Kitabı oku: «ShadowPlay - Entblößt», sayfa 4

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»Du bist wirklich die beste aller Freundinnen … Und ich denke nur an mich!« Stürmisch umarmte Fiona die Freundin.

»Ja und genau so soll es auch sein. Mach dir keine Gedanken um mich, darüber reden wir später! Ich möchte jetzt nur für dich und Ryan da sein!«

»Und für Hope!«

»Und für Hope«, bestätigte Elena. Als sie sich aus der Umarmung zurücklehnte, fiel ihr Blick auf die stilvollen Villen und mehrstöckigen Altbauten. »Mailand hat wirklich eine grandiose Altstadt. So viel alter Baumbestand. Die Häuser komplett eingebettet in dieses romantisch lichte Frühlingsgrün ...«

»Hui, du hast deine poetische Ader entdeckt?«, neckte Fiona und setzte geheimnisvoll hinzu: »Dann warte noch zwei Minuten …« Kurze Zeit später zeigte sie in die Richtung großer Grünflächen.

»Ein englischer Park mitten in Italien. Uund was ist denn das?« Eine mächtige Mauer und noch gewaltigere Rundtürme aus dunkelgrauen Steinen überragten selbst die jahrhundertealten Alleebäume.

»Das ist die Verteidigungsanlage des Castello Sforzesco, ein Schloss aus dem fünfzehnten Jahrhundert«, zitierte Fiona den kleinen faltbaren Stadtführer, den sie aus der Handtasche gezogen hatte. »Ziemlich imposant.«

»So kenne ich dich«, grinste Elena breit. »Wie immer bestens vorbereitet.«

»Die Dinger lagen am Flughafen aus. Ich hatte vorher keine Zeit mir eine App aufs Smartphone zu laden. Aber ich finde, die gute alte Methode mit dem Faltnavi passt zum Ambiente unserer Rundreise.«

Das Taxi bog wieder in eine der kleinen Seitenstraßen ein. »Apropos Rundreise: Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass das nicht der direkte Weg zum Modeviertel ist«, sinnierte Elena.

»Da Sightseeing zeitlich leider nicht drin ist, habe ich den Fahrer gebeten, wenigstens an den schönsten Sehenswürdigkeiten vorbeizufahren.«

»Was für eine tolle Idee! Es wäre wirklich eine Schande, ohne …!« Der Blick aus dem Fenster auf das weltberühmte Opernhaus verschlug ihr erneut die Sprache.

»Wäre es nicht toll, wenn wir in der Scala eine Vorstellung sehen könnten?«, schwärmte Fiona.

»Oh ja! Und wenn ich mir vorstelle, wer hier schon alles gesungen hat: die Callas, Caruso, Mario Lanza, Pavarotti …«, pflichtete Elena ihr begeistert bei.

»Hebe dir noch ein bisschen Luft auf«, mahnte Fiona, »denn das Beste kommt erst noch!«

Als sie um die nächste Ecke bogen, verstand sie, warum.

»Meine Güte!«, war alles, was Elena noch zustande brachte, bevor sie geblendet von der Marmorfassade, die das gleißende Sonnenlicht reflektierte, die Augen zukniff.

»Der Mailänder Dom – wirklich eine Schande, dass wir keine Zeit haben, ihn zu besichtigen«, bedauerte Fiona.

Elena setzte ihre Sonnenbrille auf und beugte sich vor, um mehr als nur einen kurzen Blick von dem imposanten Prachtbau zu erhaschen.

»Nach dem Petersdom und der Kathedrale von Sevilla ist der Dom die drittgrößte Kirche der Welt«, zitierte die Schwangere weiter aus dem Stadtführer. »Und einige sagen, es ist sogar die schönste aller Kathedralen.«

»Diese vielen Türme, die Verzierungen und vielen Statuen, wundervoll.« Elena klatschte begeistert in die Hände.

»Über viertausend figürliche Darstellungen – und besonders prächtig sollen auch die bunten Glasfenster im Chor sein.«

Elena drehte sich um, bis der Dom aus dem Heckfenster verschwunden war. Plötzlich wurde sie von einer seltsamen Wehmut gepackt. Zeit, wie viel Zeit würde sie zukünftig noch mit Fiona verbringen können, wenn sie verheiratet war? Sie würde aus der WG ausziehen und wahrscheinlich auch London verlassen. Einem plötzlichen Impuls folgend ergriff sie die Hand der Freundin: »Ich möchte, dass wir uns versprechen, dass wir gemeinsam nach Mailand zurückkehren und eine Vorführung in der Scala besuchen!«

Fiona sah sie erstaunt an. »Das ist eine wundervolle Idee, das verspreche ich dir nur zu gern!«

Kaum hielt das Taxi an, hatte Elena Mühe, mit der Schwangeren Schritt zu halten. Die sprintete zielstrebig in einen kleinen Laden, über dessen Eingang ein Schild mit der Aufschrift Gelateria da Fausto prangte.

