Kitabı oku: «ShadowPlay - Entblößt», sayfa 5

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Mit langem Hals studierte Elena die Speisekarte, die neben dem Telefon lag, und streifte ihre Hose ab. Während sie Lasagne und eine Flasche Merlot orderte, grinste sie ihr Spiegelbild an. Ob der Angestellte am anderen Ende der Leitung wohl ahnte, dass sie splitterfasernackt war?

»Bitte in einer halben Stunde«, bestätigte sie. »Falls ich noch im Bad bin, stellen Sie es einfach auf den Tisch, ich bediene mich dann selbst.« Am liebsten hätte sie die nette Telefonstimme gleich noch mitbestellt, dann würde wenigstens das überdimensionierte Bett einen Zweck erfüllen – aber derartige Extras standen in diesem edlen Etablissement sicher nicht auf der Speisekarte …

Elena konnte nicht widerstehen. Ehe sie sich an den liebevoll gedeckten Tisch setzte, lüftete sie bereits die silberne Kuppel vom Teller. Sofort stieg ihr eine aromatische Duftmischung aus delikatem Fenchel, feinem Spargel, Pasta und würzigem Pecorino direkt in die Nase. Noch im Stehen füllte sie die Gabel und schob sich die köstliche Ersatzbefriedigung in den Mund. Wer brauchte bei solchen Gaumenfreuden, abgerundet durch ein Glas Rotwein noch einen Mann?

Doch die Erfüllung hatte nur eine kurze Halbwertszeit. Sehnsüchtig fuhren ihre Augen die illuminierte Altstadt auf der gegenüberliegenden Seite des Kanals ab.

Ich sitze hier in einer der romantischsten Städte der Welt in einem luxuriösen Hotelzimmer, tafle vom Feinsten, die Nacht ist lau, die Lichter der Uferpromenade spiegeln sich malerisch in den sanften Wellen des Wassers …

Und ich bin allein.

Die Stoffserviette dämpfte den Aufprall des Bestecks. Schwungvoll rutschte Elena mit dem Stuhl zurück und sprang auf – Zähne putzen und dann ab ins Bett. Mit ein paar Stunden Schlaf würde die Welt wieder wie gewohnt aussehen.

Auch das unerwartete Klopfen konnte ihren Vorwärtsdrang ins Bad nicht bremsen.

»Kommen Sie rein, Sie können gerne abräumen«, rief sie und zog die Tür hinter sich ins Schloss. Das Personal in diesem Laden war wirklich auf Zack. Im Gegensatz zu ihr: Wie unhöflich! Siedend heiß fiel ihr ein, dass sie dem Roomservice noch kein Trinkgeld gegeben hatte. Ob ein Fünfer reichte? Nein, das sah knausrig aus, lieber zehn Euro. Sie hoffte, dass sie beim Geldabheben am Automaten entsprechende Scheine bekommen hatte. Da half nur nachsehen – im Zimmer, denn die Handtasche stand auf dem Nachttisch.

»Einen Moment bitte …«, mitten im Satz brach sie ab.

Mit einer angedeuteten Verbeugung stellte David das Geschirr auf das Tablett und sah sie erwartungsvoll an.

»Was tust du hier?«, stammelte Elena verdattert. »Und wie kommst du hier rein?«

Schmunzelnd stellte er auch das Weinglas ab. »Frage eins: deine Wünsche erfüllen …«, er machte eine bedeutungsvolle Pause und zog süffisant die Augenbrauen hoch, »ich räume ab. Und Frage zwei: die Verbindungstür war offen …«

Elena folgte seinem Fingerzeig. Die besagte Tür war noch nicht bis in ihr Bewusstsein vorgedrungen.

»Ich dachte, das ist ein weiterer Wandschrank«, murmelte sie.

»Dann bin ich also der Mann aus dem Schrank«, konterte ihr Besucher gut gelaunt.

