Kitabı oku: «Der Leibarzt des Zaren»

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Tor Bomann-Larsen

Der Leibarzt des Zaren

Roman

Aus dem Norwegischen von Hans-Joachim Maass

Saga

Ebook-Kolophon

Tor Bomann-Larsen: Der Leibarzt des Zaren. Aus dem Norwegischen von Hans-Joachim Maass. © 2009 Tor Bomann-Larsen. Originaltitel: Livlegen. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2016 All rights reserved.

ISBN: 9788711448854

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

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Für Hilde

Vorwort

Kommandant Jurowskij fand die Pulsader des Zaren und stellte fest, dass der Tod eingetreten war. Es war kurz nach halb zwei in der Nacht zum 17. Juli 1918 (nach der alten russischen Zeitrechnung war es der 4. Juli).

Es war einfach gewesen zu schießen, aber schwierig zu töten.

Russlands letzter Zar, Nikolaj II., war zusammen mit seiner Familie und vier weiteren Personen eine halbe Stunde zuvor in den Keller des Ipatjew-Hauses geführt worden. Es lag in Jekaterinburg unmittelbar östlich des Ural-Gebirges. Man führte sie in einen kahlen Raum von 4 × 4,5 Meter mit einem ovalen Gitterfenster und gewölbter Decke. Für den Zaren wurde ein Stuhl geholt, ebenso einer für die Zarin und einer für den Thronfolger. Die übrigen verteilten sich hinter ihnen mit dem Rücken zur Wand wie bei einem Gruppenfoto.

Draußen sprang der Motor eines Lastwagens an.

Der Kommandant öffnete eine Tür, worauf eine Abteilung Gardesoldaten eintrat, die ihre Waffen diskret auf dem Rücken hielten. Der Kommandant verlas eine Erklärung des Exekutivkomitees des Ural-Sowjets, die in aller Kürze verkündete, der Augenblick sei gekommen, in dem die Anwesenden erschossen werden sollten.

Der Zar fragte:

»Wie bitte?«

Die Zarin bekreuzigte sich. Es fielen Schüsse. Ohrenbetäubender Lärm füllte den Raum, bis die Magazine geleert waren, doch die Schreie verstummten nicht.

Später, als man die Leichen entkleidete, stellte sich heraus, dass die Töchter des Zaren spezialgenähte, mit Edelsteinen gefütterte Korsetts trugen; die Edelsteine saßen so dicht, dass die Kugeln von ihnen abprallten und sogar die Bajonette Mühe hatten, den Stoff zu durchdringen. Bei sechs der Opfer fanden die Gardisten das Medaillon mit dem Porträt eines Mannes, den alle erkannten – Gregorij Rasputin. Weder die Edelsteine noch das Medaillon konnten ihr Leben retten, sondern verlängerten nur ihre Leiden.

20 Minuten nachdem die ersten Schüsse abgefeuert waren, lagen elf Leichen unter der Persenning auf der Ladefläche. Die Toten waren Zar Nikolaj, seine Gemahlin Alexandra, der kaum vierzehnjährige Thronfolger und seine vier älteren Schwestern sowie eine Dienerin und zwei Diener. Das elfte Opfer war der Leibarzt des Zaren, Doktor Botkin.

Jewgenij Sergejewitsch Botkin wurde 1865 als dritter Sohn von Professor Sergej Petrowitsch Botkin (1832–1889) geboren. Der Vater stand als Leibarzt in Diensten sowohl von Alexander II. als auch Alexander III. Der Sohn Jewgenij erhielt seine Ausbildung in St. Petersburg und an den Universitäten von Berlin und Heidelberg. Nach einer Tätigkeit als Oberarzt in einem Krankenhaus St. Petersburgs und als Mitarbeiter bei Sanitätsoperationen des Roten Kreuzes während des Krieges gegen Japan wurde er 1908 zum Leibarzt Nikolajs II. im Rang eines Generals ernannt. Dabei behielt er sein Engagement außerhalb des Hofs bei, unter anderem als Dozent an der Medizinischen Akademie.

Jewgenij Botkin bekam mit seiner Ehefrau Olga vier Kinder: Dimitrij (Mima), Jurij, Tatjana und Gleb, die in den Jahren 1894 bis 1900 geboren wurden. Zehn Jahre nachdem Botkin bei der Zarenfamilie seinen Dienst angetreten hatte, ging die Ehe in die Brüche. Die beiden jüngsten Kinder haben nach der Flucht aus Russland ihre Erinnerungen herausgegeben.

Doktor Botkin lehnte es ab, sich mit dem großen Günstling des Hofs zu befassen, dem Wundertäter Gregorij Rasputin (1869–1916), was ihn in einen gewissen Gegensatz zu Zarin Alexandra brachte. In einem Brief an den Zaren, datiert vom 30. August 1915, schreibt sie: »Ich habe Botkin eine Menge erzählt, um ihm die Dinge klarzumachen, da er sich nicht immer so verhält, wie ich es mir wünschen würde ...«

Alexandra Fjodorowna war eine geborene Prinzessin von Hessen, wuchs jedoch nach dem frühen Tod der Mutter bei ihrer Großmutter auf, Königin Viktoria von England. 1894 ging sie im Alter von 22 Jahren nach Russland, wo sie den orthodoxen Glauben annahm und den jungen Herrscher des Landes heiratete, Nikolaj II. Das Ehepaar bekam insgesamt fünf Kinder, die im Alexanderpalast des »Zarendorfs« Zarskoje Selo in der Nähe von St. Petersburg aufwuchsen. Außerhalb der Parkanlage des Palasts wohnte der Leibarzt mit seiner Familie.

»Seitdem die Hofverpflichtungen den größten Teil der Tage mit Beschlag belegten, war er gezwungen, seine persönliche Arbeit nachts zu erledigen«, schreibt Gleb Botkin von seinem Vater. »Er ging nie vor vier oder fünf Uhr morgens schlafen, um dann um acht Uhr wieder aufzustehen.«

Der Leibarzt hielt seine nächtlichen Gewohnheiten auch nach der Deportation nach Jekaterinburg aufrecht. In ihren Erinnerungen hat die Tochter einen Brief wiedergegeben, den sie von der Tochter des Zaren erhielt, der Großfürstin Olga: »Ihr Vater verbringt einen Teil seiner Nächte damit, zu schreiben. Einmal soll er sogar in der Badewanne eingeschlafen sein!«

Der Mord an Nikolaj II. und seinen engsten Angehörigen gehörte zu einer Reihe geheim gehaltener Aktionen, die von den Bolschewiken in Moskau gesteuert wurden, wobei Mitglieder des Zarenhauses ohne gesetzliches Verfahren hingerichtet wurden.

Die Dynastie der Romanows hatte 1913 ihr 300-jähriges Jubiläum als Russlands regierendes Fürstenhaus gefeiert. Die letzten Herrscher (nach Katharina der Großen) waren:

 Paul I. (1796–1801)

 Alexander I. (1801–1825)

 Nikolaj I. (1825–1855)

 Alexander II. (1855–1881)

 Alexander III. (1881–1894)

 Nikolaj II. (1894–1917)

Das Massaker in Jekaterinburg zog nicht nur einen Schlussstrich unter ein altes Regime; vielmehr sollte sich das Gewölbe in Ipatjews Keller als Ausgangspunkt politischer Lösungen einer neuen Zeit erweisen.

Die wichtigsten Quellen, die das Ende der Dynastie beleuchten, sind die eigenen Briefe und Tagebücher von Zar und Zarin. Mehrere Menschen in ihrer Umgebung haben ebenfalls ihre Erinnerungen geschrieben, unter anderem: Großfürst Alexander Michailowitsch, Großfürstin Maria Pawlowna, Fürst Roman Romanow, Fürst Felix Jusupow, die Hauslehrer Pierre Gilliard und Sidney Gibbs, die Hofdamen Anna Wyrubowa und Baronin Sophie Buxhoeveden, der Hofmarschall Paul Graf Benckendorff und der Befehlshaber der Leibgarde, Alexander Graf Grabbe. Überdies sind uns Beschreibungen von Minister Alexander Kerenskij, dem Botschafter Maurice Paléologue, dem Dichter Alexander Blok, dem Journalisten Robert Wilton und der Fürstin Catherine Radziwill überliefert. In den letzten Jahren und ganz besonders nach der Öffnung der Archive in Russland sind eine lange Reihe geschichtlicher Bücher veröffentlicht worden, Biografien und Dokumentensammlungen, die den Sturz des Zarentums erhellen. Diese Werke stammen sowohl von russischen als auch westlichen Schriftstellern und Historikern.

Doktor Botkins Tagebuch ist nie gefunden worden.

April 1918

Jekaterinburg, den 17. April

»Zeigt uns den Blutigen!«

Es war unmöglich, die Worte nicht zu hören.

Seine Majestät hatte mit ruhigen Bewegungen das Etui hervorgeholt und eine Zigarette angezündet, als gingen ihn die Rufe von draußen nichts an. Die Zarin saß mit zusammengekniffenem Mund bewegungslos da. Die graublauen Augen von Großfürstin Maria waren weit aufgerissen. Nur Fürst Dolgorukow besaß die Geistesgegenwart, die Stille zu brechen:

»Warum halten wir in Jekaterinburg? Warum geht es nicht weiter?«

»Woher wissen sie, dass wir es sind?«, ließ sich die Zarin vernehmen. »Die Vorhänge sind ja zugezogen.«

Ich spürte plötzlich ein Bedürfnis nach frischer Luft, stand auf und blickte hinaus. Am Ende des Waggons war die Tür geöffnet. Ohne eine Erklärung abzugeben, verließ ich das kaiserliche Abteil und schlängelte mich an den Wachen vorbei zum Ausgang. Die Rufe wurden noch deutlicher. Auf der Plattform zum nächsten Wagen war ein Maschinengewehr postiert. Ein Unteroffizier gab mir durch ein Zeichen zu verstehen, dass ich mich nicht in der Tür zeigen dürfe. Ein Seitenblick vermittelte mir gleichwohl ein Bild von der Situation.

Zwischen uns und dem Bahnsteig, auf dem sich eine große und aufgehetzte Volksmenge versammelt hatte, lagen zwei Gleispaare. Die Menschen wurden von einer Reihe von Gardesoldaten zurückgehalten, die zu unserer Besatzung gehörten. Die Volksmenge blockierte nicht nur den Zugang zum Bahnhofsgebäude, sondern konnte in jedem Moment die Wachen zur Seite drängen und über die Bahnsteigkante hinwegquellen, um auf den Zug zuzustürmen. Weder der Anblick der Maschinengewehrposten noch der des Kommandanten vermochte die Gemüter zu beruhigen.

Mit einem Mal durchschnitt ein schrilles Pfeifsignal die Luft. Alle richteten ihre Aufmerksamkeit sofort zur Seite, wo zwischen uns und dem Bahnsteig ein Güterzug herangedampft kam. Die Menge ließ sich instinktiv zurückdrängen. Die Reihe von Güterwagen hielt an und blieb zwischen uns und dem Bahnsteig wie eine Mauer stehen. Ich begab mich eilig ins Abteil zurück. In dem Moment, in dem ich die Tür öffnete, machte der Waggon einen Ruck, und unser Zug, der die ganze Zeit über unter Dampf gestanden hatte, begann sich zu bewegen. Gleichzeitig nahm das Gedränge im Korridor zu, als die Gardesoldaten einen übereilten Rückzug antraten. Erst jetzt begriff ich, dass es sich nicht um einen Güterzug handelte, der zufällig im richtigen Augenblick in der Bergbaustadt Jekaterinburg angekommen war, sondern um ein taktisches Manöver, das auf Befehl von Kommandant Jakowlew inszeniert worden war.

»Das war knapp«, entfuhr es mir, als ich mich in dem dunklen Abteil auf den Sitz sinken ließ. Der Zar setzte eine fragende Miene auf, doch Fürst Dolgorukow kam ihm zuvor:

»Dann verlassen wir Jekaterinburg also.«

Ihre Majestät atmete schwer.

»Es ist der Telegraf«, sagte sie. »Sie telegrafieren von Station zu Station und hetzen den Pöbel auf, wohin wir auch kommen.«

Großfürstin Maria sah die Mutter mit Entsetzen an.

Das Wort Moskau lag mir schon auf der Zunge, als der Fürst eine Hand hob, um darauf aufmerksam zu machen, dass der Zug schon langsamer wurde. Kurz darauf hielt er ganz. Ich steckte den Kopf aus dem Abteil und erfuhr, dass wir auf einem Güterbahnhof am Rande der Stadt standen.

»Einem Güterbahnhof?«, fragte die Zarin, und ich hatte das Gefühl, tief zu erröten.

»So viel Gepäck haben wir doch gar nicht?«, fragte Seine Majestät.

»Nein, wo sollten wir mit dem Gepäck auch hin«, sagte der Fürst. »Schließlich reisen wir mit 160 Rotgardisten durch die Gegend.« Er überspielte die Ironie mit seinem traurigen schiefen Lächeln.

Die Äußerung hatte die beabsichtigte Wirkung. (Fürst Dolgorukow ist ein sehr erfahrener Hofmann.) Die Zarin gab dem Gedanken an die Rotgardisten den Vorzug vor den Stichwörtern »Güterbahnhof« und »Gepäck«. Es ging um mehr als eine Bahnfahrt zwischen den Provinzstädten Tobolsk und Jekaterinburg. Die Gardesoldaten waren nicht nur unsere Gefangenenwärter, denn sie garantierten nicht nur unsere Sicherheit, sondern auch unsere Bedeutung.

Gleichwohl brachte niemand den Mut auf, die Hauptstadt beim Namen zu nennen. Vor uns lagen die Berge des Ural, und auf der anderen Seite waren es immer noch mehrere Tagesreisen bis zum Zentrum der Macht.

Es verging eine Stunde, vielleicht waren es auch zwei, bevor man uns befahl, den Zug zu verlassen. Offenbar war zwischen unserem Kommandanten Jakowlew und den örtlichen Kommissaren des Ural-Sowjets eine Abmachung getroffen worden. Auf dem Güterbahnhof wimmelte es von bewaffneten Gardisten und mehreren Würdenträgern der neuen Zeit. Überdies waren kein Hund zu sehen und keine Beschimpfungen zu hören.

Man holte uns der Reihe nach ab, erst das Zarenpaar und die Tochter, Großfürstin Maria, in einem offenen Automobil, das von einem mit Maschinengewehren und bewaffneten Gardesoldaten vollgestopften Lastwagen eskortiert wurde. Zwanzig Minuten später wurde ich zusammen mit dem Fürsten und unseren drei Dienern in einen geschlossenen Wagen gedrängt. Wir erhaschten ab und zu einen Blick auf die Stadt, jedenfalls genug, um zu sehen, dass Jekaterinburg bedeutend größer ist als Tobolsk. Es hat mehr hohe Gebäude und recht starken Verkehr auf den Straßen. Schließlich kämpfte sich der Wagen röchelnd einen langen Berg hinauf. Wir hielten auf der Hügelkuppe. Es roch nach Harz und frischem Baumsaft. Man hätte meinen können, man hätte uns in einem Wäldchen hinausgelassen.

Vor uns stand eine dichte, grob behauene Palisade aus schlanken, frisch ausgeästeten Baumstämmen von etwa vier Meter Höhe. Dahinter überragten weiße Dachgesimse und ovale Bodenfenster ein niedriges, gemauertes Haus.

Hierher sollte man uns bringen.

Man führte uns zum Eingang, wo jeder von uns den Passierschein vorzeigen musste, den wir von den Kommissaren in Tobolsk erhalten hatten. Als Arzt wurde ich schnell durchgelassen, Fürst Dolgorukow hielt man dagegen zurück, obwohl die Papiere zeigten, dass er der Hofmarschall des Zaren war.

Oder vielleicht gerade deshalb?

Es ist Mitternacht. Wir lassen den Dienstag nach Palmsonntag hinter uns, den Tag, an dem Nikolaj II. in Jekaterinburg Einzug hielt. Endlich Ruhe nach mehreren Tagen unterwegs, jedoch ohne unseren wirklichen Bestimmungsort zu kennen.

Ich habe zur Feder gegriffen. Vielleicht kann das Schreiben auf dem weiteren Weg als Hilfe und Stütze dienen, als Anhaltspunkt für Daten und Orte, jetzt, wo ich nicht einmal mehr den Fürsten Dolgorukow zum Gedankenaustausch habe.

Diese Entscheidung traf ich, als mir die Bedeutung des Tages aufging, nicht die offenkundige, aber die dahinterliegende. Nicht einmal der Zar erinnerte sich am 17. April daran, dass wir unser neues Gefängnis am 100. Geburtstag des Zaren betraten, den man den Befreier nennt.

Niemand erinnerte sich an den Geburtstag Alexanders II.

An seinen Todestag erinnert sich jeder.

18. April

Der Tag ist das Licht zwischen zwei Nächten.

Dreizehn Tage trennen uns von unseren Bewachern. Sie bewegen sich im Takt mit dem gregorianischen Kalender, wir folgen dem Bindeglied zu der alten Zeit, zu der julianischen Ordnung. Wir befinden uns in der Karwoche, in einem Ritual, das unsere Bewacher längst hinter sich gelassen haben. Den Kalender aufgeben heißt Gott abschreiben.

Ich liege im Salon, einem großen Zimmer mitten im Haus mit zwei Türen, von denen jede zu einem eigenen Universum führt. Das Feldbett steht nur einen Meter von der Doppeltür zum Gang entfernt, von dem eine Tür zur Eingangshalle mit einer Treppe zum Souterrain und eine weitere zum Wachbüro des Kommandanten führt. Auf der anderen Seite liegt das Esszimmer. Hinter diesem düsteren Raum, in dem wir alle unsere Mahlzeiten einnehmen sollen, befinden sich drei helle Schlafzimmer, die für die Zarenfamilie gedacht sind.

Die Lampe habe ich auf einen kleinen Tisch zwischen der Eingangstür und dem Kopfende gestellt. Das Licht fällt direkt auf das Kopfkissen. Von der anderen Seite der Wand höre ich das Rumoren des Kommandanten und von Gardesoldaten, die im Büro ein und aus gehen.

