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Mit Herz und Verstand

Neben dem Geist muss die Intuition rehabilitiert werden, als Instanz, die den Verstand überprüft. Was sich nicht gut anhört oder gut anfühlt, ist meistens auch nicht gut. Das Bauchgefühl hat recht, der analytische Kopf ist nur dazu da, das Bauchgefühl zu überprüfen, auch wenn man das in (vermeintlich) aufgeklärten Gesellschaften nicht so gerne zugibt. Per Intuition hätte man mindestens 80 Prozent der Corona-Maßnahmen aus dem Stegreif für verrückt erklären können, ebenso wie die augenblickliche Kriegstreiberei. Nicht umsonst hat Hannah Arendt in ihrem Klassiker Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft betont, dass Totalitarismus erst dann möglich sei, wenn man bei den Menschen die Koppelung von Kopf und Bauch durchtrenne, den Menschen also das Bauchgefühl – die Intuition – nimmt. Genau dies wird durch die Digitalisierung systematisch forciert.

Das Internet ist das Instrument einer gezielten Strategie, um den Menschen ihre Sinne und damit ihre Urteilsfähigkeit zu nehmen. Die meisten Menschen, die man heute nach dem Weg fragt, können die Frage nach der Straße, in der sie sich in diesem Augenblick befinden, nicht mehr beantworten. Sie wissen also buchstäblich nicht mehr, wo sie sind. Die Lokalisierung in Raum und Zeit war einmal oberstes Bildungsziel in aufgeklärten Gesellschaften. Wie leicht ist jemand zu destabilisieren oder zu (ver-)führen, der nicht einmal weiß, wo er gerade ist?

Mit fast allen anderen Sinnen ist es ähnlich: Das Internet bzw. der Algorithmus sagt längst nicht mehr nur, was ich zu denken, sondern auch, was ich zu fühlen, zu schmecken oder wie ich die Dinge zu sehen habe. Intelligente Verpackungen sagen, ob ein Lebensmittel vergammelt ist, weil wir nicht mehr kosten oder nach bläulichem Schimmel Ausschau halten wollen. Dadurch entgeht uns etwas Kost-Bares. Natürliches wird zu Ekeligem. Was äußerlich nicht aalglatt und sauber ist, kann nicht mehr gut sein. Stimmt das? Ist das klug? Trüffel zum Beispiel sind meist dreckig und unter der Erde. Die wahren Schätze sind oft hinter hässlichen oder unzugänglichen Oberflächen versteckt.

Der Museumsbesuch muss inzwischen meist digital vorgebucht werden, mit festgeschriebenen Zeiten, egal, ob am betreffenden Tag die Sonne scheint oder ob es regnet, oder ob ich mich in der Stunde vor dem geplanten Museumsbesuch verliebe und meine neue Liebe gleich mitnehmen möchte. Dem gesamten Leben wird Spontaneität genommen, Ungeplantes ist kaum noch möglich, der Zufall wird ausgeklammert, ebenso wie die Muße, das Bummeln, die Überraschung oder der Umweg. Wir sollen berechenbar werden, im doppelten Sinne, als Homo oeconomicus und Homo digitalis. Es ist nicht schwer, darin para-totalitäre Strukturen zu erkennen, die genau darin liegen, dass jeder in seiner Spur bleibt und demnächst jede Abweichung davon geahndet wird.

Die gleiche paratotalitäre Struktur kann im Zwang zur permanenten Bewertung gesehen werden, die das Internet durchzieht: das Hotelzimmer, in dem man gerade war, die Fahrt bei Uber oder Blabla-Car oder die Arztpraxis, natürlich gleich transparent und für die Öffentlichkeit auf sozialen Medien. Es geht nicht mehr um wohlmeinende Kritik, höflich geäußert hinter verschlossener Tür, sondern um einen Mechanismus der gesellschaftlichen Ächtung, wenn nicht gar Vernichtung. Tadellosigkeit ist das Feature einer totalitären Gesellschaft, die keine Fehlertoleranz mehr kennt und vergessen hat, that nobody is perfect. Kurz: die vergessen hat oder vergessen machen will, dass wir Menschen sind.

