Kitabı oku: «Veza Canetti zwischen Leben und Werk», sayfa 9

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C2.1 Sport versus Selbstmord

Von den Felonen wird berichtet, dass ihre Interessen nicht nur auf Politik und Kultur fixiert waren, sondern sportliche Wettkämpfe und Bergwanderungen auf Ötscher und Rax sowie Badevergnügen an der Donau dazugehörten.246

Auch Veza Taubner muss sich oft auf der Raxalp erholt haben, immer dann, „wenn die Atmosphäre in der Wiener Wohnung so gespannt war“, dass Vezas Mutter um das seelische Gleichgewicht ihrer Tochter gefürchtet habe.247 Hier traf sie sich mit ihrer Freundin Lucile, wahrscheinlich das ehemalige Kindermädchen von Elias aus Die gerettete Zunge, wie ein kleiner Schibboleth in den Unpublizierten Lebenserinnerungen den Sachverhalt beweist. Lucile muss sich da von den Strapazen bei der Pflege ihres todkranken Ehemannes erholt haben, eines Philosophen, der sich mit den Segnungen des Todes auseinandergesetzt hatte. Noch mehr habe sich die Lucile aber mit Rainer Maria Rilke beschäftigt, der ihr Briefe geschrieben habe.248 Mit Lucile könnte die 1901 geborene Geigerin Lucie Wedekind-Simon gemeint sein, der Rainer Maria Rilke 1924 das Gedicht Musik gewidmet hat, das offenbart, wie man mit Musizieren die Toten erreichen kann. Lucie hatte jung die Schwester und Freundin verloren.

Folgender Satz aus einem Brief von Veza Taubner an Elias aus dem Jahre 1926/27 vom Knappenhof Raxalp muss ihn – auch 60 Jahre später aufs Neue – enorm beschäftigt haben, wie aus den Unpublizierten Lebenserinnerungen hervorgeht: „Nichts macht auf mich nur annähernd solchen Eindruck als die Millionen uralte Tote aus welchen die Rax besteht. Sie machen mich erstarren und ziehen mich mächtig an.“249 In immer neuen Anläufen versucht Elias Canetti dieser Periode im Leben Veza Taubners in irgendeiner Form sprachlich gerecht zu werden. Vieles in dieser Auseinandersetzung erinnert an Rainer Maria Rilkes Aussage zu den Ideen des Kosmikers Alfred Schuler in einem Brief von 1915 „(…) von einer intuitiven Einsicht ins kalte kaiserliche Rom her, eine Welterklärung zu geben unternahm, welche die Toten als die eigentlich Seienden, das Toten-Reich als ein einziges unerhörtes Dasein, unsere Lebensfrist aber als eine Art Ausnahme davon darstellte: dies alles gestützt durch eine unermessliche Belesenheit …“250 Lakonisch schreibt Elias Canetti, er hätte darauf bestanden, dass Veza sich von Lucile zurückziehe: „Ich müsse wissen, was ihr wichtiger sei: der Tod oder ich. Sie verstand meine Forderung und nahm sie mir nicht übel. Sie entschied sich für mich. Vielleicht hatte sie sich eine Befreiung von Lucile gewünscht. Sie verzichtete aber nicht auf den Knappenhof und fuhr manchmal noch hin, ohne ihre Freundin dorthin einzuladen, aber auch ohne mich. Rilke starb acht Monate später, im Dezember.“251

Gut bekannt sind den Lesern von Elias Canettis Lebenserinnerungen die Bergferien. Mit Veza Taubner hat er in den Ferien täglich Homers Odyssee gelesen, in den Wanderferien mit Hans Asriel im Karwendelgebirge spielte das Schweigen eine grosse Rolle. Dass da auch mit anderen Mitgliedern der Felonen gewandert worden ist, scheint plausibel, hat aber keinen Niederschlag in literarischen Zeugnissen gefunden.

