten Italiens finden sich noch heute solche »Theaterräume«. Das Mantovaner Teatro Scientifico präsentiert sich dem Besucher als eine Art Opernhaus. Entworfen hat es Antonio Galli Bibiena, der bekannteste Bühnenbildner des Rokoko. 1769 wurde das Theater eingeweiht, ein Schmuckstück mit vier Rängen, Kristalllüstern und goldenen Dekorationen sowie, ganz im Stil des damals dominierenden Rokoko, reichlich Schnörkeln.
Hier trat übrigens im Dezember 1769 der noch nicht 14-jährige Mozart auf und spielte eigene Kompositionen. Das Innere dieses Theaters ist bis heute unverändert geblieben – selbst für Italien eine Seltenheit.
IN MANTUAS ALTSTADT SCHMIEGEN SICH WOHN- UND GESCHÄFTSHÄUSER AN DIE BASILIKA. DIE REPRÄSENTATIONSRÄUME IM PALAZZO DEL TE SIND ÜBER UND ÜBER MIT WANDMALEREIEN VERSEHEN.
Prachtvoller Palazzo del Te
Im Süden der Altstadt, bequem zu erreichen durch die fast schnurgerade Via Roma, die in die Via Principe Amadeo übergeht, erhebt sich ein Meisterwerk der Renaissance: Giulio Romano, übrigens ein Schüler von Raffael, entwarf jenes Lustschloss. Wegen seiner Lage auf der Insel Isola del Teieto wird es nur Palazzo del Te oder Palazzo Te genannt. Es handelt sich um eines der schönsten Beispiele der Architektur des italienischen 16. Jahrhunderts.
Den reckteckigen Bau mit einem Innenhof und verschiedenen Gärten schmückten Maler der Spätrenaissance, darunter Rinaldo Mantovano, mit eindrucksvollen Fresken aus. Dargestellt werden Bankette mit griechischen Göttern und, einfach fantastisch, lebensgroßen Pferden und überlebensgroßen Giganten. Diese Malereien haben schon Zeitgenossen sprachlos gemacht wie etwa Kaiser Karl V., als dieser hier 1530 von Federico II. Gonzaga beherbergt wurde.
Heute präsentiert sich der Palazzo del Te fast leer: 1630 wurde Mantua geplündert. Nur die Fresken blieben erhalten. Nicht wenige Besucher fühlen sich beim Gang durch die großen ausgemalten Säle, als würden sie durch einen riesigen Comic spazieren. Immerhin besetzt das kommunale Museum einige Räume. Interessant vor allem für Liebhaber alter Münzen ist eine Sammlung aus 400 historischen Geldstücken aus dem frühen 14. bis zum 18. Jahrhundert. Sehr reizvoll liegt auf dem Gelände des Palazzo Te das Casino delle Grotte. Man bummelt durch aufeinanderfolgende Räume, die rund um eine Loggia und eine Grotte angelegt wurden. Beim Bummel durch Mantua stößt man auch auf das Museo Diocesano Francesco Gonzaga. Statt weltbekannter Meisterwerke wartet hier die Sammlung sakraler Goldarbeiten und Gemälde aus dem späten Mittelalter bis ins Barock auf den geneigten Besucher.
AUF WASSERWEGEN RUND UM MANTUA
Die Barcaroli, die Schiffsleute von Mantua, bieten reizvolle Ausflüge nicht nur auf dem See, sondern auch auf dem Fluss Mincio, der westlich der Stadt verläuft. Vom Wasser aus ist der Blick auf das historische Mantua besonders schön. Keine modernen Gebäude stören die Silhouette, die sich wie auf einem alten Gemälde präsentiert. Die Barcaroli sul Mincio bieten zudem Ausflüge an, etwa von Mantua nach Rivalta – ein Naturschutzgebiet, das als eines der bekanntesten von Norditalien gilt. Reizvoll ist auch der Besuch der Wallfahrtskirche delle Grazie bei Curtatone, einem alten Fischerdorf, wo Regisseur Bernardo Bertolucci sein Filmdrama »Novecento« inmitten einer bukolischen Landschaft mit Reihern, Sümpfen und vielen Arten von Wasservögeln drehte.
WEITERE INFORMATIONEN
Mantua,
www.mantova.com
Palazzo Te,
www.palazzote.it
Barcaroli-Touren,
www.fiumemincio.it

DER PALAZZO DEL TE ZÄHLT ZU DEN EINDRUCKSVOLLSTEN RENAISSANCE-BAUWERKEN GANZ NORDITALIENS.

