Kitabı oku: «Mimis allerbester Freund»

Yazı tipi:

Viveca Lärn
Mimis allerbester Freund

Deutsch von Angelika Kutsch

Zeichnungen von Eva Eriksson

Saga

Montag, 27. Dezember

Sobald ich aufgewacht war, dachte ich:

Ich bin so froh. Ich bin so besonders froh. Warum bin ich heute nur so froh?

Weihnachten war ja schon seit tausend Jahren vorbei. Ich hatte auch noch keinen Zahn wieder verloren. Ich hatte ganz bestimmt keine kleine Schwester, keinen Hund oder Bruder und auch keine Locken gekriegt.

Ich schüttelte ein bißchen den Kopf, wie ich da so im Bett lag, um ordentlich wach zu werden und herauszubekommen, warum ich bis in den Bauch froh war. Und als ich den Kopf nach rechts schüttelte (guten Tag, guten Tag), da wußte ich plötzlich, warum ich so froh war.

Auf dem Fußboden neben meinem Bett lag eine blaue Matratze mit weißen Kommas drauf. Und auf der Matratze lag sehr unordentlich eine alte Decke mit grünen Kamelen.

Ratet mal, was über den Kamelen herausguckte? Richtig – ein nettes kleines Ohr, das gerade richtig vom Kopf abstand!

Und um das Ohr herum? Richtig – massenhaft dünnes nettes helles und struppiges Haar! Das Haar war natürlich an Lasse dran, und genau aus dem Grund war ich so besonders froh.

Nicht weil Haar und Ohr immer noch an Lasse dran waren, sondern weil Lasse selbst dort lag und schlief.

Lasse aus Norrland würde eine Woche bei mir in Göteborg wohnen.

Und Lasse ist jedenfalls mein allerbester Freund.

Wenigstens von den Jungen.

27. Dezember
aber etwas später

Es war fast unmöglich, Lasse wachzukriegen. Schließlich versuchte ich es damit, daß ich Sachen nach ihm schmiß. Ich fing ein bißchen vorsichtig mit vier rosa Büroklammern an, aber er rührte sich nicht. Da warf ich etwas härteres Zeugs: einen Mokassin, ein Radiergummi mit Geruch (mein bestes) und schließlich meine Pelzmöwe, die Alfons heißt. Ich weiß genau, was es für Sachen waren, denn nach dem Frühstück mußte ich sie alle selber aufheben. Gäste brauchen nämlich nicht aufzuräumen, sagt Mama.

Aber Lasse wurde erst wach, als seine Mama, die aussieht wie eine Tanne, ins Zimmer geschwirrt kam, ohne anzuklopfen.

»Oh, Lasse, mein kleiner Liebling, wie geht’s dir? Du hast doch hoffentlich nicht gefroren? Es ist ja so windig hier in Göteborg«, jammerte sie und kniff ihn in die Backen.

Da endlich machte Lasse die Augen auf.

Und kaum hatte er das getan, warf er beides von sich, die Kameldecke und seine Mama und stürzte zum Fenster. Rauf mit dem Rollo und das mit einem mächtigen Krach, von dem mein Papa sagt, daß er verboten ist, denn dann landet eine wichtige Schraube im Blumentopf. Aber das war Lasse doch egal. Er riß das Fenster auf, daß mindestens ein Zwerg und drei Oblaten wegflatterten, und dann starrte er auf die Straße und schrie:

»Beeil dich, Mimi! Wir müssen runter und Autonummern sammeln.«

Ich hatte mir natürlich vorgestellt, daß wir uns erst mal verschiedene Sachen in meinen Schreibtischschubladen angucken würden, aber so sind eben die Norrländer.

Viel später

Vierundsechzig Autokennzeichen in einer Viertelstunde! Lasse war wirklich beeindruckt.

»Wenn es zu Hause in Norrland so zuginge, würde ich es nie rechtzeitig in die Schule schaffen«, sagte er. »Dann würde ich mitten auf der Straße auf einem Stuhl sitzen und immer nur Nummern aufschreiben. Und wenn ich groß bin, würde ich alle Autonummern in einen Computer eingeben.«

Ich war sehr stolz, daß Lasse meine Stadt so sehr mochte, mein Göteborg. Aber seine Mama stellte die Kaffeetasse so hart auf den Unterteller, daß der Kaffee überschwappte.

