Kitabı oku: «Les Misérables / Die Elenden», sayfa 22
»Ja ja, dachte er, so ist's richtig. Das Problem ist gelöst. Ich weiß jetzt, woran ich mich zu halten habe. Jetzt nicht mehr gewankt und geschwankt! Das Interesse Aller erheischt es so, nicht das meinige. Ich bin Madeleine und will Madeleine bleiben. Wehe Dem, der Jean Valjean ist! Ich bin's nicht mehr! Ich kenne den Menschen nicht, weiß nicht, wer er ist. Fügt es sich jetzt so, daß Einer Jean Valjean heißt, so mag er zusehen, wie er fertig wird. Mich geht das nichts an. Es ist nun einmal ein Unglücksname, der herrenlos in der Luft schwebt, und fällt er auf irgend Jemand herab, so kann ich es nicht ändern!«
Er besah sich in dem kleinen Spiegel, der über dem Kamin hing und sagte:
»Sieh' da! Der Entschluß hat mir Erleichterung verschafft. Ich sehe jetzt weit besser aus.«
Wieder that er einige Schritte und blieb dann stehen: »Vorwärts! Jetzt heißt es, die Konsequenzen des gefaßten Entschlusses ziehen. Noch giebt es Fäden, die mich mit Jean Valjean verbinden! Die muß ich zerschneiden! In eben diesem Zimmer befinden sich noch Gegenstände, die mich anklagen, stumme Zeugen, die gegen mich aussagen könnten. Die müssen vernichtet werden!«
Er griff in seine Tasche, holte seine Börse heraus und entnahm ihr einen kleinen Schlüssel.
Diesen steckte er in ein Schlößchen, das durch ein dunkles Feld der Tapete fast ganz bedeckt und kaum sichtbar war, und öffnete eine kleine Thür zu einem versteckten Wandschrank. Es befanden sich darin nur einige zerlumpte Kleidungsstücke, ein blauer Leinwandkittel, ein paar alte Beinkleider, ein alter Tornister und ein an beiden Enden mit Eisen beschlagener Knotenstock. Die Jean Valjean im Oktober des Jahres 1815 in Digne gesehen hatten, würden leicht die verschiedenen Stücke dieser elenden Ausrüstung wieder erkannt haben.
Er hatte sie, wie die Leuchter, zur Erinnerung an seinen Ausgangspunkt aufbewahrt, mit dem Unterschiede, daß er, was er aus dem Zuchthaus mitgebracht, versteckte, und das Geschenk des Bischofs sehen ließ.
Nun warf er einen verstohlenen Blick nach der Thür, als fürchtete er, sie könnte, trotzdem der Riegel vorgeschoben war, sich öffnen; dann raffte er hastig Alles zusammen, ohne alle diese Gegenstände, die er so lange Jahre so sorgsam und mit so viel Gefahr aufbewahrt hatte, auch nur eines Blickes zu würdigen und warf alles in's Feuer.
Dann verschloß er wieder den Wandschrank und schob mit durchaus überflüssiger Vorsicht – denn der Versteck war ja jetzt seines Inhalts entleert – ein schweres Möbel vor.
Nach Verlauf einiger Sekunden erhellte das Zimmer und das gegenüberliegende Haus ein grelles rothes Flammenfeuer. Alles brannte. Der Knotenstock knisterte und sprühte bis in die Mitte des Zimmers helle Funken.
In der Asche, die der verbrannte Tornister nebst den darin enthaltenen greulichen Lumpen zurückließ blieb etwas Glänzendes zurück, ein Geldstück, wahrscheinlich das dem Savoyarden gestohlene Zweifrankenstück.
Er aber beachtete nicht das Feuer, sondern ging mit gleichen Schritten auf und nieder.
Plötzlich blieben seine Augen an den beiden silbernen Leuchtern haften, die vom Wiederschein des Feuers matt erglänzten.
»Halt! dachte er. Das genügt Jean Valjean zu verderben. Das muß auch weg.«
Das Feuer im Kamin war stark genug, die Leuchter in eine unförmliche Masse umzuschmelzen.
Er bückte sich und wärmte sich einen Augenblick, was ihm wohl that. »Wie gemüthlich solch' ein Feuer ist!« dachte er.
Dann rührte er in der Kohlengluth mit einem der Leuchter herum und warf sie dann beide in die Flammen.
In dem Augenblick war es ihm, als rufe in seinem Innern eine Stimme:
»Jean Valjean! Jean Valjean!«
Die Haare standen ihm zu Berge. Er hörte mit Entsetzen zu.
