Kitabı oku: «Forschung in der Filterblase»

IMPRESSUM
Der Verlag Hier und Jetzt wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
Mit weiteren Beiträgen haben das Buchprojekt unterstützt:

Dieses Buch ist nach den aktuellen Rechtschreibregeln verfasst. Quellenzitate werden jedoch in originaler Schreibweise wiedergegeben. Hinzufügungen sind in [eckigen Klammern] eingeschlossen, Auslassungen mit […] gekennzeichnet.
Lektorat: Stephanie Mohler, Hier und Jetzt
Gestaltung und Satz: Diane Fleury, Freiburg / Miriam Koban, Zürich
ISBN Druckausgabe 978-3-03919-500-8
ISBN E-Book 978-3-03919-964-8
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
© 2020 Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte GmbH, Baden, Schweiz
www.hierundjetzt.ch
INHALT
Vorwort von Caspar Hirschi
PROLOG: DIE REALITÄT DES VIRTUELLEN
WISSENSCHAFT KOMMUNIZIEREN: VON DER DEMONSTRATION ZUR PARTIZIPATION
Vergessene Anfänge
Public Understanding of Science
Dialog, Partizipation und Citizen Science
DEMOKRATIE SCHAFFEN: DIE ÖFFENTLICHKEIT UND DIE WISSENSCHAFTEN
Kommunikativ handeln
Helvetischer Pragmatismus
Digitalisierte Granulate
IN DER OFFENSIVE: DIE KOMMUNIKATION DER SCHWEIZER HOCHSCHULEN
Privilegierte: ETH Zürich und ETH Lausanne
Drei symptomatische Fälle: St. Gallen, Tessin, Basel
Das System Westschweiz
Die Fachhochschulen
IM DIENSTLEISTUNGSMODUS: DIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION
Der Nutzen der Organisation
Social Media: Keine Wunderwaffe
Reputation vor Öffentlichkeit
Der Spielraum des Monopolisten
UNTER DRUCK: DER WISSENSCHAFTSJOURNALISMUS
Die vierte Gewalt – subjektiv
Macher, Auftragnehmer, Freischaffender
Copy and paste
AUF EIGENE FAUST: FORSCHENDE UND IHRE FOLLOWER
It’s the economy, stupid!
Geschichte der Gegenwart
Jenseits von Twitter
GUT ERZÄHLEN: VIER THESEN
EPILOG: MIT BILDUNG BESSER LEBEN
Anmerkungen
Literatur
Interviews
Umfrage
Autor
VORWORT
Caspar Hirschi
Noch nie haben Schweizer Hochschulen so viel für ihre Reputation getan, und noch nie war ihre Reputation so fragil wie heute. Jede Forschungs- und Lehrstätte, von den ETH über die Universitäten bis zu den Fachhochschulen, beschäftigt einen Trupp von Kommunikationsprofis, die über zahlreiche Kanäle alter und neuer Medien gute Nachrichten aus dem eigenen Haus in die Welt setzen. Zu den bevorzugten Themen gehören: prestigeträchtige Publikationen, erfreuliche Rankingplatzierungen, erhaltene Preise, Spenden und Qualitätszertifikate, eingeworbene Forschungsmillionen, Inbetriebnahmen neuer Gebäude, Laboreinrichtungen oder Supercomputer, Vorträge bekannter Persönlichkeiten. So ergiesst sich aus den Kommunikationsabteilungen eine Good-News-Lawine, die den Eindruck erwecken könnte, alle Hochschulen unseres Landes befänden sich dank der harten Arbeit und hohen Intelligenz ihres Forschungspersonals in einer beständigen Aufwärtsspirale und seien dabei allein dem Ziel verpflichtet, die Gesellschaft mit dem Segen des wissenschaftlichen Fortschritts zu beglücken.
Wenn sich dieser Eindruck trotz aller Bemühungen nur selten einstellt, so hat dies damit zu tun, dass die gleichen Kommunikationsabteilungen immer öfter mit einer zweiten Aufgabe der konträren Art beschäftigt sind. Sie trägt den euphemistischen Namen «Issue Management» und besteht darin, schlechte Nachrichten über die Hochschule kommunikativ zu bewältigen. Es sind Nachrichten, die oft auf verschlungenen Wegen an die Öffentlichkeit gelangt sind, sei es, weil sie von offizieller Stelle zurückgehalten oder aus rechtlichen Gründen nicht kommuniziert werden konnten. Sind sie einmal bekannt, fällt es den Kommunikationsabteilungen schwer, die mediale Diskussion über ihre Hochschule unter Kontrolle zu bringen. Mal für Mal steigert sich eine punktuelle Kritik an einzelnen Akteuren oder Abteilungen zur Skandalisierung der gesamten Institution. In jüngerer Zeit waren davon vor allem prominente Lehr- und Forschungsanstalten wie die Universität Zürich, die HSG oder die ETH betroffen. Sie gerieten wegen Vorwürfen professoralen Fehlverhaltens in den Strudel öffentlicher Skandale, die sich monatelang hinzogen und sich dabei sukzessive ausweiteten, sodass in mehr als einem Fall nicht nur die kritisierten Professorinnen und Professoren, sondern selbst die Rektoren zum Rücktritt gezwungen wurden. Hat sich eine Hochschule eine hohe Reputation aufgebaut, fällt der Schaden durch Skandale umso grösser aus.
Angesichts der schroffen Gegensätze, die das Bild der Schweizer Hochschulen in der heutigen Medienlandschaft prägen, könnte man meinen, die Arbeit in akademischen Kommunikationsabteilungen sei ideal zugeschnitten auf Menschen mit manisch-depressiver Veranlagung. Tatsächlich legen die meisten Kommunikationsprofis aber einen professionellen Pragmatismus an den Tag, als sei die parallele Verbreitung von guten und die Verarbeitung von schlechten Nachrichten die einzig mögliche Normalität der Wissenschaftskommunikation. Vielleicht haben sie damit sogar recht, nur stellt sich dann umso mehr die Frage, warum die institutionelle Wissenschaftskommunikation in Extremen operiert und dabei den grössten Teil des Hochschulalltags, der sich wie in jeder anderen öffentlichen Institution zwischen diesen Extremen abspielt, kaum darstellen kann.
Wer dieser Frage nachgehen möchte, kommt um Urs Hafners Buch über die Wissenschaftskommunikation von Schweizer Hochschulen nicht herum. Liest man es, versteht man, dass die beiden Bilder der segensreichen und der skandalträchtigen Universität zwei Seiten derselben Medaille sind und sowohl mit den neoliberalen Reformen an Hochschulen als auch mit dem digitalen Wandel der Medien zusammenhängen.
Hafner nimmt in der hiesigen Forschungslandschaft eine Position ein, die ihn für eine Untersuchung dieses Themas geradezu prädestiniert. Erstens war er von 2007 bis 2014 Chefredaktor des Magazins Horizonte und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit für Sozial- und Geisteswissenschaften des Schweizerischen Nationalfonds. Er kennt damit die Bedingungen der institutionellen Wissenschaftskommunikation aus eigener Erfahrung. Zweitens hat er als Autor für den Wissensbund der WOZ und für das Feuilleton der NZZ auch die journalistische Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Geschehen miterlebt und mitgestaltet. Drittens besitzt er als Historiker und freischaffender Wissenschaftsjournalist die nötige Distanz und Unabhängigkeit für eine kritische Auseinandersetzung mit seinem Untersuchungsgegenstand.
Tatsächlich ist dieses Buch von einem intellektuellen Engagement getragen, mit dem Hafner die gegenwärtige Situation der Wissenschaftskommunikation erst geschichtlich einbettet und dann einer systematischen Kritik unterzieht. Er diagnostiziert ein Ungleichgewicht, dem zwei konträre Entwicklungen zugrunde liegen. Zum einen werden Kommunikationsabteilungen von Hochschulen in Nachahmung der privatwirtschaftlichen Corporate Communication stark aufgerüstet, zum anderen die Wissenschaftsressorts unabhängiger Medien im Zuge der Digitalisierung sukzessive ausgedünnt. In der Westschweiz ist dieser Prozess am weitesten fortgeschritten. Während die ETH Lausanne fast zwei Dutzend Vollzeitstellen in ihrer Kommunikationsabteilung hat, beschäftigen die französischsprachigen Tages- und Wochenzeitungen kaum noch Wissenschaftsjournalisten. Dadurch fliessen sowohl die Selbstanpreisungen der Hochschulen als auch die Skandalisierungen universitätsinterner Vorgänge im Internet fast ungefiltert in die Medien. Das polarisierte Meinungsbild hat auch strukturelle Ursachen.
Urs Hafner legt mit diesem Buch keine abschliessende Bestandsaufnahme, sondern eine anregende Diskussionsvorlage für die künftige Gestaltung der Wissenschaftskommunikation und des Wissenschaftsjournalismus in der Schweiz vor. Zu diesem Zweck stellt er abschliessend mehrere Forderungen auf, wie sich die Forschung aus der «Filterblase» der aktuellen Wissenschaftskommunikation befreien kann. Sie verdienen eine fundierte Prüfung. Es ist zu hoffen, dass Wissenschaftlerinnen und Praktiker auf dem Gebiet der Wissenschaftskommunikation die von Hafner beklagte Ängstlichkeit ablegen und sich auf eine offene Diskussion seiner Befunde und Korrekturvorschläge einlassen.
«Caspar Hirschi ist Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität St. Gallen und forscht unter anderem zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik.»
Prolog: Die Realität des Virtuellen
Wie wird heute, im digitalen Zeitalter mit seinen Social Media und den kriselnden Massenmedien, Wissenschaft öffentlich? Auf welchen Wegen gelangen in der Schweiz die Forschungsergebnisse zum Publikum, und welche? Erreichen wissenschaftliche Inhalte nun via soziale Netzwerke fast alle Bürgerinnen und Bürger? Kann man Wissen twittern – und wenn ja, welches? Nur das positivistische? Und wieso gilt die Vermittlung akademischen Wissens überhaupt als wichtig? Wenigstens daran besteht kein Zweifel: Mit der sogenannten Wissenschaftskommunikation, die hauptsächlich von den Hochschulen betrieben wird, kümmert sich eine wachsende Branche um den Wissenstransfer in die Öffentlichkeit. Und daneben sind weitere Akteure aktiv: Wissenschaftsjournalistinnen und Forschende. Einige haben sich auf Twitter eine beachtliche Gefolgschaft aufgebaut.
Auf die sozialen Netzwerke möchte ich hier besonders eingehen, weil sie unsere Kommunikationsgewohnheiten und Mediennutzung verändern. Ich meine vor allem Facebook, Twitter, Instagram, YouTube, LinkedIn und Blogs – und davon nicht zu trennen die Webseiten, zu denen die Kanäle und ihre mit Bewegtbildern animierten Nachrichten meist führen, ob sie nun von einer Hochschule, einem Medienunternehmen oder von Privatpersonen betrieben werden. Fast jede Nachricht im Web zirkuliert heute zunächst als Tweet, als Post oder vielleicht auch als E-Mail – und fast immer kostenfrei. Das Internet und die Gratisökonomie pflügen den Nachrichtenverkehr um: immer mehr, immer schneller, immer kürzer. Die Bezahlschranken, welche die Medienunternehmen im Netz errichten, haben an der Beschleunigung nichts geändert. Wohin diese uns führen wird, darüber rätseln die Medienauguren. Lange hatten die Optimisten die Oberhand: Das Netz habe jegliche Kommunikation demokratisiert, alle könnten sich nun frei äussern und miteinander austauschen. Mittlerweile überwiegt die Skepsis: Die berüchtigten digitalen Filterblasen führten zur Isolierung der Bürgerinnen und Bürger. Indem sich jeder in seinem eigenen virtuellen Spiegelkabinett einrichte, schotte er sich von der realen Welt ab.
Es gibt kein Zurück, aber gibt es ein Vorwärts? Manche wollen das Reale ausgerechnet mit dem Virtuellen zurückgewinnen. 2018 präsentierte das Historische Museum Basel aus Anlass von Jacob Burckhardts 200. Geburtstag zusammen mit der Universität die wissenschaftskommunikative 3-D-Installation «Desktop». Indem sich die Besucherin ein klobiges Brillengestell aufsetzte, verband sie sich mit dem Internet, wo sie in eine virtuelle Welt eintauchte. Das Gerät heisst VR-Brille (VR für Virtual Reality) oder auch Artificial-Reality- oder Mixed-Reality-Brille. Jacob Burckhardt, der so originelle wie reaktionäre Historiker des 19. Jahrhunderts, der fast nur mehr Fachhistorikern bekannt ist, bildet die VR-Ausnahme. Die Regel heisst: Sex und Gewalt, vielleicht auch Design und Kunst. Auch wenn heute global nur rund zwanzig Millionen VR-Brillen in Umlauf sind: Gemäss ihren enthusiastischen Promotoren sind sie «the next big thing». Die VR werde Smartphones und Laptops verdrängen, denen sie haushoch überlegen sei. Bald würden wir nur noch mit solchen – natürlich viel angenehmer zu tragenden – Geräten kommunizieren, Musik hören, arbeiten, uns zerstreuen, einkaufen und Massenmedien konsumieren.
Kann man Burckhardt mit VR in die Gegenwart holen, die Massenmedien für den entlegenen Gegenstand erwärmen, ein junges Publikum für geschichtstheoretische Überlegungen begeistern? Das war der Plan. Sicher ist: Hätte man Burckhardt wie bei seinen letzten Jubiläen eine klassische Museumsausstellung gewidmet, die seinen Schreibtisch, Bilder aus seinem Leben und seine Manuskripte gezeigt hätte, wären die bildungsbürgerlich Interessierten unter sich geblieben. «Desktop» wollte genau das nicht, sondern mithilfe der neuen Medien die Grenzen zum wissenschaftsfernen Publikum überschreiten und diesem die Wissenschaft des Jacob Burckhardt und seiner Historiografie kommunizieren.
Das Resultat ist zwiespältig. Unverkennbar ist einerseits der Mut, mit der Installation Leute zu erreichen, die zwar nicht mit Burckhardt, aber mit Virtual Reality vertraut sind – also ein jüngeres und technikaffines, vermutlich überwiegend männliches Publikum. Allerdings bezwang das mit Wissenschaften und Bürgerkultur nicht vertraute Publikum die hohe Hürde «Museum» kaum. Und selbst wenn es sich in den künstlerisch gestalteten Burckhardt-Raum begeben hätte: Es hätte zur Figur Jacob Burckhardt, zum Historismus, zu Burckhardts Renaissance, zur Historiografie, zum Sinn des Historischen, zum Rassismus des 19. Jahrhunderts nicht viel erfahren.