»Bist du ohne mich auf die Straße gegangen?« schrie sie. »Lasse, das darfst du auf keinen Fall tun!«

Ich guckte auf mein Butterbrot und pulte ein bißchen an den Wurstscheiben herum, damit Lasse sich nicht so blöd fühlte. Aber das tat er nicht.

»Papperlapapp!« rief er nur.

Lasse ist so witzig.

»Hätten wir diese Reise nach Göteborg bloß nicht gemacht«, nörgelte seine Mama weiter. »Großstädte bringen nur Unglück.«

»Guck lieber, was du mit deinem Kaffee angestellt hast«, sagte Lasse mutig.

»Warum soll ich meinen Kaffee nicht aus der Untertasse trinken, wie man das in Norrland macht?« zischte seine Mama und kippte sich den Kaffee direkt von der Untertasse in den Mund. Das sah ungeheuer lustig aus, jedenfalls fanden das meine Mama, mein Papa und ich samt dem großen getupften Hund Plutten von meiner Tante. Und wenn Plutten etwas lustig findet – dann merkt man das wirklich. Er zuckte mit den Ohren, kläffte und landete mit einem kleinen Tigersprung auf dem Küchentisch und versuchte, sich in den Brotkorb zu legen. Er hat keine Ahnung, wie groß er in Wirklichkeit ist.

»Geht es immer so lustig zu bei euch in Göteborg?« fragte Lasse.

Ich war so stolz, daß ich das ganze Wurstbrot auf einmal in den Mund stopfen mußte. Plutten sah mich böse an. Er mag Leute, die keine Tischmanieren haben, nicht.

»Jaha«, sagte mein Papa plötzlich. »Jetzt wollen Mimi und ich euch unsere hübsche Stadt zeigen. Ich mag zwar Denkmäler und frische Luft am liebsten, aber heute werden wir wohl auch in einige Museen gehen müssen. Wir fangen mit dem Götaplatz an, wo die berühmte Prachtstraße Avenyn beginnt ...«

»Das hast du dir vielleicht so gedacht, aber Lasse und ich haben was ganz anderes vor«, sagte ich. »Wir wollen Autonummern sammeln.«

»Genau«, sagte Lasse, »und Kennzeichen von Motorrädern.«

»Und Lasse soll nicht auf die Straße laufen, denn mein Lasse und ich fahren zu Ikea und kaufen Gardinen.«

Papa stöhnte.

»Ihr seid doch nicht Hunderte von Kilometern aus dem Urwald zur Perle der Westküste gereist, nur um euch alte Gardinen anzugucken!« brüllte er.

»Nein, neue Gardinen, Dummchen«, sagte Lasses Mama und goß noch ein bißchen Kaffee in die Untertasse.

»Wenn das so ist, nehm ich den Bus und fahr raus in meinen Schrebergarten und schipp Schnee«, sagte Papa seufzend.

Mamas Gesicht tauchte über der Morgenzeitung auf.

»Ausgezeichnet«, sagte sie »jeder macht, was er will. Und ich, ich werde Schlittschuh laufen auf dem Kungsplatz.«

»Ooooh«, riefen alle. »Darf ich mit?«

Mama legte erstaunt die Zeitung weg. Plutten schlug sofort seine Zähne hinein und fraß die ganze Seite mit den Kinoanzeigen auf.

»Was für ein Glück, daß niemand ins Kino will«, brummte Papa und verließ die Küche.

»Ich bin schon seit dreißig Jahren nicht mehr Schlittschuh gelaufen«, sagte Lasses Mama, als wir uns die Schlittschuhe auf dem Kungsplatz anzogen. Lasse und seine Mama hatten gemietete Schlittschuhe mit Nummern dran.

»Eigentlich wäre ich ja lieber zu Ikea gefahren«, jammerte sie weiter. »Aber ich will nicht, daß der Junge allein aufs Eis geht. Dann fahren ihn bestimmt irgendwelche Raudis über.«

»Was willst du denn machen, wenn dein Goldjunge in zehn Jahren zum Militär muß?« fragte Mama und kicherte boshaft. »Willst du ihn dann auch begleiten?«

»Ich werd wohl mit dem General reden und ihn fragen, wie er sich das denkt«, antwortete Lasses Mama ruhig. »Backpflaumen sind zum Beispiel nicht gut für Lasses Magen, und im Luftzug schlafen darf er schon gar nicht.«

Ich hatte Angst, Lasse könnte besser Schlittschuh laufen als ich, und das tat er leider auch, aber ich hab eine gute Singstimme, und darüber bin ich froh. Das sagte ich ihm auch sofort, als ich hinfiel. Aber er lachte nur.