Zum Schwimmvergnügen in der Donau hingegen gibt es in Elias Canettis Unpublizierten Lebenserinnerungen eine Stelle, wo klar wird, dass Schwimmen nicht nur eine harmlose Betätigung gewesen sein musste. „Schon vorher, er war noch in Wien, war es zweimal zum Bruch zwischen uns (mit Hans Asriel, Anm. va) gekommen, äusserlich immer von ihm provoziert. Das erstemal bei einem Ausflug in der Wachau, wo er wortlos immer weiter in die Strömung der Donau hinausging – er wusste, dass ich nicht schwimmen konnte – und mir auf diese Weise schweigend mit Selbstmord drohte.“252 Ob Veza Taubner an den Schwimmvergnügungen teilgenommen hat, ist nicht bekannt. Eine Stelle in der autobiografisch konnotierten Erzählung Drei Viertel thematisiert ganz sarkastisch, wie der Erfolg als Schwimmerin und der Erfolg bei Männern nicht zwingend zusammenhängen müssen, wenn es sich beim Mann um einen Künstler handelt. Die schöne Britta äussert sich gegenüber Bent, dem Maler, folgendermassen: „Ich bin schrecklich froh, dass ich als schönste Schwimmerin den Preis bekommen habe, ich würd mich sonst nicht mit Ihnen im Trikot ins Boot traun, Maler sind so kritisch. Sie müssen durch Ihre Modelle schrecklich verwöhnt sein, da kann man nicht genug glänzen.“ (DF 70) Als Modell zieht der Maler Bent jedoch eindeutig das weniger Perfekte vor. Beispielsweise stellt er eines seiner liebsten Modelle, Anna, das Mädchen ohne Gesicht, so dar, „als hinge sie mit einer Schnur am Hals von der Decke herunter.“ (DF 65) Eifrig erklärt der Maler der enttäuschten Anna, dass ihr Gesicht nur so aussehe, weil ihr Porträt die erste Sonne des Jahres nicht ertrage. Der dargestellte Selbstmord hingegen scheint im Gegensatz zum fehlenden Gesicht kein Thema zu sein.

Dass indessen nicht nur Hans Asriel mit Selbstmord drohte, sondern explizit auch Elias Canetti – ob als Spiel oder nicht –, enthüllt eine Passage in Eduard März’ Abrechnung mit diesem in der Wiener Zeitung von 1987, wo er ein Ereignis in einem weiteren linken Freundeskreis, dem von Hans Schwarz, beschreibt: „Schwarz, ein ‚ewiger Student‘ aus sehr wohlhabendem Haus, enorm belesen und kultiviert, aber ein wenig naiv, hatte Canetti in vielleicht etwas spöttischer Art gefragt, was er denn als Schriftsteller bisher geschrieben habe. Canetti spielte daraufhin eine ‚grosse Szene‘. Er erklärte, er schreibe, um gegen schwerste seelische Störungen anzukämpfen, und sei in ständiger Versuchung, Selbstmord zu begehen. Um die Dramatik dieser Störungen zu illustrieren, zog er aus der Hosentasche eine Schnur und behauptete, sie stets bei sich zu tragen, um sich bei Bedarf daran aufzuknüpfen. Schwarz war tiefbetroffen und beschwor Canetti, doch diese Schnur wegzuwerfen; er stelle ihm seinen Papierkorb zur Verfügung. In gespielter Empörung wandte sich Canetti an Fritz Jerusalem, warum denn dieser als Arzt ihm noch nicht die Lösung mit dem Papierkorb angeboten habe. Dieser ging auf den Scherz ein und meinte, das wäre ja nur eine Symptombehandlung, und Gelegenheiten, Selbstmord zu begehen, gäbe es ja auch sonst genug – worauf sich Canetti in gespielter Verzweiflung an Schwarz wandte und ihn um einen besseren Rat fragte. So ging es noch eine Weile weiter, und die ganze Gesellschaft konnte bereits das Lachen kaum mehr zurückhalten. (…) Die Szene endete übrigens in einem Eklat, als der Verhöhnte endlich doch das Theaterspiel Canettis durchschaute.“253