»Hope hat Hunger, wir brauchen ein Eis«, erklärte Fiona der staunenden Freundin, die vor Begeisterung fast kopfüber in eine Reihe rechteckiger Metallschalen stürzte, die von Eiscreme in den schönsten Farben überquollen. Einige kunstvoll geschmückt mit Kapstachelbeeren oder Obstspießen, andere getoppt von Strömen aus Nuss-Nugat-Creme oder von Schokoladenriegeln geigelt.

»Das ist der Himmel!«, stieß Elena hervor und rieb erwartungsvoll die Hände aneinander. Doch lange Zeit zum Schwärmen blieb ihr nicht, schließlich galt es, lebenswichtige Entscheidungen zu treffen.

»Was ist Dolce Latte?«

»Karamell.«

»Also das möchte ich auf jeden Fall und dann auch eine Kugel Panna Cotta. Die roten Streifen da drin – ist das Himbeere?«

»Ja, das ist Himbeerpüree. Du wirst es lieben!«, bestätigte Fiona in Erinnerung an die vielen Kugeln Eis, die sie im vergangenen Spätsommer während des Italienurlaubs mit Ryan genossen hatte.

»Ich liebe es«, bestätigte Elena und schmiegte sofort wieder die Lippen um die zart schmelzende Masse. Schweigend und genießend schlenderten die Freundinnen nebeneinander her. Immer wieder musste eine hinter die andere zurückweichen, um entgegenkommende Passanten vorbeizulassen. »Das finde ich wirklich merkwürdig. Überall in der Altstadt gibt es breite Gehwege, auf denen noch Platz für Straßengrün ist, nur hier im Modeviertel wird es eng.«

Fiona leckte sich genüsslich die Finger ab und schob ihre Sonnenbrille in die Haare zurück, bevor sie antwortete. »Ja, das finde ich auch ziemlich schräg. Die Via Monte Napoleone ist eine der teuersten Straßen weltweit. Hier gibt es Armani, Gucci, Cartier, Chanel, Prada …«, zählte sie auf. »Und dann gibt es noch nicht einmal Platz zum Schlendern. Dabei sind die Auslagen in den Fenstern so toll und warten nur darauf, bestaunt zu werden. Aber ich denke, die Dame von Welt fährt wahrscheinlich standesgemäß vor.«

»Es gibt hier noch nicht mal Parkplätze!«

»Hach, du Kulturbanause«, feixte Fiona und näselte vornehm, »natürlich fährt sie in der Nobelkarosse mit Chauffeur vor, der Madame absetzt und auch wieder einsammelt! Ich hoffe, dass auch wir schnöden Fußgänger hier bedient werden.«

Elena grinste nicht weniger feist zurück – theatralisch rieb sie Daumen und Zeigefinger aneinander. »Ich denke doch, dass Mister Ryan Kerrigan dich mit passenden Argumenten ausgestattet hat!«

Fiona senkte die Stimme. »Besser, viel besser«, bekannte sie freimütig und zog eine Kreditkarte aus der Tasche. »Wenn wir wollten, könnten wir jetzt auch einen Ferrari kaufen … aber dazu fehlt uns leider die Zeit«, seufzte sie und bog ohne Vorwarnung in die nächste Boutique ab.

Elena musste feststellen, dass die Braut – entgegen ihrer Annahme – exakte Vorstellungen von einem passenden Outfit für die Hochzeit hatte. Jedenfalls lag die Vermutung nach dem aufgeregten Redeschwall, mit dem sie das Duo herbeigeeilter Designerkleidung auf zwei Beinen überschüttete, nahe.

Ob mangelnde Kommunikation, ein eventuelles Unvermögen der Mitarbeiterinnen oder fehlende Passform schuld waren, ließ sich auf Anhieb nicht klären: Auch nach dem fünften Kleid verließ Fiona immer noch gestresst die Kabine und blickte erst unzufrieden an sich selbst hinunter und danach im Spiegel wieder hinauf. Was die Schwangere in ihrer Verzweiflung zu der Frage führte, die exakt auch Elenas Hauptnerv traf.

