Kitabı oku: «Les Misérables / Die Elenden», sayfa 18

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X. Weitere Erfolge der Frau Victurnien

Sie war gegen das Ende des Winters entlassen worden; der Sommer verging, aber der Winter kam wieder. Kürzere Tage, weniger Arbeit. Im Winter keine Wärme, kein Licht, kein Mittag, Abend und Morgen liegen nicht weit auseinander, Nebel, die Fenster sind zugefroren oder beschlagen und man sieht nicht hell. Der Himmel läßt nicht mehr Licht hindurch, als ein Kellerfenster in ein Souterrain. Schreckliche Jahreszeit! Der Winter versteinert das Wasser des Himmels und das Herz des Menschen. Fantinens Gläubiger ließen ihr keine Ruhe.

Sie verdiente zu wenig, so daß ihre Schulden zunahmen. Die Thénardiers, denen das Kostgeld nicht regelmäßig zuging, schrieben Briefe über Briefe, deren Inhalt sie betrübte und kränkte, und deren Porto in's Geld lief. Eines Tages theilten sie ihr mit, Cosette habe keine Kleider mehr, sie brauche allerwenigstens ein wollnes Röckchen bei der Kälte, das nicht unter zehn Franken zu haben sein würde. Diesen Brief trug sie den ganzen Tag in der Hand herum. Am Abend ging sie zu dem Barbier, der an der Ecke wohnte, und zog den Einsteckkamm aus ihrer Frisur heraus, so daß ihr üppiges blondes Haar bis zu den Hüften herniederwallte.

»Schöne Haare!« rief der Barbier.

»Wieviel wollen Sie mir dafür geben?«

»Zehn Franken.«

»Gut.«

Für das Geld kaufte sie ein Tricotkleidchen und schickte dies den Thénardiers.

Diese geriethen in keine geringe Wuth. Sie hatten Geld haben wollen. Sie gaben das Kleid ihrer Eponine, und die arme Lerche war nach wie vor den Unbillen der Winterzeit ausgesetzt.

Fantine dachte: »Mein Kind friert nicht mehr. Ich habe sie mit meinen Haaren bekleidet.« Sie trug nun, ihren geschornen Kopf zu verhüllen, ein rundes Häubchen und sah auch so noch niedlich aus.

Unterdessen vollzog sich in Fantinens Herzen eine unheimliche Verwandlung. Sie empfand, als sie sich nicht mehr ihrer schönen Haare erfreute, einen wüthenden Haß gegen Alles, was sie umgab. Sie hatte lange Zeit die Verehrung Aller für Vater Madeleine getheilt; allein indem sie sich fortwährend wiederholte, daß er sie ihres Broderwerbes beraubt habe und an ihrem Unglück schuld sei, lernte sie auch ihn, ihn ganz besonders hassen. Sie lachte und sang, wenn sie an der Fabrik vorbeikam, und die Arbeiter vor der Thür standen, ihnen zum Trotz.

»Die nimmt ein schlechtes Ende!« bemerkte einst eine alte Arbeiterin, als sie Fantine bei diesem Gebahren beobachtete.

Schließlich nahm Fantine sich einen Liebsten, den ersten Besten, einen Mann, aus dem sie sich nichts machte, um die öffentliche Meinung herauszufordern, mit wilder Wuth im Herzen. Es war ein Taugenichts, ein Bettelmusikant, ein Faulpelz, der sie prügelte und sie bald überdrüssig bekam.

Aber sie liebte ihr Kind und, je tiefer sie sank, je düstrer Alles um sie wurde, desto heller erstrahlte in ihrem Herzen das Bild ihres süßen Engelchens. Dann dachte sie: »Wenn ich mal reich bin, lasse ich meine Cosette kommen«, und freute sich. Der Husten nahm nicht ab, und ihr Rücken bedeckte sich oft mit Schweiß.

Eines Tages erhielt sie von den Thénardiers einen Brief folgenden Inhalts: »Cosette hat eine Krankheit, die jetzt hier in der Gegend umgeht. Ein sogenanntes Frieselfieber. Die Arznei kostet viel Geld, und wir haben's nicht dazu. Wenn Sie uns nicht binnen acht Tagen vierzig Franken schicken, ist es um die Kleine geschehen.«

Sie lachte wild auf und sagte zu ihrer alten Nachbarin: »Die sind gut! Vierzig Franken! Weiter nichts! Zwei Napoleond'or! Wo soll ich die denn hernehmen? Nein, was diese Bauern dumm sind!«

Indessen ging sie auf die Treppe, an eine Luke, und las den Brief noch einmal über.

Dann eilte sie die Treppe hinunter und lief springend, tanzend und immerzu lachend die Straße entlang.

