Kitabı oku: «ZeitenWenden», sayfa 2
Wie Kafkas Käfer …
… hat sich die Bundesrepublik Deutschland gleichsam über Nacht zu etwas gewandelt, das man nicht mehr wiedererkennt. Wollte man in loser Folge aufzählen, was in der Bundesrepublik in den letzten Jahren verloren gegangen ist, ohne dass es irgendeinen größeren Aufschrei in der sogenannten bürgerlichen Mitte verursacht hätte, dann wären das: Demokratie, Rechtsstaat, Europa, Vertrauen und Sicherheit, Frieden, sichere Grenzen und sozialer Zusammenhalt, also eigentlich alles, was einmal die Grundfesten der Republik ausgemacht hat. Dazu, auch das ist Zeitenwende, werden »der Westen« und die Weltordnung von 1949 derzeit beerdigt und die Welt wird gleichsam neu verschraubt – dazu mehr in Teil IV.
Schlimmer wiegt, dass sich Wahrheit und Faktizität1 verschoben haben, dass die Vernunft aus den Angeln gehoben wurde, dass das Denken an sich, die utopische Idee und mit ihr jeder Hauch von Zukunft verloren gegangen sind und damit die europäische Zivilität (»civilité« – der Begriff stammt von dem marxistischen französischen Historiker Etienne Balibar). Also unsere originären Denkstrukturen, die Art und Weise, wie wir in Europa einmal auf die Welt geblickt haben! Die eigentliche Zeitenwende ist, dass die in Europa erzählte Welt nicht mehr real ist und die reale Welt in Europa nicht mehr erzählt wird. So heißt es beispielsweise im Koalitionsvertrag (Kapitel V, S. 127) freihändig, bar jeder differenzierten analytischen Einschätzung und komplett evasiv:
»Unsere Sicherheit ist heute so stark bedroht wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die größte und direkteste Bedrohung geht dabei von Russland aus, das im vierten Jahr einen brutalen und völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt und weiter massiv aufrüstet. Das Machtstreben von Wladimir Putin richtet sich gegen die regelbasierte Weltordnung als Ganze.«
Wobei die NATO-Beitrittsperspektive der Ukraine bekräftigt wird, die die USA gerade abgeräumt haben. Wir sind also gut, alle anderen sind böse. Alice im Wunderland hätte an diesen surrealen Zeilen ihre helle Freude und würde, wie in ihrem Dialog mit der Königin und der falschen Suppenschildkröte, sicher ausrufen: Das ist doch alles nur ihre Phantasie. Anders formuliert: Man kann sich auch in etwas hineinreden.
Die Gefahr ist, dass eine Amöben-Demokratie, die rückgratlos ihre Würde und ihre Freiheit für ein Virus auf den Tisch gelegt hat, auch alles andere im Wahn oder für eine andere Hysterie auf den Tisch legen wird. Die jahrelang verbissen verteidigte Schuldenbremse wurde im März 2025 mir nichts, dir nichts gekippt und 800 Milliarden Sondervermögen und »theoretisch unbegrenzt Geld für Verteidigungsausgaben« bewilligt und durch den Bundestag gepeitscht – vermeintlich, um unsere Sicherheit, unsere »Werte« und unsere »freiheitliche Demokratie« vor Vladimir Putin und dem »imperialen Russland« zu schützen. Das alles passierte im selben Moment, in dem Volodymir Zelensky in einem Brief signalisierte, dass er zu einem Friedensschluss bereit war und in dem man schwarz auf weiß nachlesen konnte, dass es der Westen, die EU war, die den Frieden in der Ukraine unterminierte.2 Welche Verdrängungsleistung findet hier statt? Welche Realitätswahrnehmung hat die deutsche Regierung? Welche kognitive Dissonanz ist hier zu beklagen? Wie will man einem Land und seinen Institutionen vertrauen, das offenbar in ideologischen Wolken verhangen und verfangen ist – völlig losgelöst von der Erde, wie Major Tom? Wie gefährlich ist es in einem Land, in dem de facto jetzt Willkür herrscht, in dem Sinne, als das alles, was gestern noch galt, nicht mehr gilt – oder alles, was gestern unmöglich war, auf einmal möglich ist? Wie, außer mit Autorität, Gewalt oder Ideologie, will man vernünftige Bürger dafür gewinnen, den Kurs der Regierung mitzutragen, die auf »Kriegstüchtigkeit« hinarbeitet, während der Frieden schon verhandelt wird? Wenn Irrationalität zur staatlichen verordneten Pflicht wird? Was, wenn die eigene Regierung eigentlich pathologisiert werden müsste, man sie aber nicht in ein Irrenhaus sperren kann?