Irgendwie gelang es ihr, die Lippen zu etwas zu formen, dass äußerlich betrachtet als höfliches Lächeln durchgehen konnte, und sie fragte sich, was das jetzt für eine Nummer werden sollte. Zum Glück hatte zumindest David eine genaue Vorstellung.

»Ich möchte mir deinen Knöchel noch einmal ansehen. Bitte leg dich aufs Bett.«

Ob sie es wollte oder nicht: Das letzte Wort setzte sofort ihr Kopfkino in Gang und ihren Körper unter Strom. Spontan entschied Elena sich gegen die langsame laszive Nummer und ließ sich einfach lang auf das Bett plumpsen. David wartete, bis sie bequem lag, dann ergriff er behutsam ihren Fuß und unterzog den Knöchel einer akribischen Inspektion: Während der Sichtkontrolle bog er das Gelenk vorsichtig in alle Richtungen und fuhr mit seinen Fingerspitzen prüfend die Erhebungen und Vertiefungen ab.

Hoffentlich hört er mein Herzklopfen nicht!

»Du hattest großes Glück, es gibt keine Schwellung. Aber Kühlen kann ja nie schaden.« Er zog das Bein noch ein wenig höher, um das Gelenk mit zärtlichen Küssen zu verwöhnen, und schaute dabei ganz unverhohlen auf den Bereich zwischen ihren Schenkeln. Wie tiefe Einblicke sie gewährte, konnte Elena nicht ermessen, da sie nicht einschätzen konnte, wie weit der Spalt des Bademantels am Überschlag auseinanderklaffte. Auf jeden Fall wich David mit seinem Blick auch nicht ab, als er begann, ihren Knöchel mit der Zunge zu umkreisen. Ein kurzer Blick in ihre Augen, dann senkte er die Lider wieder und blies mit gespitzten Lippen über den Feuchtigkeitsfilm. Ein wohliger Schauer nach dem anderen strömte durch ihren Körper und ließ sie genussvoll aufstöhnen.

»Jetzt bist du feucht genug«, bemerkte David und war durch die Tür verschwunden, bevor Elena überhaupt begriff, was geschehen war.

Wieder lag sie auf dem Bett und starrte an die Holzdecke. Und wieder hatte sie großen Appetit – nur dieses Mal sollte er ungestillt bleiben.

Abtauchen – ganz tief

Selbst im Licht der aufgehenden Sonne war der Wind, der über die Lagune strich schon angenehm warm. Dazu dieser strahlend blaue, wolkenlose Himmel. Elena mochte den März in Venedig auf Anhieb, das war so gar kein Vergleich zu dem tristen Wetter, das sie in London hinter sich gelassen hatte. Sie bewegte sich auf die Brüstung zu, um den Panoramablick von der Dachterrasse aus über das Gesamtkunstwerk auf der anderen Seite des Kanals bei Tageslicht zu genießen. Das Wasser viele Stockwerke unter ihr glitzerte im gleichen Farbton wie das im Pool: in einem einladenden hellen Türkis.

Elena warf einen kurzen Blick auf die Uhr: Bis zum gemeinsamen Frühstück blieben ihr noch fast dreißig Minuten. Kurz entschlossen schlüpfte sie aus dem Bademantel und tauchte einen Zeh in die leicht gekräuselte Oberfläche. Begleitet von einem wohligen Seufzer ließ sie den Rest ihres Körpers in das angenehm temperierte Wasser gleiten und zog ihre Bahnen.

Offensichtlich war sie nicht die Einzige, die sich für die Idee von Frühsport begeistern konnte. Kurze Zeit später tauchte David direkt hinter ihr auf und schob sich lasziv an ihr empor. Mit seinem Körper und den Armen, die er am Beckenrand abstützte, nahm er sie in die Zange und machte ein Entkommen unmöglich.

»Hallo, schöne Frau. Nett, dich hier zu treffen. Hattest du noch einen angenehmen Abend und eine gute Nacht?« Eine Hand wanderte liebevoll auf ihrem Rücken auf und ab.