Einiges in Bezug auf Selbstmord muss aber bei Elias und Veza Canetti gleichwohl im Schwange gewesen sein, wie ein Textausschnitt aus den Unpublizierten Lebenserinnerungen zeigt: „Vorher, im ersten Grinzinger Jahr kam das Erscheinen der ‚Blendung‘, meine erste wirkliche ‚Öffentlichkeit‘ sozusagen und unmittelbar danach die schreckliche Enttäuschung über unsere materielle Lage, die eine verzweifelte war. Es kam zu Vezas ‚System‘: Sie fasste geheim den Plan, durch Selbstmord auf meine verzweifelte Lage aufmerksam zu machen. Während Wochen setzte sie Briefe auf an Leute wie Thomas Mann, aber auch an nahestehende Freunde und Bekannte, in denen sie erklärte, was sie vorhabe und darum bat, dass man mich schützen und für mich sorgen möge. Sie hatte einen kleinen blauen Koffer, in dem sie alle Entwürfe zu solchen Briefen beisammen hielt. Den Schlüssel dazu trug sie immer bei sich. Ein kleiner ovaler Stein lag unter den Papieren, er stand für sie, für das Türmchen, wie ich ihren Kopf nannte. An einem furchtbaren Tag kam das Ganze heraus, ich wurde misstrauisch und erbrach den Koffer und las das Ganze. Noch einige wenige Tage und sie hätte ihren Vorsatz ausgeführt. In ihrem kleinen Grinzinger Holzzimmer brach sie zusammen und gestand mir den ganzen Plan. In meinem tödlichen Entsetzen nahm ich sie in die Arme und wir weinten wie zwei Kinder.“254

Wenn man diese unpublizierte Passage von Elias Canetti in Beziehung setzt zu Eduard März’ Erinnerungen Der grosse Auftritt mit der Schnur, fällt auf, dass Selbstmord für Elias Canetti ein Spiel sein konnte, bei dem der Selbstmörder oder die Selbstmörderin als Spielfigur aufmerksam macht auf seine/ihre Situation, sie als Druckmittel für sein Umfeld verwendet. Dass hinter dieser Inszenierung des Selbstmorddarstellers weit mehr sein kann, beschreibt Veza Taubner in der 1933 veröffentlichten Erzählung Der Kanal. Einerseits wird das schlecht vermittelbare Dienstmädchen Emilie Jaksch von der Dienstbotenvermittlerin Hatvany direkt dazu aufgefordert, sich doch umzubringen; andererseits weiss die Emilie nicht recht, wie das gemeint sein könnte, muss indessen feststellen, dass es um nichts, das sie trägt, schade ist – die Jacke, die Tasche, alles alt. „‚Und was das Leben anlangt, das man wagt, so kann sich ein armes Mädchen es eben nicht leisten so weit zu denken‘“, so der Kommentar als Zitat aus dem Off. (GSt 114) Gezielt springt Emilie dann tatsächlich vor den Augen des Wachmannes ins Wasser. „Emilie stak im Wasser, hilflos, rettungslos, wehrlos, sie hielt die Hand nach oben und winkte, aber gleichzeitig war sie sich bewusst, dass kein Mensch sie sehen würde, dass kein Mensch sie jetzt beachtete, wo sie fast tot war, wenn man sie doch früher nicht beachtet hatte, da sie noch lebte.“ (GSt 114) Emilie wird durch den Wachmann gerettet und kommt wie andere Dienstmädchen, die einen Selbstmord verübt hatten, auch ins Dienstbotenheim. Der Wachmann stirbt an Verkühlung, der korrupten Hatvany wird die Dienstbotenvermittlung geschlossen, da sie Dienstmädchen in den Tod getrieben habe. Der Selbstmordversuch hat aber nicht nur negative Folgen, wie es wiederum ein Kommentar aus dem Off auf den Punkt bringt, dieses Mal nicht als Zitat: „Ja, so geht es zu. Wer das Leben wagt, bekommt Kost und Quartier, und wenn’s gut geht, auch noch einen Posten.“ (GSt 116)