Zugegeben: Der Kommunikation und Vermittlung von Wissenschaft geht es nicht mehr darum, das unwissende Publikum mit Wissen zu versorgen und sein Bildungsdefizit zu beheben. Die Wissenschaftskommunikation sowie der Wissenschaftsjournalismus sollten weder nach dem Modell des Lexikons noch des Wissensquiz funktionieren. Aber: Was könnten dann das Ziel und der Effekt der Vermittlung von Wissenschaft, einer Ausstellung oder Installation zum Beispiel zu Jacob Burckhardt sein? Wird VR die Wissenschaftskommunikation erobern? Ich riskiere keine Prognose. Mein Buch hält den Stand der Wissenschaftskommunikation in der Schweiz fest. Die Zukunft wird weisen, was die Analyse taugt.
Zuerst wird Definitionsarbeit geleistet: Da die Begriffe Wissenschaftskommunikation, Wissenschaftspopularisierung und Wissenschaftsjournalismus nicht trennscharf benutzt werden, versuche ich zu klären. Das Kapitel öffnet zudem den historischen Raum: Wissenschaftskommunikation ist nicht neu. Ihre Anfänge datieren ins 19. Jahrhundert, als es noch keine Kommunikationsabteilungen gab, als aber prominente Professoren insbesondere die Naturwissenschaften popularisierten. Danach wende ich mich dem Verhältnis von Wissenschaften und Öffentlichkeit in Wissensgesellschaften zu. Die Bestimmung des Verhältnisses ist grundlegend für dieses Buch: Wenn die Entstehung der Demokratie und der Wissenschaften miteinander verknüpft sind, wie der Sozialphilosoph Jürgen Habermas behauptet, dann ist die Kommunikation der Wissenschaften mit der Res publica bedeutsam. In diesem Kapitel wird diskutiert, ob die beiden Systeme – Wissenschaft und Politik – überhaupt miteinander kommunizieren können und wozu diese Kommunikation gut sein soll. In der Schweiz ist in der politischen Sphäre eine ganz besondere Vorstellung von Bildung, Wissenschaft und Forschung dominant. Es regiert der Pragmatismus.
Weiter werden die Hochschulen beziehungsweise ihre Kommunikationsabteilungen ins Visier genommen. Sie sind in der Schweiz die wichtigsten Produzentinnen von Wissenschaftsnews. In den letzten zwanzig Jahren haben sie einen rasanten Aufstieg erlebt. Manche besitzen gar eine Videoabteilung und ein Fernsehstudio. Ich präsentiere drei für meine Fragen aufschlussreiche Fälle: die Universitäten St. Gallen, Tessin und Basel. St. Gallen ist eine Vorreiterin der multimedial-digitalen Kommunikation; viele Abteilungen würden gerne so produzieren. Die kleine Università della Svizzera italiana (USI) arbeitet nach einem neuen Konzept, das die Kommunikation nahtlos in die Wettbewerbsstrategie der Universität einbindet; auch dies schwebt nicht wenigen Hochschulen als Ideal vor. Basel schliesslich, eine mittelgrosse Volluniversität, setzt mit breiter Themenpalette pragmatisch auf den digitalen Wandel. Ihre Wissenschaftskommunikation steht für die der meisten Universitäten: Sie präferiert einen journalistischen Ansatz, der seine Grenzen am Ruf der Institution findet, der keinen Schaden nehmen darf. Zudem werfe ich einen Blick auf das «System Westschweiz» und die Fachhochschulen. Nicht zuletzt präsentiere ich Zahlen zur Social-Media-Kommunikation der universitären Hochschulen.
Es zeigt sich: Die Reputation der Hochschulen steht über allem. Hat die Studentin noch vor zwanzig Jahren ihr Fach an einer Universität belegt, so studiert sie heute bei einem «UZH-Forscher». Das Branding der Hochschulen – UZH steht natürlich für Universität Zürich – und die Hervorhebung ihrer Forschungserfolge gehen einher mit ihrer unternehmerischen Profilierung und dem verschärften Bildungswettbewerb. Auf kommunikativer Ebene stechen die Institutionen des Bundes, die Eidgenössischen Technischen Hochschulen, hervor. Die neuen Möglichkeiten werden von den Wissenschaftskommunikatoren nicht nur als Chance und Bereicherung, sondern auch als Überforderung wahrgenommen. Eine mögliche Antwort darauf ist: Masse. Es sieht so aus, als ob der Bann der Quantität heraufzöge: «Post it or perish!» – um die berüchtigte, mittlerweile selbst von Forschungsförderungsorganisationen unter Beschuss geratene Wissenschaftlerdevise «publish or perish» zu paraphrasieren.
Heute ist die Wissenschaftskommunikation in der Öffentlichkeit viel stärker präsent als der üblicherweise auf die Naturwissenschaften ausgerichtete Wissenschaftsjournalismus. Diesem widmet sich das Kapitel «Unter Druck: Der Wissenschaftsjournalismus»: Wie ist er in der Schweiz aufgestellt, wie geht er den Umbruch in den Medien an? Dass der Wissenschaftsjournalismus mit Existenznöten kämpft, ist kein neuer Befund, macht diesen deswegen aber nicht weniger akut. In der Demokratietheorie der Gewaltenteilung kommt dem Wissenschaftsjournalismus eine wichtige Funktion zu: Er soll den Bürgerinnen und Bürgern dabei helfen, darüber zu diskutieren, welche Forschung die Gesellschaft braucht. Und er sollte das Forschungsmanagement aufmerksam beobachten.
Schliesslich werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die selbst Wissenschaft unter die Leute bringen, porträtiert. Ihre Tätigkeit wird vom Aufstieg der sozialen Netzwerke begünstigt. Manche Professorinnen setzen auf Twitter, andere auf Blogs und Webportale. Die Forschenden erzielen zum Teil erstaunliche Reichweiten, und sie kommen direkt mit den Medien in Kontakt, ohne die Vermittlung von Kommunikationsprofis. Allerdings zeigt sich, dass sie die nichtakademische Öffentlichkeit in der Regel kaum erreichen.
Das Fazit ziehe ich in Form von vier Thesen: Die konstatierten Sachverhalte sowie die Lösungsvorschläge werden provokativ zugespitzt. Sie sollen die Realität transzendieren. Drei Begriffe sind zentral: Reputationsmanagement, Erwartungsüberschuss, Reflexionswissen. Sie verdichten die Mängel wie auch das Potenzial der Wissenschaftskommunikation und des Wissenschaftsjournalismus. Wahrscheinlich stärkt die intensivierte Nutzung der sozialen Netzwerke das Erscheinungsbild der Hochschulen. Für das vertiefte Verständnis der Wissenschaften in der Öffentlichkeit leisten die Social Media aber wenig. Dafür bräuchte es einen radikalen Wissenschaftsjournalismus.
Wozu soll die Kommunikation der Ergebnisse der Wissenschaften, also die an die Öffentlichkeit gerichteten Mitteilungen zur Praxis der Forschung, gut sein, wenn nicht für die Gestaltung einer für alle lebenswerten Gesellschaft? Zu glauben, dieses Ziel erreichten die Wissenschaften und ihre Verwalter von sich aus, hiesse einmal mehr, einer technokratischen Fantasie aufzusitzen – wie es die Apostel der Digitaltechnik tun, wenn sie verkünden, die «Science» werde mit «Big Data» die Demokratie retten. Plato schwebte ähnliches vor, einfach ohne Netz. Es ist komplizierter. Der Historiker Walter Scheidel hat kürzlich zu bedenken gegeben, dass vielleicht bald eine «biomechatronisch» optimierte Elite über die Normalsterblichen herrschen werde.1 Die Segnungen der Technik kommen nicht allen zugute. Es ist umgekehrt: Wenn schon, müssen die Bürgerinnen und Bürger die Demokratie retten. Die Wissenschaften können ihnen dabei nur helfen, wenn sie sich ihrerseits helfen lassen von den Kommunikatorinnen und Journalisten.
Dieses Buch hat den Anspruch, eine dichte Beschreibung der wissenschaftskommunikativen Landschaft der Schweiz zu liefern. Zum einen schöpfe ich aus meiner langjährigen Erfahrung als Wissenschaftsjournalist und Wissenschaftskommunikator (so habe ich von 2007 bis 2014 für den Schweizerischen Nationalfonds die Öffentlichkeitsarbeit für die Sozial- und Geisteswissenschaften verantwortet). Zum anderen habe ich für diese Studie über dreissig Interviews geführt, überwiegend mit den Kommunikationschefs von Schweizer Hochschulen, dazu mit Wissenschaftsjournalisten und kommunikationsaffinen Professorinnen. Ergänzend habe ich unter den Hochschulen eine Umfrage zum Social-Media-Gebrauch gemacht sowie ihre Webseiten, sozialen Netzwerke und Wissenschaftsmagazine analysiert (siehe Anhang). Vier der Interviews habe ich in San Francisco, Berkeley und Stanford geführt. Die letzten Recherchen und der Abschluss des Buches erfolgten in San Francisco.
Dank der Unterstützung von Swissnex San Francisco, einer Einrichtung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation, haben viele Kommunikationsstellen von Schweizer Hochschulen den Sprung ins digitale Zeitalter geschafft. Ich meinerseits bin Swissnex dankbar für die Benutzung seiner Online-Umfragen sowie die freundliche Betreuung vor Ort und die Begleichung meiner Mietkosten. Apropos Geld: Dieses Buch ist grosszügig von der Gebert Rüf Stiftung finanziert worden. Für die Druckkosten ist unkompliziert die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften aufgekommen. Namentlich geht mein herzlicher Dank an: Michael Bürgi, Jon Mathieu, Marco Vencato und Mirjam Janett für das Gegenlesen und Kommentieren des Manuskripts, Philipp Dubach für Hinweise auf die US-Ökonomen-Blogszene, Sheila Fakurnejad für die Vermittlung der Kontakte in San Francisco und schliesslich alle Interviewpartnerinnen und -partner für die Zeit, die sie sich genommen haben.
Wissenschaft kommunizieren: Von der Demonstration zur Partizipation
Wenn eine Professorin einen Tweet mit Link zu einem ihrer Paper oder in einer Zeitung einen Artikel veröffentlicht, wenn die Kommunikationsstelle einer Universität eine Medienmitteilung publiziert oder den Kurzfilm zu einem neuen Labor auf YouTube hochlädt, wenn ein Massenmedium über ein neues Forschungsresultat oder die Verleihung eines Wissenschaftspreises berichtet, wenn schliesslich Forschende sich mit anderen Forschenden oder mit Laien über ihre Arbeit unterhalten: Dann werden in der einen oder anderen Weise Wissenschaft und Wissen vermittelt und – kommuniziert. Die Wissenschaftskommunikation ist in vieler Munde, der Begriff deckt ein weites Feld ab. Er ist also unscharf. Wer sich mit anderen über Wissenschaftskommunikation unterhält, kommt nicht umhin, den Begriff zu klären. Zuweilen wird er gar mit Kommunikationswissenschaft verwechselt: Dann ist die babylonische Verwirrung garantiert. Der Begriff fordert von seinen Benutzerinnen und Benutzern also definitorische Klärung ein, mithin kommunikatives Handeln im Sinne des Sozialphilosophen Jürgen Habermas: Was meinen wir und warum, wenn wir zu anderen von Wissenschaftskommunikation reden?2
Der Kommunikationswissenschaftler Mike S. Schäfer, eine der führenden Stimmen an der Forschungsfront zur Wissenschaftskommunikation, hat folgende Definition aufgestellt: «Wir verstehen Wissenschaftskommunikation als alle Formen von auf wissenschaftliches Wissen oder wissenschaftliche Arbeit fokussierter Kommunikation, sowohl innerhalb als auch ausserhalb der institutionalisierten Wissenschaft, inklusive ihrer Produktion, Inhalte, Nutzung und Wirkungen.»3 Die Definition besagt, dass sowohl interne und externe, also nach aussen gerichtete Wissenschaftskommunikation, als auch Wissenschaftsjournalismus, Wissenschafts-PR und schliesslich auch Wissenstransfer und Wissenskommunikation zur Wissenschaftskommunikation zählen. Kurzum: Alles, was kommunikativ irgendwie mit Wissenschaft zu tun hat, fällt unter Wissenschaftskommunikation, selbst die Versuche der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ihr Wissen nicht nur einem breiteren Publikum, sondern auch fachfremden Kollegen näherzubringen.
Diese Definition geht zu weit. Wenn fast alles Wissenschaftskommunikation ist, verschwinden die Grenzen und ist am Ende fast nichts mehr Wissenschaftskommunikation. Der Makel der Definition besteht nicht zuletzt darin, die Unterschiede zwischen erstens den Texten und Produkten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, zweitens der Public Relations und drittens des Wissenschaftsjournalismus zu verwischen. Die drei Felder unterscheiden sich kategorial. Die verschiedenen Akteure, nämlich die Wissenschaftlerin, der für ein Massenmedium arbeitende Wissenschaftsjournalist und die Wissenschaftsjournalistin, die in einer Hochschulkommunikationsabteilung angestellt ist, haben je unterschiedliche Kommunikationsmotive und -interessen. Daher sind ihre Äusserungen voneinander abzugrenzen. Als Wissenschaftskommunikation bezeichne ich nur die Anstrengungen öffentlicher – theoretisch: auch privater –, sich mit Wissenschaft und Forschung beschäftigender Institutionen, die Öffentlichkeit über ihre Tätigkeiten und Resultate zu informieren, die klassische PR eben.
Die Wissenschaftskommunikation ist mit den PR und dem Marketing Teil der Corporate Communication, der Unternehmenskommunikation einer Institution. Während Letztere sich mit der internen und externen Kommunikation von allem Möglichen beschäftigt, etwa dem Budget, der Strategie, Personalia und Kooperationen – und diese Kommunikation erfolgt selbstredend im Interesse der Institution –, kümmert sich die Wissenschaftskommunikation nur um die Wissenschaft und Forschung der Institution, traditionell um deren Resultate. Dem Begriff eignet ein Moment neutraler Vermittlung und Übersetzung: Die Wissenschaftskommunikation informiert die Öffentlichkeit zwar nicht unabhängig, aber sachlich korrekt über das Tun der Forschenden. Sie sagt wertfrei, was Sache ist, und gilt als das Gegenteil von Fake News. Dass sie Teil der PR ist, der beispielsweise auch das Marketing unterstellt ist, geht oft vergessen.