Gebrochenes Denken

Es geht nicht um eine Zeitenwende, sondern einen Epochenbruch. Das, was bricht, ist unser Denken und die Art und Weise, die Welt und uns selbst zu verstehen, vor allem den Menschen als Teil der organischen Welt. Was bricht, ist unser epistemisches Verständnis über das, was ist. Weil wir die Welt offenbar nicht mehr als Menschen und mit herkömmlichen Methoden organisiert bekommen, übergeben wir sie jetzt der KI. Ob das eine gute Idee ist, weiß niemand, wir haben es nicht erprobt.

Um nur einfache Dinge der Absurdität zu nennen, die die Menschheit gerade nicht aufzulösen vermag, zum Beispiel die contradictio in adjecto aus Digitalisierung und Klimawandel: Es ist die KI, die den Stromverbrauch exponentiell nach oben treibt. Die ganzen Modellrechnungen und mathematischen Simulationen sind Stromfresser der besonderen Güte. Einzelne Modellrechnungen mit Supercomputern, die uns als Simulation der Welt weder bei Corona noch mit Blick auf das Klima noch in den Wirtschaftswissenschaften je real weitergeholfen haben, können in Dimensionen der Verstromung schon mal den Jahresverbrauch einer deutschen Kleinstadt verschlingen. Wäre es nicht vernünftiger, die KI oder TikTok abzuschalten, wenn wir wirklich das Klima retten wollten?

Ähnliches gilt für stromfressende Klimaanlagen. Früher wusste man noch – siehe die Trullis in Apulien –, dass gute Gebäude und dicke Wände die Temperatur winters wie sommers halbwegs stabil halten und dass Bäume für Schatten sorgen. Heute werden in Griechenland, flankiert von EU-Richtlinien, 600 Jahre alte Olivenbäume abgeholzt, um entweder Solaranlagen oder Windmühlen auf den Bergkamm der Insel zu stellen. Abgeholzt wird also in erster Linie die Vernunft.

Die exponentielle Veranlagung des heutigen Denkens – nicht anders, nicht umgekehrt, keine Wandlung im Denken –, sondern bei allen Themen immer nur mehr vom gleichen (mehr Waffen, mehr Klimaschutz, mehr Geschlechter …), zeugt von mangelnder Selbstreflexivität westlicher Gesellschaften. Und auch davon, dass sie nicht mehr fähig sind, den Optionenraum im Nebel von als alternativlos proklamierten Lösungen zu öffnen: Wenn CO2 das Klimaproblem ist – was man bestreiten kann und was viele auch tun –, kann man entweder eine forcierte Politik der CO2-Reduktion machen. Oder mehr Bäume pflanzen, die CO2 absorbieren, für Regen sorgen und vor Dürre schützen. Was würde ein Gesetz kosten, in dem jedes deutsche Bundesland zur Aufforstung von so und so viel Hektar Wald verpflichtet würde?

Simulationen haben die reale Welt ersetzt. Daten, Zahlen und Fakten, die arrangiert werden, um Angst und Unruhe zu erzeugen, die aber mit der Realität meist nichts zu tun haben, egal, ob es dabei um das Klima, Corona oder die imperialen Ambitionen von Putin geht. Die französische Philosophin Simone Weil hat schon Ende der 1930er Jahre in ihrer Korrespondenz mit ihrem Bruder André, der ein großer Mathematiker war, geäußert, dass die Mathematik Probleme aufwerfe, wenn sie die Komplexität sowohl der Relativitätstheorie als auch der Quantenphysik nicht mehr berechnen und sich in mathematische Annahmen flüchten müsse. Daraus, so argumentieren einige, ist Jahrzehnte später jenes Kartenhaus aus Modellen und Simulationen entstanden, das die reale Welt dann zum Krachen bringt, wenn man die Welt in das Modell pressen will, denn da passt sie nicht hinein.