Einen vollkommen anderen Verlauf nimmt das Sich-Umbringen beim Dichter in der erst posthum publizierten Erzählung Veza Canettis Die Flucht vor der Erde. Die Enttäuschung über die Partnerin, über die Solidarität unter Menschen und über die Gesellschaft als Ganzes bringt den Wissenschaftler und Erfinder dazu, sich unter dem Deckmantel der Erforschung des Weltraumes den Bau einer Rakete finanzieren zu lassen, mit der er sich sein geheimes Ziel erfüllen kann, „(…) jedem Wiederwerden auf ewig zu entrinnen.“ (DF 47) Der Bau dieser Maschine oder Rakete wird von der Erzählerin als „raffinierteste Form der Selbstvernichtung“ bezeichnet. Gleichzeitig kommentiert auch hier eine Stimme aus dem Off – gleichsam aus psychologisch ironisierender Perspektive: „Möchte mit Beendigung des fürchterlichen Meisterwerks auch sein Wahn zu Ende sein.“ (DF 47) Der sogenannt krankhafte Wahn, aus dem der Protagonist sich befreien möchte, ist die Empathie. Die Erzählerin kommentiert: „Dieser Unglückliche quälte sich nicht nur mit seinem eigenen Dasein ab, sein kranker Geist zwang ihn, sich in alle Daseinsformen vom kleinsten Meerestier bis zum Menschen hineinzuversetzen und alle Martern zu ertragen, die jedes einzelne Dasein zu gewärtigen hatte.“ (DF 45) Die Rakete als Mordinstrument wird gewählt, weil der Wissenschaftler – ohne Ziel frei ins Universum hinausgeschossen – die Möglichkeit erhält, nach seinem Tod nie mehr auf der Erde wiedergeboren zu werden. „Und so gewährte ihm auch der Gedanke an den Tod keinen Trost, weil er sich mit grausamer Logik erklärte, wie er nach seinem Tode immer wieder in einer Form auf Erden zu sein verdammt sein würde, obwohl das Dasein ihm verhasst war.“ (DF 45 f.) Ob der Wissenschaftler allenfalls Buddhist ist, ein Indiz dafür wäre seine Furcht vor der Wiedergeburt, erfährt der Leser nicht.

