Kitabı oku: «Der Leibarzt des Zaren»
Tor Bomann-Larsen
Der Leibarzt des Zaren
Roman
Aus dem Norwegischen von Hans-Joachim Maass
Saga
Ebook-Kolophon
Tor Bomann-Larsen: Der Leibarzt des Zaren. Aus dem Norwegischen von Hans-Joachim Maass. © 2009 Tor Bomann-Larsen. Originaltitel: Livlegen. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2016 All rights reserved.
ISBN: 9788711448854
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
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Für Hilde
Vorwort
Kommandant Jurowskij fand die Pulsader des Zaren und stellte fest, dass der Tod eingetreten war. Es war kurz nach halb zwei in der Nacht zum 17. Juli 1918 (nach der alten russischen Zeitrechnung war es der 4. Juli).
Es war einfach gewesen zu schießen, aber schwierig zu töten.
Russlands letzter Zar, Nikolaj II., war zusammen mit seiner Familie und vier weiteren Personen eine halbe Stunde zuvor in den Keller des Ipatjew-Hauses geführt worden. Es lag in Jekaterinburg unmittelbar östlich des Ural-Gebirges. Man führte sie in einen kahlen Raum von 4 × 4,5 Meter mit einem ovalen Gitterfenster und gewölbter Decke. Für den Zaren wurde ein Stuhl geholt, ebenso einer für die Zarin und einer für den Thronfolger. Die übrigen verteilten sich hinter ihnen mit dem Rücken zur Wand wie bei einem Gruppenfoto.
Draußen sprang der Motor eines Lastwagens an.
Der Kommandant öffnete eine Tür, worauf eine Abteilung Gardesoldaten eintrat, die ihre Waffen diskret auf dem Rücken hielten. Der Kommandant verlas eine Erklärung des Exekutivkomitees des Ural-Sowjets, die in aller Kürze verkündete, der Augenblick sei gekommen, in dem die Anwesenden erschossen werden sollten.
Der Zar fragte:
»Wie bitte?«
Die Zarin bekreuzigte sich. Es fielen Schüsse. Ohrenbetäubender Lärm füllte den Raum, bis die Magazine geleert waren, doch die Schreie verstummten nicht.
Später, als man die Leichen entkleidete, stellte sich heraus, dass die Töchter des Zaren spezialgenähte, mit Edelsteinen gefütterte Korsetts trugen; die Edelsteine saßen so dicht, dass die Kugeln von ihnen abprallten und sogar die Bajonette Mühe hatten, den Stoff zu durchdringen. Bei sechs der Opfer fanden die Gardisten das Medaillon mit dem Porträt eines Mannes, den alle erkannten – Gregorij Rasputin. Weder die Edelsteine noch das Medaillon konnten ihr Leben retten, sondern verlängerten nur ihre Leiden.
20 Minuten nachdem die ersten Schüsse abgefeuert waren, lagen elf Leichen unter der Persenning auf der Ladefläche. Die Toten waren Zar Nikolaj, seine Gemahlin Alexandra, der kaum vierzehnjährige Thronfolger und seine vier älteren Schwestern sowie eine Dienerin und zwei Diener. Das elfte Opfer war der Leibarzt des Zaren, Doktor Botkin.
Jewgenij Sergejewitsch Botkin wurde 1865 als dritter Sohn von Professor Sergej Petrowitsch Botkin (1832–1889) geboren. Der Vater stand als Leibarzt in Diensten sowohl von Alexander II. als auch Alexander III. Der Sohn Jewgenij erhielt seine Ausbildung in St. Petersburg und an den Universitäten von Berlin und Heidelberg. Nach einer Tätigkeit als Oberarzt in einem Krankenhaus St. Petersburgs und als Mitarbeiter bei Sanitätsoperationen des Roten Kreuzes während des Krieges gegen Japan wurde er 1908 zum Leibarzt Nikolajs II. im Rang eines Generals ernannt. Dabei behielt er sein Engagement außerhalb des Hofs bei, unter anderem als Dozent an der Medizinischen Akademie.
