Kitabı oku: «Warum ich zum ›Ägypter‹ wurde»
Uli Keyl
WARUM ICH ZUM
›ÄGYPTER‹ WURDE
Die Geschichte meiner Einwanderung in das ›schönste Land der Welt‹
Hurghada – Rotes Meer – Ägypten
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
VORBEMERKUNG
Dr. Alaa al Aswani hat ein feines Buch geschrieben: »Ich wollt, ich wär’ Ägypter!«
Hinter dem ›launigen‹ Titel verbirgt sich allerdings eine ernsthafte Problematik, nämlich die des gegenwärtigen Ägypten – sehen wir von der allerneuesten politischen Entwicklung einmal ab. Mein Kollege Dr. Aswani gibt somit natürlich auch Denkanstösse bezüglich dieses Landes.
Die jüngste Entwicklung in Nordafrika aber zeigt, dass es jetzt nicht mehr nur um dieses Land geht, sondern um die Frage von Freiheit und alle damit zusammenhängenden Fragen schlechthin, zum Beispiel auch um die Frage der ›ERZIEHUNG‹!
Es bleibt nur zu hoffen, dass mit diesem Buch ebenfalls ›Denkanstösse‹ gegeben werden – denn ich, der ehemals deutsche Autor, bin ja inzwischen ›Ägypter‹, weil ich dieses Buch in Deutschland nie hätte schreiben können!
Aequalibus amicisque, qui noverint et discant.
Mihi, qui magis ipsi indulgeam.
Für meine Zeitgenossen und Freunde zur Erweiterung ihres Wissensstandes.
Für mich zum besseren Umgang mit mir selbst.
Der Autor bedauert, dass aufgrund der rechtlichen Bestimmungen die Fotografien seiner zahlreichen ägyptischen Freunde nicht mit abgedruckt werden konnten und alle Namen geändert oder abgekürzt wurden.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorbemerkung
Widmung
Geisum
Erste Ägyptenreise
Kairo
Luxor – Assuan – Abu Simbel
Erste Hurghada-Fahrt
Palm Beach Hotel
Die Eigentumswohnung
Der neue GETZ
Die ägyptische Ehefrau
Erfreuliches
Das Hochzeits-GOLD
Sharm el Sheikh
Der Islam
Menschen in Hurghada
Das »Rocky-Valley-Camp«
Kairo
Boot »OPERA«
Die Revolutionskrise
»Aida«
Der exzentrische Bruder
Kontrapunkt
WHY? – Ein sehr kurzes Kapitel
Resümee
Nachwort
GEISUM
Zum Frühlingsanfang beginne ich mit diesem, meinem zweiten Buch: Ich sitze an meinem ›Stamm-Strand‹ im hübschen Hotel ›GEISUM‹ in Hurghada-Dahar, das ich schon seit etwa fünfzehn Jahren kenne und mit dem mich daher entsprechend viele Erlebnisse verbinden.
Es ist ein herrlicher Tag – eine angenehme Brise mildert die bereits kräftige Sonnenhitze, es sind etwa 27 Grad im Schatten und ich habe schon meine erste ›Schworchel-Runde‹ über das Geisum-Riff absolviert. ›Schworcheln‹, weil ich mehr schwimme als schnorchle, um etwas anstrengende Bewegung und deren physiologischen Nutzen zu haben, also hyperventilierend aus dem Wasser steigen möchte! Auch brauche ich nicht mehr nur im Wasser zu schweben und die Fische zu bewundern, denn ich kenne (fast) alle Arten und nehme sie auch beim richtigen Schwimmen wahr!