C2.2 Hans Asriel

Der einzige Felone, von dem bekannt ist, dass er Selbstmord verübte, ist der gemeinsame Freund von Veza und Elias Canetti, Hans Asriel. Ob dies im Zusammenhang steht mit einer der von Elias Canetti eingebrachten Erklärungsmöglichkeiten, wie nicht ausgelebte Homosexualität oder eine allfällige Schizophrenie, steht zur Diskussion. Erwägenswert wäre auch ein Zerbrechen an der Tatsache, dass die von ihm einst geliebte Veza Taubner nicht nur mit seinem Gegner aus dem Karwendelgebirge, Elias Canetti, verheiratet war, sondern dieser mit der Publikation des Romans Die Blendung im Jahre 1936 zudem einen ersten Erfolg als Schriftsteller verbuchen konnte. Leider äussert sich Elias Canetti nicht dazu, aus welch konkreten Gründen Alice Asriel mit all ihren erwachsenen Kindern nach Paris migriert war, wo Hans Asriel sich im Jahre 1936 mit einem Sturz aus der gemeinsamen Wohnung umbrachte. Durch die Lektüre von Theodor Waldingers Lebenserinnerungen Zwischen Ottakring und Chicago werden die Rahmenbedingungen der Migration der Familie Asriel nach Paris – die sonst im Dunkeln verblieben wäre – etwas deutlicher. Theo Waldinger, der 1938 über Paris in die USA ins Exil ging, suchte in Paris sofort den Kontakt zu Alice Asriel, mit der Veza Taubner befreundet war, er schreibt: „Frau Asriel hatte mit ihrem Gatten in Wien in einer sonderbaren Ehe gelebt, die, wie es bei den sephardischen Juden üblich war, durch Vermittlung zustande gekommen war und schliesslich mit einer Trennung enden sollte. Sie hatte drei Kinder, Hans, Renée, die Nuni genannt wurde, und den geistig zurückgebliebenen Walter. Nach ihrer Scheidung verliess sie Wien mit ihren Kindern, zog nach Frankreich und liess sich im Pariser Arbeitervorort Levallois-Perret nieder. Sie gab Sprachunterricht und wurde finanziell von einer reichen Schwester unterstützt, die in England lebte. Alice Asriel war eine unendlich hilfsbereite Frau, der ein schweres Schicksal beschieden war. Um der Tragik ihres Wiener Lebens zu entrinnen, war sie nach Paris gegangen.“255 Ob wirklich Alice Asriels Scheidung der Grund für die Migration nach Frankreich war oder ob allenfalls ein zu gefährliches kommunistisches Engagement in Wien von ihr oder ihrem Sohn Hans im austrofaschistischen Ständestaat den Ausschlag gegeben haben könnte, ist nicht geklärt.

Veza Canetti wird sich am 20. März 1934 bei Elias Canettis Bruder Georges erkundigen: „Aber warum schimpfen Sie immer so über mich, wir beide können uns doch schmecken? Zu Renée und zu Tante Bellina?“ (BaG 31)256

Elias Canetti schreibt 1978 in den Unpublizierten Lebenserinnerungen zusammenfassend zu Hans Asriel: „Ich will versuchen, ihn jetzt zu verstehen, ihm bin ich wirklich etwas schuldig geblieben, wohl gab ich mir anfangs und noch eine ganze Weile danach grosse Mühe mit ihm, aber ich habe nie begriffen, wovon er bedroht war. Er wollte, nach einer kurzen Periode der Überlegenheit durch seine Lokalkenntnis Wiens diese Stellung auch weiterhin beibehalten, aber ich gestand sie ihm nicht zu und das führte zu seinem Unglück.“257 Wie sehr auch dies nicht der Weisheit letzter Schluss gewesen sein kann, zeigen die vielen Versuche, ein Porträt von Hans Asriel zu zeichnen, in den Publizierten und Unpublizierten Lebenserinnerungen Elias Canettis. Leider sind die Briefe von Hans Asriel an Elias Canetti in dessen Nachlass nicht aufzufinden, was leicht einen ungefilterten Blick auf die Beziehung erlaubt hätte.

Ganz anders als Elias Canetti äussert sich Theo Waldinger zu Hans Asriel: „Ihr (Alice Asriels, Anm. va) Sohn Hans, ein gleichermassen intelligenter wie verschrobener Mensch, konnte in Paris nicht recht Fuss fassen. Eine Zeitlang war er bei linksextremen Organisationen aktiv, dann setzte er seinem Leben durch einen Sprung aus dem Fenster eines Hochhauses ein Ende.“258

