Kitabı oku: «Les Misérables / Die Elenden», sayfa 15

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II. Erste Skizze zweier verdächtiger Gestalten

Es war ein armseliges Mäuschen, das sie da gefangen hatten! aber eine Katze freut sich auch über einen magern Fang.

Was waren die Thénardiers für Leute?

Entwerfen wir in kurzen Umrissen ein Bild von ihnen. Wir werden es in der Folge des Näheren ausführen.

Diese Wesen gehörten zu jener Zwitterart von Menschen, die aus ungebildeten Emporkömmlingen und heruntergekommenen gescheidten Leuten zusammengesetzt ist, zwischen dem sogenannten Mittelstande und den unteren Volksschichten steht und einige Fehler der letzteren mit fast allen Lastern des ersteren verbindet, ohne die gutherzigen Regungen des Arbeiters, noch die Ordnungsliebe der wohlhabenden Klassen zu bekunden.

Die Thénardiers waren sittlich unentwickelte Naturen, die unter dem Stachel irgend einer bösen Leidenschaft der ungeheuerlichsten Verbrechen fähig werden. Die Frau war mehr roh und dumm, der Mann mehr Lump und Gauner. Alle Beiden konnten es auf dem Wege, der zur Vollkommenheit im Schlechten führt, sehr weit bringen. Es giebt eben Krebsseelen, die beständig rückwärts gehen, nach der Finsterniß hin, die ihre Erfahrungen nur dazu benutzen, um ihre moralische Verkrüppelung noch zu vermehren und allmählig immer nichtswürdiger zu werden. Zu diesen Naturen gehörten auch die Thénardiers, Mann und Frau.

Er war eine ausnahmsweise unangenehme Erscheinung für den Physiognomiker. Manche Menschen braucht man blos anzusehen, um Mißtrauen gegen sie zu fassen, ein Mißtrauen, das sich nach zwei Seiten hin erstreckt, auf ihre Vergangenheit und auf ihre Zukunft. Ihre Blicke, ihre Gebärden zeugen davon, daß sie schlimme Handlungen hinter und vor sich haben.

Thénardier war, wenn man seinen Angaben Glauben schenken durfte, Soldat gewesen und hatte es bis zum Sergeanten gebracht. In dem Feldzuge des Jahres 1815 sollte er sich sogar besonders ausgezeichnet haben; aber wir werden später auseinander setzen, wie sich die Sache in Wirklichkeit verhielt. Eine seiner Waffenthaten war auf seinem Aushängeschild dargestellt. Er selber hatte das Bild gemalt, denn er verstand von Allem ein wenig, aber Alles schlecht.

Es war damals die Zeit, wo die Romanlitteratur, die sich einst eines Meisterwerks wie »Clölia« rühmen konnte, sich zu nichts Besserem als zu einer »Lodoiska« emporgeschwungen hatte, in der das Scepter von Fräulein von Scuderi und Frau von Lafavette auf Frau Bournon-Malarme und Frau Barthélemy-Hadot übergegangen war und sich dem Niveau des Volkes angepaßt hatte. In dieser Gestalt entflammte der damalige Roman: »Die liebesbedürftigen Seelen der pariser Portierfrauen« und richtete sogar in den angrenzenden Ortschaften arge Verwüstungen in Frauenhirnen an. Auch Frau Thénardier war gerade gescheidt genug, dergleichen Bücher zu lesen. Sie lebte und webte in diesem Unsinn, tauchte ihr bischen Verstand ganz darin unter und erschien in Folge dessen, so lange sie jung war und noch einige Zeit darüber hinaus, als eine sinnige Natur im Vergleich mit ihrem Manne, einem zugleich rohen und pfiffigen Halunken mit einer gewissen Kombinationsgabe und der auch eine gewisse Bildung besaß, es aber in Bezug auf Sentimentalität nur bis zu Pigault-Lebrun's Anschauungen gebracht hatte und sich dem schönen Geschlecht gegenüber immer nur als ein vollendeter Knote betrug. Seine Frau war zwölf bis fünfzehn Jahre jünger, als er. Später aber, als ihre romantischen Schmachtlocken zu ergrauen anfingen, als sich aus einer Pamela eine Megäre entwickelte, war die Thénardier nur noch ein dickes, bösartiges Weibsbild, das sich an dummen Romanen erbaut hatte. Aber Albernheiten ließ man nicht ungestraft. Die Folge bei der Thénardier war, daß ihre älteste Tochter Eponine hieß. Die jüngste wäre beinahe von dem Unglück befallen worden, Gulnare getauft zu werden; glücklicher Weise bewirkte aber ein Roman von Ducray-Duminil eine Ablenkung zu Gunsten des armen Dinges, so daß es mit dem Namen Azelma davon kam.