Ihr Nicken schien das erwartete Startsignal zu sein: Sofort wanderten seine Finger tiefer. Elena hielt die Luft an, als er auch vor ihrem Po nicht haltmachte. Bevor sie realisierte, was geschah, tauchte er noch tiefer in die Materie ein: Ihr Bikinihöschen hielt ihn nicht davon ab, blitzschnell und gezielt zwischen ihren Pobacken hindurch seinen Mittel- und Zeigefinger auf ihre Scham zu legen.

Der Typ musste wirklich eine Vollmeise haben: Jetzt wollte er da weitermachen, wo er sie gestern Abend verlassen hatte? Durch Drehen und Wenden versuchte Elena, sich diskret aus der misslichen Lage zu retten, doch David ließ ihr keine Chance, sich aus der Umklammerung zu befreien. Im Gegenteil, er verstärkte seine Bemühungen und drängte mit seinen Fingerspitzen in den Eingang ihrer Vagina.

Er stöhnte ihr direkt ins Ohr, dann flüsterte er lasziv: »Zwei!«

Elena erstarrte zu Stein. Sie konnte nicht fassen, was er gerade tat. Schlagartig begriff sie, was er gestern Abend mit seiner Bemerkung gemeint hatte – und dass Ryan es auch verstanden hatte. Wie peinlich!

»Das hast du dir redlich verdient … Ich dachte eigentlich, dass dir bewusst ist, dass jedes Fehlverhalten Konsequenzen nach sich zieht!« Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, begann er mit seinen Fingern behutsam tiefer einzudringen.

Was soll ich denn jetzt bloß tun?

Und was machte er? Momentan nichts, er ließ seine Finger dort, wo sie waren und bewegte sie keinen Millimeter. Annexion war das erste Wort, das Elena in den Sinn kam. David demonstrierte ihr gerade, dass es für ihn selbstverständlich war, über ihren Körper zu verfügen, wie es ihm beliebte. Stand auf ihrer Stirn Selbstbedienungsladen geschrieben? Und darüber hinaus war er offensichtlich der Meinung, dass er ihr Verhalten nach seinen Maßstäben bewerten durfte – Bestrafung oder Belohnung inklusive.

Was für eine Anmaßung!

Kochend vor Wut überlegte sie, auszuholen, um ihm die passende Antwort mit der flachen Hand zu verpassen. Aber würde das nicht erst recht Aufmerksamkeit erzeugen? Verunsichert blickte Elena in die Runde, doch die wenigen Gäste, die zu dieser frühen Zeit um den Pool herum saßen, schienen zum Glück größeres Interesse an dem herrlichen Sonnenschein und ihrem Frühstück zu haben als an den Vorkommnissen im Hotelpool. Erleichtert atmete sie auf – bis im nächsten Moment Fiona neben ihr anschlug und ihr fröhlich ins Gesicht lachte. Doch bevor sie überhaupt Gelegenheit hatte, sich zu überlegen, wie sie auf die Ankunft der Freundin reagieren sollte, tauchte auf der anderen Seite auch noch Ryan geschmeidig wie ein Delfin aus den Tiefen auf.

»Ziemlich feucht hier«, verkündete er mit einem breiten Grinsen.

Fiona bedachte ihren Zukünftigen mit einem Gesichtsausdruck, als würde sie sich ernsthaft Sorgen um seinen Geisteszustand machen. »Ist es das nicht immer so im Wasser?«, fragte sie irritiert.

»Wo du recht hast, hast du recht, Prinzessin«, lenkte Ryan ein und ab. Zum Glück zeigt er keine Ambitionen, das Thema weiter zu vertiefen. »Ich habe Hunger – Frühstück. Bist du dabei?«

»Hope und ich sind auf jeden Fall dabei. Was ist mit euch?«

Elena rief mit versteinerter Miene hinterher: »Ich komme auch gleich!«

»Das hoffe ich«, wisperte David.

Innerlich war sie kurz davor, zu explodieren.

Diese miesen Typen!

Sind doch alle gleich, alle!