Gegen das Kissen vor dem Eisengitter gelehnt, habe ich Aussicht auf vier hohe Fenster mit schweren Gardinen. Ein Teil des Salons mündet in eine Nische, typisch für die moskowitische Architektur des Hauses, bei der Tapetenornamente und Stuckatur in dunkleren, goldeneren Farbtönen gehalten sind. Direkt in der Wölbung steht ein schwerer Schreibtisch. Von dort habe ich die Lampe geholt.

Was das Leselicht angeht, habe ich beschlossen, auf meine zwei Zimmergenossen keine Rücksicht zu nehmen. Beide haben ihre Betten an der innersten Wand im Zimmer platziert, hinter der Tür zum Esszimmer. Es sind die alternden Kammerdiener des Zaren, die unentbehrlichen Tschemodurow und Iwan Sednjew, der ursprünglich Matrose an Bord des Zarenschiffs Standart war, der aber als Diener der Töchter Seiner Majestät nach Sibirien mitgekommen ist. Das Kammermädchen der Zarin, Anna Demidowa (Njuta), hat sich im Esszimmer schlafen gelegt. Das Zarenpaar hat zusammen mit der Tochter, Großfürstin Maria, das helle Eckzimmer eingenommen. Während mich nur eine tapezierte Wand von dem bolschewistischen Kommandanten trennt, liegt zwischen mir und dem Zarenpaar ein großer offener Raum.

So wurden wir gestern bei unserer Ankunft einquartiert, drei Mitglieder der Zarenfamilie, drei Diener und ich, der siebente, die allein das Gefolge bilden, den Hofstaat des Zaren. So begaben wir uns schon am ersten Abend zur Ruhe. Weit weg von unseren Angehörigen in Tobolsk und noch weiter entfernt vom Zentrum der Macht in Moskau.

Wir wurden von Hornbläsern geweckt. Seine Majestät war früh auf den Beinen. Die Töne von Trommeln und Blechbläsern schienen ihn zu beleben. Es waren jedoch keine Zarenmärsche. Der Musik folgte ein grober, unartikulierter Gesang, und als die Meute vor dem Palisadenzaun vorbeizog, wurden sogar die Trompeten von unangenehmen Rufen übertönt, vorzugsweise von fantasievollen Formulierungen, die dem Hass auf die Zarin entsprungen waren, Schmähungen, die nur die Dienerschaft und ich selbst verstehen konnten. In den graublauen Augen der Fürstin Maria erkannte ich das Wort vom Bahnsteig wieder, »den Blutigen«, und ertappte mich dabei, dass ich Fürst Dolgorukows Replik vermisste. Als das Orchester etwas intonierte, worin wir die französische Nationalhymne wiedererkannten, das Revolutionslied, kam mir der Einfall, uns dreizehn Tage weiter zu zählen. Nach der neuen Zeitrechnung war es der 1. Mai.

Niemandem fiel es leicht, die Feiern des Vorjahrs zu verdrängen, als ein ähnlicher Aufzug lärmend vor dem Gitterzaun vor dem Alexanderpalais in Zarskoje Selo vorüberzogen war. Selbst wenn uns in diesem Jahr der Anblick der Fahnen und der Menschenmasse erspart blieb, waren die Laute und Rufe erheblich näher gekommen. Es sind vier oder fünf Meter zwischen dem Haus und der Palisade, doch zum Glück waren die Fenster geschlossen. Überdies blieb uns der Trauermarsch erspart. Wir möchten lieber die »Marseillaise« hören oder auch die »Internationale«, selbst in ihren schauerlich russifizierten Versionen, als Chopins Trauermarsch. Dieser hatte vergangenes Jahr zu Ostern durch das Alexanderpalais gedröhnt, als man aus dem Begräbnis der »Opfer der Revolution« vor den Schlossfenstern eine große Angelegenheit machte. Die Prozessionen wiederholten sich so oft, dass am Ende die gesamte Zarenfamilie und der halbe Hof Chopin vor sich hinpfiff. Auch in Tobolsk blieben uns Volksparaden vor der »Zarenresidenz« nicht erspart.

Dies ist unser drittes Gefängnis. Das Imperium schrumpft.

Mein ältester Sohn Mima wurde nie gefunden. Nur der leere Sattel, ein Koffer und ein Datum, der 3. Dezember 1914, kehrten von der Front zurück. Der Zar überreichte mir stellvertretend für meinen Sohn das St. Georgskreuz für erwiesene Tapferkeit. Ein blankes Kreuz, ein leuchtendes Kreuz, aber keine Brust mehr, an die man es heften konnte.

Erst als der Zug aus Zarskoje hinausrollte, stieg ich in den Sattel. Ich saß noch fünf Tage später im Sattel, nachdem wir die Reise von Tobolsk angetreten hatten. Nur wenn ich dem Zaren folgte, nur wenn ich meine überlebenden Kinder verließ, konnte ich als Vater Bedeutung bewahren. Als Seine Majestät den Thron aufgab, wurde ich auf eine neue Weise an ihn gebunden. Die Abdankung machte jede Ausrede ehrlos, und für denjenigen, der einen Sohn auf dem Schlachtfeld verloren hat, ist sie unmöglich. Wenn alle Normen sich in Auflösung befinden, bin ich gezwungen, an dem Begriff Ehre festzuhalten und ihn zumindest mit Anstand zu erfüllen. Sowohl um der Toten als der Überlebenden willen. Ich vermisse meine Kinder. Die beiden in Tobolsk, das dritte in Petrograd, am meisten jedoch den Erstgeborenen, der für immer nicht mehr da ist. Ihm stehe ich am nächsten.

Jeden Tag ein wenig näher.

In unserem Leben wurde dies der Tag der Revolution, der 13. April 1918. Die Umwälzung ereignete sich im Morgengrauen, als Kommandant Jakowlew unserem Gefolge aus gebrechlichen Bauernkarren den Marschbefehl erteilte. Die Bolschewiken hatten in Brest-Litowsk mit unseren deutschen Feinden das Friedensabkommen unterzeichnet, und damit hatte sich Russland aus dem Weltkrieg verabschiedet. Der Feldzug aus der Vergangenheit setzte sich in Bewegung.

Die Zarenfamilie wurde auseinandergerissen, die Töchter voneinander getrennt. Und ich sah meine eigene Tochter hinter einer Glasscheibe auf der anderen Straßenseite mit erhobener Hand dastehen. Ich schaffte es immerhin, mich vor ihr zu bekreuzigen (und vor Gleb, von dem ich wusste, dass er schlief), denn die Kolonne hatte Tobolsk verlassen, unseren Aufenthaltsort für acht lange Monate.

Bis dahin waren alle Entscheidungen selbstverständlich und schicksalsbestimmt gewesen. Die Privilegien hatten sich aufgelöst, die Leibwache war mit Gefangenenwärtern vertauscht worden, doch das Leben selbst hatte seinen Zusammenhang bewahrt. Unsere familiären Bande, unsere menschlichsten Bindungen waren immer noch unangetastet.

Als der Vormarsch hier in Jekaterinburg zum Stehen gekommen war, richteten sich alle Gedanken zurück nach Tobolsk, zu denen, die wir verlassen hatten, zu den Elternlosen, den Unbeschützten. Den größten Teil des Tages bin ich recht unbesorgt, was meine eigenen zwei Kinder betrifft. Sie befinden sich zum ersten Mal östlich des Ural, aber die Welt ist ihnen nicht unbekannt. Die Straße, die Stadt, ja, das ganze Land, in dem sie aufgewachsen sind, sind etwas anderes geworden, und gleichwohl befinden sie sich in der gleichen Menschenwelt aus Gut und Böse, in der sie immer gelebt haben. Die Kinder des Zaren hingegen haben niemals in dieser Welt aus Gegensätzen und Wahlmöglichkeiten gelebt. Sie sind unter dem allmächtigen Schutz des Zaren aufgewachsen, unter dem Gesetz der Dynastie, unter den allumfassenden Schwingen des Doppeladlers.

In Tobolsk haben der Zarewitsch Alexej und die drei verbliebenen Großfürstinnen immer noch einen Dienerstab und einen Hof von annähernd vierzig Personen um sich. Es sind nicht die Untertanen, sondern das Oberhaupt, das ihnen fehlt. Die Kinder des Zaren haben den Zaren verloren. Meine Gedanken gehen nicht zu dem Schwächsten, dem Jüngsten und Kranken, sie gehen vielmehr zu der Ältesten, die versuchen muss, die Lücke zu füllen und den Thron einzunehmen. Niemand ist so verlassen wie die Großfürstin Olga, die zweiundzwanzig Jahre alte Zarin von Tobolsk.

Die Nacht ist das Versteck der Seele.

Unsichtbar verlaufen die Fluchtlinien des Gedankens, entlang der nächtlichen Gleise. Zurück, immer zurück.

Gründonnerstag, den 19. April

Durch die Fenster können wir ein goldenes Kreuz erkennen. Es gehört zum Zwiebelturm der Himmelfahrtskathedrale auf der anderen Seite des Platzes, an dem das Haus liegt. Wir sahen die Kirche, als man uns von der Bahn herbrachte. Der Turm ist das Einzige, was man über die Palisade hinweg erkennen kann. Wenn das oberste Fenster einen Spaltbreit geöffnet ist, hören wir die elektrische Straßenbahn und die Pferdekarren der Bauern, die über die Pflastersteine des Himmelfahrtsplatzes rumpeln.

Das Haus steht auf einem Hang, es hat ein Dachgeschoss, eine Hauptetage und ein Souterrain. Auf der Rückseite liegt eine Veranda, von der eine recht breite Treppe zu einem kleinen Garten hinunterführt, in den ich Seine Majestät nach dem Mittagessen zu einem einstündigen Spaziergang eskortierte. Nikolaj Alexandrowitsch schlug vor, dass auch die Zarin mitkommen solle, da die Sonne schien und es recht warm war.

»Es weht«, erwiderte Alexandra Fjodorowna mit erschöpfter Miene. »Maria hat mir das Haar hochgesteckt.«

Die Großfürstin erbot sich zugleich, der Mutter Gesellschaft zu leisten, ihr etwas vorzulesen und danach neue Briefe nach Tobolsk zu schreiben. (Gott allein weiß, ob sie jemals ankommen.) Maria Nikolajewna ist zuvor nie von ihren Schwestern getrennt gewesen. Als Nummer drei in der Reihe kann sie sich ein Dasein ohne Olga, Tatjana und Anastasia nicht vorstellen, ebensowenig wie die Zarin ohne den Gedanken an den Zarewitsch existieren kann. Alexandra Fjodorowna war im Übrigen am Vormittag höchst aufgebracht, als sich herausstellte, dass die Gardesoldaten den Samowar völlig leergetrunken hatten.

Der Gefängnishof erwies sich als höchst ungeeignet für Spaziergänge von Damen. Ohne ihre neugierigen Blicke auch nur im mindesten zu verbergen, lümmelten die Wachposten zwischen den Verandasäulen und am Zaun herum. Sie trugen halbmilitärische Requisiten und waren mit Gewehren und Säbeln bewaffnet, einige auch mit einer Pistole im Gürtel. Seine Majestät tat, als bemerkte er die schäbige Aufmachung nicht, und doch weiß ich, dass er an der Kleidung eines Soldaten auch das kleinste Detail registriert. Immerhin ist er jahrzehntelang durch Inspektionen und Paraden gedrillt. Er stellt sofort einen Kontakt her, sobald er bei einem der Gardisten ein freundliches Gesicht oder eine zugängliche Haltung bemerkt. Es dürfte eher meine hochgewachsene, halb grauhaarige Erscheinung sein, die abschreckend wirkt. Die schlanke und zugleich bescheidene Gestalt Seiner Majestät in der schmucklosen Soldatenbluse, mit dem freundlichen Gesichtsausdruck und den stets aufmerksamen Gesten bewegt sich wie der personifizierte Widerspruch des Selbstherrschers in sich.

Als wir die Holztreppe hinaufgingen, erkundigte er sich sehr rücksichtsvoll, ob ich mir um meine Kinder in Tobolsk große Sorgen mache. Das tue ich selbstverständlich, doch ich erwiderte:

»Mit ihren achtzehn und zwanzig Jahren sollten sie auf sich selbst achtgeben können, sofern es überhaupt möglich ist, unter den herrschenden Zuständen auf etwas zu achten.«

Seine Majestät seufzte. Er brauchte nicht zu sagen, dass auch seine Gedanken sich in Tobolsk befanden, wo sie zuerst und zuletzt um das Krankenlager des Zarewitsch kreisten. Ich brachte das Thema nicht zur Sprache, da ich keinerlei Trost zu geben hatte.

Nikolaj Alexandrowitsch kommt ohne den Hofstaat erstaunlich gut zurecht, doch wenn er seine Kinder nicht um sich hat, erweckt er einen bemitleidenswerten Eindruck. Der Alleinherrscher ist für die Einsamkeit nicht geschaffen.

Es sind die Krankheit und seine Stellung als Thronfolger, die dem Zarewitsch in den Augen beider Eltern eine absolute Sonderstellung verleihen. Sowohl für die Mutter als auch für den Vater ist der Sohn der Lebensinhalt, der einzige Mensch, den sie formen sollen, der das Ererbte erheben und weitertragen sollte.

Die Trennung fällt Alexej Nikolajewitsch bestimmt nicht leichter. Er hat eine starke Bindung an seine Mutter und sieht, wie nicht anders zu erwarten, in dem Vater sein Vorbild. Und obwohl Nikolaj Alexandrowitsch alles andere als ein dünkelhafter Mensch ist, räumt er dieser Bewunderung einen sehr hohen Stellenwert ein. Ich glaube, dass er die Sehnsucht des Sohns ebenso stark empfindet wie seine eigene. Vielleicht dem Alter, aber nicht der Reife nach war er erwachsen geworden, als er selbst seinen Vater verlor, den großen, hoch bewunderten Zaren Alexander. Nichts wünscht er seinem einzigen Sohn weniger als einen Vater, der ihm die Bürde der Macht auf die Schultern legt, wie es sein Vater einst getan hatte.

Alexej Nikolajewitsch blickt zu seinem Vater auf, und Alexandra Fjodorowna blickt zu ihrem Sohn auf. Nikolaj Alexandrowitsch blickt zu seiner Gemahlin auf. Dieses Machtdreieck lässt sich deuten und umdeuten, doch im Verlauf der letzten dreizehn Jahre hat es hinter den Säulenfassaden und unter den Zwiebeltürmen das psychologische Zentrum im Leben des Reiches gebildet.

Um halb sieben wurde endlich Tee serviert. Der Zar las aus dem Buch Hiob. Danach holten die Zarin und Maria Nikolajewna alles, was sie an Ikonen und heiligen Gegenständen mitgebracht hatten, und platzierten sie auf dem Schreibtisch gleich in der Nische.

Auf Nikolaj Nikolajewitsch Ipatjews Schreibtisch wurden zwei Kerzen angezündet. Es ist sein Haus, es sind seine Möbel, seine Bilder und Teppiche; er ist Hauptmann im Ingenieurkorps des Heeres, und wie es heißt, auch Kaufmann. Ich weiß nicht, was er kauft und verkauft, doch hat er seine Geschäfte mit Geschick betrieben. Das Haus ist nicht viele Jahre alt, es ist solide, aufwendig, fast übertrieben und recht geschmackvoll eingerichtet. Alles weist auf einen soliden Bürger hin, einen der bestsituierten Bewohner der Stadt. Er hat es sogar geschafft, auf dem höchsten Punkt Jekaterinburgs zu bauen, aber das Eigentumsrecht musste der Schwerkraft der Geschichte weichen, und so wurde die Villa des Kaufmanns konfisziert, als Gefängnis eingerichtet und in ein Schloss verwandelt.

Heute Abend, zur Zeit der Messe, versammelten wir uns um den Schreibtisch. Die Nische verleiht dem Raum ein eigenartiges, beinahe sakrales Gepräge; das Blattgold, das die Christusköpfe auf dem Tisch schmückt, findet einen Widerschein in den Bilderrahmen der Gemälde an den Wänden und in den vergoldeten Leisten entlang der Brüstung und unterhalb der Decke. Das Fehlen eines Geistlichen, einer Stimme außerhalb von uns selbst als Sprachrohr der heiligen Texte, lastete am schwersten auf uns. Seine Majestät begann mit seiner gedämpften, melodischen Stimme laut aus den Evangelien vorzulesen; danach gab er mir durch ein Zeichen zu verstehen, dass ich fortfahren solle, worauf wir die zwölf Bibelstellen abwechselnd vorlasen. Niemand sang. Mochte der Zar auch als der hohe Beschützer der orthodoxen Kirche gegolten haben, fühlt er sich für diese Aufgabe ebenso wenig geweiht wie ich selbst kraft meines medizinischen Examens.

Wir endeten mit einem Gebet und beteten wie immer für das Vaterland und unsere Kinder, deren Leben in fremde Hände gelegt ist.

Es ist noch keine sechs Jahre her, dass das gesamte Russische Reich auf die Knie fiel und für das Überleben des Thronfolgers betete. Vor der heiligen Ikone in der Kasan-Kathedrale stand die Bevölkerung von St. Petersburg Tag und Nacht im Gebet. Ich habe keine bessere Erklärung gefunden, als dass es die Knienden waren, die ihn retteten, die Tausende und Abertausende gottesfürchtiger Stimmen, die zum Himmel emporstiegen: Herr, lass ihn leben. Dieses Kind ist Russlands Zukunft!

Wenn der Glaube Berge versetzen kann, können Gebete vielleicht Steine für einen Dammbau sein?

Der Oktober 1912 war einer der entsetzlichsten Monate meines Lebens. Er begann mit einem Sturz in einem Ruderboot an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland beim Jagdschloss Belowize. Das kaiserliche Gefolge war im September dorthin gereist, weil der Zar auf die Jagd gehen und sich nach den herbstlichen Feiern zum hundertjährigen Jubiläum der Niederlage Napoleons ausruhen sollte. In den gewaltigen Wäldern gab es Hirsche, Elche und Wisente im Überfluss. Die vier Großfürstinnen verbrachten die Tage zu Pferde. Der Zarewitsch durfte nicht reiten, doch an den Tagen, an denen der See glatt dalag, erhielt er die Erlaubnis zu rudern. Hier geschah das Unglück, als er vom Anleger ins Boot springen sollte.