Beiläufig gesagt war aber nicht Alles lächerlich und oberflächlich an dieser eigentümlichen Zeitepoche, die sich durch die Anarchie der Taufnamen charakterisirt. Neben dem so eben angedeuteten romantischen Element tritt ein andres auf, das symptomatisch ist für gewisse soziale Umwälzungen. Es ist heutzutage nicht selten, daß Ochsenjungen sich Arthur, Alfred, Alfons nennen, und Vicomtes – falls man solche Vicomtes noch sprechen kann, sich an dem simpeln Namen Thomas, Pierre, Jacques begnügen lassen. Diese Verbindungen der »feinen« und der plebejischen Taufnamen verdankt man dem neuen Gleichheitsdrange, dessen unwiderstehlicher Hauch jetzt alles durchweht. Auch diesem scheinbaren Mißklange liegt etwas Großes zu Grunde, die französische Revolution.

III. Die Lerche

Es gehört noch etwas mehr dazu als bloße Niederträchtigkeit, wenn man auf einen grünen Zweig kommen will. Die Gastwirtschaft ging mehr und mehr zurück.

Dank den siebenundfünfzig Franken, die Fantine hergegeben hatte, war es Thénardier geglückt dem Protest zu entgehen und seinen Wechsel zu honoriren. Den nächsten Monat brauchten sie wieder Geld, und Frau Thénardier versetzte deshalb in Paris Cosettens Ausstattung für sechzig Franken. Sobald dies Geld ausgegeben war, gewöhnten sich die Thénardiers daran in dem kleinen Mädchen nur ein Kind zu sehen, das sie aus Gnade und Barmherzigkeit bei sich behielten, und behandelten sie demgemäß. Nun sie keine Ausstattung mehr hatte, kleidete man sie in die alten Kleider und Hemden der kleinen Thénardiers, d. h. in Lumpen. Genährt wurde sie mit dem, was die Andern übrig ließen, ein wenig besser als der Hund und ein wenig schlechter, als die Katze. Die Katze und der Hund waren überhaupt des Kindes ständige Tischgenossen, denn Cosette aß wie sie unter dem Tisch aus einem hölzernen Napf, der den ihrigen ähnlich war.

Ihre Mutter, die sich in Montreuil-sur-Mer niedergelassen hatte, schrieb oder ließ vielmehr jeden Monat einen Brief an die Thénardiers schreiben, um sich nach ihrem Töchterchen zu erkundigen. Sie erhielt regelmäßig denselben Bescheid: »Cosetten geht es recht wohl.«

Nach dem Ablauf des ersten Halbjahres schickte die Mutter sieben Franken für den siebenten Monat und war überhaupt ziemlich pünktlich mit ihren Geldsendungen. Aber das Jahr war noch nicht zu Ende, als Thénardier eines Tages murrte: Das ist gerade was Rechtes, sieben Franken! Und er verlangte zwölf Franken. Die Mutter, der sie vorredeten, ihr Kind sei glücklich und gedeihe gut, fügte sich und zahlte das Verlangte.

Gewisse Naturen können nicht auf der einen Seite lieben ohne auf der andern zu hassen. Mutter Thénardier liebte ihre beiden Töchter leidenschaftlich, konnte aber in Folge dessen die fremde Kleine nicht ausstehen. Wie traurig, daß Mutterliebe sich auf eine häßliche Weise äußern kann! So wenig Platz Cosette auch in dem Hause einnahm, die Thénardier glaubte, dieser Platz fehle jetzt ihren Kindern, die Kleine atme Luft, die ihren Töchtern zukäme. Wie viele Frauen ihres Schlages verfügte sie nur über ein bestimmtes Quantum Liebkosungen und über ein gleichfalls begrenztes Quantum Schläge und Scheltworte pro Tag. Hätte sie nicht Cosette gehabt, so wären alle Mißhandlungen, so abgöttisch sie ihre Töchter auch liebte, auf diese niedergeprasselt; so aber hatten diese das Glück, daß die kleine Fremde alle Schläge auf sich ablenkte, während sie nur die Liebkosungen einheimsten. Cosette mochte thun, was sie wollte, immer erweckte sie unbarmherzige Züchtigungen. Was mußte sich wohl das sanfte, schwache Geschöpfchen von der Welt und von Gott für eine Vorstellung machen, wenn sie ohne Unterlaß gescholten wurde und damit das sonnige Glück verglich, dessen sich die beiden andern Kinder erfreuten!

