Kitabı oku: «Veza Canetti zwischen Leben und Werk», sayfa 10
C3. Die Asriels und die Mahler-Kreise
In den Briefen Fredl Waldingers, des bekennenden Buddhisten aus dem Kreis der Felonen, die sich im Nachlass Elias Canettis erhalten haben, ist nie direkt die Rede von Veza Canetti. Das Thema scheint irgendwie tabu zu sein. Eine Ausnahme bildet Fredl Waldingers Bemerkung, dass er von Veza her noch wisse, dass er, Elias Canetti, nur ungern Privatbriefe schreibe. Eine möglicherweise indirekte Kritik an der Tatsache, dass Veza Canetti in den Publizierten Lebenserinnerungen wenig Raum einnimmt, ist aus folgender Passage aus einem Brief von 1984 aber herauszuhören: „Ich habe verstanden, warum Du in Deinen geschriebenen Erinnerungen nichts über Fritz Jerusalem geschrieben hast und auch keinen Versuch gemacht hast die Geschichte der Familie Asriel zu beginnen, aber es wundert mich, dass Du die Schwester von Alice, Tony Wely (früher natürlich Levy) die Du gewiss in ihrem Hause trafst und auch anderswo, in Coffeehäusern z. B. wo wir uns nach Chorproben und Concerten trafen und über Musik u. a. disputierten, nicht erwähnst. Sie verdient es erinnert zu werden. Sie war trotz ihrem Klumpfuss eine interessante, irgendwie an Veza erinnernde Schönheit, ein spanisches Gesicht mit einer etwas grossen jüdischen Habsburgernase. Soweit ich wusste, hat sie bevor ein Unfall ihr den Klumpfuss einbrachte, schon am Burgtheater gespielt und wurde, vielleicht durch ihn, in einem primitiven aber echten starken Sinn christlich fromm. Sie hat uns, Alice, Hans und mich, in den philharmonischen Chor Bruno Walters eingeschrieben; sie selbst war dort, weil sie gut singen konnte im Madrigalchor. Ich weiss nicht ob Du auch dabei warst bin aber sicher, dass Du an den Gesprächen über Musik und dortige Erfahrungen Anteil genommen hast. Ich bin dieser Tony Wely noch jetzt dankbar, weil sie in der Hitlerzeit meinen zwei älteren Schwägerinnen in Manchester Arbeit verschafft hat. Sie lebte dort mit einer anderen Schwester von Alice, Sarina Calderon. Wir sangen jedes Jahr in der Matthäuspassion und immer in Mahlersymphonien, Walter war ja sein naher Freund.“273
Tony Wely/Levy oder Wally Levy/Loew scheint auffallend vieles mit Veza Canetti gemeinsam zu haben: Sie ist trotz Behinderung eine Schönheit, sie bewegt sich beruflich und privat im musischen Bereich – Schauspielerei und Musik – und sie diskutiert gerne darüber in Kaffeehäusern. Zudem ist sie wie Veza Taubner direkt sozial engagiert. Tony Wely/Wally Levy erinnert entfernt an Mary K. in Heimito von Doderers Strudlhofstiege, was durchaus in Betracht kommt, weil Heimito von Doderer zum Bekanntenkreis der Canettis gehört, wie ein Eintrag Elias Canettis in den Aufzeichnungen von 1957 sichtbar macht: „Doderer war bei mir zu Besuch und wollte Näheres über die Gedankengänge von ‚Masse und Macht‘ hören.“274
Spannend ist auch die Erwähnung Fredl Waldingers, dass die Tony Wely im Exil in Manchester mit ihrer Schwester Sarina Calderon, der Ehefrau von Veza Canettis Onkel Jaques, zusammengelebt haben soll. Aus der Quelle Theodor Waldinger ist zudem bekannt, dass Sarina Calderon, die „reiche Schwester“, noch vor dem Zweiten Weltkrieg ihre arme Schwester Alice Asriel und Familie in Paris unterstützt haben muss.275