»Was ziehst du denn zur Hochzeit an?«

Elektrisiert versuchte sich die Blondine, aus dem Sessel zu schälen, der sie wie eine behagliche Umarmung umschlang. Sicher nicht grundlos, denn in diesem noblen Etablissement war man offensichtlich darauf bedacht, die Herren der Schöpfung gleichsam einzufangen wie auch bequem unterzubringen, damit sie sich während der Wartezeit auf ihrem dicken Portemonnaie keine Beule in den Allerwertesten saßen.

Im Vorbeigehen schnappte Elena sich das Ensemble, das ihr Herz schon beim Hereinkommen auf den ersten Blick erobert hatte: Ein schlichtes Etuikleid mit einem passenden Spitzenbolero, dessen Wirkung im edlen Glanz des Stoffes und dem exquisiten Schnitt lag. Obwohl sie selbst gutes Geld verdiente und sich jederzeit der großzügigen Unterstützung ihrer Eltern sicher sein konnte, zählte sie nicht zu den Frauen, die sorglos zweitausend Euro für ein Kleid ausgaben. Doch die Anprobe entpuppte sich als ultimative Gehirnwäsche: Nach der Anwendung von kreativer weiblicher Arithmetik und in der Abwägung zwischen zwei Wochen Dosenravioli und einem unvergesslichen Auftritt konnte die Antwort der Trauzeugin nur »Ja, ich will!« lauten.

Gleichzeitig traten die Frauen aus den Kabinen und standen sich gegenüber. Mit großen Augen blickten sie von oben nach unten und wieder zurück. Wie aus einem Mund verkündeten sie: »Perfekt!«

Andächtig zeichnete Elenas Zeigefinger die Perlenstickerei an Fionas Dekolleté nach. »Das ist dein Kleid!«

»Ja«, jubelte die Freundin mit verräterischem Glitzern in den Augenwinkeln, »aber nur, wenn ich bereit bin, während der Zeremonie auf das Atmen zu verzichten.«

»Warum denn das? Es sitzt doch absolut großartig! Durch die hochgerutschte Taille sieht das Kleid aus, als wäre es für eine Schwangere entworfen worden!«

»Genau so ein Kleid im Empirestil habe ich gesucht. Aber es ist zu eng.«

Der klägliche Tonfall brachte Elena zum Grinsen. »Zeig mal, wo denn?«

Fiona drehte ihr den Rücken zu und präsentierte die Leiste mit Knöpfen, die aus lauter kleinen Perlen bestand. Im Rhythmus der Atemzüge spannte und entspannte sie die Knopfleiste bedenklich.

»Du hast recht, da sollte die Schneiderin Hand anlegen.«

Der freudestrahlende Blick der Braut verschwand, erneut war sie den Tränen nahe. »Und wenn das nicht geht? Ach, das ist sowieso viel zu viel Gedöns für mich, mit dieser Perlenstickerei im Oberteil und am Saum«, versuchte das Häufchen Elend, ihre Angst zu überspielen, indem sie sich das Kleid schlechtredete.

»Überhaupt nicht!«, widersprach Elena energisch. »Ganz im Gegenteil. Es ist doch alles Ton in Ton und wirkt dadurch ausgesprochen stilvoll. Und diese champagnerfarbene Seide passt total toll zu deinen rotbraunen Locken. Wirklich, du siehst so wunderschön aus!«

»Jetzt ist nur die Frage, was ich obenrum mache?«

»Du meinst ein passendes Jäckchen, falls es kurzärmelig zu kühl wird?«

»Ja, das auch, denn der Carre-Ausschnitt ist ja ziemlich groß und die Ärmel sind sehr kurz … Aber ich meinte auch hier oben«, sie zeigte auf ihren Kopf.

»Schleier?«, erkundigte sich Elena und visierte bereits die transparenten Träume an, die die gesamte Breite einer Wand zierten.