Ein Bekannter begegnete ihr und fragte sie: »Was ist Ihnen denn passirt, daß Sie so vergnügt sind?«

Sie antwortete: »Ich lache über einen dummen Brief, den mir Leute vom Lande geschrieben haben. Denken Sie, die Schafsköpfe von Bauern wollen vierzig Franken von mir haben!«

Als sie über den Platz ging, sah sie eine große Menschenmenge um einen auffallenden Reklamewagen, auf dem ein roth gekleideter Mann stand und eine Rede hielt. Es war ein Quacksalber, der dem Publikum Gebisse, Opiate, Pulver und Elixire zum Kauf anbot.

Fantine mischte sich unter die Menge und lachte wie die Andern über den Redner, der, um dem Pöbel sowohl, wie den Gebildeten unter seinen Zuhörern gerecht zu werden, kunstvoll die kanaillösesten Ausdrücke mit großartig wissenschaftlichem Quatsch durch einander mengte. Der Zahnausreißer bemerkte sie bald mit seinen geübten Augen und rief ihr zu: »Sie da, Sie hübsche Kleine, wenn Sie mir Ihre zwei obern Schneidezähne verkaufen wollen, gebe ich Ihnen einen Napoleond'or für jeden.«

»Pfui, wie abscheulich!« rief Fantine.

»Zwei Napoleond'or!« brummte eine zahnlose Alte neben ihr. »Hat die ein Glück!«

Fantine lief davon und hielt sich beide Ohren zu, um nicht die heisre Stimme des Quacksalbers zu hören, der ihr nachschrie: »Ueberlegen Sie Sich die Sache, schöne Kleine! Zwei Napoleond'or sind nicht zu verachten. Wenn Ihnen mein Vorschlag zusagt, so kommen Sie heute Abend in die Herberge zum silbernen Schiff.«

Fantine rannte nach Hause und erzählte wüthend ihrer Nachbarin, was ihr passirt war. – »Was sagen Sie dazu? Ist so was nicht scheußlich? Wie kann blos die Obrigkeit solche Leute im Lande herumziehen lassen? Meine Vorderzähne ausziehen! Wie würde ich dann aussehen? Haare wachsen wieder, aber Zähne –! Solch ein Scheusal von Mensch! Da würde ich mich lieber fünf Stock hoch aus einem Fenster kopfüber auf das Pflaster stürzen. Heute Abend, sagte er, würde er in der Herberge zum silbernen Schiff zu treffen sein.«

»Wieviel hat er Ihnen denn geboten?« fragte Margarete.

»Zwei Napoleond'or.«

»Das macht vierzig Franken.«

»Jawohl, vierzig Franken.«

Sie wurde nachdenklich, und machte sich an ihre Arbeit. Nach Verlauf einer Viertelstunde, stand sie auf und las den Brief der Thénardiers noch einmal auf der Treppe.

Als sie zurückkam, fragte sie Margarete, die neben ihr arbeitete:

»Was ist denn das, ein Frieselfieber? Wissen Sie's?«

»O ja! Eine Krankheit.«

»Da braucht man viel Arznei?«

»Gehörig viel!«

»Wo kommt denn das her?«

»Es ist eine Krankheit, die man so unversehens kriegt.«

»Das kriegen also die Kinder?«

»Besonders die Kinder!«

»Kann ein Kranker daran sterben?«

»O, ganz gut!« meinte Margarete.

Fantine stand auf und las den Brief noch einmal auf der Treppe.

Am Abend ging sie aus dem Hause und lenkte ihre Schritte der Pariser Straße zu, wo die Herbergen liegen.

Und als am nächsten Morgen Margarete vor Tagesanbruch – denn sie arbeiteten immer zusammen, um ein Talglicht zu ersparen – sich in Fantinens Zimmer einfand, saß Fantine bleich und halb erfroren auf ihrem Bett. Sie hatte sich nicht schlafen gelegt. Ihre Haube war auf ihre Kniee herabgefallen. Das Licht hatte die ganze Nacht gebrannt, und es war nur noch ein Stümpfchen davon übrig.

Margarete blieb halb versteinert vor Schrecken über die großartige Verschwendung und rief.

»Herr des Himmels! das Licht ist ja niedergebrannt! Was ist denn hier passirt?«

Dann blickt sie Fantine an, die ihren kurzhaarigen Kopf ihr zugewendet hielt. Die Unglückliche sah zehn Jahre älter aus, als den Tag zuvor.

»Herr, erbarme dich!« rief Margarete. »Was fehlt Ihnen, Fantine?«

»Nichts. Im Gegenteil. Mir ist wohl zu Muthe. Meine Cosette wird nicht aus Mangel an Arznei an der abscheulichen Krankheit sterben.«

Bei diesen Worten zeigte sie ihrer Freundin zwei Napoleond'or, die auf dem Tische lagen.