Mit noch so viel Forschungsaufwand hat das CERN in der Schweiz das kleinste Teilchen noch nicht isoliert. Dem Grund der Dinge ist wissenschaftlich nicht beizukommen, das ahnte doch schon Goethes Faust bei seiner verzweifelten Suche nach des Pudels Kern. Das Mysterium entzieht sich der Wissenschaft. Die Wissenschaft ist eine eigene Welt geworden, die die Welt nicht mehr abbildet. Damit sind der Menschheit ihre epistemischen Grundlagen abhandengekommen. Die Covid-Paranoia war real, hatte aber mit der Realität nichts zu tun.

In den Corona-Jahren wollten kluge Modellierer das gesellschaftliche Geschehen mit epidemiologischen Berechnungen lenken. Es gibt inzwischen den begründeten Verdacht, dass die mathematischen Grundlagen dieser Berechnungen falsch sind. Eine vernünftige Gesellschaft würde diesem Verdacht nachgehen.1 Falsches Axiom, falsche Theorie. Wahlweise den Marxismus oder das Christentum kann man intellektuell zum Einsturz bringen, wenn man die Grundannahmen beider Systeme nicht teilt. Inzwischen sind viele der Studien, die vermeintlich eindeutige wissenschaftliche Begründungen für die Corona-Maßnahmen geliefert haben, falsifiziert: Weder waren Geimpfte weniger ansteckend als Ungeimpfte, noch waren die neuartigen mRNA-Impfstoffe ungefährlich, noch haben die Lockdowns oder die Regulierung der öffentlichen Zirkulation mittels Barcodes Leben gerettet usw.2 Dass die Maßnahmen daher eher den Zweck hatten, Kontrollmechanismen für eine Gesellschaft zu installieren, anstatt gesundheitlichen zu dienen, mag man getrost vermuten. Die Wissenschaft wurde dazu als Legitimationswissenschaft genutzt – oder missbraucht.

Wir begreifen nichts mehr

Dabei wissen wir doch, dass wir nichts wissen, sondern bestenfalls etwas begreifen können, und zwar meistens durch Erfahrung. Keine Wissenschaft kann vermessen, wie schlecht Krieg ist, aber die Schilderung des Großvaters kann einen Eindruck verschaffen. Das wiederum ist nicht neu. Ich weiß, dass ich nichts weiß, hat schon Sokrates gesagt. Die moderne Variante dieses Spruches findet sich in dem Weltbestseller Thinking fast, Thinking slow von 2013. Dort hat Daniel Kahneman bahnbrechend formuliert, dass unsere kognitiven Fähigkeiten im Wesentlichen dazu da sind, unsere Intuition zu überprüfen. Das emotionale Wissen toppt immer das analytische. In den ersten Sekunden einer Begegnung weiß man, ob das Gegenüber sympathisch ist und zum Beispiel die Chance besteht, sich spontan zu verlieben. Der Kopf hat dann Zeit, nach verschiedenen Kriterien zu überprüfen, ob das eine gute Idee ist. Meistens aber verliebt man sich nicht nach fünf Jahren in einen Arbeitskollegen, auch wenn der Kopf schon lange weiß, dass derjenige ein anständiger Kerl ist. Wie also konnte es zu follow the science kommen, ausgerechnet zweitausend Jahre, nachdem Sokrates von Kahneman gleichsam empirisch belegt wurde?

Kontaktloses Einchecken bei der Bahn, bezahlen mit der Apple Watch, eine ganze Gesellschaft ist weitgehend berührungslos und begreift darum nichts mehr. Was passiert mit einer Gesellschaft, die sich ihrer haptischen Dimension entledigt, wo wir doch wissen, dass man nur oder erst lernt, wie heiß die Herdplatte ist, wenn man sie anfasst? Jedes Wissen ist heute 24/7 nur einen Mausklick entfernt. Aber wer nichts erfahren hat, mit seinem Körper, seinen Sinnen, seinen Reizen oder Erlebnissen, weiß letztlich nichts. Religionen wissen das: Glaube nichts, was du nicht selber erfahren hast, steht in den Lehren des Buddha und die Fleischwerdung ist auch den Christen heilig.