Die Grenzen zwischen Wissenschaftskommunikation, PR und Marketing sind fliessend. Wenn etwa die Kommunikationsabteilung des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) Studierende, oder wenn eine Hochschule Maturanden mittels der Berichterstattung über Wissenschaften dafür begeistern will, künftig vom Angebot der Institution Gebrauch zu machen, also sich um finanzielle Unterstützung zu bewerben oder ein Studium aufzunehmen, dann geht Wissenschaftskommunikation in das Marketing über und umgekehrt. Bezeichnenderweise ist in diesem Fall die Rede von «Kunden». Wenn aber die Hochschule mit passgenauen Aktivitäten in den sozialen Netzwerken, etwa mit hübschen Stimmungsbildern vom Hauptgebäude der Institution, möglichst talentierte und wohlhabende Studierende aus dem Ausland akquiriert, um so ihre Stellung im Konkurrenzkampf zu verbessern, ist das nicht weniger Marketing, als wenn die Weiterbildungsabteilung mit Inseraten um zahlungskräftige Absolventen ihrer MAS-Kurse buhlt. Der Unterschied zwischen Marketing und Wissenschaftskommunikation ist den meisten Hochschulen bewusst: Ersteres ist Werbung und Reklame, Letztere vermittelt quasi objektiv Resultate. Selbst wenn die beiden Bereiche auf dem Organigramm der gleichen Einheit angehören, sind sie räumlich und organisatorisch getrennt – was natürlich nicht ausschliesst, dass die Wissenschaftskommunikation dennoch im Dienst des Marketings erfolgt.
Ebenfalls keine Wissenschaftskommunikation liegt vor, wenn etwa der SNF die Mitarbeiterinnen seines Generalsekretariats über seinen Betriebsausflug orientiert oder seine Beitragsbezüger über ein neues Gesuchsformular – nur schon aus dem simplen Grund, weil es nicht um wissenschaftliche Inhalte geht. Das rechtzeitige und korrekte Ausfüllen des richtigen Formulars mag, falls die Handlung eine finanzielle Unterstützung zur Folge hat, die wissenschaftliche Arbeit überhaupt erst ermöglichen oder erleichtern, hat aber mit Forschung nichts zu tun. Die Wissenschaftskommunikation der Kommunikationsabteilung adressiert traditionell die breite Öffentlichkeit, während die institutionelle Kommunikation sich oft nur an die interne Belegschaft richtet oder beispielsweise an den Auftrag- oder Finanzgeber. Die Ausdifferenzierung der Zielpublika der Kommunikation ist eine neuere Erscheinung; in ihren ebenfalls noch nicht weit zurückliegenden Anfängen hiess die «Communication» oder «Com» oft einfach Presseabteilung oder Pressedienst, weil die Massenmedien der mit Abstand wichtigste Adressat waren.
Die adressierte Öffentlichkeit der Wissenschaftskommunikation sind im Sinne Habermas’ die Bürgerinnen und Bürger, die sinnierend und diskutierend, also kommunikativ handelnd an der Demokratie teilhaben, ob sie nun die Staatsbürgerschaft besitzen oder nicht. Auch wenn die Wissenschaftskommunikation aus der breiten Öffentlichkeit Teilöffentlichkeiten und Zielpublika herauspickt, die sie erreichen will – seien es die Jungen, die Alten oder die Wissenschaftsfernen –, wird sie die Allgemeinheit, die Res publica, nicht ausschliessen, im Gegenteil. In diesem Punkt treffen sich Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus. Stets hat die Wissenschaftskommunikation ihren Informationsauftrag vor Augen: Sie soll die Bürgerinnen und Bürger befähigen, informiert über die Belange des Gemeinwesens zu streiten und fundierte Entscheide zu treffen. Öffentliche Hochschulen oder Forschungsförderungsinstitutionen sind in der Regel gesetzlich verpflichtet, die Öffentlichkeit über ihre Tätigkeiten zu informieren.
Das Universitätsgesetz des Kantons Neuenburg etwa legt fest, dass die Universität durch die Vermittlung ihrer Forschungsresultate dazu beitrage, den Wissensstand der Gesellschaft zu vergrössern (Art. 2, Abs. 3). Der SNF verpflichtet sich in seinen Statuten, dass seine Geschäftsstelle «für die Valorisierung der Förderungstätigkeit […] und für eine wirkungsvolle Kommunikation mit der Öffentlichkeit» sorgt (Art. 27 d).4 Doch selbst wenn die Institutionen gesetzlich nicht dazu verpflichtet wären, würden sie die Informationstätigkeiten ohnehin unterhalten – im Eigeninteresse. Heute betreibt jede Wissenschafts- und Forschungsinstitution eine mehr oder weniger ausgefeilte Kommunikation und Wissenschaftskommunikation. Und auch wenn diese anders als das Marketing nichts verkauft und um keine Kundinnen wirbt, läuft sie letztlich und implizit auf Imagepflege, Reputationsaufbau und mehr oder weniger erfolgreiche Werbung in eigener Sache hinaus.
Die Wissenschaftskommunikation der Institutionen kann unterschiedlich ausfallen: Sie kann übertrieben sein, sachlich, marktschreierisch, akademisch, poppig, angemessen und so weiter – aber immer wird sie darauf bedacht sein, ihre Institution nicht in einem nachteiligen Licht erscheinen zu lassen. Dies ist das Grundgesetz der Wissenschaftskommunikation, die Teil der PR ist. Sie ist Wissenschaftspromotion. Und sie wird nie dem Willen, den Absichten und Resultaten der Forschenden widersprechen: Sie steht in deren Diensten, sie ist deren Dienstleisterin. In diesem Punkt unterscheiden sich Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus. Wenn der Wissenschaftler findet, dass die Wissenschaftskommunikatoren seine Forschung falsch oder trivial darstellen, werden diese die Darstellung den Wünschen des Wissenschaftlers anpassen – selbst wenn sie überzeugt sind, dass ihre Darstellung verständlicher, adäquater, publikumsgerechter sei. Die Wissenschaftskommunikation ist abhängig nicht nur von der Institution, sondern auch von der Wissenschaft – anders als der Wissenschaftsjournalismus. Wissenschaftskommunikation erfolgt durch Wissenschaftskommunikatoren. Studiengänge in Wissenschaftskommunikation bestehen bis heute allerdings kaum. Sie ist also historisch nicht verwandt mit der Ausbildung in Corporate Communication oder PR. Meist wird die Wissenschaftskommunikation von Leuten betrieben, die aus dem Journalismus oder dem Wissenschaftsjournalismus kommen und idealerweise wissen, wie Forschung funktioniert, also ein Hochschulstudium absolviert oder sogar selbst geforscht haben.
Wenn eine Wissenschaftlerin an ihrer Universität eine Vorlesung hält, ist das noch keine Wissenschaftskommunikation, sondern wissenschaftlicher Diskurs, egal wie verständlich, unverständlich oder exzellent diese Vorlesung auch sein mag. Wenn aber die Wissenschaftlerin ihre Vorlesung in einem Text verdichtet, der auf der Webseite der Kommunikationsabteilung erscheint, ist dies Wissenschaftskommunikation, weil der wissenschaftliche Diskurs den Filter der Kommunikationsabteilung passiert hat. Selbst wenn der Text in der Kommunikationsabteilung nicht verändert wurde: In den Augen des Wissenschaftssystems hat er an wissenschaftlicher Qualität verloren. Man rezipiert die verschriftlichte Vorlesung nicht mehr als reine Wissenschaft, da sie nun im Dienst der PR steht. Und das tut sie tatsächlich. Ein auf der Webseite der Universität publizierter Text eines Wissenschaftlers wird weder Kritik an der Universität noch an Fachkollegen enthalten, auch nicht an solchen einer anderen Schweizer Hochschule. Denkbar hingegen ist, dass eine solche Kritik im Seminar geäussert wird. Die PR schränkt die Äusserungsmöglichkeiten des Wissenschaftlers ein.
Wenn eine Professorin sich nicht an ihre Fachkollegen wendet, sondern mit einem Vortrag an ein nicht wissenschaftliches Publikum, handelt es sich nicht um Wissenschaftskommunikation, weil erstens keine Wissenschaftskommunikatorinnen und zweitens die Institution nicht involviert sind. Wenn Wissenschaftler die Öffentlichkeitsarbeit selbst übernehmen, also sich explizit an ein breites, nicht wissenschaftliches Publikum wenden, spreche ich von Wissenschaftspopularisierung. Als Beispiel ist die Kinderuniversität zu nennen: Wissenschaftler lassen sich möglicherweise von den Wissenschaftskommunikatorinnen ihrer Hochschule oder von Experten für Social Media schulen, treten aber selbst in Kontakt mit den kleinen Kundinnen. Das heisst: Der Wissenschaftler will seine Arbeit aus einem letztlich aufklärerischen Impetus unter das Volk bringen, auch wenn Eigeninteresse oder narzisstische Motive ausschlaggebend sein können. Er will sein Wissen mitteilen; welche Rolle dabei seine Institution spielt, ist ihm egal. Er will sie nicht legitimieren und denkt dabei nicht an ihren Ruf. Und er denkt wohl auch nicht an seine Fachkollegen.
Die Wissenschaftspopularisierung ist mit der Wissenschaftskommunikation und dem Wissenschaftsjournalismus verwandt. Wenn der Wissenschaftskommunikator Wissenschaft kommuniziert, popularisiert er auch, aber der Unterschied bleibt bestehen: Er berichtet über etwas, das er nicht selbst produziert hat, und er berichtet im Interesse der Institution. Die Tätigkeit der Wissenschaftsjournalistin hat auch einen kommunikativen Aspekt, aber sie ist keine PR, sondern eben: Journalismus. Und das heisst definitionsgemäss: subjektiv, investigativ, provokativ, kritisch. Historisch betrachtet geht die Wissenschaftspopularisierung dem Wissenschaftsjournalismus und der Wissenschaftskommunikation voraus. Angesichts des beeindruckenden Aufstiegs der Wissenschaftskommunikation in den letzten beiden Jahrzehnten geht oft vergessen, dass nicht sie die Erfinderin der Vermittlung akademischen Wissens an ein nicht wissenschaftliches Publikum ist. Die Wissenschaftspopularisierung existierte bereits im 18. und 19. Jahrhundert, als es noch keine Kommunikationsexperten gab.
VERGESSENE ANFÄNGE
Schon die Naturforscher des 17. Jahrhunderts wandten sich nicht nur an ihresgleichen, sondern auch an ein interessiertes Publikum. Man unterschied kaum zwischen Wissenschaftlern und Laien – die Trennung bestand noch nicht, weil es weder ein ausdifferenziertes Wissenschaftssystem noch eine eigentlich bürgerliche Öffentlichkeit gab. Die ersten Zuschauer der Demonstrationen der Wissenschaftler waren die höfische Gesellschaft und der Adel. Die Forscher suchten dieses Publikum, weil dessen Status ihren Experimenten Glaubwürdigkeit verlieh. So wohnten den Versuchen des englischen Naturforschers Robert Boyle «Gentlemen» bei, und auch «Galileis Erkenntnisse [bedurften] der Patronage des Grossherzogs der Toskana, um ‹epistemologische Würde› zu erlangen», wie der Wissenschaftssoziologe Peter Weingart schreibt.5
Im 18. Jahrhundert weitete sich das Publikum aus, zumal zahllose Amateurwissenschaftler die Bühne betraten. Öffentliche Demonstrationen von Experimenten mit Überraschungseffekten und Unterhaltungswert bezogen das Publikum mit ein: im vornehmen Salon, in der Akademie (die der Universität vorausging), im Hörsaal der Universität, im Kaffeehaus, vor der Jahrmarktsbude und zunehmend auch in den Zeitschriften. Eine bürgerliche Öffentlichkeit entstand. Sie liess sich von den Wissenschaften verblüffen und war für diese eine Garantin der Wissenschaftlichkeit. Ohne Publikum hätten die Wissenschaften keine Gewähr gehabt, dass sie valide waren. Und sie wollten ihr Publikum nicht nur belehren oder aufklären, sondern auch amüsieren und unterhalten. Diese zwei Aspekte einer wissenschaftskommunikativen Beziehung sollten bis zur Jahrtausendwende fast vollständig verschwinden.
Im 19. Jahrhundert veränderte sich das Feld der Wissenschaften: Mit neuen Akademien, Universitäten, technischen Hochschulen, Experimentierräumen und Labors entstanden spezielle Orte, an denen wissenschaftliches Wissen gelehrt und produziert wurde. Sie waren nicht für ein Publikum gedacht. Die neuen naturwissenschaftlichen Präzisionsinstrumente mussten von ihm abgeschottet werden, da seine Anwesenheit die Messresultate verfälscht hätte. Das Forschungsphänomen wurde nicht mehr unmittelbar demonstriert, sondern nachträglich mit mittelbaren Darstellungen bezeugt, insbesondere mit Texten. Auszunehmen von dieser Entwicklung sind die Geisteswissenschaften: Ihre Spezialisierung hat sie nie im gleichen Masse von der Öffentlichkeit entfernt wie die Naturwissenschaften. Viele prominente Historiker, Philosophen und Literaturwissenschaftler waren immer in Kontakt mit einer zumindest bildungsbürgerlichen Öffentlichkeit, die ihre Werke rezipierte. Insbesondere die Historiker standen Staat und Gesellschaft nahe, indem sie diese mit Nationalgeschichten versorgten.
Die Kommunikation der Wissenschaft spaltete sich laut Weingart im 19. Jahrhundert auf: Die primäre Kommunikation richtete sich via Fachjournale an die Fachkollegen und die «Scientific Community». Allmählich bildeten sich disziplinäre Fachsprachen aus. Daneben entstand die Wissenschaftspopularisierung hauptsächlich der Naturwissenschaften: der Biologie, Zoologie, Botanik, Geologie und Astronomie. Die «Popularisierer» oder «Popularisatoren», wie sie hiessen – Naturwissenschaftler, Schriftstellerinnen, zunehmend Journalisten –, wandten sich zunächst an das gebildete Bürgertum, das sich in Lesegesellschaften und Vereinen organisierte. In der Schweiz nahm die Zahl der Vereine fast explosionsartig zu, wie der Historiker Hans Ulrich Jost gezeigt hat: Sind für das Jahr 1810 etwa fünfzig Vereine bekannt, rechnet er für das Jahr 1910 mit knapp 1200.6 Wie viele davon sich mit Wissenschaften beschäftigten, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich hatte aber jeder Kanton seine eigene Naturforschende, Antiquarische oder Historische Gesellschaft und ähnliches mehr.
