Kitabı oku: «Les Misérables / Die Elenden», sayfa 13

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III. Vier und Vier

Was vor fünfundvierzig Jahren eine Landpartie zwischen Studenten und Grisetten war, kann man sich heutzutage schwer vorstellen. Die Umgegend von Paris hat sich seit einem halben Jahrhundert beträchtlich erweitert. Wo früher kleine Thorwagen verkehrten, da ertönt jetzt der Pfiff der Lokomotive; wo früher das Postschiff einherschlich, fliegt jetzt ein Dampfer dahin. Für uns ist Fécamp bequemer zu erreichen, als Saint-Cloud für unsere Väter. Das Paris des Jahres 1862 ist eine Stadt, dessen Weichbild ganz Frankreich umfaßt.

Die vier Paare verübten gewissenhaft alle Thorheiten, die damals bei Spaziergängen üblich und möglich waren. Die Ferien hatten eben begonnen und es war ein warmer, schöner Sommertag. Am Tage vorher hatte Favourite, die Einzige, die schreiben gelernt, im Namen der vier Damen, in einem, aller Orthographie hohnsprechenden Schreibebrief Tholomyès auf die Annehmlichkeiten des Frühaufstehens nachdrücklichst aufmerksam gemacht und infolge dessen war man schon um fünf Uhr aufgebrochen. Sie fuhren per Landkutsche nach Saint-Cloud, bewunderten den großen Wasserfall, der gerade trocken lag, und meinten: »Das muß sehr schön sein, wenn Wasser da ist!« Darauf frühstückten sie in der Tête-Noire, genehmigten sich eine Fahrt auf dem Karussel bei dem großen Bassin, stiegen zur Laterne des Diogenes empor, spielten Roulett in Sèvres und gewannen Makronen, pflückten Blumen in Puteaux, kauften sich Pfeifen in Neuilly. aßen überall Apfelkuchen und amüsirten sich überhaupt königlich.

Die jungen Mädchen plapperten vergnügt, wie Spatzen im Frühjahrssonnenschein. Es war ein Freudentaumel. Vor Uebermuth gaben sie ihren Verehrern kleine Klappse. O selige Trunkenheit der Jugend! Schöne Jahre! Wer denkt nicht gern an sie zurück! Hast du, Leser, nicht auch im Walde die Zweige und Sträucher aus dem Wege gebogen, um Platz zu machen für ein hübsches Köpfchen hinter dir? Bist du nicht auch ausgeglitten auf einem feuchten Rasen und gehalten worden von einem lieben Wesen, das reizend jammerte: »Oh meine neuen Stiefeletten! Wie die aussehen!«

Indessen fehlte doch eine kleine Widerwärtigkeit, die den Reiz jeder Landpartie erhöht, eine Regenhusche. Eigentlich hätte sie kommen müssen, denn Favourite hatte mit mutterhafter Fürsorge eine Wetterprognose gestellt und schlechtes Wetter prophezeit: »Kinder, die Schnecken«, dozierte sie, »kriechen über die Wege. Das bedeutet Regen.«

Alle vier Mädchen waren entzückend lieblich. Ein wackerer klassischer Dichter, eine damalige Berühmtheit, der an jenem Tage unter den Kastanienbäumen zu Saint-Cloud lustwandelte, der Chevalier de Labouisse, sah sie um zehn Uhr Morgens vorübergehen und bemerkte: »Ich glaubte, es gebe blos drei Grazien,« Favourite, die Freundin Blacheville's, die »Alte« lief voraus im Walde, sprang über die Gräben, stieg über die Sträucher und ermunterte, übermüthig wie eine junge Faunin, die Andern durch ihr Beispiel. Sephine und Dahlia, deren Reize sich gegenseitig vervollständigten und zu besserer Geltung brachten, hielten sich wohlweislich beisammen und ahmten, sich unterfassend, die Haltung feiner Engländerinnen nach; denn damals kamen die ersten keepsakes auf, die Frauen beflissen sich melancholischer Mienen, wie später der Byronismus bei den Männern Mode wurde, und trugen sentimentale Schmachtlocken. Fantinen erklärten Listolier und Fameuil den Unterschied, der zwischen ihren Professoren Delvincourt und Blondeau bestand.

Blachevelle schien eigens dazu geschaffen zu sein, des Sonntags Favourite's, an einem Ende mit Palmen gezierten Kaschmirshawl zu tragen.