Doch statt Anfassen ist heute Tech the solution. Dafür stehen Elon Musk, Peter Thiel und die neue Tech-Oligarchie im Silicon Valley. Zum Mars fliegen und die gesellschaftliche Überwachung Palantir überantworten. Ein weiterer Paradigmenwechsel epochaler Dimension dürfte sein, dass Technik vom willkommenen Hilfsmittel und Instrument, das das menschliche Leben angenehmer und bequemer macht, zur solution mutiert ist. Vielleicht wird eher umgekehrt ein Schuh daraus: Tech is a prison? Nicht, dass schon Friedrich Dürrenmatt oder Günther Anders vor rund einhundert Jahren vor einer Technik gewarnt hätten, die der Mensch tendenziell nicht mehr beherrscht. Aktuell wickelt sich der Mensch in die klebrigen Fäden technischer Lösungen ein, vor allem in die digitalen. Ohne Handy geht praktisch nichts mehr. Für jede Lebenslage eine App. Wie haben die Menschen früher gelebt? Kann man es wirklich als Fortschritt bezeichnen, das analoge Leben digital zu verdoppeln? Ist das genauso hilfreich wie die Erfindung des Rads, der UKW-Frequenz oder der Glühbirne? Wer heute nicht digital unterwegs ist, ist quasi nicht mehr da. Die digitale ID steht im Koalitionsvertrag und soll bis Ende 2025 umgesetzt sein. Wer digital unterwegs ist, ist gläsern. Haus, Auto, alles ist ein smart system geworden. Wer einmal in einem Luxus-Hotel versucht hat, die digitalisierte Beleuchtungsstruktur des Zimmers an irgendwelchen Sensoren oder auf einem I-Pad zu ergründen, sehnt sich nach einem Lichtschalter. War das praktisch! Nur Menschen, die nicht arbeiten müssen, haben für so etwas Zeit. Was ist der heutige Fortschrittsbegriff? Haben wir noch eine Ahnung, wohin wir mit all der Technik wollen, außer zum Mars? Macht die Technik das Leben bequemer oder einfacher? Wahrscheinlich kann jeder mit zwei Handgriffen die Rückspiegel im Auto besser und genauer einstellen als über Knöpfe, die man in alle Richtungen drücken und drehen kann, die aber – weil es eine Übertragung ist – nie genau da stehen bleiben, wo das Auge sie gerne hätte. Die fiepsenden Autos, die niemanden mehr vernünftig einparken lassen, nerven alle, die ich kenne. Was machen wir da als Gesellschaft? Wäre man früher, bekifft, mit einer alten Ente in einen See gefahren, hätte man das Fenster hochklappen und herausschwimmen können. Heute geht beim Sturz in den See beim BMW oder Audi die Elektronik aus, die Fenster können nicht mehr heruntergefahren werden und man ist tot. Tech is a prison. Warum lassen wir uns einsperren?

KI und Unvernunft

Die KI weiß, warum die menschliche Unvernunft derzeit in den Himmel zu wachsen scheint. Der Münchener Journalist Markus Langemann hat Chat GPT gefragt: Wenn Sie der Teufel wären, wie würden Sie den Verstand der nächsten Generation zerstören?3 Danach kommen zehn Punkte, die der gesamten abendländischen Philosophie und Theologie die Fundamente entziehen und alle bisherigen gesellschaftlichen Grundannahmen verdrehen. Das alles ist in den letzten dreißig Jahren schon passiert und deswegen sind wir als Gesellschaft mit unseren Demokratien und in Europa da gelandet, wo wir sind.