Jewgenij Botkin bekam mit seiner Ehefrau Olga vier Kinder: Dimitrij (Mima), Jurij, Tatjana und Gleb, die in den Jahren 1894 bis 1900 geboren wurden. Zehn Jahre nachdem Botkin bei der Zarenfamilie seinen Dienst angetreten hatte, ging die Ehe in die Brüche. Die beiden jüngsten Kinder haben nach der Flucht aus Russland ihre Erinnerungen herausgegeben.
Doktor Botkin lehnte es ab, sich mit dem großen Günstling des Hofs zu befassen, dem Wundertäter Gregorij Rasputin (1869–1916), was ihn in einen gewissen Gegensatz zu Zarin Alexandra brachte. In einem Brief an den Zaren, datiert vom 30. August 1915, schreibt sie: »Ich habe Botkin eine Menge erzählt, um ihm die Dinge klarzumachen, da er sich nicht immer so verhält, wie ich es mir wünschen würde ...«
Alexandra Fjodorowna war eine geborene Prinzessin von Hessen, wuchs jedoch nach dem frühen Tod der Mutter bei ihrer Großmutter auf, Königin Viktoria von England. 1894 ging sie im Alter von 22 Jahren nach Russland, wo sie den orthodoxen Glauben annahm und den jungen Herrscher des Landes heiratete, Nikolaj II. Das Ehepaar bekam insgesamt fünf Kinder, die im Alexanderpalast des »Zarendorfs« Zarskoje Selo in der Nähe von St. Petersburg aufwuchsen. Außerhalb der Parkanlage des Palasts wohnte der Leibarzt mit seiner Familie.
»Seitdem die Hofverpflichtungen den größten Teil der Tage mit Beschlag belegten, war er gezwungen, seine persönliche Arbeit nachts zu erledigen«, schreibt Gleb Botkin von seinem Vater. »Er ging nie vor vier oder fünf Uhr morgens schlafen, um dann um acht Uhr wieder aufzustehen.«
Der Leibarzt hielt seine nächtlichen Gewohnheiten auch nach der Deportation nach Jekaterinburg aufrecht. In ihren Erinnerungen hat die Tochter einen Brief wiedergegeben, den sie von der Tochter des Zaren erhielt, der Großfürstin Olga: »Ihr Vater verbringt einen Teil seiner Nächte damit, zu schreiben. Einmal soll er sogar in der Badewanne eingeschlafen sein!«
Der Mord an Nikolaj II. und seinen engsten Angehörigen gehörte zu einer Reihe geheim gehaltener Aktionen, die von den Bolschewiken in Moskau gesteuert wurden, wobei Mitglieder des Zarenhauses ohne gesetzliches Verfahren hingerichtet wurden.
Die Dynastie der Romanows hatte 1913 ihr 300-jähriges Jubiläum als Russlands regierendes Fürstenhaus gefeiert. Die letzten Herrscher (nach Katharina der Großen) waren:
Paul I. (1796–1801)
Alexander I. (1801–1825)
Nikolaj I. (1825–1855)
Alexander II. (1855–1881)
Alexander III. (1881–1894)
Nikolaj II. (1894–1917)
Das Massaker in Jekaterinburg zog nicht nur einen Schlussstrich unter ein altes Regime; vielmehr sollte sich das Gewölbe in Ipatjews Keller als Ausgangspunkt politischer Lösungen einer neuen Zeit erweisen.