Diesmal bin ich nach links geschwommen, nach Norden, bis zum großen Boot des angrenzenden ›Sandbeach‹-Hotels, hin und zurück – etwa 250 Meter. Viele alte Bekannte waren nach einem Kairo-Aufenthalt wieder unter Wasser zu ›begrüßen‹: Vor allem die schönen ›Papageien‹-Fische mit ihrem schmunzelnden Lächeln! Am meisten mag ich die türkis-blauen – der größte von ihnen misst fast 80 cm. Aber auch der ›Blaue Drückerfisch‹, dessen Flossen hinter der Körpermitte ansetzen und der sich vorwärts drückt und nicht zieht oder wedelt, das ›Einhorn‹ oder der ›Gelbgürtel‹ mit seiner wie sorgenvoll gerunzelten Stirn. Niedlich auch die Familie der ›Koffer-Fische‹, braungelb mit hellblauen Punkten: Ihr Körper gleicht einer kleinen altmodischen Arzttasche, aber natürlich mit Seiten- und Schwanzflossen. Der kleinste von ihnen war vor einem Jahr etwa so groß wie eine Streichholzschachtel!
Und so viele mehr. Wer es genauer wissen will, mag sich eine Bildtafel kaufen, die es hier überall gibt. Dazu gibt es riesige Schwärme von kleinen Sardinen – mehrere Tausend – von ›Barakudas‹ und Hunderte von Makrelen. Solch eine Riesen-Gruppe hatte mir doch vor Jahren tatsächlich einen kleinen Schrecken eingejagt, als sie – im Pulk und absolut synchron operierend – wie auf Kommando gleichzeitig ihre Mäuler aufrissen und auf mich zu schwammen. Zuvor sahen sie ganz friedlich aus, aber diese plötzlich überweiten Mäuler …!
Auch habe ich ein Wiedersehen mit dem kleinen ›Clownfisch‹ gefeiert, der in der Nähe der Badeleiter in Symbiose mit einer ›See-Anemone‹ lebt, unüblicherweise allein. Ihm habe ich mit meiner Hand vor Monaten einmal Stress beim ersten Kennenlernen gemacht: Die Anemone zog sich plötzlich in eine Korallen-Spalte zurück, und der kleine »NEMO« hatte den Mut, mich zu attackieren und versuchte, mir in den Finger zu beißen – allerliebst! Obwohl ich auch in diesem Moment zugegebenermaßen erschrocken war. Er tat das aber nur zweimal in den letzten fünf Monaten, auch heute nicht. Ich lass seine Anemone ja inzwischen auch in Ruhe!
Unser ›GEISUM‹-Riff ist leider nur noch ein Korallen-Friedhof, das heißt, die Korallen sind weitestgehend zerstört; aber da dies den schönen Fischen egal zu sein scheint, kommen sie hierher, weil sie trotzdem immer etwas zu fressen finden.
An den meisten großen Hotels hier in Hurghada haben die Betreiber tonnenweise Sand anschütten lassen, damit sich die Gäste wie an der Adria fühlen – wie langweilig! Ich aber lebe hier und eben nicht in Italien, was ich eine zeitlang einmal erwogen hatte, wegen der schönen Unterwasser-Welt im ROTEN MEER. Es gibt traumhafte Riffe, die man von hier per Boot oder – im Süden – mit dem Auto erreichen kann. Ich kenne längst noch nicht alle Tauchplätze, aber einen der schönsten der ganzen Welt gibt es in RAS MOHAMMED, an der südlichsten Spitze der Sinai-Halbinsel, inzwischen auch ein geschützter Nationalpark. Dort watete ich zuerst über eine Unterwasser-Wiese und erreichte dann den ›drop off‹, die Stelle, wo das Riff steil nach unten abfällt, an dieser Stelle beinahe 100 Meter senkrecht in die Tiefe! Der Anblick der vielen Korallenarten, wie der metergroßen ›Fächer-Korallen‹ und der unzähligen wimmelnden Fische, war atemberaubend und ließ bei mir überzeugtem Atheisten noch einmal den Glauben an einen Schöpfer-Gott aufblitzen – so beeindruckt war ich!
Von dieser Erinnerung zehre ich gern. Daneben gibt es aber auch noch zahlreiche kleinere Riffe, die entsprechend schön und in einer Boots- oder Tagestour erreichbar sind. Auch Tiefen von 10 bis 20 Metern können unter Wasser grandios sein!