»Sing doch«, sagte er.

Meine Eltern können sehr gut Schlittschuh laufen. Das ist ihr Glück, denn sonst hätten sie nicht mitkommen dürfen. Meine Mama sah ziemlich normal aus, wie sie da immer rundherum zum Takt der Musik fuhr. Sie hatte keine Tigerhosen oder so was an.

Aber Lasses Mama konnte überhaupt nicht Schlittschuh laufen. Ein Haufen Göteborger stand herum und amüsierte sich, wie sie durch die Gegend stakste. Niemand ahnte, daß sie aus Island ist. Na ja, daher kommt sie ja auch nicht direkt, aber jedenfalls aus einem Winterland. Lasses Mama trug einen Hut und eine Handtasche, während sie hinter Lasse herstolperte, um mit ihm Schritt zu halten. Aber um so was kümmert er sich nicht. Das kommt daher, weil er aus Norrland ist.

Schließlich hatten alle müde Füße – außer Lasse. Der sagte, er könnte noch tausend Runden drehen, ohne Luft zu holen.

Aber ich hab gesehen, daß er sich dreimal heimlich ausgeruht hat. Obwohl er behauptete, es wäre kein Ausruhen gewesen. Er mußte nur seine Ameisen zählen. Er hat nämlich acht tote Ameisen in einer Schachtel in seiner Hosentasche. Die braucht er, falls er Heimweh kriegt.

Als wir genug Schlittschuh gelaufen waren, wackelten wir in die Markthalle. Ich hatte ein Gefühl, als ob ich immer noch Schlittschuhe an den Füßen hätte.

»Ich hab ein Gefühl, als hätte ich immer noch Schlittschuhe an den Füßen«, sagte Lasses Mama.

»So was Blödes«, sagte Lasse.

»Total blöd«, sagte ich.

In der Markthalle sind die altmodischsten Geschäfte, die es gibt. Da wissen sie nicht mal, daß es Wagen gibt, mit denen man rumfahren und in die man Sachen legen kann. In der Markthalle gibt es viele kleine Geschäfte. Da muß man elf Stunden anstehen und warten, und wenn man endlich dran ist, muß man Laut sagen, was man will. Das ist sehr peinlich. Meine Mama liebt die Markthalle. Und wenn sie an der Reihe ist, dann sagt sie wirklich Sehr laut, was sie haben will. Ungefähr so: »Ein kilo rosenkohl!!!«

Ja, da steht man dann und schämt sich.

Meistens weigere ich mich, samstags mit in die Markthalle zu gehen. Man sieht ja sowieso nichts, weil die Tresen so hoch sind. Und außerdem riecht es nach Wurst und Käse und Zigarren und Brot.

»Was für ein lustiger Laden«, schrie Lasse, als er reinkam. Und dann warf er den Kopf zurück und starrte hinauf zum Glasdach.

»Was für ein herrliches Haus«, grölte er.

»Ja, es ist ganz gut«, sagte ich. »Ich geh jeden Samstag mit meiner Mama hierher.«

Aber Lasses Mama war nicht zu sehen. Wir suchten sie überall. Papa kaufte russisches Schwarzbrot, und schließlich fanden wir sie vor einem Stand, wo echte Sachen aus Norrland verkauft wurden. Da stand sie und blubberte vor Freude.

»Oh, Rentierfleisch«, sagte sie. »Oh, Ziegenkäse. Oh, Fladenbrot. Woij, woij.«

Papa wollte eigentlich Makrelen zum Mittagessen kaufen. Aber nun entschied er sich für Rentierfleisch.

Lasses Mama war überglücklich. Sie blieb am Tisch sitzen und knabberte Fladenbrot, und da konnten Lasse und ich nach draußen entwischen und Autonummern zählen, ohne daß sie ein Wort von Autos, Rabauken und Banditen sagte.

Lasse kriegte zweihundertneunzehn Autonummern zusammen und ich dreihundertvier, aber wir haben uns keinmal gezankt. Zwei soll Lasse heute abend übrigens von mir bekommen, denn schließlich ist er mein allerbester Freund.

