Kitabı oku: «Sozialpsychologie»

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Der Autor

Prof. Dr. Tobias Greitemeyer ist Professor für Sozialpsychologie am Institut für Psychologie der Universität Innsbruck.

Tobias Greitemeyer

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2., erweiterte und aktualisierte Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-039480-3

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-039481-0

epub: ISBN 978-3-17-039482-7

Inhalt

1  Danksagung

2  Geleitwort

3  1 Themen und Methoden der Sozialpsychologie

4  1.1 Was ist Sozialpsychologie?

5  1.2 Sozialpsychologie ist eine Wissenschaft

6  1.3 Methoden in der Sozialpsychologie

7  1.3.1 Beschreibende Methode

8  1.3.2 Korrelationsmethode

9  1.3.3 Experimentelle Methode

10  1.3.4 Mediations- und Moderationsanalyse

11  1.3.5 Metaanalyse

12  Zusammenfassung

13  Literaturempfehlungen

14  2 Das Selbst

15  2.1 Das Selbstkonzept

16  2.2 Selbstwert

17  2.2.1 Expliziter Selbstwert

18  2.2.2 Impliziter Selbstwert

19  2.3 Selbstregulation

20  Zusammenfassung

21  Literaturempfehlungen

22  3 Soziale Kognition

23  3.1 Wie Schemata unsere Wahrnehmung steuern

24  3.1.1 Erwartungskongruente Bewertung von Informationen

25  3.1.2 Positive Teststrategie

26  3.1.3 Sich selbst erfüllende Prophezeiungen

27  3.2 Wie Schemata automatisches Handeln beeinflussen

28  3.3 Urteilsheuristiken

29  Zusammenfassung

30  Literaturempfehlungen

31  4 Soziale Wahrnehmung

32  4.1 Eindrucksbildung

33  4.1.1 Priming

34  4.1.2 Reihenfolgeeffekte

35  4.1.3 Implizite Persönlichkeitstheorien

36  4.1.4 Bestätigung von Erwartungen

37  4.2 Attributionen (Ursachenzuschreibung)

38  4.2.1 Attributionstheorien

39  4.2.2 Attributionsverzerrungen

40  4.2.3 Attributionale Theorien

41  Zusammenfassung

42  Literaturempfehlungen

43  5 Einstellungen

44  5.1 Einstellungen: Definition, Messung und Entstehung

45  5.1.1 Definition

46  5.1.2 Messung

47  5.1.3 Entstehung

48  5.2 Einstellung und Verhalten

49  5.2.1 Einfluss von Einstellungen auf Verhalten

50  5.2.2 Theorie des geplanten Verhaltens

51  5.2.3 Einfluss von Verhalten auf Einstellungen

52  5.3 Einstellungsänderung

53  5.3.1 Die Quelle

54  5.3.2 Die Argumente

55  5.3.3 Der Empfänger

56  5.3.4 Wie und warum wirken Überzeugungsversuche?

57  Zusammenfassung

58  Literaturempfehlungen

59  6 Sozialer Einfluss

60  6.1 Arten sozialen Einflusses

61  6.1.1 Informationaler Einfluss

62  6.1.2 Normativer Einfluss

63  6.2 Einflussstrategien

64  6.3 Der Einfluss von Rollen

65  6.4 Konformität

66  6.4.1 Der Einfluss der Mehrheit

67  6.4.2 Der Einfluss der Minderheit

68  6.5 Gehorsam

69  6.5.1 Die Milgram-Experimente

70  6.5.2 Für und wider Konformität und Gehorsam

71  Zusammenfassung

72  Literaturempfehlungen

73  7 Vorurteile

74  7.1 Definitionen

75  7.2 Formen von Vorurteilen und Diskriminierung

76  7.3 Ursachen von Vorurteilen und Diskriminierung

77  7.3.1 Konflikte zwischen Gruppen

78  7.3.2 Kategorisierung in »Wir« und »Die«

79  7.4 Folgen der Stereotypisierung für die betroffene Person

80  7.4.1 Bestätigung der Stereotype

81  7.4.2 Bedrohung durch Stereotype

82  7.5 Gegenmaßnahmen

83  Zusammenfassung

84  Literaturempfehlungen

85  8 Gruppen

86  8.1 Individuelle Leistung in Anwesenheit anderer

87  8.2 Leistung Einzelner in Gruppen

88  8.2.1 Koordinationsverluste

89  8.2.2 Motivationsverluste

90  8.2.3 Motivationsgewinne

91  8.3 Gruppenleistung

92  8.4 Urteilen und Entscheiden in Gruppen

93  8.4.1 Hidden Profiles

94  8.4.2 Gruppendenken

95  8.4.3 Gruppenpolarisation

96  Zusammenfassung

97  Literaturempfehlungen

98  9 Interpersonelle Attraktion und Liebesbeziehungen

99  9.1 Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit

100  9.2 Interpersonelle Attraktion

101  9.2.1 Vertrautheit und Ähnlichkeit

102  9.2.2 Physische Attraktivität

103  9.3 Romantische Beziehungen

104  9.3.1 Partnerschaftspräferenzen

105  9.3.2 Theorien interpersonaler Attraktion

106  9.3.3 Liebesbeziehungen

107  Zusammenfassung

108  Literaturempfehlungen

109  10 Hilfeverhalten

110  10.1 Warum helfen wir?

111  10.1.1 Evolutionäre Erklärung hilfreichen Verhaltens

112  10.1.2 Sozialer Austausch

113  10.1.3 Empathie-Altruismus-Hypothese

114  10.2 Wann helfen wir?

115  10.2.1 Anzahl der Zuschauer (Bystander)

116  10.2.2 Rollenmodelle und Medieneinflüsse

117  10.2.3 Residentielle Mobilität

118  10.3 Wer hilft?

119  10.3.1 Gibt es eine altruistische Persönlichkeit?

120  10.3.2 Geschlechtsunterschiede

121  10.3.3 Religion

122  10.3.4 Stimmungseffekte

123  10.4 Wem wird geholfen?

124  10.4.1 Ähnlichkeit zwischen Helfer und hilfesuchender Person

125  10.4.2 Physische Attraktivität

126  10.4.3 Attribution

127  10.5 Wie kann man Hilfsbereitschaft erhöhen

128  Zusammenfassung

129  Literaturempfehlungen

130  11 Aggression

131  11.1 Situative Determinanten aggressiven Verhaltens

132  11.1.1 Warum verhalten sich Menschen aggressiv?

133  11.1.2 Wann verhalten sich Personen aggressiv?

134  11.2 Persönliche Determinanten aggressiven Verhaltens: Welche Personen sind aggressiver als andere?

135  11.2.1 Geschlecht

136  11.2.2 Feindseliger Attributionsstil

137  11.2.3 Ehrenkultur

138  11.3 Zusammenspiel von Person und Situation

139  11.4 Ein integrierendes Modell

140  11.5 Wie kann Aggression reduziert werden?

141  11.5.1 Dampf ablassen: Katharsis

142  11.5.2 Bestrafung

143  11.5.3 Ärgermanagement und Reattributionstrainings

144  11.5.4 Medienkonsum

145  Zusammenfassung

146  Literaturempfehlungen

147  Literatur

148  Stichwortverzeichnis

Danksagung

Ich danke ganz besonders herzlich meinem Vater, Manfred Greitemeyer, der alle Kapitel gründlich korrekturgelesen und mit vielen Anmerkungen und Tipps geholfen hat. Weiterhin danke ich den beiden Herausgebern, Maria von Salisch und Bernd Leplow, für die wertvollen inhaltlichen Hinweise. Schließlich möchte ich mich bei Ulrike Merkel und Kathrin Kastl für das gründliche Lektorat bedanken, das dem Buch den letzten Schliff gegeben hat.

Geleitwort

Erkenntnisse der Psychologie werden täglich in den Medien transportiert. Junge Erwachsene drängeln sich um einen Studienplatz in diesem Fach. Denn die meisten Fragen der Gesellschaft von Morgen sind nicht ohne die Vorgehensweisen und Ergebnisse dieser Wissenschaft des menschlichen Erlebens und Verhaltens zu beantworten. Großbaustellen wie die Bewältigung von Digitalisierung und Globalisierung (inklusive Pandemien) oder der gesellschaftliche Umbau in Richtung Nachhaltigkeit lassen sich im Grunde nur mit Erkenntnissen zu individuellen und sozialen Weisen des Erlebens, deren Entstehungsbedingungen und möglichen Verhaltensveränderungen von Einzelnen und Gruppen sinnvoll bearbeiten. Psychologie ist zugleich innerhalb der Wissenschaft – so eine Analyse der Zitiermuster in über 7000 natur- und sozialwissenschaftlichen Fachzeitschriften – eine von sieben »hub sciences«, welche die Debatte zur Gewinnung wissenschaftlicher Einsichten bereichert und enge Verbindungen zu Nachbardisziplinen wie Neurowissenschaft, Psychiatrie, Gerontologie und andere Gebiete der Medizin auf der einen, Gesundheitswissenschaft und Public Health auf der anderen, Bildungswissenschaft auf einer dritten sowie Kommunikationswissenschaft, Recht, Volkswirtschaft und weitere Sozialwissenschaften auf einer vierten Seite aufweist. Ein Psychologiestudium erleichtert folglich den Zugang zu den Diskursen innerhalb dieser Disziplinen.

Das Studium der Psychologie erfolgt in Bachelor- und Masterstudiengängen, die auf Modulen basieren. Diese sind in sich abgeschlossen und bauen aufeinander auf. Sie sind jeweils mit Lehr- und Lernzielen versehen und spezifizieren, welche Themen und Methoden in ihnen zu behandeln sind. Aus diesen Angaben leiten sich Art, Umfang und Thematik der Modulprüfungen ab. Die Bände der Reihe Grundriss der Psychologie konzentrieren sich auf das umgrenzte Lehrgebiet des Bachelorstudiums.

Da im Bachelorstudium die Grundlagen des psychologischen Fachwissens gelegt werden, ist es uns ein Anliegen, dass sich jeder Band der Reihe Grundriss der Psychologie ohne Rückgriff auf Wissen aus anderen Teilgebieten der Psychologie lesen lässt. Jeder Band der Grundrissreihe orientiert sich an einem der Module, welche die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) für die Psychologieausbildung ausgearbeitet hat. Damit steht den Studierenden ein breites Grundwissen zur Verfügung, welches die wichtigsten Gebiete aus dem vielfältigen Spektrum der Psychologie verlässlich abdeckt. Dieses ermöglicht nicht nur den Übergang auf den darauf aufbauenden Masterstudiengang der Psychologie, sondern auch eine erste Berufstätigkeit im psychologisch-assistierenden Bereich.

Zugleich können Angehörige anderer Berufe, in denen menschliches Verhalten und Erleben Entscheidungsabläufe beeinflusst, von einem fundierten Grundwissen in Psychologie profitieren. Die Bandbreite reicht vom Fachjournalismus und allen Medienberufen über den Erziehungs- und Gesundheitsbereich, die Wirtschaft mit Human Resources, Produktgestaltung, Marketing und diversen Managementprofilen bis hin zu Angehörigen des Justizsystems und Führungskräften in Politik, Polizei und Militär. Die wissenschaftliche Psychologie bietet insofern – bei ethisch vertretbarer Anwendung – Methoden und Erkenntnisse, über welche Menschen die Gesellschaft in positiver Weise verändern können. Daher können auch Studierende und Praktizierende aus anderen als den klassischen psychologischen Tätigkeitsfeldern vom Wissen eines Bachelors in Psychologie profitieren. Weil die einzelnen Bände so gestaltet sind, dass sie psychologisches Grundlagenwissen voraussetzungsfrei vermitteln, sind sie auch für Angehörige dieser Berufsgruppen geeignet.

Wir wünschen den Leserinnen und Lesern vielfältige Einsichten und Erfolge mit den Bänden der Reihe Grundriss der Psychologie.

Maria von Salisch

Bernd Leplow

1 Themen und Methoden der Sozialpsychologie
Inhalt

Die Sozialpsychologie ist eine empirische Wissenschaft, die das menschliche Erleben und Verhalten in sozialen Situationen untersucht. Sozialpsychologische Untersuchungen verwenden vor allem drei wissenschaftliche Methoden: die beschreibende, die korrelative und die experimentelle Methode. Vermittelnde Mechanismen werden durch Mediationsanalysen aufgeklärt. Moderationsanalysen untersuchen, bei welchen Personengruppen zwei Variablen unterschiedlich stark in Beziehung stehen. Mehrere zuvor durchgeführte Untersuchungen werden in Metaanalysen zusammengefasst.

1.1 Was ist Sozialpsychologie?

Führt das Spielen gewalttätiger Computerspiele zu nachfolgender Aggression im wirklichen Leben? Bevorzugt man einen Partner, der einem ähnelt oder der einen ergänzt? Sollten Entscheidungen durch Individuen oder Gruppen getroffen werden? Wie effektiv sind Warnhinweise auf Zigarettenschachteln wie »Rauchen tötet«, dass Raucher aufhören zu rauchen? Das alles sind Fragestellungen der Sozialpsychologie.

Als Sozialpsychologe beschäftigt man sich mit dem Erleben und Verhalten des Menschen in Abhängigkeit von anderen Menschen. Wieweit wird also menschliches Erleben und Verhalten durch die soziale Umwelt beeinflusst?

Definition

Sozialpsychologie ist der Versuch zu verstehen und zu erklären, wie Gedanken, Emotionen und Verhaltensweisen von Individuen beeinflusst werden durch vorgestellte oder tatsächlich anwesende andere Personen (Allport, 1954b).