Tholomyès marschierte hinterdrein. Er war sehr aufgeräumt, aber man merkte es ihm an, daß er sich als den Diktator der kleinen Schaar fühlte. Sein Hauptschmuck waren Beinkleider mit sogenannten Elefantenbeinen, aus Nankin, mit Sprungriemen aus Kupferdrahtgeflecht. Dazu ein gewaltiger Spazierbaum, der seine zweihundert Franken gekostet haben mochte, in der Hand, und da er alles Neue haben mußte, ein sonderbares Ding, das man eine Cigarre nannte, im Munde. Der kecke Mensch rauchte!

»Das ist ein Kerl, der Tholomyès!« sagten die andern voller Bewunderung. »Diese Pantalons! Dieser Schneid!«

Was Fantinen betrifft, so war sie die personifizierte Freude. Ihre prächtigen Zähne hatte sie augenscheinlich von Gott speziell zu dem Zweck bekommen, daß sie fleißig lachen sollte. Ihr Strohhütchen mit den langen, weißen Bindebändern trug sie lieber in der Hand, als auf dem Kopfe. Ihr dickes blondes Haar, das leicht ausging und beständig wieder aufgesteckt werden mußte, erinnerte an Galatea, wie sie von Polyphen verfolgt, durch das Weidengebüsch dahinfloh. Ihre rosigen Lippen waren bezaubernd schön. Die etwas in die Höh' gezogenen Mundwinkel, die auf Sinnlichkeit zu deuten schienen, sahen aus, als forderten sie Keckheiten heraus; aber die langen, bescheiden gesenkten Wimpern milderten diesen Ausdruck. Ihre ganze Toilette hatte einen Anflug von Heiterkeit. Sie trug ein malvenfarbenes Barégekleid, kleine Goldkäferschuhe mit hohen Absätzen, deren Bänder sich kreuzweise über den feinen durchbrochnen Strumpf legten, und eine eng anliegende Mousselin Spencerjacke. Ihre weniger sittsamen Freundinnen hatten tief ausgeschnittne Kleider an, aber Fantinens durchsichtige Mousselinjacke, die den Augen verrieth, was sie doch zu verhüllen bestimmt schien, war verführerischer und der berühmte Liebeshof der Vicomtesse von Cette mit den meergrünen Augen hätte wahrscheinlich den Preis der Koketterie für diese Jacke gegeben, die Fantinens Schamhaftigkeit wahren sollte. Die Naivität ist manchmal recht pfiffig!

Ein klares Gesicht, ein feines Profil, tiefblaue Augen, breite Augenlider, kleine stark geschweifte Füße, schön eingefügte Hand- und Fußgelenke, eine sehr weiße, von den blauen Verzweigungen der Adern durchschimmerte Haut, kindlich frische Wangen, ein Hals kräftig, wie der einer äginetischen Juno, ein starker geschmeidiger Nacken, Schultern, die wie von einem Coustou gemodelt schienen, mit einem reizenden, durch den Mousselin sichtbaren Grübchen; dies waren Fantinens statuenhafte Reize, denen ein Gemisch von Fröhlichkeit und Ernst Leben verlieh.

Ihrer Schönheit war sich Fantine nicht allzu sehr bewußt. Jene wenigen Idealisten, die nur die Vollkommenheit als schön anerkennen, hätten in dieser graziösen Pariserin die heilige Euphonie der Alten vermuthet. Diese Tochter des Volkes hatte Rasse. Ihre Schönheit besaß sowohl Stil wie Rhyrmus, der Form des Ideals und seine Bewegung.

Wir haben gesagt, Fantine war die personifizirte Freude, aber sie zeichnete sich nicht minder durch Schamhaftigkeit aus.

Einem aufmerksamen Beobachter wäre es nicht entgangen, daß trotz der Lebens- und Liebeslust, die aus allen ihren Zügen sprach, Sittsamkeit der Hauptzug ihres Wesens war. Es lag auf ihrem Gesichtchen jene Art Verwunderung die eine Psyche von der Venus unterscheidet. Fantinens lange, weiße und feine Finger erinnerten an die der keuschen Befralin, die mit goldner Nadel die Asche des heiligen Feuers durchforscht. Obgleich sie Tholomyés nichts versagt hatte, war ihr Gesicht ein durchaus jungfräuliches geblieben; bisweilen nahm es sogar einen Ausdruck von Ernsthaftigkeit, ja Herbheit an, der oft unvermittelt den des Frohsinns ablöste. Ihre Stirn, ihre Nase und ihr Kinn boten auch jene Harmonie der Linie dar, die mit der Harmonie der Proportion keineswegs zusammenfällt, und aus der sich die ästhetische Wirkung des Gesichts ergiebt; in dem charakteristischen Zwischenraum, der die Basis der Nase von der Oberlippe trennt, lag jene kaum merkliche und reizende Falte, die ein Kennzeichen der Keuschheit ist, und die Barbarossa an einer unter den Trümmer von Ikonium gefundenen Dianastatue so sehr bewunderte.