»Halt still, sonst fange ich an zu zaubern«, flüsterte David. »Und wenn ich dein Höschen verschwinden lasse, würde ich zu gerne sehen, wie du unten ohne aus dem Wasser kommst und Slalom zwischen den neugierigen Gaffern läufst.« In jedem einzelnen Wort schwang seine Genugtuung mit, sie völlig in der Hand zu haben – wortwörtlich.

Es hatte keinen Zweck, sie musste gute Miene zum bösen Spiel machen und hoffte, auf Zeit spielen zu können. Wenn sie sich unbeeindruckt von seinen Avancen zeigte, würde er aufgeben, weil es langweilig wurde – jedenfalls hoffte sie das.

Und dann, ganz plötzlich war David weg.

Einfach verschwunden.

Als sie sich umsah, tauchte er gerade auf der anderen Seite des Pools auf, um einmal kurz Luft für die Wende zu holen. Schneller, als sie es selbst für möglich gehalten hatte, drückte sie sich hoch. Ganz vom Pool wegzukommen, bevor er wieder an diesem Ende auftauchte, war nicht möglich, ohne dass es nach kopfloser Flucht aussehen würde, und so blieb sie auf der gemauerten Umrandung sitzen.

»Ist dein Fuß wieder ganz okay?« Er krönte seine Frage mit einem unschuldigen Lächeln.

Elena nickte und war nahe daran, hysterisch aufzulachen, weil sie sich für einen Sekundenbruchteil nicht sicher war, wer von ihnen beiden nicht alle beisammen hatte. Hatte sie sich die Invasion nur eingebildet und er war nichts weiter als ein besorgter Freund, der wieder sanft ihren Knöchel massierte? Oder hatte er binnen Minuten verdrängt, wo er seine Finger noch vor Kurzem platziert hatte, und spielte jetzt den Unschuldsengel? Doch gleichgültig, was es war, hier und jetzt würde sie es nicht klären können. Und sie hatte auch keine Lust mehr, sich über sein merkwürdiges Verhalten den Kopf zu zerbrechen. Elena beschloss, auf freundlich distanziert umzuschalten, und die Waffen einer Frau in Stellung zu bringen.

»Ich gehe mit Fiona und Ryan frühstücken. Und will noch ein wenig die schöne Stimmung genießen, man weiß ja nie, was einem plötzlich so alles dazwischen kommen kann.« Sie stand auf und schlängelte sich mit elegantem Hüftschwung zwischen den Tischen hindurch. Ihr war bewusst, dass der smarte Italiener, der lässig in einem der Sessel saß, sie mit den Augen verschlang – und sie wusste, dass David es auch sah. In Anbetracht dieser Tatsache und nach der Bemerkung des Israelis, der sich am Buffet dicht an sie drängte, ob sie mit der Riesenportion Rührei ihre Reserven auffüllen wollte, schmeckte das Frühstück doch gleich noch mal so gut.

Erster Pakt mit dem Teufel

Selbst ein großer Schluck Hugo reichte nicht aus, um die tiefen Grübelfalten auf Elenas Stirn zu glätten. »Für Ryan eine Stripperin zu engagieren wäre wohl ziemlich sinnlos.«

»Und mit den Fesseln und Peitschen einer Domina müssen wir ihm wohl auch nicht kommen«, warf David grinsend ein.

»Für einen dominanten Mann wie ihn wäre das wohl eher unpassend und ich denke, in der Richtung kennt er bestimmt auch mehr, als wir uns träumen lassen.«

»Denkst du? Soso, spannend. Das bedeutet dann ja wohl, dass du über seinen Lebensstil bestens unterrichtet bist. Ich nehme an Fiona …« Mit hochgezogener Braue warf er ihr einen Blick zu, als wolle er sie auffordern, sich näher zu äußern.

»Unter anderem«, blockte Elena ab. Jetzt driftete das Gespräch in eine Richtung ab, die sie nicht wollte.