Der Selbstmord von Hans Asriel hinterlässt seine Spuren auch in einem Brief Veza Canettis an Georges Canetti in Paris: „Liebster Georg! Die schreckliche Nachricht hat mich offenbar doch tiefer getroffen als ‚seine Schwester‘ (Renée Asriel, 1910–1942, Anm. va), denn seit zwei Tagen bin ich verstört und jetzt erst hab ich der heldenhaften kleinen Frau schreiben können. Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns schrieben, was der arme Hans in seiner Verwirrung mit Ihnen gesprochen hat. Jeder Fetzen eines Satzes würde uns interessieren. Der Gedanke in Ihrem Brief, Canetti könnte sich Vorwürfe machen hat mich ein wenig mit den Gedanken Ihres früheren Briefes versöhnt. In der Tat, er war furchtbar unglücklich über diesen bestimmt unvermeidlichen Selbstmord und erklärte mir, er sei der Mörder. Was Ihre Gedanken in Ihrem vorletzten Brief anlangt, so nehme ich an, dass Sie sie nie gedacht haben. Anders könnt ich Sie nicht achten. Ich liebe Sie nach wie vor, aber ich werde Sie nicht achten, wenn Sie auf einem einzigen dieser Gedanken beharren. Ihr Bruder, der gütigste und nobelste Charakter den ich kenne konnte drei Nächte nicht schlafen. Dann beruhigte er sich und wollte, dass ich Ihnen schreibe er hätte den Brief nie bekommen, ich hätt ihn unterschlagen. Denn er wollte nicht, dass Sie Ihren besten Freund verlieren. (…) Und nochmals bitte mehr über Hans Asriel und seine Mutter.“ (BaG 62)

Wieso Elias Canetti auf die Idee kommt, er sei der Mörder von Hans Asriel, lässt Raum für viele Spekulationen. Hat er Hans Asriel Mitte 20er Jahre als Freund von Veza Taubner abgelöst oder hat sich Hans Asriel selbst in ihn verliebt, wie er irgendwie zu ahnen glaubt? Eine andere Perspektive auf den Tod von Hans Asriel nimmt Veza Canetti ein, wenn sie über Elias Canetti schreibt: „Denn er wollte nicht, dass Sie Ihren besten Freund verlieren.“ (BaG 62) Sie weist damit eher darauf hin, dass möglicherweise Georges Canetti nicht nur der beste Freund Hans Asriels gewesen war, sondern vielleicht sogar dessen Lebenspartner/Liebhaber. Georges Canetti war homosexuell.

C2.3 Ernst Waldinger

Dass viele Kontakte aus dem Kontext des Hauses Asriel – insbesondere was die Brüder Waldinger betrifft – bis in die Exilzeit von Bedeutung waren, offenbart ein Brief Veza Canettis an Wieland Herzfelde. Wie sie darin schreibt, hat sie sich tatsächlich zuerst bei dem mit den Felonen assoziierten Ernst Waldinger (1896–1970), dem um acht Jahre älteren Bruder von Fredl Waldinger, erkundigt, ob sie Wieland Herzfeldes „Marken“ für sein Markengeschäft in New York schicken soll.259 Ernst Waldinger, Dichter und Literaturwissenschaftler, war nicht wie sein Bruder Fredl nach Israel migriert, sondern in die USA. Vielleicht wirft diese Erst-Kontaktnahme nach dem Krieg auch ein Licht darauf, wie Veza Taubners Beziehung zum Malik-Verlag entstanden sein könnte. Die Wurzeln dieser wären im Kreis der Felonen und der mit ihnen assoziierten Dichter und Künstler zu suchen. Ein nicht zu unterschätzendes Ereignis rückt Ernst Waldinger ebenfalls in die Nähe von Veza Taubner, hat er doch durch eine schwere Kopfverletzung am Ende des Ersten Weltkrieges sein Sprachvermögen verloren, das er sich mühsam wieder neu erarbeiten musste.260 Ein Schicksal, das ein bisschen an Aspekte der historisch dokumentierten Figur des Kaspar Hauser erinnert. Veza Taubner wird einen ihrer Romane Kaspar Hauser nennen, ob sie sich von Ernst Waldinger inspirieren hat lassen, ist gut möglich. Auf jeden Fall ist ihr sein Schicksal sicher nicht entgangen, gerade auch weil ein Teil seiner rechten Hand gelähmt blieb und er nie mehr gut schreiben konnte. Ob er mit der verbleibenden Hand Maschine geschrieben hat wie Veza Taubner selbst, ist unbekannt. Ernst Waldinger arbeitete nach dem Studium beim Allgemeinen Tarifanzeiger, einem Verlag, der vom Bruder von Sigmund Freud, Alexander Freud, geführt wurde. 1923 heiratete Ernst Waldinger eine Nichte Sigmund Freuds, die Klavierlehrerin Beatrice (Rosi) Winternitz.261 Theodor Waldinger schreibt in seinen Erinnerungen an den Bruder, dass Rosi Waldinger an schweren Depressionen gelitten habe, die sich durch die Ermordung ihrer Mutter, der Schwester Sigmund Freuds, im KZ Theresienstadt noch verschärften: „Viele Jahre nach Kriegsende las sie (Rosi Waldinger-Winternitz, Anm. va) eines Tages das nach Dokumenten gearbeitete Stück ‚Der Stellvertreter‘ von Rolf Hochhuth. In diesem findet sich auch eine Szene, in der ein gebildeter KZ-Arzt aus Otto Weinigers Schriften zitiert und auf die Vorhaltung ‚Sie lesen Wiener Juden? ‘ stolz antwortet: ‚Na, ich verbrenne sie ja auch. / Am Dienstag hab ich die Schwester von Sigmund Freud durch den Kamin gepfiffen.‘“262