Mit Fredl Waldingers Erwähnung der Bekanntschaft Tony Levys mit Bruno Walter276, dem Assistenten Gustav Mahlers und Nachfolger als Kapellmeister an der Wiener Hofoper, und dessen Engagement für das Werk von Gustav Mahler über dessen Tod hinaus wird ein weiterer Kreis von Menschen an das Haus Asriel herangerückt, nämlich die Kreise um Alma Mahler, die Witwe von Gustav Mahler. Bis anhin ging man in der literaturwissenschaftlichen Forschung davon aus, dass sich die Mahler-Kreise für die Canettis erst mit deren Freundschaft zu Anna Mahler anfangs der 30er Jahre erschlossen hatten. Mit dem sehr frühen Kontakt zu den Mahler-Kreisen im Zusammenhang mit den Asriels lassen sich verschiedene Lücken in der Biografie Veza Canettis, aber auch der von Elias Canetti provisorisch schliessen. Fredl Waldingers Einschätzung bringt diesen Sachverhalt auf den Punkt, wenn er schreibt: Ich weiss nicht ob Du auch dabei warst (im Bruno-Walter-Chor, Anm. va) bin aber sicher, dass Du an den Gesprächen über Musik und dortige Erfahrungen Anteil genommen hast.
Dieser Eindruck wird auch verstärkt durch die von Sven Hanuschek entdeckte frühe Bekanntschaft – eine Art Schüler-Lehrer-Verhältnis – zwischen Elias Canetti und Franz Werfel, der ab 1918 mit Alma Mahler liiert war: „Und er muss sehr früh schon Franz Werfel kennengelernt haben, lange vor der Verbindung mit seiner Stieftochter Anna Mahler; Canetti scheint von Anfang an mit ihm im Dissens gelebt haben. In den frühen Entwürfen findet sich eine ästhetische Debatte mit Werfel, der ihm ‚Dialog-Übungen‘ empfohlen hatte: ‚Dialogübungen, mein Freund! Deine Sprache ist ein immerwährender Monolog! Monologe sind so langweilig wie Predigten, weil sie sich faktisch doch immer an den zweiten richten, der hört oder liest.‘ Und Werfel muss ihm die Devise vorgeschlagen haben: ‚Lächeln – Ahnen – Schreiben!‘ Canettis Gegenvorschlag lautet: ‚Grüssen – Spucken – Glotzen, das sind wir, nicht obiges, verdammter überschwänglicher Priesterschmock Werfel.‘“277 Dieser Disput muss deutlich vor dem Jahr 1928 stattgefunden haben.
Möglicherweise ist diese Bekanntschaft aber auch über die Übersetzertätigkeit Veza Taubners bei Dr. Richard Hoffmann, der in erster Linie für den Zsolnay-Verlag tätig war, zustande gekommen. Als erstes Buch des neu gegründeten Paul-Zsolnay-Verlags war Franz Werfels Künstlerroman Verdi ein Grosserfolg. Die 60‘000 verkauften Exemplare verhalfen dem Verlag zu einem ausgezeichneten Start in die Verlagstätigkeit. Verdi ist der erste Roman Franz Werfels, der zuvor als Lektor gearbeitet hatte und mit Gedichten hervorgetreten war; befreundet mit Ernst Polak, dem ehemaligen Mitschüler aus Prag, war er viel in Wiens Kaffeehäusern unterwegs. Das erst posthum veröffentlichte Theaterstück Veza Canettis Der Tiger ist mit dem Untertitel Ein Lustspiel im Alten Wien dezidiert in der alten Donaumonarchie angesiedelt. Die verarmte Pianistin Andrea Sandoval und ihre Tochter Diana, eine Bildhauerin, stehen im Zentrum des Geschehens; als Salon im alten Stil präsentiert sich die Wohnung der Pasta, einer Opernsängerin, hier treffen sich Künstler und Künstlerinnen, Dichter, Musiker, ein Kafetier und Agenten. Musik spielt in diesem Salon eine grosse Rolle, als Diskursform unter anderen.278