»So ist's recht! So fahre fort! rief die Stimme. Vollende dein Werk! Vernichte dieses Andenken! Vergiß den Bischof! Vergiß Alles! Verderbe Champmathieu! Sehr gut! Darauf kannst Du stolz sein. Die Sache ist also entschieden beschlossen, abgemacht! Der alte Mann, der nicht weiß, was man von ihm will, der vielleicht nichts Böses gethan, ein Unschuldiger, den dein Name in's Unglück stürzt, auf dem dein Name wie ein Verbrechen lastet, soll an deiner Statt verurtheilt werden, soll sein Leben in Jammer und Elend beschließen! Sehr schön! Bleibe der Herr Bürgermeister, bleibe ein ehrenwerthes und geehrtes Mitglied der guten Gesellschaft, mache die Stadt reich, ernähre die Bedürftigen, erziehe Waisen, sei glücklich, tugendhaft und bewundert. Während Du hier im Lichte und in Freuden lebst, wird ja Einer mit Schande für dich die rothe Jacke tragen, deine Kette herumschleppen! So ist es schön eingerichtet! O Du Nichtswürdiger!«
Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er starrte entsetzt die Leuchter an. Aber die Stimme in ihm fuhr fort:
»Jean Valjean! Es werden sich um dich viel Stimmen erheben, die dich preisen und segnen werden, und nur eine, die Niemand hören, und dich im Dunkel der Verborgenheit verfluchen wird! Nun höre, Du Elender: All die Segenswünsche werden, ehe sie den Himmel erreichen, wieder zurückfallen, und nur der Fluch wird zu Gott emporsteigen!«
Diese – anfänglich schwache – Stimme seines innersten Gewissens war allmählich so gewaltig und schrecklich geworden, daß er sie mit seinem äußeren leiblichen Ohr zu hören glaubte, und sich bei den letzten Worten erschrocken umwandte:
»Ist Jemand hier?« fragte er laut.
Gleich darauf lachte er wie ein Idiot.
»Bin ich dumm! Es kann ja Niemand hier sein.«
Es war doch Einer da, Einer, den Menschenaugen nicht wahrnehmen können.
Er stellte die Leuchter auf das Kamingesims.
Dann nahm er den eintönigen Marsch im Zimmer wieder auf, der den in ihm schlafenden Menschen aus seinen Träumen aufschreckte.
Die körperliche Bewegung that ihm wohl und berauschte ihn zu gleicher Zeit. Es ist, als empfinde man bisweilen in der höchsten Seelenangst das Bedürfniß, alles Mögliche, was man bei einem Gange auf seinem Wege sieht, um Rath zu fragen. Aber nach Verlauf weniger Sekunden wußte Madeleine nicht mehr, wie er bekehrt war.
Jetzt flößten ihm alle beiden Alternativen gleichen Schrecken ein. Welch ein fürchterlicher Zufall! Daß dieser Champmathieu mit einem Mal auftauchen und mit ihm verwechselt wurde! Daß er gerade durch das Mittel, das die Vorsehung anfänglich zu seiner Sicherung gebraucht hatte, jetzt zu Fall gebracht wurde!
Es trat ein Augenblick ein, wo er sich die Zukunft ausmalte. Großer Gott! Wie würde das werden, wenn er sich den Gerichten auslieferte! Mit grenzenloser Verzweiflung zählte er sich Alles auf, was er verlassen und was er wieder aufnehmen sollte. Es handelte sich also darum, dem angenehmen, schönen, glänzenden Dasein, das er geführt hatte, der allgemeinen Achtung, der Ehre, der Freiheit Lebewohl zu sagen! Er sollte nicht mehr auf den Feldern lustwandeln, die Vöglein im Monat Mai nicht mehr singen hören, die Kinder nicht mehr mit Almosen beglücken können! Er sollte nicht mehr die Annehmlichkeit der liebevollen und dankbaren Blicke empfinden, die ihm zu folgen pflegten! Er sollte das Haus, das er gebaut, sein trauliches Zimmer für immer verlassen! Jetzt gefiel ihm Alles so sehr! Er würde nicht mehr in seinen Büchern lesen, nicht mehr an dem kleinen Schreibtisch arbeiten. Die alte Portierfrau würde ihm nicht mehr des Morgens seinen Kaffee heraufbringen. Stattdessen – barmherziger Gott! – das Zuchthaus, das Halseisen, die rothe Jacke, die Kette am Fuß, schwere Arbeit, die Dunkelzelle, das Feldbett; Qualen, die ihm nur zu sehr bekannt waren! In seinem Alter und nachdem er so viel Besseres kennen gelernt hatte! Wenn er wenigstens noch jung gewesen wäre! Aber wenn man alt ist, geduzt, vom Aufseher visitirt werden, von dem Profoß Stockschläge bekommen, mit bloßen Füßen in eisenbeschlagenen Schuhen gehen, jeden Morgen und jeden Abend das Bein dem Hammer des Aufsehers darbieten, der den Eisenring zu untersuchen hat! Ein Gegenstand der Neugierde zu sein für die Fremden, denen man erzählen würde: »Der da ist der berühmte Jean Valjean, der Bürgermeister in Montreuil-sur-Mer gewesen ist.« Am Abend in Schweiß gebadet, todtmüde, die grüne Mütze über den Augen unter der Peitsche des Sergeanten die Treppe zu dem schwimmenden Bagno emporsteigen! Wie grauenvoll! Kann denn das Schicksal boshaft sein, wie ein mit Vernunft begabtes Wesen und ausarten wie das Menschenherz?