Die wichtigsten Quellen, die das Ende der Dynastie beleuchten, sind die eigenen Briefe und Tagebücher von Zar und Zarin. Mehrere Menschen in ihrer Umgebung haben ebenfalls ihre Erinnerungen geschrieben, unter anderem: Großfürst Alexander Michailowitsch, Großfürstin Maria Pawlowna, Fürst Roman Romanow, Fürst Felix Jusupow, die Hauslehrer Pierre Gilliard und Sidney Gibbs, die Hofdamen Anna Wyrubowa und Baronin Sophie Buxhoeveden, der Hofmarschall Paul Graf Benckendorff und der Befehlshaber der Leibgarde, Alexander Graf Grabbe. Überdies sind uns Beschreibungen von Minister Alexander Kerenskij, dem Botschafter Maurice Paléologue, dem Dichter Alexander Blok, dem Journalisten Robert Wilton und der Fürstin Catherine Radziwill überliefert. In den letzten Jahren und ganz besonders nach der Öffnung der Archive in Russland sind eine lange Reihe geschichtlicher Bücher veröffentlicht worden, Biografien und Dokumentensammlungen, die den Sturz des Zarentums erhellen. Diese Werke stammen sowohl von russischen als auch westlichen Schriftstellern und Historikern.
Doktor Botkins Tagebuch ist nie gefunden worden.
April 1918
Jekaterinburg, den 17. April
»Zeigt uns den Blutigen!«
Es war unmöglich, die Worte nicht zu hören.
Seine Majestät hatte mit ruhigen Bewegungen das Etui hervorgeholt und eine Zigarette angezündet, als gingen ihn die Rufe von draußen nichts an. Die Zarin saß mit zusammengekniffenem Mund bewegungslos da. Die graublauen Augen von Großfürstin Maria waren weit aufgerissen. Nur Fürst Dolgorukow besaß die Geistesgegenwart, die Stille zu brechen:
»Warum halten wir in Jekaterinburg? Warum geht es nicht weiter?«
»Woher wissen sie, dass wir es sind?«, ließ sich die Zarin vernehmen. »Die Vorhänge sind ja zugezogen.«
Ich spürte plötzlich ein Bedürfnis nach frischer Luft, stand auf und blickte hinaus. Am Ende des Waggons war die Tür geöffnet. Ohne eine Erklärung abzugeben, verließ ich das kaiserliche Abteil und schlängelte mich an den Wachen vorbei zum Ausgang. Die Rufe wurden noch deutlicher. Auf der Plattform zum nächsten Wagen war ein Maschinengewehr postiert. Ein Unteroffizier gab mir durch ein Zeichen zu verstehen, dass ich mich nicht in der Tür zeigen dürfe. Ein Seitenblick vermittelte mir gleichwohl ein Bild von der Situation.
Zwischen uns und dem Bahnsteig, auf dem sich eine große und aufgehetzte Volksmenge versammelt hatte, lagen zwei Gleispaare. Die Menschen wurden von einer Reihe von Gardesoldaten zurückgehalten, die zu unserer Besatzung gehörten. Die Volksmenge blockierte nicht nur den Zugang zum Bahnhofsgebäude, sondern konnte in jedem Moment die Wachen zur Seite drängen und über die Bahnsteigkante hinwegquellen, um auf den Zug zuzustürmen. Weder der Anblick der Maschinengewehrposten noch der des Kommandanten vermochte die Gemüter zu beruhigen.
Mit einem Mal durchschnitt ein schrilles Pfeifsignal die Luft. Alle richteten ihre Aufmerksamkeit sofort zur Seite, wo zwischen uns und dem Bahnsteig ein Güterzug herangedampft kam. Die Menge ließ sich instinktiv zurückdrängen. Die Reihe von Güterwagen hielt an und blieb zwischen uns und dem Bahnsteig wie eine Mauer stehen. Ich begab mich eilig ins Abteil zurück. In dem Moment, in dem ich die Tür öffnete, machte der Waggon einen Ruck, und unser Zug, der die ganze Zeit über unter Dampf gestanden hatte, begann sich zu bewegen. Gleichzeitig nahm das Gedränge im Korridor zu, als die Gardesoldaten einen übereilten Rückzug antraten. Erst jetzt begriff ich, dass es sich nicht um einen Güterzug handelte, der zufällig im richtigen Augenblick in der Bergbaustadt Jekaterinburg angekommen war, sondern um ein taktisches Manöver, das auf Befehl von Kommandant Jakowlew inszeniert worden war.