»Gott des Erbarmens! Das ist ja ein ganzes Vermögen? Wo haben Sie denn die Goldstücke her?«

»Ich habe sie bekommen,« antwortete Fantine.

Bei diesen Worten lächelte sie, ein blutiges Lächeln. Denn die Mundwinkel waren mit röthlichem Speichel benetzt, und in ihrem Oberkiefer sah man eine schwarze Lücke.

Die beiden Oberzähne waren ausgezogen.

Sie schickte die vierzig Franken nach Montfermeil. Im Uebrigen aber war Cosette nicht krank, und die Thénardiers hatten den Kniff gebraucht, um sich Geld zu verschaffen.

Alsdann warf Fantine ihren Spiegel zum Fenster hinaus. Aus ihrem Zimmerchen in einem zweiten Stock hatte sie sich schon längst in eine Dachstube geflüchtet, deren Fußboden mit der Decke in einem spitzen Winkel zusammengrenzte, und wo sie sich alle Augenblicke den Kopf stieß. Eine Bettstelle hatte sie nicht mehr, es war ihr nur ein großer Lumpen geblieben, den sie ihre Decke betitelte, ferner eine Matratze, die auf der bloßen Erde lag, und ein Stuhl, dessen Strohsitz entzwei war. In einer Ecke stand. noch ein Blumentopf, aber der Rosenstrauch darin war verdorrt. In einer andern Ecke sah man auch einen als Wasserbehälter benutzten Buttertopf, an dessen Innenfläche sich verschiedene Eisringe gebildet hatten. Hatte sie schon längst alle Scham verloren, so verlernte sie jetzt, auch auf ihr Aeußeres etwas zu geben und sank bald zur Schlumpe herab. Sie trug auf der Straße schmutzige Hauben, besserte aus Mangel an Zeit oder aus Gleichgiltigkeit ihre Wäsche nicht mehr aus, flickte ihr altes, abgenutztes Corset mit Kattunlappen, die bei jeder Bewegung wieder abrissen. Ihre Gläubiger bereiteten ihr öffentliche Auftritte und drangsalirten sie auf jede Weise. Sie lauerten ihr auf der Straße, auf der Treppe auf. Sie weinte und grübelte ganze Nächte hindurch. Ihre Augen glänzten grell und immer greller, und oben am linken Schulterblatt meldeten sich Schmerzen, die nicht weggehen wollten. Auch hustete sie immer stark. Sie arbeitete siebzehn Stunden jeden Tag, aber ein Unternehmer, der über billige Gefängnißarbeit verfügte, machte den andern Fabrikanten so starke Konkurrenz, daß der Arbeitslohn auf neun Sous herunterging. Neun Sous für siebzehn Stunden Arbeit! Nun peinigten sie ihre Gläubiger nur noch erbarmungsloser. Der Trödler namentlich, der ihr fast alle Möbel wieder abgenommen, zeterte fortwährend: »Wann wirst Du mich bezahlen. Du Kanaille, Du?« Was wollten sie denn eigentlich von ihr? So verängstigt wurde sie, daß sie in ihrem Wesen einem gehetzten Wild zu gleichen begann. Schließlich kündete ihr der schuftige Thénardier an, er habe in seiner Gutmüthigkeit nun wirklich zu lange gewartet, und sie müsse ihm umgehend hundert Franken schicken; sonst würde er Cosette, so schwach sie noch von ihrer Krankheit wäre, auf die Straße setzen und würde sich nicht daran kehren, was bei der Kälte aus ihr werden würde: seinetwegen könne sie krepiren, – »Hundert Franken!« dachte Fantine. »Wie macht man's denn, wenn man hundert Sous täglich verdienen will?«

»Nun, dann muß ich das Einzige verkaufen, was mir noch übrig bleibt.«

Und die Unglückliche warf sich der Prostitution in die Arme.

XI. »Christus hat uns befreit.«

Was lehrt uns Fantinens Lebensgeschichte? Wie die Gesellschaft sich eine Sklavin kauft.

Von wem? Von dem Elend.

Von dem Hunger, der Kälte, der Vereinsamung, der Noth. Jammervoller Handel. Eine Menschenseele für ein Stück Brod.

Jesu Christi heiliges Gesetz beherrscht unsere Zivilisation, durchdringt sie aber noch nicht. Es wird behauptet, die Sklaverei sei aus der europäischen Kulturwelt verschwunden. Das ist nicht richtig. Noch existirt sie, lastet aber nur noch auf den Frauen, und nennt sich die Prostitution.

Lastet auf den Frauen, d. h. auf der Anmuth, Schwäche, Schönheit, auf dem Mutterthum, zur größten Schande des Mannes.