Also, wie sehr er auch sein Hirn zermarterte, immer starrte ihm die fürchterliche Frage entgegen, ob er im Himmel bleiben und zu den Teufeln herabsinken oder ob er in die Hölle zurückkehren und ein Engel werden wolle.
Was thun, großer Gott! Was thun?
Der Sturm in seinem Innern, aus dem er sich mit so großer Schwierigkeit gerettet hatte, raste von Neuem los. Seine Begriffe fingen an sich zu verwirren. Sein Hirn wurde dumpf und arbeitete maschinenmäßig, ein Zustand, der bei verzweifelter Gemüthsstimmung einzutreten pflegt. Der Name Romainville nebst zwei Versen eines Liedes, das er ehedem hatte singen hören, tauchte jetzt fortwährend in seinem Gehirn auf. So heißt ein Gehölz bei Paris, wo junge Liebespaare im Monat April Flieder pflücken.
Auch körperlich fühlte er sich jetzt schwach und schwankte beim Gehen, wie ein kleines Kind, das seine ersten Schritte allein macht.
Ab und zu versuchte er wohl gegen seine Ermattung anzukämpfen und die Herrschaft über seine Gedanken wiederzugewinnen. Zum letzten Male und um zu einem endgiltigen Entschlusse zu gelangen, stellte er sich die Frage, die sein Hirn abgemattet hatte: Soll ich mich ausliefern oder schweigen? Er konnte aber zu keiner Klarheit gelangen. Die Ergebnisse seines mühevollen Nachdenkens verloren alle scharfen Umrisse und verflogen in das Nichts, Nur so viel wurde ihm klar: Wie er sich auch entscheiden würde, ein Theil seines Ichs mußte nothgedrungen und unabwendbarer Weise sterben; in ein Grab stieg er immer, ob er sich nach rechts oder nach links wandte; es war mit seinem Glück oder mit seiner Tugend zu Ende,
Ach! die Unschlüssigkeit war wieder da. Er war nicht weiter, als zu Anfang,
So qualvoll rang der Unglückliche mit seinen Zweifeln. Achtzehnhundert Jahre vor ihm hatte in derselben Weise, das geheimnisvolle Wesen, in dem sich alle Tugenden und alle Leiden der Menschheit konzentrirten, umrauscht von den Oelbäumen Gethsemanes lange den Kelch von sich gewiesen, auf dessen Grund sein Auge die dichte Finsterniß der Hölle und das heitere Licht des Himmels schaute.
IV. Die Form, die Seelenqualen während des Schlafes annehmen
Drei Uhr hatte es so eben geschlagen und fünf Stunden lang wandelte er nun schon, fast ununterbrochen, in dem Zimmer auf und nieder, als er endlich auf seinen Stuhl sank und einschlief.
Da hatte er einen Traum, der wie die meisten Träume mit der gegenwärtigen Lage nur eine ganz lose, aber beängstigende Beziehung hatte, aber er machte Eindruck auf ihn, so daß er ihn niederschrieb. Diese Erzählung ist unter seinen andern Papieren aufgefunden worden, und wir halten es der Mühe wert, ihn hier wörtlich wiederzugeben.
Wie man auch über diesen Traum denken möge, – die Geschichte dieser Nacht würde unvollständig bleiben, wollten wir ihn mit Stillschweigen übergehen. Es ist ein düstres Erlebnis eines kranken Gemüths.
Auf dem Umschlag, in dem sich das betreffende Papier befindet, lesen wir die Worte: Der Traum, den ich in jener Nacht gehabt habe.