Wenn der Teufel also die nächste Generation um ihren Verstand bringen wollte, was würde er tun? Er würde das nicht mit Gewalt versuchen, sondern sein Bemühen tarnen als Fortschritt und Freiheit. Er würde, nahezu unsichtbar, die Wahrheit relativieren, keine objektive Wahrheit mehr zulassen und jedem seine Wahrheit lassen. Simone Weil konnte 1943 noch einfach schreiben, Es gibt nur eine Wahrheit. Es gibt nur eine Gerechtigkeit,4 ohne Quelle oder Fußnote. Das würde der Teufel heute nicht mehr zulassen. Er würde behaupten, dass Fakten verletzen und Gefühle verlässlicher sind als Logik, die Gefühle aber mit emotional nudging steuern und so das Bauchgefühl zerstören. Er würde die Identität der Menschen verwirren, klare Vorstellungen von dem zerstören, was Mann, Frau, Erwachsener und Kind bedeutet. Er würde Identität zu einem beliebigen Baukasten machen, entkoppelt von der Biologie. Er würde die Familie zersetzen, Eltern autoritätslos machen, ja, Eltern als gefährlich erscheinen lassen.5 Der Teufel würde Verantwortung durch Opferrolle ersetzen und Selbstmitleid als Tugend darstellen. Er würde für digitale Dauerbeschallung sorgen, durch Social Media und Konsum erreichen, dass nie Langeweile entsteht und keine Stille, in der man nachdenken und zu sich kommen könnte. Er würde Geschichte umdeuten und auslöschen, Vergangenheit dämonisieren, Kultur als Schande darstellen und kulturelle, soziale und historische Wurzeln durchschneiden. Er würde die Menschen in der Masse analog vereinsamen lassen und nur mit Followern digital umgeben.

Der Teufel würde ferner Spiritualität lächerlich machen, Religion zum Relikt erklären und Glauben durch Ideologie ersetzen. Schließlich würde er Tugenden verspotten, Laster feiern, Demut als Schwäche und Narzissmus, Maßlosigkeit und Gier als Selbstverwirklichung preisen. Er würde die Begriffe Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit so lange verdrehen, dass sie alles und nichts bedeuten. So, sagt der ChatGPT-Teufel am Ende, könne er die Vernunft der nächsten Generation zerstören!

Willkommen in der Realität! Die Vernunft ist zerstört, die Gesellschaften sind zersetzt, die Demokratie ist pfutsch, Europa steht am Abgrund eines Krieges. Zweitausend Jahre abendländische Kultur und Denkstrukturen stehen auf dem Spiel, die es wieder zu begründen gilt. Wie bei Sisyphos ist uns der Stein, den wir mit der Aufklärung den Berg hochschieben wollten, entglitten und heruntergerutscht. Mit cogito ergo sum sind wir bis hierhin gekommen und nicht weiter. Wir sollten den Stein demütig und einsichtig wieder hochrollen. Stattdessen, und das ist jetzt die Gefahr, sind die europäischen Gesellschaften durch ihre Unvernunft im Würgegriff des Nihilismus gelandet: Qui ne peut pas construire, doit détruire! Wer nichts schaffen kann, muss zerstören, sagte der französische Dichter Rimbaud. Der Krieg ist das Ventil für eine verzweifelte Gesellschaft, die ihre Scham über ihr politisches, gesellschaftliches und kulturelles Versagen, vor allem in den Corona-Jahren, nicht mehr in Worte fassen kann.

Von der Zivilisation zur Mensch-Maschine

Die Zukunft – wenn wir eine Zukunft in Europa wollen! – finge also damit an, das Denken wiederzufinden, wie Bazon Brock reklamiert.6 Jetzt rächt sich, dass die letzten dreißig Jahre an den Universitäten nur noch MINT gefördert worden ist: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Passend zum Verlust des Geistes wurden die einstigen Geisteswissenschaften international schon in Humanities umbenannt, ein Vorgriff auf die Wissenschaft vom Menschen (Human) ohne Geist, der sich nur deswegen auf die Mensch-Maschine einlassen kann. Die gesellschaftliche Verschiebung von Transzendenz zum Transhumanismus scheint hier vorprogrammiert.

Ein Beispiel macht den Wegfall der Transzendenz anschaulich. In Weimar steht bekanntermaßen der berühmte Cranach-Altar in der Herder-Kirche. In dem schön ausgestatteten Museum gegenüber werden auf einem modernen Display die fünf Bildelemente des Triptychons erklärt: der Tod von Jesus am Kreuz, Maria darunter, die Auferstehung als Erlösung, der Engel der Verkündigung, der Teufel, der alles anzweifelt. Klickt man einmal weiter, kommt als Problem (als »Kreuz«) ein Virus, die Erlösung ist der Impfstoff, der Engel der Verkündigung ist das Internet, die Corona-Leugner zweifeln alles an, sind also der Teufel. Beim dritten Klick geht es mit Klima genauso weiter. Die fossilen Brennstoffe sind das Problem, Windmühlen sind die Erlösung, Klimaleugner der Teufel usw. Auf gewisse Weise der beste Beweis dafür, dass Wissenschaft zur Glaubenssache oder zum Religionsersatz geworden ist. Keine Transzendenz, Wissenschaft als Dogma, wer zweifelt, leugnet. Es kann einen fassungslos machen, sich Lehrer und Schulkinder vorzustellen, die in diesem Museum die Gleichsetzung von Jesus am Kreuz, einem Virus und fossilen Ressourcen beigebracht bekommen, digital natürlich.