Dienstag, 28. Dezember

Heute haben wir in aller Ruhe und friedlich gefrühstückt. Niemand hat gekleckert. Niemand hat geschrien. Sogar Plutten lag ganz still und anständig da und studierte seine Vorderpfote. Da sagte Lasses Mama:

»Ihr könnt sagen, was ihr wollt, aber heut geh ich zu Ikea und kauf Gardinen. Wer kommt mit?«

Am Frühstückstisch wurde es ganz still. Plötzlich stand Papa auf, guckte auf die Uhr und sagte:

»Ich hab gehört, daß der neue Samenkatalog da ist. Ich muß los und ein paar Samen kaufen. Man hat so viel zu tun, wenn man Besitzer eines Schrebergartens ist. Ich wollte mit frühem Gemüse anfangen wie Gurke und Cocktailtomaten, tja, obwohl ich die ja vorher ziehen muß. Wenn ich es schaffe, will ich das heute erledigen. Und dann brauch ich unbedingt einen selbstfeuchtenden Pflanzkasten. Es ist höchste Zeit, daß ich damit anfange ...«

Mama guckte zur Decke.

»Himmel«, rief sie, »da sind ja Spinnweben an der Decke. Ich muß heute wirklich mal weihnachtlich saubermachen. Die Leute müssen ja denken, wir sind kurzsichtig, wenn sie uns besuchen kommen.«

»Weihnachten ist doch schon vier Tage vorbei«, sagte ich. »Du brauchst doch jetzt nicht mehr sauberzumachen!«

»Wer redet denn vom vergangenen Weihnachtsfest«, sagte Mama schnell. »Ich meine doch das nächste Weihnachten. Es hilft nichts, ich muß heut zu Hause bleiben und saubermachen.«

»Und Mimi und ich sammeln Autonummern«, sagte Lasse so schnell, daß mir ganz heiß wurde.

(In Wirklichkeit hat er gesagt »Und ich und Mimi sammeln Autonummern.« Aber so redet man eben in Norrland.)

Lasses Mama schlürfte in aller Seelenruhe ihren Kaffee von der Untertasse. Es klang gräßlich. Ich hatte Lust, abzuhauen und meinen Walkman zu holen. Dann sagte sie: »Ihr könnt ruhig aufhören, euch was auszudenken. Ich fahre viel lieber allein zu Ikea. Schließlich hab ich einen Mund zum Fragen.«

Papa sank erleichtert auf seinem Stuhl zusammen und fing wieder an zu essen, und Mama gab dem Staubsauger einen Tritt, daß er wieder in der Rumpelkammer verschwand.

»Nimm dir ruhig einen ganzen Tag Zeit für Ikea«, sagte Mama munter. »Um Lasse kümmern wir uns. Ehrlich gesagt, hab ich die Möbelgeschäfte am liebsten, wo es nur vier Stühle und fünf Lampen und drei Gardinen gibt. Ich hab noch nie in solchen großen Möbelhäusern gekauft, wo die Bücherregale Märta Jansson und die Sofas Sixten Diplomat heißen.«

»Nein, das seh ich«, sagte Lasses Mama und warf einen düsteren Blick auf unsere Küchenbank, die Papa auf dem Flohmarkt bei der Post für neunzehnfünfzig gekauft hatte. Sie hat ziemlich viele Holzwurmlöcher, aber Papa sagt, das ist Kultur. Ich sitz nie drauf. Man will ja schließlich nicht in den Po gebissen werden.

Schade, daß Roberta Karlsson in Spanien ist, denn sonst könnte Lasses Mama zu ihr gehen und sich ein bißchen umgucken. Die sind sehr reich, und man kann sich in all ihren Möbeln spiegeln, und ihre Stühle sind echt Rokoko, sagt Roberta. Die haben bestimmt alles bei Ikea gekauft.

»Du steigst in die rote Straßenbahn nach Valand. Dann nimmst du den Bus, auf dem Kållered steht«, sagte Papa.

»Ach, laß nur!« sagte Lasses Mama und setzte sich den Hut auf und zog ihren Mantel an. Dann verabschiedete sie sich zärtlich von Lasse. Sie küßte ihn mindestens siebenmal auf die Backen und umarmte ihn viermal. Dann rannte Lasse zum Klo und spuckte aus und spülte. Aber ich ärgere ihn nie damit.