»Das war knapp«, entfuhr es mir, als ich mich in dem dunklen Abteil auf den Sitz sinken ließ. Der Zar setzte eine fragende Miene auf, doch Fürst Dolgorukow kam ihm zuvor:
»Dann verlassen wir Jekaterinburg also.«
Ihre Majestät atmete schwer.
»Es ist der Telegraf«, sagte sie. »Sie telegrafieren von Station zu Station und hetzen den Pöbel auf, wohin wir auch kommen.«
Großfürstin Maria sah die Mutter mit Entsetzen an.
Das Wort Moskau lag mir schon auf der Zunge, als der Fürst eine Hand hob, um darauf aufmerksam zu machen, dass der Zug schon langsamer wurde. Kurz darauf hielt er ganz. Ich steckte den Kopf aus dem Abteil und erfuhr, dass wir auf einem Güterbahnhof am Rande der Stadt standen.
»Einem Güterbahnhof?«, fragte die Zarin, und ich hatte das Gefühl, tief zu erröten.
»So viel Gepäck haben wir doch gar nicht?«, fragte Seine Majestät.
»Nein, wo sollten wir mit dem Gepäck auch hin«, sagte der Fürst. »Schließlich reisen wir mit 160 Rotgardisten durch die Gegend.« Er überspielte die Ironie mit seinem traurigen schiefen Lächeln.
Die Äußerung hatte die beabsichtigte Wirkung. (Fürst Dolgorukow ist ein sehr erfahrener Hofmann.) Die Zarin gab dem Gedanken an die Rotgardisten den Vorzug vor den Stichwörtern »Güterbahnhof« und »Gepäck«. Es ging um mehr als eine Bahnfahrt zwischen den Provinzstädten Tobolsk und Jekaterinburg. Die Gardesoldaten waren nicht nur unsere Gefangenenwärter, denn sie garantierten nicht nur unsere Sicherheit, sondern auch unsere Bedeutung.
Gleichwohl brachte niemand den Mut auf, die Hauptstadt beim Namen zu nennen. Vor uns lagen die Berge des Ural, und auf der anderen Seite waren es immer noch mehrere Tagesreisen bis zum Zentrum der Macht.
Es verging eine Stunde, vielleicht waren es auch zwei, bevor man uns befahl, den Zug zu verlassen. Offenbar war zwischen unserem Kommandanten Jakowlew und den örtlichen Kommissaren des Ural-Sowjets eine Abmachung getroffen worden. Auf dem Güterbahnhof wimmelte es von bewaffneten Gardisten und mehreren Würdenträgern der neuen Zeit. Überdies waren kein Hund zu sehen und keine Beschimpfungen zu hören.
Man holte uns der Reihe nach ab, erst das Zarenpaar und die Tochter, Großfürstin Maria, in einem offenen Automobil, das von einem mit Maschinengewehren und bewaffneten Gardesoldaten vollgestopften Lastwagen eskortiert wurde. Zwanzig Minuten später wurde ich zusammen mit dem Fürsten und unseren drei Dienern in einen geschlossenen Wagen gedrängt. Wir erhaschten ab und zu einen Blick auf die Stadt, jedenfalls genug, um zu sehen, dass Jekaterinburg bedeutend größer ist als Tobolsk. Es hat mehr hohe Gebäude und recht starken Verkehr auf den Straßen. Schließlich kämpfte sich der Wagen röchelnd einen langen Berg hinauf. Wir hielten auf der Hügelkuppe. Es roch nach Harz und frischem Baumsaft. Man hätte meinen können, man hätte uns in einem Wäldchen hinausgelassen.
Vor uns stand eine dichte, grob behauene Palisade aus schlanken, frisch ausgeästeten Baumstämmen von etwa vier Meter Höhe. Dahinter überragten weiße Dachgesimse und ovale Bodenfenster ein niedriges, gemauertes Haus.