Auch Eduard März und andere Kritiker von Elias Canetti haben schon betont, dass sein Kontakt zu Wieland Herzfelde nicht, wie in den Publizierten Lebenserinnerungen beschrieben, über die Dichterin Ibby Gordon erfolgte. Dieser Verdacht wird dadurch erhärtet, dass in den Unpublizierten Lebenserinnerungen die Übergänge zwischen den Aussagen Ibby Gordons und denen von Veza Taubner fliessend sind, sodass unklar ist, welche der zwei Frauen gemeint ist, beispielsweise im Bild mit der explodierenden Dichterin263. Eduard März schreibt 1987 dazu: „Diese Vermutung wird auch erhärtet durch die nicht sehr glaubwürdige Art, in der Canetti im zweiten Band seiner Erinnerungen seine Kontaktaufnahme mit dem Brecht-Kreis in Berlin motiviert. Er gibt an, durch eine Freundin (Ibby Gordon, Anm. va) in die Gruppe um Herzfelde, Bert Brecht und Isaak Babel eingeführt worden zu sein (wobei er die KPD-Nähe von Herzfeldes Malik-Verlag natürlich unerwähnt lässt). Viel wahrscheinlicher ist es aber, dass es vor allem die Empfehlung durch den beinahe ‚totgeschwiegenen‘ engen Freund Ernst Fischer war, die Canetti in Berlin die entsprechenden Türen öffnete.“264 Da Ernst Fischer seinen Arbeits- und Lebensort erst 1927 von Graz nach Wien verschoben hatte und die Felonen bereits ab 1918 politisch und künstlerisch aktiv waren, wie jüngst der Grünewald-Biograf Volker Bühn bestätigt hat265 – zudem Malik schon 1924 für kurze Zeit eine Zweigniederlassung in Wien unterhalten hat –, ist anzunehmen, dass der Kontakt eher über die Felonen oder dann über Veza Taubner direkt erfolgte. Von den Felonen kommt für einen Kontakt zu Wieland Herzfelde eigentlich nur der Literaturwissenschaftler Ernst Waldinger in Frage. Dieser gehört zudem zu den Autoren, die im Exilland USA 1944 Wieland Herzfelde beim Aufbau des Auroraverlags, des Nachfolgeverlags von Malik, geholfen haben. Wieland Herzfelde verkaufte diesen Verlag 1948 an den Aufbau-Verlag. Ernst Waldinger gehört zu den wenigen Autoren der Zwischenkriegszeit, die den Julius-Reich-Preis erhielten. „Beim ersten Autorenabend der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller am 18. Mai 1933, der unter dem Motto ‚Literarischer Rechenschaftsbericht 1932‘ stand, (…) erhielt er (Adolf Unger, Anm. va) gemeinsam mit Hilde Spiel, Ernst Waldinger und Ludo Gerwald den Julius Reich-Dichter-Preis des Jahres 1933.“266