Allerdings ist die Liebe ein Vergehen; aber Fantine besaß noch eine Unschuld nach ihrem Fehltritt.

IV. Tholomyés singt vor Freude ein spanisches Lied

Der ganze Tag, war von Anfang bis zu Ende fröhlich wie eine schöne Morgenröthe. Die ganze Natur schien ein Festgewand angelegt zu haben. Die Beete in Saint-Cloud athmeten süße Wohlgerüche aus; von der Seine stieg ein kühler Hauch empor; die Zweige gestikulierten im Winde; die Bienen plünderten die Jasminblüthen; das Bummlervölkchen der Schmetterlinge ließ sich auf die Schafgarbe, den Klee und den Taubhafer nieder, und in dem majestätischen Park des Königs von Frankreich trieb sich ein Haufe Vagabunden herum, die Vögel.

Unsere vier Paare freuten sich mit unermeßlichem Behagen des Sonnenscheins, des lieblichen Anblicks der Felder, Blumen und Bäume.

Und Angesichts des paradiesischen Kommunismus, den sie überall in der Natur sahen, konnten auch die Schönen nicht so grausam sein, nur das strenge Recht walten zu lassen und zwischen ihren Liebhabern und deren Freunden einen genauen Unterschied zu machen. Sie ließen sich Alle von Allen küssen, ausgenommen Fantine, die wahrhaft liebte und sich spröde verhielt. Ihr sinniges Wesen verdroß Favourite: »Du siehst immer absonderlich aus!« spöttelte sie.

Nach dem Frühstück sahen sich die vier Paare eine vor kürzer Zeit aus Indien bezogne Pflanze an, die zu jener Zeit ganze Schaaren von Parisern nach Saint-Cloud zog, ein sonderbares und reizendes Bäumchen, dessen unzählige und verworrene, überaus feine blätterlose Aestchen mit tausenden von weißen Röschen bedeckt waren.

Nach pflichtschuldiger Bewunderung des allerliebsten Gewächses riet Tholomyés: »Wie wär's Kinder, wenn wir uns einen Eselritt genehmigten? Ich poniere.« Sie mietheten also einen Eseltreiber und kehren über Vanves und Issy zurück. In letzterem Ort schaukelten die Herren mit starken Armen ihre Schönen in dem großen Netz, das zwischen den zwei, von dem Abt de Bernis besungenen Kastanienbäumen ausgespannt ist. Während die Kleider malerisch im Winde flogen, sang Tholomyès, der als Toulousaner – Toulouse ist mit Tolosa verwandt – sich spanisch aufgelegt fühlte, ein zur Situation passendes spanisches Lied:

Soy de Badajoz.

Amor me blama

Coda mi alma

Es en mis ojos

Ovequé ensennas

A' tus piernos

Nur Fantine wollte sich nicht schaukeln lassen, und wieder zankte Favourite: »Was das für eine Ziererei ist!«

Nach dem Ritt abermals ein großartiges Amüsement: Eine Kahnfahrt auf der Seine. Dann ging es zu Fuß von Passy nach der Barriere de l'Etoile. Trotzdem sie seit fünf Uhr Morgens auf den Beinen waren, begann hier das Vergnügen noch einmal. »Sonntag giebt's keine Müdigkeit!« predigte Favourite, und um drei Uhr saßen die vier Paare in einem Wagen der Rutschbahn, die damals auf dem Hügel Beaujon stand, und deren Schlangenlinie die Bäume der Champs-Elysées überragte.

Trotz alledem fand Favourite, daß man nie glücklich genug sein kann. »Wie steht's mit der Ueberraschung?« forschte sie von Zeit zu Zeit. »Geduld!« antwortete Tholomyès.

V. Bei Bombarda

Nachdem sie die Rutschbahn gründlich ausgekostet, stellte sich endlich Müdigkeit und Hunger ein und so fielen sie bei Bombarda hinein, dem berühmten Restaurateur in den Champs-Elysées, der auch in der Rue de Rivoli ein Lokal hatte.