Hierher sollte man uns bringen.
Man führte uns zum Eingang, wo jeder von uns den Passierschein vorzeigen musste, den wir von den Kommissaren in Tobolsk erhalten hatten. Als Arzt wurde ich schnell durchgelassen, Fürst Dolgorukow hielt man dagegen zurück, obwohl die Papiere zeigten, dass er der Hofmarschall des Zaren war.
Oder vielleicht gerade deshalb?
Es ist Mitternacht. Wir lassen den Dienstag nach Palmsonntag hinter uns, den Tag, an dem Nikolaj II. in Jekaterinburg Einzug hielt. Endlich Ruhe nach mehreren Tagen unterwegs, jedoch ohne unseren wirklichen Bestimmungsort zu kennen.
Ich habe zur Feder gegriffen. Vielleicht kann das Schreiben auf dem weiteren Weg als Hilfe und Stütze dienen, als Anhaltspunkt für Daten und Orte, jetzt, wo ich nicht einmal mehr den Fürsten Dolgorukow zum Gedankenaustausch habe.
Diese Entscheidung traf ich, als mir die Bedeutung des Tages aufging, nicht die offenkundige, aber die dahinterliegende. Nicht einmal der Zar erinnerte sich am 17. April daran, dass wir unser neues Gefängnis am 100. Geburtstag des Zaren betraten, den man den Befreier nennt.
Niemand erinnerte sich an den Geburtstag Alexanders II.
An seinen Todestag erinnert sich jeder.
18. April
Der Tag ist das Licht zwischen zwei Nächten.
Dreizehn Tage trennen uns von unseren Bewachern. Sie bewegen sich im Takt mit dem gregorianischen Kalender, wir folgen dem Bindeglied zu der alten Zeit, zu der julianischen Ordnung. Wir befinden uns in der Karwoche, in einem Ritual, das unsere Bewacher längst hinter sich gelassen haben. Den Kalender aufgeben heißt Gott abschreiben.
Ich liege im Salon, einem großen Zimmer mitten im Haus mit zwei Türen, von denen jede zu einem eigenen Universum führt. Das Feldbett steht nur einen Meter von der Doppeltür zum Gang entfernt, von dem eine Tür zur Eingangshalle mit einer Treppe zum Souterrain und eine weitere zum Wachbüro des Kommandanten führt. Auf der anderen Seite liegt das Esszimmer. Hinter diesem düsteren Raum, in dem wir alle unsere Mahlzeiten einnehmen sollen, befinden sich drei helle Schlafzimmer, die für die Zarenfamilie gedacht sind.
Die Lampe habe ich auf einen kleinen Tisch zwischen der Eingangstür und dem Kopfende gestellt. Das Licht fällt direkt auf das Kopfkissen. Von der anderen Seite der Wand höre ich das Rumoren des Kommandanten und von Gardesoldaten, die im Büro ein und aus gehen.
Gegen das Kissen vor dem Eisengitter gelehnt, habe ich Aussicht auf vier hohe Fenster mit schweren Gardinen. Ein Teil des Salons mündet in eine Nische, typisch für die moskowitische Architektur des Hauses, bei der Tapetenornamente und Stuckatur in dunkleren, goldeneren Farbtönen gehalten sind. Direkt in der Wölbung steht ein schwerer Schreibtisch. Von dort habe ich die Lampe geholt.
Was das Leselicht angeht, habe ich beschlossen, auf meine zwei Zimmergenossen keine Rücksicht zu nehmen. Beide haben ihre Betten an der innersten Wand im Zimmer platziert, hinter der Tür zum Esszimmer. Es sind die alternden Kammerdiener des Zaren, die unentbehrlichen Tschemodurow und Iwan Sednjew, der ursprünglich Matrose an Bord des Zarenschiffs Standart war, der aber als Diener der Töchter Seiner Majestät nach Sibirien mitgekommen ist. Das Kammermädchen der Zarin, Anna Demidowa (Njuta), hat sich im Esszimmer schlafen gelegt. Das Zarenpaar hat zusammen mit der Tochter, Großfürstin Maria, das helle Eckzimmer eingenommen. Während mich nur eine tapezierte Wand von dem bolschewistischen Kommandanten trennt, liegt zwischen mir und dem Zarenpaar ein großer offener Raum.