Entschuldigend hob er die Hände. »Sorry! Schon verstanden: Frauengespräche sind Frauengespräche und das sollen sie auch bleiben.«

»Beruhigend, du scheinst lernfähig zu sein!«, musste Elena ihm zugestehen, obwohl sie nicht sicher war, ob seine Bemerkung echter Läuterung entsprang.

»Bitte was war das?«

»Ach nichts«, murmelte sie und vergrub sich wieder tief in ihr Buch. »Sieh mal hier, wäre das nicht eine tolle Idee für eine Überraschung?«

»Moment, Moment, du musst gar nicht versuchen abzulenken! Du meinst also, ich hätte einen dringenden Nachholbedarf in irgendetwas?« Sarkastisch zog er wieder eine Augenbraue hoch und betrachtete intensiv die tiefrote Flüssigkeit, die er in seinem Weinglas zum Kreisen brachte.

»Ja, nein … ja, weißt du …« Elena brach ab und beobachtete, wie er den Wein genüsslich die Kehle hinabrinnen ließ. Was sollte sie an dieser Stelle sagen? Ich kann nicht verstehen, dass du nicht mit mir schlafen willst, obwohl du offensichtlich deine Finger nicht von mir lassen kannst? Sie hoffte, dass er den Anflug von Enttäuschung in ihren Augen nicht sehen würde. Denn das war es, was sie unter der oberflächlich schwelenden Wut wirklich beschäftigte: Verunsicherung über sein provokant demütigendes Verhalten. Doch es nützte alles nichts, sie mussten sich als Trauzeugen nicht nur zusammenraufen, sie benötigte darüber hinaus seine leibhaftige Unterstützung. Elena schluckte ihren Ärger hinunter und überwand sich.

»Darf ich dich um einen Gefallen bitten?«

»Wie kann ich dir helfen?«

»Du erzählst Ryan kein Wort darüber?«, vergewisserte sie sich und war erstaunt, dass der spöttische Zug um seinen Mund plötzlich verschwand, als er sein leeres Glas auf der Theke abstellte. Sollte der Mann doch tatsächlich so etwas wie Verantwortungsbewusstsein besitzen?

»Ich kenne mich in Venedig überhaupt nicht aus«, fuhr sie fort, »und muss möglichst schnell einen wirklich guten Floristen finden.«

»Für den Brautstrauß?«

»So ähnlich …«, druckste sie.

»Es wird schwierig, wenn ich dir helfen soll und nicht weiß, worum es geht.«

»Ja, du hast recht, entschuldige. Ich brauche einen Spezialisten, der den Brautstrauß und einen dazu passenden Kranz anfertigt, an dem der Schleier befestigt wird« Flehentlich sah sie ihn an. »Fiona weiß nichts davon, es soll auch für sie eine Überraschung sein!«

»Der Preis?«

»Ist völlig egal.«

»Ich glaube, wir haben uns missverstanden …« Er ließ sich jede einzelne Silbe auf der Zunge zergehen.

»Hä?«

David drehte sich auf seinem Barhocker noch weiter in ihre Richtung und rollte eine von Elenas Locken über seinem Zeigefinger auf und ab. »Was bietest du mir für mein Schweigen?« Der durchdringende Blick untermauerte sein Ansinnen. Und er wartete die Antwort nicht erst ab. Seine Hand wanderte weiter in ihren Nacken hinauf. Ruckartig vergrub er seine gespreizten Finger in ihren Haaren und zog ihren Kopf in seine Richtung. Hier vor allen Leuten in der Hotelbar küsste er sie leidenschaftlich. »Das soll als Anzahlung genügen, aber ich werde mir meine Belohnung holen – und du wirst sie mir dann nicht verweigern. Verstehen wir uns?«

Elena stöhnte auf, das Prickeln, das ihre Kopfhaut überzog, war unabhängig von dem Schmerz, den sein harter Griff erzeugte mehr als elektrisierend.

Du arrogantes Scheusal!

Es machte ihm Spaß sie vorzuführen. Immer wieder aufs Neue – und sie spielte mit, immer wieder.