Deutschland, ja, die ganze EU kann sichtlich mit Faktizität und Wahrheit nicht mehr umgehen und leidet dazu noch an kolossaler Selbstüberschätzung. Denn wir sind nicht (mehr) die Guten, weder die friedfertige EU noch die liberale Demokratie, die wir vorgeben zu sein! Doch weil die meisten das hierzulande nicht glauben wollen (vorzugsweise die im Westen des Landes!) und darum die eigene autoritäre Drehung schönreden oder verschleiern müssen, ist das Land zugleich in verschämter Verdrängung und in kolossalem Aufruhr. Die Zeitenwende, die wir durchlaufen, ist die von der »Banalität des Bösen« (Hannah Arendt) hin zu einer »Banalität des Guten«, ähnlich jener legendären Szene in Charlie Chaplins The Great Dictator, wo das zu Beginn sanfte, vereinnahmende Gesäusel des Great Dictator – nicht wahr, wir wollen doch alle das Gute und den Frieden? – schließlich umschlägt in den ausgestreckten rechten Arm und für das »Gute«: »Der neue Faschismus wird nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus.« (Ignazio Silone) Kaum ein Zitat, das in den letzten Jahren so im Internet kursiert ist wie dieses. Deswegen wacht passenderweise die Antifa heute darüber, wer diese Drehung zur »Banalität des Guten« nicht mitmachen will: Friedenstauben müssen abgeschossen werden, das Gute duldet keinen Widerspruch!
»Nun erst war mir der richtige Antrieb gegeben: Man musste kämpfen gegen den Krieg«, schrieb Stefan Zweig in der Welt von gestern (S. 290). Drei Kriege erleben wir seit nunmehr fünf Jahren in Europa, die wie Presslufthämmer auf die Gesellschaft einwirken: ein Krieg gegen ein Virus, ein Krieg gegen Russland und einer in Gaza. Hinter diesen Kulissen wird die gewohnte Welt in Europa in ihren bisherigen Strukturen gesprengt.
»Artikelgesetz Zeitenwende«
Zeitenwenden sind so alt wie die Menschheitsgeschichte. Der Übergang zum Neolithikum, von Jägern und Sammlern, zur Sesshaftigkeit, war eine Zeitenwende, ebenso wie die Abschaffung des Matriarchats, die Erfindung des Rads – die wohl weltbewegendste Erfindung bis dato, auch wenn ihr KI und Roboter in Ausmaß und Dimension den Rang ablaufen könnten. Die Achsenzeit von Karl Japsers, in der rund 600 Jahre vor Christus im alten Griechenland das Ich in die Welt der Philosophie kam, oder die Französische Revolution von 1789, die aus Untertanen Bürgern machte.
Müssen wir uns also Sorgen machen über etwas, das es schon immer gegeben hat, nämlich Wendungen der Zeit? Was ist normal am derzeitigen Moment, was ist ungewöhnlich? Was können wir (vielleicht) steuern, was nicht?