Wie Veza Canetti im Spanischen Korpus mit den Erzählungen Pastora und Der Seher wird sich Franz Werfel während der Zeit des austrofaschistischen Ständestaates mit archaischeren Themen auseinandersetzen. Während die ehemalige Magd Pastora am feudalen System, das bis in die kleinste Liebesbeziehung eingreift, scheitert und ins Kloster geht, um da gegen Entgelt ihren Lebensabend ohne den Geliebten Don Anibal zu verbringen, versucht die Magd Teta Linek in Franz Werfels Roman Der veruntreute Himmel279 mit der entbehrungsreichen Unterstützung des Priesterstudiums des eigenen Neffen Mojmir, sich einen besonders schönen Platz im Himmel zu sichern. Als ihr bereits klar ist, dass der Neffe ihres hohen Einsatzes nicht wert ist und ihr Geld veruntreut hat, überrascht Teta Linek auf der Pilgerfahrt – mit der Gruppe Tätige Mitglieder des Vereins Katholischer Jungfrauen – ein junger Kaplan mit Namen Johannes Seydel mit sehr solidarischem Verhalten und roten Nelken für ihre Vase.280 Während die Nelken Teta Lineks Gesicht rot leuchten lassen, schmücken die Nelken Pastoras in Veza Canettis gleichnamiger Erzählung den Zopf auf ihrem Rücken, während Schulter und die „Linien des Halses“ ein weisses Kreuz bilden, wie der Geliebte Don Anibal lachend vermerkt. (DF170) Während Teta Linek gemeinsam mit Johannes Seydel quasi als Höhepunkt ihres Lebens die Madonna von Bellini betrachtet – „Sehen sie nur liebes Fräulein Linek, diese dort, das ist wirklich die Jungfrau, die unberührte und unberührbare. Solche Hände, so fein, so lang, so spitzfingerig, so durchsichtig, die hat heute keine Lady, keine Gräfin, keine Fürstin, deshalb können solche Hände auch nicht mehr gemalt werden.“281 –, bezeichnet der Geliebte Pastoras, Don Anibal, mit lachendem Blick auf Pastora Madonnen als das Schönste an der Kirche. (DF 156)
C4. Die Frauen der Felonen und die Psychologie
Während Alice Asriel als Übersetzerin arbeitete, wie Veza Taubner, sind die Frauen und Freundinnen der Felonen als Ärztinnen und Psychologinnen tätig. Über diese Frauengruppe ist sehr wenig bekannt und ihre Lebensläufe können nur indirekt über ihre Männer erschlossen werden. Es ist aber davon auszugehen, dass Veza Taubner auch in Kontakt mit diesen Ärztinnen und Psychologinnen gestanden haben muss. Nachweisen lässt sich allerdings nur ein Direktkontakt zu Fritz Jerusalems zweiter Ehefrau Ruth Domino, spätere Tassoni, eine Deutschlehrerin und Lektorin.282
Von Interesse wäre zum Beispiel die Frau von Theodor Waldinger (1903–1992), demjenigen der Waldinger-Brüder, der zum inneren Kern der Felonen gehörte und aktiver Kommunist gewesen sein muss. Bei seiner Flucht 1938 über Paris in die USA muss er in Paris sofort den Kontakt mit der dort ansässigen Alice Asriel gesucht haben, deren Tochter ihm eine Stelle bei einer Importfirma verschaffte.283 „Die Asriels waren Freunde von Veza Taubner, der Gattin Elias Canettis.“284 Theodor Waldinger war seit 1930 mit Dr. Clara Waldinger, geborene Kossmann (1905–1989), einer Kinderärztin, verheiratet. The Chicago Tribune widmet Dr. Clara Waldinger anlässlich ihres Todes von 1989 einen Nachruf, war sie doch in den USA in verschiedenen Spitälern in leitender Funktion tätig gewesen und lehrte an der Boston University.285