Da die Mutter gegen Cosette niederträchtig war, so waren Eponine und Azelma es natürlich ebenfalls. Die Kinder sind in diesem Alter nur Abdrücke der Mutter, nur in kleinerem Format.

So verstrich ein Jahr und dann ein zweites.

Im Dorfe hieß es:

»Was die Thénadiers für gute Menschen sind. Haben selber nichts und erhalten ein armes Kind, das man ihnen auf dem Halse gelassen hat!«

Denn man nahm an, Cosette sei von ihrer Mutter vergessen worden.

Thénardier indessen, der auf irgend einem geheimen Umwege in Erfahrung gebracht hatte, daß die Kleine ein uneheliches Kind war, dessen Existenz von der Mutter verhehlt werden mußte, verlangte fünfzehn Franken Kostgeld. Die Kleine, behauptete er, wachse sehr und esse jetzt viel mehr.

»Wenn sie mich will darunter leiden lassen, daß sie unsaubre Geschichten zu verheimlichen hat, so komm ich ihr, ehe sie's sich versieht, über den Hals und schmeiße ihr den Balg vor die Füße.«

Auch diese Steigerung ließ sich die Mutter gefallen.

Das Kind wuchs von Jahr zu Jahr, und sein Elend ebenfalls.

Anfangs bestand der Hauptzweck ihres Daseins darin, daß sie sich von Thénardiers Kindern beliebig mißhandeln lassen mußte; als sie aber fünf Jahre alt geworden, wurde sie auch noch die Dienstmagd des Hauses.

»Ein fünfjähriges Kind – Dienstmädchen? Nicht möglich!« wird man einwenden. Doch, doch! Leider! Das soziale Elend kehrt sich an kein Lebensalter. Haben wir doch kürzlich einen gewissen Dumolard vor Gericht gesehen, einen Banditen, der laut officiellen Urkunden, als verwaistes, fünfjähriges Kind, »von seiner Hände Arbeit und vom Diebstahl lebte.«

Cosette mußte alle Gänge machen, die Stuben, den Hof, die Straße fegen, das Geschirr abwaschen, ja Lasten tragen. Dies zu verlangen, hielten sich die Thénardiers um so mehr für berechtigt, als die Mutter, die noch immer in Montreuil-sur-Mer weilte, anfing weniger pünktlich zu zahlen. Mit einigen Monaten Kostgeld blieb sie sogar im Rückstände.

Wäre sie jetzt, nach Verlauf dreier Jahre, nach Montfermeil zurückgekehrt, so hätte sie ihr Kind nicht wiedererkannt. So niedlich und kräftig Cosette bei ihrer Ankunft im Thénardierschen Hause gewesen war, so mager und blaß sah sie jetzt aus. Dabei hatte sie etwas Aengstliches oder, wie die Thénardiers es nannten, Duckmäuserisches in ihrem Wesen.

Die Ungerechtigkeit brachte die Wirkung hervor, daß sie zänkisch wurde und, infolge des Elends, war sie häßlich geworden. Nur ihre schönen Augen waren ihr geblieben, aber in die konnte man nicht hineinsehen, ohne daß es einem weh ums Herz wurde. Schienen sie doch nur deshalb so groß zu sein, um recht viel Traurigkeit wiederspiegeln zu können.

Es war kläglich anzusehen, wenn dies, noch nicht sechsjährige Kind, zur Winterzeit, in alten Leinwandlumpen vor Kälte bebte und in den rothen, verfrorenen Händchen, mit Thränen in den großen Augen, einen mächtigen Besen hantierte.

In der Umgegend nannte man sie die Lerche. Diesen Namen hatte das Volk, das figürliche Redewendungen liebt, dem verschüchterten, scheuen Geschöpfchen beigelegt, das jeden Morgen zuerst im Hause und im Dorfe aufstand, das schon vor dem Tagesgrauen auf der Straße, oder auf dem Felde zu sehen war.

Schade nur, daß die Lerche nie sang.

