Kitabı oku: «Landesverfassungsgerichtsbarkeit»

Der Autor
Prof. Dr. Werner Reutter lehrt(e) und forscht(e) unter anderem am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, am Centre de Recherche sur le Politique, l’Administration et le Territoire (C.E.R.A.T.) in Grenoble, der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität Potsdam, an der University of Minnesota (USA) sowie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. In seiner Forschung beschäftigt(e) er sich mit internationaler Gewerkschaftspolitik, Verbänden und Interessengruppen, Parlamenten, der Politik in Bundesländern, Föderalismus sowie der Verfassungsgerichtsbarkeit in Bund und Ländern.
Werner Reutter
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1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-040172-3
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pdf: ISBN 978-3-17-040173-0
epub: ISBN 978-3-17-040174-7
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Inhaltsverzeichnis
1 1 Einleitung: Landesverfassungsgerichtsbarkeit in Deutschland
2 1.1 Einführung in das Thema
3 1.2 Ziele und Gang der Darstellung
4 2 Landesverfassungsgerichtsbarkeit: theoretische Grundlagen
5 2.1 Landesverfassungsgerichtsbarkeit im demokratischen Rechts- und Bundesstaat
6 2.2 Wie entscheiden Richter*innen?
7 3 Entstehung und erste Zusammensetzung
8 3.1 Zur Entstehung von Landesverfassungsgerichten
9 3.2 Landesverfassungsrichter*innen der ersten Stunde
10 4 Status, Verwaltung, Arbeitsweise und Richterbestellung
11 4.1 Zum Status von Landesverfassungsgerichten
12 4.2 Binnenstrukturen und Arbeitsweise
13 4.3 Wahl der Verfassungsrichter*innen und Zusammensetzung der Gerichte
14 5 Was leisten Landesverfassungsgerichte?
15 5.1 Landesverfassungsgerichte im historischen und im Bundesländervergleich
16 5.2 Verfahrensarten im Vergleich
17 5.3 Kopftücher, Parität und direkte Demokratie: Landesverfassungsgerichte im »föderalen Verfassungsgerichtsverbund«
18 6 Landesverfassungsgerichtsbarkeit: Zusammenfassung und Ausblick
19 Abkürzungsverzeichnis
20 Literaturverzeichnis
21 Verzeichnis der Websites von Landesverfassungsgerichten und Bundesverfassungsgericht
22 Index
1 Einleitung: Landesverfassungsgerichtsbarkeit in Deutschland
1.1 Einführung in das Thema
Am 23. Oktober 2020 hat das Verfassungsgericht des Landes Brandenburg der NPD sowie vier Parteimitgliedern der AfD Recht gegeben (VerfGBbg, Urteil vom 23.10.2020 – VfGBbg 9/19 und 55/19). Es hat das Paritätsgesetz, das der Landtag Brandenburgs am 31. Januar 2019 beschlossen hatte, für verfassungswidrig und sogar für »nichtig« erklärt, also für von Anfang an ungültig. Zur selben Schlussfolgerung wie Brandenburgs »oberster Hüter der Verfassung« war der Thüringer Verfassungsgerichtshof wenige Monate früher gekommen. Denn der Thüringer Verfassungsgerichtshof hatte am 15. Juli 2020 das »Siebte Gesetz zur Änderung des Thüringer Landeswahlgesetzes – Einführung der paritätischen Quotierung vom 30. Juli 2020« ebenfalls für verfassungswidrig und für »nichtig« erklärt (ThürVerfGH, Urteil vom 15.07.2020 – VerfGH 2/20). Während die Brandenburger Entscheidung einstimmig erfolgte, also auch die Richter*innen zustimmten, die von Parteien vorgeschlagen worden waren, die das Gesetz unterstützt hatten, veröffentlichten drei Richter*innen des Thüringer Verfassungsgerichtshofes Sondervoten und lehnten die von der Mehrheit des Gerichtes getroffene Entscheidung ab (
Kap. 5.3).