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MONTAGNANA – DIE UMMAUERTE
PERFEKTER SCHUTZ

Sogar viele Italiener kennen Montagnana nicht. Wirklich schade, denn die Kleinstadt hat etwas ganz Besonderes zu bieten: Es gibt in Europa nur sehr wenige Orte, die seit Jahrhunderten von einer derart beeindruckenden Wehrmauer umgeben sind.
Allein die Maße machen staunen: Sie ist zwischen 6,5 und 8 Meter hoch und zwischen 96 und 100 Zentimeter dick. Ganze 24 Wehrtürme stehen ringsum, alle 60 Meter erhebt sich einer. Diese Türme messen zwischen 17 und 19 Meter Höhe. Innerhalb des Mauerrings existiert ein Gang, der es Besuchern erlaubt, die gesamte Altstadt zu umrunden. Das Ortszentrum innerhalb der Mauern hat die Form eines Rechtecks im Format 600 mal 300 Meter. Montagnana in der Provinz Padua besitzt diese wahrhaft epochale Stadtmauer, eine der am besten erhaltenen weltweit und eines der anschaulichsten Beispiele mittelalterlicher Wehrarchitektur. Es war die Familie der Carraresi, die Mitte des 13. Jahrhunderts den ersten Mauerring errichten ließen. Schließlich lag der Ort damals im Grenzgebiet zwischen Padua mit der Herrscherfamilie Carrara und den gegnerischen Scaligeri, die das benachbarte Verona regierten.
Von der Geschichte vergessen
Heute präsentiert sich Montagnana als kurioser und stiller, romantischer und fast schon ein wenig weltabgeschiedener Ort. Keine 9000 Menschen leben hier. Von den Römern gegründet, gehörte die Siedlung zwischen 1405 und 1707 zur Republik Venedig.
Bei einem Rundgang durch Montagnana gibt es dennoch einiges zu entdecken. Der Umstand, dass das Städtchen seit Jahrhunderten tiefste Provinz ist, hat dazu geführt, dass viel historische Bausubstanz erhalten blieb. Neben der Stadtmauer aus dem Mittelalter zählen dazu das Netz alter Straßen, die das Zentrum durchziehen, und die historischen Gebäude, die allesamt aus der Zeit zwischen der Renaissance und dem 19. Jahrhundert stammen.
BIS HEUTE IST MONTAGNANA KOMPLETT VON EINER MITTELALTERLICHEN WEHR-MAUER UMGEBEN. WIE EIN BÜHNENBILD WIRD DIE ALTSTADT NACH EINBRUCH DER DUNKELHEIT AUSGELEUCHTET.
Der Dom aus dem späten 15. Jahrhundert trägt spätgotische Züge und birgt einen Gemäldeschatz: eine Transfiguration des venezianischen Starmalers Paolo Veronese. Auf einem anderen Gemälde wird die Schlacht von Lepanto dargestellt, in der 1571 ein christliches Heer muslimische Angreifer abwehren konnte. Die Kircheninnenwände zeigen Fresken, darunter eines, das erst kürzlich einem der ganz großen Künstler der italienischen Renaissance zugeschrieben werden konnte: Giorgione.
Rundgang durch die Altstadt
Vor dem Dom an der Piazza erheben sich verschiedene Palazzi. Das Rathaus in der nahen Via Carrarese ist ein Werk des Renaissancebaumeisters Michele Sanmicheli von 1538. Das Ospedale di Santa Maria, ein frühes Krankenhaus, es befindet sich in der Via dei Montagnana, soll vom Templerorden errichtet worden sein. Etwas außerhalb der Altstadt steht eines der Hauptwerke des Renaissance-Allroundkünstlers Andrea Palladio, dessen Stil über mehrere Jahrhunderte hinweg den Bau von Landvillen beeinflusste. Die Villa Pisani aus den 1550er-Jahren ist ein ungemein eleganter rechteckiger Bau mit nur wenig Dekorationen. Meister Palladio wollte damit direkt an die architektonischen Vorbilder der klassischen römischen Antike anknüpfen.
Montagnana verfügt, wie kann es anders sein, über gleich zwei Burgen. Die Rocca degli Alberi aus dem 14. Jahrhundert diente allein der Verteidigung der Stadt. Das Castello di San Zeno wurde dagegen auch bewohnt, unter anderen von den Este-Herzögen. Beide Anlagen sind sehr gut erhalten und vermitteln einen schönen Eindruck mittelalterlicher Prachtarchitektur.
FEIER FÜR DIE FREIHEIT
Seit 1977 wird an jedem ersten Sonntag im September, gutes Wetter ist also mehr oder weniger garantiert, der sogenannte Palio dei 10 Comuni del Montagnanese veranstaltet. Ein Volksfest, an dem nicht nur die Bewohner der Altstadt, sondern die Bürger aller Stadtviertel auch außerhalb der Mauern teilnehmen. Erinnert wird mit Umzügen und Wettkämpfen in historischen Gewändern an das Ende der Tyrannei von Ezzelino III., dem Fürchterlichen. An diesem Festtag präsentiert sich fast die ganz Altstadt wie ein Set für einen Kinofilm zum Thema Mittelalter, und gute Gerüche nach den lokalen Leckereien wehen durch die Gassen. Abends steckt ein Feuerwerk die Rocca degli Alberi »in Brand«.
WEITERE INFORMATIONEN
Montagnana,
www.visitmontagnana.it
Palio dei 10,
www.palio10comuni.it