So wurden wir gestern bei unserer Ankunft einquartiert, drei Mitglieder der Zarenfamilie, drei Diener und ich, der siebente, die allein das Gefolge bilden, den Hofstaat des Zaren. So begaben wir uns schon am ersten Abend zur Ruhe. Weit weg von unseren Angehörigen in Tobolsk und noch weiter entfernt vom Zentrum der Macht in Moskau.
Wir wurden von Hornbläsern geweckt. Seine Majestät war früh auf den Beinen. Die Töne von Trommeln und Blechbläsern schienen ihn zu beleben. Es waren jedoch keine Zarenmärsche. Der Musik folgte ein grober, unartikulierter Gesang, und als die Meute vor dem Palisadenzaun vorbeizog, wurden sogar die Trompeten von unangenehmen Rufen übertönt, vorzugsweise von fantasievollen Formulierungen, die dem Hass auf die Zarin entsprungen waren, Schmähungen, die nur die Dienerschaft und ich selbst verstehen konnten. In den graublauen Augen der Fürstin Maria erkannte ich das Wort vom Bahnsteig wieder, »den Blutigen«, und ertappte mich dabei, dass ich Fürst Dolgorukows Replik vermisste. Als das Orchester etwas intonierte, worin wir die französische Nationalhymne wiedererkannten, das Revolutionslied, kam mir der Einfall, uns dreizehn Tage weiter zu zählen. Nach der neuen Zeitrechnung war es der 1. Mai.
Niemandem fiel es leicht, die Feiern des Vorjahrs zu verdrängen, als ein ähnlicher Aufzug lärmend vor dem Gitterzaun vor dem Alexanderpalais in Zarskoje Selo vorüberzogen war. Selbst wenn uns in diesem Jahr der Anblick der Fahnen und der Menschenmasse erspart blieb, waren die Laute und Rufe erheblich näher gekommen. Es sind vier oder fünf Meter zwischen dem Haus und der Palisade, doch zum Glück waren die Fenster geschlossen. Überdies blieb uns der Trauermarsch erspart. Wir möchten lieber die »Marseillaise« hören oder auch die »Internationale«, selbst in ihren schauerlich russifizierten Versionen, als Chopins Trauermarsch. Dieser hatte vergangenes Jahr zu Ostern durch das Alexanderpalais gedröhnt, als man aus dem Begräbnis der »Opfer der Revolution« vor den Schlossfenstern eine große Angelegenheit machte. Die Prozessionen wiederholten sich so oft, dass am Ende die gesamte Zarenfamilie und der halbe Hof Chopin vor sich hinpfiff. Auch in Tobolsk blieben uns Volksparaden vor der »Zarenresidenz« nicht erspart.
Dies ist unser drittes Gefängnis. Das Imperium schrumpft.
Mein ältester Sohn Mima wurde nie gefunden. Nur der leere Sattel, ein Koffer und ein Datum, der 3. Dezember 1914, kehrten von der Front zurück. Der Zar überreichte mir stellvertretend für meinen Sohn das St. Georgskreuz für erwiesene Tapferkeit. Ein blankes Kreuz, ein leuchtendes Kreuz, aber keine Brust mehr, an die man es heften konnte.
