Kitabı oku: «Les Misérables / Die Elenden», sayfa 20
»Früher, Herr Bürgermeister.«
»Wann denn?«
»Ich glaubte dem Herrn Bürgermeister gesagt zu haben, die Sache käme morgen zur Verhandlung, und daß ich heute Abend mit der Post abreisen würde.«
Madeleine machte eine kaum bemerkbare Bewegung.
»Wieviel Zeit wird die Verhandlung in Anspruch nehmen?«
»Höchstens einen Tag. Das Urtheil wird spätestens in der Nacht ausgesprochen werden. Aber ich werde es nicht abwarten, – schon weil ich vorher weiß, wie es ausfallen wird, und gleich nach meiner Vernehmung zurückkommen.«
»Sehr wohl!« bemerkte Madeleine und bedeutete Javert mit einer Handbewegung, daß er entlassen sei.
Aber Javert ging nicht.
»Verzeihung, Herr Bürgermeister, ...«
»Was giebt's denn noch?« fragte Madeleine.
»Herr Bürgermeister, ich muß Sie noch an etwas erinnern.«
»Woran denn?«
»Daß ich abgesetzt werden muß.«
Madeleine erhob sich von seinem Sitze.
»Javert, Sie sind ein Ehrenmann, den ich hoch achte. Sie übertreiben Ihr Vergehen. Uebrigens ist das auch wieder eine Beleidigung, die mich allein angeht. Sie verdienen Befördrung, nicht Absetzung. Ich will, daß Sie auf Ihrem Posten bleiben.«
Javert richtete auf Madelaine seine ehrbaren Augen, auf deren Grunde sein wenig erleuchtetes, aber strenges und reines Gewissen unverhüllt zu erkennen war, und sagte mit ruhiger Stimme:
»Das, Herr Bürgermeister, kann ich Ihnen nicht zugestehn».
»Ich wiederhole Ihnen, daß die Sache mich angeht.«
Aber Javert, der unentwegt nur seinen eigenen Gedankengang verfolgte, fuhr fort:
»Was das Uebertreiben anbelangt, so ist das völlig ausgeschlossen. Nach meinein Verstande verhält sich die Sache folgendermaßen. Ich habe Sie in falschem Verdacht gehabt. Das will freilich nichts besagen. Der Verdacht ist eine unsrer Berufspflichten, obschon es gewiß über das erlaubte Maß hinausgeht, wenn Einer einen Verdacht auf seinen Vorgesetzten wirft. Aber ich habe Sie ohne Beweise, in einem Anfall von Wuth, um mich zu rächen, als einen Zuchthäusler denunziert, Sie einen hochgestellten Mann, einen Bürgermeister, eine hohe Gerichtsperson! Das ist das Schlimme. Das ist sehr schlimm. Ich, ein Diener der Obrigkeit, habe die Obrigkeit in Ihrer Person beleidigt. Hätte Einer von meinen Untergebenen etwas Derartiges sich zu Schulden kommen lassen, so hätte ich den Menschen für unwert erklärt, Beamter zu bleiben und hätte ihn mit Schimpf und Schande fortgejagt. Also –! – Noch Eins, Herr Bürgermeister. Ich bin oft in meinem Leben strenge gewesen. Gegen Andere. So verlangte es die Gerechtigkeit und ich that wohl daran. Wäre ich nun jetzt nicht strenge gegen mich, so würde alles, was ich Gerechtes gethan habe, ungerecht sein. Darf ich mich mehr schonen als Andre? Nein. Wie? Ich hätte nur dazu getaugt, Andre zu bestrafen und nicht auch mich! Dann wäre ich ja ein Nichtswürdiger, und Diejenigen, die mich einen Halunken nennen, hätten Recht. Herr Bürgermeister, ich wünsche nicht, daß Sie mich mit Güte behandeln. Ihre Güte gegen Andre hat mir das Blut schon genug in Wallung gebracht; gegen mich also wäre sie vollends nicht angebracht. Die Güte, die darin besteht, daß man einer öffentlichen Dirne Recht giebt gegen einen wohlsituirten Bürger, einem Polizeibeamten gegen den Bürgermeister, Dem, der unten steht, gegen den Hochgestellten, eine solche Güte nenne ich eine schlechte Güte. So etwas untergräbt die Ordnung. Du lieber Himmel! Gut sein ist leicht, aber gerecht sein ist schwer. Seien Sie versichert, wären Sie Der gewesen, für den ich Sie hielt, ich würde nicht gut gegen Sie gewesen sein! Ich hätte es Ihnen besorgt! Also, Herr Bürgermeister, ich muß gegen mich so sein, wie ich gegen jeden Andern sein würde. Wenn ich mit Gesindel und Verbrechern kurzen Prozeß machte und sie empfindlich abstrafte, habe ich oft zu mir selber gesagt: »Du, wenn Du mal über die Stränge schlägst, wenn ich Dich je auf einem Vergehen ertappe, dann bist Du Deiner Sache sicher!« Jetzt habe ich über die Stränge geschlagen, jetzt habe ich mich vergangen, – folglich gehört es sich auch, daß ich kassirt, daß ich weggejagt werde. Ich habe gesunde Arme und kann arbeiten. Herr Bürgermeister, das Interesse des Dienstes erheischt, daß ein Beispiel statuirt wird. Ich beantrage also die Absetzung des Polizeiinspektors Javert«
Der halb demüthige, halb stolze Ton, die Verzweiflung und Sicherheit, womit er alles dieses sagte, drückte dem wunderlichen Heiligen ein Gepräge echter Seelengröße auf.