Gegenstandsbereiche in der Sozialpsychologie sind weite Teile des menschlichen Miteinanders:

• Wie denken wir über uns und unsere Umwelt?

• Wieweit lassen wir uns von anderen beeinflussen?

• Benachteiligen wir andere Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit?

• Wie erfolgreich sind wir in der Zusammenarbeit mit anderen?

• Wann sind wir bereit, anderen zu helfen?

• Wann wollen wir anderen schaden?

1.2 Sozialpsychologie ist eine Wissenschaft

Anders als beispielsweise bei der Nanotechnologie oder der anorganischen Chemie sind alle Menschen mit den Themen der Sozialpsychologie gut vertraut. Betrachten wir die folgenden drei sozialpsychologischen Aussagen:

• Das Mitverfolgen eines Boxkampfes im Fernsehen vermindert nachfolgende eigene aggressive Impulse.

• Personen in schlechter (gegenüber neutraler) Stimmung sind weniger bereit, einer Person in Not zu helfen.

• Kinder, denen eine geringe Strafe angedroht wird, wenn sie mit einem verbotenen Spielzeug spielen, schätzen die Attraktivität des Spielzeugs höher ein als Kinder, denen eine hohe Strafe angedroht wird.

Alle diese Behauptungen sind für uns wenig überraschend. Deshalb wird oft angezweifelt, ob die Sozialpsychologie eine empirische Wissenschaft darstellt, da sie nichts anderes als Annahmen des »gesunden Menschenverstands« bestätigt.

Viele Ergebnisse sozialpsychologischer Untersuchungen hätte man sicherlich vorhersagen können, manche jedoch auch nicht, und oftmals überschätzt man rückblickend die Vorhersehbarkeit eines Ereignisses (Fischhoff, 1975). Betrachten wir noch einmal die oben genannten drei Aussagen. Tatsächlich sind sie alle falsch, und jeweils das genaue Gegenteil ist der Fall (Aronson & Carlsmith, 1963; Carlson & Miller, 1987; Philips, 1983).

Merke

Alltagsannahmen stellen sich nach wissenschaftlicher Überprüfung oft als falsch heraus.

Das menschliche Alltagswissen über Sozialverhalten und sozialen Einfluss ist nicht immer zutreffend und bedarf einer wissenschaftlichen Überprüfung. Dies leistet die Sozialpsychologie, die mithilfe geeigneter wissenschaftlicher Methoden ihre Vorhersagen einem kritischen Test unterzieht.

Merke

Im Gegensatz zum »gesunden Menschenverstand« verwendet die Sozialpsychologie wissenschaftliche Methoden, um ihre Vorhersagen zu überprüfen.

1.3 Methoden in der Sozialpsychologie

Um Vorhersagen zu überprüfen, ziehen Sozialpsychologen verschiedene wissenschaftliche Methoden heran. In Untersuchungen werden vor allem die beschreibende Methode, die Korrelationsmethode und die experimentelle Methode verwendet. Mediations- und Moderationsanalysen klären die vermittelnden Prozesse und bei welchen Personengruppen Effekte unterschiedlich stark auftreten. Eine zusammenfassende Analyse bereits durchgeführter Untersuchungen wird als Metaanalyse bezeichnet.

1.3.1 Beschreibende Methode

Eine Art, eine Vorhersage zu überprüfen, ist die Auftretenshäufigkeit eines bestimmten Phänomens zu beschreiben. Dies kann geschehen durch Beobachtungen, Fragebögen oder Archivstudien. Wie häufig tritt beispielsweise Aggression in der Schule auf?

• In einer Beobachtungsstudie würden beispielsweise ein oder mehrere trainierte Wissenschaftler das Verhalten von Kindern auf dem Schulhof beobachten und das gezeigte Verhalten anhand vorher festgelegter Kriterien kodieren.

• Fragebögen könnten an die Lehrer verteilt werden, um von ihnen Auskunft über aggressives Verhalten im Klassenzimmer zu erhalten.

• In einer Archivstudie werden offizielle Statistiken herangezogen, wie häufig z. B. Kinder aufgrund ihres Verhaltens in der Schule angezeigt werden.

1.3.2 Korrelationsmethode

Die beschreibende Methode kann zu interessanten Einsichten verhelfen. Sie kann allerdings keine Aussagen zu einem möglichen Zusammenhang zweier (oder mehrerer) Variablen treffen. Tritt beispielsweise Aggression in der Schule in manchen Jahreszeiten häufiger auf als in anderen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Aussehen einer Person und der Häufigkeit, mit der ihr in Notsituationen geholfen wird? Hängt das Gehalt, das eine Person bekommt, von ihrem Selbstwert ab?

Solche Fragen kann man mithilfe der Korrelationsmethode beantworten. Wie auch bei der beschreibenden Methode können die Variablen durch Beobachtungen, Fragebögen oder Archivanalysen erfasst werden. Im Gegensatz zu der beschreibenden Methode können jedoch Aussagen über den Zusammenhang zwischen Variablen getroffen werden. Wenn man die Ausprägung einer Variablen kennt (z. B. wie gutaussehend eine Person ist), dann kann man eine bestimmte Vorhersage treffen, wie eine andere Variable (z. B. wie wahrscheinlich es ist, dass ihr in einer Notsituation geholfen wird) wahrscheinlich ausgeprägt ist.

Merke

Der Zusammenhang zwischen zwei Variablen wird über die Berechnung von Korrelationskoeffizienten erfasst.

Ein Korrelationskoeffizient wird als ein Wert ausgedrückt, der von +1.0 bis -1.0 reichen kann. Das Vorzeichen zeigt an, ob der Zusammenhang positiv oder negativ ist. Eine positive Korrelation bedeutet, dass ein Anstieg der Ausprägung einer Variablen mit einem Anstieg der Ausprägung der anderen Variablen verbunden ist, während eine negative Korrelation anzeigt, dass beide Variablen in unterschiedliche Richtungen gehen (wenn eine ansteigt, fällt die andere ab). Der absolute Wert zeigt die Stärke des Zusammenhangs beider Variablen an. Je größer dieser Wert ist, desto stärker sind beide Variablen miteinander verbunden und desto besser kann man aufgrund der Ausprägung einer Variablen die Ausprägung der anderen Variablen vorhersagen. Eine Korrelation von 1.0 zeigt einen perfekten Zusammenhang zwischen zwei Variablen an, d. h. die Kenntnis der Ausprägung einer Variablen erlaubt eine exakte Vorhersage über die Ausprägung der anderen Variablen. Da jedoch zwei Variablen fast nie vollständig miteinander verbunden sind, werden die meisten Korrelationskoeffizienten, die wir in den folgenden Kapiteln kennenlernen werden, nicht an +1.0 oder -1.0 heranreichen. Nach Cohen (1988) kann man die Größe des Zusammenhangs zweier psychologischer Variablen wie folgt einteilen:

• kleiner Effekt: r = .10

• mittlerer Effekt: r = .30

• großer Effekt: r = .50

Wenn wir in folgenden Kapiteln von kleinen, mittleren und großen Effekten sprechen, dann beziehen wir uns auf diese Einteilung. Der durchschnittliche Effekt in der Psychologie ist ungefähr r = .24 (Bakker, van Dijk & Wicherts, 2012) und in der Sozialpsychologie r = 0.21 (Richard, Bond Jr. & Stokes-Zoota, 2003). Typische Effekte in der Psychologie und der Sozialpsychologie sind demnach klein bis mittel in ihrer Effektstärke.

Die Korrelationsmethode hat viele Vorteile: So können Zusammenhänge zwischen Variablen erfasst werden, die nicht induziert (wie Geschlecht oder Alter) oder aus ethischen Gründen in einem Laborkontext hervorgerufen werden können (wie Gewalt oder Missbrauch). Allerdings hat die Korrelationsmethode einen entscheidenden Nachteil: Es sind keine Rückschlüsse auf einen kausalen Zusammenhang zwischen Variablen möglich.

Beispiel

Betrachten wir die Hypothese, dass soziale Probleme verstärkt in Ländern auftreten, die ein großes Gefälle zwischen Arm und Reich aufweisen (Wilkinson & Pickett, 2009). Zur Überprüfung ihrer Hypothese erfassten Wilkinson und Pickett das Auftreten von sozialen Problemen (wie Übergewicht, Drogenmissbrauch oder Schwangerschaften von Minderjährigen) und die (Un-)Gleichverteilung von Vermögen in verschiedenen Ländern. Tatsächlich zeigte sich, dass die soziale Ungleichheit einer Gesellschaft (und nicht das Durchschnittseinkommen) in einem Zusammenhang steht mit dem Auftreten einer Reihe von sozialen Problemen. So ist es beispielsweise sechsmal wahrscheinlicher, dass ein US-Amerikaner (eine Gesellschaft mit großen Einkommensunterschieden) übergewichtig ist als ein Japaner (eine Gesellschaft mit relativ geringen Einkommensunterschieden). Würden Sie daraus schließen, dass soziale Ungleichheit Übergewicht bewirkt?

Möglicherweise, aber nicht unbedingt. Für eine Korrelation zwischen zwei Variablen X und Y gibt es drei mögliche Erklärungen:

• X ist Ursache von Y.

• Y ist Ursache von X.

• Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen X und Y, der Zusammenhang zwischen X und Y ist durch eine dritte Variable Z verursacht.

Eine signifikante Korrelation zwischen sozialer Ungleichheit und dem Auftreten von Übergewicht kann also bedeuten, dass soziale Ungleichheit tatsächlich zu Übergewicht führt. Übergewicht kann aber auch soziale Ungleichheit bedingen (Übergewichtige erhalten beispielsweise von ihren Arbeitgebern weniger Geld und werden eher entlassen als Normalgewichtige). Schließlich könnte eine dritte Variable, wie der Bildungsstand, den Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Übergewicht erklären: Ein niedriger Bildungsstand geht sowohl mit sozialer Ungleichheit einher als auch mit Übergewicht. Die Korrelationsmethode ist daher nur bedingt geeignet, psychologische Prozesse zu erklären.

Merke

Korrelationen dürfen nicht als Kausalaussagen interpretiert werden!

1.3.3 Experimentelle Methode

Um Ursache-Wirkungszusammenhänge zu untersuchen, ist das experimentelle Vorgehen die Methode der Wahl. Mithilfe eines Experiments untersucht der Versuchsleiter den Einfluss einer oder mehrerer unabhängigen Variablen auf eine oder mehrere abhängige Variablen.

Merke

Unabhängige Variablen werden vom Versuchsleiter variiert, um ihren Einfluss auf eine abhängige Variable zu untersuchen. Abhängige Variablen werden vom Versuchsleiter gemessen.

So untersuchten Isen und Levin (1972) den Einfluss von positiver Stimmung (unabhängige Variable) auf Hilfeverhalten (abhängige Variable). Die Stimmung der Probanden wurde variiert, indem manche Probanden in einer Telefonzelle eine Münze vorfanden (Bedingung »Positive Stimmung«), während andere Probanden keine Münze vorfanden (Bedingung »Neutrale Stimmung«). Als die Probanden die Telefonzelle verließen, ließ ein Mitarbeiter des Versuchsleiters (ein sogenannter Konföderierter; diesen Fachausdruck verwenden wir auch später immer wieder) einen Stapel Papiere fallen. Es zeigte sich, dass 84 Prozent der Probanden in der positiven Stimmungsbedingung, aber nur vier Prozent in der neutralen Stimmungsbedingung halfen, die Papiere aufzuheben.

Um sicherzustellen, dass tatsächlich die unterschiedliche Stimmung der Probanden in den beiden Versuchsbedingungen die Unterschiede in der Hilfsbereitschaft bedingen, sind die Kontrolle des Versuchsleiters über den Versuchsablauf sowie die randomisierte Zuteilung der Probanden zu den jeweiligen experimentellen Bedingungen notwendig.

Kontrolle des Versuchsleiters über den Versuchsablauf bedeutet, dass alle Probanden den mit Ausnahme der unabhängigen Variablen identischen situativen Bedingungen ausgesetzt sind. In der Untersuchung von Isen und Levin verließen beispielsweise alle Probanden die gleiche Telefonzelle, und der Konföderierte ließ immer die gleiche Anzahl an Blättern Papier fallen. Zudem war dem Konföderierten nicht bewusst, ob die jeweiligen Probanden eine Münze vorfanden oder nicht. Dadurch kann man ausschließen, dass er mehr oder weniger bewusst Einfluss auf das Verhalten der Probanden ausgeübt hat. Der einzige Unterschied für die Probanden in den beiden experimentellen Bedingungen bestand also darin, dass die eine Gruppe eine Münze fand und die andere nicht. Alle anderen Umstände wurden konstant gehalten. Unterschiede in der Hilfsbereitschaft zwischen beiden Versuchsgruppen sind daher wahrscheinlich auf die experimentelle Variation zurückzuführen.

Da manche Personen von ihrem Wesen hilfsbereiter sind als andere, musste gewährleistet sein, dass nicht alle hilfsbereiten Personen der Bedingung »Positive Stimmung« und die wenig hilfsbereiten der Bedingung »Neutrale Stimmung« zugeteilt wurden. Dies erreicht man durch eine randomisierte Zuteilung der Probanden zu beiden experimentellen Bedingungen. Für alle Probanden musste also die gleiche Wahrscheinlichkeit vorliegen, entweder der einen oder der anderen Bedingung zugeordnet zu werden. Dadurch kann man relativ verlässlich ausschließen, dass die höhere Hilfsbereitschaft in der positiven gegenüber der neutralen Stimmungsbedingung auf Unterschiede in der Hilfsbereitschaft der Versuchspersonen zurückzuführen ist, die bereits vor der experimentellen Variation bestanden.