Ein großes, aber häßliches Zimmer mit Alkoven und Bett im Hintergrunde (denn da das Restaurant überfüllt war, stand kein anderer Raum zur Verfügung); zwei Fenster, von denen aus man durch die Ulmen eine Aussicht auf den Fluß und das Ufer hatte; eine herrliche Augustsonne, deren Strahlen das Zimmer überflutheten; zwei Tische, auf dem einen ein stolzer Berg von Blumensträußen, Mannes- und Frauenhüten, auf dem andern ein lustiger Wirrwarr von Schüsseln, Tellern, Gläsern und Flaschen; wenig Ordnung auf diesem Tisch und einige Unordnung darunter: Dies war das Stadium, wo gegen halb fünf des Nachmittags unsere um fünf Uhr Morgens begonnene Idylle angelangt war. – Die Sonne neigte sich allmählig ihrem Untergange zu, und ebenso endlich auch der Appetit unserer jungen Freunde.

Die Champs-Elysées, vom Sonnenschein und von Menschenmengen durchwogt, waren voller Licht und Staub, der beiden Elemente des Ruhmes. Die marmornen Pferdestatuen von Marly, die zu wiehern scheinen, prangten in goldigem Glanze. Equipagen fuhren hin und her. Eine Schwadron prächtiger Gardes du Corps, mit den Hornisten voran ritt die Avenue de Neuilly herunter; auf der Kuppel der Tuilerien wehte, von der niedergehenden Sonne rosig gefärbt, die weiße Fahne. Die Place de la Concorde, die damals ihren alten Namen die Place Louis XV. wieder angenommen hatte, war mit frohen Spaziergängern überfüllt. Viele von ihnen trugen die silberne Lilie an dem moirierten weißen Bande, das 1817 noch nicht ganz aus den Knopflöchern verschwunden war. Mitten unter dem Publikum, das ihnen fleißig applaudirte, sah man kleine Mädchen, welche, die Hände zum Reigen verschlungen, ein damals beliebtes, zur Niederschmetterung der Anhänger Napoleons bestimmtes Lied sangen. »Gebt uns unsern Vater wieder!« lautete der Refrain.

Leute aus den Arbeitervierteln, von denen manche nach dem Beispiel des feineren Publikums das Abzeichen der Bourbonen, die Lilien, trugen, hatten sich gleichfalls hier eingefunden; sie ritten Karussel und stachen nach den Ringen; andere saßen vor den Schänken und zechten; manche – es waren Druckerlehrlinge – stolzierten mit Papiermützen auf dem Kopfe einher und waren seelensvergnügt. Alles athmete Frohsinn. Es war eine friedfertige Zeit, wo die Bourbonen sich in Sicherheit wiegen konnten, wo ein spezieller Bericht des Polizeipräfekten Anglès an den König über die Bevölkerung der Vorstädte mit folgenden Zeilen schl0ß: »Alles wohl erwogen, Majestät, ist von diesen Leuten nichts zu befürchten. Sie sind sorglos und indolent wie Katzen. Das gemeine Volk in den Provinzen ist unruhig, die Pariser nicht. Es sind alles Leute von kleiner Statur. Zwei von ihnen, auf einander gestellt, gehören dazu, um die Länge eines Grenadiers zu erreichen. Denn merkwürdiger Weise hat die Natur des pariser Volks seit einem halben Jahrhundert abgenommen. Kurz, die Pariser der Vorstädte sind ungefährliche, gute Kanaillen.«