Für ›alle Tage‹ aber reicht mir GEISUM mit diesem Riff und seinem gepflegten kleinen Garten, in den vor drei Jahren ein großer Swimmingpool in idealer Weise integriert wurde – ein großes Lob für den verantwortlichen Architekten! Der ›urige‹, typisch ägyptische Gärtner, der diesen Garten liebevoll pflegt, und der deutschsprechende Pächter des kleinen Ladens für Touristen, sind die Wahrzeichen des Hotels, ganz zu schweigen selbstverständlich von dem Besitzer, der allmorgendlich seine Zeitung liest und Wasserpfeife raucht. Mit ihm und mit dem Pächter, der einige Jahre in Hamburg gelebt hat, unterhalte ich mich beinahe täglich über die Weltpolitik – und zwar auf Deutsch, Englisch und Arabisch, soweit ich das vermag. In diesem Jahr gibt es bekanntlich wegen der ägyptischen Revolution und der Bewegung in der arabischen Welt viel zu kommentieren. Und jetzt noch diese Schweinerei mit Ghadafi!
Ab und zu sieht man hier sogar Delphine oder eine riesige Schildkröte, ganz seelenruhig, keine zehn Meter von der Anglerbrücke entfernt. Mein schönstes Erlebnis aber waren 28(!) Calamar-Tintenfische, die – fußgroß – im Abstand von zirka 30 cm in einer lang geschwungenen S-Linie zwei Meter unter mir im Wasser schwebten und mit ihren Seitenflossen ›wedelten‹: Einfach unvergesslich!
Über Wasser gibt es hier aber auch etwas ganz Besonderes, nämlich eine großartige Windschutz-Pergola aus Holz, zweigeschossig und mit hochklappbaren Fenstern für weniger stürmische Tage. Die Farbe ist freilich abgeblättert, aber gerade deswegen wirkt die ganze Anlage sehr ›nostalgisch‹: Ich fühle mich beinahe an den ›Lido di Venezia‹ im Film ›Tod in Venedig‹ erinnert.
Hier treffen sich Tag für Tag oder in wiederkehrendem Rhythmus jedes Jahr Menschen aus Tschechien, Russland und Polen, also aus Osteuropa, und Deutschland mit den diesen Ort bevorzugenden Einheimischen. Es gibt Sonne und Schatten und wer etwas Restauration bis hin zu opulenten Fischplatten wünscht, dem kann entsprochen werden – selbst an passablem ägyptischem Wein mangelt es hier nicht. Aber davon später mehr!
Gleich ist es Zeit für meine zweiten 250 Meter ›Schwimmen mit Maske und Schnorchel‹; das tut dem ehemaligen Sportlehrer gut, ist Stress abbauend und unterstützt meine aktuelle Phase des ›Abspeckens‹ (15 Kilo in zwei Monaten sind schon runter): Meine Gesundheit dankt es mir bereits und vielleicht schaffe ich es ja sogar, wieder in meinen Frack zu passen, der noch irgendwo in Bonn hängt; denn dann brauche ich mir keinen neuen zu leihen oder zu kaufen, wenn mich die Oper Kairo oder die hiesige regionale Regierung demnächst zu einem ›Lieder-Abend‹ verpflichtet.
Also: GEISUM kenne ich seit meinem ersten Besuch am Roten Meer, denn ich war mit drei Bekannten hierher gekommen; eine von uns kannte K., den erwähnten Besitzer des Hotels, der sogar auch einmal in Bonn war.
In seinem einfachen, aber wie gesagt, sehr schönem Hotel, gab es für uns Neues: Die Männer vom Zimmerservice formten aus Handtüchern bemerkenswerte Vogelgebilde, die uns auf den Betten erwarteten, und die Kellner im Restaurant dekorierten die Weinflaschen mit ›Kunstblumen‹ aus Silberpapier – die Ägypter lieben ihre Gäste!