»Wir wollen sehen,« sagte Madeleine und reichte ihm die Hand.
Javert fuhr zurück und entgegnete herb abweisend:
»Verzeihung, Herr Bürgermeister, das geht nicht an. Ein Bürgermeister darf keinem Spitzel die Hand geben.
»Ja wohl – Spitzel,« murmelte er zwischen den Zähnen vor sich hin. »Ein schlechter Polizeibeamter verdient, daß man ihn einen Spitzel schimpft.«
Darauf verneigte er sich tief und ging auf die Thür zu. Hier aber wandte er sich noch einmal um und sagte, wieder mit gesenkten Augen:
»Herr Bürgermeister, ich werde so lange meinen Dienst thun, bis mein Posten durch einen Andern besetzt ist.«
Er ging hinaus, und Madeleine horchte nachdenklich auf das Geräusch seines festen und sichern Trittes, das allmählich auf dem Flur verhallte.
Siebentes Buch. Der Fall Champmathieu
I. Schwester Simplicia
Die Ereignisse, die wir jetzt berichten werden, sind nicht sämtlich in Montreuil-sur-Mer bekannt geworden; aber das Wenige, das an die Oeffentlichkeit gedrungen ist, hat einen so tiefen, nachhaltigen Eindruck gemacht, daß unsre Erzählung eine bedenkliche Lücke aufweisen würde, wollten wir nicht Alles recht ausführlich berichten.
Vielleicht wird der Leser Manches darunter für unwahrscheinlich halten; die Achtung für die Wahrheit zwingt uns aber, auch derartige Einzelheiten als Thatsachen zu vertreten.
Am Nachmittag des Tages, wo Javert bei ihm gewesen, ging Madeleine seiner Gewohnheit gemäß zu Fantine in den Krankensaal.
Ehe er indessen denselben betrat, fragte er nach Schwester Simplicia.
Die beiden Nonnen, die den Dienst in Madeleines Hospital übernommen hatten, und wie alle barmherzigen Schwestern der Kongregation des heiligen Lazarus angehörten, hießen Schwester Perpetua und Schwester Simplicia.
Perpetica war eine einfache unverfeinerte Bäuerin, die bei dem Herrgott mit demselben Sinne in Dienst gegangen, wie man sonst bei irdischen Herrschaften in Kondition tritt. Nonne und Köchin war für sie der Hauptsache nach dasselbe. Dieser Menschenschlag ist bei den geistlichen Orden in zahlreichen Exemplaren vertreten; läßt sich doch aus dieser groben Masse leicht genug ein Kapuziner, beziehungsweise eine Ursulinerin, bilden. Solch ein derbes Menschenmaterial eignet sich vorzüglich für die niederen Arbeiten. Der Uebergang vom Ochsenhirten zum Karmeliter ist kein gewaltsamer, mühevoller. Die auf dem Dorfe und im Kloster herrschende Unwissenheit ist eine bequeme Vorbereitung und stellt den Dörfler von vornherein auf dieselbe Stufe wie den Mönch. Man braucht bloß den Bauernkittel etwas länger zu machen, so wird eine Mönchskutte daraus. So war auch Schwester Perpetua aus Marines bei Pontoise eine derbe, rothbackige zungenfixe Nonne, die nach wie vor ihren Bauerndialekt redete, und die aller Zartheit und Leisetreterei entschieden abhold, die Kranken anranzte, und wenn sie irgendwie geärgert worden war, ihre brummige Laune auch Sterbenden gegenüber nicht zum Schweigen brachte.