»Ja, ich finde zu einem langen Kleid gehört einfach ein Schleier.«

»Wenn du meinen Rat möchtest, nimm einen ganz Schlichten, keine Spitze oder so, denn das könnte dann doch mit der Stickerei des Kleides kollidieren.«

»Ja, das finde ich auch. Was denkst du? Eine Hochsteckfrisur und dann nur mit einem Schmuckkamm befestigt?«

»Nein«, entgegnete Elena entschieden und wendete sich direkt den Schleiern zu, um sie genauer zu inspizieren. »Zu dir, zu der großen Liebe, die dich und Ryan verbindet, gehört etwas ganz Romantisches!« Ihre Hand glitt langsam unter den feinen Seidenchiffon, der die dunklen Adern ihrer Haut durchscheinen ließ und gleichzeitig wie ein Weichzeichner wirkte. »Ich habe da schon eine Idee.« Fiona fixierte die Freundin erwartungsvoll – doch Elena verriet nichts und fragte stattdessen: »Vertraust du mir?«

»Natürlich, aber …«

»Ich habe eine tolle Idee und garantiere dir, dass sie dir gefallen wird.«

»Ich glaube, ich mag keine Überraschungen mehr!«, bekannte die Braut kleinlaut, »aber ich finde es wunderbar, dass du dir so viele Gedanken um mich machst.« Sie setzte an, um ihrer Trauzeugin um den Hals zu fallen, doch ein laut knirschendes Geräusch veranlasste sie, die Arme unverrichteter Dinge wieder sinken zu lassen. »Mein Gott!«

Angesichts der Perlenknöpfe, die wie Geschosse durch die Boutique flogen, entwich Elena ein flapsiges »Alle Mann in Deckung!«, das sie am liebsten sofort wieder zurückgenommen hätte, als sie Tränen in Fionas Wimpern glitzern sah. »Es ist doch gar nicht so schlimm!«, versuchte sie, zu beschwichtigen.

»Mein Kleid«, schluchzte die Schwangere. »Mein schönes Kleid …«

Der Kommentar, der Elena entwich, nachdem sie einen Blick auf die Rückseite geworfen hatte, trug ebenfalls nicht zur Entspannung bei. Genauso wenig, wie die entsetzten Gesichter der herbeigeeilten Angestellten.

Jetzt gab es kein Halten mehr. »Alles vorbei«, schluchzte die Schwangere unter Tränen.

Mit offenen Mündern starrten die Mitarbeiterinnen auf die Rinnsale, die sich links und rechts neben den Mundwinkeln unaufhaltsam ihren Weg in Richtung Dekolleté bahnten. Nur noch wenige Zentimeter, dann würde der sündhaft teure Stoff den salzigen Tropfen schutzlos ausgeliefert sein. Die pflichtbewussten Damen stürzten gleichzeitig aus dem Stand auf Fiona zu.

Elena war nahe daran, sich heldenhaft dazwischen zu werfen, weil sie sich nicht sicher war, ob die entfesselte Horde der Weinenden das Gewand vom Leib reißen würde.

Doch statt roher Gewalt, spendeten die Angestellten sanften Trost in Form feinster Taschentücher, mit denen sie versuchten, der Flut Herr zu werden, während gleichzeitig hektisch ordnende Maßnahmen verhindern sollten, dass Fiona beim Hinabsinken auf das Sofa Knitterfalten in das Kleid bügelte.

»Alles vorbei«, schluchzte sie erneut in ihr Taschentuch und ließ die Schultern sinken.

»Signora …!«

Mehr verstand Elena nicht, aber nach dem Tonfall des wechselnden Redeschwalls zu urteilen, der auf die heulende Braut niederprasselte, trafen die Damen genau den richtigen Nerv.

»Si, si, bene«, antwortete Fiona sichtlich ruhiger, erhob sich und setzte langsam einen Fuß vor den anderen. Auf dem Weg in die Umkleidekabine, die eher den Namen Luxusappartement verdiente, sah sie sich noch einmal um. »Ich ziehe das Kleid nur schnell aus, damit es repariert werden kann.«

Elena wollte eben entspannt auf dem Sofa in sich zusammensinken, als ihre eigenen Alarmglocken laut schrillten: Nur mit Mühe gelang es ihr, die Abwärtsbewegung abzufangen. Fehlte noch, dass sie jetzt ihr Kleid verunstaltete, bevor sie es gekauft hatte.

Aber sollte sie wirklich?

Es gefiel ihr ganz und gar nicht, dass der emotionale Rattenfänger eine versnobte Seite in ihr zum Vorschein brachte, die sie bisher weder angestrebt hatte, noch dass sie sie mochte. Allein das winzige Stückchen Stoff, das sie gerade auf der Schulter zurechtrückte, musste um die hundert Euro kosten.

»Wie für dich gemacht«, schwärmte Fiona noch einmal und zog den Gürtel des Bademantels straff, in dem sie aussah wie ein überdimensionaler Teddybär.