Beide Judikate – das sind Gerichtsentscheidungen – haben bundesweit Aufmerksamkeit erregt, doch sind sie keineswegs ungewöhnlich. Landesverfassungsgerichte fällen regelmäßig Urteile und Beschlüsse zum Wahl- und Parlamentsrecht, zur Teilnahme von Parteien an Landtags- oder Kommunalwahlen (Carstensen 2020; Plöhn 2020) oder zu anderen verfassungsrechtlichen Fragen. Einige Beispiele: Der Hamburgische Staatsgerichtshof hat 1993 die Wahl zur Hamburgischen Bürgerschaft 1991 wegen Verstößen bei der Kandidatenaufstellung der CDU für ungültig erklärt; in der daraufhin vorgezogenen Bürgerschaftswahl gelang der rechtspopulistischen STATT-Partei 1993 der Einzug in die Hamburgische Bürgerschaft. Das Schleswig-Holsteinische Landesverfassungsgericht erklärte 2010 das Landeswahlgesetz für verfassungswidrig und damit die Landtagswahl von 2009 für ungültig. Deswegen musste das Wahlgesetz reformiert und 2012 – wie 1993 in Hamburg – eine vorgezogene Neuwahl durchgeführt werden (LVerfG SH, Urteil vom 30.08.2010; LVerfG 1/10). Und 2019 gab der Sächsische Verfassungsgerichtshof der Verfassungsbeschwerde von Mitgliedern der AfD statt und erklärte die Ablehnung von zwei von der AfD aufgestellten Wahllisten für die Landtagswahl am 1. September 2019 durch den Landeswahlausschuss für rechtswidrig und ungültig. Der Verfassungsgerichtshof dekretierte, dass die von der AfD erstellten Landeslisten zumindest in Teilen für die Wahl zuzulassen seien (SächsVerfGH, Urteil vom 25.07.2019 – Vf. 77-IV-19 (e. A.), Vf. 82-IV-19 (e. A.)). Lediglich die vom Landeswahlausschuss ebenfalls verordnete Streichung der Plätze 31 bis 61 auf den Landeslisten der AfD fand Gnade in den Augen der sächsischen Verfassungsrichter*innen (SächsVerfGH, Urteil vom 16.08.2019 – Vf. 76-IV-19 (HS), Vf. 81-IV-19 (HS)). Tatsächlich zog die AfD nach der Landtagswahl am 1. September 2019 mit 38 Abgeordneten in das Parlament ein und bildete dort nach der CDU die zweitstärkste Fraktion.
Ganz anders gelagert war das Urteil des Verfassungsgerichtshofes des Landes Berlin aus dem Jahre 1993. Dieses Landesverfassungsgericht hat gleich mit einer seiner ersten Entscheidungen Geschichte geschrieben und bundesweit Aufmerksamkeit erregt: Mit Beschluss vom 12. Januar 1993 entschied das seit Frühsommer 1992 bestehende Gericht, dass der ehemalige Staatsratsvorsitzende der DDR, Erich Honecker, der sich vor dem Berliner Landgericht unter anderem wegen Totschlags in 68 Fällen zu verantworten hatte, aufgrund einer fortgeschrittenen Krebserkrankung aus der Untersuchungshaft zu entlassen und dass eine strafrechtliche Verfolgung nicht möglich sei (Brocker 2021, S. 5–7). Die Aufrechterhaltung des Haftbefehls, so das Gericht in seiner Begründung, verletze den »Anspruch des Beschwerdeführers [Erich Honecker] auf Achtung seiner Menschenwürde« (BerlVerfGH, Beschluss vom 12.01.1993, 55/92). Beides, die Entscheidung und deren Begründung, stießen auf massive Kritik: die Entscheidung, weil sie Honecker eine Strafverfolgung ersparte und eine Ausreise nach Chile ermöglichte; die Begründung, weil das Gericht Bundesrecht – konkret: die Strafprozessordnung – am Maßstab der Landesverfassung geprüft sowie die Menschenwürde des Art. 1 Abs. 1 GG als »Entscheidungsmaßstab« herangezogen hatte (Brocker 2021, S. 6).1 Erst beide zusammen, also Bundes- und Landesverfassung, würden die Verfassung des Gliedstaates ausmachen (BerlVerfGH, Beschluss vom 12.01.1993, 55/92, Rn. 15 f.). In der Folge wurde damit die Menschenwürde des Art. 1 GG Bestandteil der Landesverfassung, in der sich zur damaligen Zeit keine vergleichbare Bestimmung fand. Eine solche »›interpretatorische Verbundtechnik‹ […] in Gestalt der grundgesetzkonformen Auslegung der Landesgrundrechte« (Brocker 2021, S. 6) hat einige Kritik auf sich gezogen. Denn prinzipiell werden »getrennte Verfassungsräume« unterstellt. Landesverfassungsgerichte legen Landesrecht aus, das Bundesverfassungsgericht Bundesrecht (Starck 1983; Voßkuhle 2011). Doch für Sascha Kneip (2020, S. 40) kam das Gericht in diesem Fall seinem »demokratiefunktionalen Auftrag zum Grundrechtsschutz der Bürgerinnen und Bürger – in einem politisch denkbar aufgeladenen Fall – in beachtlicher Weise« nach und zeigte zudem »die enge Verzahnung von Bundes- und Landes(verfassungs)recht« auf. Mehr noch: Unter demokratietheoretischer Perspektive sei die skizzierte Entscheidung »grundsätzlich zu begrüßen«. Denn: »Zwei Verfassungsgerichte ›erkennen‹ im Zweifelsfall mehr als nur eines« (Kneip 2020, S. 41 f.). Ganz anders wiederum bewertet Sascha Kneip die Rechtsprechung einiger Landesverfassungsgerichte zum Kopftuchverbot. Insbesondere die Rechtsprechung des Bayerischen Verfassungsgerichtshofes steche hervor, der in seinen Entscheidungen, so Kneip (2020, S. 42), wenig »grundrechtsfreundlich« agiert und die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes ignoriert habe.