Man besuchte Sternwarten, botanische Gärten und Museen, man las populäre Zeitschriften und Magazine. Wissenschaftliches Wissen galt als nützlich, unterhaltsam und spannend, wobei die Aufklärung der Laien stets ein Vermittlungsmotiv blieb. Es ist paradox: Das bürgerliche Publikum, das sich für Wissenschaften interessierte, trug zu deren Verselbstständigung in einer autonomen Sphäre bei, schreibt der Historiker Andreas W. Daum.7 Doch die beiden Sphären, die wissenschaftliche und die gesellschaftliche, waren nie ganz getrennt. In den Vereinen etablierte sich zum Beispiel der populärwissenschaftliche Vortrag, der ein breites Publikum adressierte. Vorträge wurden nicht nur von enthusiastischen Amateurwissenschaftlern gehalten, sondern auch von Professoren, die für ihre Ausführungen ein Honorar erhielten. Die Ausrichtung am Publikumsgeschmack war erwünscht, wie Daum zeigt. In Hamburg etwa bat man den deutschen Physiologen Emil du Bois-Reymond, damals einer der prominentesten Wissenschaftler überhaupt, seinen Vortrag etwas zu «colorieren», worauf er ihm einen neuen Titel verlieh: «Warum müssen wir für unser tägliches Brot beten, und was versteht die Physiologie unter täglichem Brote?»8 1899 schrieb der ebenfalls prominente Zoologe und Darwinist Ernst Haeckel im Vorwort der siebten Auflage seines populärsten Buches «Die Welträthsel»: «Die vorliegenden Studien sind […] für die denkenden, ehrlich die Wahrheit suchenden Gebildeten aller Stände bestimmt.»9
Die lebhafte Wissenschaftspopularisierung im Deutschland des 19. Jahrhunderts widerlegt das Klischee der traditionell abgehobenen Professorenschaft im Elfenbeinturm.10 Natürlich bezeichneten manche Akademiker die Popularisierung als Wissenschaftstrivialisierung. Wenn der kollegiale Druck zu gross wurde, griffen die Popularisierer aber auch selbst auf das Argument zurück: Ihre Popularisierung sei seriös im Gegensatz zu den unseriös-trivialen Popularisierungen. Doch namhafte Professoren waren sich nicht zu schade, die Integration der Wissenschaften in die bildungsbürgerliche Kultur voranzutreiben. Der Markt für populärwissenschaftliche Medien expandierte massiv: von Zeitschriften und Büchern über Vorträge bis hin zu Ausstellungen in Museen. In Deutschland wurden um 1700 rund 60 solcher Zeitschriften herausgegeben; 1790 waren es bereits über 700, 1875 fast 2000, 1914 schliesslich knapp 6500. Ging es in den populärwissenschaftlichen Periodika zunächst noch um den «ästhetischen, aufklärerischen und philosophischen Genuss der ‹Einheit der Natur›», wie die Historikerin Barbara Orland schreibt, wurden Naturwissenschaft und Technik «als entscheidender Motor für den Fortschritt präsentiert», der sich in beeindruckenden Errungenschaften manifestierte: Eisenbahn, elektrischer Antrieb und Beleuchtung, Telegraf. Das heisst: Der Nutzen gewann an Bedeutung.11
Für die Schweiz hat der Historiker Jon Mathieu die medizinischen Periodika des 19. Jahrhunderts untersucht, die sich um die «Volksgesundheitspflege» kümmerten.12 Ein Arzt und Politiker schrieb in den 1880er-Jahren: «Eine grosse Aufgabe in der hygienischen Aus- und Fortbildung des Volkes fällt der Presse zu, die durch eine derartige eingreifende Thätigkeit mehr Nutzen stiften könnte als durch politische und confessionelle Zänkereien.»13 Zwischen 1850 und 1900 erschienen knapp 3000 Artikel zu medizinisch-hygienischen Themen in populären Zeitschriften, und es wurden fast 300 neue Unterhaltungs- und Belehrungsblätter gegründet. Die meisten Artikel widmeten sich den Themen Gesundheit und Sauberkeit, zunehmend auch dem Äusseren des Körpers und der häuslichen Umgebung. Die Mehrheit der Artikel wurde von den universitären Zentren und ihrem Umfeld angeregt. Die Verfasser und die in den Texten genannten Personen trugen häufig akademische Titel und gaben sich durch ihren Beruf als Fachmänner zu erkennen, als Ärzte, Naturforscher und Chemiker. Oder sie konnten dem wachsenden Kreis eines halbwissenschaftlichen Journalismus zugeordnet werden. Oft druckten die neuen Unterhaltungs- und Belehrungsblätter Artikel aus Fachblättern ab. Wie Mathieu hervorhebt, versuchte man, die Form des populären Mediums zu beachten: Man präsentierte die wissenschaftlichen Stoffe so, dass Laien sie verstehen konnten und sie vielleicht sogar unterhaltsam fanden. Die Artikel adressierten zwar oft die stetig wachsende Arbeiterschaft und die Unterschichten – in der drängenden Überzeugung, diese hätten die Aufklärung besonders nötig: «Die Armen und Lohnabhängigen waren prädestiniert für Krankheit und Schmutz und wurden vielleicht nicht ungesünder, bestimmt aber dreckiger», schreibt Mathieu.14 In Wirklichkeit erreichten sie aber oft nur die bürgerlichen Schichten. Die Zeitschriften kursierten weder in der Arbeiterschaft noch im Kleinbürgertum.
Viele Artikel fallen durch ihren praktischen Inhalt auf, sie beschreiben beispielsweise Heilmittel oder Reinigungsverfahren. Wissenschaftliche Theorien und Methoden indes werden nicht erläutert. Dennoch wird immer wieder betont, man befinde sich im «naturwissenschaftlichen Zeitalter». So lautete auch der Titel einer Rede, die der Erfinder und Industrielle Werner Siemens 1886 an der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Berlin hielt – und «welche via ‹Alpenhorn› auch im Emmental zu vernehmen war, wo sie ‹jedem Leser zu ernstem Nachdenken› empfohlen wurde».15 Der angestrebte Wissenstransfer funktionierte jedoch nicht wunschgemäss. Die populären Medien liessen sich nicht kontrollieren und instrumentalisieren, so wie es den Akademikern vorschwebte, sondern entwickelten eine primär den Absatz im Auge behaltende Autonomie, und die ausserakademische Medizin mit ihren zivilisationskritischen Idealen der Harmonie und Naturheilkraft verschaffte sich immer wieder Gehör. Wiederholt wurde auch Kritik an den Ärzten und der neuen Wissenschaft der Hygiene laut. Ein «volkstümliches Echo auf diese Art des Wissenstransfers gab der bekannte Reim, welcher die ‹Moderne Wissenschaft› als Haarspalterei und akademisches Gezänk persiflierte und 1890 im aufgeschlossenen ‹Familien-Wochenblatt› aus Zürich abgedruckt wurde», so Mathieu: «‹Der Erste hat das Haar gespalten, Und einen Vortrag darüber gehalten; Der Zweite fügt es neu zusammen, Und muss die Ansicht des Ersten verdammen; Im Buche des Dritten kann man lesen, Es sei nicht das richtige Haar gewesen.›»16
Ein wichtiges Argument für die Popularisierung wissenschaftlichen Wissens war der Hinweis auf die öffentliche Bedeutung der Wissenschaften. Die akademische Medizin, so wurde immer wieder erklärt, leiste einen erheblichen Beitrag zum Wohlstand, zur Wehrkraft, zur Bildung und Sittlichkeit von Volk und Nation sowie zur Lösung der sozialen Frage und Versöhnung der politischen Gegensätze. Doch die Realität sah anders aus: Oft trug die Wissenschaftspopularisierung nicht weiter zur «Entzauberung der Welt» bei, wie es der Soziologe Max Weber formuliert hat, sondern im Gegenteil zu ihrer Wiederverzauberung. Die Popularisierer verpackten naturwissenschaftliche Erkenntnisse publikumsgerecht und reicherten sie mit Spiritismus, Anthropomorphismus und Kosmologischem an – keine Spur von Atheismus und nüchternem Naturverständnis. Die Popularisierung vereinigte im Verständnis der Zeit das fachliche wie künstlerische Talent ihres Autors, strebte bei der Materialauswahl keine fachliche Vollständigkeit an, explizierte weder Methode noch Erkenntnisgang, setzte auf Anschaulichkeit, bevorzugte das Medium Sprache – Bilder fanden kaum Verwendung –, gestaltete diese dichterisch und vermied Fachtermini.
Nicht zu vernachlässigen ist der politisierte Kontext. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte Zensur, die von der Kirche mitgetragen wurde. Diese beäugte den Darwinismus argwöhnisch. Darwinisten und Antidarwinisten bekämpften sich. Die Faszination für die Naturwissenschaften stiess bei Staat und Kirche auf Vorbehalte. Diese verteidigten den neuhumanistischen Bildungsbegriff. Schliesslich emanzipierten sich die bürgerlichen Milieus, in denen die popularisierten Wissenschaften kursierten: Sie befreiten sich von der obrigkeitlichen Bevormundung. Nicht zuletzt dieser politisierte Kontext gab der Wissenschaftspopularisierung gesellschaftliche Relevanz, auch wenn deren Ausrichtung letztlich eine das Publikum versichernde Note aufwies: Die ästhetisierenden und emotionalen Berichte über das Naturganze ermöglichten die gefahrlose Identifikation mit den Naturwissenschaften. Die Popularisierer griffen Themen auf, die das bürgerliche Publikum bewegten, aber nicht beunruhigten.
Dies belegen die zahlreichen Vereine. Sie boten nicht nur Vortragenden einen Rahmen, sondern praktizierten eine frühe Form von «Citizen Science», von bürgergestützter Wissenschaft. Hier kamen die an den Wissenschaften interessierten Bürger, die besonders in Kleinstädten, die keine Universität oder Akademie besassen und eine wichtige Rolle bei der Verbreitung wissenschaftlichen Wissens spielten, in Kontakt mit Botanikern und Zoologen. Für die Deutschschweiz hat der Historiker Tobias Scheidegger gezeigt, wie die Kleinstädter, in der Regel unterstützt von der im Hintergrund wirkenden Gattin, dem Naturmuseum vorstanden, die naturschützenden und die Natur erforschenden Vereine präsidierten und als Biologielehrer an der Kantonsschule wirkten.17 Ihre Wissenschaft war so materialreich wie theoriefern, und das wussten sie: In Selbstbescheidung nannte einer sein Tun «petite science». Die Männer standen nicht bloss mit den professoralen Grössen an den Hochschulen in Kontakt und waren untereinander verbunden, sondern auch mit den Dorfschullehrern in den Gemeinden. Diese unterstützten sie beim Sammeln und lauschten an den Jahresversammlungen ihren Ausführungen. Man tauschte Käfer, informierte über Fundorte, schickte einander Zeitschriften zu, ging auf Exkursion. An diesem Wissensmilieu partizipierten viele Laien. Das naturkundliche Dispositiv mit seinen Diskursen und Institutionen, seiner Architektur und Moral brach nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander.
Die Wissenschaftspopularisierung war zunächst ein bürgerliches Phänomen. Ab der Jahrhundertwende entstand parallel dazu eine proletarische Wissenschaftspopularisierung, ebenfalls in Vereinen und via Zeitschriften. In Wien und Berlin wurden Arbeiterbildungsvereine gegründet, allen voran die Berliner Gesellschaft Urania. Der Nationalökonom Otto Neurath, Austromarxist und Mitglied des Wiener Kreises, entwickelte für die Arbeiterinnen und Arbeiter eine Darstellungslehre für die verständliche Präsentation komplexer Sachverhalte in statistischen Bildern.18 Selbst Analphabeten sollten nach dem Besuch der Kurse imstande sein, auf wissenschaftlicher Basis argumentieren zu können: gegen Metaphysik, Ideologien, Religion und Pseudorationalismus. Die Arbeiterschaft sollte von ihren falschen Idolen befreit für die Verbesserung ihrer Lebensumstände auf wissenschaftliches Wissen zurückgreifen können. Der Sozialismus sah für die Wissenschaften eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der klassenlosen Gesellschaft vor. Anders als in der bürgerlichen Wissenschaftspopularisierung kam hier den Wissenschaften keine affirmative Funktion zu. Sie sollten dazu beitragen, die herrschende Ordnung zu stürzen.
Erst die Katastrophe des Ersten Weltkriegs dämpfte die Fortschrittseuphorie. Die Bevölkerung wurde gewahr, dass die Wissenschaften und insbesondere die Technik zerstörerische Seiten haben. Ab den 1920er-Jahren verlor die Wissenschaftspopularisierung ihre Stellung, die sie seit dem 18. Jahrhundert genossen hatte. Das Wissenschaftssystem bildete ein negatives Bild der Öffentlichkeit aus: Diese sei unwissend und wissenschaftlich ungebildet, die Bürgerinnen und Bürger ohnehin desinteressiert. Die Wissenschaftler sprachen der massendemokratischen Öffentlichkeit die Fähigkeit ab, wissenschaftliche Erkenntnisse zu verstehen. Die Popularisierung der Wissenschaft wurde «von Seiten der Wissenschaftler nurmehr als überflüssig und störend angesehen sowie inhaltlich als ‹Verunreinigung›», schreibt Weingart.19 Ein Wissenschaftler, der sich in die Niederungen der Popularisierung begab, der also einem Laienpublikum in einfachen Worten zu erklären versuchte, was er im Labor tat, schadete seinem Ruf. Die Kollegen belächelten und verachteten ihn. Wer in einem Massenmedium publizierte, galt bald schon als «Simplifizierer», der die komplexe Forschungsarbeit scheue. Wer Wissenschaft popularisiere, hiess es, habe den Anspruch aufgegeben, an der Forschungsfront zu wirken.