In demjenigen Stadium, das Fantinens Elendsdrama jetzt erreicht hat, bleibt von dem, was sie einst gewesen ist, nichts mehr übrig. Nun sie gemein ist, wie der Koth, ist sie empfindungslos geworden, wie Marmor, kalt für jeden, der sie berührt. Wem sie sich hingegeben, den vergißt sie sofort: Die Schande ist keiner Liebesgluth, keiner Zärtlichkeit fähig. Das Leben, die Welt, die Gesellschaft haben ihr gegenüber ihr letztes Wort gesagt. Was ihr nun noch widerfahren wird, gleicht dem, was ihr schon widerfahren ist. Sie hat Alles ertragen. Alles durchgekostet. Alles erduldet. Alles verloren, Alles beweint. Sie hat jetzt eine Geduld, die der Gleichgiltigkeit so ähnlich sieht, wie der Tod dem Schlafe. Sie flieht, sie fürchtet sich vor nichts mehr. Ob Ströme Wassers aus den Wolken, ob der Ocean über sie hereinbricht, ihr ist es gleich: Sie ist wie ein Schwamm, der vollständig mit Wasser gesättigt ist.

Wenigstens lebt sie dieses Glaubens, aber den Brunnen des Schicksals kann man nicht ausschöpfen, nicht bis auf seinen Grund niedertauchen.

Warum werden doch solche Unglücklichen so wehr- und hilflos herumgeworfen? Was ist der Zweck ihres Daseins?

Das weiß nur der, der alle Finsterniß durchschaut, der Einzige in seiner Art, Gott.

XII. Wie Herr Bamatabois sich amüsirte

In allen Kleinstädten, also auch in Montreuil-sur-Mer, giebt es junge Leute, die bei einem Einkommen von fünfzehn Hundert Franken jährlich ein Leben führen, wie Ihresgleichen in Paris bei zweimal Hunderttausend; ein Zwittergeschlecht, die aller moralischen Energie, alles mannhaften Ehrgefühls bar, auf Kosten der Gesamtheit lebt. Diese auf ihr Landgut und ihr bischen Verstand eingebildeten Menschen, die in einem feinen Salon sich wie flegelhafte Junker benehmen würden, halten sich in der Kneipe für Edelleute; sprechen von »ihren« Wiesen, »ihren« Forsten, »ihren« Leuten, pfeiffen Schauspielerinnen aus zum Beweise, daß sie gute Kunstrichter sind; suchen Händel mit Offizieren, um Zeugniß abzulegen von ihrer Courage; gehen auf die Jagd, rauchen, gähnen, trinken, spielen Billard, leben in der Kneipe, speisen im Restaurant, halten sich einen Hund und eine Liebste, knausern bei Allem, suchen modischer zu sein, als die feinsten Modeherrn, bewundern die Tragödie, verachten die Frauen, ahmen London nach Pariser Vorbildern, und Paris nach Vorbildern aus Pont à Mousson nach, werden im Alter Trottel, arbeiten nicht, sind zu nichts nütze und stiften nicht viel Schaden an.

Solch ein Mensch würde auch Felix Tholomyès geworden sein, wenn er in seiner Provinz geblieben und nie nach Paris gekommen wäre.

Wären dergleichen Leute reicher, so würde es von ihnen heißen: »Gigerl!« Wären sie ärmer, so würde man sie arbeitsscheues Gesindel schimpfen. Es sind aber ganz einfach Leute, die nichts zu thun haben. Unter ihnen befinden sich Langweilige und Gelangweilte, Träumer und einige Schurken.

Zu jener Zeit bestand ein Gigerl aus einem Halskragen, einem dito Halstuch, einer Uhr nebst Gehänge, drei Westen, von denen die rothe und blaue von der andern bedeckt waren, einem olivenfarbigen Rock mit kurzer Taille und Schwalbenschwanz, zwei dicht aneinander bis an die Schulter emporsteigenden Reihen von Knöpfen und einem dito olivenfarbigen, aber etwas helleren Paar Beinkleidern, über deren Längsnähte Querstreifen in ungerader Zahl, einer bis höchstens elf, liefen. Dazu Stiefel mit Eisen am Hacken, ein hoher Cylinderhut mit schmaler Krämpe, gekräuselte Haare, ein gewaltiger Spazierbaum und eine mit minderwerthigen Kalauern gewürzte Rede. Das Ganze war dann noch mit Sporen und einem Schnurrbart geschmückt. Der Schnurrbart bekundete, daß man ein feiner Mann, und die Sporen, daß man ein Fußgänger war.

Die Gigerln in der Provinz trugen natürlich längere Sporen und grimmigere Schnurrbärte, als ihre Pariser Geistesverwandten.