Merke

In einem Experiment werden mit Ausnahme der unabhängigen Variablen alle Aspekte einer Situation identisch gehalten, und die Probanden werden per Zufallsprinzip den experimentellen Bedingungen zugeteilt.

Statistische Signifikanz

In der erwähnten Untersuchung zeigte sich ein deutlicher Effekt der Stimmungsinduktion auf die Hilfsbereitschaft der Probanden (84 Prozent gegenüber vier Prozent). Wirkt sich positive Stimmung aber tatsächlich förderlich auf Hilfeverhalten aus oder sind nur zufällig besonders viele Probanden der Bedingung »Positive Stimmung« zugeordnet worden, die auch ohne Stimmungsinduktion geholfen hätten? Zwar sind aufgrund der randomisierten Zuteilung der Probanden zu den experimentellen Bedingungen Unterschiede in der Hilfsbereitschaft vor der Stimmungsinduktion unwahrscheinlich, können aber dennoch (gerade bei kleinen Stichproben) nicht ausgeschlossen werden. Daher wird ein Wahrscheinlichkeitsniveau (p-Wert) angegeben, wie wahrscheinlich die unterschiedliche Hilfsbereitschaft in den experimentellen Bedingungen zufällig aufgetreten ist.

In der (Sozial-)Psychologie besteht die Konvention, ein Ergebnis als statistisch signifikant, d. h. bedeutsam, anzusehen, wenn die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ergebnis (beispielsweise ein Mittelwertsunterschied oder eine Korrelation) durch Zufall zustande gekommen ist, unter fünf Prozent liegt. Wenn wir in folgenden Kapiteln von signifikanten Effekten sprechen, bedeutet dies, dass es relativ unwahrscheinlich ist (unter fünf Prozent), dass es sich um ein Zufallsergebnis handelt.

Merke

Ein Effekt gilt als statistisch signifikant, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Zufallsergebnisses unter fünf Prozent liegt.

Seit längerem ist bekannt, dass vor allem Studien in wissenschaftlichen Zeitschriften erscheinen, die signifikante Ergebnisse berichten (Sterling, Rosenbaum & Weinkam, 1995). In den letzten Jahren wurden verschiedene Replikationsprojekte (also die Wiederholung wissenschaftlicher Studien durch andere Wissenschaftler) durchgeführt, um zu überprüfen, ob die berichteten Ergebnisse in den Originalarbeiten erneut gefunden werden können. Dabei kam es zumeist zu ernüchternden Ergebnissen. In einem Projekt (Open Science Collaboration, 2015) zeigte sich, dass von 100 Replikationsstudien 36 signifikante Ergebnisse erzielten. In den Originalstudien dagegen hatten 97 signifikante Ergebnisse berichtet. Das Projekt rief Kritik hervor (z. B. Gilbert, King, Pettigrew & Wilson 2016), beispielsweise dass bedeutsame Unterschiede in der Vorgehensweise zwischen Original- und Replikationsstudie bestünden. Nichtsdestotrotz kann man festhalten, dass es einen Publikationsbias gibt, dass also überzufällig häufig Studien mit signifikanten Ergebnissen publiziert und viele der berichteten Effekte überschätzt werden. Der tatsächliche typische Effekt sozialpsychologischer Studien wird demnach geringer sein als r = .21 (Richard et al., 2003). In den folgenden Kapiteln wird häufig darauf eingegangen werden, inwiefern die berichteten Befunde sich auch in Replikationsstudien zeigten.

Ein Grund dafür, warum so wenige nicht signifikante Studien berichtet werden, ist, dass Wissenschaftler bei nicht signifikanten Ergebnissen kein Manuskript verfassen, das sie an eine Zeitschrift zur Begutachtung schicken. Ein weiterer Grund ist, dass wissenschaftlich fragwürdige Methoden verwendet werden, um signifikante Ergebnisse zu erzielen (Simmons, Nelson & Simonsohn, 2011). Beispielweise analysiert man nach 100 erhobenen Probanden die Daten. Wenn ein signifikantes Ergebnis zu finden ist, stoppt man die Datenerhebung. Ansonsten erhebt man weitere Probanden. Eine weitere Methode ist das Erheben verschiedener abhängiger Variablen und nur die Variablen werden berichtet, bei denen signifikante Effekte gefunden wurden. Die Verwendung solcher unwissenschaftlichen Methoden (zum Teil aus Unwissenheit über deren Bedeutung) ist weit verbreitet (John, Loewenstein & Prelec, 2012). Die geringe Replikationsrate in der Sozialpsychologie in Verbindung mit einigen aufgedeckten Betrugsfällen (Forscher hatten zugegeben, Daten gefälscht zu haben) führte jedoch zu einem massiven Umdenken. Beispielsweise werden Hypothesen, Methoden und geplante Analysen häufig präregistriert, also vor der Durchführung der Studien offengelegt. Die den Studien zugrundeliegenden Daten werden frei verfügbar gemacht, so dass andere Wissenschaftler die berichteten Ergebnisse überprüfen können. Die durchschnittlichen Probandenzahlen sind in den letzten Jahren deutlich angestiegen (Sassenberg & Ditrich, 2019). Und schließlich kam es zu einem Umdenken auf Seiten der wissenschaftlichen Zeitschriften, wodurch auch nicht signifikante Forschungsbefunde und Replikationen früherer Studien eine höhere Chance haben, publiziert zu werden. Es ist zu vermuten, dass die Replikationsrate neuerer Studien in zukünftigen Replikationsprojekten höher ausfallen wird.

Validität eines Experiments

Die Güte eines Experiments kann unter anderem im Hinblick auf ihre Gültigkeit (interne Validität) und Übertragbarkeit auf andere Personen und Situationen (externe Validität) geprüft werden.

Wenn die Kontrolle des Versuchsleiters und die randomisierte Zuteilung gegeben sind, dann wird ein hoher Grad an interner Validität angenommen, und man kann davon ausgehen, dass Unterschiede in der abhängigen Variablen zwischen den Versuchsbedingungen durch die Variation der unabhängigen Variablen bedingt sind.

Merke

Interne Validität eines Experiments: Inwieweit kann die Veränderung der abhängigen Variablen eindeutig auf die Variation der unabhängigen Variablen zurückgeführt werden?

Aus ökonomischen Gründen werden viele sozialpsychologische Untersuchungen in einem Labor mit Psychologiestudierenden als Probanden durchgeführt. Sozialpsychologen sind jedoch daran interessiert, psychologische Gesetzmäßigkeiten aufzudecken, die nicht nur für Psychologiestudierende in einer vom Versuchsleiter konstruierten Situation, sondern für alle Menschen in allen Situationen des wirklichen Lebens gelten. Das Ausmaß der Generalisierbarkeit der Ergebnisse eines Experiments auf andere Situationen und Menschen wird durch die externe Validität angegeben. Sozialpsychologen sind sich der Bedeutsamkeit der externen Validität ihrer Ergebnisse wohl bewusst, und Untersuchungen an Nichtstudierenden in ihrem natürlichen Umfeld (sogenannte Feldstudien) werden oftmals gemeinsam mit Ergebnissen von Laborstudien in wissenschaftlichen Publikationen berichtet. Nichtsdestotrotz ist es bedeutsam, dass mehr als 90 Prozent aller psychologischen Studien Ergebnisse berichten, deren Probanden als WEIRD bezeichnet werden (Henrich, Heine & Norenzayan, 2010). WEIRD (englisch: für sonderbar oder verrückt) steht dabei für »western, educated, industrialized, rich, democratic«. Die Gruppe dieser Probanden repräsentiert nur ungefähr 12 Prozent der Weltbevölkerung und viele empirische Befunde, die beispielsweise in einem westlichen Kulturkreis gefunden wurden, lassen sich nicht auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen.

In den USA (aber auch in Westeuropa) wird typischerweise Wert auf die eigene Unabhängigkeit gelegt. Entsprechend zeigte sich in einer Studie (Kim & Markus, 1999), dass 74 Prozent der US-amerikanischen Probanden einen Stift mit einer ungewöhnlichen Farbe als Dankeschön für das Ausfüllen eines Fragebogens auswählten (insgesamt gab es fünf Stifte, wobei beispielsweise ein oder zwei Stifte orange waren und die anderen Stifte hellgrün). In östlichen Kulturkreisen dagegen wird statt der eigenen Unabhängigkeit zumeist die Konformität mit einer Mehrheit wertgeschätzt. Interessanterweise wählten nur 24 Prozent der Probanden asiatischer Herkunft die ungewöhnliche Stiftfarbe.

In den letzten Jahren ist das Problem, dass die einseitige Probandenherkunft zum Teil nur geringe Schlussfolgerungen auf allgemeingültige Verhaltensgesetzmäßigkeiten erlaubt, stärker in das Bewusstsein getreten. Auf alle Fälle sollten Sie aber bei den in den folgenden Kapiteln vorgestellten Studien im Hinterkopf behalten, dass die Probanden (so wie Sie) wahrscheinlich Psychologie studiert haben und die Teilnahme mit Versuchspersonenstunden vergütet wurde. Eine Studie mit anderen Probanden, die aus anderen Gründen an der Studie teilgenommen hätten, hätte eventuell andere Ergebnisse erbracht.

Merke

Externe Validität eines Experiments: Inwieweit können die Ergebnisse eines Experiments auf andere Situationen und auf andere Personen übertragen werden?

1.3.4 Mediations- und Moderationsanalyse

Sozialpsychologen wollen nicht nur zeigen, durch was menschliches Verhalten beeinflusst wird, sondern untersuchen häufig auch, wie dieser Einfluss zustande kommt. Mittels dieser sogenannten Mediationsanalysen wird statistisch überprüft, welche vermittelnden Prozesse dazu führen, dass eine unabhängige Variable eine abhängige Variable beeinflusst. Beispielsweise zeigte sich, dass positive Stimmung unter anderem Hilfeleistung fördert, da Personen in positiver Stimmung dazu neigen, Gegebenheiten in einem positiven Licht zu sehen ( Kap. 10). Positive Stimmung wäre demnach die unabhängige Variable, die Tendenz, Gegebenheiten in einem positiven Licht zu sehen, wäre der Mediator und Hilfeleistung wäre die abhängige Variable.

Interessanterweise gilt auch die entgegengesetzte Richtung: Prosozialität fördert das emotionale Wohlbefinden. In einer Studie (Dunn, Aknin & Norton, 2008) wurde die Stimmung von Probanden am Vormittag gemessen. Die Probanden erhielten daraufhin entweder fünf oder 20 Dollar, die sie entweder für sich selbst oder für andere ausgeben sollten. Am Nachmittag wurde wiederum die Stimmung gemessen. Es zeigte sich, dass sich die Stimmung der Probanden, die das Geld für andere ausgegeben hatten, verbessert hatte. Die Probanden dagegen, die für sich selbst das Geld verwendet hatten, waren in keiner besseren Stimmung (von der Tendenz her sogar in einer schlechteren).

In nachfolgenden Studien wurde untersucht, ob dieser Zusammenhang in verschiedensten Kulturen zu finden ist. In einer Analyse (Aknin et al., 2013) wurde der Zusammenhang zwischen der Anzahl an Personen in einem Land, die einer Wohltätigkeitsorganisation gespendet haben, und dem durchschnittlichen emotionalen Wohlbefinden ermittelt. In insgesamt 120 von 136 untersuchten Ländern zeigte sich ein positiver Zusammenhang. Hilfeleistung scheint demnach in den meisten Ländern (und bei den meisten Personen) zu einer Stimmungsverbesserung zu führen. Jedoch war der Zusammenhang in 16 Ländern nicht positiv und in einigen Ländern sogar eindeutig negativ (z. B. Tunesien). Prosozialität fördert also nicht in allen Kulturen gleichermaßen das emotionale Wohlbefinden. Ob der Einfluss einer Variablen (in dem Fall Prosozialität) auf eine andere Variable (in dem Fall emotionales Wohlbefinden) verändert (moderiert) wird durch eine dritte Variable (in dem Fall Land), wird statistisch durch Moderationsanalysen ermittelt.

Merke

Mediationsanalyse: Statistische Technik, die ermittelt, warum ein Effekt zustande kommt. Moderationsanalyse: Statistische Technik, die ermittelt, bei welchen Personengruppen ein Effekt unterschiedlich stark auftritt.

1.3.5 Metaanalyse

Sozialpsychologen führen beschreibende, korrelative und experimentelle Untersuchungen durch, um ihre Hypothesen zu überprüfen. Eine andere Art der Hypothesenprüfung ist die Analyse bereits vorliegender Untersuchungen zu einer Fragestellung. In Metaanalysen werden die Ergebnisse früherer Untersuchungen gemittelt und bestimmt, ob ein signifikanter Effekt vorliegt und wie groß dieser ist. Metaanalysen werden in den besten (sozial)psychologischen Fachzeitschriften publiziert, und wir werden in den folgenden Kapiteln häufig auf die Ergebnisse von Metaanalysen zu sprechen kommen.

Merke

Metaanalyse: Statistische Technik, die die Ergebnisse von zwei oder mehreren Untersuchungen mittelt.