Noch kaum abschließend zu bewerten ist die Rolle der Landesverfassungsgerichte in der aktuellen Corona-Pandemie. Angerufen wurden Verfassungsgerichte in allen Bundesländern mehr oder weniger häufig, wobei unterschiedliche Verfahrensarten (v. a. Verfassungsbeschwerden, Organklagen, Normenkontrollen) zum Einsatz kamen. So wurden Einschränkungen bei der Versammlungsfreiheit angefochten, eine Reduktion der Anzahl der von Parteien zu sammelnden Unterschriften für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus verlangt (BerlVerfGH, Beschluss vom 17.03.2021 – 20/21, 20 A/21), Auflagen für die Öffnung von Schulen oder Läden in Frage gestellt, Entscheidungen von Verwaltungsgerichten dem jeweiligen Landesverfassungsgericht zur Prüfung vorgelegt oder das Tragen einer Maske bei Parlamentsversammlungen abgelehnt. Stets war letzte Instanz in solchen Verfahren ein Landesverfassungsgericht. Die Landesebene war für die Pandemiebekämpfung dabei von besonderer Bedeutung, da die Länder für die Umsetzung der Infektionsschutzmaßnahmen zuständig waren und sind. Allerdings kommt Lepsius (2020, S. 277) zu der Auffassung, dass »in der Summe« die Gerichte – er meint Verfassungsgerichte von Bund und Ländern sowie Verwaltungsgerichte – »eher selten pro Grundrechtsschutz« entschieden haben und damit – zumindest indirekt – die Maßnahmen der Verwaltung legitimierten.
Offensichtlich sind die aufgeführten Entscheidungen – wir werden auf einige von ihnen in Kapitel 5 noch einmal zurückkommen – keineswegs beliebig. All diese Entscheidungen wurden öffentlich diskutiert und fachwissenschaftlich kommentiert. Für den vorliegenden Kontext sind aber nicht nur ihre rechtswissenschaftliche Bedeutung und ihre Folgen für die Verfassungswirklichkeit interessant. Vielmehr illustrieren sie gleichzeitig zentrale Themen dieser einführenden Darstellung der Landesverfassungsgerichtsbarkeit. Erstens verweisen sie auf die Bedeutung der Landesverfassungsgerichte in den Verfassungsordnungen der Bundesländer und im Gesamtgefüge des demokratischen Bundes- und Rechtsstaates. Sie adressieren staatsorganisatorische Aspekte, Wahlrechtsfragen oder einzelne Grundrechte. Auch in quantitativer Hinsicht ist die Rechtsprechung der Landesverfassungsgerichte durchaus beachtlich. Insgesamt bearbeiteten die 16 bestehenden Landesverfassungsgerichte 2020 knapp 1500 Eingänge, das sind zwar deutlich weniger als beim Bundesverfassungsgericht, das im selben Jahr 5529 Eingänge registrierte (Bundesverfassungsgericht 2021, S. 4). Doch betreffen auch die von Landesverfassungsgerichten durchgeführten Verfahren, wie erwähnt, verfassungsrechtlich relevante Themen wie Grundrechte, Staatsziele, Staatsorganisation, Wahlrecht, kommunalverfassungsrechtliche Angelegenheiten oder Aspekte der direkten Demokratie. Zweitens werfen die genannten Entscheidungen die Fragen auf, wie diese Institutionen ausgestaltet sind, wie sie zu ihren Urteilen kommen und wie sie zusammengesetzt sind. Und schließlich zeigt insbesondere das Urteil des Berliner Verfassungsgerichtshofs, dass Landesverfassungsgerichte Teil eines »Verfassungsgerichtsverbundes« sind (Voßkuhle 2011), also eingeordnet in eine föderale und rechtsstaatliche Gerichtsstruktur.