Die Erzählung lautet folgendermaßen:
»Ich war auf einem großen Felde, einer Einöde, in der kein Gras wuchs. Es sah weder aus, ob Tag, noch ob Nacht wäre.
Ich machte einen Spaziergang mit meinem Bruder, dem Bruder meiner Kindheit, an den ich – wohl bemerkt – nie denke, und auf den ich mich nicht mehr recht besinnen kann.
Wir plauderten und begegneten Leuten. Wir sprachen von einer Frau, die in dem Hause nebenan wohnte und bei offnem Fenster zu arbeiten pflegte. Während des Gesprächs fror uns, weil das Fenster offen stand.
Auf dem Felde wuchsen keine Bäume.
Da sahen wir einen Mann, der an uns vorbeikam. Er war ganz nackt, aschfarben und ritt auf einem erdfahlen Rosse. Er hatte keine Haare und man konnte seinen Schädel so wie die Adern darauf sehen. In der Hand hielt er eine Ruthe, die biegsam war wie eine Weinranke und schwer wie Eisen. Er ritt vorüber und sprach nicht zu uns.
Da sagte mein Bruder: »Wir wollen durch den Hohlweg gehen.«
In dem Hohlweg sah man keinen Strauch, kein Moos. Alles war erdfarben, sogar der Himmel. Als ich einige Schritte gegangen war, bekam ich keine Antwort mehr, wenn ich sprach. Da bemerkte ich, daß mein Bruder nicht mehr bei mir war.
Ich ging in ein Dorf, das ich sah. Ich dachte mir, es müßte Romainville sein. (Warum Romainville?) Diese Parenthese ist von Jean Valjeans Hand.
Die erste Straße war menschenleer. Ich kam in die zweite. Da stand dicht an der, von der ersten und dieser Straße gebildeten Ecke ein Mann an die Mauer gelehnt. Diesen Mann fragte ich: Was ist das für ein Ort? Wo bin ich? Aber er antwortete nicht.
Da sah ich eine offene Hausthür und ging hinein.
Das erste Zimmer war leer. Ich trat in das zweite. Hinter der Thür dieses Zimmers stand ein Mann an die Wand gelehnt. Diesen Mann fragte ich: Wem gehört dieses Haus? Wo bin ich? Er antwortete nicht.
Das Haus hatte einen Garten. Ich ging aus dem Hause hinaus und in den Garten hinein. Hinter dem ersten Baum stand ein Mann. Diesen fragte ich: Was ist das für ein Garten? Wo bin ich? Er antwortete nicht.
Ich irrte in dem Dorf herum und bemerkte, daß es eine Stadt war. Alle Straßen waren menschenleer, alle Thüren standen offen. Kein lebendes Wesen ging auf der Straße, in den Zimmern, in den Gärten. Aber hinter jeder Straßenecke, hinter jeder Thür, hinter jedem Baum stand ein Mann, der still schwieg. Man sah immer nur je einen. Diese Leute sahen mich an, wenn ich an ihnen vorüberging.
Nun ging ich zur Stadt hinaus und marschirte querfeldein.
Nach einer Weile wendete ich mich um und erblickte eine große Menge Menschen, die hinter mir gingen. Ich erkannte in ihnen die Leute, die ich in der Stadt gesehen hatte. Sie hatten sonderbare Gesichter. Es hatte nicht den Anschein, als beeilten sie sich und dennoch kamen sie rascher vorwärts, als ich. Sie machten kein Geräusch beim Gehen. Im Nu holte mich diese Menschenmenge ein und umringte mich. Die Gesichter dieser Leute waren erdfahl.
Da sprach der erste, den ich in der Stadt gesehen und gefragt hatte, zu mir: Wo gehst Du hin? Weißt Du nicht, daß Du schon lange tot bist?
Ich that den Mund auf, ihm zu antworten und bemerkte, daß Niemand mehr da war.«
Er wachte auf. Ihm war eisig kalt. Der Morgenwind bewegte die Fensterflügel, die offen geblieben waren. Das Kaminfeuer war ausgegangen, das Stearinlicht dem Erlöschen nahe. Noch herrschte finstere Nacht.
Er stand auf und trat an das Fenster. Auch jetzt noch stand kein Stern am Himmel.
Von seinem Fenster aus konnte man den Hof und die Straße überblicken. Plötzlich veranlaßte ihn ein scharfes und knappes Geräusch, das sich unten vernehmen ließ, die Augen niederzusenken.
Er sah unter sich zwei rothe Sterne, deren Strahlen in der Dunkelheit seltsam hin und her zuckten.