Schwester Simplicia war weiß wie ein Wachsbild, im Vergleich mit Perpetua eine Kerze neben einem Talglicht. Sie erinnerte an die feierliche Beschreibung, die St. Vincenz von Paula von der vollkommnen barmherzigen Schwester entwirft, eine Schildrung, die sowohl der mühseligen Sklaverei als auch der Freiheit ihres Lebens beredten Ausdruck leiht: »Ihr Kloster soll nur das Haus der Kranken sein, ihre Zelle nur ein gemiethetes Zimmer, ihre Kapelle nur die Kirche ihres Sprengels, ihre Klausur nur die Straßen der Stadt oder die Säle der Krankenhäuser, ihr Sprechgitter nur die Furcht Gottes, ihr Schleier nur die Sittsamkeit. Dieses Ideal war in Schwester Simplicia zur Wirklichkeit geworden. Wie alt sie war, wußte Niemand zu sagen; sie war nie jung gewesen, und es sah nicht aus, als ob sie je alt sein werde. Sie war ein sanftes Wesen, Weib wagen wir nicht zu nennen – von strengster Sittenreinheit, von feiner Bildung, und größter Wahrhaftigkeit. Trotz ihrer Sanftmuth konnte sie fest sein, wie der Granit. Ihre Rede kam dem Stillschweigen sehr nahe, denn sie sprach nur das Allernothwendigste, und ihre Worte klangen so weich und lieblich, daß sie nicht nur im Beichtstuhl, sondern auch in einem Salon das Wohlgefallen ihrer Zuhörer hätte erregen können. Fein gewöhnt, wie sie war, gefiel ihr die grobe Wolle, in die sie gekleidet war, weil dieser rauhe Stoff sie beständig an den Himmel und an Gott erinnerte. Ein Zug verdient noch besonders hervorgehoben zu werden. Sie hatte nie gelogen, niemals aus irgend einem Grunde, niemals auch nur leichthin irgend etwas gesagt, das nicht die Wahrheit, die lauterste Wahrheit, gewesen wäre: Hierin bestand Schwester Simplicias wesentlichstes Merkmal, das Hauptkennzeichen ihrer Tugend. Wegen dieser unerschütterlichen Wahrheitsliebe war sie sogar berühmt in ihrer Kongregation, und der Abt Sicard erwähnt sie auch aus diesem Grunde in einem Brief an den Taubstummen Massieu. So aufrichtig und lauter auch unsre Gesinnung sein mag, immer haftet ihr der Flecken der unschuldigen, kleinen Lüge an. Bei ihr nicht. Giebt es denn unbedeutende, unschuldige Lügen? Die Lüge ist etwas absolut Böses. Man kann nicht »ein Bischen« lügen; eine Lüge ist so verlogen, wie jede andre; die Lüge ist das Wesen des Dämons, und Satan hat zwei Namen, Satan und Lüge. So dachte sie. Und wie sie dachte, so handelte sie auch. In Folge dessen strahlte auch in ihren Zügen, ja auf ihren Lippen und in ihren Augen eine makellose Reinheit und Klarheit. Ihr Gewissen war von keinem Staub, keinem Schmutz befleckt. Uebrigens war auch der Name, den sie bei ihrem Eintritt in den Orden angenommen, ein mit Absicht gewählter. Denn bekanntlich ist die heilige Simplicia aus Sicilien jene Heilige, die sich lieber die Brüste ausreißen ließ, als daß sie sich zu der Lüge herabließ, sie sei in Segesta – statt in Syrakus – geboren, einer Lüge, die sie gerettet hätte. Schwester Simplicia hätte sich also keine für sie passendere Schutzheilige wählen können.
Schwester Simplicia hatte, seitdem sie Mitglied ihres Ordens war, zwei Fehler, die sie allmählich abgelegt hatte; sie naschte und empfing gern Briefe. Jetzt las sie nur ein lateinisches Gebet mit großen Lettern. Verstand sie nicht Latein, so verstand sie doch das Buch.