Fünftes Buch. Dem Abgrund zu

I. Ein Fortschritt in der Glasindustrie

Was war aber unterdessen aus der Mutter geworden, die, wie man in Montfermeil behauptete, ihr Kind im Stiche gelassen hatte? Wo hielt sie sich auf? Wie ging es ihr?

Nachdem sie ihr Töchterchen bei den Thénardiers zurückgelassen, war sie weiter gewandert, bis nach Montreuil-sur-Mer.

Es war, wie man sich entsinnen wird, im Jahre 1818.

Zehn Jahre waren jetzt verflossen, seitdem Fantine aus ihrer Provinz nach Paris gegangen war. In der Zeit hatte sich Montreail-sur-Mer stark verändert. Während Fantine allmählich immer tiefer im Elend versank, war ihre Heimatsstadt emporgekommen.

Seit zwei Jahren hatte sich daselbst ein Umschwung in der Industrie vollzogen, der für einen kleinen Ort ein großes Ereigniß bedeutet.

Dieser Umstand ist von Wichtigkeit, und wir müssen deshalb jetzt näher darauf eingehen.

Seit Menschengedenken beschäftigte man sich in Montreuil-sur-Mer mit der Nachahmung der englischen Gagate und der deutschen, schwarzen Glaswaaren, aber ohne besonderen Erfolg, da der hohe Preis der Rohstoffe jede wirksame Konkurrenz unmöglich machte. Doch zu der Zeit, wo Fantine nach Montreuil-sur-Mer zurückkam, hatte die Erzeugung der »schwarzen Waaren« eine unerhörte Umwälzung erfahren. Gegen das Ende des Jahres 1815 war ein Unbekannter gekommen und hatte bei der Fabrikation das Harz durch Gummilack und die blechernen, gelötheten Schieber an den Armbändern durch blos angefügte ersetzt. Diese geringfügigen Aenderungen brachten eine Revolution in der Glasindustrie zu Stande.

Denn dadurch kamen die Rohstoffe billiger zu stehen, und die Folge hiervon war erstens, daß der Arbeitslohn erhöht werden konnte, was ein Segen für den Ort war; zweitens eine Verbesserung des Fabrikats, was ein Vortheil für den Consumenten war; drittens eine Verbilligung der Waare, bei dreimal so großem Profit für den Fabrikanten.

Also drei Vortheile, die sich aus einer Erfindung ergaben.

In noch nicht drei Jahren war der Urheber der Idee reich geworden, und das war gut; andrerseits hatte er den Ort reich gemacht, und das war besser. Er war fremd in dem Departement. Woher er kam, wußte man nicht; wie er emporgekommen, auch nicht genauer.

Man erzählte sich, er habe sehr wenig Geld gehabt, als er in der Stadt ankam, höchstens einige Hundert Franken.

Auf diesem geringen Kapital, das er im Dienste einer gescheidten Idee verwertete und durch Ordnung und Nachdenken befruchtete, hatte er sein Glück und das der ganzen Umgegend aufgebaut.

Bei seiner Ankunft in Montreuil-sur-Mer schien er; seiner Kleidung, seiner Haltung und seiner Sprache nach zu urtheilen, ein Arbeiter zu sein.

Es hieß, an dem Tage, wo er – es war gegen Abend und im Monat Dezember – einen Tornister auf dem Rücken und einen Knotenstock in der Hand, unbeachtet in die Stadt hereinkam, habe gerade das Gemeindehaus in Flammen gestanden. Der Fremde stürzte sich mit Lebensgefahr in das brennende Haus und rettete zwei Kinder, die des Gendarmeriehauptmanns, weshalb man es unterlassen hatte, ihn nach seinem Paß zu fragen. In der Folge erfuhr man seinen Namen. Er hieß Vater Madeleine.

II. Madeleine

Vater Madeleine war ein Fünfziger, der sehr nachdenklich aussah und ein guter Mensch war. Das war Alles, was man über ihn sagen konnte.