Aber Hurghada und das Hotel GEISUM waren nicht meine erste Erfahrung in Ägypten; begonnen hatte alles mit einer ganz normalen Pauschalreise zur Jahreswende 1976/77, also vor über 30 Jahren!

Hotel Geisum: Blick auf Garten und Pool

Hotel Geisum: Pergola

Hotel Geisum: Strand

Autor vor dem Schnorcheln
ERSTE ÄGYPTENREISE
Kairo
Jetzt habe ich doch tatsächlich noch 100 Meter mehr geschworchelt – vielleicht weil das Wasser nach der Winter-Periode schon wieder fast 24 Grad warm ist: Bei Windstille erwärmt es sich binnen weniger Stunden, Klasse!
Aber ich will ja von meiner ersten Reise nach Ägypten erzählen. Ich war seit vier Jahren junger Oberstudienrat (Latein und Sport) in Köln Rodenkirchen, hatte die beiden ersten, sehr anstrengenden Jahre im ›full job‹ sowie ein Zusatzstudium Italienisch mit Abschluss an der Uni Bonn hinter mir und wollte mich dafür ein bisschen ›belohnen‹.
Italien kannte ich von vielen Reisen ja gut, also mal etwas Neues: Ägypten, wo sogar zur Weihnachtszeit gebadet werden konnte: Aber ich buchte gar keinen Badeurlaub, nein, als althistorisch Interessierter wollte ich eine klassische Ägypten-Reise machen. Kairo, Luxor, Assuan und mehr. Kairo, die größte Stadt Afrikas mit Weltstadt-Flair, haute uns alle, die wir diese Fahrt gemeinsam machten, schlechtweg um. Zunächst klappte indes unsere Hotel-Unterbringung nicht und wir endeten nachts gegen zwei Uhr in einem Hotel bei den Pyramiden; der Fernseher, der von einem Boy in diesem Land immer sofort eingeschaltet wird, zeigte gerade ein besonderes Programm, nämlich »Catchen« für Frauen! Ich staunte nicht schlecht, hatte aber großen Spaß. Auch heute noch genieße ich die ›Wrestling‹-Shows hier im Lande – manchmal gehe ich sogar eigens in die mir dafür bekannten Cafés.
Und dann, am nächsten Morgen … WOW! Es gab sie also tatsächlich, die Pyramiden, eines der sieben Weltwunder der Antike – und zwar das einzig erhaltene. Keine Abbildung, kein Film kann denselben Eindruck vermitteln wie das Original! Wahrhaftig ein Wunder!
Damals war es noch nicht verboten, die größte, die ›Cheops‹-Pyramide, zu erklettern. Und das tat ich – sportlich, wie ich war, ohne lange zu überlegen. Hinauf war das auch gar kein großes Problem, denn ich hatte ja ständig den Stein etwa einen Meter vor Augen. Aber als ich mich, oben angelangt, herumdrehte und in die weite Ebene von Gizeh schaute, da bekam ich es doch ganz schön mit der Angst zu tun. Und der Abstieg brauchte viel mehr Zeit und Konzentration, weil die Pyramiden-Wand, nach über 3500 Jahren Sonnen- und Wind-Einwirkung, ganz zerklüftet und die Stufen voller kleiner Steinchen waren, einem Rollsplitt ähnlich. Hatte ich beim Aufstieg wirklich geschwitzt, so kam mir jetzt beim Abstieg regelrecht der Angstschweiß. Aber es ging alles gut! Von der Besichtigung der ältesten Pyramiden weiter nördlich, war ich nicht so sehr beeindruckt.
Danach absolvierten wir natürlich das ›Standard-Programm KAIRO‹. Zuerst das National-Museum mit dem überwältigenden ›Tut Ankh Amun‹-Grabfund, vor dem alles andere verblasst! Neben den Goldsärgen bewunderte ich vor allem den Thronsessel des jungen Königs mit der lebendigen Darstellung des jungen Herrscher-Paares: Ich werde bald mal wieder dorthin gehen, es war zu schön!