»Das kann ich nur zurückgeben«, grinste Elena und ließ ihre Finger über das flauschige Material gleiten. »Meinst du, wir schaffen es, so ein Teil hier raus zu schmuggeln? Der ist ja wirklich mega!«

Fiona schüttelte den Kopf und legte ihre Hände auf den Bauch. »Ich halte Hope die Ohren zu, damit sie nicht mitbekommt, welche kriminellen Anwandlungen ihre zukünftige Patentante gerade hat! Was hältst du denn davon, wenn wir einfach fragen, ob wir einen Bademantel mitnehmen dürfen?«

»Aber das macht doch nur halb so viel Spaß«, grinste Elena und setzte ihren berühmt berüchtigten Schmugglerblick auf.

»Wie kommt es eigentlich, dass du ausschließlich im Urlaub Anflüge von moralischer Legasthenie hast? Ist das die Klimaveränderung, die dir nicht bekommt? Du bist doch von Haus aus ein grundanständiger Mensch!« Fiona versuchte, ihr breites Grinsen zu verstecken, indem sie den Kopf senkte. Und sie beschloss, noch einen draufzusetzen. »Dein Kleid sitzt wie eine zweite Haut und dieses dezente Türkis wird sicher super zum Cut des Trauzeugen passen …«

Nicht schon wieder!

Elena war nicht bereit, erneut über David zu sprechen, und schlug den Ball zurück in das gegnerische Feld. »Das bringt mich zu deinem Kleid …«

»In dem ich aussehe wie eine Presswurst …«

»Nein, nein! Was redest du denn da!«

Elenas entgeisterter Blick überzeugte Fiona noch nicht hundertprozentig, legte sich aber wie heilender Balsam auf ihre zweifelnde Seele. »Dann müssen wir nur noch beten, dass sie es wieder zusammenflicken können.«

»Das hört sich an, als würdest du über einen billigen Fetzen aus dem Second Hand sprechen!«

Fiona versenkte ihren Blick hoch konzentriert in die platzenden Bläschen ihres Mineralwassers. »Ja, das ist das nächste Problem … Gleichgültig ob ich will oder nicht, jetzt muss ich den Fummel sowieso nehmen, nachdem ich ihn zerstört habe.«

»Zerstört, wie sich das anhört! Es war halt … es ist halt …«

»Sprich es ruhig aus: Geplatzt!«, bemerkte Fiona pikiert und verdrehte die Augen.

Schweigen senkte sich über die Szenerie – aber nur für eine Sekunde. Die Frauen sahen sich in die Augen und bogen sich schallend vor lachen.

»Hör auf, sonst kriege ich mein Kind gleich hier und jetzt!«, versuchte Fiona, zwischen den hysterischen Lachsalven herauszupressen.

Elena japste. »Auf jeden Fall kannst du von der Aktion noch deinen Enkelkindern erzählen.«

»Mir reicht schon, wenn ich es Ryan erzähle! Der wird nicht schlecht Augen machen, wenn ich ihm mitteilen muss, dass ich ein Kleid für schlappe zwanzigtausend Euro nehmen musste, weil ich es geschrottet habe!«

Elena schnappte nach Luft. »Hast du eben zwanzigtausend gesagt?«

»Jawohl – und weißt du was? Bei dem Preis sind die Reparatur, die Änderung und sogar der Schleier mit drin.«

»Dann ist das selbstverständlich etwas anderes, ein echtes Schnäppchen sozusagen!«

Fiona streckte ihr undamenhaft die Zunge entgegen. »Aber was ist denn jetzt mit meinem Schleier? Ich würde es gerne wissen.«

»Das kann ich mir vorstellen«, antwortete Elena und übte sich in einer ähnlichen Zungenakrobatik. »Aber das wird meine Überraschung für dich!«

Roomservice mal anders

Hätte mich nicht einer darauf vorbereiten können, dass ich während der Überfahrt vom Flughafen nach Giudecca eine halbe Stunde mit David auf einem Wassertaxi zusammengepfercht verbringen muss, und dass der Wellengang mich immer wieder mit seinem Körper kollidieren lässt?

Elena ärgerte sich, dass der Pilot sie immer noch wie eine Fremde behandelte, wenn sie in Begleitung waren. War es ihm peinlich, vor Fi und Ryan zuzugeben, dass zwischen ihnen etwas lief? Nun ja, lief war übertrieben. Aber schließlich hatte er mit dem gemeinsamen Abgang aus dem Penthouse und seiner ominösen Ankündigung, sie rechtzeitig abzuliefern, erst den Nährboden für die Gerüchteküche bereitet.