Gib es zu! Das Spiel mit dem Feuer gefällt dir …

Verbrenne dich nicht!

Doch die Warnung ihres Verstands kam zu spät – viel zu spät: Durch ihr Nicken hatte sie den Pakt mit dem Teufel bereits besiegelt.

David musterte sie forschend. »Genügt es, wenn du die Antwort morgen früh hast, oder möchtest du, dass ich mich gleich darum kümmere?«

»Vielen Dank, morgen reicht völlig aus«, murmelte sie und blätterte wieder in ihrem Buch mit den Hochzeitsbräuchen. Wenn sie sich auch bereits in seinem Netz verfangen hatte, musste sie unbedingt Zeit gewinnen. Wertvolle Zeit, um eine entsprechende Gegenstrategie zu entwickeln, mit der sie ihn erst mal auf Abstand halten konnte. Denn wenn er seine Belohnung einforderte, musste sie gerüstet sein, um ihm die passende Antwort zu erteilen – gleichgültig, wie die Frage auch lautete.

»Reis werfen können wir uns sparen, Fruchtbarkeit müssen wir ihnen wohl nicht mehr wünschen«, bemerkte Elena und zog das Glas mit den Salzstangen, das auf dem Tresen stand, weiter in ihre Richtung. »Wir könnten versuchen, ob wir irgendwo Seifenblasen bekommen, das finde ich auch schön.«

»Okay«, stimmte David knapp zu und schob sich gedankenverloren einige Stangen des Salzgebäcks in den Mund – offenbar war derartiges Brauchtum nicht seine Baustelle.

»Und eine Brautentführung sollten wir auch nicht ins Auge fassen. Fiona ist mit ihrem fortgeschrittenen Babybauch bestimmt froh, wenn sie heil durch den Tag kommt.« Langsam gingen auch dem Buch die brauchbaren Ideen aus, aber Seite zweiundneunzig brachte dann doch noch die entscheidende Wende.

»Das passt: Wir sind zwar eine überschaubare Hochzeitsgesellschaft, aber wir sollten einen Brautschuh versteigern. Fi hat doch eine ausgeprägt soziale Ader.«

»Sonst würde sie Ryan wohl kaum nehmen«, grinste David frech. Bevor sie etwas erwidern konnte, fuhr er fort. »Den Brauch einen Schuh zu versteigern, gibt es in Israel nicht. Was habe ich mir darunter vorzustellen?«

»Die Braut spendet einen ihrer Schuhe für die Versteigerung und die Gäste füllen ihn dann mit dem Betrag, den sie bieten. Das letzte Gebot gibt traditionell der Trauzeuge ab, der den Schuh für die Braut auslöst und ihn ihr zurückbringt. Das Geld wird im Anschluss für einen guten Zweck gespendet.«

»Der Brauch gefällt mir!« Er strich mit seinem Daumen über Zeige- und Mittelfinger. »Und es ist gut zu wissen, dann muss ich mir ja noch das entsprechende Kleingeld besorgen.«

»Gibt es noch schöne Bräuche aus deiner Heimat?«

David musste nicht lange nachdenken. »Was du ja sicherlich kennst, ist das Jawort unter dem Baldachin, der Chuppa, und dass das Paar gesegneten Wein aus einem Glas trinkt, das dann in ein Stofftuch gewickelt und vom Bräutigam zertreten wird. Da wir es hier mit einer katholischen Trauung zu tun haben, kommen solche jüdischen Bräuche wohl nicht infrage.«

Verstohlen beobachtete Elena den großen Mann neben sich, da war wieder diese Ausstrahlung von Ruhe und Gelassenheit. David war frech und spielte den Oberflächlichen, aber er hatte eine Menge Tiefgang. Warum verbarg er diese Seite nur so rigoros? War seine zur Schau gestellte Gleichgültigkeit nur Abwehr, damit man ihm nicht zu nahe kam? Sie wusste aus Fionas Erzählungen, welche Gräuel Ryan in den Jahren als Führungsoffizier einer Eliteeinheit erlebt, und dass er mit seinen eigenen Händen getötet hatte. Ob David dieses Schicksal teilte? Er war auch Offizier – in Israel, in einem Land, das nach ihrer Wahrnehmung in einem kriegsähnlichen Dauerzustand mit seinen Nachbarn lebte. Die Militärangehörigen des Landes hatten den Ruf nicht besonders zimperlich zu sein. Wie weiß seine Weste wohl in all den Jahren geblieben war? Das alles waren Größen, die sie nicht einschätzen konnte, denn er verlor kein Wort darüber.