EILMELDUNG: Wie ich heute erfuhr, ist der Chef-Ägyptologe des Landes unter richterliche Untersuchung gestellt worden – wegen Verdacht des Diebstahls am ägyptischen Volk in X Fällen! Und wie hat sich dieser selbsternannte ›Pharao‹ der Archäologie Ägyptens mit seinen Leistungen weltweit gebrüstet! Gegen einen jungen deutschen, begeisterten Ägypten-Freund hat er unberechtigterweise eine ›Schmutz-Kampagne‹ gestartet, weil der ihm verdächtig erschien, im Tal der ›goldenen Mumien‹, bei der Oase Baharia, unlautere Absichten zu hegen. Dieser junge Deutsche wollte aber nur seinen Traum verwirklichen: Ein Hotel in der Wüste! Jetzt ist dieser Mann dem Anschein nach auch nichts weiter als ein kleiner »Mubarak«, ein weiterer Gauner in der Riege der Totengräber des Landes. Hamdullillah – die Revolution schläft nicht!
Überwältigt war ich sodann vom Kairoer Verkehr: Damals gab es noch keine der vielen Hoch-Brücken, ohne die dort alles zusammenbräche, und noch nicht so viele Automobile; die Männer hingen dafür wie die Bienen an Straßenbahnen und Bussen- ein abenteuerlicher Anblick für mich ordnungsgewohnten Mitteleuropäer.
Persönlich erbaute ich mich am Flair in den Straßen, vor allem am Abend, wenn die Männer (Natürlich nur diese!) in ihren traditionellen ›Kostümen‹ mit umwickelten Köpfen bei ihren Wasserpfeifen saßen. Und das bei Temperaturen um 25 Grad – Ende Dezember! Ich erinnere mich, noch eigens nach Mitternacht aus dem Hotel gegangen zu sein, um dieses Ambiente zu genießen. Wann ich selbst meine erste Shisha rauchte? Eben in jenen Tagen.
Einmal, bei der Begehung der Kairoer Altstadt, bekam ich gegen Mittag Hunger und nutzte die Gelegenheit zu einem Imbiss an einem fahrbaren Karren. Es gab ›Falafel‹ mit etwas Salat in einer Brottasche, das mir gut schmeckte. Aber ich hatte nicht mit ›Pharaos Rache‹ gerechnet. Und als wir anderntags im Zug nach Luxor fuhren, hatte ich wiederholt eiligst die Toilette aufzusuchen.
Während dieser Fahrt am Nil entlang, fühlten wir uns um Jahrtausende in der Zeit zurückversetzt: Ziehbrunnen und sogar noch ›Archimedische Schrauben‹ sahen wir in Gebrauch – heute leisten Pumpen diese Arbeit, fast überall auf den Feldern.
Im herrlichen, alten, englischen Hotel in Luxor war ich so töricht, in den kalten Swimmingpool zu springen. Der Durchfall wurde noch unerträglicher, ich litt schlimm und wachte erst am nächsten Mittag wieder auf.
Meine Reisegruppe – unangenehmer weise mehr als 50 Personen – war bereits über den Nil gesetzt und auf Besichtigungs-Tour auf der ›West Bank‹. Es war mir keineswegs unangenehm; ich zog eine neu erworbene (himmelblaue) ›Djellaba‹ an und machte mich ganz allein auf – herrlich! In Sonne und Wind ohne die Gruppe loszuziehen und einfach zu entdecken: Den einmalig schönen Tempel der Hatschepsut und die Gräber der ›Edlen‹ wie das des ›Naght‹ mit den drei musizierenden jungen Frauen, einfach unvergesslich!