Tatsächlich erinnert der zeitgenössische Moment, der oft als »Multi-Krise« bezeichnet wird, an den Untergang des alten Roms, der sich über rund 300 Jahre erstreckte, also weit über ein Menschenleben hinaus. Kaum einer wird prognostizieren können, wohin die derzeitige Zeitenwende Europa und die Welt treibt. Vier Faktoren, die gemeinhin als Auslöser für den Zerfall des Römischen Imperiums gelten: Dekadenz, äußere Bedrohung, Klima und Bürgerkrieg, lassen sich unschwer auch heute diagnostizieren, und dies entspricht mithin der typischen Verbindung von Transformation und Katastrophe, den phänotypischen Elementen jedes Krisengeschehens, das heute wie damals apokalyptisch daherkommt. Apokalypse heißt übrigens, mit einem Schrei die Lüge der Welt benennen. Die isländische »Lieder-Edda«, ein uraltes Sagen- und Heldenepos, hat hierzu allegorisch viele interessante Dinge zu sagen. Wenn die Lüge sichtbar wird, platzt die alte Welt.
Die Dekadenz ist heute »linksgrün-versifft«, die Katastrophe oder Bedrohung wahlweise die AfD oder Putin, das Klima ändert sich und ein Bürgerkrieg zwischen polarisierten gesellschaftlichen Gruppen liegt gleichsam in der Luft. Dies alles zu durchleben, ist die Zeitenwende und dafür, dass wir gut durch die Apokalypse kommen, also die Lügen nicht platzen lassen, gibt es jetzt 800 Milliarden. Preiswerter wäre es wahrscheinlich, wenn wir es einfach mal mit der Wahrheit versuchten, ohne Hysterie und ganz unaufgeregt: Umweltschutz statt Klimahysterie, Frieden statt Krieg, Denken statt KI. Kostet nicht viel, würde uns aber abverlangen, von unserem Glauben abzufallen, genauer: von unserer Ideologie! Anders formuliert, es würde uns abverlangen, zur Vernunft zurückzukommen.
Zeitenwende ist ein Wort, das in den letzten Wochen und Monaten so oft benutzt wurde, dass man es nicht mehr hören kann – gewissermaßen die Neuauflage von alternativlos. Zeitenwende sagte Olaf Scholz 2022 anlässlich des russisch-ukrainischen Krieges: »Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.« Zeitenwende sagten viele zu Jahresbeginn 2025, als Donald Trump vereidigt wurde und so viele Dekrete pro Tag unterschrieb, dass einem vom bloßen Zuschauen schwindelig werden konnte. Kaum ein politischer Kommentar anlässlich der Münchener Sicherheitskonferenz Mitte Februar 2025, der ohne das Wort Zeitenwende auskam: Zäsur. Epochenbruch. Neubeginn. Aufregung! Kaum morgens aufgewacht, war man schon In der Welt von gestern. Stefan Zweig lässt grüßen: Aber die schlimmen Nachrichten häuften sich und wurden immer bedrohlicher. (S. 255)
Dass der euphemistische Begriff der Zeitenwende lediglich die Verschleierung einer Kriegserzählung ist und auch im behördlichen Gebrauch schon reduziert wurde auf Krieg, das wurde in deutscher Beamtensprache schon in ein Gesetz gegossen. »Um die personelle Einsatzbereitschaft der Bundeswehr zu steigern, hat der Bundestag das ‚Artikelgesetz Zeitenwendeʻ beschlossen. Es soll die Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung angesichts aktueller Herausforderungen steigern und ist ein wesentlicher Meilenstein auf dem Weg zu kriegstüchtigen deutschen Streitkräften«, so steht es auf der Website des Bundesministeriums für die Verteidigung. Zeitenwende also nur ein Gesetz für Krieg? Auf die deutsche Bürokratie konnte man schon immer zählen!