»Au!« Dieser kleine Ausruf war so leise wie nur möglich, um keinen Schrecken um sich zu verbreiten. Doch der Ausruf kam und erregte Schrecken. Alle, die sich in der Nähe des Boots befanden, wussten, dass schon der kleinste Schmerzensschrei des Thronfolgers das Startsignal für eine dynastische Krise sein konnte. Alexej Nikolajewitsch hatte sich an der linken Hüfte gestoßen. Für einen beliebigen Achtjährigen ein harmloser, unbedeutender Stoß; für einen Bluter jedoch dramatisch, unheilverkündend und vielleicht tödlich.

Bei der ersten Untersuchung entdeckte ich eine kleine Beule und verordnete absolute Ruhe. Nach vierzehn Tagen konnte die Verletzung endlich als geheilt gelten. Man brach auf und begab sich weiter nach Polen hinein, nach Spala. Wir reisten in zwei Zügen, dem kaiserlichen Hofzug mit seinen acht glänzenden, dunkelblauen Waggons, die zwischen den Fenstern diskret mit dem goldenen Doppeladler markiert waren, einer Residenz auf Schienen, sowie einem Kaiserzug ohne Kaiser, der dem echten haargenau entsprach. Die Feinde des Zarentums sollten nie wissen, in welchem Zug sich Seine Majestät gerade befand.

Im Gegensatz zu dem prunkvollen und luxuriösen Schloss Belowize ist der Bau in Spala ein düsterer, zweistöckiger Holzkasten ohne romantische Türme oder Ausschmückungen. Aber auch dieser Jagdsitz ist von meilenweiten Wäldern umgeben, in denen das kaiserliche Wild immer dicht steht und geduldig auf sein gekröntes Oberhaupt wartet.

Vom Haus führte ein Kiesweg nach draußen. Alexandra Fjodorowna konnte sich nicht enthalten, den Rekonvaleszenten zu einer Kutschfahrt mitzunehmen. Der Weg war holperig. Kieswege sind holperig. Als der Wagen zurückkehrte, war Alexej Nikolajewitsch steif vor Schmerzen. Die Mutter war hysterisch vor Angst. Ich stellte ernsthafte Blutungen sowohl in der Hüfte als auch in der Leiste fest. Die Körpertemperatur begann zu steigen. Unsere führenden Experten, die Ärzte Prof. Fjodorow, Prof. Rauchfuss, Dr. Ostogorskij und Dr. Derewenko wurden umgehend durch Boten aus St. Petersburg geholt.

Die Jagd war untadelig. Jeden Abend wurden Reihen erlegter Hirsche aufgeschnitten und mit Eichenzweigen im Bauch vor dem langgestreckten Holzgebäude auf der weiten Rasenfläche ausgelegt und im Lichtschein brennender Fackeln bewundert. Ein Militärorchester spielte auf.

Die Krankheit des Thronfolgers war das größte aller Geheimnisse des Reiches, im innersten Kreis der Dynastie verschlossen und versiegelt.

Drinnen im Jagdschloss, im Obergeschoss lag Alexej Nikolajewitsch in einem breiten Messingbett und wand sich vor Schmerzen. Das Gesicht wurde immer weißer und weißer. Wir standen wie gelähmt da, fünf von Russlands besten Medizinern, und beobachteten eine Schwellung am Unterbauch, ebenso oberhalb der linken Leiste. Der zarte Leib krümmte sich immer mehr, als sich das Blut staute und die Schwellung noch mehr wuchs.

Nach fünf Tagen ging der Hofminister zum Zaren und bat ihn um die Erlaubnis, ein medizinisches Bulletin über den lebensbedrohenden Zustand des Patienten zu veröffentlichen. Man könne den acht Jahre alten Thronfolger nicht einfach nur für tot erklären, ohne dass dem eine Krankheit vorangegangen, ohne dass es zu einem Unglück oder einem Attentat gekommen sei. Was werde Russland glauben, was werde das Volk denken?

Dieses erste Bulletin von einem der vielen Krankenlager Alexej Nikolajewitschs trug meine Unterschrift. Die Meldung löste eine momentane Erschütterung bei dem desorientierten russischen Volk aus, als sie am 9. Oktober 1912 in den Zeitungen des Landes kundgetan wurde. Das Kommuniqué ließ keinen Zweifel daran, dass der Thronfolger sich auf der Schwelle des Todes befand, enthielt aber kein Wort über das kranke Blut, über die Schwellung, die Millimeter um Millimeter weiterwuchs, oder über die Tatsache, dass sich der Leib des Knaben unaufhörlich wand. Dennoch ging ein Schrei durch jeden einzelnen gedruckten Buchstaben. Das Zarenhaus krümmte sich vor Schmerz. Die Jagd wurde abgeblasen, die Messinginstrumente eingepackt, und damit kehrte wieder Stille unter den Bäumen ein. Stattdessen wurde vor dem Jagdschloss ein großes grünes Zelt errichtet. Dies war das Feldlazarett der letzten Hoffnung, Vater Wassiljews Hospital, in dem sich das gesamte Gefolge, die Jagdmannschaften, Musiker ohne Instrumente sowie Bauern aus der Gegend versammelt hatten, um mit dem Zaren in ihrer Mitte zu beten, wie es nach der Veröffentlichung in ganz Russland geschah. Gleichzeitig erreichte die Schwellung die Größe einer Pampelmuse. Die Temperatur stieg auf fast 40 Grad.

Am 10. Oktober betrat Vater Wassiljew das Krankenzimmer und spendete das Totensakrament. Der Patient fand zum ersten Mal wieder Ruhe. Er bat um ein Grab im Wald, um ein kleines Monument aus Stein unter den Baumkronen. Die Temperatur sank auf 38,2 Grad.

Am Nachmittag des 11. Oktober wurde von dem westlich von Warschau gelegenen Spala ein Telegramm in das Dorf Pokrowskoje östlich des Ural geschickt. Absenderin war die vertraute Hofdame der Zarin, Anna Wyrubowa. Empfänger war Gregorij Rasputin. Der Gottesmann wurde angefleht, für den Thronfolger zu beten.

Am nächsten Morgen kam eine Antwort an die Zarin, die ständig am Krankenbett des Sohns wachte.

»Gott hat Deine Tränen gesehen und Deine Gebete gehört. Verzweifle nicht. Der Kleine wird nicht sterben. Lass nicht zu, dass die Ärzte ihn zu sehr quälen.«

Der Patient wurde auf ein Sofa gehoben, auf dem er endlich einschlief. Die Ärzte stahlen sich aus dem Krankenzimmer davon. Wir hatten ihn zu sehr gequält.

In der folgenden Nacht legte sich Frost auf die Wälder um das Jagdschloss. Die Schwellung hatte aufgehört zu wachsen, die Blutung war gestillt, das Fieber sank weiter.

Eine solche Blutung ist wie eine Überschwemmung, die gegen einen Damm drückt. Das Wasser steigt und steigt, und die Bevölkerung kann nichts weiter tun, als auf das Eintreten der Katastrophe zu warten. Aber plötzlich, wenn vielleicht nur noch Zentimeter fehlen, hört das Wasser auf zu steigen. Die Menschen hinter dem Damm atmen erleichtert auf und danken Gott dafür, dass von den Berghängen nicht noch mehr Wasser herunterkommt.

Ich erkenne die Machtlosigkeit der ärztlichen Wissenschaft und akzeptiere das Vorhandensein von Kräften außerhalb der Reichweite der physischen Gesetze, ja, ich glaube, dass ein ganzes Volk mit seinen Gebeten eine solche Kraft sein kann, aber nichts kann mich dazu bringen, zu meinen, dass es die Gebete des einen Mannes waren, der an einem Tag im Oktober 1912 den Weg durch die Wolkendecke zu Gott Vater fand und so verhinderte, dass der Damm brach.

Es wurde die ungeheuer anspruchsvolle Aufgabe von mir und meinen Kollegen, das Blut in die Glieder zurückzubringen und dem Körper seine Funktionen zurückzugeben. Erst Mitte Oktober durfte die kaiserliche Familie Spala verlassen. Der ganze Kiesweg vom Jagdschloss bis zur Bahnstation wurde Meter für Meter planiert. Der kaiserliche Zug kroch auf dem Bahnkörper von Warschau nach St. Petersburg, ohne eine Geschwindigkeit von 20 Stundenkilometern zu überschreiten.

Genau während dieses langgezogenen Krankentransports überbrachte man dem Zaren in seinem Waggon ein empörendes Telegramm seines jüngeren Bruders, des Großfürsten Michail. Es war in Cannes aufgegeben worden. Der Großfürst gestand, mit der zweimal geschiedenen Anwaltstochter Natalja S. (der späteren Gräfin Brasowa) die Ehe geschlossen zu haben. Dies war ein direkter Eingriff in die empfindlichste dynastische Frage, da die Ehe mit einer Bürgerlichen den Großfürsten automatisch von seinem Platz nach Alexej Nikolajewitsch in der russischen Thronfolge ausschloss. In seiner Panik wegen der Krankheit des Zarewitsch war Michail Alexandrowitsch außer Landes geflüchtet und hatte sich in Wien in einer abgelegenen Straße von einem serbischen Priester trauen lassen. Da alle Augen auf den Todeskampf in Spala gerichtet waren, entzog sich der Bruder des Zaren seinem kaiserlichen Schicksal, indem er eine zweimal geschiedene Schönheit heiratete.

Niemand hasste Gräfin Brasowa mehr als Alexandra Fjodorowna. (Was der Gräfin in der besseren Gesellschaft von St. Petersburg eine gewisse Sympathie sicherte.) Die Zarin war ohne jeden Zweifel das Gehirn hinter den gnadenlosen Repressalien, die den Großfürsten danach trafen. Überdies förderte sie den Gedanken, dass Olga Nikolajewna auf den Platz nach ihrem Bruder in der Erbfolge nachrücken solle. Dieser Vorschlag wurde zum zweiten Mal geäußert. Das erste Mal geschah es vor der Geburt des Zarewitsch, als der Zar im Jahr 1900 an einem sehr ernsten Anfall von Typhus litt. Leider ist Alexandra Fjodorowna jedes Mal die eifrigste Vorkämpferin für die matriarchialische Änderung der gesetzlichen Erbfolge gewesen. Mit ihrer äußerst distanzierten Haltung zu den übrigen Mitgliedern der Dynastie erhielt sie selbst für einen so naheliegenden Vorschlag keine Unterstützung.

Mir persönlich hat der Gedanke an die Großfürstin Olga als Russlands künftige Zarin immer zugesagt.

Ein ganzes Jahr arbeiteten wir daran, das Bein geradezurichten, das sich im Verlauf der Krankheit bis zum Brustkorb hochgezogen hatte. Am Bein wurde eine Metallschiene befestigt, die wir Zentimeter für Zentimeter streckten, wonach das Bein nach und nach seine Beweglichkeit zurückerhielt. Später machte er auf der Krim eine Kur mit Schlammbädern. Alexej Nikolajewitsch brauchte ein ganzes Jahr, um auf seinem linken Bein wieder annähernd normal stehen zu können.

Zum 300-jährigen Jubiläum der Romanow-Dynastie wurden vom Thronfolger mehrere Fotos aufgenommen, auf denen das krumme Bein getarnt war wie der verkrüppelte linke Arm Kaiser Wilhelms II. Dennoch musste er von einem hünenhaften Kosaken getragen werden, als die kaiserliche Familie am 6. März 1913 während der Prozession im Kreml beim Festgottesdienst in der Kasan-Kathedrale eintraf. Der Anblick des invaliden Thronfolgers löste in der Bevölkerung eine Welle der Unruhe aus.

Nur die Zarin war in der Folgezeit in ihrem Glauben unerschütterlich. Sie war vor dem letzten Bulletin am imaginären Grab ihres Sohnes an der äußersten Grenze ihrer Kraft angelangt. Unter dem frostklaren Himmel von Spala hatte sie ein Telegramm erhalten, das ihr Schicksal für immer mit Sibirien verbinden würde.

Es knarrt, wenn Sednjew sich auf dem Feldbett umdreht. Dafür schläft der Kammerdiener geräuschlos; nur selten einmal ertönt ein trockenes Räuspern. Ab und an ein plötzlicher Laut vom Zimmer des Kommandanten hinter der Wand.

Das Leben ist der Leib zwischen zwei Mysterien.

Karfreitag, 20. April

Sonne, leichter Schneefall.

Klarer als die bescheidene Größe des Hauses, als die beschränkte Größe des Gefängnishofs, ja sogar klarer als die deutliche Sprache der Palisade drückt der Anblick von Kommandant Awdejew den Charakter des neuen Regimes aus. Er ist zwar militärisch gekleidet, besitzt aber offenkundig keinen Rang. Man hat ihn von der Slokasow-Fabrik in der Nähe und dem örtlichen Parteiapparat rekrutiert. Er ist hochgewachsen und mager, trägt einen schmalen Bart in seinem unrasierten Gesicht, einen Revolver im Gürtel und Lederstiefel, die noch nie geputzt worden sind. Alexander Awdejew stinkt nach Wodka und umgibt sich mit einem Hofstaat aus gleichgesinnten, halb militärischen Kameraden. Durch die Organisation der Gefangenschaft hat er für alle offenkundig den Höhepunkt seiner administrativen Fähigkeiten erreicht. Seine Erscheinung ist eine Provokation gegenüber den kaiserlichen Gefangenen, und darin liegt vermutlich seine vornehmste Qualifikation.

Ich kämpfte meinen Widerwillen nieder und klopfte am Vormittag an der Tür des Kommandanten an. Niemand reagierte, doch drinnen waren Stimmen zu hören, und plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Drinnen saßen zwei oder drei »Adjutanten« hingelümmelt und rauchten, während der Kommandant selbst auf einem Stuhl hinter dem Schreibtisch wippte. Die Luft war stickig wie in einer Fabrikhalle ohne Ventilation.

Ich erklärte mein Bedauern wegen der Störung und sagte, ich sei aus Anlass des besonderen Charakters des heutigen Tages gekommen. Awdejew hob eine Augenbraue und schob die Zigarette in den anderen Mundwinkel:

»Der 3. Mai? Haben wir Mittwoch oder Donnerstag?«

»Ich denke an das Osterfest, es ist Karfreitag.«

»Kommen Sie im nächsten Jahr wieder, Doktor.«

Ich hatte mich entschlossen, im Namen der Zarenfamilie diese Anfrage vorzubringen, und ließ mir bei dem Ton des Kommandanten nichts anmerken:

»An einem solchen Tag wäre es von der allergrößten Bedeutung, einen Anlass zu haben, der Messe beizuwohnen.«

»Der Messe?« Awdejews Gesicht war schierer Unglaube.

»Ja, beispielsweise hier auf der anderen Seite des Platzes in der Himmelfahrts-Kathedrale.«

»Sollen wir die Gefangenen freilassen, nur weil Sie behaupten, es sei Freitag? Als Nächstes kommen wohl Purpurmantel und Dornenkrone?«

Die »Adjutanten« grinsten.

»Es ist unzumutbar, die Messe zu entbehren, gerade in der Osterwoche.«

»Aber lassen wir doch ›den Blutigen‹ Karfreitag feiern, soviel er will, solange er dort innerhalb der Mauern bleibt, und keinen Schmutz, wenn ich bitten darf!«

Zum Glück hatte ich nur zwei Schritte in den Raum getan. Somit war der Rückweg kurz. Ich sah keinen Grund für weitere Formalitäten.

Der Zar verlas den Text des Tages. Wie viel hat sich in diesem einen Jahr seit dem vorigen Osterfest ereignet! Damals konnten wir die Schlosskirche noch mit Blumen aus den kaiserlichen Treibhäusern schmücken, und zusammen mit Dr. Derewenko ging ich hinter dem prachtvollen Umhang des Popen und trug das symbolische Leichengewand in einer Prozession durch Säle und Korridore des Palasts. Hinter uns folgten die Lichtträger. Hier, zwischen den Mauern des Ipatjew-Hauses, gibt es weder Klagelieder noch Jubeltöne. Selbst die Beichte hat man uns genommen.

Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie der Zar den Hals reckt und unseren neuen Kommandanten küsst, so wie er es gemäß der österlichen Tradition beim Kommandanten Koblinsky und dem wachhabenden Offizier im Alexanderpalais nach der letztjährigen Mitternachtsmesse getan hatte. Die Offiziere Kerenskijs konnten dem Zaren während der Gnadenfrist, die seiner Herrschaft noch blieb, in einer rituellen Geste entgegentreten. Für Awdejew, den Auserwählten der Bolschewiken, wäre das so etwas wie »der Todeskuss« gewesen.

»Elo’i! Elo’i! lama sabaktani?«

Der Zar hat keinen Willen. Nur ein Schicksal. Der Wille ist in der Erfüllung des Schicksals eingekapselt. Sie ist diejenige, die den Ehrgeiz auf Herrschaft verwaltet. Für ihn ist die Selbstherrschaft ein gegebener Zustand wie das Gras auf der Erde oder die Wolken am Himmel. Für sie ist sie eine Idee, eine göttliche Institution, würdig, verteidigt zu werden.

Der Zar regiert kraft seines Leibes.

Nur Gott soll dem Zaren die Macht nehmen können, indem er ihm das Leben nimmt. Doch Nikolaj Alexandrowitsch gab sein Amt in dem Moment auf, in dem er seine menschliche Stütze verlor. Das war die historische Trennungslinie am Bahnsteig in Pskow.

Und sie war nicht da.

Ich erinnere mich nicht an Seine Majestät während dieses Aufenthalts. Wahrscheinlich werde ich das nie tun können. Wie viele Runden uns noch auf dem Gefängnishof des Ipatjew-Hauses bevorstehen mögen, auf Pskow werden wir wohl mühelos verzichten können. Gleichwohl wurden die 24 Stunden auf dem Provinzbahnhof für alle unsere späteren Umzüge bestimmend, für alles, was danach geschehen ist, mit uns und mit Russland. Seitdem sind meine Gedanken jede Nacht mindestens einmal zu der äußersten Granitkante auf dem Bahnsteig in Pskow zurückgewandert.