Der Anblick des Fünfsternehotels lenkte sie für einen Moment von ihren trüben Gedanken ab. »Das ist doch mal eine stattliche Unterkunft!«

»Der ganze Komplex wurde Mitte des neunzehnten Jahrhunderts als Wassermühle und Nudelfabrik erbaut.« Ryan zeigte auf das höchste Gebäude am Ende der Insel. »Und unsere Zimmer liegen ganz oben in den ehemaligen Silos.«

»Wirklich etwas ganz Besonderes«, bekräftigte David. »Auch die Fenster in Form und Farbe, sieht auf die Entfernung aus als wären die Rahmen aus Gusseisen.«

»Beim Umbau hat man darauf geachtet, die Gebäude nur zu entkernen, und die Fassaden originalgetreu zu erhalten. Heute gilt der Komplex als Wahrzeichen italienischer Industriearchitektur.«

Was für ein wunderbar harmloses Geplänkel!

Der Unmut holte Elena schneller wieder ein als gewünscht.

Nach einem One-Night-Stand oder wie immer man es nennen wollte, was sie in der Nacht veranstaltet hatten, war es unter Erwachsenen üblich, sich mit Respekt und einer gewissen Distanz – oder bei der Aussicht auf Wiederholung liebevoll –, zu begegnen. Seine Form der Nichtachtung enttäuschte sie viel stärker, als verletzende Worte es hätten tun können.

»Wartet ab, bis ihr die Zimmer seht!«, warf Fiona ein und kuschelte sich an ihren Verlobten. »Wir waren im letzten Herbst hier. Von Venedig aus sind wir auf unseren Segeltörn rund um Italien gestartet. Und Ryan hat es tatsächlich geschafft, dass wir wieder unser Zimmer bekommen!«

»Wie sind die Räume denn eingerichtet?«, fragte Elena unverfänglich.

»Der von dir und David wie ein barockes Lustschloss und mit einem schönen Blick über die Lagune«, entgegnete Ryan knochentrocken und freute sich spitzbübisch über die plötzlich einsetzende Blässe, die unter ihren entgleisenden Gesichtszügen durchschimmerte.

Für seine unflätige Bemerkung erntete er von Fiona augenblicklich einen Seitenhieb in die Rippen.

»Prinzessin, jetzt fängst du schon an, mich zu misshandeln, bevor ich dir mein Jawort gegeben habe?«, beschwerte er sich mit gespielter Empörung.

»Du bist und bleibst ein Scheusal Ryan Kerrigan!«, entrüstete sich Fiona lachend. »Du kannst es einfach nicht lassen!« Sie sah Elena und David an. »Ihr habt natürlich Einzelzimmer …« Was sie verschwieg – weil sie es nicht wusste –, war die Verbindungstür, die es ermöglichte, von einem Zimmer in das andere zu gelangen, ohne über den Flur gehen zu müssen. Darauf hatte Ryan bei der Buchung in weiser Voraussicht bestanden.

Als das Wassertaxi anlegte, zeigte Fiona auf die Reihe großer Sonnenschirme, die farblich mit den rotbraunen Ziegelwänden harmonierten und gleichzeitig einen schönen Kontrast zum üppigen Grün der Kübelpflanzen bildeten, die die Sitzgruppen umrahmten. Die Aussicht auf ein lauschiges Plätzchen mit Blick aufs Wasser und einer kühlen Brise weckten augenblicklich noch einmal ihre müden Lebensgeister.

»Ich würde gerne einen original italienischen Cappuccino trinken, seid ihr dabei?« Fragend sah sie in die Runde.

Ryans krause Stirn spiegelte deutlich seine Besorgnis. Doch bevor er sein Veto verbalisieren konnte, nahm Fiona ihm bereits den Wind aus den Segeln. »Für mich natürlich koffeinfrei – ich hatte heute Morgen schon meine tägliche Dosis«, führte sie augenzwinkernd aus.

Der werdende Vater fixierte sie mit forschendem Blick und schwieg, denn seine Bedenken galten weniger ihrem Koffeinkonsum,als vielmehr dem erschöpften Ausdruck in ihrem Gesicht und ihrer Körperhaltung. Fiona zerfloss schon regelrecht im Gehen. Achtundvierzig aufwühlende und anstrengende Stunden lagen hinter ihnen. Das waren alles andere als optimale Bedingungen für eine Schwangere im sechsten Monat. Doch als er das freudige Blitzen in ihren Augen sah, verließ er sich auf ihr Bauchgefühl und korrigierte seinen Kurs in Richtung der Terrasse.