Damals lagen die südamerikanischen Republiken, die sich unabhängig machen wollten, im Kampfe gegen den König von Spanien. Hie Bolivar! Hie Morillo! Die Royalisten kennzeichneten sich demgemäß durch schmalkrämpige Hüte oder Morillos; die Freiheitsfreunde dagegen prangten in breitkrämpigen oder Bolivars.

Acht bis zehn Monate also nach den weiter oben erzählten Ereignissen, in den ersten Tagen des Januar 1823, an einem Abend, wo es geschneit hatte, leistete sich ein Gigerl, ein Müßiggänger, ein »Gutgesinnter« mit einem Morillo und einem großen Mantel das Vergnügen, ein Frauenzimmer zu foppen, das, in einem dekolletirten Ballkleid und mit Blumen in den Haaren, sich vor dem Café der Offiziere herumtrieb. Selbstredend rauchte unser Gigerl, denn diese Mode griff damals stark um sich.

Jedesmal, wenn das Frauenzimmer an ihm vorbeikam, blies das Gigerl eine Rauchwolke aus seiner Cigarre nach ihr hin und uzte sie mit Reden, die ihm geistreich und lustig vorkamen: »Nein, bist Du häßlich!« »Du hast ja keine Zähne!« u.s.w. Der Herr hieß Bamatabois. Das Opfer seiner Bosheit tappte über den Schnee hin und her, antwortete ihm nicht, sah ihn nicht einmal an, und vollzog stillschweigend, mit schauerlicher Regelmäßigkeit ihren Spaziergang, der sie alle fünf Minuten unter das Witzfeuer ihres Feindes führte, wie ein Soldat, der Spießruthen läuft. Die Wirkungslosigkeit seiner Spähe verdroß den Müßiggänger. Er benutzte einen Augenblick, wo sie ihm den Rücken zuwendete, schlich ihr nach, indem er seine Heiterkeit unterdrückte, bückte sich, hob eine Handvoll Schnee auf und steckte ihn ihr rasch zwischen die nackten Schultern in das Kleid hinein. Die Dirne stieß ein Wuthgeschrei aus, wandte sich um und stürzte sich wie ein Panther auf ihren Gegner, bearbeitete sein Gesicht mit ihren Nägeln und überhäufte ihn mit den gemeinsten Schimpfworten. Jetzt, wo sie ihren nach Schnaps riechenden Mund aufthat, konnte man auch sehen, daß ihr allerdings zwei Oberzähne fehlten. Es war die unglückliche Fantine.

Der Lärm lockte die Offiziere aus dem Café, die Vorübergehenden blieben stehen, und bald weidete sich eine Menschenmenge an dem widerwärtigen Schauspiel, applaudirte und hetzte nach Herzenslust.

Plötzlich trat raschen Schrittes ein Mann von hoher Statur aus dem Zuschauerkreise heraus, packte die Dirne an ihrem mit Koth befleckten Mieder und sagte: »Komm mal mit!«

Sie sah empor; ihr Wuthgekreisch verstummte im Nu. Ihre Augen blickten starr, sie wurde leichenblaß und bebte vor Schrecken. Sie wußte, daß sie Javert vor sich hatte.

Das Gigerl aber hatte sofort den Zwischenfall benutzt, um sich aus dem Staube zu machen.

XIII. Ueber gewisse Polizeireglements

Javert drängte die Zuschauer bei Seite und ging mit raschen Schritten auf das Polizeibureau zu, das sich an dem Ende des Platzes befand, indem er die Unglückliche hinter sich her zog. Sie folgte ihm maschinenmäßig. Keines von Beiden sprach ein Wort. Ein großer Menschenschwarm, den das Schauspiel höchlichst amüsierte, marschirte mit und riß Witze über die Unglückliche.

Vor den Polizeibureaus angelangt, ging Javert hinein, schob Fantine in die niedrige Stube und machte die vergitterte Thür hinter sich zu, zum großen Aerger der Maulaffen, die sich vergeblich auf die Zehenspitzen stellten, den Hals reckten, ihre Augen anstrengten, um durch die Glasscheibe der Thür einen Blick in das Innere des Bureaus zu werfen. Die Neugierde ist ja die Feinschmeckerei der Augen.

Nachdem sie eingetreten waren, fiel Fantine in einer Ecke nieder und blieb da wie ein Hund, regungslos und stumm, liegen.

Der Sergeant des Postens brachte ein angezündetes Talglicht und stellte es auf den Tisch. Javert setzte sich, zog ein Blatt Stempelpapier aus der Tasche und schrieb.