Da sein Gehirn noch halb von Traumnebeln umfangen war, kam er auf den sonderbaren Einfall: »Es stehen keine Sterne am Himmel, dafür sind aber jetzt welche auf der Erde.«
Indessen kehrte jetzt sein Bewußtsein völlig zurück, er sah wieder hin und bemerkte, daß die beiden Sterne die Laternen eines Wagens waren. Bei der Helle, die sie um sich verbreiteten, konnte er die Form des Gefährts erkennen. Es war ein Tilbury, der mit einem kleinen Schimmel bespannt war. Das Geräusch, das er so eben vernommen hatte, kam von Hufschlägen her.
»Was mag denn das für ein Wagen sein?« dachte er bei sich. »Wer kommt denn so früh?«
In demselben Augenblick wurde leise an seine Thür geklopft.
Er erbebte am ganzen Körper und fragte mit zorniger Stimme:
»Wer ist da?«
»Ich, Herr Bürgermeister.«
Er erkannte die Stimme der alten Portierfrau.
»Nun, was giebt's?«
»Herr Bürgermeister, es ist gleich fünf Uhr.«
»Was schiert das mich?«
»Herr Bürgermeister, der Wagen!«
»Was für ein Wagen?«
»Der Tilbury.«
»Was für ein Tilbury?«
»Haben der Herr Bürgermeister nicht einen Tilbury bestellt?«
»Nein!«
»Der Kutscher sagt, er wäre hierher geschickt?«
»Was für ein Kutscher?«
»Der Kutscher von Herrn Scaufflaire.«
»Herr Scaufflaire?«
»Bei der Nennung dieses Namens fuhr er zusammen, als wäre ein Blitz vor ihm niedergefahren.
Hätte die alte Frau ihn in diesem Augenblicke sehen können, sie wäre entsetzt gewesen.
Es trat eine ziemlich lange Pause ein. Er starrte stumpfsinnig in die Flamme der Kerze und nahm mechanisch von dem Docht das heiße Wachs ab, das er zwischen seinen Fingern rollte. Die Alte wartete unterdessen. Endlich aber fragte sie sehr laut:
»Herr Bürgermeister, was soll ich antworten?«
»Daß Alles in Ordnung ist, und daß ich herunterkomme.«
V. Hemmnisse
Die Postfuhrwerke, die damals noch seit Napoleons Zeit zwischen Arras und Montreuil-sur-Mer den Briefverkehr besorgten, waren zweirädrige Kabriolette, die inwendig mit falbem Leder ausgeschlagen waren, auf Schraubenfedern ruhten und nur zwei Sitze hatten, einen für den Kourier, den andern für den Fahrgast. Die Räder waren mit langen Naben bewaffnet, die dazu dienten, andere Fuhrwerke in respektvoller Entfernung zu halten, und die man noch auf deutschen Landstraßen zu sehen bekommt. Der Depeschenkoffer, ein riesiger langer Kasten, war hinten angebracht und aus einem Stück mit dem Kabriolett. Der Koffer war schwarz, das Kabriolett gelb angestrichen.
Diese Wagen, die heutzutage vollständig abgekommen sind, sahen ungestaltet und bucklig aus. Wenn man sie aus der Ferne sah, glichen sie jenen Kriechthieren, die man, glaube ich, Termiten nennt und einen dünnen Vorderleib haben, während der hintere Theil des Körpers sehr stark ist. Sie fuhren übrigens sehr schnell. Die Briefpost, die um ein Uhr Nachts von Arras nach der Ankunft des Pariser Kouriers, abfuhr, traf in Montreuil-sur-Mer vor fünf Uhr Morgens ein.
In jener Nacht stieß das Postkabriolett auf dem Wege von Hesden nach Montreuil-sur-Mer bei der Biegung einer Straße; eben als es in die Stadt einfahren wollte, mit einem kleinen Tilbury heftig zusammen, der nach der entgegengesetzten Richtung fuhr und in dem nur eine Person saß, ein Mann in einen Mantel gehüllt. Der Kurier rief ihm zu, er solle anhalten; aber der Andre hörte nicht auf ihn und eilte in scharfem Trabe weiter.
»Der hat's verteufelt eilig!« meinte der Kurier.
Der sich so beeilte, war derselbe Mann, dessen bemitleidenswerten Seelenkampf wir oben beschrieben haben.