Welche Elemente die jetzige Zeitenwende ausmachen bzw. warum wir da gelandet sind, wo wir sind – nämlich in der Unvernunft –, darum soll es in diesem Büchlein gehen. Es wird gewagt, in groben Strichen zu skizzieren, worüber wir eigentlich nachdenken sollten; die Umrisse einer neuen Zeit zu zeichnen, die jetzt anbricht; eine Skizze der gesellschaftlichen Veränderungen zu wagen, deren Heftigkeit am Horizont schon zu greifen, die aber noch nicht in den Köpfen sind und vom politischen Tagesgeschäft noch nicht erfasst werden. Zeitenwenden entziehen sich der Politik. Es sind Momente, in denen die Geschichte über das Leben der Menschen herfällt, in denen die Geschichte fast physisch in ihren Alltag eindringt: Wenn Krieg ist, wird der Weg zur Arbeit ein Statement vorgetäuschter Normalität.
Der Zugriff der Geschichte
Vor der Geschichte kann sich niemand in Sicherheit bringen. Selten hat das jemand so schön beschrieben wie Peter Härtling in seinem Roman »Eine Frau«. Über die Frau, geboren 1904 in Böhmen, bricht die Zeit herein. Sie kann ihre Lebensgeschichte nicht mehr von der Zeit trennen. Anders formuliert: Zeitenwenden sind Zeiten, in denen es kein Privatleben mehr gibt. Alles Private wird politisch! Die Zwillinge der Frau, geboren ins freie, glückliche Böhmen hinein, mit denen sie unter den Kirschbäumen spielte, gehen Jahre später zur Hitlerjugend, die eigenen Söhne auf einmal von ihr entfremdet, sie ist fassungslos: Jeder reagiert anders auf die Geschichte, die auf die Leben zugreift.
Genau das aber sind wir im verwöhnten Europa nicht mehr gewohnt: den Zugriff der Geschichte auf unsere Leben! Vorbei die Zeit, in der die Wochenendplanung daraus bestand, zwischen Kino, Spa und Kurztrip nach Sylt zu wählen, und wo Freiheit hieß, zu tun und zu lassen, was ich will. Das Bewusstsein, dass unser Leben mit der Zeit und ihrem Wandel zu tun hat und man sich nicht aus der Zeit befreien kann; dass man eingewickelt wird in Imperative, deren Entscheidungen sich einem selbst entziehen – zum Beispiel jetzt »kriegstüchtig« zu werden; dass Zeiten (von wem eigentlich?) gewendet werden können, wie ein Omelette in der Pfanne, von heute auf morgen, manchmal brutal: Dieses Bewusstsein ist in der beschaulichen Bundesrepublik, die inzwischen eine alte, behäbige Dame von stattlichen 75 Jahren geworden ist, abhandengekommen.
Corona war die erste Zeitenwende und gleichsam eine (Vor-)Übung auf den geplanten Krieg: eine bewusste Irreführung und Verwirrung der Gesellschaft, eine Umdrehung von Sprache (»Distanz ist die neue Nähe«), eine Verballhornung der Vernunft, der Verlust von Maß und Mitte, der Zugriff auf die Mündigkeit und Subjektivität der Bürger, ein öffentlicher Zugriff auf die Gestaltung des Privaten, das eigene Heim (Lockdown), den eigenen Körper (»schütze dich und andere«). Ein Zugriff, bei dem das Kollektive über das Private gestellt wurde. Freiheit, Adé! Der Freiheitsentzug wurde sorgfältig einstudiert. So gut einstudiert, dass die Mechanismen des autoritären Zugriffs schon verfangen haben: Sie lauten Cancel Culture, Diffamierung, lautlose Entfernung kritischer Personen, Existenzvernichtung. Aus einer liberalen Gesellschaft wurde im Handumdrehen eine geschlossene Gemeinschaft. Die deutsche Gesellschaft hat zugeschaut und schnell gelernt: die Zeitungsredaktionen als Erste. Besser nicht mucksen! Um den gleichen Zugriff auf den einzelnen Bürger, aus denen jetzt Soldaten oder doch zumindest eine militarisierte Zivilgesellschaft werden muss, die Bunkerbau als neues Freizeitvergnügen betrachtet, geht es bei der zweiten Zeitenwende, die 2025 ausgerufen wurde: den angekündigten Krieg gegen Russland, der jetzt schon keine roten Linien mehr kennt, weder in der verbalen Aufrüstung noch mit Blick auf die Milliarden, die dafür verprasst werden sollen und die wie ein Lutscher anmuten, mit dem der ganze Kriegsspaß versüßt werden soll … Ich verzichte auf eine libidinöse Betrachtung des gesellschaftlichen Erregungszustandes und warte auf den Moment, wo der Lutscher ausgelutscht ist.