Daß eine Katze zu einem Löwen werden kann, halten Polizeipräfekten nicht für möglich; das Volk von Paris hat aber dieses Wunder fertig gebracht. Uebrigens hatten auch die Republiken des Alterthums eine höhere Meinung von der Katze, als der Präfekt Anglès; sie war bei ihnen das Sinnbild der Freiheit und die Korinther ließen, gleichsam der ungeflügelten Minerva des Piraceus zum Trotze, auf ihrem Versammlungsplatze die kolossale broncene Statue einer Katze errichten. Von dem Pariser Volke hatte auch die naive Polizei der Restauration eine »zu vortheilhafte« Meinung. So gut, wie man gewöhnlich annimmt, ist diese Kanaille keineswegs. Der Pariser ist unter den Franzosen, was einst der Athener unter den andern Griechen war. Keiner kann träger und leichtsinniger sein. Keiner vergißt so leicht wie er; aber man lasse sich dadurch nicht täuschen; winkt ihm der Ruhm, so ist er der wildesten Energie fähig. Man gebe ihm eine Pieke, so stürmt er die Tuilerieen und stürzt das Königthum; ein Gewehr, so gewinnt er ruhmreiche Schlachten. Ein Napoleon sowohl, wie ein Danton verließen sich auf ihn. Ruft ihn das Vaterland, so wird er Soldat; ist die Freiheit bedroht, so baut er Barrikaden. Man sehe sich vor. Sein Zorn kann Stoff zu Epopöen liefern, sein Kittel sich in eine Chlamys verwandeln. Nehmt Euch in Acht. Aus der ersten besten Straße macht er einen caudinischen Engpaß. Der Vorstädter wird groß, wenn die Stunde schlägt; der Kleine steht auf, sein Blick wird furchtbar, sein Atem wird ein Sturm, der die Alpen umblasen kann. Dem Arbeiter der pariser Vorstädte verdankt es die Revolution, daß sie mittels der Armee Europa erobern kann. Seine Hauptfreude ist Gesang und findet man das Lied, das seiner Natur entspricht, so kann man Wunder sehen. So lange er nur die Carmagnole singt, kann er nur einen Ludwig XVI. stürzen; mit der Marseillaise befreit er die Welt.

Nach dieser Randbemerkung zu dem Bericht des Polizeipräfekten Anglès wollen wir zu unsern vier Pärchen zurückkehren. Das Diner also ging zu Ende.

VI. Wie man sich gegenseitig anbetet

Tisch- und Liebesgespräche sind so wenig greifbar wie Wolkendunst und Rauch.

Fameuil und Dahlia trällerten; Tholomyés trank; Sephine lachte; Fantine lächelte. Listolier amüsierte sich mit einer hölzernen Trompete, die er sich in Saint-Cloud zugelegt hatte; Favourite sah Blachevelle mit schmachtenden Blicken an und flötete:

»Blachevelle, ich bete dich an!«

Dies veranlagte Blachevelle zu der Frage:

Was würdest Du thun, Favourite, wenn ich aufhören würde dich zu lieben?«

»Was ich thun würde? Sage mir so etwas nicht einmal zum Spaß. Wenn Du aufhörtest mich zu lieben, würde ich dir nachstürzen, dich hauen, dich kratzen, dich mit Wasser begießen, dich arretieren lassen.«

Inniges geckenhaftes Vergnügen malte sich auf Blachevelles Antlitz ab. Favourite fuhr eifrig fort:

»Wirklich, auf die Wache ließe ich dich bringen! Das versichere ich dich, du infame Kanaille!«

Außer sich vor Wonne lehnte sich Blachevelle in seinem Stuhl zurück und schloß stolz die Augen.

Aber als Dahlia im allgemeinen Lärm Favourite die Frage zuflüsterte: »Bist Du wirklich so verschossen in deinen Blachevelle?« antwortete Fauvourite:

»Ich kann ihn nicht besehen. Er ist ein knickerig. Ich liebe einen kleinen, netten Menschen, der mir gegenüberwohnt Du kennst ihn wohl? Er beißt den Schauspieler heraus, und ich schwärme für die Schauspieler. Sobald er den Fuß ins Haus setzt, schreit seine Mutter »Ach Du mein Gott, nun ist's mit meiner Ruhe vorbei!« Jetzt wird er gleich wieder losbrüllen. Lieber Sohn, du sprengst mir noch mal den Kopf mit deinem Geschrei! Er geht nämlich stets auf den Boden, und so hoch hinauf, wie er irgend kann, und singt und deklamiert, daß man ihn unten hört. Und zwanzig Sous verdient er schon den Tag bei einem Rechtsanwalt, dessen Schikanen er abschreibt. Er ist der Sohn eines Kantors von der Kirche Saint-Jacques-du-Haut-Pas. Ein netter Mensch, kann ich dir sagen. Ich hab's ihm so stark angethan, daß er einmal, als ich Kuchenteig knetete, zu mir gesagt hat: »Fräulein, machen Sie aus Ihren Handschuhen da – damit meinte er den Teig, der an meinen Fingern klebte, – machen Sie Strudel aus Ihren Handschuhen, dann esse ich Ihre Handschuhe.« So was Feines und Galantes kann bloß ein Künstler sagen. Solch ein netter Mensch! Ich bin auf dem besten Wege mich in den Kleinen zu vernarren. Aber zu Blachevelle sage ich doch, daß ich ihn anbete. Nicht wahr? Ich verstehe mich aufs Lügen?«

Hier hielt Favourite inne, seufzte und fuhr fort:

»Dahlia, mir ist trübselig zu Muthe. Den ganzen Sommer ist es in einem Regen geblieben, und windig, und ich kann den ewigen Wind nicht ausstehen. Ganz krank werde ich davon. Blachevelle ist ein Filz. Kaum, daß Schoten auf dem Markt zu haben sind. Man weiß nicht, was man essen soll. Ich habe den Spleen, wie die Engländer sagen. Und die Butter ist theuer! Und das Allerschlimmste ist, wir essen in einem Zimmer, wo ein Bett steht. Das verekelt mir das Leben.