Erst als der Zug aus Zarskoje hinausrollte, stieg ich in den Sattel. Ich saß noch fünf Tage später im Sattel, nachdem wir die Reise von Tobolsk angetreten hatten. Nur wenn ich dem Zaren folgte, nur wenn ich meine überlebenden Kinder verließ, konnte ich als Vater Bedeutung bewahren. Als Seine Majestät den Thron aufgab, wurde ich auf eine neue Weise an ihn gebunden. Die Abdankung machte jede Ausrede ehrlos, und für denjenigen, der einen Sohn auf dem Schlachtfeld verloren hat, ist sie unmöglich. Wenn alle Normen sich in Auflösung befinden, bin ich gezwungen, an dem Begriff Ehre festzuhalten und ihn zumindest mit Anstand zu erfüllen. Sowohl um der Toten als der Überlebenden willen. Ich vermisse meine Kinder. Die beiden in Tobolsk, das dritte in Petrograd, am meisten jedoch den Erstgeborenen, der für immer nicht mehr da ist. Ihm stehe ich am nächsten.
Jeden Tag ein wenig näher.
In unserem Leben wurde dies der Tag der Revolution, der 13. April 1918. Die Umwälzung ereignete sich im Morgengrauen, als Kommandant Jakowlew unserem Gefolge aus gebrechlichen Bauernkarren den Marschbefehl erteilte. Die Bolschewiken hatten in Brest-Litowsk mit unseren deutschen Feinden das Friedensabkommen unterzeichnet, und damit hatte sich Russland aus dem Weltkrieg verabschiedet. Der Feldzug aus der Vergangenheit setzte sich in Bewegung.
Die Zarenfamilie wurde auseinandergerissen, die Töchter voneinander getrennt. Und ich sah meine eigene Tochter hinter einer Glasscheibe auf der anderen Straßenseite mit erhobener Hand dastehen. Ich schaffte es immerhin, mich vor ihr zu bekreuzigen (und vor Gleb, von dem ich wusste, dass er schlief), denn die Kolonne hatte Tobolsk verlassen, unseren Aufenthaltsort für acht lange Monate.
Bis dahin waren alle Entscheidungen selbstverständlich und schicksalsbestimmt gewesen. Die Privilegien hatten sich aufgelöst, die Leibwache war mit Gefangenenwärtern vertauscht worden, doch das Leben selbst hatte seinen Zusammenhang bewahrt. Unsere familiären Bande, unsere menschlichsten Bindungen waren immer noch unangetastet.
Als der Vormarsch hier in Jekaterinburg zum Stehen gekommen war, richteten sich alle Gedanken zurück nach Tobolsk, zu denen, die wir verlassen hatten, zu den Elternlosen, den Unbeschützten. Den größten Teil des Tages bin ich recht unbesorgt, was meine eigenen zwei Kinder betrifft. Sie befinden sich zum ersten Mal östlich des Ural, aber die Welt ist ihnen nicht unbekannt. Die Straße, die Stadt, ja, das ganze Land, in dem sie aufgewachsen sind, sind etwas anderes geworden, und gleichwohl befinden sie sich in der gleichen Menschenwelt aus Gut und Böse, in der sie immer gelebt haben. Die Kinder des Zaren hingegen haben niemals in dieser Welt aus Gegensätzen und Wahlmöglichkeiten gelebt. Sie sind unter dem allmächtigen Schutz des Zaren aufgewachsen, unter dem Gesetz der Dynastie, unter den allumfassenden Schwingen des Doppeladlers.
In Tobolsk haben der Zarewitsch Alexej und die drei verbliebenen Großfürstinnen immer noch einen Dienerstab und einen Hof von annähernd vierzig Personen um sich. Es sind nicht die Untertanen, sondern das Oberhaupt, das ihnen fehlt. Die Kinder des Zaren haben den Zaren verloren. Meine Gedanken gehen nicht zu dem Schwächsten, dem Jüngsten und Kranken, sie gehen vielmehr zu der Ältesten, die versuchen muss, die Lücke zu füllen und den Thron einzunehmen. Niemand ist so verlassen wie die Großfürstin Olga, die zweiundzwanzig Jahre alte Zarin von Tobolsk.
Die Nacht ist das Versteck der Seele.
Unsichtbar verlaufen die Fluchtlinien des Gedankens, entlang der nächtlichen Gleise. Zurück, immer zurück.