Diese Klasse Frauen ist kraft unsrer Gesetze ganz und gar dem Belieben der Polizei anheimgegeben. Sie thut mit ihnen, was sie will, bestraft sie nach ihrem Gutdünken und konfiszirt willkürlich, die traurigen beiden Rechte, die sie ihr Gewerbe und ihre Freiheit nennen. Diese richterliche Machtvollkommenheit übte jetzt Javert aus. Er saß ruhig da; sein ernstes Gesicht verriet keine Aufregung. Gleichwohl war sein Geist von einer gewichtigen Aufgabe vollauf in Anspruch genommen. Er war sich bewußt, daß er ebenso gerecht, wie streng verfahren müsse, daß der ärmliche Schemel, auf dem er saß, ein Richterstuhl war. Er hatte in seinem Innern einen Prozeß zu verhandeln, und ein Urtheil zu sprechen. Deshalb bot er nun auch alle Ideen, die er überhaupt besaß, auf, um seiner schwierigen Pflicht gerecht zu werden. Je eingehender er aber die vorliegende Sache prüfte, desto mehr sittliche Empörung erfaßte ihn. Es war geradezu ein Verbrechen, was dieses Frauenzimmer da begangen hatte. So eben war die Gesellschaft in der Person eines Grundbesitzers und Wählers auf öffentlicher Straße beschimpft und thätlich angegriffen worden von einem Frauenzimmer, die außerhalb der Gesetze und der Welt stand. Eine feile Dirne hatte sich eines Attentats gegen ein Mitglied der höhern Stände erfrecht. Das hatte er, Javert, mit eignen Augen gesehen.

Als er mit Schreiben fertig war, faltete er das Papier zusammen und übergab es dem Sergeanten mit den Worten: »Nehmen Sie drei Mann und bringen Sie die da ins Loch.« Und zu Fantine gewendet: »Du hast sechs Monate abzusitzen.«

Die Unglückliche erschrack.

»Sechs Monat! Sechs Monat Gefängnis, wo ich täglich blos sieben Sous verdiene! Was soll dann aus meiner Cosette werden? Meine arme Tochter! Herr Inspektor, ich bin den Thénardiers noch hundert Franken schuldig!«

Dann kroch sie auf den Knieen über den, von den kothigen Stiefeln der Schutzleute beschmutzten Steinboden hin, faltete die Hände und flehte:

»Gnade, Herr Javert! Ich versichre Sie, ich habe keine Schuld. Wären Sie zu Anfang dabeigewesen, so würden Sie Sich davon überzeugt haben. Ich schwöre Ihnen bei unserm lieben Herrgott, daß ich keine Schuld habe. Der Herr, den ich nicht kenne, hat mir Schnee in den Rücken gesteckt. Hat man das Recht, uns Schnee in den Rücken zu stecken, wenn wir ruhig auf der Straße an den Leuten vorübergehn und ihnen nichts thun! Da hat mich die Wut von Sinnen gebracht. Ich bin nämlich krank, Herr Inspektor. Und vorher hatte er mich schon eine ganze Weile geschimpft: »Du bist häßlich! Du hast keine Zähne!« Ich weiß recht gut, daß ich keine habe. Ich that nichts. Ich dachte, der Herr will sich einen Witz machen, verhielt mich anständig und sagte nichts. Da hat er mir Schnee in den Rücken gesteckt. Herr Inspektor! Gütiger Herr Inspektor! Ist denn Niemand da, der zugegen gewesen ist und sagen kann, ob es sich nicht wirklich so verhält, wie ich sage? Es war vielleicht unrecht von mir, daß ich wüthend geworden bin. Aber in dem ersten Augenblick kann man sich ja nicht beherrschen. Man läßt sich fortreißen. Und dann so was Kaltes am Leibe, wenn man sich's garnicht versieht. Es war nicht in der Ordnung, daß ich dem Herrn seinen Hut ruiniert habe. Warum ist er fortgegangen? Ich hätte ihn ja um Verzeihung gebeten. Du mein Gott, es käme mir darauf nicht an. Erlassen Sie mir die Strafe nur dieses einzige Mal, Herr Javert. Sie wissen's nicht, aber im Gefängnis verdient man nur sieben Sous den Tag; die Regierung hat keine Schuld, aber man verdient nur sieben Sous, und ich soll hundert Franken bezahlen, sonst schicken sie mir meine Tochter zurück. Und ich kann ja doch nicht das Kind um mich haben. Ich kann sie ja doch nicht mit ansehen lassen, was für ein abscheuliches Leben ich führe. Was soll denn aus meiner armen Cosette werden? Das süße Engelskind wird mir wie ein verlassenes Schäfchen in der Welt herumlaufen. Denn, sehen Sie, die Thénardiers, das sind Gastwirthe auf dem Lande, Bauern: Die haben kein Einsehen. Die wollen Geld haben. Stecken Sie mich nicht ins Gefängniß. Die sind im Stande und schmeißen das kleine Wesen auf die Straße: Nun geh, wo Du hingehen kannst. Mitten im Winter. Da müssen Sie Erbarmen haben, lieber, guter Javert. Wenn das größer wäre, könnte es ja arbeiten und sein Brod verdienen, aber so geht's ja nicht. Ich bin kein schlechtes Frauenzimmer von Natur. Nicht Trägheit und Leckermäuligkeit haben mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin. Branntwein habe ich freilich getrunken, aber da ist das Elend dran schuld. Ich mag ihn nicht, aber er betäubt. Als es mir besser ging, da hätte man in meinem Kleiderschrank keinen überflüssigen Putz gefunden. Ich hatte hauptsächlich Wäsche, viel Wäsche. Haben Sie Mitleid mit mir, Herr Javert!«