Zusammenfassung

Während sich die Psychologie mit dem Erleben und Verhalten des Menschen befasst, untersucht die Sozialpsychologie den Menschen in Abhängigkeit von seinem sozialen Umfeld. Kernthemen der Sozialpsychologie sind Sozialverhalten und sozialer Einfluss. Die Sozialpsychologie ist eine empirische Wissenschaft, da sie ihre Vorhersagen mithilfe geeigneter wissenschaftlicher Methoden überprüft. Die beschreibende Methode untersucht die Auftretenshäufigkeit eines bestimmten Phänomens. Die Korrelationsmethode stellt Zusammenhänge zwischen verschiedenen Variablen fest. Die experimentelle Methode gibt Aufschlüsse über Ursache-Wirkungszusammenhänge. Mediations- und Moderationsanalysen bestimmen, warum ein Effekt auftritt und bei welchen Personengruppen er unterschiedlich stark zu finden ist. In Metaanalysen werden früher durchgeführte Untersuchungen zusammengefasst.

Literaturempfehlungen

Kruglanski, A. W. & Stroebe, W. (Hrsg). (2011). Handbook of the history of social psychology. New York: Francis & Taylor.

Nelson, L. D., Simmons, J. & Simonsohn, U. (2018). Psychology's renaissance. Annual Review of Psychology, 69, 511–534.

Pelham, B. W. & Blanton, H. (2018). Conducting research in psychology: Measuring the weight of smoke. Los Angeles: SAGE Publications.

Fragen zur Selbstüberprüfung

1. Was ist Sozialpsychologie?

2. Inwiefern ist die Sozialpsychologie eine wissenschaftliche Disziplin?

3. Welche Stärken und Schwächen haben die Beobachtungs-, die Korrelations- und die experimentelle Methode?

4. Wann hat ein Experiment eine hohe interne Validität? Auf welche beiden Aspekte muss ein Versuchsleiter besonders achten?

5. Warum werden nur selten nicht signifikante Ergebnisse in wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert?

6. Inwiefern unterscheiden sich Mediations- und Moderationsanalysen?

7. Was wird in einer Metaanalyse gemacht?

2 Das Selbst
Inhalt

Das Selbst bezieht sich auf die eigene Person als Objekt der Aufmerksamkeit und umfasst verschiedene Facetten. In diesem Kapitel besprechen wir das Selbstkonzept, den Selbstwert sowie Selbstregulation. Das Selbstkonzept bezieht sich auf das Wissen einer Person über sich selbst. Der Selbstwert einer Person spiegelt die Zufriedenheit mit sich selbst wider. Selbstregulation betrifft die Fähigkeit, erwünschtes Verhalten zu zeigen und unerwünschten Impulsen widerstehen zu können.

Die meisten Menschen lieben es, Klatsch und Tratsch zu erfahren und zu verbreiten. Themen sind zumeist Freunde und Bekannte, aber auch Berühmtheiten, die man selbst nicht persönlich kennt. Unsere Bereitschaft, sich an Klatsch und Tratsch zu beteiligen, spiegelt unser außergewöhnlich großes Interesse an anderen Menschen wider. Noch mehr allerdings als andere Menschen interessiert uns alles, was mit der eigenen Person zu tun hat. Sie kennen sicherlich das Phänomen, dass Sie auf einer Party in ein angeregtes Gespräch vertieft sind. Auf einmal hören Sie jedoch, wie in einem anderen Gespräch Ihr Name fällt. Dieser sogenannte Cocktaileffekt besagt, dass Menschen auch in einem akustischen Chaos wesentliche Informationen herausfiltern können. Und was ist wesentlicher, als Dinge über sich selbst zu erfahren. Entsprechend dem großen Interesse der meisten Menschen an der eigenen Person gibt es tausende von sozialpsychologischen Studien, die sich mit dem Thema Selbst befasst haben. Das Selbst umfasst verschiedene Facetten. In diesem Kapitel gehen wir auf drei von ihnen ein. Und zwar besprechen wir das Wissen über sich selbst (Selbstkonzept), die Bewertung der eigenen Person (Selbstwert) sowie die Kontrolle über das eigene Handeln (Selbstregulation).

2.1 Das Selbstkonzept

Das Selbstkonzept kann als der Inhalt unseres Selbst aufgefasst werden. Es beinhaltet unser gesamtes Wissen über unsere eigene Person. Man nimmt sich beispielsweise als politisch interessiert, extravertiert und gutmütig wahr. Da es für die meisten von uns nichts Wichtigeres gibt als die eigene Person, geht man davon aus, dass andere Personen einen selbst ebenfalls aufmerksam betrachten und das eigene Erscheinungsbild intensiv studieren.

Beispiel

Sie sind auf eine Party eingeladen und überlegen, was Sie anziehen. Sie haben sich für ein bestimmtes Kleidungsstück entschieden, kommen aber ins Grübeln, wie Ihre Freunde Ihre Kleidungswahl finden werden, und probieren noch andere Kleidungsstücke an. Nach vielfachem Hin und Her gehen Sie endlich zur Party, jedoch voller Sorge, ob Ihre Kleidung das Wohlwollen der anderen Partygäste erfährt. Nur, achten andere tatsächlich so aufmerksam darauf, welche Kleidung Sie tragen?

Gilovich und Kollegen (Gilovich, Medvec & Savitsky, 2000) gingen dieser Frage nach und baten Probanden, ein T-Shirt zu tragen, auf dem eine berühmte Person abgebildet war. Nachdem sich die Probanden für eine kurze Zeit zusammen mit anderen Personen in einem Raum aufgehalten hatten, wurden sie gefragt, wie viele von diesen Personen sich an die Person auf dem T-Shirt erinnern können würden. Im Durchschnitt vermuteten die Probanden, dass ungefähr jede zweite Person die Person auf dem T-Shirt richtig identifizieren könnte. Tatsächlich jedoch war nicht einmal jeder Zehnte dazu in der Lage. Dies ist ein Beispiel für den sogenannten Spotlight-Effekt.

Definition

Der Spotlight-Effekt besagt, dass Menschen überschätzen, wie aufmerksam andere Personen das eigene Erscheinungsbild wahrnehmen.

In weiteren Studien untersuchten Gilovich und Kollegen (Gilovich, Savitsky & Medvec, 1998), wie genau Gefühlszustände von anderen Personen wahrgenommen werden. In einer Studie wurden Probanden gebeten, den Geschmack von verschiedenen Getränken zu testen. Dieser Geschmackstest wurde von zehn anderen Personen beobachtet. Fünf der zu probierenden Getränke enthielten einen sehr unangenehmen Geschmack, wogegen zehn Getränke einen neutralen Geschmack aufwiesen. Bei allen Getränken sollten die Probanden versuchen, einen neutralen Gesichtsausdruck zu wahren. Das, was die Probanden dachten, wie viele von den zehn Beobachtern mittels des Gesichtsausdrucks sagen konnten, ob das Getränk einen unangenehmen Geschmack hatte, wurde verglichen mit der tatsächlichen Urteilsgenauigkeit der Beobachter. Ähnlich wie beim Spotlight-Effekt zeigte sich, dass die Probanden überschätzten, wie genau andere die eigenen Gefühlszustände erraten können.

Wie akkurat kann man überhaupt die eigenen Gefühlszustände vorhersagen? Ganz generell kann man sagen, dass Personen gut einschätzen können, was sie glücklich und was sie unglücklich macht. Wir wissen also, dass ein bestandenes Examen unsere Stimmung hebt, wogegen das Nichtbestehen eines Examens unsere Stimmung drückt. Allerdings neigen wir dazu, die Intensität und Dauer unserer emotionalen Reaktionen auf zukünftige Ereignisse zu überschätzen (Wilson & Gilbert, 2003).

Beispiel

Fußballfans von Borussia Dortmund konnten sicherlich richtig vorhersagen, dass sie sich freuen werden, wenn ihr Verein nach einer gefühlten Ewigkeit wieder einmal deutscher Meister wird. Jedoch fiel die Freude bei den meisten möglicherweise nicht so stark aus, und das Glücksgefühl ist auch schneller verflogen, als antizipiert wurde. Zwar war die Meisterfeier und alles, was dazugehörte, sehr schön, nur besteht das Leben für die meisten nicht nur aus Fußball. Die Freude über den Gewinn der Meisterschaft wurde vielleicht getrübt durch Ärger im Beruf oder einen Streit mit dem Partner, der die Leidenschaft für den Verein noch nie nachvollziehen konnte.

Es ist also selten so, dass unser Wohlbefinden ausschließlich durch eine Begebenheit bestimmt wird. Unser alltägliches Wohlbefinden hängt in den allermeisten Fällen von einer Vielzahl an Ereignissen ab. Dies ist uns bei der Vorhersage unserer Gefühle jedoch nur unzureichend bewusst. Bei der Vorhersage der emotionalen Reaktionen auf ein zukünftiges Ereignis fokussiert man auf dieses Ereignis und unterschätzt, wie sehr andere Ereignisse das eigene Wohlbefinden beeinflussen (Wilson, Wheatley, Meyers, Gilbert & Axsom, 2000).

Merke

Insgesamt ist unser Wissen über uns selbst gut ausgeprägt. Allerdings überschätzen wir zumeist, wie gut wir uns kennen.

Personen überschätzen also die eigene Selbstkenntnis, aber nicht alle Personen schätzen sich gleichermaßen falsch ein. Betrachten wir das Beispiel menschlicher Kompetenz: wie ausgeprägt sind die eigenen verbalen Fähigkeiten, wie gut spielt man Schach, wie kreativ ist man. Wer neigt dazu, die eigene Kompetenz zu überschätzen? Nach Kruger und Dunning (1999) sind es vor allem die objektiv inkompetenten Personen, die zu diesen Fehleinschätzungen neigen. In einer Studie sollten Probanden Aufgaben bearbeiten, in denen logisches Denken erfasst wurde, und sollten danach angeben, wie gut sie bei den Tests abgeschnitten hätten und wie hoch ihre allgemeine Fähigkeit zum logischen Denken ausgeprägt ist. Die Personen, die wenige Aufgaben richtig gelöst hatten, überschätzten die eigene Leistung und Fähigkeit erheblich. Die Personen dagegen, die viele Aufgaben gelöst hatten, neigten dazu, die eigene Leistung und Fähigkeit zu unterschätzen. Interessanterweise gab es fast keine Unterschiede in der Selbsteinschätzung zwischen den Personen des niedrigsten Quartils (die objektiv schlechtesten 25 Prozent) und den Personen des höchsten Quartils (die objektiv besten 25 Prozent). Beide Gruppen von Personen sahen die eigene Leistung und Fähigkeit als leicht überdurchschnittlich an. Die tatsächlichen Leistungen dagegen differierten dramatisch.

Warum neigen inkompetente Personen dazu, die eigene Kompetenz zu überschätzen? Kaum eine Rolle spielen motivationale Faktoren, also dass man sich gern in einem positiven Licht sieht. Die meisten inkompetenten Personen sind aus dem tiefsten Inneren überzeugt, dass sie kompetent wären. So schätzen inkompetente Personen nicht nur die eigene Kompetenz falsch ein, sie erkennen auch nicht die Inkompetenz anderer Personen. Ironischerweise führte ein Kompetenztraining dazu, dass inkompetente Probanden kompetenter wurden und daraufhin eher in der Lage waren, die eigene (In)Kompetenz zu erkennen. Kompetente Personen wiederum neigen dazu, die Kompetenz bei anderen Personen zu überschätzen (ein sogenannter False-Consensus-Effekt) und sind daher in der Einschätzung der eigenen Fähigkeiten im Vergleich zu anderen zu bescheiden. Als kompetente Probanden mit der (geringeren) Kompetenz anderer Personen konfrontiert wurden, revidierten sie die eigenen Kompetenzeinschätzungen.

Merke

Inkompetente Personen überschätzen die eigene Leistungsfähigkeit, sehr kompetente Personen neigen dagegen dazu, die eigene Leistungsfähigkeit zu unterschätzen.

2.2 Selbstwert

Der Selbstwert einer Person spiegelt den Eindruck wider, den die Person von sich selbst hat.

• Wie zufrieden ist man mit sich selbst?

• Wie positiv ist die Einstellung gegenüber der eigenen Person?

• Inwieweit denkt man, man besäße eine Reihe guter Eigenschaften?

Je mehr man diese Fragen bejaht, desto positiver ist die eigene Meinung von sich selbst. Fragen wie diese werden eingesetzt, um den expliziten Selbstwert einer Person zu erfassen (Rosenberg, 1965). Dabei erfasst man die bewusste Bewertung der eigenen Person. Die unbewusste Bewertung der eigenen Person stellt der implizite Selbstwert dar. Dabei werden Objekte bewertet, die mehr oder weniger stark mit dem Selbst in Verbindung gebracht werden. Je positiver Objekte wahrgenommen werden, die eng mit der eigenen Person assoziiert sind, desto positiver fällt der implizite Selbstwert aus. Expliziter und impliziter Selbstwert sind nur moderat miteinander korreliert. Es ist also gut denkbar, dass eine Person einen hohen expliziten, aber einen niedrigen impliziten Selbstwert aufweist (oder umgekehrt). Auf einer bewussten Ebene ist diese Person zufrieden mit sich selbst. Die nicht bewusste Bewertung der eigenen Person fällt dagegen ungünstig aus.