Wo wollte er hin? Er hätte es nicht sagen können. Warum eilte er so? Er wußte es nicht. Er fuhr auf's Gerathewohl vor sich hin? Wohin? Ohne Zweifel nach Arras; aber vielleicht auch noch anderswohin. Zeitweise fühlte er dies und erschrack. Er fuhr in die dunkle Zukunft, wie in einen Abgrund hinein. Es trieb, es zog ihn etwas hin. Was in ihm vorging, könnte Niemand sagen; Alle aber werden es verstehen. Welcher Mensch hat nicht wenigstens ein Mal in seinem Leben die dunkle Höhle des Unbekannten betreten?
Er hatte überhaupt nichts beschlossen, nichts entschieden, nichts geregelt, nichts abgemacht. Keiner der Akte seines Gewissens war ein endgültiger. Er stand immer am Anfang.
Warum begab er sich nach Arras?
Er wiederholte sich unaufhörlich seine Auffassung der Lage, wie er sie sich schon, als er den Wagen bei Scaufflaire bestellte, gebildet hatte. Wie die Sache auch ablaufen würde, dachte er, es könne nicht schaden, wenn er Alles mit seinen eigenen Augen sähe und selber die Entwickelung der Dinge beurtheile. Das gebiete ihm sogar die Vorsicht. So sei er der Gefahr ausgesetzt, zu ängstlich, zu skrupulös zu verfahren. Wüßte er erst, weß Geistes Kind Champmathieu sei, wäre es ein schlechter Kerl, so würde er sich kein Gewissen mehr daraus zumachen brauchen, daß er ihn an seiner Statt in's Zuchthaus wandern ließe. Allerdings würde Javert und Brevet, Chenildieu, Cochepaille zur Stelle sein; aber die würden ihn sicherlich nicht wiedererkennen. Das wäre! Javert lagen dergleichen Vermuthungen wer weiß wie fern. Alle hätten nun einmal Verdacht auf Champmathieu, und solch ein Verdacht sei schwer zu entwurzeln. Es sei also nichts zu befürchten. Eine schwere Prüfung wäre es freilich, aber er würde sie überstehen. Hänge doch sein Schicksal, möge ihm noch so Schlimmes drohen, von ihm ab. Namentlich an diesen Gedanken klammerte er sich.
Im Grunde genommen, freilich hätte er lieber nicht nach Arras gehen mögen.
Trotzdem ging er.
Während er sich diesen trübsinnigen Grübeleien hingab, peitschte er von Zeit zu Zeit sein Pferdchen, das wacker seine Schuldigkeit that.
In dem Maße, wie sein Wagen vorwärts kam, fühlte er etwas in sich, das mehr und mehr zurückwich.
Bei Tagesanbruch befand er sich auf freiem Felde; Montreuil-sur-Mer lag weit hinter ihm. Der Horizont färbte sich weiß, vor Madeleines Augen glitten, ohne daß er sie recht gewahrte, all die frostigen Gestalten hin, die dem Blick des Beschauers das Grauen eines Wintertages darbietet. Man kann auch des Morgens, eben so gut wie des Abends, graulige Dinge zu sehen bekommen. Er, freilich, sah sie nicht, aber ohne, daß er es inne wurde, so zu sagen auf physische Weise, verfinsterten die schwarzen Schatten der Bäume und Hügel sein wild aufgeregtes Gemüth noch mehr.
Jedesmal, wenn er an einem der hier sehr dünn gesäten Häuser vorbeikam, dachte er sich: »Wie glücklich, die schlafen dürfen!
Der Hufschlag des Pferdes, das Geklingel der Glöckchen, das Rädergerassel, einförmige Geräusche, die sich angenehm und gemüthlich anhören, wenn man guter Dinge ist, hatten für sein Ohr einen grausigen Klang.
Es war heller Tag, als er in Hesdin ankam. Er hielt vor einer Herberge an, um seinen Schimmel verschnaufen und füttern zu lassen.
Das Pferd war, wie Scaufflaire richtig gesagt hatte, von boulognischer Race, die verschiedne Fehler z. B. einen zu starken Kopf und zu starken Bauch hat, aber dafür besaß es eine breite Brust, ein starkes Kreuz, magre und schlanke Beine und solide Füße, so unschön diese Race auch sein mag sie ist kräftig und gesund. Das brave Thierchen hatte in zwei Stunden seine fünf Meilen zurückgelegt und kein Tropfen Schweiß war an seinem Kreuz zu sehen.
Madeleine war in dem Wagen sitzen geblieben. Da bückte sich plötzlich der Stallknecht, der den Hafer herbeibrachte und musterte scharf das linke Rad.
»Fahren Sie weit?« forschte er dann.
Zerstreut entgegnete Madeleine:
»Warum?«
»Kommen Sie weither?« forschte der Stallknecht weiter.