Der Niedergang der Wissenschaftspopularisierung in der Zwischenkriegszeit fiel mit dem Aufstieg der kommerziellen Massenmedien zusammen. Nun versuchten auflagenstarke Zeitungen, die Aufmerksamkeit des Massenpublikums mit neuen Nachrichten zu gewinnen. In ihrem redaktionellen Angebot deckten die Naturwissenschaften nur mehr einen kleinen Teil ab – und keinesfalls den wichtigsten. Sie wurden zunehmend vom sich formierenden Wissenschaftsjournalismus beackert. Dieser konzentrierte sich indes in der Logik der Massenmedien auf die Wissenschaften: «Die Wissenschaft [wurde] zur Nachricht», so Weingart.20 Diese Nachricht wurde in dramatisierter Form an die Konsumentinnen und Konsumenten verkauft. Die Wissenschaften hatten für die Medien nur dann einen Wert, wenn sie eine Neuigkeit, wenn sie «News» waren. Sie verschwanden mit dem Ende der Wissenschaftspopularisierung und dem Aufstieg der kommerzialisierten Massenmedien aus der Öffentlichkeit. Die Wissenschaften wurden dem Publikum so fremd, wie sie ihm wohl nie gewesen waren seit ihrer Entstehung im 17. Jahrhundert. Viele Wissenschaftler begaben sich ins Exil des berüchtigten «Elfenbeinturms».
Nicht von ungefähr wurde der alte Begriff um die Mitte des 20. Jahrhunderts populär: Er diente primär einer Wissenschafts- und Universitätskritik, die «irrelevante» akademische Theorien und Praktiken identifizierte. Der Verband Deutscher Studentenschaften stellte 1960 seine Versammlung unter das Motto «Abschied vom Elfenbeinturm»: Das Ziel war die Öffnung der elitären Universitäten für die Gesellschaft. Dagegen versuchen Geisteswissenschaftler bis heute, den Begriff positiv umzudeuten, um die Universität vor Ökonomisierung und Pragmatisierung zu bewahren. Nur wer in Ruhe und entlastet von ökonomischem Druck und alltäglicher Handlungsroutine nachdenken könne, gewinne wertvolle Erkenntnisse.
PUBLIC UNDERSTANDING OF SCIENCE
In den 1970er-Jahren schreckten nicht nur aufmüpfige Studentinnen und Studenten, sondern auch zivilgesellschaftliche Bewegungen die Welt der Akademie auf. Bürgerinnen und Bürger protestierten gegen pannenanfällige Atomkraftwerke und prangerten die Verschmutzung der Umwelt an. Für beides sei die fortschrittseuphorische und technikgläubige Forschung mitverantwortlich. Plötzlich fanden sich die Wissenschaftler in einer Rolle wieder, die ihnen ganz und gar nicht behagte: der des Dr. Frankenstein, der Leben zerstört.
Die Wissenschaften und ihre Institutionen reagierten: Sie riefen die moderne Wissenschaftskommunikation ins Leben – diese entstand erst in den 1980er-Jahren. Dass sie auf die Zustimmung der Öffentlichkeit angewiesen sind, haben Schweizer Wissenschaftler allerdings schon viel früher bemerkt. Bereits ab 1922 erschien die Schweizerische Hochschulzeitung (SHZ), die – zunächst noch unter dem Namen Hochschul-Nachrichten – von der Vereinigung Schweizerischer Hochschuldozenten, dem Verband der Schweizerischen Studentenschaften und der Schweizerischen Zentralstelle für Hochschulwesen herausgegeben wurde. Zwischen 1970 und 1987 wurde die Zeitung unter weiteren Namen publiziert, zuletzt als Die Synthese.21
Ihr Chefredaktor war lange Jahre der konservative Wissenschaftshistoriker Eduard Fueter, zuletzt Dozent für internationale Forschungsorganisation an der ETH Zürich. In den 1930er- und 1940er-Jahren beschäftigte sich das Blatt beispielsweise mit der Geistigen Landesverteidigung, der militärischen Organisation und den schweizerischen Mundarten. Die SHZ war ein frühes und eigenartiges Produkt einer Wissenschaftskommunikation ohne Wissenschaftspopularisierung, das indes wissenschaftspolitisch bedeutsam war. Herausgegeben von wissenschaftlichen Gremien, wendete sich die Zeitschrift an ein Publikum, das diesen Gremien nahestand. Die ausserakademische Öffentlichkeit gehörte nicht zur Zielgruppe. Was die SHZ machte, würde heute über die Kommunikationsstellen der Wissenschaftsverwaltung und der Hochschulen abgewickelt.
Wie die Historiker Antoine Fleury und Frédéric Joye bemerken, verständigten sich in der SHZ Akademiker über die Rolle der Wissenschaften in der Schweiz. Über das Blatt wurde die Gründung des Schweizerischen Nationalfonds im Jahr 1952 vorangetrieben. Die sich engagierenden Forscher waren davon überzeugt, dass ihnen eine grosse Bedeutung in der Gesellschaft zukomme und dass «sie ihren Elfenbeinturm verlassen und sich an den Bemühungen um nationalen Zusammenhalt beteiligen mussten». Die Plädoyers gingen oft in die Richtung, dass Hochschulen, Unternehmen, Politik und Bundesbehörden sich einander annähern müssten, um Ausbildung und Forschung zu unterstützen und den akademischen Nachwuchs zu sichern – und dass die Behörden dies zu wenig täten.
Der Physiker Alexander von Muralt, der Begründer des SNF, schrieb 1946: «Das ganze Volk muss die Überzeugung haben, dass die Förderung der Wissenschaft notwendig ist und im Gesamtinteresse liegt. […] Wenn jeder Bürger, jeder Unternehmer und jeder Parlamentarier überzeugt werden kann, dass von der Förderung der Wissenschaft die Kultur unseres Landes und von dieser die wirtschaftliche Wohlfahrt abhängt, so wird auch die nötige Opferfreudigkeit sich einstellen. Es bedarf also einer Aufklärungsaktion, die aber nicht Aufgabe der Bundesbehörden sein kann, sondern die von den Hochschulen ausgehen muss.»22 Alexander von Muralt forderte Jahrzehnte vor der demokratischen Öffnung der Hochschulen nichts weniger als eine Wissenschaftskommunikation avant la lettre – eine Wissenschaftskommunikation, die auf Aufklärung, Überzeugung und Politik setzte. Zu vermuten ist, dass von Muralt, auch wenn er vom «ganzen Volk» sprach, doch eher nur die Mittelschichten und nur die Männer im Blick hatte.
Diese Art von Kommunikation wird heute etwa vom Netzwerk Future, einem Verbund von Hochschulen, Wissenschaftlern und Politikerinnen, oder von Swissuniversities betrieben, der Rektorenkonferenz der schweizerischen Hochschulen – mit dem Unterschied, dass heute Kommunikationsprofis am Werk sind, wo von Muralt das Engagement seinesgleichen vorschwebte. Man kommt nicht umhin, den ideologischen Charakter seiner Zeilen zu bemerken – ideologisch in dem Sinne, dass das Eigeninteresse der Akademiker als das Interesse aller beziehungsweise das Nationalinteresse ausgegeben wird. Denn selbst wenn man konzediert, dass die Wissenschaften eine tragende Rolle spielen: Mit welchem Recht behauptet der Professor, dass das ganze Volk überzeugt davon sein müsse, die Förderung der Wissenschaft sei notwendig? Mit gleichem Recht könnte der Landwirt behaupten, dem der Nutzen von Wissenschaft und Forschung ganz und gar nicht einleuchtet, dass die Förderung der Landwirtschaft im Interesse des ganzen Landes sei. Womit er nicht unrecht hätte.
Die 1980er-Jahre also markieren die Geburtsphase der modernen Wissenschaftskommunikation. 1985 veröffentlichte die Royal Society of London, die ehrwürdige, 1660 gegründete Akademie der Wissenschaften des Vereinigten Königreichs, den «Bodmer Report», der das aus heutiger Sicht paternalistische Konzept des «Public Understanding of Science» begründete: Der Wissenschaftler erklärt dem Laien die Welt.23 Die Motivation war in etwa die gleiche wie die von Muralts: Die Wissenschaften brauchen für ihre Existenz mehr gesellschaftlichen Support. Aber die Bedingungen hatten sich geändert. Neben der Forschungsskepsis waren – zumindest in England – PR-Organisationen entstanden.
Die Annahme der Royal Society war einfach: Weil die Bürgerinnen und Bürger zu wenig über Naturwissenschaften und Technik Bescheid wüssten, seien sie gleichgültig oder feindlich eingestellt, dabei wären sie doch im Grunde sehr wohl wissbegierig. Es erginge sowohl der Nation als auch den Individuen besser, wenn die Öffentlichkeit ein vertieftes Verständnis von Wissenschaft hätte. Daher seien die Wissenschaften und namentlich die Statistik besser im Schulunterricht zu verankern, die Lehrer gründlicher auszubilden und die Bibliotheken besser zu finanzieren, und es brauche mehr wissenschaftliche Vorträge für interessierte Personen und vor allem für die Kinder. Die Royal Society plädierte indes nicht für ein schönfärberisches Wissenschaftsverständnis – und schon gar nicht einfach für «Fact News»: «Understanding includes not just the facts of science, but also the method and its limitations as well as an appreciation of the practical and social implications.»24 Die Grenzen der Wissenschaft aufzuzeigen heisst zu sagen, was sie dank welchen Methoden kann, aber auch, was sie nicht kann.
Der «Bodmer Report» nahm die Medien ins Visier: Sie müssten mehr über die Wissenschaften berichten. Einfach sei das jedoch nicht: «The scientific community and the media work in very different ways and are, on the whole, often ignorant of each others’ procedures and constraints.»25 Um dies zu ändern, schlug die Royal Society vor, dass die Chefredaktoren ihre Journalisten ermuntern sollten, mehr wissenschaftliche Themen in ihre Berichte einzubauen. Und zweitens müssten die Wissenschaftler lernen, mit Journalisten zu kommunizieren. Sie dürften diese Aufgabe nicht delegieren. Die Royal Society sprach Klartext – so klar, ist zu vermuten, wie ein Wissenschaftler zu einem Journalisten sprechen müsste: «In the past, professional scientists have mostly delegated to others the task of communicating science to the public. Within the scientific community there is still often a stigma associated with being involved in the media. Such attitudes are not appropriate. Given the importance of public understanding of science and the extent to which scientists must be democratically accountable to those who support their training and research through public taxation, it is clearly a part of each scientist’s professional responsibility to promote the public understanding of science.»26 Jede Doktorandin und jeder Doktorand, hält der «Bodmer Report» fest, müsse die wesentlichen Punkte ihrer respektive seiner Arbeit einem breiten Publikum erklären können. Dieser Punkt ist hervorzuheben: Der Bericht kommt zwar zum Schluss, dass alle wissenschaftlichen Institutionen gute PR-Organisationen haben sollten, nimmt jedoch den einzelnen Wissenschaftler in die Pflicht. Die Aufgabe der Wissenschaftskommunikation obliegt ihm. Authentisch erklärt er der Öffentlichkeit, was Sache ist.
DIALOG, PARTIZIPATION UND CITIZEN SCIENCE
Das Konzept des Public Understanding of Science, das von der Royal Society entworfen wurde, prägte mit seiner elitären Haltung die frühe Wissenschaftskommunikation: Wissende erklärten Unwissenden die Welt. Davon hat sich die Wissenschaftskommunikation im neuen Jahrtausend verabschiedet. Die Schweizer Stiftung Science et Cité (SeC) setzte schon 1998, im Jahr ihrer Gründung, auf den Dialog, ihr deutsches Pendant, die 1999 ins Leben gerufene Organisation Wissenschaft im Dialog, trägt diesen sogar im Namen, und die Unesco propagierte ebenfalls noch im alten Jahrhundert die «Science for all»: Wissenschaft stehe nicht nur im Dienst aller, sondern könne durch alle realisiert werden.
Heute ist nicht nur vom gleichberechtigten Dialog und von Partizipation die Rede, sondern auch von Citizen Science, also von bürgergestützter Wissenschaft. Der Begriff ist 1996 von einem US-amerikanischen Ornithologen geprägt worden. Er bezeichnet seither die von Forschungsinstitutionen gestarteten Initiativen, die Laiinnen und Laien miteinbeziehen, indem sie sie ermuntern, Daten zu sammeln, die der Forschung zugutekommen – Vögel und Pflanzen zu zählen, das Verhalten des eigenen Körpers aufzuzeichnen, Fotos zu datieren. Das haben die Mitglieder der naturforschenden Gesellschaften im 19. Jahrhundert auch schon gemacht. Citizen Science wird in mehreren Disziplinen meist über Webplattformen praktiziert: in Biologie, in Umweltwissenschaften, in Astrophysik, im Gesundheitswesen, in Geografie, aber auch in Geschichte und Archivwissenschaften. Wenn Forschungsinstitutionen Citizen Science betreiben, werden sie dabei von ihrer Wissenschaftskommunikation unterstützt. Für diese ist die Bürgerwissenschaft ein geeignetes Vehikel, um ihre Ziele zu erreichen, also mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten und diese davon zu überzeugen, dass die Wissenschaften sinnvoll seien.