Etwas anders gelagert ist die Beziehung von Theodor Waldingers Bruder Fredl zu Alice Asriel. Er erinnert sich in einem Brief an Elias Canetti von 1980 nach der Publikation von Die Fackel im Ohr an seine Beziehung mit Alice Asriel, der Mutter des gleichaltrigen Hans Asriel: „Als wir uns bei Asriels kennen lernten hast Du wahrscheinlich nicht gewusst, dass Alice sich mir intim physisch gegeben hat und ein richtiges Verhältnis angestrebt hat. Wie das praktisch möglich war kannst Du Dir vorstellen wenn Du Dich an ihre Wohnung erinnerst. Ich schlief in dem grossen Vorzimmer, wenn ich dort übernachtete, in welches Alice wenn der Rest der Familie schlief nachts hinauskam. Es ist mir heute ein Rätsel wie die Kinder der Sache nicht gewahr wurden. Jedenfalls hat mich mein Schuldgefühl als Buddhist den Instinkten nachgegeben zu haben, dazu gebracht zwei Dinge zu unternehmen um mich frei zu machen. Ich beschleunigte meine Anstrengungen nach Palästina zu fahren und schrieb auch einen Brief nach Ceylon um Aufnahme in ein Kloster (Alice hatte die ernstliche Absicht Geld aufzutreiben um in Österreich eine Farm zu kaufen, wo ich mit ihrer Familie meiner Landneigung leben könnte). Aus all dem wurde nichts und ich konnte rechtzeitig nach Palästina fahren.“286
Was Fredl Waldinger hier nicht erwähnt287, ist, dass er nicht alleine nach Israel migriert ist, sondern mit seiner Frau, der Wiener Individualpsychologin und Ärztin Rosa Seidmann (1897–1970), sie hatten 1931 geheiratet. Rosa Seidmann gilt als Schülerin von Alfred Adler, sie wird im Band von Clara Kenner Der zerrissene Himmel: Emigration und Exil der Wiener Individualpsychologie mit einem kleinen Porträt vorgestellt.288 Dieses Porträt ist insofern von Bedeutung, da es einen Bogen schlägt zu einer weiteren Individualpsychologin adlerscher Prägung, nämlich Alice Rühle-Gerstel, zu deren Theorien das Werk Veza Canettis intertextuell nachweislich eine grosse Nähe aufweist.289 Der deutsche Individualpsychologe Paul Rom schreibt in diesem Porträt der Ärztin Rosa Seidmann, dass er bei seiner eigenen Migration 1933 nach England Der Weg zum Wir von Alice Rühle-Gerstel in Deutschland zurücklassen musste wie andere Bücher auch und dass er genau dieses Buch dann 1961 anlässlich seines Besuchs bei Rosa Seidmann in Jerusalem wiedergefunden habe.290 Die Verflechtung des Buches Der Weg zum Wir von Alice Rühle-Gerstel aus dem Jahr 1927 mit dem Werk von Veza Canetti kann exemplarisch anhand der Erzählung Pastora von Veza Canetti gezeigt werden, wie ein Auszug aus meiner Dissertation aus dem Jahre 2017 zeigt:
„Pastora hat viel Mut bewiesen, das ihr feindlich gesinnte System zu unterlaufen und ihre Liebe selbst bestimmt zu leben, ist damit aber tragisch gescheitert. Marxisten und Individualpsychologen wie Alice Rühle-Gerstel hätten Pastoras Frage ‚Habe ich denn recht und alle haben Unrecht?‘ mit Ja beantwortet. Die spätfeudalistische Gesellschaft in der Erzählung hatte Pastoras Frage, allerdings bereits bevor sie gestellt wurde, mit Nein beantwortet. Pastora bleibt damit als einziger offener Weg der Gang ins Kloster und der auch nur, weil sie da für den Aufenthalt zahlen kann. ‚Der Weg zum Wir‘ und damit in eine klassenlose Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt nebeneinander leben, bleibt für Pastora verschlossen. Weitsichtig wie Veza Canetti hat auch Alice Rühle-Gerstel im 1927 erschienenen Band ‚Der Weg zum Wir‘ geschrieben: ‚Die Möglichkeit zum Mut stösst bald an die Grenze der gesellschaftlich präformierten Möglichkeiten und kann nur im Zusammenhang mit diesen gefördert werden.‘ Diese Erkenntnis sei gemäss einer Aussage des Individualpsychologen Alfred Adler aber eine belastende Lebensaufgabe, schreibt Alice Rühle-Gerstel: ‚Voranzugehen beim Abbau des Strebens nach Macht und bei der Erziehung zur Gemeinschaft.