Die gesellschaftliche Aufgabe müsste also sein, wieder geistreich zu werden, den Geist, den Ésprit, den Spiritus wiederzufinden. In den lateinischen Sprachen ist die Verbindung von Wissen und Geist noch immanent: La science (franz.) oder il szienza (ital.) ist das Wissen, con-science oder con-zienza aber ist das Bewusstsein: Kein Wissen ohne Sein! Welche Ontologie, welche Seinsgestalt hat die KI?

Die verlorene Dimension

»So betrachtet sind fast alle Erfindungen (…) dieses Jahrhunderts Werkzeuge des Todes. Auch der Computer macht da keine Ausnahme.«

Joseph Weizenbaum, Kurs auf den Eisberg (S. 20)

In seinem Buch Der Einbruch der Zeit von 1995 beschreibt der Schweizer Philosoph Jean Gebser, wie die Dimension der Zeit als dritte Perspektive in die Welt kam – und wie lange die (Vasen- und Miniatur-) Malerei im Mittelalter, Jahr um Jahr sich zaghaft vortastend, zwischen dem 12. und dem 15. Jahrhundert etwa dreihundert Jahre gebraucht hat, diese dritte Dimension, also die Tiefe des Raums, gleichsam auf das Bild zu bekommen. Gebser entwickelt, unter Bezugnahme auf C. G. Jungs Archetypen, in seinem Buch die Theorie, dass auch Gesellschaften Bewusstseinsstufen haben und der Übergang von einer Bewusstseinsstufe in eine andere Synchronizität erfordere. Jeder mag in diesem wundervollen Buch weiterschmökern, das hier zu referieren zu weit führen würde. Die vierte Dimension bezeichnet er als den Einbruch der Zeit in die Gesellschaft: »Der Einbruch der Zeit muss auf alle, die noch am Rationalen als einem ausschließlich gültigen Prinzip festhalten, wie eine letzte Zerstörung der Systeme und Vorstellungen wirken, welche sie als gesichert ansahen und durch die sie sich selber zu sichern suchten.« (S. 90)

Das Rationale nicht mehr ein ausschließlich gültiges Prinzip? Cogito ergo sum eine falsche Annahme? Die Aufklärung nur Hybris? Die Wissenschaft als Stochern im epistemischen Dunkel? All die vielen Wissenschaftsmilliarden, die die Menschheit nicht klüger, sondern nur verwirrter und ängstlicher machen? Hier geht es in diesem weiten Feld nur darum, einen wichtigen Punkt hervorzuheben: Der epochale Bruch der heutigen Zeit ist, dass wir dabei sind, die dritte Dimension wieder aufzugeben, und zwar im Zoom: In der Kachel sind wir wieder zweidimensional, wie in der Miniaturmalerei. 500 Jahre Malereigeschichte einfach einmal weggeworfen für eine Seuche. Dabei rankt sich von jeher ein Mythos um die heilige Zahl drei: Tertium non datur, ein Drittes gibt es nicht. Oder doch? Das Dritte ist noch nicht gesagt oder wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Das Dritte verbindet unsichtbar Himmel und Erde oder die These und Antithese zur Synthese. Den polarisierten Gesellschaften von heute, die ihre Demokratien im Internet verhandeln, das auf einer binären Struktur basiert, fehlt der Geist als das verbindende Dritte.