Auch in Kairo war ich nicht nur einmal zu Fuß auf Entdeckungstour: Irgendwo kaufte ich einen kleinen Teppich, den ich auf dem Rückflug unter meinen Füssen transportierte, und ließ mich von jungen Leuten ›abschleppen‹, die mich in ein Haus brachten, in dem zahlreiche Ägypter mit der Herstellung von wenig geschmackvollen Blechvasen – verziert mit bunten Glasstückchen – beschäftigt waren; ich musste Tee trinken, kleine Kinder auf den Arm nehmen, mich fotografieren lassen und versprechen wiederzukommen. Das war meine erste nähere Begegnung mit den einfachen, freundlichen und sympathischen Menschen dieses Landes.
Gerade erinnere ich mich an den Umstand, dass ich auf einem der gemachten Fotos eine meiner Pfeifen im Mund hatte und einen Bart trug; heute, als endgültig Eingewanderter, habe ich zwar keinen Bart mehr und meine Pfeifen ruhen irgendwo in meinem in Bonn eingelagerten Mobiliar, aber ich habe hier in meiner ›Villa‹ sieben(!) Wasserpfeifen – eine schöner als die andere: Neben den ›normalen‹ verschiedener Farbe und Größe, eine aus gehämmertem Kupfer und – als jüngstes Mitbringsel aus Kairo – eine aus Porzellan mit altägyptischen Motiven.
Seitdem mein Elektro-Rasierer kaputt ist, lass ich mich auch schon mal außer Haus rasieren; die ägyptischen ›Figaros‹ arbeiten jeden Tag bis spät in die Nacht, um ihre penibel auf ihr Äußeres bedachten ›Herren‹ zu bedienen. Was ich zum ersten Mal sah: Am Ende der Behandlung griffen die Barbiere zu einem langen Faden, den sie mit Fingern und Zähnen hielten. Dann bewegten sie den Kopf auf und ab, ließen den Faden geschickt über die Wangen-Partien ihrer ›Opfer‹ gleiten und rissen mit einem Drill-Effekt die feinsten Härchen aus; oh, wie das ziept! Einmal und nie wieder! Bleibt anzumerken, dass ein Haarschnitt um einen Euro kostet, in nicht europäisch aufgemachten kleinen Ein-Mann-Salons und heute. Die Preise von damals weiß ich nicht mehr.
Luxor – Assuan – Abu Simbel
Wie gesagt, wir fuhren mit der Eisenbahn weiter nach Süden, nach Assuan, weshalb wir die Nil-Landschaft mit ihren Dörfern, den auf ihren Feldern arbeitenden Fellachen, den Tieren und der einmaligen Vegetation ein weiteres Mal genießen konnten. Gibt es nicht ein Buch »Lob der Langsamkeit«? Bei solch einer Fahrt konnte man die Langsamkeit schätzen lernen; ein rasender Schnellzug würde den Genuss derartigen Reisens zunichte machen; zwischen Koblenz und Mainz fahren die deutschen Züge ja auch relativ gemütlich, wie ich auf meiner letzten Anreise zum Frankfurter Flughafen erfreut registrierte; aber ob sie nicht auch in ICE-Manier dahinrasen würden, wenn der Rhein dort nicht derart kurvenreich und tunnelgesäumt flösse? Beim Tempo der deutschen Industrie-Gesellschaft hege ich meine Zweifel. Wie war das doch? »Lob der Langsamkeit«?! Geht es den Deutschen wirklich so gut?
Ein weiterer Denkanstoß sei hier angemerkt, einige Gedanken zu den ›Raststätten‹: Sie illustrieren recht gut den Unterschied zwischen Ägypten und Deutschland.
In Deutschland ist fast alles ›automatisiert‹; Personal ist teuer! Aber was für Formen hat das deswegen schon angenommen! –›Muss man mal‹, kann man nicht einfach zur Toilette gehen, nein, erst einmal braucht es das passende ›Kleingeld‹ (aktuell 70 Cent?), um eine Sperre passieren zu können! Was machen da eigentlich Ausländer ohne Sprach-Kenntnisse, die die Anweisungen nicht verstehen – in ›die Hose‹? Ist die Sperre überwunden, vergisst man womöglich, den automatisch ausgegebenen Bon an sich zu nehmen und zahlt noch mehr für den Kaffe ›danach‹. Überhaupt ist im Rasthaus alles überteuert, aber der Reisende ist ja in einer Zwangssituation!