»Fünf Meilen habe ich jetzt hinter mir.«
»Hm!«
»Was haben Sie denn?«
Der Stallknecht beugte sich abermals nieder, schwieg eine Weile und richtete sich dann wieder in die Höhe mit den Worten:
»Ja, sehen Sie, das Rad da mag ja fünf Meilen hinter sich gekriegt haben; jetzt aber hält es keine Viertelmeile mehr.«
Madeleine sprang vom Wagen herab:
»Was sagen Sie da?«
»Ich sage, es ist ein wahres Wunder, daß Sie fünf Meilen gefahren und daß Sie sammt Ihrem Pferde nicht im Chausseegraben zu liegen gekommen sind. Sehen Sie mal her.«
Das Rad war allerdings stark beschädigt. Zwei Speichen waren entzwei und die Schraube, mit der die Nabe an die Achse befestigt war, saß nicht mehr fest.
»Guter Freund«, erkundigte sich Madeleine, »giebt es hier einen Stellmacher?«
»Gewiß, mein Herr.«
»Erweisen Sie mir den Gefallen und holen Sie ihn.«
»Er wohnt nebenan. Heda! Meister Bourgaillard!«
Meister Bourgaillard, der Stellmacher, stand gerade auf der Schwelle seiner Thür. Er kam, untersuchte das Rad und machte dabei eine Grimasse, wie ein Chirurg, der ein gebrochenes Bein ansieht.
»Können Sie dieses Rad auf der Stelle ausbessern?«
»Ja, mein Herr.«
»Wann werde ich weiter fahren können?«
»Morgen.«
»Morgen?«
»Ja, die Reparatur wird reichlich einen Tag Arbeit kosten. Hat der Herr Eile?«
»Große Eile. Ich muß spätestens in einer Stunde wieder aufbrechen.«
»Das geht nicht, mein Herr.«
»Ich bezahle, was verlangt wird.«
»Es geht nicht.«
»Nun dann gebe ich Ihnen zwei Stunden Zeit.«
»Heute geht's nicht mehr. Es sind zwei Speichen und eine Nabe zu repariren. Vor morgen früh kann der Herr nicht fahren.«
»Mein Geschäft duldet keinen Aufschub bis morgen. Statt das Rad auszubessern, könnte man es nicht durch ein anderes ersetzen?«
»Wie denn?«
»Sie sind Stellmacher?«
»Gewiß, mein Herr.«
»Haben Sie kein Rad, das Sie mir verkaufen könnten? Dann brauchte ich die Fahrt nicht zu unterbrechen.«
»Ich habe kein Rad vorräthig, das zu ihrem Wagen passen würde. Zu einem Paar gehören zwei Räder. Ein einzelnes Rad paßt nicht so leicht zu einem beliebigen andern.«
»Gut. Dann verkaufen Sie mir ein Paar.«
»Alle Räder passen nicht zu allen Achsen.«
»So versuchen Sie's doch.«
»Das hätte keinen Zweck. Ich habe nur große Wagenräder. Es ist ein kleiner Ort.«
»Haben Sie ein Kabriolett, das Sie vermiethen könnten?«
Der Stellmachermeister hatte auf den ersten Blick erkannt, daß der Tilbury ein Miethwagen war. Er zuckte die Achseln.