VII. Die Weisheit des Tholomyès

Währenddem sangen die Einen, Andre sprachen überlaut und Alle durcheinander, was einen wüsten Lärm ergab. Da gebot Tholomyès Ruhe.

»Reden wir nicht aufs Gerathewohl, und überstürzen wir uns nicht. Wer seine Zuhörer entzücken will, der überlege, was er spricht. Wer aus dem Stegreif redet, wird leicht öde. Also nicht zu hastig, meine Herren. Schlampampen wir mit Würde; würzen wir unsere Fresserei mit Andacht. Eile mit Weile. Seht Euch den Frühling an: Kommt er zu hitzig herbeigerannt, so bringt er zu viel Kälte mit, und wir erfrieren. Blinder Eifer thut der Gemächlichkeit Eintrag. Also keinen Eifer, meine Herren!«

Ein dumpfes Gemurmel unterbrach den Redner.

»Tholomyès, laß uns zufrieden!« rief Blachevelle.

»Nieder mit dem Tyrannen!« donnerte Fameuil.

»Der Ulk ist zollfrei!« mahnte Listolier.

»Siehe, wie gesetzt ich bin!« prahlte Fameuil.

»Auf einem magern Sitzorgan«, spottete Tholomyès. Alles lachte über den armen Fameuil, und Tholomyès ergriff wieder die Zügel der Herrschaft.

»Freunde, beruhigte er großmüthig, laßt Euch durch meinen Schlager nicht niederschlagen. Mein Kalauer war ein Geschenk des Himmels, und nicht alles, was vom Himmel fällt ist schön. So ist z. B. der Mist, den die Vögel gratis auf uns niederfallen lassen, fast ebenso ungenießbar, wie der Mist, den unsere Professoren reden und den wir mit schwerem Mammon bezahlen. Ich erlaube euch also Euer Verwundrungsmaul nicht zu weit aufzusperren, wenn mein Genie im Fluge sich eines Kalauers entledigt. Freilich würde ich mir andrerseits auch verbitten, daß ihr den Kalauer unterschätzt. Die erhabensten Erdensöhne und die allerniedlichsten Erdentöchter haben Wortspiele verübt. Gekalauert hat Christus über Petrus, Mooses über Isaak, Aeschylus über Polynices, Kleopatra über Oktavian. Ist dieses richtig demonstrirt und konstatiert, so kehre ich zu meiner Vermahnung zurück. Ich wiederhole es geliebte Brüder und geliebtere Schwestern: Kein Eifer, kein Sammelsurium, keine Ueberpurzelung mit Witzen, Wortspielen und anderen Ulken. Thuet Eure Ohren auf, nicht sehr weit auf, denn solches thun nur die Esel, nein! nur so weit, daß Ihr meine Rede vernehmen könnet. Denn ich gleiche dem Seher Amphiaraus an Weisheit und daß mein Kopf hell ist wie Caesars, könnt Ihr schon daraus erschließen, daß er ebenso kahl ist, wie seiner war. Ein jedes Ding hat seine Grenze, selbst ein Rebus oder auf lateinisch: Est modus in rebus. Folglich habe auch ein Diner seine Grenze. Die Vielfresserei bestraft den Vielfresser, indem sie ihm den Magen verdirbt. Und merkt Euch: Alle unsere Triebe und Leidenschaften, selbst die Liebe, haben einen Magen, der nicht überfüllt werden darf. Immer und überall muß man bei Zeiten Finis! sagen, seinen Appetit beim Schlafittchen kriegen, seine Gelüste und Begierden dingfest machen. Glaubet meinen Worten, habet Vertrauen zu meinem Gripps. Daraus, daß ich Examina bestanden, daß ich den Unterschied zwischen einem anhängigen und einem noch zu erhebenden Prozesse kenne, daß ich eine These auf lateinisch vertheidigt habe über die intelligente Applizierung der Folter durch den Quästor Alfantius Dummerianus, daraus folgt noch nicht unwiderleglich, daß ich ein Rindvieh bin. Befleißet Euch also der Mäßigkeit. So wahr ich Felix Tholomyès heiße, ich rede gut. Wohl dem, der sobald die Stunde geschlagen hat, einen heldenmütigen Entschluß faßt und wie Sulla oder der Origenes abdankt.«