IN PARMA STEHT EINES DER SCHÖNSTEN HISTORISCHEN OPERNHÄUSER GANZ ITALIENS. DER ZENTRALE PLATZ, DIE KIRCHE UND IHRE TAUFKAPELLE – UND ALLES IM ELEGANTEN STIL NORDITALIENISCHER ROMANIK ANGELEGT …

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PARMA – FÜR AUGEN, OHREN UND DEN GAUMEN
STADT DER SINNENFREUDE

Schinken, Käse und Nudeln, die restaurierte und gepflegte Altstadt, ein tolles Musikleben mit einem berühmten Theater und viel Kunst: Die Stadt an der antiken Via Aemilia ist ein Ort des Genusses. Feinschmecker wie Kulturfreunde kommen hier auf ihre Kosten.
Das heimliche Zentrum von Parma ist keine Kathedrale, kein Dom und auch kein eindrucksvoller Palast. Das Zentrum der Stadt, und das stellt schon ein Unikum im katholischen Italien dar, ist ein Ort des Genusses und der Musik mit dem Teatro Regio als ihrem Tempel. Für seine Opern und Konzerte reisen Musikfans aus ganz Italien und dem Ausland an. Herzogin Maria Luisa entschied im frühen 19. Jahrhundert, dass das Theater von 1689 zu alt sei. Etwas Modernes sollte her. Dafür wurde ein Kloster abgerissen und ein neues großes Theater mit 1800 Plätzen errichtet. Am 16. Mai 1829 feierte es Eröffnung mit der Oper »Zaire« von Vincenzo Bellini. Ein Werk, das die Musikliebhaber Parmas eigens bei dem Sizilianer in Auftrag gegeben hatten.
Die klingende Mitte
Später kam es zu Umbauten, und so erscheint das Teatro Regio heute als ein Meisterwerk neoklassizistischer Architektur mit einem der schönsten historischen Säle Europas. Von der Decke hängt der riesige Kronleuchter von 1853, der bis heute in Betrieb ist. Das Regio, wie es in Parma heißt, war immer schon ein Ort bedeutender Aufführungen. Hier präsentierten die ganz großen Komponisten ihre Werke und bedeutende Solisten ihre Fähigkeiten. Auf der Bühne des Regio sangen Maria Callas und Mirella Freni, Renata Scotto und Luciano Pavarotti. Eine Besichtigung der Bühne oder, besser noch, ein Opern- und Konzertabend gehören zum Parma-Besuch ebenso dazu wie mehrere Restaurantbesuche.
Die Cucina parmigiana ist ein Fall für sich. Uralt und hochberühmt hat sie radikale Anhänger, die fest davon überzeugt sind, dass jede Reise nach Parma lohnt, nur um dort essen zu gehen. Zum Probieren gibt es genug für mindestens eine Woche Aufenthalt. Mehr als zehn lokale erste Gänge gelten als gastronomische Klassiker. Fast alle setzen auf bestimmte Nudeln in ihren jeweiligen Formen. Da sind die Anolini und die Tortelli, vor allem die mit Kürbiscreme sind zum Tellerablecken. Dann kommen die Gnocchi und die Tagliolini-Nudeln mit dem verführerischen Culatello-Schinken. La Rosa di Parma ist ein Hauptgang, der aus Kalbfleisch mit Parmaschinken und geriebenem Parmakäse besteht. Fantastisch! Die Auswahl an lokalen Würsten und Aufschnitt sowie Käsesorten ist enorm. Den Parmaschinken kennt man in der ganzen Welt, aber am besten schmeckt er frisch geschnitten vor Ort. Zu alldem sollte man den Lokalmatador trinken, den roten spritzigen Lambrusco.
Eine Vielzahl traditioneller Lokale mit garantiert traditioneller Kost verteilt sich übers Stadtgebiet.
Reichlich Auswahl für die knapp 200 000 Einwohner und ihre Gäste!
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