2.2.1 Expliziter Selbstwert

Die meisten Menschen haben einen hohen expliziten Selbstwert. Die am häufigsten eingesetzte Skala, um den expliziten Selbstwert zu erfassen, die Rosenberg-Selbstwertskala, besteht aus zehn Items. Die gängige Skalierung ist von 1 bis 4, sodass der Mittelwert der Skala 25 beträgt, mit einem Minimalwert von 10 und einem maximalen Wert von 40. In den meisten Untersuchungen liegt der Durchschnittswert über alle Probanden hinweg weit über dem Mittelwert der Skala. So erreichten Collegestudenten in einer großangelegten Studie von Twenge und Campbell (2001) einen mittleren Wert von nahezu 33. In ostasiatischen Ländern ist der explizite Selbstwert niedriger als bei Menschen aus westlichen Ländern, aber in allen Nationen ist der durchschnittliche Selbstwert typischerweise höher als der theoretische Mittelpunkt der Skala (Schmitt & Allik, 2005). Wenn wir also im Folgenden von Personen mit einem hohen Selbstwert sprechen, erzielen diese einen sehr hohen Wert auf einer Selbstwertskala, wohingegen Personen mit einem niedrigen Selbstwert einen moderaten Wert auf einer Selbstwertskala erlangen.

Auch wenn die meisten Personen einen hohen expliziten Selbstwert aufweisen, so gibt es dennoch bedeutsame Unterschiede zwischen verschiedenen Personengruppen. Beispielsweise haben Männer einen höheren expliziten Selbstwert als Frauen und dieser Unterschied tritt in den verschiedensten Kulturen auf. In einer Studie beispielsweise mit fast einer Million Probanden zeigten sich in allen 48 untersuchten Nationen Geschlechtsunterschiede in der gleichen Richtung (Bleidorn et al., 2016).

Der explizite Selbstwert einer Person ist relativ stabil und eher als Trait (wie z. B. Intelligenz) denn als State (wie z. B. Stimmung) aufzufassen. Ein Erfolg in einer Prüfung fühlt sich gut an, aber hat nur wenig Einfluss darauf, wie zufrieden man mit der eigenen Person als Ganzes ist. Entsprechend zeigen sich hohe Stabilitätswerte im Selbstwert einer Person über die Zeit hinweg. In einer Längsschnittstudie (Kuster & Orth, 2013) beispielsweise zeigte sich eine Test-Retest Korrelation von r = .43 zwischen den Selbstwertmessungen einer Person im Abstand von 29 Jahren. Eine Person, die als junge Erwachsene einen höheren Selbstwert hat als die meisten anderen Personen, wird sehr wahrscheinlich auch in ihren mittleren Lebensjahren zufriedener mit sich selbst sein als andere. Trotz der hohen Langzeitstabilität individueller Unterschiede im expliziten Selbstwert verändert sich der Selbstwert aber über das Lebensalter hinweg. Er steigt an vom jungen Erwachsenenalter bis zu den mittleren Lebensjahren (ungefähr 50) und fällt dann wieder ab (Orth, Robins & Widaman, 2012).

Merke

Die meisten Menschen im westlichen Kulturkreis haben einen hohen expliziten Selbstwert. Hinsichtlich interindividueller Unterschiede ist er zeitlich stabil und wenig beeinflussbar durch einzelne Lebensereignisse. Jedoch zeigen sich Veränderungen über die Lebensspanne hinweg, dahingehend, dass der explizite Selbstwert am höchsten im mittleren Erwachsenenalter ist.

Auf einer bewussten Ebene geben also die meisten von uns an, sie seien mit sich und ihren Eigenschaften sehr zufrieden. Einen hohen Selbstwert zu haben, ist in vielerlei Hinsicht förderlich. So geht ein hoher Selbstwert mit allgemeinem Glücksempfinden und Lebenszufriedenheit einher. Zudem neigen Personen mit einem hohen Selbstwert zu Persistenz nach Misserfolg, lassen sich also durch Rückschläge nicht entmutigen (McFarlin, Baumeister & Blascovich, 1984). Schließlich zeigten sich positive Zusammenhänge zwischen dem Selbstwert einer Person und verschiedenen erwünschten Lebensereignissen (wie beruflicher Erfolg, physische Gesundheit und geringe Depressionswerte). Längsschnittstudien (z. B. Orth et al., 2012) ergaben, dass sich der Selbstwert auf Lebensereignisse auswirkt, nicht aber Lebensereignisse auf den Selbstwert. Hohe Zufriedenheit mit der eigenen Person wirkt sich also förderlich darauf aus, wie gut man im Leben zurechtkommt. Erfolg und Wohlbefinden in wichtigen Lebensbereichen dagegen haben keinen Einfluss darauf, wie zufrieden eine Person mit sich selbst ist.

Einen hohen expliziten Selbstwert aufzuweisen, hat also viele Vorteile. Jedoch sind die Effekte des Selbstwerts auf Lebensereignisse über die Zeit hinweg zwar signifikant, aber nur von kleiner Natur. Dementsprechend ist es umstritten, ob Interventionen zur Steigerung des Selbstwerts einen hohen gesellschaftlichen Nutzen aufweisen. Um 1980 wurde die Steigerung des Selbstwerts vor allem in den USA als Mittel angesehen, um soziale Probleme zu bewältigen (wie Drogenmissbrauch, Schwangerschaften bei Jugendlichen, Kriminalität). Programme wie »Uniquely Me!«, die den Selbstwert steigern sollen, wurden eingesetzt. Auf der einen Seite waren diese Programme durchaus erfolgreich: Obwohl der Selbstwert, gemessen über eine typische explizite Selbstwertskala, ohnehin bereits vor der Einführung dieser Programme sehr hoch ausgefallen ist, ist der Selbstwert in den letzten Jahren noch einmal gestiegen (Gentile, Twenge & Campbell, 2010). Auf der anderen Seite allerdings blieben die meisten sozialen Probleme in den USA entweder bestehen oder haben sich sogar noch verschlimmert. Entsprechend vertreten einige Autoren (z. B. Baumeister, Campbell, Kruger & Vohs, 2003) die Ansicht, dass die Rolle des Selbstwerts für das Wohlbefinden von Personen und ganzen Gesellschaften überschätzt wird. Stattdessen ist die Empfehlung, menschliche Selbstregulationsfähigkeiten zu steigern. Bevor wir auf die Selbstregulation eingehen, besprechen wir zunächst aber den impliziten Selbstwert.

2.2.2 Impliziter Selbstwert

Beispiel

Wie sehr mögen Sie die Buchstaben des Alphabets? Bitte verwenden Sie eine Skala von 1 bis 9. 1 bedeutet, dass Sie den Buchstaben gar nicht mögen; 9 bedeutet, dass Sie den Buchstaben sehr mögen. Sie können natürlich auch die Zahlen dazwischen auswählen. Weiter unten erfahren Sie, wie man diese Werte interpretieren kann.


Im Gegensatz zum expliziten Selbstwert wird der implizite Selbstwert auf einer unbewussten Ebene erfasst. Der implizite Selbstwert erfasst also, wie zufrieden eine Person mit sich selbst ist, ohne dass ihr der eigene Selbstwert bekannt ist. Konkret wird der implizite Selbstwert durch die Bewertung von Objekten gemessen, die mehr oder weniger mit dem eigenen Selbst assoziiert sind. Beispielsweise werden Probanden gebeten, alle Buchstaben des Alphabets hinsichtlich ihrer Attraktivität zu bewerten. Verglichen werden die Einschätzungen der eigenen Initialen mit den Einschätzungen aller anderen Buchstaben. Beim Autor dieses Buches würde man also die Bewertung der Buchstaben T und G der Bewertung der restlichen 24 Buchstaben des Alphabets gegenüberstellen. (Falls Vor- und Nachname mit dem gleichen Buchstaben anfangen, vergleicht man die Bewertung dieses Buchstabens mit der Bewertung der restlichen 25 Buchstaben.) Wenn Sie also das oben aufgeführte Beispiel bearbeitet haben, können Sie nun die Bewertung Ihrer Initialen mit der Bewertung der anderen Buchstaben vergleichen. Je positiver die eigenen Initialen relativ zu den restlichen Buchstaben bewertet werden, desto höher fällt der implizite Selbstwert aus.

Ähnlich wie beim expliziten Selbstwert stellt sich üblicherweise heraus, dass die meisten Menschen einen hohen impliziten Selbstwert aufweisen (Nutin, 1985). Die meisten Menschen bevorzugen also Objekte, die mit dem eigenen Selbst verbunden sind. Diese Tendenz wird als Implicit Egotism bezeichnet (Pelham, Carvallo & Jones, 2005), die interessante Konsequenzen auf Verhaltensebene nach sich zieht. So zeigten Pelham und Kollegen, dass Implicit Egotism bedeutsame Lebensentscheidungen beeinflusst. Die Entscheidungen, wo man wohnt, welchen Beruf man ausübt und wen man heiratet, sind zum Teil durch den eigenen Namen bedingt. Eine Person, die beispielsweise Markus heißt, zieht demnach überzufällig häufig nach Mannheim, arbeitet als Makler und heiratet eine Martina. Eine Person dagegen, die Stefanie heißt, zieht möglicherweise eher nach Stuttgart, arbeitet als Staatsanwältin und heiratet einen Stefan. Manche Leser mögen sich über diese Befunde wundern. Natürlich sind solche Entscheidungen von einer Vielzahl an Faktoren beeinflusst und manche Faktoren spielen sicherlich eine größere Rolle als die eigenen Initialen. Wie verschiedene Studien aber relativ konsistent zeigen, trägt der eigene Name einen Teil des Mosaiks bei.

Merke

Implicit Egotism besagt, dass wichtige Lebensentscheidungen durch die Ähnlichkeit zum eigenen Selbst beeinflusst werden.

2.3 Selbstregulation

Unter Selbstregulation (oftmals wird auch der Begriff Selbstkontrolle verwendet) versteht man die Fähigkeit, erwünschtes Verhalten zu zeigen und unerwünschten Impulsen zu widerstehen. Unglücklicherweise sind unerwünschte Impulse ein bedeutsamer Teil unseres Alltagslebens.

Beispiele

Manuela ist gerade knapp bei Kasse und hat sich vorgenommen, größere Ausgaben zu vermeiden. Ihre beste Freundin fragt sie, ob sie Lust hat, in den kommenden Semesterferien eine Reise auf die griechischen Inseln zu unternehmen.

Bernd will in der nächsten Sozialpsychologieklausur eine gute Note erzielen und will daher den ganzen Abend lernen. Seine Mitbewohner gehen dagegen auf eine Party und drängen ihn, mitzugehen.

Christine arbeitet an ihrer Fitness und geht regelmäßig zum Joggen. Auch für heute hatte sie sich es vorgenommen, nur regnet es in Strömen.

So unterschiedlich diese Situationen auch sind, alle haben gemein, dass die betroffene Person einer Versuchung ausgesetzt ist, der sie eigentlich widerstehen möchte. Aus einer persönlichkeitspsychologischen Perspektive kann man festhalten, dass es große individuelle Unterschiede gibt, wie gut man solchen Impulsen widerstehen kann (Tangney, Baumeister & Boone, 2004).

Solche stabilen Selbstregulationsfähigkeiten sind mit einer Vielzahl an positiven Begleiterscheinungen verbunden. Personen, die über hohe Selbstregulationsfähigkeiten verfügen, neigen in geringerem Maße zu Alkoholmissbrauch, haben einen höheren Selbstwert und weniger psychische Auffälligkeiten, weisen bessere interpersonelle Fähigkeiten auf und führen entsprechend zufriedenere Beziehungen, neigen weniger zu Aggression und Gewalt und sind erfolgreicher in Prüfungen (Tangney et al., 2004).

Sozialpsychologisch interessant ist die Tatsache, dass sich auch situative Umstände auf die Selbstregulationsfähigkeiten einer Person auswirken. Nach Muraven und Baumeister (2000) kann man Selbstregulation wie eine begrenzte Ressource auffassen: Sie funktioniert wie ein Muskel, der ermüden kann. Ganz unterschiedliche Selbstregulationstätigkeiten beanspruchen die gleiche Ressource. Wenn diese Ressource bei einer Aufgabe in Anspruch genommen wurde, dann hat man nachfolgend geringere Selbstregulationsfähigkeiten und ist entsprechend auch bei anderen Aufgaben weniger in der Lage, unerwünschten Impulsen erfolgreich zu widerstehen (der sogenannte Ego-Depletion-Effekt). Wer gerade auf Diät ist und kalorienhaltigem Essen entsagen muss, dem gelingt es als Folge dessen beispielsweise weniger, unangenehme Hausarbeit zu leisten.

Merke

Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle nimmt mit der zunehmenden Bearbeitung von Aufgaben, die Willenskraft erfordern, ab.

Das Bearbeiten einer ersten Selbstregulationsaufgabe wirkt sich jedoch nur leistungsmindernd auf nachfolgende Aufgaben aus, die ebenfalls Selbstregulationsfähigkeiten in Anspruch nehmen, nicht aber auf Aufgaben, bei deren Bearbeitung keine unerwünschten Impulse unterdrückt werden müssen. Schmeichel, Vohs und Baumeister (2003) testeten die Hypothese, dass das Bearbeiten einer Selbstregulationsaufgabe nachfolgende kognitiv anspruchsvolle, nicht aber anspruchslose, intellektuelle Leistungen beeinträchtigt. In einer Studie wurde allen Probanden ein Film vorgeführt, bei dessen Vorführung in unregelmäßigen Abständen irrelevante Wörter eingeblendet wurden. Die Probanden, deren Selbstregulationsfähigkeiten in Anspruch genommen wurden, sollten ihre Aufmerksamkeit kontrollieren. Ihnen wurde gesagt, dass sie die Wörter nicht betrachten sollten. Die Probanden in der Kontrollbedingung erhielten keine Instruktionen bezüglich dieser Wörter. Danach bearbeiteten die Probanden eine anspruchsvolle Leseverständnisaufgabe und eine anspruchslose Gedächtnisaufgabe. Wie erwartet, minderte die Kontrolle der eigenen Aufmerksamkeit die nachfolgenden Leistungen bei der anspruchsvollen, nicht aber bei der anspruchslosen Aufgabe ( Abb. 2.1).