Favourite hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu. »Felix! Ein hübscher Name. Das ist Lateinisch und bedeutet so viel wie Prosper.«

Tholomyès fuhr fort:

»Quiriten, gentlemen, caballeros, Freunde! Wollet Ihr die Begierden des Fleisches dämpfen und Amor ein Schnippchen schlagen? So vernehmet folgendes Rezept: Limonade, viel Bewegen, Bachulken, schindet Euch, sägt Holz, schlaft nicht, schlagt Euch den Leib voll mit salpetrigen Getränken, Seerosenthee, Mohnmilch, Keuschbaumemulsionen, würzet diese Genüsse mit einer knappen Diät, dazu kalte Bäder, Kräutergürtel, Abwaschungen mit Bleibaumlikor und Weinessigumschläge.«

»Etwas Weibliches ist mir lieber!« meinte Listolier.

»Den Weibern ist nicht zutrauen! versetzte Tholomyès. Das Weib liebt Veränderung, ist falscher Art und wandelt gern krumme Wege. Wenn sie die Schlangen nicht leiden kann, so thut sie das nur aus Konkurrenzneid.

»Tholomyées, rief Blachevelle, Du bist besoffen!«

»Na ob! räumte Tholomyès ein.

»Dann sei gemüthlich.«

»Meinetwegen.« Er füllte sein Glas bis zum Rande und erhob sich von seinem Sitze. »Es lebe der Wein! Nic, te, Bache, canam. Verzeihung, meine Damen, daß ich spanisch spreche. Beweis hierfür ist der Spruch: Wie ein Volk ist, so ist sein Weinmaß. Die kastilische Arroba faßt sechszehn Liter, der Cantaro von Alicante zwölf, die Almuda der kanarischen Inseln fünfundzwanzig, der Cuartin der Balearen sechsundzwanzig, der Stiefel Peters I. von Rußland dreißig. Ein Lebehoch dem Zaren, der ein großer Mann war, und ein noch höheres seinem noch größeren Stiefel! Einen guten Rath, meine Damen! Irren Sie Sich, wenn es Ihnen paßt, küssen Sie einen Andern. Irren ist menschlich, und von Einem zum Andern zu irren ist lieblich. Meine Damen, ich verehre Sie Alle, O Sephine, o Josephine. Sie sind reizend, schade nur, daß ihr Gesicht ein wenig schief gerathen ist. Es sieht aus, als hätte sich einmal Einer aus Versehen auf ihren Kopf gesetzt, und seitdem sind Ihre holden Züge etwas verschoben. Was Favourite anbetrifft, o Nymphen und Musen! Eines Tages sah Blachevelle ein schönes Mägdelein über einen Rinnstein schreiten. Sie hatte weiße knappe Strümpfe an, was in den Strümpfen steckte, war schön, und es gefiel ihm, und er empfand Liebe. Sie hieß Favourite. O Favourite, Du hast jonische Lippen. Es war einmal ein griechischer Maler, genannt Euphorion, dem hatte man den Beinamen »der Lippenmaler« gegeben. Nur dieser Grieche wäre wert gewesen. Deine Lippen zu malen. Höre mich! Vor Dir gab es nichts Schönes auf Erden. Du verdienst den Apfel, den Paris der Venus gab, zu besitzen oder ihn aufzuessen wie Eva. O Favourite, ich höre auf Sie zu duzen, weil ich jetzt von der Poesie zur Prosa übergehe. Sie sprachen so eben von meinem Namen. Das hat mich tief gerührt; aber mißtrauen wir allen Worten und Namen. Es kann einer Reich heißen und sein Leben lang an unheilbarem Dalles kranken. Auch Ihnen, Fräulein Dahlia, möchte ich rathen, sich Rosa zu nennen. Die Rose riecht gut und der Wohlgeruch ist das Beste an der Blume, wie der Verstand an dem Weibe. Ueber Fantine will ich nichts sagen. Sie ist eine Träumerin, eine Denkerin, eine zarte Mimose; ein Schatten in Gestalt einer Nymphe und mit der Sittsamkeit einer Nonne, die als Grisette unter Grisetten lebt, aber sich in das Reich der Illusionen flüchtet, die singt und betet und zu der Azurbläue hinaufschaut, ohne zu wissen, was sie da sieht, und was sie thut; und ihre Augen über einen