Rein äußerlich könnten Ryan und er Brüder sein. Beide groß und von athletischem Körperbau – und auch diese katzenhafte Geschmeidigkeit in ihren Bewegungsabläufen war nahezu identisch. Selbst die tiefschwarzen Locken waren fast gleich, nur die Augenfarbe unterschied sie. Während Ryans Augen in ihrem dunklen Blau an einen Bergsee erinnerten, wirkten Davids fast schwarze Augen wie glühende Kohlen, wenn er sich für etwas begeisterte, so wie jetzt.

»Wir schwören uns bei der Hochzeit übrigens nicht nur ewige Treue und Liebe. Als jüdischer Mann muss ich mich auch verpflichten, meine Frau stets sexuell zu befriedigen.«

»Das würde Ryan bestimmt jederzeit schwören!«, rutschte Elena raus.

»Und ich denke, Fiona wird sich sicherlich auch nicht beschweren …« Er brach ab, fast ein wenig verschämt. Ein angenehmer Zug, wenn hinter der undurchdringlichen Maske einmal der Mensch durchschimmerte. Wenn es um Dritte ging, wusste David, wie das Wort Respekt geschrieben wurde, nur Elena gegenüber schien er durchaus ein ziemlich belastbares Gewissen zu haben.

»Ich bin ein wenig unsicher, wie das mit den Geschenken läuft. Bei einer jüdischen Hochzeit wird traditionell Geld geschenkt. Das ist als Startkapital für das Ehepaar gedacht. Darf ich dich fragen, was du den beiden schenkst?«

Sieh an, sieh an. Mister Supercool wurde tatsächlich langsam handzahm und gab zu, dass auch er nicht allwissend war. Doch in diesem Fall konnte auch Elena nicht triumphieren. »Das ist eine gute Frage, da die Blitzhochzeit auch für mich überraschend kommt. Ich habe mir gestern und heute auch schon den Kopf zerbrochen, aber zu einem Ergebnis bin ich noch nicht gekommen. Geld und was man damit kaufen kann, hat Ryan zur Genüge und Fiona legt keinen Wert darauf.« Nachdenklich schloss sie ihre Lippen um den Strohhalm und nuckelte den Rest Piña Colada aus der Cocktailtulpe.

»Noch einen?«, erkundigte sich David und gab dem Barkeeper zu verstehen, dass sie beide einen weiteren Drink wünschten, bevor er weitersprach. »Dann versuchen wir also etwas zu finden, das man für Geld nicht kaufen kann. Oder eben etwas so Besonderes, dass es ungewöhnlich genug ist ...«

»Du meinst, wir sollten zusammen etwas schenken? Also ich meine als Trauzeugen?«

»Ja, das würde ich schön finden. Das ist bei uns so Sitte. Ist das in Europa nicht angemessen?«

»Doch, doch, natürlich …«

»Ich hätte nie gedacht, dass Ryan einmal in den Hafen der Ehe einläuft. Darum habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht. Und wie schon gesagt, bei uns wird traditionell Geld geschenkt.«

»Begleiten die Partnerinnen in Israel ihren Mann nicht zu solchen Festlichkeiten?« Jetzt war es raus – dem Zungen lösenden Alkohol sei Dank. Doch Elena musste endlich Gewissheit haben, ob er im Hintergrund irgendwo eine Kandidatin in der Pipeline hatte.