‘ Kurz zusammengefasst gehe es dem sich gesellschaftlich verantwortlich fühlenden Menschen oder Psychologen – als derjenige, der es wagt, voranzugehen – um die Bereiche Heilen und Bilden. Heilen von den Neurosen, die durch die Ungleichheit entstanden seien, um daran anschliessend ein Bilden überhaupt möglich zu machen. Bei Pastora läuft dieser Vorgang in die genau umgekehrte Richtung. Krankheiten, die durch die gesellschaftliche Zurücksetzung entstanden sind und nicht adäquat auch psychologisch behandelt werden, werfen sie jedes Mal weiter zurück in eine totale Abhängigkeit von der Familie des Geliebten oder der Gesellschaft allgemein. Nach Alice Rühle-Gerstel wäre dieses zugleich gesellschaftlich Gebunden- und Freisein mittels der materialistischen Dialektik und der Kompensationstheorie (Teil der Individualpsychologie) aufhellbar. Marxismus und Individualpsychologie seien dadurch bestens geeignet, Menschen Mittel und Wege zu weisen, sich selbst zu befreien. Genau dieser ‚Handlanger zur Befreiung‘ fehlt Pastora, geblendet von ihrer Liebe zu Don Anibal deutet sie die Zeichen falsch. ‚Ins Zimmer gewendet stand Pastora und flocht mit weichen Fingern den Zopf, der über die roten Nelken auf dem Fensterbrett fiel, und es sah aus, als wüchsen sie aus ihren Haaren heraus. Das weisse Kleid liess die Schulter sehen und die Linie des Halses. Don Anibal lachte gut gelaunt und schwang grüssend den Handschuh hinauf, dann bog er rasch um die Ecke und versäumte den Anblick der Freude, deren Ursache er war.‘ Das von Pastoras nacktem Rücken gebildete weisse Kreuz, geschmückt mit den roten Nelken als Symbol für den Sozialismus, scheint seiner Trägerin in dessen Zwiespältigkeit wenig bewusst zu sein, wie ihr anschliessender Griff zur Rotweinflasche beweist, der den schönen Moment noch etwas verlängern soll. Die Ernüchterung folgt für Pastora postwendend mit der Ankündigung der bevorstehenden Migration der Herrschaften nach Amerika, dafür, dass Pastora nicht dabei sein wird, sorgt die Señora Consuelo Gonsalez y Soto geschickt vor. Der Mut, der Pastoras Verhalten ausgezeichnet hatte, hat sich in sein Gegenteil gekehrt, Demut wird von ihr beim Eintritt ins Kloster verlangt: ‚Demut ziemt uns‘, erklärt die Nonne. Alice Rühle-Gerstel im fiktiven Streitgespräch mit einem Marxisten: ‚Ihr sagt, wir wollten euch zur Demut erziehen. Nein, wir sind keine Christengläubigen. Wir wollen euch zum Mut erziehen.‘“291
Veza Canetti hat in ihrem Werk aber nicht nur die Grundideen des Bandes Der Weg zum Wir diskutiert, sondern die verschiedenen Frauenkategorien aus Alice Rühle-Gerstels 1932 erschienenen Hauptwerk Das Frauenproblem der Gegenwart. Eine psychologische Bilanz. 292 Der Fokus ihrer mit literarischen Mitteln getätigten Untersuchung der gesellschaftlichen Verhältnisse liegt auf Rühle-Gerstels Kernsatz: „Die Frauen sind recht eigentlich die Proletarier des Geschlechts.“293
Was spezifisch auffällt, ist, dass sich Veza Canetti auch mit Sinn und Unsinn der fürsorgerischen Unterbringung von Proletarierkindern auseinandergesetzt hat. Damit greift sie ein Thema auf, das die beiden Frauen der Brüder Waldinger – nämlich die ein Kinderheim führende Ärztin und Psychologin Rosa Seidmann und die Kinderärztin Clara Kossmann – beruflich sehr beschäftigt haben muss. Es ist zudem ein Thema, dessen sich Alice Rühle-Gerstels Ehemann Otto Rühle, der Pädagoge und spätere sozialistische Politiker sowie Kriegsgegner, bereits 1911 mit dem Band Das proletarische Kind angenommen hatte.