Ich war nicht dort, kenne die Stadt in der Nähe der baltischen Provinzen jedoch gut. Während des Krieges wurde sie in ein einziges großes Lazarett verwandelt. Schulen, Internate, alle bewohnbaren Gebäude wurden in Beschlag genommen, um Plätze für Krankenbetten zu schaffen, je nachdem, wie die Kampfhandlungen hin und her wogten. Auch die Zarin ist in Pskow gewesen. Sie reiste dorthin, um die Hospitäler der Stadt zu inspizieren. Sie war als einfache Krankenschwester in Rot-Kreuz-Tracht verkleidet; aufgrund ihres schwachen Herzens musste die Pflegerin in einer Sänfte durch die verschiedenen Etagen des Krankenhauses getragen werden. Die Krankensäle durchschritt sie aus eigener Kraft. Die Zarin von Russland konnte sich davon überzeugen, dass in den Militärlazaretten von Pskow das Blut rot war, die leinene Wäsche weiß und alles in schönster Ordnung.

In der Stadt, die nur 150 bis 200 Werst von der Front entfernt war, hatte überdies das Nordkommando des Heeres seinen Sitz. Von hier gingen die Befehle der Generäle in Form verschlüsselter Telegramme ab, während die Verlustzahlen, für alle ablesbar, an den Zugladungen verstümmelter Körper sichtbar waren.

Ich habe die Lazarette mit ihrem Überfluss an akutem Leiden und ihrem Mangel an Medikamenten und Verbandsstoffen sowohl als Arzt als auch als Vater erlebt. Schon bevor Mima vom Pferd stürzte, machte ich die lange Reise zum Militärhospital in Lemberg, wo Dysenterie ausgebrochen war, um meinen Zweitältesten Sohn zurückzuholen, der sich freiwillig zum Dienst an der Front gemeldet hatte. Den angegebenen Krankensaal musste ich mehrmals durchschreiten, ohne ihn zu finden, nicht einmal, als die Pflegerin mir die genaue Lage des Feldbetts nannte, war ich in der Lage, zu erkennen, dass der Kopf auf dem Kissen meinem eigenen Sohn gehören sollte. Obwohl ich wusste, dass er vor mir lag, und er »wusste«, dass ich mich in Zarskoje Selo befand, war er derjenige, der mich entdeckte. Erst als ich tief in den kindlichen Augen des Patienten das Licht des Wiedererkennens leuchten sah, war ich imstande, zu begreifen, dass dieser ausgemergelte, greisenhafte Mensch mein eigener geliebter Sohn Juri war.

Der letzte Tag, an dem Nikolaj II. vom Palast in Zarskoje Selo ausfuhr, war der Morgen des 22. Februar 1917. Ihre Majestät und die Kinder folgten ihm zum Bahnhof. Es war wie immer, wenn unser Alleinherrscher seine Residenz verließ, unter Salut, Flaggenhissen und dem Klang von Kirchenglocken.

Der Platz des Leibarztes befand sich im achten, dem hintersten Waggon. Hier hatte ich mein klinisches Abteil und eine reichhaltige Apotheke. Der Waggon bot überdies Platz für die politischen, militärischen und administrativen Sekretariate, außerdem für den Kommandanten des Zuges. Der siebte Waggon war dem Gepäck und Frachtgut vorbehalten. Während der sechste den Abteilen und einem Gemeinschaftssalon für das Gefolge des Zaren und den diensthabenden Adjutanten Platz bot sowie einem Abteil für auswärtige Würdenträger wie Provinzgouverneure oder entsprechende Größen. Der fünfte Waggon war für den Thronfolger, die Großfürstinnen und die Hofdamen reserviert. Dieser Wagen, der sonst der lebhafteste von allen sein konnte, war während der letzten Reise vollkommen leer; alle Möbel waren weiß. Der vierte Waggon war der private des Zarenpaares; hier verlief ein schmaler Korridor an der Seite, damit keiner, der hier vorbeikam, die Majestäten in ihrer Intimsphäre auf Schienen stören konnte. Dieser Waggon enthielt kein einfaches Schlafabteil, sondern ein Schlafzimmer, ein Bad mit weißen Kacheln und einer speziell konstruierten Badewanne, in der das Wasser nicht überlaufen konnte, wenn der Zug sich zur Seite neigte; außerdem den Arbeitsraum des Zaren mit Schreibtisch und tiefen Ledersesseln sowie das in sanften Farben gehaltene grauviolette Boudoir der Zarin. Von dort konnte sich der Zar direkt in den mahagonigetäfelten Speisewagen begeben, wo der lange Tisch 16 Personen Platz bot (die Zarin nahm ihre Mahlzeiten meist separat ein). Dieser dritte Waggon enthielt zusätzlich noch einen kleinen Salon mit gepolsterten Wänden, Plüschmöbeln und einem Klavier. Nummer zwei war für Koch und Steward mit drei Kochherden, Kühlschrank und »Weinkeller« ausgestattet. Der allererste der acht Waggons mit seinen modernen Ventilationsanlagen und diskreten Doppeladlern war einer Abteilung Kosaken vorbehalten. Sobald der Zug stand und die mechanische kaiserliche Treppe zum Bahnsteig heruntergeklappt worden war, sprangen vier mit Dolch und Gewehr bewaffnete Kosaken hinaus und stellten sich am Haupteingang der rollenden Residenz auf.

Es war lange her, seit ich das Vergnügen hatte, im kaiserlichen Zug mitzufahren, da die Aufgabe, Seine Majestät während seiner Aufenthalte im militärischen Hauptquartier zu begleiten, Prof. Fjodorow überlassen war. Auch diesmal war es mein fünf Jahre jüngerer Kollege, der unseren hohen Klienten auf der Reise begleitete, die zur allerletzten Odyssee des kaiserlichen Hofzugs werden sollte.

Wie stets war die Meldung ergangen, der zufolge man Soldaten an Brücken und anderen kritischen Punkten postieren sollte, die der Zug passieren würde, und ich nehme an, dass in dem parallelen Zarenzug, der zu einem anderen Zeitpunkt von einem anderen Bahnhof abfuhr, auch diesmal Feuer im Kessel gemacht wurde. Dessen Lokomotive war genauso blankgeputzt und schwarz, die Wagen waren genauso leuchtend kaiserblau; dies war der leere Gespensterzug, den noch niemand hatte in die Luft sprengen können.

Bei der Nachmittagsvisite des Tages, an dem der Zar abgereist war, entdeckte ich einige wenige schwach erhöhte dunkelrote Punkte neben Olga Nikolajewnas rechtem Auge. Als ich eine Haarlocke beiseiteschob, fand ich mehrere weitere Punkte auf der Stirn.

Anfang Februar hatte der Zarewitsch Besuch von einer Handvoll herbeibekommandierter Kadetten gehabt. Sie hatten mit ihren Holzgewehren einen ganzen Nachmittag exerziert. Später erhielt ich die Meldung, dass man bei einem der Kadetten die Masern festgestellt hatte. Es sagt sehr viel darüber aus, unter welch quarantäneähnlichen Bedingungen die Zarenkinder aufwuchsen, dass sich bisher keins von ihnen mit dieser Krankheit angesteckt hatte, die Kinder normalerweise schon trifft, bevor sie fünf Jahre alt sind. Olga Nikolajewna räumte ein, sich schon seit einigen Tagen unpässlich gefühlt zu haben. In ihrer Mundhöhle entdeckte ich Andeutungen weißer, unregelmäßig geformter Flecken. Daraufhin untersuchte ich Alexej Nikolajewitsch und registrierte die ersten Ausschläge am Bein. Keiner der anderen drei wies deutliche Symptome auf, aber Tatjana Nikolajewna klagte über zunehmende Schlappheit.

Am nächsten Tag brachen auf den Straßen Petrograds die Unruhen aus. Der Anlass war Brotknappheit, das heißt eigentlich war es die Furcht vor Knappheit. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, es stünden neue und strengere Rationierungsvorschriften für Mehl bevor. Dann folgten Schlag auf Schlag die Ereignisse, die später die Bezeichnung »die Revolution« erhielten; Plünderung, Streiks, Straßenbahnblockaden, Brandstiftungen, Totschlag, Meuterei. Die Ereignisse entwickelten sich so rasch wie eine Epidemie in einem Feldlazarett. Das lässt sich, wie es später auch geschah, nur mit zwei Dingen erklären: Erstens mit den ungeheuren Opfern des Krieges, der Schwächung Russlands durch die unfassbaren Blutverluste, und zweitens mit der untergrabenen Autorität des politischen Regimes.

Ich gehöre nicht zu denen, die die Begründung für die Revolution auf den Straßen suchen, in den Schlangen der nach Brot anstehenden Menschen oder in den Fabriken, nicht einmal in den politischen Versammlungen, auch nicht bei der Duma im Tauride-Palais oder, was noch ferner liegt, bei den Marxisten an den Cafétischen in der Schweiz. Lassen Sie mich eine Frage formulieren: Wenn der Thronfolger in Spala gestorben wäre, wäre der Tod dann durch den Sturz im Boot verursacht oder durch die Kutschfahrt auf dem Kiesweg? Vielleicht müsste man die Ursache auch in seinem Körper suchen, den ein heftiger Schlag und eine starke Erschütterung getroffen hatten? Also im Blut der Dynastie?

Als der Ausbruch der Masern festgestellt worden war, beschloss ich, in den Alexanderpalast zu ziehen, der inzwischen in ein kaiserliches Hospital verwandelt worden war, so wie das Soldatenlazarett im Katharina-Palais. Die Zarin legte ihr Lieblingskostüm an, die Rotkreuz-Tracht mit der gestärkten weißen Schürze und der nonnenähnlichen Kopfbedeckung. Olga Nikolajewna (inzwischen ganz mit roten Punkten übersät), Tatjana Nikolajewna und der Zarewitsch begaben sich mit triefenden Nasen, starkem Husten und hohem Fieber zu Bett.

Auch die Hofdame Anna Wyrubowa erwies sich schon bald als angesteckt, und die Zarin verlangte, dass sie aus der Wohnung am Schlosspark aus- und in den Palast umziehen solle, wo man ein eigenes Krankenzimmer für sie eingerichtet hatte. Hier hielt die Dame Hof, umgeben von bis zu sechs Ärzten und einer Reihe von Krankenschwestern, darunter die Zarin. Anna Wyrubowa war nicht nur das wichtigste Bindeglied Ihrer Majestät zu Rasputin gewesen, sondern auch die aus den verschiedenen Kreisen in Petrograd gespeiste Nachrichtenquelle, der sie am meisten vertraute. Solange die Wyrubowa mit 40 Grad Fieber zu Bett lag, war der Grad der Desinformation im Palast noch höher als gewohnt. Die Isolation wurde umso offenkundiger, als ich aus Rücksicht auf die empfindlichen Augen der Patientin angeordnet hatte, in sämtlichen Krankenzimmern die Gardinen zuzuziehen.

Mein Kollege Professor Fjodorow unternahm in dieser Situation einen allerletzten Versuch, die Verfassungskrise zu lösen, die, wie allen inzwischen klar war, anscheinend unaufhaltsam näher rückte. Als die telegrafischen Meldungen vom Ausbruch der Masern Seine Majestät im Hauptquartier erreichten, während etwa gleichzeitig die ersten Bulletins über die nach Brot anstehenden Menschen in Petrograd eintrafen, schlug der Professor vor, die Zarin solle mit ihren Kindern zur Rekonvaleszenz auf die Krim reisen, sobald die Krankheit überwunden sei. Ich konnte nicht anders, als diesen Vorschlag zu unterstützen, als die Zarin die Frage später mit betont gleichgültiger Miene zu Sprache brachte.

»Der Palast muss ja auf jeden Fall gründlich desinfiziert werden«, fügte ich hinzu.

»Das Gleiche schreibt auch Seine Majestät«, erwiderte sie. »Er scheint es für einen ausgezeichneten Vorschlag zu halten.«

Nicht zufällig fiel dieser Plan einer Rekonvaleszenz direkt mit den Vorschlägen zusammen, die schon mehrmals geäußert worden waren, dass nämlich die Zarin in den Sommerpalast Liwadia auf der Krim verbannt werden solle, damit sie sich nicht mehr auf ihre völlig unberechenbare Weise in der Hauptstadt als »Stellvertreterin« des Zaren in staatliche Angelegenheiten einmischen könne. War die Begründung zunächst politisch gewesen, war sie jetzt medizinischer Natur, und da konnte sogar der Zar sie befürworten, und das mit einem Enthusiasmus, den er vor seiner Gemahlin nicht ganz hatte verbergen können.

Am 28. Februar 1917 setzte sich der Hofzug des Zaren von dem militärischen Hauptquartier in Mogilew aus in Bewegung, diesmal in nördlicher Richtung nach Petrograd. Mehrere Tage lang war der Zug ohne Kontakt mit der Umwelt, denn er landete an einem Ort, den niemand erwartet hatte. Warum hielt der Zug des Zaren in Pskow?

Das war die Stadt, in der er abdanken sollte.

Was sollen wir in Jekaterinburg?

In der Nacht zum 3. März um halb vier läutete das Telefon im Alexander-Palais. Es war ein Mitglied der provisorischen Regierung, das mit dem Leibarzt des Zaren zu sprechen wünschte:

»Ist der Thronfolger tot?«

Die Frage war ebenso überraschend wie der Zeitpunkt, zu dem sie gestellt wurde.

»Die Masern sind keine tödliche Krankheit«, entgegnete ich, »es sei denn, es kommt zu Komplikationen.«

Nachdem ich eingehängt hatte und in mein Zimmer zurückgekehrt war, wurde die Frage akut: Der Zar konnte gestürzt und die Umwälzung eine Tatsache sein, aber warum in aller Welt sollte der Thronfolger tot sein?

Spät am nächsten Tag kam Großfürst Paul in die Residenz und erstattete Bericht. (Ganz Petrograd war längst orientiert.) Der Zar hatte am Abend des 2. März abgedankt, nicht zugunsten seines Sohnes, des Thronfolgers, sondern für seinen Bruder, Großfürst Michail, zugunsten des Mannes, der den Versuch gemacht hatte, seinen Platz in der Thronfolge gegen ein Leben in Schönheit zu vertauschen. Wie konnte der Herrscher seine königlichen Insignien niederlegen, ohne dass der Zarewitsch Zar wurde? Nur der Tod konnte dem Volk eine begreifliche Erklärung geben. Aus diesem Grund läutete das Telefon.

Um meine eigene Antwort zu finden, muss ich das am Hof übliche klischeehafte Denken aufgeben und nach ihr selbst draußen auf den nächtlichen Bahnsteigen suchen.

Ostersamstag, den 21. April

Der Zar nahm vor dem Mittagessen ein Bad, die Zarin danach. Säuberung statt einer Beichte. Nach dem Tee wurden die Ikonen hereingetragen und auf den Schreibtisch gestellt. Um acht Uhr war endlich Messe. Meine Demütigungen trugen Früchte, Awdejew hatte allergnädigst einen Popen besorgt und aus der Stadt einen Diakon geholt, doch mussten wir ohne einen Chor auskommen. Alle Gefangenen, der ranghöchste Offizier und einzelne Gardesoldaten nahmen daran teil.

Ich konnte sehen, wie dem Zaren zwischen Bart und Kragen die Adern anschwollen, und auch die Zarin ließ unverkennbar Zeichen eines inneren Drucks erkennen. Nur die Großfürstin Maria ließ den Tränen freien Lauf; sie strömten über ihr ebenmäßiges Gesicht. Bisher hatten sie noch nie die Trennung vom Zarewitsch und den drei Großfürstinnen so stark empfunden wie während des kirchlichen Rituals, bei dem sie immer gemeinsam niederknien, bei dem sie füreinander beten. Auch ich vermisste schmerzlich die klaren Stimmen der Großfürstinnen.

Alexandra Fjodorowna hat meine Treue lange mit einem Anflug von Unglauben betrachtet. Das liegt an mehreren Dingen, ganz besonders aber an einem Umstand, an der Affäre mit der Wyrubowa, die sich an dem Tag ereignete, als Minister Kerenskij zum ersten Mal ins Alexander-Palais kam.

Die Masernepidemie neigte sich ihrem Ende zu, doch Maria und Anastasia Nikolajewna ging es immer noch sehr schlecht. Ich war selbst davon überzeugt, dass Großfürstin Maria wegen der hinzugetretenen Komplikationen die Krankheit nicht überstehen würde. Anna Wyrubowa war ebenfalls stark angegriffen gewesen, doch wie die drei anderen befand sie sich auf dem Weg der völligen Genesung.

Die Hofdame ist die engste Freundin der Zarin. Es ist ein fast symbiotisches Verhältnis, obwohl die Wyrubowa viel jünger ist. Das ihr am äußersten Rand des Schlossparks angewiesene Haus könnte man als Rasputins Botschaft in Zarskoje Selo bezeichnen. Anna Wyrubowa war das Bindeglied zwischen der Zarin, der im Niedergang begriffenen Autokratie und dem Retter aus Sibirien. Wer würde der halb hysterischen Frauengestalt, die nach einem Zugunglück auf Krücken umherwankte, normalerweise irgendeine politische Bedeutung zusprechen? So weit war es inzwischen gekommen, dass gerade diese leicht übergewichtige Figur ein wesentlicher Bestandteil des staatstragenden Systems geworden war.

Schon bei seinem ersten Besuch hatte sich Justizminister Kerenskij vorgenommen, sie festnehmen zu lassen. Sie berief sich vermutlich auf medizinische Immunität. Einer der Adjutanten in dem lautstarken Gefolge des Ministers legte mir die Frage vor, inwieweit die Hofdame in einer Verfassung sei, die es vertretbar mache, sie aus dem Palast zu entfernen. Ich beantwortete die Anfrage absolut klinisch als Arzt. Meiner Einschätzung nach habe sie wie drei der Zarenkinder die Krankheit überwunden und könne sich vom Krankenlager erheben. Folglich machte ich keine medizinischen Einwände geltend. Das löste bei Alexandra Fjodorowna einen flammenden Zornausbruch aus:

»Wie können Sie so etwas sagen, Sie, der Sie selbst Kinder haben!«

Erst im Nachhinein habe ich diesen Hinweis auf die Kinder verstanden. Dass sie die Wyrubowa als ihre Tochter betrachtete. Nicht einmal die Freundin war ihr ebenbürtig. Man brachte die unglückliche Frau direkt vom Alexanderpalais zur Peter-Pauls-Festung. Eine Art von Rekonvaleszenz, mit deren Anordnung ich selbstverständlich nie einverstanden gewesen wäre.