Geschichte ist geronnene Zeitenwende
Geschichte ist nichts anderes als geronnene Zeitenwenden. Erst wenn sich eine zeitliche Epoche schließt, kann Rückschau gehalten werden. Der Zeitgenossenschaft ist es verwehrt zu verstehen, in welcher historischen Epoche sie sich befindet, soll Stefan Zweig gesagt haben. Aus den Geschichtsbüchern kennen wir die zeitlichen Einteilungen der Epochen, im Großen wie im Kleinen: Wir können den Übergang vom Barock zur Renaissance ebenso benennen wie den vom Mittelalter zur Neuzeit oder den vom Römischen Reich Deutscher Nation zum Deutschen Bund oder den von der Weimarer Republik zum Hitlerfaschismus. In den letzten zwei Jahrhunderten hat Deutschland sieben Verfassungsbrüche erlebt: 1806, 1848, 1872, 1918, 1933, 1949, 1989. So lauten die Daten, gleichsam die Übergänge oder Nahtstellen zwischen den verschiedenen Systemen. Diese Nahtstellen waren immer Krieg, Bürgerkrieg, Revolution oder Umbruch, kurz: die Geburtsstunde eines neuen politischen Systems. Meine Oma Henriette, geboren 1904 in Wevelinghoven, hat bis zu ihrem Tod 1981 vier Deutschlands erlebt: das Kaiserreich, Weimar, Hitler und die kleine Bundesrepublik. Ihr Leben im niederrheinischen Wevelinghoven war relativ stabil, während über ihrem Kopf die politischen Systeme gewechselt haben wie selbstgestrickte Eierwärmer zu Ostern beim Eiertausch.
Auf der alten Steinmauer, die das Windsor Castle, die britische Königsresidenz, etwa eine ¾ Stunde südwestlich von London gelegen, umgibt, prangt eine Silbertafel, auf der steht »Windsor Castle 1088«. Wenige Systeme in Europa, egal ob Reiche, Königshäuser oder Republiken, können sich damit rühmen, auf einen fast 1000-jährigen Bestand zu verweisen. Dass auch politische Systeme eine Lebensspanne haben, dem Menschen gleich, dass sie geboren werden und »sterben« bzw. abgewickelt werden und dass sie meist nur wenige Jahrzehnte von Bestand sind, wird erst klar, wenn man selbst Zeitzeuge einer Zeitenwende wird, also einen politischen Systemwechsel erlebt. Für die Ostdeutschen war das 1989 der Fall, während der Westen des Landes in der Kontinuität blieb. Die inzwischen wiedervereinigte Bundesrepublik Deutschland ist jetzt 75 Jahre alt. Wie viele Jahre wird sie in der Form, wie wir sie heute kennen, noch Bestand haben? Und ist es schon »Delegitimierung des Staates«, diese Frage zu stellen, und sei es hypothetisch? Ich behaupte nämlich, dass die Bundesrepublik in ihrer derzeitigen Form nicht mehr lange Bestand haben wird. À discuter! Zeitenwenden sind die Momente der Geschichte, in denen die Atlanten neu gestaltet werden müssen: Grönland zu den USA, Kanada tritt der EU bei, Großisrael bekommet eine Grenze mit der Türkei? Im vierten Teil werde ich dazu drei Karten diskutieren, die im Internet zirkulieren und die einen Vorgeschmack auf die Neuaufteilung der Welt bieten.