Abb. 2.1: Proportion richtiger Lösungen bei kognitiv anspruchsvollen und anspruchslosen Aufgaben in Abhängigkeit von der vorherigen Beanspruchung von Selbstregulationsfähigkeiten (nach Schmeichel et al., 2003)

Individuen ist es bewusst, dass Selbstregulation eine limitierte Ressource darstellt. Wenn sie nach der Bearbeitung einer ersten Selbstregulationsaufgabe antizipieren, dass sie für eine zukünftige Aufgabe Selbstregulationsfähigkeiten benötigen, schneiden sie bei einer zwischengeschalteten Selbstregulationsaufgabe schlechter ab als Individuen, die keine weitere Selbstregulationsaufgabe zu bearbeiten haben (Muraven, Shmueli & Burkley, 2006). Man schont also bewusst die eigenen Kräfte für nachfolgende Aufgaben.

Auch wenn man kurzfristig durch das Ausführen einer Selbstregulationsaufgabe ermüdet, argumentieren manche, dass man die eigenen Selbstregulationsfähigkeiten durch wiederholtes Training verbessern kann (Baumeister, Gailliot, DeWall & Oaten, 2006). Genau wie man Muskeln im Fitnessstudio trainieren kann, kann man durch das Beanspruchen von Selbstregulationsfähigkeiten diese langfristig fördern. Wenn Sie also oftmals einer Ablenkung vom Lernen auf eine Prüfung nicht widerstehen können, können Sie ihren zukünftigen Erfolg durch das Fördern ihrer Selbstregulationsfähigkeiten steigern.

Der Gedanke, dass das Ausführen einer Selbstregulationsaufgabe nachfolgende Leistungen in Aufgaben, die ebenfalls Selbstregulationsfähigkeiten beanspruchen, mindert, ist intuitiv einleuchtend und eine Vielzahl an Studien hat signifikante Evidenz für die Existenz dieses Effekts berichtet. Im Zuge der Replikationskrise in der Sozialpsychologie ( Kap. 1) wurde jedoch auch der Ego-Depletion-Effekt kritisch überprüft. Eine Analyse (Carter, Kofler, Forster & McCullough, 2015) beispielsweise ergab, dass Selbstregulationsfähigkeiten nach vorheriger Inanspruchnahme im Allgemeinen nicht abnehmen, wenn man statistisch kontrolliert für die Tendenz, dass fast nur Studien mit signifikanten Ergebnissen publiziert werden (Publikationsbias). Auch verschiedene Replikationsprojekte, die zum Ego-Depletion-Effekt durchgeführt wurden, erbrachten Großteils ernüchternde Befunde (für einen Überblick, Inzlicht & Friese, 2019). Und schließlich sind auch die Trainingseffekte von Selbstregulationsfähigkeiten geringer als zunächst gedacht (Friese, Frankenbach, Job & Loschelder, 2017). Baumeister und Kollegen, die als erste den Ego-Depletion-Effekt postuliert hatten, halten dagegen nach wie vor an dem Konzept fest und vertreten vehement die Meinung, dass Ego Depletion ein reales Phänomen ist.

Zusammenfassung

Die eigene Person als Objekt der Betrachtung, also das Selbst, ist für viele das bedeutsamste Thema überhaupt. Das Selbst besteht aus verschiedenen Facetten. Das Selbstkonzept ist die kognitive Facette und umfasst das gesammelte Wissen über die eigene Person. Die meisten Menschen überschätzen, wie wichtig die eigene Person und Erscheinungsbild für andere Menschen sind. Die eigenen Gefühle kann man von der Richtung gut vorhersagen, man überschätzt aber die Intensität und Dauer, wie man auf zukünftige Ereignisse reagieren wird. Inkompetente Personen überschätzen in besonders starkem Maße die eigenen Fähigkeiten. Der Selbstwert ist die emotionale Facette und erfasst, wie zufrieden man mit sich selbst ist. Unterscheiden kann man den expliziten vom impliziten Selbstwert. Der explizite Selbstwert ist die wissentlich zugängliche Bewertung der eigenen Person. Erfasst wird er, indem Menschen direkt befragt werden, wie zufrieden sie mit sich selbst sind. Im westlichen Kulturkreis werden dabei üblicherweise Werte erzielt, die weit über dem Skalenmittelwert liegen. Die meisten Menschen geben also an, dass sie sehr zufrieden mit sich selbst sind. Der implizite Selbstwert stellt die nichtbewusste Bewertung der eigenen Person dar. Erfasst wird hier, wie positiv oder negativ Objekte beurteilt werden, die unterschiedlich stark mit der eigenen Person assoziiert sind. Expliziter und impliziter Selbstwert sind nur moderat miteinander korreliert. Aber so wie der explizite Selbstwert fällt auch der implizite Selbstwert bei den meisten Menschen im westlichen Kulturkreis positiv aus. Dass die meisten Menschen einen hohen impliziten Selbstwert aufweisen, wirkt sich auf bedeutsame Lebensentscheidungen aus. Die Wahl des Wohnorts, des Berufs und des Partners wird zum Teil durch die Ähnlichkeit zu den eigenen Initialen bestimmt. Selbstregulation ist die handlungsleitende Facette des Selbst und geht mit verschiedenen positiven intra- und interpersonellen Konsequenzen einher. Es bestehen stabile interindividuelle Unterschiede, wie erfolgreich Menschen unerwünschten Impulsen widerstehen können. Selbstregulationsfähigkeiten sind aber auch variabel, indem sie nach Beanspruchung ermüden. Die Bearbeitung einer Aufgabe, die Selbstregulationsfähigkeiten in Anspruch nimmt, mindert die Leistung bei einer nachfolgenden Aufgabe, die ebenfalls Selbstregulation erfordert, auch wenn die beiden Aufgaben unterschiedlich sind. Durch die regelmäßige Beanspruchung von Selbstregulationsfähigkeiten kann man diese jedoch langfristig stärken. Die Effekte zu Ego Depletion sind allerdings umstritten und bedürfen weiterer Forschung.

Literaturempfehlungen

Dufner, M., Gebauer, J. E., Sedikides, C. & Denissen, J. J. (2019). Self-enhancement and psychological adjustment: A meta-analytic review. Personality and Social Psychology Review, 23, 48–72.

Dunning, D. (2012). Self-insight: Roadblocks and detours on the path to knowing thyself. New York: Psychology Press.

Friese, M., Loschelder, D. D., Gieseler, K., Frankenbach, J. & Inzlicht, M. (2019). Is ego depletion real? An analysis of arguments. Personality and Social Psychology Review, 23, 107–131.

Orth, U. & Robins, R. W. (2014). The development of self-esteem. Current Directions in Psychological Science, 23, 381–387.

Fragen zur Selbstüberprüfung

1. Wieso überschätzen Menschen die Dauer und Intensität ihrer emotionalen Reaktionen auf zukünftige Ereignisse?

2. Warum überschätzen inkompetente Personen die eigenen Fähigkeiten, warum unterschätzen kompetente Personen sie?

3. Wie werden expliziter und impliziter Selbstwert gemessen?

4. Überlegen Sie sich mögliche Gründe, warum der explizite Selbstwert im mittleren Erwachsenenalter am höchsten ist.

5. Was besagt der Begriff »Implicit Egotism«?

6. Wieso ist Ihrer Ansicht nach das Stärken von Selbstregulationsfähigkeiten bedeutsamer als die Förderung des Selbstwerts, um positive intra- und interpersonelle Konsequenzen zu erzielen?

3 Soziale Kognition
Inhalt

Soziale Kognition beschreibt das menschliche Denken über sich selbst und die eigene soziale Welt. Dieses Denken erfolgt entweder unbewusst oder bewusst. Unbewusstes Denken erleichtert das Alltagsleben, führt aber auch zu systematischen Urteilsverzerrungen.

Soziale Kognition befasst sich mit der Art und Weise, wie Menschen Informationen über sich und ihre soziale Umwelt aufnehmen, verarbeiten, interpretieren und erinnern. Diese Informationsverarbeitung kann entweder spontan und unabsichtlich oder systematisch und absichtlich erfolgen. Erstere Form wird als automatischer Prozess bezeichnet, der gegeben ist, wenn das Denken unbewusst, ohne Absicht und mühelos erfolgt. Die zweite Form bezeichnet man als kontrollierten Prozess, wenn das Denken einer bewussten Kontrolle unterliegt, absichtlich erfolgt und aufwändig ist.

Merke

Das Denken über sich selbst und die eigene soziale Umwelt erfolgt sowohl automatisch als auch kontrolliert.

In diesem Kapitel werden wir vor allem auf die automatischen Prozesse zu sprechen kommen. Beginnen werden wir mit den Auswirkungen von Schemata auf Informationsverarbeitungsprozesse. Ein Schema kann als mentale Struktur aufgefasst werden, in der Wissen über die soziale Welt organisiert ist. Die Anwendung dieses Wissens erleichtert den Prozess der Eindrucksbildung, da verfügbare Informationen leichter und schneller verarbeitet werden können. Der geringe kognitive Aufwand hat jedoch seinen Preis: So werden die Informationen den Schemata angeglichen und führen zu der Bestätigung eines Schemas, selbst wenn die Informationen objektiv gesehen gegen das Schema sprechen. Anschließend besprechen wir, wie automatisches Handeln durch Schemata über Mitglieder einer sozialen Gruppe beeinflusst wird. Schließlich gehen wir auf Daumenregeln (sogenannte Heuristiken) ein, die unsere Urteilsfindung erleichtern, aber auch zu systematischen Urteilsverzerrungen führen.

3.1 Wie Schemata unsere Wahrnehmung steuern
Definition

Schemata sind mentale Wissensstrukturen über Objekte und Konzepte.

Wir haben beispielsweise gelernt, dass man per E-Mail Nachrichten verschicken und dass man auf Stühlen sitzen kann. Schemata können Handlungsmuster in bestimmten Situationen beinhalten (sogenannte Skripts), die unser Wissen über das jeweilige sozial angemessene Verhalten widerspiegeln. So ist es üblich, dass man nach einem Restaurantbesuch für das Essen bezahlt, wogegen in Kantinen (oder in der Mensa) nach der Essensausgabe bezahlt wird. Schemata führen zu Erwartungen, wie die eigene soziale Welt beschaffen sein sollte. Diese Erwartungen wiederum leiten die Wahrnehmung und Interpretation von Informationen.

3.1.1 Erwartungskongruente Bewertung von Informationen

Beispiel

Im Jahr 2007 ergab eine Studie im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz, dass das Risiko für Kinder an Leukämie zu erkranken steigt, je näher sie an einem Kernkraftwerk wohnen. Gegner des Atomstroms fühlten sich entsprechend bestätigt und forderten eine sofortige Abschaltung der Reaktoren. Allerdings führten die Wissenschaftler weiter aus, dass die Strahlenbelastung zu gering sei, um einen Zusammenhang zwischen der Nähe des Wohnorts zu einem Kernkraftwerk und der Gefahr einer Leukämieerkrankung eindeutig nachweisen zu können. Die Befürworter des Atomstroms stützten sich auf diese Aussage der Studie und fühlten sich ebenso in ihrer Position bestätigt. So kam für die damalige bayerische Wirtschaftsministerin Emilia Müller der Ausstieg aus der Atomenergie nicht in Frage.

Nicht nur in der Politik ist es oftmals so, dass sich verschiedene Personen durch die gleichen neuen Informationen bestätigt sehen, obwohl sie unterschiedliche Positionen vertreten. Diese Tendenz wird als erwartungskongruente Bewertung von Informationen bezeichnet und eindrucksvoll empirisch in einer klassischen Studie von Lord, Ross und Lepper (1979) nachgewiesen. In dieser Untersuchung wurden Befürwortern und Gegnern der Todesstrafe die Ergebnisse zweier angeblicher wissenschaftlicher Studien vorgelegt, von denen die eine einen Beleg für die abschreckende Wirkung der Todesstrafe lieferte, wogegen die andere einen gegenteiligen Beleg erbrachte. Während die Befürworter der Todesstrafe die Studie positiver beurteilte, die für die abschreckende Wirkung der Todesstrafe sprach, zeigte sich das Gegenteil bei den Gegnern der Todesstrafe. Als Folge dessen waren beide Gruppen noch mehr als zuvor von ihrer jeweiligen Position überzeugt. Die Befürworter waren sich sicherer über den Nutzen der Todesstrafe, wogegen die Gegner weniger überzeugt waren. Obwohl beide Seiten also konträre Studienergebnisse vorgelegt bekamen, waren alle von ihren anfänglichen Standpunkten noch überzeugter.

Warum werden erwartungskongruente Argumente positiver bewertet als erwartungskonträre? Neben motivationalen Aspekten, dass man sich gerne bestätigt sieht, spielen kognitive Ursachen eine entscheidende Rolle: Während erwartungskongruente Argumente nach Augenschein akzeptiert werden, werden erwartungskonträre Argumente intensiv durchleuchtet, was wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht, Schwachstellen in der Argumentation aufzudecken (Edwards & Smith, 1996). Dieser Prozess ist in Abbildung 3.1 wiedergegeben.