So redete sie, in sich zusammengesunken, von heftigem Schluchzen geschüttelt, die Augen von Thränen geblendet, die Brust entblößt, mit gerungenen Händen, in ihrer qualvoll gestammelten Rede fortwährend von einem trocknen, kurzen Husten unterbrochen. Großes Herzeleid verklärt die Unglücklichen mit einem himmlischen, herrlichen Strahl. So war auch Fantine in diesem Augenblick wieder schön geworden. Aber so demüthig sie auch bat und dem Polizisten den Saum seines Rockes küßte, sie konnte sein steinernes Herz nicht rühren.

»Vorwärts! Ich habe Dich angehört. Bist Du zu Ende? Jetzt fort mit Dir! Du hast deine sechs Monate weg, und Gott im Himmel selber könnte sie Dir jetzt nicht mehr abnehmen!«

Bei dieser feierlichen Betheurung begriff sie, daß ihr Urteil unabänderlich war. Sie brach zusammen und stöhnte nur noch schwach: »Gnade!«

Javert drehte ihr den Rücken zu, und die Soldaten packten sie bei den Armen.

Aber seit einer Weile stand mit dem Rücken an der Thür ein Mann, der unbemerkt hereingekommen war und die verzweifelten Bitten der Unglücklichen mit angehört hatte.

In demselben Augenblick, als die Schutzleute sie ergriffen, da sie nicht aufstehen wollte, trat er aus dem Schatten hervor und sagte:

»Einen Augenblick, wenn's beliebt.«

Javert sah ihn an und erkannte Herrn Madeleine. Er nahm den Hut ab und grüßte in ungeschickter Weise mit der Miene eines Menschen, der nicht zufrieden ist.

»Verzeihung, Herr Bürgermeister ...«

Die Worte Herr Bürgermeister brachten bei Fantine einen merkwürdigen Eindruck hervor. Sie schnellte plötzlich vom Boden empor, wie ein Gespenst, das aus der Erde heraustaucht, schob mit den Armen die Schutzleute zurück, ging, ehe man sie daran hindern konnte, auf Madeleine zu, musterte ihn mit wilden Blicken und schrie:

»Ach! Du bist also der Herr Bürgermeister!«

Alsdann aber schlug sie eine Lache auf und spie ihm in's Gesicht.

Madeleine trocknete sich das Gesicht und sagte:

»Inspektor Javert, setzen Sie diese Frau in Freiheit!«

Javert war einen Augenblick zu Muthe, als verliere er den Verstand. Heftigere Gemüthserregungen, als diejenigen, die ihn jetzt fast zu gleicher Zeit erschütterten, hatte er in seinem Leben noch nie empfunden. Daß eine öffentliche Dirne einem Bürgermeister in's Gesicht spie, war etwas so Ungeheuerliches, daß derartiges auch nur zu träumen, ihm als ein Frevel erschienen wäre. Andrerseits überkam ihn plötzlich zu seinem größten Schrecken, in seinem tiefsten Innern der Gedanke, daß dieser Bürgermeister vielleicht zu derselben Menschenrasse gehörte, wie die Dirne, und daß also das entsetzliche Attentat gar nichts so Schlimmes sei. Aber als nun gar der Bürgermeister, der höchste Beamte der Stadt, sich ruhig das Gesicht abtrocknete und ihn die Elende in Freiheit setzen hieß, da war er wie betäubt vor Staunen, da versagte ihm seine Denkfähigkeit und die Sprache, da war das Maß der Verwunderung, das sein Geist fassen konnte, voll und er blieb stumm.