Nichts ist für die Ewigkeit
Trotz dieser Empirie der Geschichte denken die meisten, die Grenzen der Bundesrepublik sind unverrückbar und das Grundgesetz gilt bestimmt ewig, nur weil es (etwas vermessen) dort so steht. Über die eigene Zeit hinauszudenken, ja, sich als Teil einer Zeitenwende zu verstehen oder gar darüber nachzudenken, wohin man die Zeit wenden möchte, ist wohl das Allerschwerste, denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier, das wusste schon Wilhelm Busch. Krieg aber bedeutet, jenseits von Toten und Schlachtfeldern, den massiven Umbau von Staatlichkeit und meist eine radikale Veränderung der Gewohnheiten einer Gesellschaft.
Vor 1933 war, um ein Alltagsbeispiel zu nennen, der eigene Teller nicht Standard bei Tisch. Im Gegenteil stand, vor allem auf dem Land, noch die Suppenterrine auf dem Tisch, in die jeder seinen Löffel tunkte. Der eigene Teller war also ebenso eine kriegsbedingte Veränderung der Gesellschaft nach 1949 wie das Ende der Generationenfamilie unter einem Dach, das Reihenhaus für die Kleinfamilie im Vorort, Suburban oder Banlieu, die Teflonpfanne, das Automobil oder das Telefon für jeden und der zivile Luftverkehr. Damit liegt die Frage auf dem Tisch: Wie wird Deutschland, wie wird Europa nach jenem Krieg aussehen, der offiziell 2022, eigentlich aber schon 2014 in der Ukraine begann? Und den Europa offenbar – völlig widersinnig – weiterführen möchte, obgleich die USA ihn gerade beenden, und der das Potential hat, ganz Europa in seinen ureigensten wirtschaftlichen, sozialen und geografischen Strukturen umzupflügen. Wie wird der europäische Kontinent, wie werden die europäischen Gesellschaften nach der gegenwärtigen Zeitenwende aussehen? Wird Europa sich von den USA emanzipieren und was hieße das? Oder wird es vielleicht zusammen mit den USA zu einem Staat fusionieren? Das diskutiere ich in Teil IV.
Heute geht es nicht mehr darum sich vorzustellen, dass jeder nach dem Krieg seinen eigenen Teller hat. Eher darum, dass jeder seinen eigenen KI-Assistenten haben wird, Pakete per Drohnen ausgeliefert werden, Lufttaxis vom Fenster aus in der 5. Etage bestiegen werden können, Haushaltsbots permanent im eigenen Wohnzimmer herumlaufen, Roboter die Krankenpflege übernehmen, das Bargeld abgeschafft ist, Barcodes den Zugang zu öffentlichen Plätzen kontrollieren und humanoide Roboter Demonstranten überwachen. Wollen wir das?
Teil II
Adieu, Vernunft
»In dem Moment (…), da der Mensch, im Anfang des Zeitalters der Maschinen und der Masse, beginnt, aus einem Subjekt zum Objekt zu werden, aus einem handwerklich schöpferischen Individuum zu einem Diener, ja Slaven der Maschine – in diesem Moment der Verluste, da droht, dass der Mensch sich selber verliert.«
Jean Gebser, Der Einbruch der Zeit, S. 92
Das Zeitalter der *Geist*losigkeit
»Den Geist kannst du nicht erzeugen. Du kannst ihn nur empfangen.«
Bettina von Arnim
»Man möge nachweisen, dass das gewisse Etwas namens Materie genauso gut denken kann wie das gewisse Etwas namens Esprit.«
Voltaire
Paul Valéry schrieb schon in den 1920er Jahren über Die Krise des Geistes. Was hätte er heute gesagt? Alle sind nicht mehr bei Sinnen, »Bei-Sinnen«, denn alle Sinne werden verstopft und abgeschnürt: Stöpsel im Ohr, Maske vor dem Mund, demnächst die Metaverse-Brille vor den Augen. Sinn-los aber heißt Geist-los, ein Leben ohne Esprit, Geist, ohne haptische Reize oder Gefühle, dominiert vom Smartphone. Jeder ist mit dem Internet verbunden, aber niemand ist mehr verbindlich. Ein demokratisches Inter-esse kann es nicht mehr geben. Der Sinn-lose Mensch verliert Spontanität, das Mysterium, das Unverhoffte und die Überraschung. Er kann seinen Geist nicht mehr benutzen, er wird als Bürger Sinn-los und damit entbürgerlicht.