»Sie richten die Wagen, die Sie miethen, gut zu. Hätte ich einen, ich würde ihn Ihnen nicht anvertrauen.«
»Gut, so kaufe ich Ihnen einen ab.«
»Ich habe keinen.«
»Was! Auch keine Halbkutsche? Sie sehen, ich bin leicht zufrieden zu stellen.«
»In einem kleinen Ort kann man das Alles nicht bekommen. Ich habe allerdings da in der Remise eine alte Kalesche, die einem Herrn in der Stadt gehört. Er hat sie mir zur Aufbewahrung übergeben und gebraucht sie alle Jubeljahr ein Mal. Mir käm's nicht darauf an, sie Ihnen zu geben, aber der Einwohner dürfte nichts davon wissen. Und dann gehören auch zwei Pferde zu einer Kalesche.«
»So werde ich zwei Postpferde miethen.«
»Wohin reist der Herr?«
»Nach Arras.«
»Und der Herr muß heute schon da sein?«
»Ja freilich.«
»Mit Postpferden?«
»Warum denn nicht?«
»Ist es dem Herrn egal, wenn er heute Nacht um vier Uhr in Arras ankommt?«
»Durchaus nicht.«
»Ja, sehen Sie, mit den Postpferden ist das so 'ne Sache ... Der Herr hat seinen Paß mit?«
»Ja.«
»Nun, mit Postpferden wird der Herr nicht vor morgen früh in Arras ankommen. Unser Ort liegt an einem Querweg; da hat man nicht die Ordnung, die sich gehört. Die Pferde sind jetzt alle auf den Feldern. Es ist nämlich die Zeit, wo gepflügt wird und starke Thiere gebraucht werden. Da nimmt man die guten Pferde, wo man sie kriegt, auch die von der Post. Der Herr wird auf jeder Station drei bis vier Stunden warten müssen. Noch dazu geht's im Schritt. Es sind viel Anhöhen in unserer Gegend.«
»Gut, dann werde ich hin reiten. Spannen Sie den Wagen aus. Ein Sattel wird doch hoffentlich hier zu haben sein.«
»Gewiß. Aber ist das auch ein reitbares Pferd?«
»Richtig! Sie erinnern mich daran. Es ist nur ein Wagenpferd.«
»Ja dann ...«
»Aber ich werde doch im Dorfe ein Reitpferd finden, das ich miethen kann?«
»Das die ganze Strecke bis Arras hintereinander weg galoppieren soll?«
»Ja wohl.«
»Solch ein Pferd ist hier zu Lande nicht zu haben. Sie müßten's auch kaufen, denn Sie sind hier Keinem bekannt. Aber ob Sie's nun kaufen oder miethen ob Sie fünfhundert Franken bieten, oder tausend, Sie würden keins auftreiben können!«
»Was fange ich blos an?«
»Je nun, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, das Beste ist, ich setze das Rad wieder in Stand, und Sie schieben Ihre Abfahrt bis morgen auf.«
»Morgen ist es zu spät.«
»Ja dann!«
»Wann kommt die Postkutsche nach Arras hier durch!«
»Diese Nacht. Die hin, und die zurückfährt, fahren des Nachts.«
»Also Sie brauchen wirklich einen Tag dazu, ein Rad auszubessern?«
»Einen Tag mindestens.«
»Mit zwei Gesellen?«
»Auch wenn ich zehn hätte.«
»Wie wäre es, wenn man die Speichen mit Stricken bände?«
»Die Speichen, ja! Bei der Nabe geht das nicht. Uebrigens ist die Felge auch in schlechter Verfassung.«
»Giebt es in der Stadt einen Wagenvermiether?«
»Nein.«
»Einen andern Stellmacher?«
»Nein!« antworteten der Stallknecht und der Stellmacher einstimmig und schüttelten den Kopf.
Madeleine empfand eine grenzenlose Freude. Die Vorsehung mischte sich offenbar ins Spiel. Sie hatte es so gefügt, daß der Tilbury beschädigt wurde und die Reise nicht weiter fortgesetzt werden konnte. Er hatte den ersten Wink, den sie ihm gab, unbeachtet gelassen; hatte Alles, was in seinen Kräften stand, gethan um weiter fahren zu können, und redlich und gewissenhaft alle möglichen Mittel probiert; hatte weder die Winterkälte, noch Strapazen, noch Geldausgaben gescheut; kurz, sein Gewissen durfte ihm keine Vorwürfe machen. Wenn er nicht weiter fuhr, so ging ihn das nichts mehr an. Es war nicht seine Schuld. Nicht er, die Vorsehung hatte es so gewollt.
Er athmete auf, zum ersten Mal seit Javerts Besuch, frei und aus voller Brust. Ihm war, als löse sich die eiserne Hand, die ihm seit zwanzig Stunden das Herz zusammendrückte, und lasse ihn los.
Gott war jetzt für ihn und ließ es ihn wissen.
Jetzt, wo er alles Mögliche gethan, durfte er doch wohl ruhig nach Hause zurückkehren.
Wenn sein Gespräch mit dem Stellmacher in einem Zimmer der Herberge stattgefunden hätte, so würde es keine Zeugen gehabt haben. Niemand hätte etwas gehört, und die Dinge hätten eine ganz andre Wendung genommen. Madeleine und der Stellmacher standen aber auf der Straße und es finden sich immer Neugierige, die gern zuhören, wenn ein Fremder etwas fragt. So hatte sich auch allmählich um die Beiden eine Schaar Menschen angesammelt und unter ihnen ein kleiner Knabe auf den Niemand Acht gab. Dieser hörte einige Minuten dem Gespräch zu und eilte dann plötzlich spornstreichs davon.
Bald darauf, als Madeleine eben schlüssig geworden und im Begriff stand umzukehren, kam der Knabe mit einer alten Frau zurück.