Doch Citizen Science ist nicht unproblematisch, wie auch der Dialog und die Partizipation es nicht sind: Die Begriffe unterstellen, dass Wissenschaft und Forschung offene Unterfangen sind, zu denen alle etwas zu sagen haben und an denen alle mitmachen können, wenn sie denn wollen. Natürlich kann ich als Bürger den Archäologen fragen – falls ich ihn irgendwo antreffe –, welchen Nutzen seine Forschung habe, und natürlich kann ich der Teilchenphysikerin zu verstehen geben, dass ich das Cern, die Europäische Organisation für Kernforschung, zu teuer fände. Beide werden versuchen, mich vom Sinn ihres Tuns zu überzeugen und von der hohen Relevanz ihrer Erkenntnisse. Diesen Wortwechsel einen Dialog auf Augenhöhe zu nennen, wäre indes reichlich übertrieben. Genauso übertrieben ist es, einen älteren Mann, der die auf einer Luftaufnahme abgebildete unbekannte Ortschaft bestimmen kann, weil er dort aufgewachsen ist und sich an ein markantes Gebäude erinnert, das nicht mehr steht, einen Wissenschaftler zu nennen, auch wenn seine Angabe für das Archiv, das im Besitz des Bildes ist, hilfreich ist und vielleicht sogar eine Doktorandin der Geschichte weiterbringt. Das Sammeln von Daten gehört zur Wissenschaft, aber nicht zum Kern der Forschung. Citizen Science entspricht mehr der Wunschvorstellung der Forschungsinstitutionen als dem tatsächlichen Engagement von Nichtwissenschaftlern im Forschungsfeld, zumal die Sammeltätigkeiten selten zu wissenschaftlichen Publikationen führen. In ihrer soziometrischen Twitter- und LinkedIn-Analyse kommt die Sozialwissenschaftlerin Elise Tancoigne von der Universität Genf zum Schluss, dass die Mehrheit der Personen, die von Citizen Science reden, selbst Wissenschaftlerinnen sind. Citizen Science wird vor allem von Frauen propagiert, die sich als «Citizen-Science-Koordinatorinnen» bezeichnen, und bedeutet in diesem Rahmen meist das Sammeln von Daten für den Umweltschutz.27
Die deutsche Stiftung Wissenschaft im Dialog hat 2016 die «Leitlinien der guten Wissenschafts-PR» aufgestellt.28 Sie umfassen eine ganze Menge, nämlich dass die gute Wissenschaftskommunikation das Verständnis für die Arbeitsweise der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stärkt; die Ängste und Vorbehalte der Bürgerinnen und Bürger in die Wissenschaften trägt; aus der «Fülle der Informationen» die für die Gesellschaften relevanten herausarbeitet; «faktentreu» vorgeht; Grenzen, Interessen und Finanzen der Forschung transparent macht; Informationen zielgruppengerecht aufbereitet; «wertegeleitet» vorgeht. Die Werte sind unter anderen folgende: Nutzen für die Gesellschaft, Transparenz, Offenheit der Wissenschaft für den Dialog, Selbstkritik, Unabhängigkeit, die Prinzipien der guten wissenschaftlichen Praxis. Die «Leitlinien» sind ein irritierendes Papier. Sie wollen in einer medial sich im Umbruch befindenden Realität – die Stichworte seien: soziale Netzwerke, wachsende Wissenschafts-PR, boulevardisierte Wissenschaftskommunikation – Orientierung und Gegensteuer geben. Das Unterfangen ist gut gemeint, aber vor allem symptomatisch. Denn wenn eine Branche sich explizit Werte gibt, an denen man sich orientieren soll, ist zu vermuten, dass sie in eine Krise geraten ist. Die «gute Praxis» ergibt sich in der Regel aus der Berufspraxis selbst, in die mehr oder weniger vernünftige Menschen eingeführt werden. Wer jahrelang in der Kommunikationsabteilung einer Universität tätig war und plötzlich vorgesetzt bekommt, er solle transparent, offen und selbstkritisch arbeiten, wird irritiert sein, denn implizit wird ihm unterstellt, dass er bisher intransparent, verschlossen und beratungsresistent gewirkt habe. Und wer neu in dieses Berufsfeld eintritt, wird sich fragen, ob man denn hier nicht faktentreu gearbeitet habe?
Die «Leitlinien» sind ein Symptom der von der Politik gesteuerten Autonomisierung und Verbetrieblichung der Hochschulen. Sie bedeutet für die Wissenschaftskommunikation, dass sie stärker als bisher der Strategie der Hochschulen folgen muss. Sie ist eben nicht unabhängig, sondern steht im Dienst einer Hochschule, die im verschärften internationalen Bildungswettbewerb um Drittmittel, angesehene Professoren, wohlhabende Studierende und bessere Positionen in Rankings kämpft. Hilflos sind die Ausführungen, die sich auf die Wissenschaften beziehen; eine, die mit Leib und Seele Forscherin ist, würde auf sie mit Unverständnis reagieren, ist zu vermuten. Soll sie sich etwa von den «Ängsten» eines uniformierten Dilettanten von ihren Experimenten abhalten lassen? Damit würde sie ihr wissenschaftliches Ethos verraten. Und sie schafft neue Ergebnisse, validierte Resultate, wohlformulierte Erkenntnisse, aber keine «Informationen». Diese liefern der Auskunftsdienst und das Nachschlagewerk, nicht aber die Forschenden; die Früchte ihrer Arbeit so zu bezeichnen, kommt deren Geringschätzung gleich. Schliesslich: der «Nutzen für die Gesellschaft». Die Hochschulen werden nicht müde zu betonen, dass Wissenschaft und Forschung der Gesellschaft vielfältig nützen, auch ökonomisch. Die Nutzendiskussion aber ist komplex, vertrackt und für die Wissenschaften gefährlich. Der ökonomische Nutzen eines universitär angestossenen Start-ups bedeutet noch lange nicht den ökonomischen Nutzen für alle. Hat die Gesellschaft einen Nutzen von Robotern in Altersheimen? Von Geoengeneering? Oder von Bürgerinnen und Bürgern, die durch Forschung zur Selbstreflexion angehalten werden?
Die Stiftung SeC agiert zurückhaltender als ihr deutsches Pendant. Historisch bildet SeC in der Schweiz die nationale Verkörperung der Wissenschaftskommunikation schlechthin. Nach eigenen Angaben fördert die siebenköpfige Stiftung, die den Akademien der Wissenschaften Schweiz angeschlossen ist, «den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Sie setzt sich für die Wertschätzung und das Verständnis aller Wissenschaften ein und thematisiert deren Chancen und Grenzen. SeC fördert die Rückmeldungen der Zivilbevölkerung an die Wissenschaften, im Besonderen über Wertefragen.»29
Drei strategische Schwerpunkte verfolgt die Stiftung: erstens den «direkten Dialog zwischen Forschenden und Bürgerinnen und Bürgern» – dies vor allem mittels der klassischen «Wissenschaftscafés», an denen Forschende und Leute aus der Berufspraxis sich mit dem Publikum über aktuelle Themen unterhalten, etwa über interreligiöse Paarbeziehungen, die Faszination des Gehirns, die Zukunft Berns oder den Kindergarteneintritt. An manchen Veranstaltungen nehmen bis zu 200 Personen teil. Auffällig ist, dass die Themen in der Regel wenig kontrovers, wenig «intellektuell» und sehr «angewandt» sind. Die Fachhochschulen sind stärker vertreten als die Universitäten. Der zweite Schwerpunkt der Stiftung ist neu die digitale Interaktion, für die eigens ein Social-Media-Manager eingestellt wurde. Er betreut die Kanäle der sozialen Netzwerke. Auf Facebook etwa wirbt SeC mit Videos vor allem für Citizen-Science-Projekte: Die Leute sollen weniger Plastik verbrauchen, um die Verschmutzung der Weltmeere zu stoppen. Die Anzahl der Facebook-Abonnenten beträgt 1200 (Stand Juli 2018). Der dritte Schwerpunkt fördert den Dialog zwischen den Akteuren der Wissenschaftskommunikation mit einem zweijährlich stattfindenden Kongress.
In den letzten Jahren hat SeC einen Bedeutungsverlust hinnehmen müssen. Um 2012 diskutierte das Parlament gar die Abschaffung der Stiftung; ihr Budget wurde halbiert, ein neues Team trat an. Die Stiftung hatte sich in ihrer damaligen Form überlebt. Sie war 1998 vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation im Nachgang zur abgelehnten Genschutzinitiative gegründet worden, die den «Schutz von Leben und Umwelt vor Genmanipulationen» forderte. Die Wissenschaftsverwaltung und die Industrie stellten erschreckt fest, dass ein Graben zwischen Wissenschaft und Bevölkerung klaffe, der die Forschung bedrohe. Hinter der Stiftung standen die vier Akademien der Wissenschaften der Schweiz, der SNF sowie der Handels- und Industrieverein (heute Economiesuisse). Gut dotiert organisierte sie 2002, 2005 und 2009 grosse Wissenschaftsfestivals, dazu Bürgerforen und die Wissenschaftscafés. SeC agierte unter dem Paradigma des «Dialogs auf Augenhöhe», den sie nun erweitert hat um die Interaktion in den sozialen Netzwerken und die Partizipation im Rahmen der Citizen-Science-Projekte.
SeC war eine der ersten Institutionen der Schweiz, die im grossen Stil Wissenschaftskommunikation nach dem Dialogprinzip betrieb. Heute organisieren die meisten Hochschulen ihre eigenen Wissenschaftsfestivals und Wissenschaftscafés, an denen sie sich selbst und ihr Personal in Szene setzen. In den urbanen Zentren, namentlich im Raum Zürich mit seiner grossen Universität, der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, sei SeC deshalb zum Beispiel kaum mit Veranstaltungen präsent, sagt Geschäftsführer Philipp Burkard. Die Stiftung bearbeite strategisch Nischen, sowohl geografisch als auch thematisch, zum Beispiel in mittelgrossen Städten und auf dem Land: Da könne man Hemmschwellen abbauen. Wenn man Wissenschaftskommunikation nicht auf die Hochschulen beschränke, sondern weiter fasse und also auch Museen, Zoos und botanische Gärten miteinbeziehe, dann sehe man, dass diese Kommunikation sehr wohl etwas bringe.
Der Wissenschaftsbarometer Schweiz bestätige, dass die meisten Leute wissenschaftsfreundlich seien, sagt Burkard. SeC wolle zudem zeigen, dass die Wissenschaftskommunikation nicht nur Ergebnisse darstelle und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich uneinig seien, denn Wissenschaft sei ein diskursives Feld. Eine zeitgemässe Wissenschaftskommunikation trage nicht nur Erfolgsstorys vor, denn die Wissenschaft sei kein ideales System und bringe auch enttäuschende Resultate hervor.
Zu behaupten, dass SeC auch Misserfolge thematisiere, wäre indes übertrieben; ein Blick auf die Tätigkeiten der Stiftung hat keinen solchen Fall zutage gefördert. Eine Pionierleistung etwa in Bezug auf die Nutzung sozialer Netzwerke hat SeC auch nicht erbracht; manche Hochschulen haben da seit Längerem mehr Erfahrungen gesammelt. Auffallend hingegen ist, dass SeC sich um die niederschwellige Kontaktaufnahme mit der wissenschaftsfernen Bevölkerung bemüht, ohne sich im Glanz von Exzellenz, Spitzenforschung und Innovation zu sonnen, wie das die Organe der Wissenschaftsverwaltung des Bundes gerne tun. SeC dürfte gerade deshalb auf ein breites Publikum weder arrogant noch einschüchternd noch abschreckend wirken. Videowettbewerbe und Facebook-Posts richten sich an Lehrlinge und Krankenpflegerinnen, nicht an Studierende.
Fraglich bleibt, ob der Geist der Forschung – das praxisferne und nutzenfreie Reflektieren – in den Öffentlichkeitsaktionen sichtbar wird. Wie gesagt: Wer Vögel zählt, leistet der Biologie unter Umständen einen grossen Dienst, aber das Zählen von Vögeln ist keine Forschung. Forschung liefert unter Umständen Anstösse für neue Medikamente, umweltschonende Autos, eine humane Palliative Care. Doch deren Realisierungen rufen eben auch nicht intendierte negative Folgen hervor. Gerade die höchsten Erwartungen in technologische Wunder wurden immer wieder enttäuscht. Was macht die Wissenschaftskommunikation damit? Fraglich ist zudem, wie gross die Breitenwirkung der mit bescheidenen Mitteln ausgestatteten Stiftung ist. Sie muss sich mit dem Backen kleiner Brötchen bescheiden. Dass sie an Bedeutung verloren hat, ist symptomatisch: Die in eine Art bildungsunternehmerische Selbstständigkeit geschickten universitären Hochschulen und Fachhochschulen haben ihre Selbstpromotion ausgebaut. Realisiert wird diese von den Kommunikationsabteilungen. Und diese agieren von den Institutionen ausgehend, die Teil der Gesellschaft sind, in die Wissensgesellschaft hinein.
Demokratie schaffen: Die Öffentlichkeit und die Wissenschaften
In welcher Gesellschaft leben wir? Die Beantwortung dieser Frage ist deshalb wichtig, weil sie hilft, die Rolle zu verstehen, welche die Wissenschaftskommunikation in der Gesellschaft spielt.30 «Gesellschaft» ist ein Terminus der Soziologie, der auf die Bestimmung der «Welt» zielt, in der die Menschen leben. Allerdings ist die Soziologie sich nicht einig: Sie führt verschiedene Gesellschaftsdeutungen und Zeitdiagnosen im Angebot, die je mit verschiedenen theoretischen Prämissen und analytischen Zugängen zum Forschungsgegenstand verbunden sind: Bürgergesellschaft, Digitalgesellschaft, Klassengesellschaft, Risikogesellschaft, Wissensgesellschaft … Hier ist nicht der Ort für eine Forschungsdiskussion. Für meine Untersuchung bediene ich mich des Begriffs der Wissensgesellschaft. Er ist hilfreich, weil er auf die steigende Bedeutung von Wissenschaft und Forschung in der Gesellschaft abzielt – was aber nicht heissen soll, dass nicht auch andere Merkmale der Gesellschaft bedeutsam sind, etwa die soziale und ökonomische Ungleichheit oder die Ausweitung des Dienstleistungssektors.
Die Wissensgesellschaft unterstellt erstens, dass Forschung heute der wichtigste Produktionsfaktor ist und also von riesiger ökonomischer Bedeutung. Insbesondere in der Schweiz ist die wissenschaftspolitische Rede vom innovativen Wissenschaftsstandort mit derjenigen von der Wohlfahrt der Volkswirtschaft und dem Gemeininteresse verknüpft. Zweitens besagt der Begriff Wissensgesellschaft, dass heute die ganze Gesellschaft von wissenschaftlichem und professionellem Wissen durchwirkt ist, wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. In der Tat bestehen quasi keine von wissenschaftlichem Wissen freien Räume mehr; in früheren Zeiten wären dies etwa die von Erfahrungswissen gesättigte Landwirtschaft gewesen oder die von religiösem Glauben erfüllten sakralen Sphären. Das Wissen der Vorfahren, Traditionen und das religiöse Wissen haben massiv an Bedeutung verloren. Der von den Soziologen Luc Boltanski und Arnaud Esquerre konstatierte neue «Geschichtswert» in den Bereichen Kultur und Tourismus, wo alles möglichst alt, traditionell und authentisch sein soll, ist just ein Symptom dafür.31 Der wichtigste Ort der Wissensproduktion sind die Hochschulen. Hier erwerben jährlich Tausende junger Menschen nicht nur Diplome, sondern im Idealfall die Fähigkeit zu experimentieren, zu forschen, komplexe Texte zu lesen, wissenschaftlich zu arbeiten und nachzudenken – und neues Wissen zu generieren. Die Hochschulen haben in den letzten Jahrzehnten einen spektakulären Ausbau erfahren, die Studierendenzahlen steigen weiter.