Elena plagten indes ganz andere Sorgen. »Nicht nur die Fassade ist originalgetreu, selbst das Kopfsteinpflaster stammt noch aus dem vorigen Jahrhundert«, stellte sie nach einer schmerzhaften Begegnung mit einer tiefen Fuge zwischen den einzelnen Quadern fest. Bevor sie sich bücken konnte, um ihren Knöchel zu betasten, fand sie sich bereits auf dem Arm von David wieder, der sie auf einen der bequemen Luxussessel verfrachtete.

»Darf ich?« Ohne die Antwort abzuwarten, nahm er ihr gegenüber Platz, legte sich ihren Fuß auf die Knie und zog ihr vorsichtig den Schuh aus. Zart umschlossen seine Finger ihre Wade, während er mit der anderen Hand behutsam das Gelenk abtastete. »Keine Sorge, da ist nichts gebrochen. Wohl auch keine Verstauchung, nur ein wenig gezerrt – du hast Glück gehabt«, klärte er sie fachmännisch auf. »Hochlagern und ein wenig Kühlen kann allerdings nicht schaden.«

Elena biss sich auf die Zunge, um ihre unflätige Bemerkung, seit wann er denn Arzt sei, hinunterzuschlucken. Aus diesem Mann sollte einer schlau werden! Vor fünf Minuten hatte sie sich noch über seine zur Schau getragene Gleichgültigkeit geärgert und jetzt trat er als echter Gentleman auf. Der Pilot entpuppte sich als Mann mit zwei oder sogar noch mehr Gesichtern. Blieb nur die Frage, wo sich unter diesen vielen Schichten der echte David verbarg – und vor allem: Warum versteckte er ihn?

Ihre Gedanken und der leichte Schmerz, der in ihrem Bein Richtung Knie zog, wurde von dem Wohlgefühl überlagert, das seine sanfte Massage erzeugte. Seine Fingerkuppen waren angenehm warm und weich, die Finger so geschmeidig. Wie schön wäre es, wenn er mit seinen streichenden Bewegungen noch weiter aufwärts wandern würde. An den Waden würde sein Griff kräftiger werden und sich in die Tiefe des Gewebes vorarbeiten …

Hach, so eine Nummer wie in der vergangenen Nacht, die könnte er gerne wiederholen.

Und dieses Mal dann auch beenden!

Um die aufziehende Spannung im Bauch erträglicher zu machen, zog Elena die Beine nur minimal in Richtung ihres Körpers, aber doch genug, um von David bemerkt zu werden. Er grinste selbstzufrieden in sich hinein, doch bei seiner Massage ließ er sich nicht stören.

»Erde an Elena.«

»Was, wie bitte?«, verdattert sah sie Fiona an, die mit dem Zeigefinger auf den Kellner wies, der mit erwartungsvoller Miene auf die Leichtverletzte herunterblickte. »Für mich eine Latte, bitte!«

»Ich bekomme auch eine«, bemerkte David, sah vom Knöchel auf und direkt in die Augen der Blondine.

Sie weigerte sich, die erneute Provokation zu ignorieren. »Das ist nichts Neues, bei einem bekennenden Schaumschläger wie dir, steht das Thema auf deiner Liste bestimmt ganz oben!«, konterte sie renitent und hielt seinem Blick trotzig stand. Aber nur, um sich wenige Sekunden später geschlagen zu geben: Das eisige Glitzern in seinen Augen verschloss ihr den Mund.

»Zwei«, formte David wortlos mit den Lippen und grinste diabolisch.

Elena hatte keine Idee, was es mit der Ankündigung dieser Zahl auf sich haben könnte. Verstohlen sah sie durch ihren Haarvorhang zum Brautpaar hinüber, das dem Treiben interessiert und sprachlos folgte. Zumindest Fiona, denn die runzelte nachdenklich die Stirn, während Ryan offenbar genau verstanden hatte, was Davids Bekanntmachung zu bedeuten hatte. Auf jeden Fall machte es den Eindruck, als würde er sich freuen – wenn auch nach innen …

Als David seinen Zeige- und Mittelfinger in ein Glas mit Eiswasser tauchte und anschließend massierend über die Außenseite ihres Knöchels gleiten ließ, verschluckte Ryan sich beinahe an seinem Cappuccino und sah aus, als würde er sich mächtig beherrschen müssen, um nicht lauthals loszulachen.