Otto Rühle fordert darin die Gesellschaft dazu auf, die Mädchen zu selbstständigem Handeln und freiem Denken zu erziehen und zu Charakteren, die zielbewusst dem Edlen zustreben.294 Was Veza Canetti mit kulturgeschichtlichem Bezug zu Schiller und Kant – die erhabenen Zeichen der Seele ins Gesicht gebrannt – in der Erzählung Der Zwinger sarkastisch persifliert. Das Heimkind Helli Wunderer wird vom Mob, den Komiteedamen, als sittlich Gefährdete buchstäblich zurück in den Zwinger, das Kinderheim, geprügelt. Otto Rühle hatte entsprechend zu solchen Vorgängen notiert: „Besonders in der Behandlung von Mädchen, die als sittlich Gefährdete oder Prostituierte in Fürsorgeerziehung kommen, feiert die Lieblosigkeit – vereint mit muckerisch-prüdem Pharisäismus – wahre Orgien. Man hält sie zwei bis sechs Jahre wie Gefangene fest, als ob sie mindestens einen Totschlag begangen hätten, und spickt die sonnenlose Öde ihres verfehlten Daseins täglich mit tausend ausgesuchten Bosheiten.“295 Die Erzählung Der Zwinger wurde in abgemilderter Form in den Roman Die gelbe Strasse eingearbeitet und ist posthum separat nicht mehr publiziert worden.296
Nicht nur das Denken vieler Intellektueller – seien das Psychologinnen, Medizinerinnen oder Dichterinnen – wurde von der Individualpsychologie Alfred Adlers geprägt, sondern es wurden auch breitere Bevölkerungskreise – dank der Volksbildungspolitik der Austromarxisten – mit den Ideen Alfred Adlers vertraut gemacht. „Alfred Adler leitete um 1926 einige Erziehungsberatungsstellen und hielt Kurse, Seminare und Vorträge vor Lehrern, Ärzten, Pädagogen und interessierten Laien. Es gab am Pädagogischen Institut der Stadt Wien vom Wintersemester 1923 bis zum Sommersemester 1926 wöchentlich Vorlesungen und wurde dort 1924 zum Professor ernannt. Ferner veranstaltete er Vortragszyklen, Seminare und Vorlesungen in der Wiener Volkshochschule Volksheim, in anderen Volkshochschulen, in der Urania, bei dem Arbeiterverein Kinderfreunde und in Arbeiterbildungsvereinen.“297 Als Klassiker der Individualpsychologie gelten die Werke, die Adler in den 20er Jahren veröffentlicht hat, zum Beispiel das Buch Menschenkenntnis, in dem er psychische Störungen exemplarisch auf das fehlende Gemeinschaftsgefühl zurückführt.298
Bezüglich Veza Canetti ist ein weiterer Schüler von Alfred Adler von Interesse, nämlich Manès Sperber (1905–1984). Sperber ist nicht nur Schüler Adlers, sondern auch dessen Sekretär. Seine Jugend und Adoleszenz verbringt dieser wie Veza Canetti in der Leopoldstadt. Entsprechend hat er die Hoffnung vieler Juden im Zusammenhang auf ein besser zu definierendes Gemeinschaftsgefühl hin neu festgelegt, wie Christina Bacher-Rieger in Sperbers messianische Hoffnung schreibt.