Hier hingegen herrscht kein Mangel an Personal, im Gegenteil: Einer heißt die ankommenden Gäste willkommen, der zweite bittet zu einem Tisch, dann kommt ein Kellner, der nach den Wünschen fragt und die Getränke und so weiter bringt und der ›Zahl-Kellner‹ kassiert am Ende; die Nummer ›fünf‹ ist dann eventuell der Shisha-Boy!
Berufskleidung? Hier überflüssig – die gibt’s nur in den modernen Einkaufszentren europäisch-amerikanischen Zuschnitts, die dann ihrerseits wieder viel zu teuer sind! Ich persönlich finde diese schrecklich!
Ich frage Sie: Wo geht es menschlicher zu? Im christlichen Abendland oder hier unter lauter Moslems? Ich weiß die Antwort, denn ich kenne schließlich beide Systeme!
In Ägypten geschieht eigentlich alles langsamer, gemächlicher, was bei Europäern oft hochmütiges Kopfschütteln hervorruft und ein: ›Was sind die doch rückständig!‹ An vielen Minibus- und Taxi-Fahrern hier in Hurghada kann man trefflich studieren, wie die Folgen der Jagd nach Geld und Kundschaft aussehen: Rücksichtslosigkeit bis zu gemeingefährlichem Verhalten, dem ich auf dem Fahrrad – nicht nur einmal – gerade noch entgangen bin. Dass junge Werftarbeiter zum gerade ankommenden Bus über die Hauptstraße ›sprinten‹, um nach Feierabend unbedingt einen Platz im Bus zu erwischen, wer kann es ihnen übelnehmen? Sie gefährden allenfalls sich selbst. So vor zwei Wochen in Suez persönlich erlebt; nun ja, eine Vollbremsung meinerseits wäre auch problematisch gewesen.
Wie viele Psychotherapeuten im Westen müssen ihre Klienten zu mehr Gelassenheit bringen?! Warum gibt es dort überhaupt so viele Therapeuten?! Auch hier in Ägypten gibt es natürlich welche, vor allem in Kairo und den anderen großen Städten, wo es weniger ›Langsamkeit‹ gibt. Aber alles in allem: Bei meinem nächsten Urlaub, ach was, bei meiner irgendwann notwendigen Reise zwecks Haushaltauflösung in Deutschland, werde ich nach diesem Buch fragen; auch ist kein Preisschock zu befürchten, wie etwa bei Benzin oder anderem, denn gute Bücher sind selbst hier teuer.
LUXOR ist durch seine großartige Tempelanlage in der Stadt und weiter draußen in ›Karnak‹ schon die Reise wert. Der für uns zuständige Reiseführer stellte sich stimmgewaltig vor – in einem entzückenden Deutsch: Er war studierter Historiker, was er natürlich nicht unerwähnt ließ, und seine engagierte Art, uns die imposante Tempel-Anlage zu erklären, gefiel uns allen so gut, sodass er gar nicht um Trinkgeld bitten musste – es wurde spontan und reichlich gegeben!
Jeder meiner Leser mag einmal selbst herkommen und/oder die entsprechenden Bücher lesen, sodass ich mich hier nicht mit Fachwissen ›profilieren‹ muss; ich machte sehr viele Fotos und genoss trotzdem die Einmaligkeit der verschiedenen Teile der Riesenanlage. Erst Jahre später wurde mein Wissen darüber vermehrt, als ich einem Privatschüler aus sehr guten Büchern auf Tonträger vorlas, weil er das für seine angestrebte Eignungsprüfung zum Reiseführer verwenden wollte. Heute ist sein Deutsch dank großen persönlichen Fleißes noch viel besser geworden. Und ein guter Freund ist er obendrein, der auch in den übelsten Situationen hinreißend über alles lachen kann. Aber davon möchte ich nichts ausplaudern.