Wir stellten uns unter die Uhr vor dem Uhren- und Schmuckgeschäft und holten unsere schwarzen Autonummernhefte aus der Jackentasche. Ich gähnte ein bißchen. Aber Lasse war sehr eifrig.

»Der silberne Volvo ist meiner!« schrie er.

»Klar«, sagte ich, »es macht nichts, obwohl ich ihn tatsächlich zuerst gesehen hab.«

»Du kannst den Laster haben, der da kommt«, sagte Lasse. »Lastwagen hast du doch so gern. KLO 486. Das ist schön! Beeil dich und schreib es auf.«

»Hm«, machte ich und schrieb. Aber es ging furchtbar schwer, als ob meine Hand nicht richtig wollte.

»Der nächste gehört mir!« schrie Lasse. »So ein Glück: ein Jagga. Das ist unser erster Jagga.« Dabei meinte er einen Jaguar.

Jagga. Was für ein blödes Wort, dachte ich. Wenn ich mal ein Auto habe, soll es Arne oder Greta heißen.

»Das macht Spaß!« sagte Lasse zufrieden. »Und wir haben noch vier Tage. Hoffentlich reichen die Hefte.«

»Müssen wir denn dauernd Autonummern sammeln?« knurrte ich.

Lasse starrte mich an. Seine Augen waren wie Rosinen. Nicht so verschrumpelt, aber genauso dunkel.

»Was sollen wir denn sonst tun?« fragte er schließlich.

»Tja, wir könnten uns zum Beispiel angucken, was ich in meinen Schreibtischschubladen hab«, schlug ich vor. »Oder in den Wald zu einem See gehen, den ich kenne. Oder Mama fragen, ob wir ins Kino dürfen.«

Lasse guckte mich immer noch genauso erstaunt und blöd an. »Das kannst du ja machen, wenn ich nach Hause gefahren bin«, sagte er. »Jetzt sammeln wir Autonummern. Vor Silvester muß ich tausend haben. Mal sehen, ob ich den Rekord nächstes Jahr breche. Was meinst du, ob ich in den nächsten Weihnachtsferien auch herkommen kann?«

»Ich weiß nicht«, sagte ich seufzend. Ich fühlte mich ganz erschöpft. In dem Augenblick kam ein großer Tanklaster vorbei. »Beeil dich, Mimi«, sagte Lasse eifrig. »Das ist deiner. Du hast doch Laster so gern.«

»Wollen wir uns nicht eine Weile Ringe, Juwelen, Ohrringe und Diamanten angucken?« fragte ich Lasse. »Ich tu das jedenfalls. Du kannst meine Autos haben.«

Lasses Gesicht leuchtete, und er lächelte. Kein Mensch auf der ganzen Welt ist so hübsch wie Lasse, wenn er lächelt. Seine Zähne sind so weiß wie Schnee. Ja, ihr habt wohl gedacht, daß ich das jetzt sage. Aber so blöd bin ich nicht. Der Schnee in Göteborg ist nämlich gelb, braun oder grau. Wer möchte denn solche Zähne haben? Nein, Lasses Zähne sind weiß wie Magermilch. Und wenn er lächelt, kriegt er so lustige Linien am Mund, und diese Linien sind das hübscheste, das ich mir vorstellen kann. Ich guckte also Lasse an, wie er lächelte, und hörte kaum, was er sagte. Aber er sagte also:

»Oh, Mimi, du bist so nett.«

So was vergißt man bestimmt nie. Meine Backen waren ganz heiß, als ich mir die Ringe und Ketten im Schaufenster anguckte. Ich kann ja nichts dafür, daß ich so was mag. Je mehr es glitzert, um so besser. Wenn ich nicht Schwimmlehrerin oder Hirnchirurg werde, wenn ich groß bin, dann werde ich Diamantendieb. Einer, der nur Könige und Prinzessinnen bestiehlt natürlich. Aber dann würde meine Freundin Roberta bestimmt böse werden. Sie ist nämlich mit dem König verwandt. Die Ringe in Goldbergs Uhren- und Schmuckgeschäft glitzerten und schimmerten. Alle Juweliere müßten Goldberg heißen, finde ich. Wenn ich Diamantdieb werde, nenn ich mich Diamantlinger. Aber wenn ich Schwimmlehrerin werde, dann heiß ich Fräulein Schmetterling. Schick, nicht?