Dank der, durch ihn bewirkten, Ummodelung der Glasindustrie war Montreuil-sur-Mer ein bedeutender Handelsplatz geworden. Von Spanien, das viel schwarzen Jet konsumirt, liefen daselbst jedes Jahr ansehnliche Bestellungen ein und Montreuil-sur-Mer machte sogar London und Berlin eine ziemlich fühlbare Konkurrenz. Der Nutzen, den Vater Madeleine aus seinem Geschäft zog, war so bedeutend, daß er schon im zweiten Jahr eine große Fabrik mit zwei sehr geräumigen Werkstätten erbauen konnte. Dorthin konnte ein Jeder kommen, der Noth litt, mit der sichern Aussicht Arbeit und Brot zu finden. Denn Vater Madeleine verlangte von den Männern nur guten Willen, von den Frauen Sittenreinheit, von Allen Ehrlichkeit. Werkstätten hatte er zwei eingerichtet, um die beiden Geschlechter von einander zu trennen und damit die jungen Mädchen und Frauen nicht der Verführung ausgesetzt seien. In diesem einzigen Punkte war er unbeugsam bis zur Unduldsamkeit. Allerdings war diese Strenge eine durchaus berechtigte, denn da Montreuil-sur-Mer eine Garnisonsstadt war, lief die Tugend seiner Arbeiterinnen große Gefahren. Ueberhaupt spielte er für die ganze Umgegend die Rolle einer gütigen Vorsehung. Vor seinem Auftreten lag Alles darnieder; jetzt verspürte man überall den materiellen und moralischen Segen der Arbeit und den kräftigen Pulsschlag eines neuen Lebens, das Alles durchdrang und Alles erwärmte. Arbeitslosigkeit und Elend waren unbekannte Dinge. Auch der Aermste hatte jetzt Geld in der Tasche, auch in die bescheidenste Hütte drang jetzt ein Strahl der Freude.

Inmitten all' dieser Thätigkeit, deren Ursache und Angelpunkt er war, erwarb, wie schon erwähnt, Vater Madeleine ein bedeutendes Vermögen, aber merkwürdigerweise schien dies nicht seine Hauptsorge zu sein. Offenbar dachte er mehr an Andere, als an sich selber. 1820 wußte man, daß er bei dem Bankier Lafitte sechshundert dreißig Tausend Franken zu liegen hatte, aber ehe er dieses Geld für sich behielt, hatte er über eine Million für die Stadt und für die Armen hingegeben.

Das Krankenhaus war schlecht ausgestattet: Er hatte zehn neue Betten gestiftet. Montreuil-sur-Mer zerfällt in eine obere und eine untere Stadt. In letzterer, wo er wohnte, gab es nur eine Schule, die sich in einem elenden, baufälligen Zustande befand. Er ließ zwei neue bauen, eine für die Knaben, die andere für die Mädchen. Außerdem warf er den beiden Schullehrern eine Summe aus, die doppelt so groß war, als ihr Gehalt, und bemerkte, als sich Jemand über diese Freigebigkeit wunderte: »Die Amme und der Schulmeister sind die ersten Beamten des Staates.« Desgleichen gründete er auf seine Kosten eine Kleinkinderbewahranstalt, was damals in Frankreich noch etwas fast Unbekanntes war, und eine Unterstützungskasse für alte und invalide Arbeiter. Als um seine Fabrik herum ein neues Stadtviertel entstanden war, wo viele bedürftige Familien sich ansiedelten, gründete er eine Apotheke, in der Arzneien unentgeltlich verabfolgt wurden.

Anfangs hatte es von ihm geheißen: »Der Kerl ist ein Pfiffikus, der reich werden will.« Als dann der Ort eher reich wurde, als Vater Madeleine, machten dieselben Klugschmuse die Entdeckung, der Mann sei ein Streber. Diese Ansicht hatte allerdings eine große Wahrscheinlichkeit für sich, denn Madeleine war religiös und besuchte sogar mit einer gewissen Regelmäßigkeit die Kirche, was damals wohl gelitten war, insbesondere wohnte er jeden Sonntag einer stillen Messe bei. Dem Deputirten, der Montreuil-sur-Mer in der Kammer vertrat und überall Nebenbuhler witterte, kam diese Religiosität verdächtig vor. Er war unter dem Kaiserreich Mitglied des gesetzgebenden Körpers gewesen und theilte in Bezug auf Religion die Ansichten eines Priesters vom Oratorium, Namens Fouché, Herzog von Otranto, dessen Kreatur und Freund er gewesen war: Er riß bei verschlossenen Thüren fidele Witze über den lieben Gott, Aber als er den reichen Fabrikanten Madeleine die stille Messe um sieben Uhr besuchen sah, beschloß er ihn zu überbieten, nahm sich einen Jesuiten zum Beichtvater und wohnte regelmäßig dem Hochamt und dem Nachmittagsgottesdienst bei. Denn zu jener Zeit stürmten die Streber ihrem Ziele mit dem Wetteifer zu, der Reiter bei einer Steeplechase beseelt. Glücklicher Weise profitirten die Armen so gut, wie der liebe Gott von dieser Konkurrenz, denn der ehrenwerthe Abgeordnete stiftete auch zwei Betten in dem Hospital, was im Ganzen zwölf ausmachte.