himmlischen Garten hinschweifen läßt, wo mehr Vögel herumfliegen, als es auf der Welt giebt, O Fantine. wisse: Ich Tholomyès, bin eine Illusion; aber sie versteht mich nicht, die blonde Tochter einer Chimaere. Im Uebrigen ist sie eitel Jugendfrische, Süßigkeit, Holdseligkeit, lichte Klarheit. O Fantine, Mägdelein du verdienst Margarete, das ist verdolmetscht Perle, zu heißen, denn du bist eine Perle von schönstem Wasser. Ein zweiter Rath, meine Damen. Heirathen Sie nicht. Die Ehe ist wie Pfropfreis. Es kann veredeln oder auch nicht. Vermeiden Sie dieses Risiko. Aber ach! ich rede in den Wind! Die jungen Mädchen können das Heiraspeln nicht lassen, und was wir Weisen auch reden mögen, wird keine Putzmacherin oder Schneiderin unterlassen von einem Diamantenprinzen zu träumen, der sie eines schönen Tages zum Ehegemahl erküren wird. Sei es drum; aber, Ihr Schönen, merket Euch folgende Lehre: Ihr esset zu viel Zucker, und dies ist ein großer Fehler, allerdings Euer einziger. Aber, Freundinnen, der Zucker ist ein Salz. Ein jedes Salz zieht das Wasser an und trocknet folglich aus. Der Zucker aber ist das austrocknendste unter allen Salzen. Er saugt die flüssigen Bestandtheile des Blutes auf; daher Gewinnung, dann Verdickung des Blutes; daher Tuberkulose und endlich der Tod. Deshalb ist die Zuckerkrankheit mit der Schwindsucht verwandt. Also naschet keinen Zucker, und Ihr werdet am Leben bleiben. Nun wende ich mich an das Mannsvolk. Meine Herren, machen Sie Eroberungen. Stibitzen sie sich gegenseitig Ihre Liebchen. Chassez-Croisez. In Liebessachen hört die Freundschaft auf. Handelt es sich um ein hübsches Mädchen, so sind die Feindseligkeiten eröffnet. Kein Pardon! Krieg bis aufs Messer! Ein hübsches Mädchen ist ein casus belli. In allen Invasionen der Geschichte spielt der Unterrock die Hauptrolle. Romulus hat die Sabinerinnen, Wilhelm die Angelsächsinnen, Caesar die Römerinnen geraubt. Der Mann, der nicht mit etwas Liebem versehen ist, schwebt wie ein Geier über den Liebchen Andrer, und ich für mein Theil rufe allen den Unglücklichen, die unbeweibt sind, Bonapartes großartige Proklamation zu: »Soldaten, Euch mangelt es an Allem. Der Feind hat Alles. Greift zu.«

Tholomyès brach ab.

»Verpuste Dich, Tholomyès!« rieth Blachevelle.

Zu gleicher Zeit gab er der Rührung, die Tholomyès Weisheit in ihm erzeugt hatte, angemessenen Ausdruck, indem er, sekundirt von Listolier und Fameuil, ein erbauliches Lied anstimmte. Sinn hatte es nicht, denn es bestand aus zusammengewürfelten Wörtern; aber es wurde nach einer wehmüthigen, feierlichen Bänkelsängermelodie vorgetragen, die der weihevollen Stimmung des Augenblicks angepaßt war. Leider übte es keinen Einfluß auf Tholomyès, der wieder sein Glas füllte und fortfuhr:

»Nieder mit der Weisheit und Vernunft! Vergeßt Alles, was ich gesagt habe. Ich bringe einen Toast aus auf die Freude! Gesellen wir dem Jus den Ulk und den Suff zu. Vermählen wir Justinian mit der Fidelität! Freue dich, Weltall! Ich bin glücklich. Wie die Vögel sich amüsieren! Sei mir gegrüßt, Sommer. O Parke und Gärten, wie schön seid ihr, mit euern döseligen Kommisjungen und allerliebsten Kindermädchen, die nicht blos die Kinder, die schon da sind, warten, sondern auch das Fundament zu anderen legen! Die Pampas könnten mir gefallen, aber ich ziehe die Arkaden des Odeons vor. Umarme mich, Fantine!«

Er irrte sich aber und küßte Favourite.

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