Während ich so darüber nachdachte, kamen Kunden aus dem Geschäft. Ratet mal, wer! Das warf mich fast um. Meine eigene goldige Lehrerin und der Zweimetermann! Mit dem zieht sie dauernd durch die Gegend. Er ist auch Lehrer an unserer Schule. Er ist ziemlich groß, genau gesagt fast drei Meter.

Die scheinen ziemlich viel wegen der Schularbeiten zu besprechen haben, so oft, wie die sich getroffen haben. Meine goldige Lehrerin lächelte mich an. Der Zweimetermann nicht. Schnell steckte er ein kleines Juwelenpäckchen in seine Jackentasche. Wahrscheinlich hatte er es geklaut.

»Mach’s gut, Mimi«, sagte sie zu mir.

»Mach’s selber gut«, sagte ich und starrte den Zweimetermann an. Er ist entschieden zu groß. Und stark ist er auch, denn jetzt nahm er meine goldige Lehrerin am Arm und zog sie mit sich zu einem albernen Auto, das vor dem Tabakladen parkte. Meine Lehrerin hatte Lasse nicht mal gesehen. Ich rannte zu ihm und zeigte auf das Auto.

»Guck mal, Lasse, das ist meine Lehrerin.«

»Aha«, antwortete Lasse. »LBE 731, ganz beachtlich für einen fünfundachtziger, obwohl ich japanische Autos noch nie mochte.«

Als ich nach Hause kam, hatte ich eine Karte aus Spanien gekriegt, von Roberta. »Hallo, du alte Fluortablette«, stand auf der Karte.

Ich kapierte nicht, was das bedeuten sollte, aber es hatte wahrscheinlich damit zu tun, daß ihre Mama Zahnärztin war. Denn ich seh nun wirklich nicht aus wie eine Fluortablette. Die sind klein und rund und weiß und haben zwei Augen und einen fröhlichen Mund.

Hallo, Du alte Fluortablette. Wir in Spanien sind braun, als hätten wir acht Monate auf der Sonnenbank gelegen. Wir essen Hamburger und Pommes und trinken Coca-Cola. Am Tag bade ich im Swimmingpool, und nachts geh ich in die Disko. Ein Glück, daß Du nicht hier bist. Du kannst ja nicht schwimmen, und der Swimmingpool ist tief. Roberta

Es ist doch nett von Roberta, daß sie nicht will, daß ich ertrinke. Auf der anderen Seite der Karte war ein alter Mann in gestreiften Badehosen, der von einem Sprungbrett hüpfte. Roberta hatte ihm hier und da kleine Schnurrbärte angemalt.

»Komisch, daß Alma sich nicht an die Zeiten hält«, brummte Papa, als er den Tisch deckte. »Hast du ihr nicht gesagt, daß in diesem Haus um fünf Uhr Mittag gegessen wird?«

»Wie hätte ich es ihr sagen sollen«, sagte Mama, »wenn ich doch selbst nicht weiß, daß wir in diesem Haus um fünf Uhr Mittag essen? Wir essen doch immer dann Mittag, wenn es fertig ist.«

»Es ist jetztfertig!« brüllte Papa. »Ich hab genug von diesen Norrländern, die sich nicht an die Zeiten halten können. Bald nehmen sie auch noch meine Zahnbürste.«

Ich guckte Lasse besorgt an. Wenn er das nur nicht gehört hatte. Aber ich brauchte mir kein bißchen Sorgen zu machen, denn er schrieb die Autokennzeichen mit dem silbernen Stift nach, den er zu Weihnachten gekriegt hat. Auf der Straße schreibt er sie nämlich mit Bleistift hin, einem kleinen geheimnisvollen lindenblütengrünen Bleistift, den er oft hinters Ohr steckt (hinter seinen Ohren hätten viele Bleistifte Platz ...). Und wenn wir nach oben kommen, schreibt er sie ordentlich mit dem Silberstift nach. Das würde ich auch tun, wenn ich einen Silberstift hätte oder jemanden wüßte, der mir einen leiht.

»Ich hätte das mit Dänemark nie sagen sollen«, sagte meine Mama.

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05 mayıs 2025
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