Bei dem gleichen Ministerbesuch und in Gegenwart der Zarin wurde ich gebeten, auch über den Gesundheitszustand Ihrer Majestät Bericht zu erstatten. Selbstverständlich war es äußerst beklemmend, gegenüber einem wildfremden Eindringling im Palast medizinische Einzelheiten über die Frau auszubreiten, die noch wenige Tage zuvor die Herrscherin des Reiches gewesen war. Es machte auch der Umstand nicht leichter, dass sich Kerenskij, obwohl er nicht nur Minister, sondern auch Rechtsanwalt war, aus Anlass der Audienz wie ein Fabrikarbeiter oder ein gemeiner Soldat gekleidet hatte; als er dann noch eine Positur à la Napoleon einnahm, gab mir das das dumpfe Gefühl, in einem historischen Tableau eine Nebenrolle zu spielen. Es kam mir vor, als hätte der Verfasser des Stücks aus schierer Unwissenheit den Sturz der Bourbonen mit dem Eintritt des Korsen in die Geschichte verwechselt. Ich gab nichtsdestoweniger eine möglichst objektive Beschreibung des nervösen Herzens ab, das in allen Jahren die körperliche Leistungsfähigkeit der Zarin verringert hatte, fügte aber hinzu, dass der gegenwärtige Zustand der Patientin so gut sei, wie man unter den besonders belastenden Umständen erwarten könne. Es war nicht schwer zu sehen, dass die nüchterne, undramatische Beschreibung der Leiden Ihrer Majestät ihr sehr hart zusetzte. Gleichwohl hatte ich meine Aussage auf die einzig akzeptable Art und Weise gemacht. Ein Arzt mag im Dienst des Zaren oder des Volkes stehen, doch die allerhöchste Loyalität schuldet er stets seinem Beruf.

Ohne Glaubwürdigkeit kann niemand heilen.

Wie die meisten Ärzte ziehe ich Patienten ohne medizinische Neigungen vor. Wenn Alexandra Fjodorowna sich in die graue Tracht mit dem roten Kreuz auf der Brust kleidet, geschieht es aus einer inneren Neigung heraus, aus Leidenschaft und nicht um der Genesung der Kranken willen. Selbst ihre Freunde hat Alexandra Fjodorowna mit dem Instinkt einer Krankenschwester ausgewählt. Am auffälligsten war dies bei der jungen Hofdame Prinzessin Orbeliani, die ihr ständiges Krankenzimmer im Palast eingerichtet bekam, nachdem sie von einem unheilbaren Rückenleiden befallen wurde. Aber auch auf Anna Wyrubowa wurde die Zarin erst dann aufmerksam, als diese als junges Mädchen schwer an Typhus erkrankt war. Die Zarin begann, sie in regelmäßigen Abständen zu besuchen. Die Patientin ihrerseits bewunderte die hochgewachsene schlanke Majestät, als wäre diese eine Florence Nightingale. Auch während ihrer misslungenen kurzen Ehe verblieb sie in der Rolle der Leidenden, bis hin zu dem Zugunglück, nach dem Rasputin ihr prophezeite, sie werde überleben, jedoch mit Krücken. Vielleicht war ich der Erste, der sie wie einen gesunden Menschen behandelte, als ich zuließ, dass Kerenskijs Männer sie vom Krankenbett in die Gefängniszelle brachten. Ich empfinde immer noch keine sonderliche Reue. Hierin liegt vielleicht meine Sünde, nicht in der Handhabung der Diagnose, sondern in dem Fehlen von Reue?

Nachdem ich Anna Wyrubowa geopfert hatte, hatte die Zarin wohl erwartet, dass ich mich schon recht bald aus dem sinkenden Zarenpalast retten würde. Seitdem habe ich zweimal meine Treue bekräftigt. Falls notwendig, werde ich es auch ein drittes Mal tun, aber niemals dadurch, dass ich meinen Arztberuf verrate.

Die Gefangenschaft wurde am 8. März 1917 eingeleitet, fünf Tage nach der Abdankung in Pskow. An jenem Morgen war die gesamte Belegschaft des Palasts im Audienzsaal des Schlosses zusammengetrommelt und vor die Wahl gestellt worden, zu bleiben oder den Palast zu verlassen, da die Tore zur Umwelt definitiv geschlossen werden würden. Für jeden Einzelnen war dies eine Wahl, entweder den Dienst beim Zaren, der nicht mehr Zar war, fortzusetzen oder hinauszugehen, um sich unter den Parolen der neuen Zeit einen Platz in der großen Umwälzung zu suchen. Die meisten gingen. Exakt um vier Uhr wurden die eisernen Tore geschlossen, und damit war die Zeitenwende endgültig, die Amputation ein Faktum.

Am Morgen danach rollte der kaiserliche Hofzug zum letzten Mal mit dem Zaren an Bord auf das Bahngleis in Zarskoje Selo. Nach den schicksalsschweren Ereignissen in Pskow war Seine Majestät nicht in die Hauptstadt weitergereist, sondern hatte sich zum Hauptquartier in Mogilew zurückbegeben, um sich vom Generalstab und der Armee zu verabschieden. Deutlicher als alles andere war dies Ausdruck dafür, dass der Entschluss des Zaren militärischer Natur war. In erster Linie hatte er nicht als Herrscher Russlands abgedankt, sondern als Oberbefehlshaber der russischen Armee.

Erst als der Zar den Bahnsteig in Zarskoje betrat, löste sich die Umgebung des Alleinherrschers auf. Auf dem Weg von den blauen Waggons des kaiserlichen Hofzugs bis zu dem wartenden Automobil des Palastkommandanten verlor Nikolaj Alexandrowitsch sein gesamtes Gefolge bis auf den Fürsten Dolgorukow. Ein einziger Mann bildete das Gefolge der einstigen Majestät, als man diese hinter dem Eisengitter einsperrte und mit ihrem reduzierten Hofstaat und ihrer versammelten Familie wiedervereinigte.

Die Epidemie war überwunden, und jetzt musste, soweit möglich, eine Desinfektion der kaiserlichen Gemächer vorgenommen werden. In diesem Zusammenhang mussten auch der Zarewitsch und die Töchter des Zaren geschoren werden. Die prachtvollen Haarmähnen der Großfürstinnen, die normalerweise dick und schwer Schultern und Rücken bedeckten, fielen der Schere zum Opfer. Nach der Typhusepidemie von 1913 hatten wir eine entsprechende Operation durchgeführt, aber da stand die Dynastie noch auf der Höhe ihrer Macht. Jetzt war der Effekt ein ganz anderer: Die Prinzessinnen sahen aus wie Strafgefangene. Sofort fertigte man einige praktische Perücken an, die den ganzen Sommer über die Köpfe der Töchter bedeckten und später durch Kopftücher ersetzt wurden, bis die Großfürstinnen in Tobolsk mit ihren ungewohnten, fast jungenhaften Frisuren auftreten konnten.

Ich habe, glaube ich, schon geschrieben, dass der Zar kraft seines Leibes über Russland herrschte. Nachdem er das allerhöchste Amt niedergelegt hatte, geschah das Merkwürdige, dass er sich umgehend in einen körperlich arbeitenden Menschen verwandelte, was ganz seiner Natur entsprach. Zunächst nahm er sich vor, Spatenstich für Spatenstich den Schnee von den vielen Wanderwegen im Schlosspark zu entfernen (innerhalb des Radius, in dem er sich unter strenger Bewachung bewegen durfte), worauf er sich über das meterdicke Eis auf dem Kanal um den Palast herum hermachte. Mit Eispickeln bewaffnet sorgte er dafür, dass der Kanal eisfrei wurde, damit die Ruder- und Paddelsaison möglichst schnell beginnen konnte. Als das Eis getaut und die Schneeschmelze vorbei war, ging er daran, die Erde zu bearbeiten, und brachte den anwesenden Hofstaat dazu, einen großen Acker umzugraben, um die Versorgung des Palasts mit Kartoffeln und Gemüse zu sichern. Und als die Pflanzen dann im Boden waren und der Sommer kam, konnte er sich endlich dem Holzfällen widmen.

Diesen Umständen zum Trotz glaube ich sagen zu können, dass diese ersten Monate nach der Abdankung vielleicht zu den glücklicheren Perioden im Leben des Nikolaj Alexandrowitsch gehörten. Er war zwar hinter dem Gitterzaun des Parks eingesperrt, aber gleichzeitig von dem gnadenlosen Druck des Reiches befreit, der auf ihm lastete. Von dem Druck der Minister, der Duma, des Generalstabs, der Großfürsten und der Dokumentenmassen auf seinem Schreibtisch. Jetzt war er auf die Ebene hinabgestiegen, auf der seine natürlichen Begabungen lagen. Er konnte sich den Freuden des Familienlebens widmen, einer einfachen, zielbewussten Muskelarbeit, Spatenstichen, dem Eishacken, Axthieben. Es war vielleicht demütigend, entehrend und ungerecht, aber dennoch eine Wohltat.

Ein entthronter Herrscher konnte seine kaiserliche Residenz nicht mehr bewohnen. Sollte er nach Norden evakuiert werden, nach Murmansk, um von dort nach Westen ins Exil nach England weiterzureisen; sollte man ihn nach Süden schicken auf die Krim, wo schon eine Reihe von Angehörigen der Romanows in ihren Sommerpalästen Zuflucht gesucht hatten; oder nach Osten in das ferne Sibirien, in einen der vielen vergessenen Orte, in die die Zaren selbst so viele ihrer politischen Gegner verbannt hatten?

Ich brachte die Frage bei Kerenskij schon Ende April zur Sprache und legte ihm meine medizinischen Argumente für das günstige Klima auf der Krim dar. Der Justizminister wies den Gedanken nicht zurück, ließ mich aber wissen, dass er nicht imstande sei, eine Deportation nach Süden durchzuführen. Was aus den ersten und in vielerlei Hinsicht naheliegendsten Plänen einer Evakuierung zur Familie der Majestäten in England wurde, habe ich nie in Erfahrung bringen können. Vermutlich konnte es sich weder das parlamentarisch regierte Großbritannien noch die Republik Frankreich leisten, die russischen Verbündeten aus den Tagen der Alleinherrschaft aufzunehmen, denn weder der britische noch der französische Soldat hatte doch sein Blut im Schützengraben für die Wiederkehr der Autokratie geopfert?

Die Ungewissheit schwebte über dem Alexanderpalast, bis der Herbst näher rückte und das Gemüse auf den umgegrabenen Rasenflächen herangereift war. Das Einzige, woran wir uns halten konnten, als wir Zarskoje endlich verlassen sollten, war der Bescheid, wir sollten »reichlich warme Kleidung einpacken«.

Am letzten Tag des Juli kam Großfürst Michail kurz vor Mitternacht in den Palast. Er wurde im Adjutantenzimmer des Zaren von dem Rechtsanwalt »Napoleon« empfangen, der nach einem misslungenen Bolschewikenaufstand einige Wochen zuvor vom Justizminister zum Ministerpräsidenten befördert worden war; er trug immer noch seine schmucklose Soldatenkleidung und versuchte, Russland vom Büro des Zaren im Winterpalais aus zu regieren. Die beiden kaiserlichen Brüder sollten sich zum ersten Mal seit jenem Tag im Februar wiedersehen, an dem Großfürst Michail seinen Bruder vergeblich angefleht hatte, eine verantwortungsbewusste Regierung zu ernennen. Der Ministerpräsident wohnte der Begegnung in der Rolle bei, für die er gekleidet war, als Gefangenenwärter.

Der Palast befand sich im Aufbruch, und ich persönlich war mit eigenen Angelegenheiten beschäftigt, doch man erzählte mir, dass zwischen den beiden Brüdern nicht viele Worte gewechselt worden seien. Wie es hieß, sei das auf die indiskrete Anwesenheit Kerenskijs zurückzuführen. Das glaube ich nicht. Welche Formulierungen hätten ihnen zu Gebote stehen sollen, wenn der Ministerpräsident den Anstand besessen hätte, draußen zu warten? Keiner der beiden war ein Mann des Wortes, Großfürst Michail noch weniger als Seine Majestät. Zwei gutherzige, ein wenig schüchterne Gardeoffiziere, was konnten sie sagen, als sie nur noch ein verlorenes Imperium gemein hatten?

Sie umarmten einander, und zumindest der Großfürst weinte; außerdem soll sich auch Alexej Nikolajewitsch im Adjutantenzimmer gemeldet und darum gebeten haben, seinen Onkel sprechen zu dürfen. Leider wurde das Ersuchen abgelehnt. So nahe war Russland einem letzten Drei-Zaren-Treffen.

Die eigentliche Abreise aus Zarskoje Selo verlief nicht einfacher als an dem Tag, an dem wir von Tobolsk aufbrachen. Die Bahnhofsbediensteten hatten sich geweigert, für die Ausreise der Zarenfamilie die Strecke freizugeben, und so mussten wir die ganze letzte Nacht im Kuppelsaal des Alexanderpalasts auf Kisten und Koffern sitzen, bevor die neue Staatsmacht endlich ihren Willen durchsetzte und die Bahnstrecke freigegeben wurde. Da war es am Morgen des 1. August 1917 schon sechs Uhr geworden.

Zwei Tage zuvor hatten wir den dreizehnten Geburtstag des Zarewitsch gefeiert. Es war das letzte Mal, dass das große Kleinod der Familie Romanow, die Snamenskij-Ikone der Heiligen Jungfrau mit dem Kind im Bauch, zur Genesung von Alexej Nikolajewitsch und zu seinem Segen in den Palast gebracht wurde.

Bis zum Tag vor der Abreise war der Zar damit beschäftigt gewesen, draußen im Schlosspark einige gewaltige Kiefern zu fällen und zu zerhacken, während die Zarin und die Dienerschaft so viel von den Wertsachen des Palasts einpackten, wie überhaupt möglich war. Es war ein großes Gefolge mit gewaltigem Gepäck, das im Licht des Sonnenaufgangs durch die Tore geleitet wurde, um unter Aufsicht von Kerenskijs blutunterlaufenen Augen in die Waggons verfrachtet zu werden, die uns nach Sibirien bringen sollten. Der plombierte Rote-Kreuz-Zug führte die japanische Flagge. Eine vielsagende Tarnung, denn die Niederlage gegen Japan war der Anfang vom Ende gewesen.

Mögen auch Millionen tapferer Soldaten mit Bleikugeln in der Brust gefallen sein, trage ich noch immer die Auszeichnungen, die ich während des Krieges gegen die gelbe Gefahr als Sanitätsarzt empfing. Die Medaillen sind ein Teil der alten Ordnung so wie die Daten in dem abgelegten Kalender. Ich bringe es nicht über mich, sie abzunehmen, denn der Zar würde sofort nach ihnen fragen. Welche Antwort sollte ich geben?

Der Verlust des Krim-Paradieses Liwadia lastete schwer auf uns. Seine Majestät versuchte, sich darüber zu freuen, dass die Großfürstinnen und der Zarewitsch die nordöstlichsten Teile des Reichs ihrer Vorväter kennenlernen würden. Umso größer war die Enttäuschung, als die Vorhänge jedes Mal zugezogen wurden, wenn der schwerbewaffnete Rote-Kreuz-Zug sich etwas näherte, was an Bebauung erinnern konnte. Es fiel dem Zaren schwer, einzusehen, dass es nicht immer die Aussicht war, die verschlossen werden sollte – unsere Wärter wünschten auch, jeden Einblick unmöglich zu machen. Obwohl er sein ganzes Leben mit Morddrohungen gelebt hatte, fiel es Nikolaj Alexandrowitsch schwer, zu begreifen, dass seine Umgebung eine Gefahr darstellen konnte. Er glaubte, die Abdankung hätte ihn gerettet, dass er mit dem Verzicht auf die Macht seine Bedeutung als Bombenziel verloren hätte, seinen Sinn als Zielscheibe.

Nach viertägiger Bahnfahrt kamen wir nach Tjumen auf der anderen Seite des Ural, von wo aus uns der regelmäßig verkehrende Dampfer Russ in gut vierundzwanzig Stunden zur Gouvernementshauptstadt Tobolsk brachte, einer Stadt aus Holzhäusern mit weiß verputzten Kirchen jenseits des Eisenbahnnetzes.

Auf halbem Weg zwischen Tjumen und Tobolsk versammelte sich die Zarenfamilie in der Nachmittagssonne auf dem Deck des Flussdampfers. Am linken Ufer lag das Dorf Pokrowskoje, Rasputins Heimatort. Bei diesem Anblick erfüllte sich eine Prophezeiung. Wie zufällig ließ die Zarin eine Bemerkung fallen. Ihre Wege kreuzten sich.

Schon bald läuten die Kirchenglocken. Ich bin endlich müde.

Ostersonntag, den 22. April

Tee und Schwarzbrot zum Frühstück. Die Gerichte vom Vorabend wurden aufgewärmt und zum Mittagessen serviert. Ein paar Stunden Schlaf nach einem schnellen Luftschnappen bei kaltem Wetter. Seine Majestät las aus dem Evangelium. Alle einschließlich der Zarin speisten um acht Uhr gemeinsam. Keine Messe.

Das Zarenpaar und ich selbst blieben noch eine Weile im Salon sitzen und unterhielten uns mit dem stellvertretenden Befehlshaber der Wache, Ukraintsew. Der Zar bot Zigaretten aus seinem mit Smaragden besetzten Etui an. Dieser Ukraintsew hat vom ersten Tag an eine fast aufsehenerregend freundliche Haltung zu den Kaiserlichen an den Tag gelegt. Er ist überdies ein Mann ganz ohne Bildung, recht jung, aber schon jetzt lastet die Bürde auf ihm, eine Familie ernähren zu müssen. Er wurde aus einer der Fabriken in der Nähe rekrutiert. Selbst beim besten Willen kann man die grobschlächtige Figur nicht zu den monarchistischen Offizieren zählen, von denen die Zarin erwartet, sie versteckten sich unter den Gardisten. Obwohl es nicht lange dauerte, bis er von »gemeinsamen Bekannten« zu sprechen begann. Das Zarenpaar war sehr überrascht zu hören, dass er einmal während einer Jagdgesellschaft zu Ehren von Großfürst Michail als Gehilfe an einer Treibjagd teilgenommen hatte. Noch verwunderlicher war, dass er vor 15 Jahren als kleiner Junge während einer Veranstaltung am Schwarzen Meer mit Großfürstin Olga gespielt haben sollte.