Auch auf Fantine hatten die Worte des Bürgermeisters nicht minder gewaltsam gewirkt. Sie umklammerte das Ofenrohr, als fürchte sie umzufallen, ließ ihre Blicke überall umherirren und sprach leise vor sich hin:

»In Freiheit! Ich darf gehn! Ich brauche nicht in's Gefängniß. Wer sagte das? So was kann doch Keiner gesagt haben. Ich habe mich verhört. Der schändliche Mensch von Bürgermeister ist's gewiß nicht gewesen. Haben Sie, lieber guter Herr Javert gesagt, daß ich frei ausgehn soll? Ich will's Ihnen erklären, dann werden Sie mich gewiß gehen lassen. Sehen Sie, der alte Schurke von Bürgermeister da ist an Allem schuld. Denken Sie, Herr Javert, er hat mich aus der Fabrik weggejagt, weil ich von niederträchtigem Gesindel verklatscht worden bin. Ob das nicht eine Schändlichkeit ist! Ein armes Frauenzimmer entlassen, die rechtschaffen ihre Schuldigkeit thut und ihre Arbeit macht. Nachher habe ich nicht mehr genug verdient, und da ist das Unglück gekommen. Da wäre zunächst mal eine Verbesserung einzuführen. Das müßten die Herren von der Polizei besorgen. Da giebt es nämlich Unternehmer, die thun den armen Leuten Schaden. Lassen Sie's Sich erklären, wie das zugeht. Man verdient also zwölf Sous mit Hemdennähen, und mit einem Mal kriegt man blos noch neun Sous. Keine Möglichkeit damit auszukommen. Man hilft sich dann, wie man kann. Ich hatte meine Cosette und da mußte ich doch ein schlechtes Frauenzimmer werden. Nun werden Sie einsehen, daß der Halunke von Bürgermeister das Unheil angerichtet hat. Darauf habe ich den Hut des Herrn vor dem Offizierscafé zu Schanden gemacht. Aber er hatte mir mit dem Schnee mein Kleid verdorben. Unsereins hat doch blos ein einziges seidenes Kleid für den Abend. Sehen Sie, Herr Javert, ich habe nie absichtlich etwas Böses gethan, Herr Javert, und ich sehe überall Frauen, die schlechter sind als ich, und doch sind sie viel glücklicher. Ach Herr Javert, Sie haben gesagt, daß ich gehen soll, nicht wahr? Erkundigen Sie Sich, sprechen Sie mit meinem Hauswirt, jetzt bezahle ich die Miethe pünktlich; die Leute werden Ihnen schon sagen, das ich kein unehrliches Frauenzimmer bin. O weh! Ich bitte um Verzeihung, ich habe aus Versehen die Ofenklappe gedreht, und nun raucht es.«

Madeleine hörte ihr mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Während sie sprach, hatte er in seine Westentasche gegriffen, seine Börse hervorgelangt und sie geöffnet. Sie war leer, und er hatte sie wieder eingesteckt. Nun fragte er Fantine: »Wie viel haben Sie gesagt, daß Sie schuldig sind?« Fantine, die bisher immer Javert angesehen hatte, drehte sich nach ihm um mit den Worten:

»Wer redet denn mit Dir!«

Dann wandte sie sich an die Schutzleute:

»Haben Sie gesehen, wie ich dem – hast Du nicht gesehen? – ins Gesicht gespuckt habe? Also Du alter Bösewicht von Bürgermeister, Du kommst her und willst mir Angst einjagen. Aber vor dir fürchte ich mich nicht. Ich fürchte mich vor Herrn Javert, vor dem lieben, guten Herrn Javert.«

»Gerechtigkeit muß ja sein, Herr Inspektor, das sehe ich ja ein. Im Grunde genommen ist es ja was ganz Einfaches, daß sich ein Mann den Spaß macht und stopft einem Frauenzimmer Schnee in den Rücken. Darüber haben die Offiziere gelacht; ihr Vergnügen müssen die Herren ja doch haben, und Unsereine ist doch dazu da, daß Andre ihren Spaß daran haben. Sie kommen nun gerade dazu, und da müssen Sie doch Ordnung stiften. Sie arretiren das Frauenzimmer, weil es Unrecht gehabt hat, aber nachher überlegen Sie Sich die Sache, da sind Sie gut und befehlen, daß man mich laufen läßt, von wegen dem unschuldigen Kind, denn wenn ich sechs Monate lang sitzen müßte, könnte ich nicht für ihren Unterhalt sorgen. »Aber thu's nicht wieder, Du Kanaille!« So denken Sie. O ich thu's gewiß nicht wieder, Herr Javert. Jetzt mag man mir anthun, was man will. Ich lasse mir Alles gefallen. Blos heute habe ich geschrieen, weil mir das weh that, und es kam so unerwartet. Und außerdem, wie gesagt, bin ich nicht ganz gesund, ich huste. Mir ist, als habe ich ein brennendes Eisen hier oben in der Brust, und der Arzt sagt auch, ich soll mich recht in Acht nehmen. Geben Sie mir Ihre Hand. So. Nun fühlen Sie. Hier.«

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