„Die Person des Messias trat in den Hintergrund zugunsten der Hoffnung auf ein bevorstehendes diesseitsbezogenes messianisches Zeitalter. Unter Nationalisten schlug sie sich in zionistischen Bewegungen nieder. An einem universalen Heilsverständnis hielten hingegen namhafte Philosophen jüdischer Herkunft von Hermann Cohen bis Walter Benjamin fest. Karl Marx’ politischer, säkularer Messianismus stellte für viele des jahrhundertelangen Wartens auf den Messias müde gewordenen Juden eine derart grosse Hoffnung dar, dass sie ihn sogar gleichsam als Essenz ihres herkömmlichen religiösen Glaubens, den sie in ihren neuen politisch-sozialen Lebensumständen verloren hatten, beibehielten. Wie sagt Sperber? (…) ‚Unser messianisches Gegenstück hiess revolutionäre Aktivität.‘“299
Manès Sperber war mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht Mitglied der Felonen, obwohl einige Eckdaten seines Lebens dafür sprechen würden. Zum Beispiel wurde er schon 1927 Mitglied der KPD, nachdem er im Auftrag Alfred Adlers nach Berlin gezogen war. 1932 entzweiten sich Adler und Sperber aufgrund des Engagements Sperbers in der Verbindung von Individualpsychologie und Marxismus. Interessanterweise wird aber von der Forschung die inhaltliche Nähe von Manès Sperbers Arbeiten und denen von Alice Rühle-Gerstel und Otto Rühle bereits für das Jahr 1927 hervorgehoben.300
Dies bestätigt Manès Sperber auch gleich selbst, wenn er in den autobiografischen Erinnerungen schreibt: „Anlässlich einer internationalen Tagung der Individualpsychologen fanden wir marxistischen Adlerianer uns zu längeren Diskussionen zusammen, um uns über die Grundsätze zu einigen, die wir in unserer psychologischen Tätigkeit und im Rahmen der Arbeiterparteien und sonstigen linken Organisationen vertreten wollten. Wurde zwar bei unseren Besprechungen der Einfluss des Austromarxisten Max Adler spürbar, an dessen Arbeitsgemeinschaften viele der begabtesten marxistischen Pädagogen und Führer der sozialistischen Jugendbewegung seit Jahren teilnahmen, so machte jedoch Alice Rühle-Gerstel auf uns alle den stärksten Eindruck.“301
Neue Forschungsansätze in der Literaturwissenschaft weisen nicht nur auf die Nähe von Veza Canetti zu Alice Rühle-Gerstel hin,302 sondern auch auf die von Elias Canettis Masse und Macht zu den Konzepten Manès Sperbers zur Selbstläufigkeit von Macht:
„Die optimistische Geschichte des Fortschritts in der Zeit wird also durch eine andere eher tragische Erzählung durchbrochen, die ein wenig an die narrative Figur der Wiederkehr des Gleichen erinnert. In ihrem Zentrum befindet sich die Geschichte der Macht und jener Menschen, die sie ausüben, weil sie vom Phantasma der absoluten Verfügbarkeit durchdrungen sind; es ist die ‚Herrschsucht‘, die Sperber andernorts als eine Kompensation der eigenen Schwäche und Unsicherheit begreift. Die Macht hat eine Eigenlogik: dass sie nach immer mehr Macht strebt. Sperbers kluge Einsichten in die Selbstläufigkeit der Macht, die der Machthaber spiralförmig vermehren muss, um sie zu erhalten, und die mit dem totalen Misstrauen gegen alle Menschen einhergeht, die als potentielle Rivalen gesehen werden mit den Befunden, die Canetti, ein Raum- und Zeitgenosse Sperbers (und in den 1920 Jahren sicherlich ein wenn auch nicht klar deklarierter Anhänger der Linken) in seinem Makro-Essay Masse und Macht vorgelegt hat.“303
Unter Berücksichtigung dessen, dass die Zusammenarbeit von Veza und Elias Canetti bei Masse und Macht dringend neu definiert werden müsste, ist davon auszugehen, dass die marxistisch geprägte Individualpsychologie auch für dieses Werk aus dem Hause Canetti/Taubner noch virulent war und die Nähe zu den Ideen Sperbers eklatant.