»Seitdem habe ich immer von meiner süßen Prinzessin geträumt«, sagte er mit einer Miene, die an familiäre Vertrautheit grenzte. Sogar die Zarin fand es in schönster Ordnung zu hören, wie von Ihrer Hoheit in Wendungen gesprochen wurde, die in früheren Zeiten nicht einmal beim hochwohlgeborensten Husarenoffizier geduldet worden wären.

»Sie werden dem Traummädchen bald wieder begegnen«, fügte Seine Majestät mit einem fast leutseligen Glitzern im Auge hinzu.

Das Gesicht des Gardisten hellte sich hinter den Bartstoppeln auf wie eine Sonne.

»Haben Sie diese Stellung hier beim Ipatjew-Haus angenommen, um Ihre Familie ernähren zu können?«, fragte ich in dem Versuch, eine natürlichere Distanz wiederherzustellen.

Die Zarin warf mir einen Blick zu, als wollte sie fragen, wie um alles in der Welt ich ein so aufdringliches und unangenehmes Thema anschneiden konnte. Ukraintsew seinerseits fand die Frage alles andere als indiskret und sprach bereitwillig von den elenden Verdienstmöglichkeiten in Fabriken und Gruben, um kurz darauf auch einen grob skizzierten Bericht über den miserablen Gesundheitszustand der Menschen in der Stadt Jekaterinburg zu erstatten.

Der Zar hörte ihn mit seinem freundlichsten Gesichtsausdruck an und merkte sich offensichtlich jede einzelne Auskunft über die Lebensbedingungen des Volkes in diesem speziellen Gebiet östlich des Distrikts Ural, so wie er als Herrscher stets ein besonders Interesse für die Bedeutung von Details an den Tag gelegt hatte. Wie ganz anders wirkte die Unterhaltung auf die skeptische und menschenscheue Zarin. Es zeigte sich zuerst in den roten Flecken am Hals, dass sich hinter der verschlossenen Fassade Alexandra Fjodorownas ein großes und starkes Gefühl aufzubauen begann. Selten ist mir die Verschiedenheit der beiden Majestäten so aufgefallen wie bei dieser Begegnung mit dem Mann, der dazu eingesetzt war, sie zu bewachen, der in seiner Seele aber immer noch ihr treuer Untertan war. Während der Zar ihm wie von Gleich zu Gleich gegenübersaß und sich aufrichtig für alle Einzelheiten interessierte, die dieser Mann ihm erzählen konnte, war die Zarin außerstande, mit Ukraintsew zu kommunizieren. Alexandra Fjodorowna kann die Welt nicht durch greifbare Details verstehen, sondern nur als ganzheitliche Vision. Dieser irregeleitete, aber rechtschaffene Bauernproletarier, der seit seinen unschuldigen Kindertagen das strahlende Bild einer Prinzessin in sich getragen hatte, sprach er nicht im Namen des ganzen russischen Volkes? Lag die Zukunftshoffnung dieses irregeleiteten Gardesoldaten nicht gleich unter der Oberfläche, jetzt wo er sein Herz geöffnet und dem Zaren seine tiefsten Sehnsüchte offenbart hatte?

Genauso hatte sie in ihrer nonnenhaften Schwesterntracht im Lazarett des Katharinapalasts dagesessen. Sie ging nicht von Bett zu Bett, von Soldat zu Soldat, sondern suchte sich immer einen aus, einen, der sie alle symbolisierte, am liebsten einen jungen Offizier mit verstümmeltem Leib und reinen Gesichtszügen. Hier, an diesem einen Bett, legte sie ihr ganzes Engagement an den Tag, all ihr Einfühlungsvermögen, ihr ganzes religiöses und mütterliches Gefühl. Es war keine menschliche Tat der Barmherzigkeit, sondern eine erhöhte Handlung, um den einen Leidenden zu erlösen.

Ihn, der sie alle repräsentierte.

Der Thronfolger war sehr krank, als die Zarenfamilie aus der Gouverneursresidenz in Tobolsk umquartiert werden sollte. Wir wurden Zeugen des ersten besorgniserregenden Ausbruchs der Hämophilie nach dem Sturz des Zarentums. Merkwürdig war nicht die Tatsache, dass die alte Krankheit in der neuen Zeit wieder aufgetaucht war (obwohl der Zarewitsch auffallend lange gesund gewesen war), ebenso wenig, dass es in ihrer ganzen furchteinflößenden Form geschah; erschreckend war, dass Alexej Nikolajewitsch die Krankheit herbeiwünschte, dass er sein Krankenlager selbst in Szene setzte.

Die Zarenkinder haben immer gern im Schnee gespielt. Nicht zuletzt der Thronfolger, denn das weiche Element steigert den Grad der Freiheit. Im Schnee kann er fast wie ein gewöhnlicher Junge herumtollen. Auf dem geräumigen Platz, der außerhalb der Gouverneursresidenz von Tobolsk eingezäunt war (und den ich von meinem Fenster im Kornilow-Haus aus direkt überblicken konnte) wurde ein richtiger Berg aus Schnee errichtet. Der Zar war der selbstverständliche Leiter der Arbeit an der topographischen Umformung des Geländes. Der Schneeberg wurde mehrere Wochen lang zum Mittelpunkt vieler Aktivitäten und Strapazen. Unter anderem als Rodelbahn für einen kleinen Holzschlitten.

Eines schönen Tages, immerhin schon am 4. März nach der neuen Zeit (und diese Entscheidung gehörte ausschließlich in die neue Zeit), hatte der Soldatenrat beschlossen, den weißen Berg zu entfernen. Nachdem der Zar dort oben gestanden und dem vierten Regiment zum Abschied zugewinkt hatte, dem Regiment, das die kaiserliche Familie seit der Abreise von Zarskoje treu bewacht und seine Gefangenen schätzen gelernt hatte, war das neue Wachpersonal auf die Idee gekommen, die Gefangenen könnten den Schneehaufen dazu gebrauchen, sich mit fremden Truppen in Verbindung zu setzen. In der Abenddämmerung kamen die Soldaten mit ihren Gerätschaften und machten den Berg dem Erdboden gleich.

Danach konnte der Rodelschlitten nur noch gezogen werden. Ich blieb eines Tages stehen und betrachtete Alexej Nikolajewitsch in seiner Marineuniform, wie er zusammengekrümmt auf dem kleinen Schlitten hockte, während Olga Nikolajewna in ihrem langen Rock vorneweg lief; aus der Ferne sah es aus, als wäre sie mit Zaumzeug angeschirrt, obwohl sie ihren Bruder sicher nur an einem Seil zog. Die Großfürstin lief im Kreis herum, der Zarewitsch ruderte mit den Armen, doch durch das Fenster konnte ich nicht hören, welche Kommandos er ihr zurief. Selbstverständlich war es nur ein Spiel, doch der Anblick gab mir dennoch einen Stich ins Herz.

Ganz allgemein ist es wichtig, dass Alexej Nikolajewitsch sich möglichst ruhig verhält, um der Krankheit nicht Vorschub zu leisten. (In diesem Winter hatte er ein paarmal Husten gehabt, was leicht Blutungen hätte auslösen können.) Dennoch hatte er den Schlitten unbemerkt ins Gouverneurshaus getragen und die Treppe hinaufgeschleppt. Hier saß er nun auf einem der Absätze zwischen dem ersten und dem zweiten Stock. Schon einen einzigen Meter würde ich bei einem Bluter normalerweise so einschätzen: als versuchten Selbstmord.

Vielleicht war die Schlittenfahrt die Treppenstufen hinunter genau das Gegenteil? Ein Auflehnen. Nicht gegen das Leben, sondern gegen den Tod, das heißt gegen die Langeweile, ein verzweifelter Versuch, das Leben in Bewegung zu setzen, ein Zeichen von Gesundheit, das mit Schmerzen endete und ihn ans Bett fesselte. Jeder hätte ihm das Ergebnis nennen können, und jeder X-Beliebige hat es ihm auch schon hundert Mal erzählt. Gleichwohl musste es geschehen. Oder: gerade deshalb musste es geschehen.

Der Wunderheiler Gregorij soll außerdem gesagt haben, dass Alexej Nikolajewitsch nach Vollendung des dreizehnten Lebensjahres geheilt sein werde. Diese magische Zahl hat er im letzten Sommer erreicht. Seitdem hatte er keine ernste Blutung mehr gehabt. Wollte er das Wunder auf die Probe stellen?

Ende März (nach alter Zeitrechnung), nur wenige Tage zuvor, war die erste Abteilung reiner Bolschewikensoldaten aus Omsk in das abgelegene Tobolsk gekommen. Ähnlich wie die Rivalen hier in Jekaterinburg hatten sich die Bolschewiken in Omsk mehrere Male bemüht, den Zaren und sein Gefolge unter Kontrolle zu bekommen. Man kann sich unschwer vorstellen, welch revolutionäres Prestige es mit sich brächte, das Leben des letzten Alleinherrschers in Händen zu halten. Jedoch war es die erklärte Absicht unseres damaligen und auch jetzt noch herbeigesehnten Kommandanten Koblinsky gewesen, seine Gefangenen gegen die Drohungen aus Omsk zu verteidigen. Es war davon die Rede, sämtliche Personen vom Gouverneurshaus in die Residenz des Erzbischofs Hermogen zu verlegen, die höher lag und die schwerer einzunehmen wäre. Aus diesem Anlass kam es zu einer Reihe von Konfrontationen mit dem Soldatenrat. Das einzige Resultat bestand darin, dass die Zarin bis auf weiteres mit einem Verbot belegt wurde, auf dem Balkon zu sitzen. Alexandra Fjodorowna war außerdem die Einzige, die den Einzug der Rotgardisten in Tobolsk mit einem gewissen Optimismus betrachtete. Sie war überzeugt davon, dass mehrere zarentreue Offiziere als gemeine Soldaten in das Heer der Roten eingeschmuggelt worden waren.

An diesen ersten, von bösen Vorahnungen erfüllten Frühlingstagen geschah es, dass der Zarewitsch an Bord seines kleinen Holzboots ging und es über die tödlichen Wirbel der Stromschnellen abwärts sausen ließ. Wollte er das Wunder auf die Probe stellen, wollte er sich durch ein Verschwinden retten, wollte er seine Familie von seinem Schicksal befreien? Wie oft erlebt das Kind, das immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestanden hat, seine Bedeutung? War es ein Opfer, ein Sprung von der irdischen Thronfolge auf den himmlischen Thron – ein Martyrium?

»Ich habe keine Angst vorm Sterben«, ertönte es ein paar Tage später vom Feldbett, »ich habe nur Angst vor dem, was sie finden werden, wenn sie den Berg abgetragen haben.«

Zusammen mit Dr. Derewenko konnte ich für den leidenden Knaben in Tobolsk ebenso wenig ausrichten wie bei dem Thronerben von Gottes Gnaden. Wir konnten nur darauf warten, dass der Blutdruck stieg, und Ruhe verordnen, die es nicht gab. Doch es bestand nicht mehr der Druck der Geheimhaltung. Die blauen Schwellungen brauchten nicht mehr wie Staatsgeheimnisse gehandhabt zu werden. Nur der Schmerz war zurückgekehrt, der Schmerz und die Machtlosigkeit.

Nach zwei Wochen mit schlaflosen Nächten, zu einem Zeitpunkt, als wir uns immer mehr von allen Seiten bedrängt fühlten, kam der Vertreter Moskaus, Kommandant Jakowlew, um die Zarenfamilie aus Tobolsk abzuholen. Er war ein hochgewachsener, höflicher und kultivierter Mann, gekleidet wie ein gewöhnlicher Matrose, doch mit den notwendigen Vollmachten ausgestattet. Die Herren in Moskau hatten allerdings nicht mit dem Schlitten des Thronfolgers gerechnet. Der Sendbote der Bolschewiken wurde als erster Außenstehender mit der Tragödie der Dynastie von Angesicht zu Angesicht konfrontiert: mit dem abgemagerten Leib des kranken Dreizehnjährigen in der gestreiften Bettwäsche des Feldbetts. Mit dem matten, kastanienbraunen Haar, den glänzenden Augen in dem schönen, wächsernen Haupt.

Er glaubte nicht, was er sah. Am selben Vormittag kam er wieder und öffnete unangemeldet die Tür zum Zimmer des Thronfolgers. Er wollte sich vergewissern, dass es sich nicht nur um eine Maskerade handelte, nur in Szene gesetzt, um die Revolution hinters Licht zu führen.

Jakowlews Auftrag bestand darin, die kaiserliche Familie abzuholen und an einen unbekannten Bestimmungsort zu bringen. Alexandra Fjodorowna war augenblicklich davon überzeugt, dass dies Moskau bedeutete – das Zentrum der Macht. Fast einen Monat lang waren die Gespräche im Gouverneurshaus um den Friedensschluss in Brest-Litowsk gekreist. Die Zarin konnte sich nicht vorstellen, dass ihr Vetter, Kaiser Wilhelm, einen Friedensvertrag akzeptieren konnte, der von irgendeinem jüdischen Kommissar im Namen des Reiches unterzeichnet worden war. Im Innern konnten die Bolschewiken spotten, soviel sie wollten, aber draußen, in der Welt, besaßen sie keine Anerkennung und konnten ohne die lenkende Hand des Zaren nichts erreichen. Genauso sah sie es. Die Zarin sah einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Abreise Seiner Majestät aus der Gouverneursstadt Tobolsk und dem Kniefall des neuen Regimes in Brest-Litowsk. Dass es um die Unterschrift ging. Einen gültigen Namen für einen ungültigen Frieden zu schaffen. Wir mussten nach Moskau. Um zu unterzeichnen.

Niemand dachte an die Nebengleise, an die Güterbahnhöfe, niemand dachte an Jekaterinburg.

Alexandra Fjodorowna hat keinen Augenblick an der Rückkehr der Romanows an die Macht gezweifelt. Sie sah sie als die einzig legitimen Herrscher des Heiligen Russland an. Sie verlässt sich nicht auf die Treue der Generäle, sondern auf die Ergebenheit des Volks und auf Gottes Willen. Aus diesem Grund befindet sie sich mit dem Zaren hier. Sie hat sich eine Reise zurück an die Macht vorgestellt, zur Wiedereinsetzung des Sohnes.

Zunächst musste sie einen inneren Kampf ausfechten, zwischen dem Bett des Thronfolgers und dem Feldzug des Zaren. Als Mutter wäre sie am liebsten am Krankenlager geblieben. Aber was würde das Leben des Sohns ohne die Aufgabe, zu deren Erfüllung er geboren war, noch wert sein? Gibt es ein Leben außerhalb der Bestimmung Gottes? Die Mutter unterwarf sich der Entscheidung der Herrscherin.

Während der letzten eineinhalb Jahre seines Regimes war Nikolaj II. zum Prinzgemahl von Alexandra der Großen degradiert worden, er hatte seinen Nacken einem stärkeren Willen gebeugt und sich dem weiblichen Terrorregime unterworfen, dem die Psychiatrie die Bezeichnung Hysterie gegeben hat. Fast mit einem Achselzucken nahm er auch diese Entscheidung zur Kenntnis. Gleichwohl lag eine tiefe Entmündigung in der Wahl der Zarin, als wäre er, der Zar, das kleinste und gefährdetste all ihrer Kinder.

Am 13. April ließ sich der Zar endlich unter Vormundschaft stellen, nicht nur durch das Regime in Moskau, sondern auch durch seine eigene Ehefrau. Sie reiste mit ihm, damit er kein zweites Mal seinen Namen aufgab, damit sich die Katastrophe von Pskow nicht wiederholen konnte.

Der Krieg kann noch immer gewonnen werden, solange die Unterschrift des Zaren nicht geleistet ist.

Das ausgesuchte Gefolge umfasste neun Personen. Das Zarenpaar und Großfürstin Maria, aus dem Gefolge Fürst Dolgorukow und ich selbst, außerdem die beiden Diener und das Kammermädchen. Kommandant Jakowlew hatte eine Abteilung von 35 Gardesoldaten zusammengestellt, davon 15 zu Pferde. Die Kolonne bestand aus ein paar gebrechlichen Tarantas, Bauernkarren ohne Sitze oder Federung. Nur der vorderste Wagen war eine Kalesche. Für den Wagen, in dem die Zarin sitzen sollte, wurden etwas Stroh und eine Matratze herbeigeschafft. Ich überließ ihr überdies meinen dicken Pelzmantel.

In einen der Koffer hatte meine Tochter ein paar weiße Tennishosen gepackt. Vielleicht waren wir Teil eines größeren Plans, vielleicht würde die Fahrt nach Moskau gehen und von dort weiter nach Archangelsk und von dort per Schiff zu den Britischen Inseln? Die Tennishosen waren die verwegene Hoffnung in der Dunkelheit, ein Friedenssignal, die Splittflagge einer neuen Ära, die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung im Westen und die Wiederaufnahme der profanen Privilegien des Leibarztes. Doch an unserer Abreise war nichts, was an Befreiung erinnerte, von der einen Tatsache abgesehen, dass wir eine Gefangenschaft verließen. Als ich sah, wie meine Tochter im Fenster die Hand hob, kam mir der Gedanke, dass es meine Kinder waren, die auf freien Fuß gesetzt wurden, indem ich sie verließ, dass meine Abreise ihre Freiheit möglich machte. Ich bin derjenige, der die kaiserlichen Auszeichnungen als Leibmedikus und General trägt; allein meine Kinder sind in den Händen der neuen Zeit unbeschützt, aber auch unbesudelt. Niemand stellt für meine Kinder eine größere Bedrohung dar als ich selber. Nur seelisch kann ich ihnen Schutz geben, durch mein Beispiel.

Nachdem unsere Reise hier in Jekaterinburg zu Ende gegangen war, verfestigte sich der Gedanke, dass dies der Schicksalstag war. Dies war der Moment, in dem die Grenzen gezogen wurden, zwischen dem, was eine Zukunft hat, und dem, was für immer der Vergangenheit angehören soll.

In diesem Augenblick hätte der Zar sich losreißen und seinen Kindern die Freiheit schenken können.