Seine ersten Gedichte hatte Ernst Waldinger 1924267 in der Wiener Zeitschrift Die Waage oder Die Wage publiziert.268 Politisch und kulturell hat der mit den Felonen assoziierte Ernst Waldinger ein sehr ähnliches Profil wie Veza Taubner. Wie die Canettis auch bleibt er seinem Exilland treu und wird 1947 Professor für deutsche Sprache und Literatur am Skidmore College in Saratoga Springs.269

Wie ungleich schwerer es sozialistische Dichterinnen im Wien der Zwischenkriegszeit hatten, kann bei Heimito von Doderer nachgelesen werden. Schlaggenberg, eine Figur im Roman Die Dämonen, erwähnt in einem Nebensatz die Dichterin Rosi Malik, das Wort Dichterin ist dabei unmissverständlich in Anführungszeichen gesetzt: „(…) ‚denn ich weiss, dass Gyurkicz eine Abmachung mit der ‚Dichterin‘ Rosi Malik und mit dem Redakteur Holder getroffen hat, ich war dabei zufällig anwesend. Die Malik soll von Gyurkicz gezeichnet werden, und das Bild kommt dann in alle Allianz-Blätter wegen der bevorstehenden Aufführung ihres Stückes ‚Kapitän Strichpunkt‘ oder wie der Schmarrn heisst.“270

Zu den das Proletariat aufhetzenden Personen vor dem Justizpalast 1927 schreibt Heimito von Doderer: „Von den Weibern – die übrigens alle damenhaft angezogen waren und gar nicht ‚proletarisch‘ – erkannte ich die erste, welche ich ins Blickfeld des Glases bekam. Es war die Dichterin Rose Malik. Sie hatte von den ‚Massen‘ einen Abstand von ungefähr zehn Schritten, gebärdete sich ganz wild und warf einmal beide Arme zugleich über den Kopf. Die Malik trug ein klein-getupftes Sommerkleid in Grün und Weiss, aber keinen Hut auf ihrem roten ‚Bubikopf‘, während die beiden anderen Agitatorinnen Hütchen in einer damals eben üblichen Topfform hatten, die eine ein weisses, ich konnte sie gut sehen, es war eine ganz kleine zierliche Person mit tiefschwarzem Haar. (…) Die Malik war eine galizianische Megäre.“271 Ob Doderer da vor seinem inneren Auge beim Notieren der Szene vor dem Justizpalast Veza Taubner vor sich gesehen hat, bleibt Geheimnis, passen würde es: eine ganz kleine zierliche Person mit tiefschwarzem Haar, das Hütchen in Topfform. Nicht nur Elias Canetti erwähnt in seinen Lebenserinnerungen den Hut Vezas, auch ein Bild im Band Elias Canetti. Bilder aus seinem Leben zeigt Veza Taubner mit Hut in Topfform.272 Aber eben die Malik, ihre Dichter-Kollegin, eine Megäre.

Zusammenfassend kann zum Asriel-Waldinger-Komplex gesagt werden, dass die jungen Intellektuellen im Hause der Asriels kommunistisch orientiert waren, sich sehr für kulturelle Strömungen in Dichtung und Musik interessiert haben, dem Sport oder zumindest dem Schwimmen und Bergwandern frönten, darüber hinaus auch Dichterlesungen veranstalteten und Kontakte zu anderen kulturellen Gruppierungen pflegten, wie zu den Kreisen um Karl Kraus oder zu den Dichtern und Künstlern des Café Museum. Nebstdem spielten Grundfragen des Lebens eine wichtige Rolle, nämlich leben oder nicht leben.

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