Eine demokratische Gesellschaft, eine politische Gemeinschaft, kann so nicht funktionieren. Sie verlangt die Urteilsfähigkeit von Bürgern, das selbstwirksame Individuum, ein denkendes, revoltierendes Ich. Die Demokratie verlangt Würde! Genau die wird im Internet genommen, einerseits, weil das Internet anonym ist – das Digitale kennt kein Subjekt; andererseits, weil das Internet nur zweidimensional ist. Der Geist aber ist das Dritte: der Heilige Geist, der Himmel und Erde verbindet, oder der Weltgeist von Hegel, der aus These und Antithese die Synthese zaubert. Tertium non datur! Das Internet ist binär, 0 oder 1. Es polarisiert und wir können ihm auch keinen Geist einhauchen. Geistreich ist das Trotzdem, auch wenn das Smartphone etwas anderes sagt. Demokratie ist wie ein Geist, der stets verneint, weswegen sie Überraschungen bereithält, die sich der Planbarkeit, den angehäuften Daten und der wissenschaftlichen Expertise entziehen.
Demokratie ist permanente Revolte. Genau diese wird durch eine stets berechnende Digitalisierung, mit der inzwischen ganze Gesellschaften gesteuert werden, unterbunden. Es ist unmöglich, aber es ist nötig, ist der Geist, aus dem die Demokratie gemacht ist. ChatGPT kann das Unmögliche nicht denken, denn die KI kann nicht hoffen, träumen, glauben! Ent-geistert stellen wir fest, dass wir die Demokratie verloren haben! Wer sie wiederhaben will, muss nicht »gegen rechts« sein, sondern den Geist wiederentdecken! Die allgemeine Geistlosigkeit ist das strukturierende Phänomen der augenblicklichen Zeitenwende, und zwar ganz so, als ob alle buchstäblich geisteskrank sind, diesen Zustand aber als Vernunft deklarieren und die Wissenschaft bzw. den Szientismus dazu missbrauchen zu rechtfertigen, was – wie Immanuel Kant sagen würde – mit Vernunftgründen nicht zu rechtfertigen ist. Gerade russische Autoren könnten bei der Wiederentdeckung des Geistes behilflich sein. In der Aufsatzsammlung Dogmendämmerung beschreibt Mihajlo Mihajlow in seinem Beitrag über Die mystische Erfahrung der Unfreiheit (S. 97 ff.) anhand der Aufzeichnungen von Gefangenen in sowjetischen Straflagern und Augenzeugenberichten, dass nur diejenigen überlebt haben, die in der Lage waren, ihren Geist an etwas zu binden, das über ihr eigenes Schicksal hinausreicht, etwa die Lösung einer mathematischen Aufgabe. Wer sich auf die skandalösen Umstände in den Lagern, zum Beispiel die Nahrung, konzentrierte, ist meistens gestorben. Die Rettung lag im Wegdenken der Materie. An den Wasserscheiden des Denkens wiederum heißt ein großartiges Buch des russischen Philosophen und Mystikers Pawel Florenski, an dem sich so manche analytische Philosophie abmühen dürfte. Die Russen scheinen eher davor gefeit, sich der Mensch-Maschine anzuvertrauen.