Und so wie David sie ansah, hatte er verstanden, worauf die Frage abzielte. Er schmunzelte und wartete, bis der Bartender die Getränke abgestellt hatte, knabberte einige Erdnüsse und sah sie herausfordernd an.

»Aber selbstverständlich begleiten unsere Partner uns zu solchen Festlichkeiten. Mein Freund hat diese Woche aber leider keine Zeit.«

Die klebrige Piña Colada landete mit Schwung in der falschen Röhre und sorgte für einen Hustenanfall, der den Barkeeper entsetzt zum Telefon eilen ließ. Doch bevor er den Notarzt rufen konnte, winkte Elena bereits schwer nach Luft schnappend ab. Aber natürlich! Das war des Rätsels Lösung: David war schwul! Wie hatte sie nur so blind sein können? Der Mann war supergepflegt. Er musste allein Stunden damit zubringen, seinen Bart so perfekt auszurasieren. Dann seine Kleidung, die war so geschmackvoll. Und nicht zuletzt sein durchtrainierter Körper … Er war einfach nur ein Traum von einem Mann. Ein Traum, der mit einem Wort in ganz weite Ferne gerückt war. Was für eine Verschwendung!

»Was ist das denn hier, konspirative Sitzung?«, erklang eine Stimme hinter ihr – und sie gehörte ganz unverkennbar Ryans Schwester. Als Elena herumschnellte, stand da die ganze Hochzeitsgesellschaft aufgereiht: Charlotte nebst Gatten, Fionas Eltern, ein weiterer Freund von Ryan – Liam, mit seiner Freundin – und das Brautpaar selbst.

»Wann seid ihr angekommen?«, fragte Elena und ärgerte sich im gleichen Moment über ihre nicht gerade vor Geist strotzende Bemerkung. Doch außer David schien niemandem aufzufallen, dass sie mindestens drei Meter neben sich stand. Hastig versuchte sie, das verräterische Buch in ihre Handtasche zu pfriemeln. So wie es sich wehrte, würde es hinterher nur noch als Kaminanzünder taugen, doch das war egal.

»Wir haben die Familie und Freunde gerade am Flughafen eingesammelt und wollten jetzt gemeinsam essen. Ihr seid doch dabei?« Einladend streckte Fiona ihre Hände aus.

Die entspannte Konversation und das exquisite Fünf-Gänge-Menü konnte Elena nicht wirklich genießen. Viel zu groß war ihre Angst, dass ihr der eine oder andere Bissen im Hals stecken bleiben würde. Einzig die Tatsache, dass David als Tischherr neben und nicht ihr gegenüber saß, entspannte die Situation ein wenig. Und sie hatte die Gelegenheit, ihn unauffällig zu beobachten. Es war für sie immer noch unbegreiflich: Wie konnte es sein, dass er in seinem ganzen Gehabe so absolut hetero rüberkam? Und warum starrte ein Homosexueller einer Bedienung so ungeniert – oder besser gesagt interessiert – auf den Hintern? Na, obwohl Po, so eine gewisse Fixierung auf das spezielle Körperteil sollte bei Schwulen wohl vorprogrammiert sein …

Aber auch auf Hinterteile von Frauen?

Oder hatte er sie ganz dreist angelogen?

Aber kein Mann – und schon gar kein Mega-Macho – würde sich doch so eine Blöße geben!

Nein, das konnte nicht sein, denn das wäre weit mehr als eine Selbstkasteiung, das wäre eine Selbstkastration.

Statt Antworten gab es immer mehr offene Fragen. Bis auf eine, denn endlich hatte Elena eine Eingebung und wusste, was sie Fiona und Ryan zur Hochzeit schenken konnte. Und plötzlich schmeckte auch der Hummer wieder, denn gleichgültig, wie es übermorgen nach der Hochzeit weitergehen würde, das Präsent bescherte ihr auf jeden Fall ein Wiedersehen mit David!

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480 s. 1 illüstrasyon
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9783738081343
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Serideki Birinci kitap "ShadowPlay"
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