Unterdessen verbreitete sich 1819 eines Morgens in der Stadt das Gerücht, Vater Madeleine sei, in Anbetracht seiner Verdienste um das Wohl der Stadt, von den Herrn Präfekten dem Könige zum Bürgermeister von Montreuil-sur-Mer vorgeschlagen worden. Dies war Wasser auf die Mühle Derer, die den neuen Ankömmling für einen Streber erklärt hatten, und sie ließen die schöne Gelegenheit nicht vorüber gehen, ohne sich ihre Weisheit bestätigen zu lassen. »Aha! Haben wir's Euch nicht gesagt?« Ganz Montreuil-sur-Mer gerieth in Aufregung. Das Gerücht war begründet. Einige Tage darauf meldete der Moniteur Madeleine's Ernennung zum Bürgermeister. Allein dieser – schlug die angebotne Ehre aus.

In demselben Jahre beschickte Madeleine die Gewerbeausstellung mit den neuen, von ihm erfundenen Erzeugnissen, und infolge des Berichtes der Jury ernannte der König den Erfinder zum Ritter der Ehrenlegion. Abermals Sensation und Spannung in der Stadt: »Ja so! Er hatte es auf das Kreuz abgesehn!« Aber Vater Madeleine schlug auch das Kreuz aus.

Räthselhafter Mensch! Indeß die Klugschmuse wußten sich zu helfen und meinten: »Na, er ist ein Abenteurer!«

Wir haben also gesehen, daß die Stadt ihm viel, die Armen Alles verdankten; er stiftete so viel Nutzen, daß man ihm schließlich Ehrungen erwies, und war so gütig, daß man ihn lieb gewinnen mußte; besonders seine Arbeiter vergötterten ihn, und er nahm ihre Verehrung mit einer Art schwermüthigen Ernstes entgegen. Als er reich geworden, grüßten ihn die feinen Leute und nannten ihn »Herrn« Madeleine; die Arbeiter und die Kinder freilich fuhren fort, ihn Vater Madeleine zu nennen und dieser Titel erregte sein besondres Wohlgefallen. Als er aus der Niedrigkeit höher und höher emporstieg, regnete es Einladungen bei ihm. Die »feinen Leute« suchten ihn in ihren Umgangskreis zu ziehen. Die Salons, in die er als armer Handwerker nie Zugang gehabt hätte, thaten ihre Thüren weit auf, ihn aufzunehmen, nun er Millionär geworden war. Aber auch diese Einladungen lehnte er ab.

Und wieder verstand es die kluge Welt eine plausible Deutung für dieses Verhalten zu finden: Er ist ein unwissender, ungebildeter Mensch. Wer weiß, welches seine Herkunft sein mag? Er versteht sich nicht in guter Gesellschaft zu bewegen. Es ist noch gar nicht sicher, ob er lesen kann. U. dgl. m.

Allein im Jahre 1820, fünf Jahre nach seiner Ankunft in Montreuil-sur-Mer, waren die Dienste, die er der Stadt erwiesen hatte, so augenfällig und die allgemeine Stimmung zu seinen Gunsten eine so entschiedene, daß der König ihn abermals zum Bürgermeister ernannte. Er lehnte die Ehre wieder ab, aber der Präfekt wollte diese Weigerung nicht gelten lassen, die Honoratioren der Stadt kamen zu ihm, das Volk auf der Straße bat ihn, das Amt anzunehmen, kurz von allen Seiten drang man so lebhaft in ihn, daß er schließlich nachgab. Einen entscheidenden Eindruck machte wohl auf ihn der ärgerliche Zuruf einer alten Frau aus dem Volke: »Ein guter Bürgermeister kann viel Nutzen stiften. Darf einer Nein sagen, wenn es gilt, was Gutes zu thun?«

Er hatte also jetzt die dritte Stufe erklommen. Erst Vater Madeleine, dann Herr Madeleine und jetzt »der Herr Bürgermeister.«

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