Die Nacht war früher Morgen des 13. April geworden. Der Zarewitsch lag weinend in seinem Zimmer. Die drei Großfürstinnen standen alle mit ihren Strickmützen da, hatten sich lange Alpakaschals um den Hals geschlungen und warteten vor der Tür zu dem bescheidenen Eingang der Gouverneursresidenz. Die Befehle des Kommandanten ertönten aus dem vordersten Wagen, in dem er neben dem Zaren Platz genommen hatte. Der Feldzug der Vergangenheit setzte sich in Bewegung, in Richtung Moskau. Zur Schlacht um die rechte Hand des Zaren.

Es ist zwar spät, aber wir haben noch immer einige Stunden vor uns, bevor wir das erste Morgenlicht erblicken oder bis die Glocken über dem Himmelfahrtsplatz zu läuten beginnen. Meine Erwartungen an den Ostersonntag liegen im Dunkeln. Ich opfere die Nacht und rekonstruiere lieber die Reise von Tobolsk. Die Alternative ist eine durchwachte Nacht mit den Zurückgebliebenen, mit Gedanken, die immer bei der Zarin von Tobolsk enden werden.

Meine eigene Tochter stand gleichsam beschützt hinter dem Fenster im Kornilow-Haus, wo wir unseren Wohnsitz gehabt hatten, gegenüber der Residenz. Meinen Sohn hatte ich selbst ins Bett beordert, weil er am nächsten Tag ein Examen ablegen sollte. Über den drei Töchtern des Zaren lag etwas anderes, denn sie waren zum ersten Mal ihrer eigenen Obhut überlassen. Im Hause wartete das Schmerzgestöhn des Bruders. Wo sollten sie irgendwann einmal eine Zuflucht im Leben finden? Vielleicht ist es dennoch am besten, dass sie herkommen, dass sie nachkommen. Das würde zumindest eine Sehnsucht erfüllen, bei ihnen, ihren Eltern, bei mir selbst.

Sibirien befand sich im Frühjahrstauwetter, in der hoffnungslosen Phase zwischen Kufe und Rad, zwischen Schneeschmelze und Frost. Die kaiserliche Karawane hatte 260 Werst zurückzulegen, bevor wir die nächste Bahnlinie erreichten. Der Fluss war noch nicht eisfrei, deshalb musste die Reise über Land erfolgen. Doch mussten wir in der Zeit der Eisschmelze drei Flüsse überqueren, Irtysch, Tobol und Tura. Allein am ersten Tag wurden die Pferde vier- oder fünfmal gewechselt, und das Rumpeln in den gefrorenen Radspuren war entsetzlich.

Die Flüsse waren angeschwollen, und das Wasser reichte den Pferden bis unter den Bauch, als wir den Irtysch überquerten. Am Ufer des Irtysch hatte der verbannte Dichter die Bürde seiner Ziegelsteine geschleppt. Ich erinnere mich an die Passage in Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, weil er dort trotz der Zwangsarbeit Freiheit fühlte; nur am Flussufer konnte er den Blick von der Festung und den Palisaden abwenden, die ihn sonst zu jeder Stunde des Tages umschlossen. Der Irtysch fließt nach Nordosten und passiert als erste größere Stadt Omsk, wohin Dostojewskij als Strafgefangener verbannt worden war, nachdem er gegen den Zaren konspiriert hatte.

Die erste Nacht verbrachten wir in dem Dorf Jewlewo, in dem wir in einem stillgelegten Landhandel auf die primitivste Weise untergebracht wurden. So reisten die Verbannten in der Zeit vor der Eisenbahn, so zogen die Karawanen aus Mördern, Trunkenbolden und Oppositionellen durch dieses unendliche, trostlose Land. Unendlich und trostlos nicht aufgrund der Landschaft, sondern wegen der Gefangenschaft, aufgrund des Zwangs inmitten der Unendlichkeit.

Bevor es hell geworden war, hatten wir Jewlewo verlassen. An solchen vergessenen Orten geschah es, dass die Bauern ihren Arzt aus reinem Aberglauben erschlugen. Wenn das Land von einer Cholera- oder Typhusepidemie getroffen wurde, konnte es geschehen, dass ein freiwilliger oder abkommandierter Mediziner auch in den abgelegensten Dörfern auftauchte, um den Schaden zu begrenzen. Die Bauern kombinierten die beiden Ereignisse, die tödliche Epidemie und den merkwürdigen Fremden mit seinen noch merkwürdigeren Instrumenten und Flakons. Folglich zogen sie daraus den unglückseligen Schluss, dass es der Doktor war, der die Krankheit gebracht hatte. In einer betrunkenen Nachtstunde konnte es geschehen, dass die Bauern von dem Gedanken besessen waren, das Lazarett in Brand zu stecken, die teuflischen Instrumente zu zerschmettern und den Arzt zu ermorden. Den russischen Bauern hat es schon immer zum Feuer hingezogen, zu der verzehrenden Macht der Flammen, zu der flackernden Schönheit des Lichts.

Wir erreichten den Tobol, bevor die nächtliche Kälte ihren Höhepunkt erreicht hatte, trotzdem wurde die Karawane aus Furcht vor einem Aufbrechen des Eises aufgelöst. Uns wurde befohlen, einzeln über einen schmalen Pfad aus ausgelegten Planken zu gehen. Der Zar bot seiner Gemahlin die Hand. Sie hatte den Pelzmantel abgelegt und trug einen dünnen Persianer. Gleich dahinter folgte Fürst Dolgorukow. Der Hofmarschall stützte Großfürstin Maria mit seiner rechten Hand, ganz Weltmann, als führte er sie bei der Polonaise über das Parkett des Winterpalais. Unter der spröden Eisdecke strömte der Tobol dahin; im Verlauf von Tagen, vielleicht nur Stunden, würde das Eis aufbrechen und mit den Wassermassen stromabwärts verschwinden. Nachdem die Frauen hinübergebracht worden waren, folgten die Diener und Soldaten mit Taschen und Koffern; die Kavalleristen führten ihre Pferde bei der Hand, und am Ende zogen die Soldaten die leeren Karren hinüber.

Gegen zwölf kamen wir in Pokrowskoje an, wo ein Teil der Gardesoldaten abgelöst werden sollte. Im August hatten wir das Dorf auf dem Fluss aus der Ferne passiert, jetzt blieb die Karawane direkt vor einem zweistöckigen Haus stehen, einem herrschaftlichen Wohnsitz, der in starkem Gegensatz zu den nachlässig zusammengezimmerten Holzbauten stand, die diesen Typus von Orten kennzeichnen. Der Fürst kam schnell zu dem Schluss, dass dies Rasputins Wohnhaus sein musste. Nein, man kann nicht zählen, wie viele Prophezeiungen entweder telegrafisch aus diesem schmutzigen Dorf im Gouvernement Tobolsk oder telefonisch von der stets ebenso überfüllten Wohnung in Petrograd ausgegangen waren, Prophezeiungen von Tod und Genesung, von Untergang und Auferstehung. Von hier stammte die Zeile, die Ärzte sollten den Patienten in Spala nicht »quälen«.

Während der Kommandant neue Mannschaften organisierte, saß die Zarin auf dem Boden ihres Bauernkarrens. Damit befand sie sich, für alle gut sichtbar, unzweifelhaft an einer erhöhten Stelle. Hinter den Fensterscheiben in dem niedrigen Erdgeschoss und der hochgelegenen ersten Etage standen Menschen, alte und junge, und starrten uns stumm an; Vater Gregorijs nächste irdische Angehörige. Man hatte einen hohen, soliden Zaun errichtet, der den Blick auf das übrige Grundstück versperrte; von den Nebengebäuden des Hofs waren nur die Dächer zu sehen. Am allerwenigsten konnten wir einen Blick auf Rasputins heiligen Keller erhaschen, den er in seinen jungen Jahren unter dem Kuhstall gegraben haben soll und der später so vielen Gerüchten und obszönen Fantasien Nahrung gegeben hat.

Hier wurde mir die unheimliche Parallele bewusst: Auch Marie-Antoinette wurde auf einem Bauernkarren zum Schafott gefahren. Das war mein letzter klarer Gedanke auf der ganzen Reise. Als wir unseren Weg fortsetzten und immer mehr durchgeschüttelt wurden, bekam ich fürchterliche Nierenschmerzen, die so schlimm waren, dass ich mich kaum an die weitere Fahrt erinnere, nur daran, dass wir um Mitternacht den Zug in Tjumen erreichten. Ich hatte mich die ganze Zeit gefragt, wie Alexandra Fjodorowna die Strapazen aushalten würde, doch wie sich zeigte, war der Arzt das schwächste Glied des Transports. Von Tjumen (Palmsonntag) konnten wir mit der Bahn weiterfahren, während der ganzen Fahrt von schwerbewaffneten Soldaten umgeben. Der Zug fuhr zwischen den Bahnhöfen hin und her, erst nach Westen, dann nach Omsk im Osten und wieder zurück. Der Fürst nahm an, wir seien Opfer eines Tauziehens geworden.

Persönlich hatte ich keine bestimmte Vorstellung vom Reiseziel, wenn ich von der einen absehe, dass hinter allem eine Absicht stecken musste. Alle, auch ich, waren dennoch von dem Befehl überrascht, die Gardinen herunterzuziehen, als der Zug vor fünf Tagen im Hauptbahnhof von Jekaterinburg angekommen war.

Was denkt die Zarin heute Nacht über die Unterschrift des Zaren? Wie hat es die Sowjetmacht geschafft, auf die Hand des Selbstherrschers zu verzichten?

Weiß die Welt, wo wir uns befinden? Gibt es überhaupt jemanden, der diese Frage stellt, so wie wir nach Fürst Dolgorukow fragen?

Nikolaj Alexandrowitsch hat mir erzählt, dass der Name Ipatjew zu Beginn der Geschichte der Romanows schriftlich festgehalten worden sei. Der Stammvater des Zaren, Michail I., sei in einem Kloster gleichen Namens zum Zaren gekürt worden. Der Unterschied zwischen einem Kloster und einem Gefängnis ist vielleicht gar nicht so groß?

Er ist auferstanden! Zeit, das Licht auszumachen.

23. April

Es ist unmöglich, länger zu schlafen als bis neun Uhr, selbst wenn es nachts spät geworden ist. Badezimmer und Toilette sind oft besetzt, und so begebe ich mich spät dorthin, nachdem die Kaiserlichen wieder in ihren Zimmern sind. Um zehn Uhr bekommen wir Tee und Schwarzbrot mit oder ohne Butter (der Zufall bestimmt darüber, ob es Fett gibt oder nicht). Danach ist Inspektion beim Kommandanten. Mittagessen um zwei Uhr.

Wir gingen eine Stunde spazieren. Das Thermometer zeigt ständig Minusgrade an. Noch immer liegt ein wenig Schnee. Sonne. Später las der Zar seiner Familie vor, ich schlief. Der Rhythmus ist der gleiche wie im Alexanderpalast, oder, wenn man so will, wie am englischen Hof. Wir haben kaum noch Fleisch auf den Knochen, und das Skelett schimmert durch. Tee um fünf Uhr, warmes Essen um acht (heute schon um sieben). Oft essen wir mittags und abends das gleiche Gericht. Noch in Tobolsk war die Zusammenstellung der Gerichte ein Thema, das der Zarin täglich vorgelegt wurde, obwohl die Zutaten schon sehr knapp geworden waren. Die Speisekarten verschwanden erst in Jekaterinburg zusammen mit den Gedecken und der Tischwäsche.

Es ist vielleicht ein Zeichen von Gesundheit, wenn ich die Arbeit mehr vermisse als das Essen. Durch die acht Monate in Tobolsk erhielt ich Gelegenheit, als gewöhnlicher Dorfarzt zu praktizieren. Vormittags Sprechstunde, nachmittags Krankenbesuche in der Stadt. Ich hielt im Kornilow-Haus gegenüber der Gefängnisresidenz der kaiserlichen Familie meine Sprechstunde ab. Zum ersten Mal in zehn Jahren besaß ich keine Privilegien mehr. Darin lag der Unterschied. Nicht in der äußeren Würde des Patienten oder seinem Stand, und so spielte es keine Rolle, ob die Konsultation in einem Schloss stattfand oder einem Krankenhaus. Der Unterschied bestand vielmehr darin, dass ich, der Leibarzt des Zaren im Generalsmantel, durch die schmutzigen, von Schnee schweren Wege waten und an den bettelarmen Häusern anklopfen und eintreten musste. Ich musste mich den Leiden des Patienten unterwerfen, nicht der Krankheit, sondern der Armut. Kein Schreibtisch, kein Assistent, kein Titel konnte mich länger schützen. Im Gegenteil, die Bezeichnung »Leibarzt des Zaren« hatte meine Person gebrandmarkt, mich vogelfrei, fast aussätzig gemacht wie einen General der kaiserlichen Armee, den man selbst dem einfachsten Fußsoldaten untergeordnet hatte. Nur meine Kenntnisse, meine Fertigkeiten und vielleicht meine Menschlichkeit bewirkten, dass ich immer noch ein gerngesehener Mann war, ja, gelegentlich sogar zu einem Lichtträger in den Kammern der Dunkelheit wurde. Niemals zuvor, nicht einmal in den stinkenden, überfüllten Lazaretten der Kriege ist mir mein eigentliches Privileg so klar geworden; nie zuvor habe ich es so gut verstanden, Menschen zu heilen.

Jetzt diene ich nur dem Zaren. So tief bin ich gesunken. Ich bin nicht mehr würdig, außerhalb des Gefängnisses tätig zu sein, ich bin ein vom Leben abgeschnittener Arzt, so wie der Zar bei seiner Abdankung zu einem Herrscher wurde, der von seinen Untertanen abgeschnitten ist.

Die äußerste Pflicht des Arztes besteht darin, sich selbst am Leben zu erhalten. Aus diesem Grund werde ich auch damit fortfahren, mich durch die Nächte hindurchzuschreiben. Die Tage gehören der Geschichte, sie werden die Städte Tobolsk und Jekaterinburg einmal zu Namen machen, an die sich die Menschheit erinnern wird, wie an Elba oder St. Helena.

Die Nächte gehören mir.

Von Zeit zu Zeit schneit es.

Weiß wie der Bart meines Vaters, weiß wie sein Gesicht an dem Sonntag, an dem er mit frisch gewaschenen Händen vom Winterpalais zurückkehrte, aber mit dunklen Flecken überall auf dem abgetragenen Anzug. Prof. Dr. Sergej Petrowitsch Botkin hatte soeben den Tod eines Zaren verkündet. Als er endlich zu Hause war, ließ er sich in den nächsten Stuhl fallen und schnappte nach Luft.

Es war ein klarer früher Sonntagnachmittag, als im Abstand weniger Minuten zwei starke Explosionen zu hören waren. Kurz darauf wurde der Leibarzt des Zaren in den Palast gerufen. Ein roter Läufer aus Blut wies den Weg über die Marmortreppe ins Obergeschoss, bis zum Arbeitszimmer des Monarchen. Hier herrschte die Panik, wie so oft, bevor der Arzt am Ort der Katastrophe angekommen ist.

Der uniformierte Oberkörper Seiner Majestät lag neben dem Schreibtisch auf einem Diwan. Die unteren Körperteile ließen sich nicht mehr identifizieren. Wo soll ein Arzt ansetzen, wenn der halbe Mensch schon die Form anatomischer Makulatur angenommen hat? Soll er die Blutungen stillen, Sauerstoff zuführen? Zusammen mit drei Kollegen und einer Sauerstoffflasche kämpfte mein Vater, nur unterbrochen vom Eindringen des Metropoliten mit der letzten Ölung, verzweifelt darum, die Regentschaft Seiner Majestät Alexanders II. zu verlängern. Sie verlängerten sie um fünfundvierzig Minuten.

Das siebte Attentat tötete ihn. Die Equipage des Zaren war nicht nur geschlossen, sie war gepanzert; wie eine rollende Eisenzelle, umkränzt von sechs Kosaken zu Pferde, gefolgt von den Schlitten der Gendarmen, wurde sie von zwei Pferden gezogen, die auf dem Weg zum Winterpalais am Katharinakanal entlang dahintrabten.

Da wurde ein Schneeball geworfen.

Zur Verblüffung des Gefolges detonierte der Ball in dem Moment, als er auf der Anhöhe vor dem Wagen des Zaren einschlug. Die Explosion traf Menschen und Tiere, aber nicht Seine Majestät. Schockiert, aber unverletzt öffnet der Zar die Tür, trotzt den Warnungen des Kutschers und steigt in dem Moment, als sich der Rauch verzieht, von seiner gepanzerten Equipage herab. Er will sich um seine verwundeten Untertanen kümmern, um einige Kosaken und einen Bäckergesellen, der gerade vorbeigekommen war.

In dem Augenblick wird noch ein Schneeball geworfen.

Irgendwo im Menschengewimmel um das Sterbebett des Großvaters herum stand der 13 Jahre alte Prinz Nikolaj in seiner blauen Matrosenjacke, unbeweglich, doch bis ins Mark seiner Seele erschüttert. In dem Augenblick, in dem mein Vater den Pulsschlag am Handgelenk des Zaren nicht mehr spürte, wurde Nikolaj Alexandrowitsch zu Russlands Zarewitsch erhoben.

Der neue Zar, der Hüne Alexander Alexandrowitsch, und die gesamte kaiserliche Familie fielen auf die Knie. Gleichzeitig stürzte eine junge Frau in einem blutüberströmten Negligé zu Boden. Erst in diesem Augenblick, als sie im Blut ihres Mannes lag, wurde die dem Autokraten ehelich angetraute Geliebte als rechtmäßige Ehefrau ihres Mannes anerkannt.

Drei Tage später hätte der Ministerrat unter Leitung Alexanders II. zusammentreten und Russlands neue Verfassung verabschieden sollen, die Abschaffung der Autokratie; zwanzig Jahre nach Aufhebung der Leibeigenschaft sollte der Zar, der Befreier, sein Volk zum ersten Schritt in die Epoche der Mehrheitsentscheidungen führen. Es war diese historische Umwälzung, die mein Vater am 1. März 1881 um fünf nach halb vier mit klarer Stimme verkündete, als der Tod seines Patienten eingetreten war. Im selben Augenblick wurde die Alleinherrschaft in die mächtigen Hände Alexanders III. gelegt, und die neue Verfassung wurde damit ebenso ungültig wie der Kalender des Vorjahres.