Das fromme Mädchen hatte Fantine lieb gewonnen, wahrscheinlich weil sie ihr verborgne Tugendhaftigkeit anmerkte, und hatte ihre Pflege speziell übernommen.
Diese Schwester Simplicia also nahm Madeleine jetzt bei Seite und empfahl ihr Fantine mit einem eigenthümlichen Nachdruck, an den sie sich später erinnerte.
Dann trat er an Fantinens Bett.
Diese wartete jeden Tag auf Madeleine's Erscheinen, wie auf einen wärmenden Freudenstrahl. »Ich lebe nur, wenn der Herr Bürgermeister da ist,« pflegte sie zu den Schwestern zu sagen.«
An diesem Morgen fieberte sie gerade sehr stark. Als sie Madeleine erblickte, fragte sie hastig: »Wo bleibt Cosette?«
Er antwortete lächelnd.
»Sie kommt bald.«
Madeleine benahm sich gegen Fantine dieses Mal so wie sonst. Nur daß er zu ihrer größten Freude eine volle Stunde blieb, statt einer halben, wie es sonst seine Gewohnheit war. Auch bat er dringend das ganze Personal, es der Patientin an Nichts fehlen zu lassen, sie recht gut zu pflegen und dergl. mehr. Es fiel ferner auf, daß sein Gesicht sich einmal verdüsterte. Aber dies erklärte sich daraus, daß der Arzt ihm leise ins Ohr geflüstert hatte: »Es geht rasch mit ihr zu Ende.«
Dann kehrte er nach dem Stadthaus zurück, und der Büreaudiener sah ihn, wie er eine Postkarte von Frankreich, die in seinem Arbeitskabinett an der Wand hing, aufmerksam studirte. Dann schrieb er mit Bleistift einige Ziffern auf einen Zettel.
II. Ein Schlaukopf
Aus dem Stadthaus begab er sich dann bis an das Ende der Stadt zu einem Flamänder, Meister Scaufflaire, der Pferde und Fuhrwerke vermiethete.
Der kürzeste Weg zu diesem Scaufflaire führte durch eine wenig begangne Straße, in der sich das Pfarrerhaus befand. Der Pfarrer galt für einen guten, sehr achtbaren und sehr klugen Mann, den seine Pfarrkinder gern um Rath fragten. In dem Augenblick nun, wo Madeleine an diesem Hause vorbeikam, war nur ein einziger Mensch in der Straße, und dieser war Zeuge folgenden Vorgangs: Der Bürgermeister blieb, nachdem er schon an dem Pfarrhaus vorbeigegangen war, nachdenklich stehen, kehrte um und hob den eisernen Thürklopfer empor. Da hielt er wieder inne, als besinne er sich, legte endlich den Klopfer sacht in seine gewöhnliche Lage zurück und eilte dann schneller, als er gekommen war, von dannen.
Scaufflaire besserte gerade ein Geschirr aus, als Madeleine seine Werkstatt betrat.
»Haben Sie ein gutes Pferd, Meister Scaufflaire?«
»Herr Bürgermeister, sagte der Flamänder, alle meine Pferde sind gut. Was verstehen Sie unter einem guten Pferde?«
»Ein Pferd, das zwanzig Meilen an einem Tage zurücklegen kann.«
»Alle Wetter! zwanzig Meilen?«
»Ja.«
»Mit einem Kabriolett?«
»Ja.«
»Und wie lange darf es sich nachher ausruhen?
»Nöthigen Falls muß es schon den nächsten Tag wieder reisefähig sein.«
»Und wieder dieselbe Strecke zurücklegen?«
»Ja.«
»Teufel auch! Also zwanzig Meilen?«
Madeleine zog den Zettel aus der Tasche, wo er nach der Betrachtung der Wegkarte die Ziffern 5, 6, 8½ aufgeschrieben hatte.