Abb. 3.1: Unterschiedliche Prüfung erwartungskongruenter und erwartungskonträrer Argumente

Personen, die also widersprüchlichen Argumenten ausgesetzt sind, geben nicht nur vor, dass sie stärker überzeugt von ihrer Position sind. Sie sind es tatsächlich. Man kann also davon ausgehen, dass die Befürworter und Gegner von Atomstrom nicht einfach aus politischen Gründen angeben, sie fühlten sich bestätigt, sondern sie glauben wirklich, dass die Studienergebnisse ihren (konträren) Positionen entsprechen. Oftmals wird Politikern unterstellt, sie biegen sich alles zurecht, damit es ihren Standpunkten entspricht. Das mag stimmen. Aber man sollte ihnen nicht unbedingt unterstellen, dass sie nicht selbst an ihre Standpunkte glauben.

Exkurs

Erwartungseffekte wurden in einer Vielzahl an wissenschaftlichen Studien dokumentiert. Beispielsweise hängt das Sterblichkeitsrisiko nicht nur von der tatsächlichen, sondern auch von der wahrgenommenen physischen Aktivität ab. In einer Studie (Zahrt & Crum, 2017) hatten Individuen, die sich als weniger aktiv wahrnahmen, ein um 71 Prozent erhöhtes Sterblichkeitsrisiko gegenüber Individuen, die sich als aktiver wahrnahmen und dieser Effekt blieb statistisch bestehen, wenn man für die tatsächliche physische Aktivität kontrollierte. Auch das Schmerzempfinden ist in starkem Maße von Erwartungen beeinflusst. Probanden, die ein Schmerzmittel bekamen und auf die schmerzlindernde Wirkung hingewiesen wurden, nahmen schmerzhafte Hitze als weniger unangenehm wahr als Probanden, die das Schmerzmittel ohne Hinweis auf die schmerzlindernde Wirkung bekamen. Probanden wiederum, die das Schmerzmittel bekamen mit dem Hinweis, dass dadurch das Schmerzempfinden nicht beeinflusst werden sollte, nahmen die Hitze als am schmerzhaftesten wahr (Bingel et al., 2011).

3.1.2 Positive Teststrategie

Personen bewerten also Informationen, die ihren Meinungen entsprechen, positiver als widersprüchliche Informationen. Ein weiterer Prozess, wie Personen ihre Meinungen bestätigen, stellt die Suche nach Informationen dar. Im Allgemeinen suchen Personen aktiv nach erwartungskongruenten Informationen und vermeiden erwartungskonträre.

Beispiel

Über den ehemaligen republikanischen US-Vizepräsidenten Dick Cheney war bekannt, dass Hotelmanager angewiesen waren, einen konservativen Fernsehkanal in seinem Zimmer einzustellen.

Snyder und Swann (1978) untersuchten diese sogenannte positive Teststrategie wie folgt: Probanden hatten die Aufgabe, ein Interview im Rahmen eines Bewerbungsgesprächs zu führen. Einer Hälfte der Probanden wurde mitgeteilt, dass eine extravertierte Person besonders geeignet sei, wogegen die restlichen Probanden davon ausgingen, dass eine introvertierte Person passen würde. Die Probanden erhielten einen Fragebogenkatalog, aus denen sie zwölf Fragen auswählen sollten, um den Persönlichkeitstyp des Bewerbers herauszufinden. Die Antworten auf manche dieser Fragen deuteten auf eine extravertierte Person hin (z. B. »Was würdest du machen, um eine Party in Gang zu bringen?«), wogegen andere auf eine introvertierte Person abzielten (z. B. »Was magst du nicht an lauten Partys?«). Die Probanden, die einen extravertierten Bewerber suchten, stellten vor allem Extraversions-Fragen, während die, die einen introvertierten suchten, vor allem Introversions-Fragen stellten. Individuen verwenden also vor allem erwartungskongruente (und vermeiden erwartungskonträre) Fragen bei der Suche nach Informationen.

3.1.3 Sich selbst erfüllende Prophezeiungen

Bisher haben wir betrachtet, wie eigene Erwartungen die Interpretation und die Suche von kongruenten und konträren Informationen beeinflussen. Man fühlt sich bestätigt, obwohl die Informationslage nicht unbedingt dies auch nahelegt. Ein Verhalten einer anderen Person wird beispielsweise als unhöflich wahrgenommen, da man zuvor schon das Bild eines Rüpels von dieser Person hatte. Ein anderer Beobachter dagegen, der die Person bisher als lebhaft kennengelernt hatte, würde das Verhalten als energisch interpretieren.

Erwartungen können aber auch weiterreichen, indem sie tatsächlich ihre eigene Wirklichkeit schaffen. Die Informationen werden nicht nur entsprechend der eigenen Erwartungen interpretiert, sie sind tatsächlich konform mit den eigenen Erwartungen. Allerdings sind sie nur deshalb konform, da man bestimmte Erwartungen hat, die das eigene Verhalten steuern, die wiederum ein entsprechendes Verhalten einer anderen Person hervorruft.

Beispiel

Stellen Sie sich vor, Sie lernen Frank kennen, über den Sie von Freunden erfahren haben, er sei unfreundlich. Sie treten mit dieser Erwartung in Kontakt mit Frank und sind entsprechend kühl. Frank nimmt dies wahr und reagiert abweisend. Sie wiederum fühlen sich in Ihrer Erwartung bestätigt. Ihre Freunde hatten Recht: Frank ist in der Tat unfreundlich. Frank hat sich in der Interaktion zwischen Ihnen beiden tatsächlich nicht freundlich verhalten. Frank könnte wirklich von seiner Persönlichkeit her ein unangenehmer Zeitgenosse sein. Jedoch ist es auch denkbar, dass sein konkretes Verhalten nur eine Konsequenz Ihres Verhaltens ist. Ihre Erwartung an Frank hat Ihr Verhalten ihm gegenüber gesteuert, was wiederum eine Verhaltensreaktion von Frank hervorgerufen hat, die Ihre Erwartung bestätigt. Aber wie anders hätte Ihre Begegnung ausfallen können, wenn Sie die Erwartung gehabt hätten, Frank sei ein freundlicher Mensch!

Sich selbst erfüllende Prophezeiungen sind in den unterschiedlichsten Zusammenhängen nachgewiesen worden. Im Kapitel 9 »Interpersonelle Attraktion« besprechen wir die Studie von Snyder und Kollegen (Snyder, Tanke & Berscheid, 1977), im Kapitel 7 »Vorurteile« die Studie von Word und Kollegen (Word, Zanna & Cooper, 1974).

Für den schulischen Bereich zeigten Rosenthal und Jacobson (1968), wie Erwartungen ihre eigene Wirklichkeit schaffen können. Zu Beginn eines neuen Schuljahrs wurde der Intelligenzquotient von Schülern verschiedener Klassen gemessen. Den Lehrern dieser Schüler wurde suggeriert, mithilfe dieses Tests könne festgestellt werden, ob ein Schüler im folgenden Schuljahr beträchtliche akademische Fortschritte machen würde. Daraufhin erfuhren die Lehrer die zufällig ausgewählten Namen ihrer Schüler, die angeblich im kommenden Schuljahr aufblühen würden. Acht Monate später wurden alle Schüler noch einmal auf ihre Intelligenz getestet. Es zeigte sich, dass die Schüler, von denen ihre Lehrer Fortschritte erwarteten, einen größeren Zuwachs in ihrer Intelligenzentwicklung aufwiesen als die Schüler, von denen keine besonderen Fortschritte erwartet wurden. Die Lehrer gaben zwar an, sie hätten vor allem versucht, die »normalen« Schüler zu fördern. Unabhängige Beobachtungen ergaben jedoch, dass die Lehrer den Schülern, die angeblich ihre Leistungen verbessern sollten, mehr Aufmerksamkeit, Unterstützung und Ermutigung zukommen ließen, interessantere Aufgaben stellten, mehr und bessere Rückmeldung gaben und mehr und länger Möglichkeiten einräumten, sich in der Klasse einzubringen.

Nachfolgende Untersuchungen (Jussim & Harber, 2005) bestätigten, dass sich die Erwartungen von Lehrern bezüglich des Lernfortschritts ihrer Schüler selbst bewahrheiten können, und zwar sowohl Erwartungen von Leistungssteigerungen als auch Erwartungen von Leistungsminderungen.

Merke

Das Phänomen der sich selbst erfüllenden Prophezeiung beschreibt, wie Erwartungen ihre eigene Wirklichkeit schaffen.

3.2 Wie Schemata automatisches Handeln beeinflussen

Schemata steuern die Aufnahme und Interpretation von Informationen. Sie steuern aber auch das eigene Verhalten, mit unter Umständen katastrophalen Konsequenzen:

Beispiel

Ein guineischer Immigrant, Amadou Diallo, stand am frühen Morgen des 4. Februar 1999 vor seinem Wohngebäude in New York City. Vier vorbeikommende Polizeibeamte glaubten, Diallo sei ein gesuchter Serienvergewaltiger und sprachen ihn an. Diallo fasste in seine Jacke, woraufhin die Beamten 41 Schüsse auf ihn abgaben. Diallo wurde von 19 Schüssen getroffen und verstarb. Er war nicht nur unschuldig, sondern auch unbewaffnet. Im nachfolgenden Gerichtsprozess gaben die Polizeibeamten an, sie hätten Angst gehabt, Diallo würde eine Waffe ziehen und hätten daher auf ihn geschossen. Diallo war schwarz. Hätten die Polizeibeamten auch auf ihn geschossen, wenn er weiß gewesen wäre?

Dieser Vorfall zog verschiedene sozialpsychologische Untersuchungen nach sich, die der Frage nachgingen, ob das Verhalten der Polizeibeamten durch die Hautfarbe des Opfers erklärt werden kann. War also die Entscheidung der Polizeibeamten zu schießen beeinflusst durch ihr Schema über die soziale Gruppenzugehörigkeit Amadou Diallos (ein sogenanntes Stereotyp, über das wir im Kapitel 7 »Vorurteile« ausführlicher sprechen werden)?

Ein Schema über Schwarze beinhaltet die Annahme, dass Schwarze eher als Weiße eine Waffe tragen. Diese Annahme wiederum wird schnell und automatisch in einer Begegnung mit einer schwarzen Person angewendet und steuert die eigene Wahrnehmung. Unter Zeitdruck wird daher ein Gegenstand in der Hand einer schwarzen Person eher als Waffe wahrgenommen als ein Gegenstand in der Hand einer weißen Person. Dieser Argumentation gingen Correll, Park, Judd und Wittenbrink (2002) nach.

Sie ließen ihre Probanden ein Videospiel spielen, in der eine weiße oder eine schwarze Person im Spiel entweder bewaffnet war oder nicht. Die Aufgabe der Probanden war es, so schnell wie möglich auf eine bewaffnete Person zu schießen bzw. auf eine unbewaffnete Person nicht zu schießen. Die Versuchspersonen hatten für ihre Entscheidung sehr wenig Zeit (wie die Polizeibeamten, die auf Amadou Diallo geschossen hatten), so dass sie ihr Handeln kaum bewusst kontrollieren konnten. Eventuelle Fehler der Probanden wären also vor allem als Folge automatischer Prozesse aufzufassen.

Es zeigte sich, dass die Probanden schneller auf eine bewaffnete schwarze Person reagierten als auf eine bewaffnete weiße Person. Bei einer unbewaffneten Person drehte sich dieses Ergebnismuster um: Hier reagierten die Probanden schneller auf eine weiße als auf eine schwarze Person. Gemessen wurde zudem das Auftreten von Fehlern. Wenn die Person im Spiel bewaffnet war, dann wurden mehr Fehler bei einer weißen als bei einer schwarzen Person gemacht (d. h., man schießt nicht auf die bewaffnete Person). Wenn die Person im Spiel nicht bewaffnet war, dann wurden mehr Fehler bei einer schwarzen als bei einer weißen Person gemacht (d. h., man schießt auf die unbewaffnete Person) ( Abb. 3.2).

Interessanterweise zeigten sich diese Effekte sowohl bei weißen als auch bei schwarzen Probanden, was nahelegt, dass es sich weniger um rassistisch motivierte Tendenzen handelt als vielmehr um Auswirkungen des Schemas, nach dem Schwarze mehr als Weiße mit Waffen assoziiert werden.

Abb. 3.2: Fehler der Probanden in Abhängigkeit von der Hautfarbe der Zielperson und davon, ob die Zielperson eine Waffe in der Hand hält oder nicht (nach Correll et al., 2002)

Nachfolgende Studien kamen zu zum Teil unterschiedlichen Befunden. Eine zusammenfassende Metaanalyse (Mekawi & Bresin, 2015) fand jedoch heraus, dass gemittelt über alle Studien sowohl die Effekte für Reaktionszeiten als auch Fehler signifikant sind. Zudem zeigten sich diese Verhaltenstendenzen nicht nur bei US-Amerikanern, sondern auch in anderen Kulturen. Deutsche Probanden beispielsweise reagierten schneller auf eine bewaffnete arabisch-muslimische als auf eine weiße Zielperson (Essien et al., 2017). Insgesamt dokumentiert diese Forschung sehr anschaulich, welche bedauerlichen Verhaltenskonsequenzen eine Bedrohung, die man gegenüber Fremdgruppen verspürt, haben kann. Und nach wie vor ist Polizeigewalt in den USA ein bedeutsames gesellschaftliches Problem. Ungefähr 1100 Personen werden jährlich von Polizisten bei ihren Einsätzen getötet, und weit überdurchschnittlich häufig trifft es schwarze US-Amerikaner.