Manès Sperber hat aber bereits 1930 im Grossessay Kultur ist Mittel kein Zweck notiert, die Dichter hätten gesehen, dass „manche auf der Strecke bleiben“, „nicht gut mitkönnen“, und „sich gefragt warum“.304 Gute Dichter hätten dafür Gründe, die Abgründe seien, dafür gefunden. Es seien jedoch nicht die gleichen Abgründe, die schon Dostojewski gefunden habe, sondern eher diejenigen von Tolstoi und Gorki. Die Psychologie dieser Literatur sei „nicht Selbstzweck“, sei „nicht auf die Nuancen versessen“.305 „Sie ist eine Sozialpsychologie.“306
Manès Sperber gerät mit dieser von ihm geforderten deduktiven Gestaltung des Individuums aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang heraus – das heisst bei ihm, wenn der Held kein Held mehr ist, sondern ein Komparse im Hinblick auf seinen Hintergrund und seine Mitspieler – sehr nahe an die auch als Darstellungsprinzip zu lesende Aussage Veza Canettis, „Der Verräter an den Mägden ist ihr Blick. Die Wahrheit darin, ist verschüttet, das Ziel ist ausgepeitscht.“ (GSt 97), wie gerade jüngst nachgewiesen wurde. „Mit der Perspektive des Romans, einem gleichsam ‚Schreiben aus der gelben Strasse heraus‘, gelingt es Veza Canetti, genau diesen gesellschaftlichen Zusammenhang bezüglich des Individuums, der Anti-Heldin oder Komparsin – beispielsweise das Dienstmädchen –, differenziert zu beleuchten. Die Erzählerin lässt nicht nur verschiedene Bewohner das alltägliche Geschehen aus je anderer Perspektive – oft in direkter Rede307 – kommentieren; sondern sie lässt auch mittels verschiedener Reflektorfiguren politisches oder akademisches Wissen zur Erklärung des Geschehens kontrastierend einwirken.“308
So nahe sich Veza Taubner und Manès Sperber in ihren theoretischen Konzepten sind, so wenig ist darüber bekannt, ob sich die beiden Bewohner der Leopoldstadt gekannt haben. Überdies gibt es keinen Hinweis darauf, dass Manès Sperber auch im Hause Asriel verkehrt haben könnte, bestimmt hat er aber Fredl Waldingers Ehefrau Rosa Seidmann, die ebenfalls Schülerin von Alfred Adler gewesen war, gekannt.
Im Jahr 1930 rekapituliert Elias Canetti in seinen Notizblöcken eine Diskussion mit Veza Taubner, wo er ihr vorwirft, „sie könne sich ausschliesslich ihrer psychologischen Betätigung widmen usw.“, im Gegensatz zu ihm selber, wo „ein grosser Teil“ seiner Zeit auf sein „grosses Wissenschaftliches Werk“ gehe.309 Hier offenbart sich ganz direkt, was auch bezüglich den Erzählungen Veza Canettis gezeigt werden kann, ihre theoretische Auseinandersetzung mit Psychologie. Für den jungen Elias Canetti hingegen ist Psychologie nicht Wissenschaft, ein Fakt, der wahrscheinlich dem damaligen Volksempfinden entsprach.