»Hier sehen Sie,« sagte er. »Summa 19½ Meile, oder sagen wir lieber gleich zwanzig.«
»Herr Bürgermeister, begann jetzt der Flamänder, ich habe ein Pferd, das für Sie passen wird. Mein kleiner Schimmel, den Sie wohl schon bisweilen gesehen haben. Ein Thierchen aus der Gegend von Boulogne. Ueber alle Maßen feurig. Es sollte erst zum Reiten dressirt werden. Das paßte ihm aber nicht. Es schlug aus und warf Jeden ab. Nun glaubte man, das Thier sei zu nichts zu gebrauchen. Da hab' ich es gekauft und vor ein Kabriolett gespannt. Das war nach seinem Sinn. Es ist sanft wie ein kleines Mädchen und rennen thut's wie der Wind. Allerdings auf den Rücken darf man ihm nicht steigen. Es hat sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß es sich nur als Zugpferd gebrauchen lassen will.
»Und wird es die Fahrt leisten?«
»Zwanzig Meilen in scharfem Trabe und in noch nicht acht Stunden. Aber nur unter gewissen Bedingungen.
»Welchen?«
»Erstens müssen Sie es, wenn es die Hälfte des Weges hinter sich hat, eine Stunde verschnaufen lassen. Während der Zeit muß es fressen und es muß jemand dabei sein und aufpassen, daß der Hausknecht der Herberge ihm nicht den Hafer stiehlt. Ich habe bemerkt, daß mehr Hafer in einer Herberge von dem Hausknecht versoffen, als von den Pferden gefressen wird.
»Gut, es soll darauf aufgepaßt werden.«
»Zweitens ... Werden der Herr Bürgermeister selber die Fahrt machen?«
»Ja.«
»Können der Herr Bürgermeister lenken?
»Ja.«
»Gut. Dann müssen der Herr Bürgermeister allein und ohne Gepäck fahren.«
»Zugestanden.«
»Aber da Herr Bürgermeister Niemand mitnehmen, werden Sie Sich selbst bemühen und aufpassen müssen, daß mein Pferd seine richtige Ration bekommt.«
»Soll geschehen.«
»Dann gebühren mir dreißig Franken pro Tag. Für die Ruhetage wird gleichfalls bezahlt. Keinen Heller weniger und der Hafer geht auf Rechnung des Herrn Bürgermeisters.«
Madeleine nahm drei Napoleond'or aus seiner Börse und legte sie auf den Tisch.
»Für zwei Tage pränumerando.«
»Viertens würde ein Kabriolett für eine so weite Fahrt zu schwer sein und das Pferd zu sehr strapazieren. Der Herr Bürgermeister müßten also die Güte haben und einen kleinen Tilbury nehmen, den ich Ihnen zur Verfügung stellen kann.«
»Sehr wohl.«
»Es ist ein leichter Wagen, er hat aber kein Verdeck.«
»Ist mir egal.«
»Haben der Herr Bürgermeister bedacht, daß es Winter ist? ...«
Madeleine gab keine Antwort. Der Flamänder fuhr fort:
»Daß es regnen kann?«
Madeleine hob den Kopf in die Höhe und sagte:
»Morgen früh um halb fünf müssen Pferd und Wagen vor meinem Hause stehn.«
»Zu Befehl, Herr Bürgermeister,« antwortete Scaufflaire, kratzte mit dem Daumennagel einen Flecken aus, der den Tisch verunzierte und sagte leichthin, als denke er sich nichts Besondres dabei:
»Aber da fällt mir mit einem Mal ein, daß der Herr Bürgermeister mir noch nicht gesagt haben, wo Sie hingehen ...«
Er dachte an nichts so angelegentlich als an diesen Punkt seit dem Anfang des ganzen Gesprächs, aber er wußte nicht, weshalb er sich noch nicht getraut hatte, die Frage zu thun.
»Hat Ihr Pferd gute Vorderbeine?« fragte Madeleine.
»Ja wohl. Stützen Sie es gefälligst etwas, wenn es bergab geht. Giebt es viel solche Stellen auf dem Wege, den der Herr Bürgermeister fahren wollen?«
»Vergessen Sie nicht, sich morgen früh ganz pünktlich bei mir einzustellen,« antwortete Madeleine und ging.
Der Flamänder war ganz »paff«, wie er selber später erzählte.
Nach zwei oder drei Minuten ging die Thür auf und der Bürgermeister war wieder da, und wieder mit derselben ruhigen tiefsinnigen Miene.