Kerle!

Klar, stecken natürlich wieder unter einer Decke!, dachte Elena angesäuert und blickte Hilfe suchend in Richtung Fiona. Doch die lächelte selig vor sich hin und schaufelte einen Rieseneisbecher bis zum letzten Löffel in sich hinein, um dann herzhaft gähnend und sichtlich zufrieden in ihren Sessel zurückzusinken.

Das war das Startsignal. »Prinzessin, ich denke, es wird Zeit für dich. Du hast einen langen und anstrengend Tag hinter dir.«

»Jawohl, Master!«, bemerkte Fiona spitzbübisch. Aber sie musste zugeben, dass Ryan wieder einmal ins Schwarze getroffen hatte. »Ich könnte wirklich im Stehen schlafen und würde mich gerne hinlegen. Ich weiß, dass es unhöflich ist: Aber ist es für euch okay, wenn wir uns morgen zum Frühstück am Pool treffen? Ich möchte nur noch in mein Bett!«

»Ja, du solltest dich wirklich ausruhen«, pflichtete Elena der Schwangeren bei und sah unauffällig in Davids Richtung. Der zeigte wieder keinerlei Reaktion und zog ihr den Schuh an.

»Versuche mal, ob du auftreten kannst«, bat er und bot ihr eine Hand an, um ihr beim Aufstehen behilflich zu sein. Die ersten Schritte beobachtete er mit Argusaugen. »Und?«, vergewisserte er sich zur Sicherheit.

»Alles gut, vielen Dank«, murmelte Elena. Mehr sagte sie nicht. Sollte sie ihn fragen, ob er mit ihr Abendessen würde? Aber nein, sie hatte keine Lust, sich aufzudrängen. Mehr als einmal hatte er ihr zu verstehen gegeben, dass er kein Interesse an dauerhaftem Kontakt hatte. Ein einsamer Wolf, das war wohl die Rolle, in der er sich sah und in der er sich gefiel. Sollte er doch.

Die Formalitäten an der Rezeption waren binnen kürzester Zeit diskret erledigt und die Frage nach dem Gepäck musste gar nicht erst erörtert werden: Wie es sich in einem Haus der Luxusklasse gehörte, hatten dienstbare Geister es bereits auf die Zimmer gebracht.

Elena trotte schweigend neben David hinter Ryan her, der seinen Arm fürsorglich um die Schultern seiner Zukünftigen legte. Da sie nicht wusste, was sie sagen sollte, erkundigte sie sich nach dem Ausstieg aus dem Fahrstuhl lediglich: »Wann treffen wir uns zum Frühstück und wo ist der Pool?«

»Um 8.00 Uhr, beides auf der Dachterrasse«, brachte Fiona gerade noch zwischen ihren Gähnattacken zustande. »Schaft gut!«

»Wünsche ich euch auch«, erwiderte Elena kurz angebunden. Sie war froh, dass die Schlüsselkarte auf Anhieb funktionierte und sie die Tür schnell hinter sich zuziehen – und David damit ausschließen – konnte.

Erstaunt blickte sie nach unten, als sie die ersten Schritte machte, um ihr Domizil in Augenschein zu nehmen: Die Pumps sanken so tief ein, dass ihr der altrosa Teppich unter den Füßen unerwartet ein strandartiges Gefühl bescherte. Schwungvoll schüttelte sie ihre Schuhe ab und marschierte barfuß weiter über den flauschigen Bodenbelag. Seine Farbgebung harmonierte mit den pastellfarbenen Blockstreifen der Wandbespannung, die von der bodentiefen Umrandung des Boxspringbetts in kräftigen Nuancen wieder aufgenommen wurde.

Ein lauter Seufzer der Erleichterung bahnte sich seinen Weg, als Elena rückwärts auf das Bett kippte. Selbst mit ausgestreckten Armen konnte sie nicht von einer Seite zur anderen reichen. Ihr Blick wanderte hinauf zu den mächtigen Balken der antiken Holzdecke. Was hatte Ryan vorhin bei der Anfahrt auf das Hotel erzählt? Der gesamte Komplex sei eine Nudelfabrik samt dazugehöriger Getreidemühle gewesen. Der Gedanke an wild gestikulierende Italienerinnen, die in diesen Räumen noch vor fünfzig Jahren lautstark Pasta fabriziert hatten, amüsierte sie – und ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen.

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