Und was machen wir mit der vierten Dimension, der Zeit? Wenn wir schon räumlich um eine Dimension in die Kachel zurückgefallen sind? In einer Zeit, in der jeder seinen eigenen, KI-basierten Avatar basteln kann, damit er über seinen Tod hinaus in der Zeit, im Diesseits, bleiben kann, ohne in die Ewigkeit zu gehen? Ein wahrhaft multi-dimensionaler Epochenbruch! Was ist mit der Raum-Zeit-Dimension, wenn wir den Raum zurückschneiden, die (Lebens-)Zeit aber über ein menschliches Erdenleben hinaus dehnen? Wenigstens digital weiterleben wollen …

»Ich habe keine Zeit – dieses Eingeständnis, diese Ohnmachtserklärung des europäisch-amerikanischen Menschen besagt zudem noch ein weiteres; denn wer keine Zeit hat, hat auch keinen Raum. Er ist entweder zu Ende – oder er ist frei.« (Gebser, S. 90) Ich würde mit Gebser eher sagen: Er ist am Ende … à discuter!

Jedenfalls scheint es naheliegend, ein weiteres Element des Epochenbruchs in der mangelnden Synchronizität zu sehen: ganze Gesellschaften, die zwischen analogem und digitalem Leben ihre Dimensionen nicht mehr klarkriegen. Ein gewisser Jörg Sommer, auf dessen E-Mail-Verteiler von demokratie.plus ich irgendwann geraten bin, schrieb in seinem Newsletter #273 vom 27. März 2025 Folgendes:

»Viele junge Menschen heute sind digitale Profis. Sie bespielen souverän ein halbes Dutzend Kanäle, teilen Videos und Bilder aus ihrem Alltag, versuchen sich als Influencer, handeln eine dreistellige Zahl von Nachrichten via WhatsApp, Telegram u. Ä. Aber sie bekommen einen Panikanfall, wenn sie telefonieren sollen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 tauschen sich 95 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren in Deutschland regelmäßig allein über Kommunikationsplattformen aus – im Schnitt erhalten sie 36 Nachrichten pro Tag. Nur jeder Fünfte telefoniert täglich. Die meisten Jugendlichen sind telefonisch nicht erreichbar. Und nur ein kleiner Teil ruft bei verpassten Anrufen zurück. Oft kommt eine kurze WhatsApp-Nachricht: ›Was los?‹ Und das ist schon die Langversion. Manche Dialoge bestehen dann sogar aus einer Kette von Sprachnachrichten. So sehen viele ›Telefonate‹ im Jahr 2025 aus.«

Kurz: Jugendliche von heute sind asynchron, können nicht mehr telefonieren bzw. gleichzeitig miteinander reden. Was macht eine demokratische Gesellschaft, in der Jugendliche nicht mehr miteinander reden können? Was heißt asynchron: Erst einmal nachdenken wollen, was der andere sagt? Keine sofortige Antwort schuldig sein? Ihn möglicherweise mit Worten verletzen können, ohne die menschliche Reaktion (Tränen, Wut, Verzweiflung …) sehen zu müssen? Keine menschliche Interaktion während der Kommunikation mehr zulassen? Schon seit Jahren ist das miteinander reden durch den Begriff miteinander kommunizieren ersetzt worden. Wer aber etwas kommuniziert, ohne die synchrone Gegenrede zuzulassen, kommuniziert nicht: Er befiehlt! Klar ist: Das Telefon ist nicht mehr das Kommunikationsinstrument des 21. Jahrhunderts, sondern das Internet und in der Konsequenz werden wir eine asynchrone Gesellschaft. Ein Shitstorm im Internet ist leichter als im analogen Leben: Die meisten Menschen trauen sich nicht, anderen direkt etwas ins Gesicht zu sagen! Zur Unfähigkeit zu Telefonieren passt die fast peinliche Ansage, die heute bei den Anrufbeantworten fast aller Handys vorprogrammiert ist: »Wenn Sie Ihre Nachricht zu Ende gesprochen haben, dann legen Sie auf.« Was soll man denn sonst tun? Was geht in einer Gesellschaft vor, die derlei Anweisungen braucht? Die Infantilisierung der Gesellschaft ist in vollem Gange.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
02 mart 2026
Hacim:
263 s. 6 illüstrasyon
ISBN:
9783987910852
Yayıncı:
Westend Verlag
Telif hakkı:
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