KOMMUNIKATIV HANDELN
Die Wissensgesellschaft ist indes älter. Man kann ihre Entstehung in das 18. Jahrhundert datieren. Wissen, Bildung und Forschung sind nämlich nicht nur machtvolle ökonomische Produktivkräfte, die heute angeblich den Wohlstand und das Wachstum der postindustriellen Nationen fördern. Sie sind auch ein Garant für die Partizipation der Bürgerinnen und Bürger am Gemeinwesen. Wie das? Der Schlüsselbegriff lautet «Öffentlichkeit». Es war zunächst das bürgerliche Publikum, das die Öffentlichkeit bildete – nun jenseits der höfischen Repräsentation, die das Volk nur als jubelnde oder grüssende Staffage für seine herrschaftlichen und genealogischen Inszenierungen brauchte, jenseits aber auch der gebildeten Welt und der sogenannten Gelehrtenrepublik. Die Bürgerinnen und Bürger gewannen in neuen Vereinen und Salons, in literarischen Fehden, in freien Zeitschriftenbeiträgen und privaten Korrespondenzen ein neues, egalitäres Selbstbewusstsein. Der neue Raum der Öffentlichkeit ermöglichte den «vernünftigen kommunikativen Umgang» der Bürger miteinander – wobei die Medien, die neuen Zeitungen und Zeitschriften, eine zunehmend wichtige Rolle spielten, indem sie die Kommunikation vermittelten. Das Publikum der Medien waren nicht einfach bloss passive Konsumenten, sondern auch Sprecherinnen und Adressaten, die voneinander lernten und die einander Rede und Antwort standen, wie Jürgen Habermas schreibt.32
Die Entwicklung von der «kulturräsonierenden Öffentlichkeit» zu einer schliesslich durch die Massenmedien vermittelten Sphäre geschah indes nicht ohne den Ausschluss konkurrierender Öffentlichkeiten, etwa der jakobinischen, der plebejischen, der bäuerlichen und insbesondere der weiblichen – die Historikerin Karin Hausen hat darauf hingewiesen. Die Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit ging einher mit dem Einschluss der Frau ins Haus, das sie mit ihrer Seele beleben sollte. Das Haus wurde zur weiblichen Sphäre, die politische Öffentlichkeit zur männlichen.33 Eine Frau, die selbstständig an die Öffentlichkeit trat, wurde im Lauf des 19. Jahrhunderts als «Öffentliche» gebrandmarkt – als Dirne. Dagegen sollte Politik «unbelastet von der Konkurrenz zwischen Geschlechtern als ein vernünftiges Allgemeines allein durch Männer definiert, vollzogen und kontrolliert werden». Noch in den Jahrzehnten vor und nach 1800 waren Frauen öffentlich politisch aktiv gewesen: die berühmten «Salonnières», also adlige Damen, die in ihre Gemächer zu politischen Diskussionen einluden, nicht weniger als die feministischen Frühsozialistinnen, die Demonstrationen organisierten.
Habermas schreibt der über Medien vermittelten öffentlichen Kommunikation der Bürgerinnen und Bürger eine sozialintegrative Kraft zu. Dank ihr bricht die Gesellschaft nicht auseinander. Die Menschen verständigen sich über die Ausgestaltung der Gesellschaft, das heisst sie bringen Argumentationen vor, führen Reden und Widerreden und einigen sich auf eine Wahrheit. So kommerzialisiert die Medien auch sein mögen, so sehr sie sich einer wirtschaftlichen oder politischen Macht andienen, sie müssen offenbleiben für die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger. Den Wissenschaften kommt in Habermas’ Demokratietheorie ein wichtiger Part zu. Erstens sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bedeutsame Akteure in der öffentlichen Sphäre. Sie sind sowohl als Experten, die mit wissenschaftlicher Legitimität ausgestattet sind, weil sie an einer Hochschule lehren, als auch als Intellektuelle, die auf wissenschaftlichem Gebiet Reputation besitzen, in die öffentlichen Diskurse involviert, indem sie ihr Wissen und ihre Forschung einbringen. Sie stehen für Wahrheiten ein, die theoretisch für alle zugänglich sind und sich nicht auf einen kleinen Kreis von Auserwählten oder Eingeweihten beschränken. Sie vertreten nicht vor allem ihre eigenen Anliegen oder die des Staates oder der Ökonomie, sondern eben die Interessen der «Republik» oder von Minderheiten. Aufgrund ihres profunden Wissens tragen Forschende zum Pluralismus der Öffentlichkeit bei. Sie bereichern und stimulieren die öffentliche Kommunikation mit Reflexionswissen. Dieses ist zu unterscheiden vom lexikalischen Wissen oder dem anwendungstauglichen Wissen des Experten, das eine Handlung anleiten soll. Das Reflexionswissen hält zum Nachdenken über die Gesellschaft an: Wie wollen wir leben?
Die Wissenschaftler können zum Beispiel, wie Habermas dies tut, darauf hinweisen, dass die öffentliche Kommunikation – und damit die Demokratie – gefährdet ist, wenn die Medien unter zu grossem staatlichem oder ökonomischem Druck stehen; wenn der Journalist nicht frei und kritisch berichten kann, verfehlt er seine Funktion.34 Oder die Forschenden können daran erinnern, dass die Bürger imstande sein müssen, vernünftig am Diskurs teilzunehmen; wer ungebildet, sozial depriviert und politisch ausgeschlossen ist, kann nicht partizipieren. Oder die Forschenden geben zu bedenken, dass der mediale Diskurs sich nicht im Modus der Unterhaltung erschöpfen sollte; die Personalisierung, die Dramatisierung von Ereignissen, die Simplifizierung komplexer Angelegenheiten und die Polarisierung von Konflikten: Sie führen zum Rückzug der Bürgerinnen und Bürger ins Private. Weiter spielt das wissenschaftliche Wissen für die Bürgerinnen und Bürger in ihrer Lebenswelt eine wichtige Rolle, wie Habermas festhält. Dank ihrer wissenschaftlich bereicherten Kultur wissen sie implizit – oder sie sollten es wissen –, dass «ihre Deutungssysteme durch interne Sinnzusammenhänge» konstituiert sind, dass sie sich «symbolisch auf die Wirklichkeit» beziehen, mit Geltungsansprüchen verbunden, der Kritik ausgesetzt und einer Revision fähig sind. Ohne dieses Wissen könnten die Bürgerinnen und Bürger nicht vernünftig miteinander reden.
In der Wissensgesellschaft ist der Einzelne – wiederum idealtypisch gesehen – als Angehöriger einer Kommunikationsgemeinschaft imstande, die objektive Welt und seine intersubjektiv geteilte soziale Welt gegen seine subjektive Welt und die Welten anderer Kollektive abzugrenzen. Diesen Raum verschafft ihm die «Lebenswelt». Sie soll die Menschen vor der Kolonialisierung durch das «System» schützen, also vor den Imperativen der Ökonomie und der Bürokratie, vor dem Kapitalismus und der Verwaltung. Bedroht und zerstört wird die Lebenswelt, wenn die Handlungsbereiche der Menschen monetarisiert und bürokratisiert werden. Zur Reproduktion der Lebenswelt trägt unter anderem die Kultur bei. Sie umfasst den Wissensvorrat, aus dem sich die Kommunikationsteilnehmer, indem sie sich über die Welt verständigen, mit Interpretationen versorgen.35 Der Wissensvorrat besteht in der Wissensgesellschaft mehr denn je auch aus wissenschaftlichem Wissen. Er ist dann relevant, wenn die Menschen, so Habermas, «ihre Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen regeln und damit Solidarität sichern» und Kompetenzen erwerben, die sie «sprach- und handlungsfähig machen», also instand setzen, «an Verständigungsprozessen teilzunehmen und dabei die eigene Identität zu behaupten». Das tun sie auch, indem sie Massenmedien und wissenschaftsjournalistische Beiträge konsumieren.36
Gemäss Habermas bietet also die Wissensgesellschaft mit ihrem Reflexionswissen die Chance ihrer Humanisierung – jenseits der Leidensverminderung durch die medizinischen Fortschritte und der Perfektionierung des Alltagslebens durch die Technik. Auch dank des wissenschaftlichen Wissens werden die Menschen zu reflexiven Wesen, die nicht nur ihre eigenen Vorteile verfolgen, sondern sich mit anderen über ihre und die Probleme anderer verständigen, solidarisch handeln und soziale Entwicklungen stoppen, die der Res publica schaden. Im kommunikativen Handeln ihrer Mitglieder schlummert das Potenzial des guten Lebens. Und für die Republik und die Lebensqualität ihrer Mitglieder sind eben theoretisch alle Bürgerinnen und Bürger zuständig. Wissenschaftlerinnen und Laien sind gleichermassen legitimiert, mitzureden und darüber zu bestimmen, wie die Republik einzurichten sei. Die Chance der Wissensgesellschaft ist allerdings janusköpfig: Ebenso ist eine Wissensgesellschaft denkbar, in der die Wissenschaften durch das System in Beschlag genommen werden – eine Technokratie. Wenn der Kapitalismus und die Verwaltung die Wissenschaften so für ihre Zwecke zurichten, dass die Profite für einzelne Unternehmer grösser werden und die Abwicklung der Fürsorgefälle noch reibungsloser verläuft, wenn die Informatikerinnen und Programmierer der weltumspannenden Technologiefirmen behaupten, die Lösung für die Probleme der Menschheit liege in der Auswertung ihrer gesammelten Daten, dann wird die Gesellschaft dehumanisiert.
Garantin dafür, dass die Wissenschaften nicht aus dem Ruder laufen, ist die informierte Öffentlichkeit. Das sie bereichernde Wissen der sich äussernden Gelehrten ist indes – wie Habermas unfreiwillig selbst zeigt – oft in einer komplexen Fachsprache formuliert. Daher eben bedarf das Wissen der Kommunikation, Vereinfachung, Vermittlung, Popularisierung. Manchmal allerdings formuliert auch ein Habermas leuchtende Sentenzen: «Erst wenn die Sozialwissenschaften keinen Gedanken mehr entfachten, wäre die Zeit der Gesellschaftstheorie abgelaufen.»37 Sein Gedanke: dass die Wissensgesellschaft mehr ist als ein Innovationshub.
HELVETISCHER PRAGMATISMUS
Habermas’ Theorie liefert die Belege für die Bedeutung der Wissenschaften für die moderne, demokratisch verfasste Gesellschaft sowie für die Verbreitung wissenschaftlichen Wissens in die Öffentlichkeit – via Medien und Massenmedien. Allerdings bleiben drei Punkte unterbelichtet: erstens die Eigenlogik des Wissenschaftssystems, zweitens die Eigenheiten des schweizerischen Forschungssystems, drittens die aktuellen medialen Umbrüche. Sie sollen Habermas’ Theorie erweitern.
Was machen die Wissenschaften? Niklas Luhmann hat im Rahmen seiner Systemtheorie ein überzeichnetes Bild des Subsystems Wissenschaft geschaffen, das dennoch den Blick für die Inkommensurabilität beziehungsweise für die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Wissenschaften und Öffentlichkeit sensibilisiert.38 Luhmann ist wie Habermas der Ansicht, dass die Gesellschaft von Wissen durchdrungen sei. Die Leistungen des Wissenschaftssystems sind ihm zufolge enorm: Es arbeitet an Technologien, die eventuell wirtschaftlich brauchbar sind, liefert Stoff für das Erziehungssystem, beobachtet und interpretiert die öffentliche Meinung und die wirtschaftliche Entwicklung, produziert demografische Daten zur Information der Politik und Gutachten für Gerichtsverfahren, es fördert die Heilung von Krankheiten und dringt im Rahmen der Mutterschafts- und Eheberatung in den Familienalltag ein. Kurzum: Ohne Wissenschaften geht nichts.
Das Wissenschaftssystem geniesst gemäss Luhmann einen besonderen Status. Es ist anders als die anderen Subsysteme verfasst, weil es die eigene Arbeitsleistung nicht asymmetrisch einem dadurch bedienten Publikum gegenüberstellt, wie dies die Systeme der Erziehung, der Medizin, der Massenmedien, der Religion oder des Rechts machen. Die Lehrer wenden sich an Schüler und Eltern, die Ärztinnen an Patienten, die Kleriker an Laien und die Juristen an Klientinnen. Für die Wissenschaft aber gilt, wie Luhmann den Soziologen Walter Bühl zitierend festhält: «Das Publikum der Wissenschaftler sind die Wissenschaftler.»39 Und darum ist das Wissenschaftssystem für das ausserwissenschaftliche Publikum schwer verständlich – auch für Wissenschaftler anderer Disziplinen. Wissenschaftliches Wissen steht dem Alltagswissen entgegen, ja «delegitimiert» es: «Das wissenschaftliche Wissen ist im Alltag immer das bessere Wissen.»40 Trotzdem gewinnt es kaum Relevanz. Die Menschen beharren auf dem Wissen, das ihnen einleuchtet, auch wenn es wissenschaftlich widerlegt worden ist; sie glauben eher an einen kosmisch-zwischenmenschlichen Energiefluss als den Sozialwissenschaften. Niemand handelt so, als ob die Relativitätstheorie wahr sei, fast alle interagieren mit Menschen des anderen Geschlechts, als ob die Erkenntnisse der Genderforschung nicht bestehen würden. Nur im Wissenschaftssystem gilt der binäre Code wahr/falsch. Die anderen Systeme funktionieren nach anderen Codes – so das Massenmediensystem nach dem Code Information/Nichtinformation. Was für den Wissenschaftler wahr ist, muss für die Journalistin nicht unbedingt eine Information sein – und ist daher nicht von vornherein von Interesse. Und das bedeutet: Einerseits ist mit Luhmann nicht davon auszugehen, dass die Massenmedien ein realistisches Bild des wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts liefern. Was die Wissenschaften in den Labors und Schreibstuben machen, ist etwas anderes, als was die Massenmedien sagen, dass sie machten.
Es klingt das idealtypische Bild an, das der Soziologe Max Weber vom «inneren Beruf zur Wissenschaft» gezeichnet hat: Der Wissenschaftler versuche, die verwirrende Vielfalt der empirischen Wirklichkeit denkend und begrifflich zu ordnen, indem er sich, entlastet vom Zwang des alltäglichen Handelns und der Verwertbarkeit seines Tuns, am Geltungsanspruch der Wahrheit ausrichtet, die freilich immer eine relative ist, weil wissenschaftliches Wissen permanent veraltet und durch neues ersetzt wird. Das wäre der «Geist der Forschung».41 Andererseits ist mit Luhmann nicht davon auszugehen, dass die breite Öffentlichkeit, selbst wenn die Massenmedien ein realistisches Bild von der Forschung zeichneten, dieses rezipieren würde. Kurzum: Wie auch immer die medial vermittelte Austauschbeziehung von Wissenschaft und Öffentlichkeit vonstattengeht: Komplikationsfrei ist sie nicht. Was in der Wissenschaft passiert, versteht die Gesellschaft nicht oder kaum, und was die Medien zu den Wissenschaften publizieren, würde von diesen nicht unbedingt favorisiert. Eine erfolgreiche Wissenschaftsstory muss nicht von exzellenter Forschung handeln.