Merke

Schemata über die soziale Gruppenzugehörigkeit einer Person beeinflussen automatisches Handeln ihr gegenüber.

3.3 Urteilsheuristiken

Wie wir bei der Prüfung von erwartungskongruenten und erwartungskonträren Argumenten gesehen haben, werden Informationen entweder einer oberflächlichen oder systematischen Prüfung unterzogen. Im Allgemeinen sind Menschen bestrebt, ihren kognitiven Aufwand gering zu halten (Fiske & Taylor, 1991). In Situationen, die im Einklang mit der eigenen sozialen Welt stehen (wie beispielsweise beim Lernen von erwartungskongruenten Argumenten), wird daher schnell und automatisch ein Urteil getroffen und entsprechend gehandelt. Nur in Situationen, in denen Menschen verunsichert sind (wie beim Lernen von erwartungsinkongruenten Argumenten), erfolgt kontrolliertes, aufwändiges Denken. In den allermeisten Situationen jedoch vertrauen Menschen ihrer Intuition. Dies ist im Allgemeinen hochfunktional. Bedenken Sie die Vielzahl an Entscheidungen, die man an jedem Tag zu treffen hat!

• Was frühstücke ich?

• Fahre ich mit dem Fahrrad oder der U-Bahn zur Universität?

• Rufe ich heute meine Eltern an?

• Gehe ich abends ins Kino?

Die Liste der alltäglichen Entscheidungen, die man zu treffen hat, ist sehr lang. Wenn man jede Entscheidung sorgfältig nach allen Seiten abwägen würde, würde dies so viel Zeit und Energie kosten, dass die Handlungsfähigkeit erheblich eingeschränkt wäre. In der Urteilsfindung vertraut man daher auf einfache Heuristiken. Urteilsheuristiken sind »Daumenregeln«, deren Anwendung den Prozess der Informationsverarbeitung erleichtert. In den meisten Fällen führt die Anwendung von Heuristiken zu guten Urteilen. Es treten aber auch systematische Verzerrungen auf, die die Urteilsgenauigkeit beeinträchtigen.

Die wichtigsten Urteilsheuristiken sind die Verfügbarkeitsheuristik, die Repräsentativitätsheuristik sowie die Ankerheuristik.

Merke

Eine Heuristik ist eine Daumenregel, mit deren Hilfe ressourcensparend Urteile getroffen werden.

Verfügbarkeitsheuristik
Beispiel

Wenn Sie von München nach Berlin reisen müssten und Sie möchten ein möglichst sicheres Verkehrsmittel auswählen: Würden Sie das Auto oder das Flugzeug nehmen?

Die meisten Reisenden würden wahrscheinlich das Auto bevorzugen. Tatsächlich jedoch ist das Flugzeug die weitaus sicherere Alternative. Wenn ein Reisender mit dem Auto zum Flughafen gefahren ist, hat er den gefährlichsten Teil seiner Reise bereits geschafft. Warum aber überschätzen Menschen die Absturzgefahr eines Flugzeugs (bzw. unterschätzen die Gefahren des Autofahrens)? Dies ist ein Beispiel für das Wirken der Verfügbarkeitsheuristik. Beim Treffen von Wahrscheinlichkeitsurteilen verlässt man sich auf früher erworbenes Wissen. Je leichter relevante Ereignisse aus dem Gedächtnis abgerufen werden können, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens eingeschätzt. So zeigte sich beispielweise nach den Terrorattacken in den USA im September 2001, dass die Anzahl an Passagieren in Inlandsflügen um 18 Prozent zurückging. Aufgrund der erhöhten PKW-Nutzung war ein deutlicher Anstieg der Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle zu verzeichnen (ca. 1.600 mehr Verkehrstote als normalerweise zu erwarten waren und eine mehr als sechsmal höhere Anzahl an Personen, die am 11. September in den Flugzeugen starben (256)). Terroristische Akte beinhalten also nicht nur das direkte Töten von Menschen, sondern können durch ausgelöste Ängste gefährliche Verhaltensweisen hervorrufen (Gigerenzer, 2004).

Merke

Verfügbarkeitsheuristik: Je leichter Wissen über ein Ereignis aus dem Gedächtnis abgerufen werden kann, desto stärker fließt es in die Urteilsfindung ein.

In den Medien wird über eher seltene Unglücke wie einen Flugzeugabsturz öfter berichtet als über häufigere wie Autoverkehrsunfälle. Daher ist Wissen über den Tod durch Flugzeugabstürze verfügbarer als das Wissen über den Tod durch Autoverkehrsunfälle, was wiederum dazu führt, dass die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Flugzeugabsturzes als höher eingeschätzt wird als die eines Autoverkehrsunfalls.

Repräsentativitätsheuristik
Beispiel

Linda ist 31 Jahre alt, unverheiratet, extravertiert und intelligent. Sie hat während ihres Studiums Seminare in Philosophie belegt, interessierte sich als Studentin sehr für Rassendiskriminierung und soziale Ungerechtigkeit und nahm an Demonstrationen gegen Atomwaffen teil. Welche Aussage halten Sie für wahrscheinlicher?

1. Linda ist bei einer Bank angestellt.

2. Linda ist bei einer Bank angestellt und sie ist eine aktive Feministin.

Diese Frage wurde Probanden in einer Studie von Tversky und Kahneman (1982) gestellt. Die Mehrzahl der Probanden hielt die zweite Aussage für wahrscheinlicher als die erste Aussage. Dies kann allerdings nicht stimmen, da in der Aussage 2 (Bankangestellte und Feministin) eine Teilmenge der Gesamtmenge von Aussage 1 (Bankangestellte) angesprochen wird, und eine Teilmenge niemals wahrscheinlicher sein kann als eine Gesamtmenge. Tversky und Kahneman sehen diesen Urteilsfehler als eine Folge der Verwendung einer Repräsentativitätsheuristik an. Interesse an Rassendiskriminierung und sozialer Ungerechtigkeit entspricht eher dem Bild einer Feministin als einer Bankangestellten. Daher ist eine feministische Bankangestellte repräsentativer für die Beschreibung von Linda als eine Bankangestellte, von der man nicht weiß, ob sie Feministin ist.

Merke

Repräsentativitätsheuristik: Je typischer etwas erscheint, als desto wahrscheinlicher wird es angenommen. Dabei wird die Basisrate, wie groß also die Grundwahrscheinlichkeit ist, vernachlässigt.

Ankerheuristik
Beispiel

In einer Studie von Englich, Mussweiler und Strack (2006) erhielten professionelle Juristen Fallmaterial über eine mögliche Vergewaltigung. Manche der Probanden sollten sich vorstellen, ein Journalist würde sie fragen, ob die Strafe für den Angeklagten höher oder niedriger als ein Jahr ausfallen sollte. Andere Probanden sollten sich vorstellen, sie wären gefragt worden, ob die Strafe für den Angeklagten höher oder niedriger als drei Jahre ausfallen sollte. Danach wurden alle Probanden gebeten, ein Urteil zu fällen. Die Probanden in der 3-Jahre-Bedingung fällten strengere Urteile (im Durchschnitt 33 Monate) als die Probanden in der 1-Jahr-Bedingung (im Durchschnitt 25 Monate).

Das Ergebnis dieser Studie ist ein Beispiel für die Wirkung der Ankerheuristik. Die Werte »3 Jahre« und »1 Jahr« wirken im Sinne eines Ankers, der die nachfolgende Entscheidung beeinflusst. Die Ankerheuristik kommt zustande, indem ein bestimmter Ausgangswert als Referenz für die Urteilsbildung herangezogen wird, so dass das endgültige Urteil in Richtung des Ausgangswerts verzerrt ist (Tversky & Kahneman, 1974).

Merke

Ankerheuristik: Die Urteilsbildung hängt von einem bestimmten Ausgangswert (Anker) ab.

Zusammenfassung

Forschung zum Thema »Soziale Kognition« behandelt die Frage, wie Menschen über sich und ihre soziale Umwelt nachdenken. Dieses Denken erfolgt entweder automatisch oder kontrolliert. Kontrolliertes Denken ist gekennzeichnet durch bewusste, absichtsvolle Prozesse, die Zeit und Energie kosten. Automatisches Denken dagegen ist unbewusst, unabsichtlich und mühelos. Der geringere Aufwand automatischen Denkens hat jedoch seinen Preis. Das eigene Wissen über die soziale Welt (Schema) erleichtert die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen, führt aber auch dazu, dass Schemata aufrecht erhalten werden, selbst wenn die Informationen für eine Revision des Schemas sprechen würden, und ist für Fehleinschätzungen bei der Begegnung mit Mitgliedern sozialer Gruppen verantwortlich. Heuristiken (Daumenregeln) in der Urteilsfindung mindern gleichfalls den zu betreibenden kognitiven Aufwand, aber auch unter Umständen die Urteilsgenauigkeit. Die wichtigsten Urteilsheuristiken sind die Verfügbarkeitsheuristik, die Repräsentativitätsheuristik sowie die Ankerheuristik.

Literaturempfehlungen

Gigerenzer, G. & Gaissmaier, W. (2011). Heuristic decision making. Annual Review of Psychology, 62, 451–482.

Greifeneder, R., Bless, H. & Fiedler, K. (2017). Social cognition: How individuals construct social reality. London: Psychology Press.

Jussim, L. (2015). Precis of social perception: Why accuracy dominates bias and self-fulfilling prophecy. Behavioral and Brain Sciences, 40, 1–20.

Payne, B. K. & Correll, J. (2020). Race, weapons, and the perception of threat. Advances in Experimental Social Psychology, 62, 1–50.

Fragen zur Selbstüberprüfung

1. Unterscheiden Sie automatisches von kontrolliertem Handeln!

2. Wie unterscheidet sich die Prüfung erwartungskongruenter Argumente von der Prüfung erwartungskonträrer Argumente?

3. Wie könnte die Erwartung, Ihr Gegner bei einem Tennisspiel sei ein sehr guter Spieler und Ihnen eindeutig überlegen, zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung führen?

4. Beschreiben Sie die Verfügbarkeitsheuristik, die Repräsentativitätsheuristik und die Ankerheuristik und versuchen Sie, für jede Heuristik ein Beispiel aus Ihrem Alltag zu finden.

4 Soziale Wahrnehmung
Inhalt

Soziale Wahrnehmung behandelt die Prozesse, wie Menschen zu einem Eindruck über das Verhalten und über Eigenschaften anderer Menschen gelangen. Die Eindrucksbildung wird beeinflusst von zuvor aktivierten Gedächtnisinhalten, der Reihenfolge der Informationsdarbietung, den impliziten Persönlichkeitstheorien sowie den Erwartungen des Beobachters. Die Wahrnehmung der Ursachen menschlichen Verhaltens ist Thema der Attributionstheorien.

Als soziale Wesen sind Menschen bestrebt, das Verhalten anderer Menschen zu verstehen und zu erklären. Dieser Prozess wird in der Sozialpsychologie unter dem Stichwort »Soziale Wahrnehmung« behandelt. Im ersten Teil des Kapitels gehen wir darauf ein, wie unsere Eindrucksbildung von den Eigenschaften anderer Menschen vonstattengeht. Der Eindruck, den wir von einer anderen Person gewinnen, hängt sicherlich von dieser Person und ihrem Verhalten und ihren Eigenschaften ab. Es soll aber deutlich werden, dass ebenso wir als Beobachter dazu beitragen, zu welchem Bild wir gelangen. Im zweiten Teil besprechen wir, wie wir bei unserer Suche nach den Ursachen des Verhaltens anderer Personen vorgehen. Wir beschreiben die wichtigsten Attributionstheorien, also die Theorien, die die Zuschreibung von Ursachen von Handlungen und Zuständen behandeln, diskutieren systematische Verzerrungen, die im Prozess der Ursachenzuschreibung auftreten und besprechen einige Konsequenzen, die aus diesen Ursachenzuschreibungen resultieren.

4.1 Eindrucksbildung

Unser Bild von den Eigenschaften anderer Menschen hängt von vielen Faktoren ab, die uns oftmals nicht bewusst sind. So können beispielsweise zuvor aktivierte Gedächtnisinhalte unseren Eindruck von anderen Personen beeinflussen. Dieses sogenannte Priming werden wir als erstes besprechen. Als zweites gehen wir auf die Bedeutung der Reihenfolge, in der wir Informationen über eine andere Person erhalten, ein. Selbst wenn die Informationen über zwei Personen absolut identisch sind, können wir einen unterschiedlichen Eindruck über beide Personen erlangen, wenn sich die Reihenfolge, in der die Informationen dargeboten wurden, unterscheiden. Wenn wir Informationen über das Verhalten anderer Personen erhalten, spiegeln diese nur einen Teil der Persönlichkeit wider. Wir nutzen dann die uns vorliegenden Informationen, um die Lücken zu füllen. Die Annahme ist dabei, dass manche Charaktereigenschaften überzufällig häufig mit anderen Eigenschaften einhergehen, so dass unsere Kenntnis einer Eigenschaft Schlüsse auf andere Eigenschaften einer Person zulässt. Nach der Darstellung dieser impliziten Persönlichkeitstheorien widmen wir uns schließlich der menschlichen Tendenz, eigene Erwartungen zu bestätigen. Sobald wir ein bestimmtes Bild über eine andere Person gewonnen haben, bleiben wir oftmals bei diesem Bild, selbst wenn wir danach Informationen über diese Person erhalten, die unserer ursprünglichen Erwartung eindeutig widersprechen.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
18 aralık 2025
Hacim:
281 s. 36 illüstrasyon
ISBN:
9783170394827
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