»Herr Scaufflaire, fragte er, wie hoch schätzen Sie Ihr Pferd und Ihren Tilbury zusammengenommen?«
»Wollen der Herr Bürgermeister sie mir abkaufen?«
»Nein, aber ich will aus Vorsorge Sie für jeden Fall sicher stellen. Sie geben mir das Geld nach meiner Rückkehr wieder. Wieviel also für Pferd und Wagen?«
»Fünfhundert Franken, Herr Bürgermeister.«
»Hier.«
Mit diesen Worten legte Madeleine einen Kassenschein auf den Tisch und ging fort, ohne wieder zurückzukehren.
Meister Scaufflaire bedauerte in der Folge ganz fürchterlich, daß er nicht tausend Franken gesagt hätte. Uebrigens waren Pferd und Fuhrwerk Summa Summarum höchstens dreihundert Franken wert.
Der Flamänder rief gleich seine Frau und erzählte ihr die Sache. »Wo zum Teufel mag der Herr Bürgermeister hinfahren wollen?« Die Frage verursachte ihnen viel Kopfzerbrechen. »Nach Paris«, meinte die Frau. »Das glaube ich nicht«, widersprach ihr Mann, nahm den Zettel mit den Ziffern, den Madeleine auf dem Kaminsims hatte liegen lassen und studirte ihn aufmerksam. »Fünf, sechs, acht ein halb? Damit müssen Entfernungen zwischen Poststationen gemeint sein. – Ich hab's!« rief er dann plötzlich. »Nun?« »Von hier bis Hesdin sind fünf, von Hesdin bis Saint-Pol sechs, von Saint-Pol bis Arras acht und eine halbe Meile.«
Mittlerweile war Madeleine nach Hause zurückgekehrt.
Er hatte einen großen Umweg gemacht, als wenn der Anblick des Pfarrhauses Anlaß zu einer gefährlichen Versuchung hätte geben können. Zu Hause schloß er sich in seinem Zimmer ein, was nichts Auffälliges hatte, denn er begab sich gern frühzeitig zur Ruhe. Indessen beobachtete die Portierfrau der Fabrik, die zugleich auch den Dienst in Madeleine's Haushalt versah, daß sein Licht um halb neun ausgelöscht wurde, und richtete deshalb an den Kassirer, der gerade nach Hause kam, die Frage:
»Sollte der Herr Bürgermeister unpäßlich sein? Er sah heute Abend ganz eigentümlich aus.«
Das Zimmer des Kassirers lag unter den Madeleines. Er beachtete die Worte der Portierfrau nicht weiter, legte sich zu Bett und schlief ein. Gegen Mitternacht aber erwachte er plötzlich in Folge eines Geräusches über seinem Kopfe. Er horchte auf. Es war, als ob Jemand in dem Zimmer über ihm hin und her gehe, und bald erkannte er auch Madeleines Tritt. Das kam ihm sonderbar vor, denn gewöhnlich ließ sich vor der Stunde, wo Madeleine aufzustehen pflegte, kein Geräusch vernehmen. Gleich darauf schien es dem Kassirer, als würde oben ein Schrank auf- und dann wieder zugemacht. Dann wurde ein Möbel von seiner Stelle gerückt, es trat Stille ein, und wiederum wurden Schritte hörbar. Der Kassirer, der jetzt vollständig munter geworden war, richtete sich im Bett auf und sah durch das Fenster an dem gegenüberstehenden Hause das grelle Abbild eines hell erleuchteten Fensters. Nach der Richtung der Lichtstrahlen zu urtheilen konnte es sich nur um das Fenster von Madeleines Zimmer handeln. Der Lichtschein zitterte, als rühre er etwa von einem Kaminfeuer, nicht von einer Lampe, her. Da ferner das Fensterkreuz in dem lichten Abbilde fehlte, so war anzunehmen, daß Madeleines Fenster weit offen stehen mußte. Das war in Anbetracht der Kälte, die in der betreffenden Nacht herrschte, sonderbar genug. Bald aber schlief der Kassirer wieder ein, um zwei oder drei Stunden später wieder zu erwachen. Abermals vernahm er ein Geräusch, wie wenn Jemand auf und abgehe.
Noch immer zeichnete sich das Fenster an dem Hause gegenüber ab, aber matter und ruhiger wie von dem Wiederschein einer Lampe oder einer Kerze. Auch jetzt noch mußte Madeleines Fenster offen stehn.
Folgendes aber ging in dem oberen Zimmer vor.