Die obligate Ton- und Licht-Schau fand ich seinerzeit viel zu kitschig und hege meine Zweifel, dass sie es heute nicht mehr ist!
Luxor ist neben seiner einmaligen Hinterlassenschaft aus der Pharaonenzeit seit ein paar Jahren aber auch als Stadt schöner geworden: Gepflegte Sauberkeit, Grünanlagen, die schönste Nil-Promenade ganz Ägyptens – immerhin kenne ich inzwischen auch die von Kena und El Minya. Ein einladender Bazar sowie die nostalgischen Pferde-Kaleschen schaffen eine angenehme urbane Atmosphäre.
Manche meiner hiesigen Bekannten sagen, die von Luxor seien schlechte Menschen! Ich gebe nichts darauf, das ist lokaler Patriotismus gepaart mit Konkurrenzdenken – wie überall auf der Welt. Nur eins ist klar: Viele Souvenirhändler in Luxor sind besonders gerissen; das musste angesichts der Schätze im Tal der Könige und der grundsätzlichen Geschäftstüchtigkeit der Ägypter ja so kommen!
Bekannt ist in der ganzen Welt eine bestimmte ›Grabräuber-Familie‹; wer ein wenig über die Ausgrabungsgeschichte gelesen hat, weiß bescheid!
Hier liegt am Nilufer auch der größte Teil aller Hotel-Schiffe für die beliebten ›Kreuzfahrten‹. Wegen Hotelproblemen wurden wir sogar für unseren dortigen Aufenthalt auf einem von ihnen für zwei Tage einquartiert – eine schöne Abwechslung! Später mehr über eine ›Kreuzfahrt‹.
Nach diesen zwei Tagen ging es per Bahn weiter nach Assuan, wo die schwarzgrauen Felsen im Fluss das Nilwasser brechen und aufschäumen lassen – herrlich, das ›Old Cataract‹-Hotel, von einer Feluke aus zu bewundern! Tja, die Engländer wussten eben auch, wo es schön ist.
Heute gibt es oberhalb davon das neue ›Nubische Museum‹, dessen Besuch sich lohnt; ebenfalls ein Muss ist der Botanische Garten.
Für damals etwa 130 D-Mark konnten wir einen Flug-Abstecher nach Abu Simbel machen, was ich natürlich nutzte. Ich gestehe aber auch, dass ich, trotz ehrlicher Bewunderung, auf dieser Reise allmählich tempelmüde wurde, denn wir wurden durch allzu viele davon ›geschleust‹. Heute würde ich gern mit dem Auto nach Abydos und Dendera fahren, aber wegen der noch immer nicht wieder gefassten paar Tausend ›schweren Jungs‹, die die verbrecherische Polizei des Mubarak-Regimes im Zuge der Januar-Wirren freigelassen hatte, um Chaos im Land zu säen, muss ich das noch aufschieben.
Bei den vielen Flügen während dieser Reise – 15 Minuten (einmal ›rauf und runter‹) nach Abu Simbel – verlor ich jegliche Flugangst. Und auf der letzten Etappe von Frankfurt nach Köln, im kleinen Lufthansa-Jet, genoss ich das rauhe Wetter des Januar geradezu, zumal der Pilot noch nicht einmal den Vorhang vor dem Cockpit zugezogen hatte und seine Passagiere mit launigen Sprüchen unterhielt. Das waren noch Zeiten damals!
Zurück nach Kairo ging es ebenfalls per Flug und zwar genau zum Jahreswechsel. Jemand aus der Reisegesellschaft spendierte sogar Sekt!
Die letzten beiden Tage wohnten wir in einem Hotel in ›Down-Town‹, also unweit des TAHRIR, hatten viel Zeit für Eigeninitiative, und ich genoss noch einmal die milde Luft, das ägyptische ›Flair‹ und die besondere Atmosphäre Kairos, das seinerzeit längst nicht so chaotisch war wie heute.
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