Als Paradefall einer Forschung, die nahe an der Gesellschaft ist, gilt die «anwendungsorientierte Forschung»; sie soll einen unmittelbaren Nutzen haben, weil man sie unmittelbar anwenden und verwerten kann. Auch diese Idee entgeht nicht Luhmanns Polemik: Die anwendungsorientierte Forschung sei wie ein «vorweihnachtlich geschmücktes Warenhaus». Man sei geblendet vom Glanz der Auslage, aber wenn man etwas suche, finde man es nicht – weil es nicht existiert.42 Es ist eine Eigenheit des schweizerischen Forschungssystems, dass es nur die Anwendungen von Wissen betont, die nützlich sind: Medikamente, Roboter, Brücken. Der Pragmatismus der Schweiz schlägt sich im Bild von Wissenschaft und Forschung nieder, das sie propagiert. Bezeichnend dafür ist, dass hierzulande die Figur des öffentlichen Intellektuellen, der die Macht des Faktischen mit ungehörigen Gedanken herausfordert, nahezu unbekannt ist. Die Schweiz mag keine räsonierenden und spintisierenden Philosophinnen; gross ist das Misstrauen gegenüber «Klugschwätzern». Vielmehr mag die Schweiz Experten, also Leute, die für ein Problem eine realistische und praktikable Lösung anbieten: Politologen, Juristinnen, Ökonomen, Naturwissenschaftlerinnen. Es ist nicht der Intellektuelle, es ist der visionäre Ingenieur oder Datenanalytiker, der in der Öffentlichkeit hohes Ansehen geniesst.
Die erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg kontrovers thematisierten Folgekosten des technologischen Fortschritts haben die Reputation der Natur- und Technikwissenschaften ebenso wenig geschwächt wie der wiederholt konstatierte Vertrauensverlust gegenüber Wissenschaftlern und ihren Expertisen. Das zeigen die Ergebnisse des Wissenschaftsbarometers, einer vom Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich regelmässig durchgeführten repräsentativen Befragung der Schweizer Wohnbevölkerung.43 Rund tausend Schweizerinnen und Schweizer ab 15 Jahren werden in der deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Landesregion befragt. Nur rund 15 Prozent gaben 2016 zur Antwort, sie hätten ein geringes Vertrauen in Wissenschaft und Forschung und seien desinteressiert. Der Rest, also die grosse Mehrheit, sieht sich als wissenschaftsaffin und ist der Ansicht, die Wissenschaft verbessere unser Leben. Darunter stellt sie sich vor allem die Naturwissenschaften und die Medizin vor. Allerdings: Die Telefonumfrage ist selbst recht wissenschaftspragmatisch. Mit qualitativen Interviews von gezielt ausgewählten Personen wäre mehr zu erfahren über die Einstellungen, Hoffnungen und Vorbehalte der Bevölkerung gegenüber dem Wissenschaftssystem. Wenn ein Nichtakademiker von der Universität gefragt wird, ob er sich für Forschung interessiere, wird er in der Regel mit Ja antworten, weil er vom Experten am anderen Ende der Leitung keine Verachtung ernten will. Wenn er antiakademisch und antiintellektuell eingestellt ist und die Hochschulen für Geldvernichtungsmaschinen hält, wird er wahrscheinlich nicht an der Umfrage teilnehmen.
Die führenden Politiker der Schweiz haben in der Regel die praxisbezogenen Studiengänge der Jurisprudenz oder Ökonomie absolviert, die als beste Vorbereitung für eine Karriere in Staatsdienst und Privatwirtschaft gelten. Sie sind gewappnet gegen hochfliegende Ideen, und sie geben sich besser nicht intellektuell, wenn sie die Gunst ihrer Wählerinnen und Wähler nicht verlieren wollen. Wieso ist das so? Naturwissenschaften und technische Wissenschaften sind in der Bevölkerung und bei Politikerinnen deshalb populärer als die Geistes- und Sozialwissenschaften, weil ihre Leistungen augenfälliger sind. Brücken sieht man und kann man befahren – in der Regel stürzen sie auch nicht ein. Und Brücken, Tunnels und Medikamente bedeuten den meisten Menschen in ihrem Alltag mehr als akademische Schriften, Textdeutungen, Bildanalysen und historische Analysen – die klassischen Primärprodukte der «Humanities». Auszunehmen davon ist ein Stück weit die Medizin: Sie wird von alternativen Kreisen als gesundheitsschädlich und profitorientiert wahrgenommen.
Hinzu kommt das Profil der schweizerischen Hochschullandschaft. Die zehn Universitäten, in der Mehrzahl Volluniversitäten, sind in kantonalem Besitz, die beiden Hochschulen indes mit dem grössten Renommee gehören dem Bund und sind technische Institutionen: die ETH Zürich (ETHZ) und die ETH Lausanne (EPFL). Die ETHZ ist, obschon eine der jüngeren Hochschulen der Schweiz, die in der Öffentlichkeit wohl am meisten geachtete Ausbildungsstätte, zusammen mit der EPFL, die sogar erst 1969 gegründet wurde. Letztere hat in Bezug auf Rankings, wirtschaftliche Partnerschaften und Reputation einen beeindruckenden Aufstieg hingelegt. Das Rolex-Learning-Center ist zu ihrem architektonischen Wahrzeichen geworden. Wie keine andere Hochschule steht die EPFL für die segensreiche Verbindung von Wissen, Innovation und Kapital.
Und was war vor der Ingenieursbegeisterung? Noch im 18. Jahrhundert verfochten Gelehrte wie der Basler Philosoph Isaak Iselin das Projekt einer nationalen Bildungsstätte, die sich an der Universitätsidee orientierte. Und der erste und zugleich – bis heute – letzte Bildungsminister der Schweiz, Philipp Albert Stapfer, legte während der Helvetischen Republik (1798–1803) erneut das Konzept einer gesamtschweizerischen Universität auf den Tisch. Es verschwand allerdings mit dem Ende der Republik von der Bildfläche. Die Idee der Nationaluniversität kam mit der Gründung des schweizerischen Bundesstaates von 1848 ein knappes halbes Jahrhundert später nochmals zur Sprache. Doch das Parlament konnte sich nicht auf das Profil der neuen Institution einigen. Die Universitätskantone fürchteten die nationale Konkurrenz, die katholischen Kantone die Dominanz der protestantischen Städte. Jahrelang stritten sich Expertenkommissionen über die Frage. Eine Mehrheit fand das Projekt erst, als man es auf die technischen Fächer redimensionierte. 1854 wurde die «eidgenössische polytechnische Schule» schliesslich gegründet: die ETHZ.44 Die Autoren der ETH-Geschichte «Transforming the Future» sehen in der neuen Schule die polytechnische Fundierung des alten helvetischen Traums einer nationalen Universität. Die Curricula des Polytechnikums, das auf den klassischen Fächerkanon einer Universität verzichtete, passten zur aufstrebenden technisch-industriellen Moderne. Die Institution sollte das Wissen für den Aufbau einer zukünftigen nationalen Infrastruktur hervorbringen und zugleich die Professionalisierungs- und Karrierechancen der nationalen Elite verbessern. Günstig für die Entwicklung der Schule war die damalige politische Konjunktur in Europa: Aufgrund des repressiven Klimas, das an anderen Ingenieurschulen in demokratiefeindlichen Monarchien herrschte, kamen renommierte Professoren und motivierte Studenten nach Zürich.
Nicht nur die Politik, sondern auch die Industrie stand hinter dem Aufstieg der Naturwissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und zwar nicht nur in der aufstrebenden Schweiz. Instruktiv ist das Beispiel des Physiologischen Instituts in Leipzig, das der Historiker Timothy Lenoir untersucht hat.45 Vorsteher der bald schon international hoch angesehenen «Anstalt» war der Anatom Carl Ludwig, der zuvor an den Universitäten Zürich und Wien gelehrt hatte. Preussen investierte in die Naturwissenschaften, weil es die Wissenschaften für die Bedürfnisse der Landwirtschaft, der Industrie und des Militärs einspannen wollte. Ludwigs Vorgänger verfolgten als Wissenschaftler im Sinne Humboldts noch die «einheitliche Wissenschaft des Lebens» und propagierten das Betreiben der «Wissenschaften um ihrer selbst willen», die nicht nützlich zu sein hätten, sondern vorab «schöpferische Geister» bräuchten. Die praktische Forschungsausbildung im Labor galt als unwichtig. Anders Ludwig: Er merkte, dass die Wissenschaften nun praktisch zu sein hätten, und koordinierte die wissenschaftliche Forschung mit den materiellen Interessen des Staates. Er schuf die Wissenschaft, die das Modernisierungsprogramm brauchte.
In der Schweiz wie auch in anderen Nationen sind Wissenschaft und Forschung in den letzten Jahren vermehrt in den Fokus des Staates geraten, der auf ihren volkswirtschaftlichen Nutzen abhebt. Man kann darin eine Legitimation für die massiv gestiegenen Ausgaben für Forschung, Wissenschaft und Bildung sehen. In der Schweiz gestaltete sich der ordnende Zugriff des Staates auf die Wissenschaften aufgrund der föderalen Verfasstheit des Landes nicht hindernisfrei. Doch 2012 wurde das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) neu gegründet. Es gehört zum Eidgenössischen Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung. Der eidgenössische Wirtschaftsminister ist zugleich also der Bildungs- und Forschungsminister und präsidiert die Schweizerische Hochschulkonferenz. Die Bereiche Bildung, Berufsbildung, Forschung, Technik und Ökonomie sind zusammengerückt. Das SBFI umfasst neu auch das ehemalige Bundesamt für Berufsbildung und Technologie, das vorher dem Wirtschaftsdepartement angegliedert war.
Im Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung befasst sich nicht nur das SBFI mit Forschung und Innovation, sondern auch das Staatssekretariat für Wirtschaft, der ETH-Rat und der Schweizerische Wissenschaftsrat. Die Karriere des Wissenschaftsrats ist ein weiterer Beleg für den ökonomischen Pragmatismus der schweizerischen Wissenschaftspolitik. Gegründet im Jahr 1965, sollte das 15 Professorinnen und Professoren umfassende «unabhängige Organ des Bundesrats» diesen wissenschaftspolitisch beraten, Publikationen verfassen und Wirkungsprüfungen und Begutachtungen durchführen. Der Wissenschaftsrat sollte auch Mängel und Schwachstellen des Wissenschaftsplatzes identifizieren. So hat er darauf hingewiesen, dass die Bologna-Reform zur Verschulung der Studiengänge und zur «Verbetrieblichung» der Hochschulen geführt hätte; durch die Autonomisierung seien sie nicht nur unternehmerischer, sondern auch bürokratischer geworden. «Innovation» sei keine Aufgabe der Forschungsorgane und dürfe nicht zulasten des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns gehen. Die «Ökonomisierung» von Bildung und Forschung sei höchst ambivalent. Doch der Wissenschaftsrat ist institutionell geschwächt worden. Er hat an Bedeutung verloren.46
Der «Forschungsplatz Schweiz», wie die neue helvetische Identitätsformel heisst, ist offiziell erfolgreich. Die Schweiz belegt in den einschlägigen Rankings zu Forschung, Innovation, Impact und Patenten immer wieder die vordersten Ränge. Die Politik sieht in den Hochschulen Wachstumsmotoren inmitten der Wissensgesellschaft. Wissenschaftspolitik wird zu Standortpolitik. Und Forschung gilt als die wichtigste ökonomische Ressource überhaupt. Es wäre lohnenswert, die Karriere des Forschungsbegriffs in der wissenschaftspolitischen und akademischen Sphäre nachzuzeichnen. Forschung ist in der Wissensgesellschaft zu einem Signal geworden, das für Fortschritt, Innovation, Wachstum, Nützlichkeit und so weiter steht. Die Universitäten, die sich die längste Zeit primär als Lehranstalten sahen, heben verstärkt ihren Forschungscharakter hervor – und bezeichnen sich als «Forschungsuniversitäten». Genf und Zürich sind Mitglieder der 2002 gegründeten League of European Research Universities. 2016 ist ein neuer Verbund gegründet worden: The Guild of European Research-Intensive Universities. Er zählt 19 Mitglieder, darunter Bern. Auch die Fachhochschulen kehren ihre Forschungsanstrengungen hervor, obschon sie sich mit den angewandten Wissenschaften beschäftigen und daher nicht die klassische zweckfreie und kreative Grundlagenforschung betreiben. Interessanterweise hat sich das Bild verkehrt: Mit ihrer Betonung der Praxisnähe und Anwendbarkeit des Wissens, die zu handfesten Produkten führe, gelten die Fachhochschulen heute als mindestens so forschungsaffin wie die Universitäten, die oft «nur» Theorien und Methoden hervorbringen.
Die heutige Verfassung des Hochschul- und Forschungssystems ist auf die Einführung des New Public Management in den 1990er-Jahren zurückzuführen. Die Hochschulen sollen sich nun unternehmerisch reorganisieren, Management statt Bürokratie ist angesagt. Das Ideal der langfristigen Planung, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs dominant war, ist dem Prinzip der situativen Steuerung oder Governance gewichen. Diese favorisiert netzwerkförmige und kooperative Ansätze. Die Verteilung der Gelder geschieht kompetitiv. Wissenschaftler und ihre Institutionen haben sich zu legitimieren, indem sie sich im Wettbewerb um Forschungsgelder als exzellent und in Evaluationsverfahren als produktiv ausweisen. Für die Vermittlung von Wissenschaft heisst das: Sie ist mit dominanten Vorgaben konfrontiert, die den Raum des Sagbaren einschränken. Die staatliche Wissenschafts- und Forschungspolitik spurt den Diskurs vor, der grob gesagt die Einfachheit der Möglichkeit postuliert, den pragmatischen Nutzen eines erfolgreich anwendungsbereiten Wissens hervorzustreichen. Wer sich wissenschaftskommunikativ diesem dominanten Diskurs widersetzte, müsste sich gründlich erklären.
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