Dazu brauchte es drei Tage.

24. April

Bis jetzt Plusgrade. Ihrer Majestät wurde das Mittagessen von Sednjew in ihrem Zimmer serviert, eine Portion Makkaroni, als Wiedergutmachung für die mangelnde Spezialverpflegung des gestrigen Tages. (Es war der Namenstag der Zarin, der Tag der heiligen Märtyrerin Alexandra.)

Spaziergang mit dem Zaren, 40 Schritt vor, 40 zurück.

Man hat nach dem Essen begonnen, Karten zu spielen. Wir sind so wenige, und es ist hier schwieriger als im Gouverneurspalast, die Gespräche in Gang zu halten. Sobald die fehlenden Ereignisse des Tages kommentiert sind, kehren die Gedanken nach Tobolsk zurück. Wir haben zwar genügend Fragen, aber immer noch keine Antworten. Das Hauptthema ist selbstverständlich der Gesundheitszustand des Zarewitsch. Heute wie in all den Jahren, in denen ich dem Zaren gedient habe.

Auf Aufforderung Ihrer Majestät unternahm ich einen neuen Versuch, mir darüber Klarheit zu verschaffen, was mit Fürst Dolgorukow geschehen ist.

»Da mischen Sie sich besser nicht ein, Doktor«, entgegnete Awdejew recht brüsk, als ich durch die Tür getreten war.

Im Büro hängen ein Edelhirsch und einige andere von Ipatjews Jagdtrophäen. Außerdem fielen mir einige Gruppenbilder auf, die etwas mit den Jahren des Ingenieurs in der russischen Armee zu tun hatten. Awdejew hat sich nicht die Mühe gemacht, diese Reminiszenzen an die Zarenzeit zu entfernen, genauso wenig, wie er daran gedacht hat, das Bett zu machen, den Aschenbecher zu leeren oder die Flaschen vom Schreibtisch wegzuräumen.

»Herr Kommandant«, sagte ich, »der Fürst hatte in seiner Eigenschaft als Hofmarschall des Zaren ...«

Im Nachhinein sehe ich ein, dass dieser Satz oder vielmehr der Anfang dessen, was ein Satz werden sollte, nicht weniger als drei unverhüllte Provokationen enthielt, die sich direkt gegen Seine Hoheit den Kommandanten richteten. Awdejew zögerte denn auch keinen Augenblick, in die Offensive zu gehen:

»Der Fürst?! Wir leben in einer Republik, bester Mann, haben Sie das nicht gewusst? Und in einer Republik gibt es weder Fürsten noch einen Hof, und ohne Hof gibt es auch keinen Hofmarschall. All das sind wir losgeworden!«

»Nun ja«, versuchte ich es erneut.

»Und noch eine Kleinigkeit: In einer Republik gibt es keinen Zaren. Man hat uns aufgetragen, auf einen gewissen Oberst aufzupassen, Oberst Nikolaj Romanow, und diese Aufgabe werden wir auch ohne Einmischung Ihres Freundes, des Hofmarschalls, voll und ganz erfüllen.«

»Wie Sie wollen«, erwiderte ich. »Könnte der Herr Kommandant mich in dem Fall über Herrn Wassilij Alexandrowitsch Dolgorukow aufklären?«

»Das war schon besser, Doktor, das war wirklich schon besser. Nein, ich kann Ihnen keine Auskünfte geben. Sind Sie eigentlich so sicher, dass es einen Mann mit diesem Namen gibt?«

»Nein.«

Ich verbeugte mich förmlich und zog mich zurück. Äußerst unangenehm berührt. Darauf ein möglichst kurzer Bericht bei Ihren Majestäten: »Keine neuen Auskünfte.«

»Wie ich mir dachte«, sagte die Zarin.

Der Zar rauchte eine Zigarette und blickte aus dem Fenster.

Haben Sie ihn freigelassen oder eingesperrt? Beides ist möglich. Doch über den Fürsten Dolgorukow lässt sich keine Antwort geben, es ist unmöglich, eine Antwort zu erhalten. Nur Fragen, die man unmöglich stellen kann.

Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass es mir nicht gelingen wird, alle Gedanken und alle Erinnerungen in den neuen Kalender zu übertragen. Der Verlust der Assoziationen wird unerträglich sein. Wir sind die Geiseln des Julianischen Kalenders. Wenn wir hier nur sitzen blieben, zwischen den Mauerwänden, hinter dem Zaun. Vergessen. Auch Nikolaj Alexandrowitsch hat sich von der Zeit abgekoppelt.

Es geschah am 19. März nach der alten Ordnung. Erst hatte er sich einer doppelten Tagebuchführung zugewandt, autoritätsgläubig, wie er nun mal ist. 47 Tage lang hielt der Zar den Kontakt mit der neuen Zeitrechnung aufrecht. Dann erhielten wir (ziemlich verspätet) die Meldung, das Bolschewikenregime habe die Friedensbedingungen der Deutschen in Brest-Litowsk akzeptiert. Das Reich befand sich in Auflösung, und das stolze Zarenwort »Kein Friede, solange ein feindlicher Soldat auf russischer Erde steht« hatte seine Bedeutung verloren. Die Kapitulation war eine Tatsache, das war noch das Wenigste; Russland hatte seine Ehre verloren, der Zar sein Wort, das war das Entscheidende.

Das Handeln Nikolaj Alexandrowitschs wurde weder durch die Macht noch durch den Thron bestimmt, sondern durch den Krieg, nicht durch die Existenz der Dynastie, sondern durch das Überleben des Vaterlandes, Russlands Erde. Erst als Kommissar Lenin Land abtrat (nicht weniger, wie ich glaube, als ein Drittel vom Territorium des Reichs), um sein eigenes Regime zu retten, hatte der Zar seine historische Rolle verloren. Die Abdankung war als heroische Tat gescheitert, als Strategie für eine Fortsetzung des Krieges. Von diesem Datum an gab »Oberst Romanow« seine parallele Zeitrechnung auf.

Er fuhr mit seiner Arbeit fort, Holz zu sägen, auch an jenem Tag in Tobolsk, als der 19. März nur noch der 19. März war. Er genoss diese Arbeit, schlanke Birkenstämme in annähernd gleich große Teile zu zersägen, meist stand Fürst Dolgorukow auf der anderen Seite des Sägebocks, eine mechanische Bewegung, keine individuelle Leistung; die schwarz gefleckten Holzklötze, die in den Schnee fielen, von denen jeder einzelne eine Garantie gegen den kommenden Frost war. Jetzt hatte er nur seine Zigaretten, solange man sie ihm lässt, ebenso lange, wie sich schlanke Birkenklötze halten, ebenso lange wie der Tagesanbruch.

Ich mag es nicht, Parallelen zur Französischen Revolution zu ziehen. Dazu war das Schicksal von Ludwig XVI. allzu grauenvoll, aber auch die französischen Aufrührer führten eine neue Zeitrechnung ein und schafften es so, die Vergänglichkeit der Revolution zu demonstrieren.

Der Tag, an dem der König abdankte, der 22. September 1792, wurde als Tag eins im Jahr eins verkündet – welch eine fabelhafte Egozentrik! Die neue Ordnung konnte natürlich nichts anderes mit sich bringen als Chaos und Anarchie, in der weltlichen Welt wie im kirchlichen Leben. Die Zeitrechnung währte 14 Jahre. Dann folgten die Napoleonischen Kriege, bis schließlich die Bourbonen wieder auf den Thron gesetzt wurden. Das eröffnet eine Perspektive, wirft ein Licht weit in das undurchsichtige Gestrüpp künftiger Daten.

Es ist eine Frage von Zeit. Aber Fürst Dolgorukow wird wohl nie zurückkehren, weder zum Gregorianischen noch zum Julianischen Kalender.

25. April

Plusgrade, starker Wind, Sonne, Schneefall mitten am Tag.

Als wir uns abends zu Tisch setzten und versuchten, das Essen in uns hineinzukauen (gekochtes Fleisch), hörten wir von unten Geschrei und schnelle Schritte auf der Küchentreppe (die zu der Anrichte zwischen Speisezimmer und Küche führt), und plötzlich stand Ukraintsew in der Tür. Er hatte einen Zettel in der Hand.

»Telegramm aus Tobolsk«, sagte er. »Von meiner lieben Prinzessin!«

Er überreichte das Papier dem sichtlich bewegten Zaren, der es einmal für sich las und dann laut: »Alles wohlauf. Der Kleine schon im Garten. Olga.« (Ungefähr so.) Ein Seufzer der Erleichterung. Ukraintsew grinst.

Sowohl der Zar als auch die Zarin dankten dem Chef der Wache, der bedauernd erklärte, er müsse sich gleich wieder in das Souterrain zurückziehen.

»Bald werden wir sie hier haben«, konnte er sich nicht verkneifen zu sagen, während er sichtlich vergnügt die Treppe hinunter verschwand.

Ich war der Einzige, der sich das Wort gemerkt hatte: Er sagte nicht »alle vier«, er sagte nur »sie«. Olga.

»Alles wohlauf« war das Wichtigste. Das schloss alle ein, die Großfürstinnen, meine eigenen Kinder. »Der Kleine schon im Garten.« Also ist der Zarewitsch auf dem Weg der Besserung. Die Abreise rückt näher.

Erst muss das Eis verschwinden, damit es möglich wird, den Fluss zu befahren. Den Thronerben in einen Bauernkarren zu verfrachten, wie man das Zarenpaar transportiert hatte, würde ihm schon nach ein paar Kilometern den Tod bringen. Ich beneide Dr. Derewenko nicht um seine gegenwärtige Verantwortung, nicht die für die Zukunft Russlands, sondern die für das Leben des Kindes. Wer hätte geglaubt, dass Alexej Nikolajewitsch einmal das Zarentum überleben, dass der Erbe das Erbe überleben würde?

Niemals zuvor ist der Zarewitsch ohne seine beiden Eltern gewesen. Die Töchter auch nicht. Die chaotische Reise macht mir wegen der Großfürstinnen mehr Angst als wegen »des Kleinen«.

Möge ihre Schönheit sie beschützen.

Ich befürchte das Gegenteil.

Alexandra Fjodorowna hat den ganzen Tag Kopfschmerzen gehabt. Zum Mittagessen brachte Sednjew ihr Makkaroni mit Brot und Butter ins Zimmer. Um sich nicht mit Stickereien oder anderer Handarbeit anzustrengen, ruht sie mit geschlossenen Augen auf dem Bett. Dennoch schafft sie es nicht, den Schmerz zu besiegen. Er liegt auf der Innenseite der Augenlider. In den Fensterrahmen hat sie ein Hakenkreuz geritzt, das gleiche Symbol, mit dem Großfürstin Tatjana den Umschlag ihres Tagebuchs bestickt hat. Es soll wohl Glück bringen.

Nikolaj Alexandrowitsch hat Kontakt aufgenommen, nicht mit Ukraintsew, dem »Freund der Familie«, sondern mit mehreren der Wachen. Er fühlt sich unter Männern in Uniform automatisch zu Hause, und ein schäbiger Soldat ist ihm lieber als ein geschniegelter Zivilist. Mag die Zeit auch vorbei sein, in der er noch glaubte, die Soldaten gehorchten Befehlen aus Überzeugung, dass sich in der militärischen Hierarchie die Liebe zum Zaren widerspiegelte. Dennoch fühlt er sich unter Uniformen immer noch am geborgensten. Dem Zivilstaat haftete in seinen Augen immer der Keim von etwas Unvorhersehbarem an, etwas Demokratisches.

Seine glücklichsten Monate (seit der Verlobungszeit) erlebte Nikolaj Alexandrowitsch, wie ich glaube, als der blutige Krieg am heftigsten tobte. Da hatte er den Thronfolger in relativer Gesundheit bei sich, und im Hauptquartier teilten sie ein Zimmer. Am Tage folgte ihm der Sohn wie die Miniaturausgabe eines Adjutanten. Alexej Nikolajewitsch hatte im Herbst 1915 und im Frühjahr 1916 gute Perioden. Jeder konnte sehen, dass der Zar einen Nachfolger hatte. Einen Jungen, der gehen und sprechen, eine Uniform tragen und wie ein ordentlicher Soldat grüßen konnte (die Haltung war untadelig). Kein Krieg konnte den Zaren brechen, solange der Sohn an seiner Seite im Feldbett schlief. Kein Blutverlust an der Front konnte die Geduldsgrenze des Herrschers übersteigen, solange der Thronfolger nur gesund war.

Was dachten die Soldaten, wenn der Zar sie mit einem Elfjährigen an seiner Seite musterte? Stärkte sie der Gedanke an die Aufrechterhaltung der Dynastie, daran, dass das Zarenhaus Bestand haben würde, selbst wenn sie fielen? Oder wurden sie in ihrer Todesbereitschaft geschwächt beim Anblick von etwas, das sie verdrängt hatten, beim Gedanken an ihre eigenen Kinder, an Töchter, die sie nie wiedersehen würden, an Söhne, die ihre Bürden als Versorger übernehmen mussten, ihren Platz hinterm Pflug auf den Feldern? Vielleicht fragten sie sich: Was hat ein Kind hier draußen an der Front zu suchen? Ist dieser unwirkliche Anblick vielleicht doch nur ein Spiel?

Für den Zarewitsch war es eine Reise in die Ursprünge der Selbstherrschaft. Er konnte in einer Welt aus Zinnsoldaten herummarschieren, in der die Waffen neu waren, während alles andere sich so bewegte, wie es Ururgroßvater Nikolaj I. einmal bestimmt hatte. Als die Inspektion zu Ende gebracht und die Abteilungen in den Krieg gezogen waren, konnte Alexej Nikolajewitsch wieder zu dem neutralen Schweizer M. Gilliard und den anderen zivilen Lehrern im Hauptquartier hinübergehen. Bevor der Zar und der Thronfolger sich für die Nacht in ihren Feldbetten niederlegten, standen die Spezialisten Doktor Derewenko und Professor Fjodorow bereit, um sich zu vergewissern, dass nach den Strapazen des Tages alle Blutgefäße noch intakt waren.

Es war ein Spiel. Und der Zar glaubte, es würde von Dauer sein. Das Zarentum hat immer auf dem russischen Bauern geruht, ob nun mit oder ohne Uniform. Ein Fundament, ebenso beständig wie die Straßen im Frühjahr in einem sibirischen Dorf. Eine russische Nation hat es nie gegeben, nur eine slawische Ordnung, die zwischen Oberhaupt und Untertanen unterschied. Das Zarentum war das einzige strukturierende Prinzip dieses Volkes. Den Zar zu entfernen ist so, als würde man auf den russischen Steppen den Schnee schmelzen lassen. Dann gibt es keine Möglichkeit mehr voranzukommen, weder mit Wagen noch Schlitten, alles fährt sich fest, und andere Verbindungsmöglichkeiten gibt es nicht.

Die Propagandabilder von Vater und Sohn an der Front ließen zwangsläufig an die vielen Bilder von Zar Nikolaj und Nikolaj Nikolajewitsch aus den ersten Jahren des Krieges denken, als der alte Großfürst der oberste Kriegsherr war. Neben seinem zwei Meter großen Verwandten sah der Zar aus wie ein Kind. Erschreckend waren die unmittelbaren Eindrücke der Bilder. Sie enthielten eine Wahrheit. Die gesamte Autorität war in der Gestalt des weißbärtigen Hünen verkörpert. Er war ein absoluter Monarch, und in diesem Mann erhielt das System seine Glaubwürdigkeit. Nikolaj Alexandrowitsch war zwar gut gewachsen, doch offenbarte sich im Schatten des kolossalen Vetters seines Vaters seine richtige Dimension. Dass dies so deutlich sichtbar war, machte Alexandra Fjodorowna rasend und führte zu mehreren ernsten Ausbrüchen von Hysterie, danach zum Sturz des obersten Befehlshabers und zur Beförderung des »Kindes«.

Das Geschlecht der Romanows hat viele Hünen hervorgebracht. Ich habe selbst bemerkt (bevor meine Kilos schwanden), wie ein großer Körper Autorität verleiht. Entscheidend ist aber nicht die Größe des Körpers, sondern die Stärke des Willens. Der Wille zu herrschen muss aus Körperhaltung und Gesichtszügen des Autokraten sprechen. Nikolaj Alexandrowitsch ist schon beim ersten Blick entlarvt. Der Körper nimmt zwar die vorgeschriebene militärische Haltung ein, doch wirkt sie einstudiert, wie bei einem beliebigen Pagenkorps. Das Gesicht drückt keine Tatkraft aus. Ihn umgibt eine Aura von Ruhe. Die Augen sind von tiefblauer Schönheit. Er kann Sympathie und Liebe wecken, wie man sie für eine Frau oder ein Kind empfindet. Der Zar wirkte auf die Menschen alles andere als furchteinflößend. Das war das Erschreckende.

Der Zarewitsch steht im Begriff, das Herrschertemperament zu entwickeln. Das hat er von der Mutter, das und die Krankheit. Ihn prägt das Leiden, angefangen bei den unerträglichen Schmerzen, dem Verbot jeglicher Bewegung, der Isolation im Krankenbett, dem Gefühl, anders zu sein, bedeutend zu sein. Muss der Selbstherrscher eine ähnlich ungewöhnliche Kindheit und Jugend durchleben, um ein Weltbild zu formen, ein Selbstverständnis als Alleinherrscher? Kann er nur so zum Herrscher werden, entweder als Menschenfreund oder als Despot?

Die Antworten liegen in Alexandra Fjodorownas Psychologie verborgen, hinter den Augenlidern der Zarin, begraben im Herzen meiner Patientin. Ich habe ihr die Diagnose gestellt, ein vergrößertes Herz, ein gesprengtes Organ, das lähmend auf die übrigen Funktionen des Körpers wirkt. Überdies: Hysterie und Kopfschmerzen. Niemand kann sie länger gegen das abschirmen, was sie genötigt ist zu sehen.

Heute ist das Erbe seiner kaiserlichen Gewänder entkleidet. Die Nachkommen stehen wieder mit ihren körperlichen und psychischen Eigenheiten da, mit Krankheit und Gesundheit, Intelligenz und Schönheit. Als Erstgeborene wurde Olga Nikolajewna zur Trägerin der glänzenden Augen ihres Vaters, der unsterblichen Juwelen in dieser dynastischen Konkursmasse.

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