Dennoch haben diese Institutionen lange Zeit weder medial noch wissenschaftlich Aufmerksamkeit erregt. Politikwissenschaftler*innen haben zur Beantwortung der Frage nach Beitrag und Bedeutung der Landesverfassungsgerichtsbarkeit für Stabilität und Funktionsweise des demokratischen Verfassungsstaates bisher wenig beigetragen. Und dies gilt sowohl für die zentralen theoretischen Debatten wie für empirische Untersuchungen. In den gängigen Föderalismustheorien spielen diese Institutionen keine Rolle. In Handbüchern über das politische System der Bundesrepublik Deutschland findet man keine Einträge zu Landesverfassungsgerichten, und Studien über das Verhältnis von Verfassungsgerichtsbarkeit und Demokratie konzentrieren sich ausschließlich auf das Bundesverfassungsgericht. (Das gilt nicht für die Rechtswissenschaft.) Erst seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 hat sich in dieser Hinsicht sukzessive eine Änderung ergeben (vgl. dazu vor allem die Untersuchungen von Flick 2008, 2009, 2011 a, 2011 b). Inzwischen enthalten einschlägige Darstellungen der Politik in Bundesländern regelmäßig auch Kapitel über Landesverfassungsgerichte (Jesse et al. 2014, S. 62–65; Leunig 2012, S. 169–178; Lorenz 2016); zudem habe ich zwei Sammelbände herausgegeben, von denen einer Entwicklung, Aufbau und Funktionen aller 16 Landesverfassungsgerichte darstellt und der andere die Landesverfassungsgerichtsbarkeit aus theoretischer Perspektive beleuchtet und empirische Befunde präsentiert (Reutter 2017 a; 2020 e).
Dieser Aufschwung in der politikwissenschaftlichen Forschung zur Landesverfassungsgerichtsbarkeit lässt sich auf drei Ursachen zurückführen: Erstens hat Landespolik generell an Bedeutung gewonnen, und damit rückte auch die institutionelle Ausstattung der Bundesländer stärker in den Fokus politikwissenschaftlicher Forschung. Oder frei nach Charlie Jeffery, einem britischen Politikwissenschaftler: Eine »a-territoriale Wissenschaft«, die ganz in der Tradition der deutschen Staatsrechtslehre von der Einheitlichkeit eines nationalen Rechtssystems ausgegangen sei, habe erst nach der Vereinigung begonnen, »territoriale Vielfalt« als konstitutives Merkmal des deutschen Föderalismus zu akzeptieren und sich mit den »Notwendigkeiten der Diversifizierung« systematisch zu beschäftigen (Jeffery 2009, S. 136 und passim). Zweitens und damit zusammenhängend haben Politikfelder an Bedeutung gewonnen, die ausschließlich oder zumindest überwiegend in den Kompetenzbereich der Bundesländer fallen. Zu erwähnen sind hier Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Corona-Pandemie durch die Länder getroffen wurden oder von ihnen auszuführen waren (zumindest bis zur Novellierung des Bundesinfektionsschutzgesetzes im April 2021). Hinzu kommen das Kommunalverfassungsrecht und die damit zusammenhängende Finanzverfassung sowie direktdemokratische Verfahren, die es allein in den Bundesländern gibt. Ebenso von Bedeutung sind Territorial-, Verwaltungs- und Finanzreformen, die Landesverfassungsgerichte aus einem vermeintlichen »Dornröschenschlaf« erweckten, weil sie zu Klagen oder Verfassungsbeschwerden führten und damit Verfassungsgerichte zwangen, über landespolitische Streitfragen zu entscheiden. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang zudem, dass allein Landesverfassungsgerichte in letzter Instanz darüber befinden, wie und unter welchen Voraussetzungen die Wähler*innen in den Bundesländern Sachentscheidungen treffen können. Drittens wurden nach 1990 in den fünf ostdeutschen Bundesländern, in Berlin und in Schleswig-Holstein Verfassungsgerichte geschaffen. Seit 2008 besitzen damit alle deutschen Gliedstaaten ein oberstes Gericht, das die jeweilige Verfassung verbindlich auslegen und politische Streitfragen entscheiden kann.
Dieser Bedeutungszuwachs hat allerdings keineswegs zu einer einheitlichen Auffassung über die Rolle von Landesverfassungsgerichten in der deutschen Verfassungsdemokratie geführt (Reutter 2017 a, S. 1–3; Reutter 2018 a, S. 195 f.). Unbeschadet der bestehenden Forschungslücken dominierte lange Zeit die Auffassung, der Landesverfassungsgerichtsbarkeit käme keine oder bestenfalls eine zweitrangige Bedeutung zu. Diese Verfassungsorgane seien Bürger*innen in den Bundesländern weitgehend unbekannt. So habe einmal ein früheres Mitglied des damaligen Staatsgerichtshofs Baden-Württemberg ernüchtert festgestellt, dass im Grunde das örtliche Wasserwirtschaftsamt wichtiger sei als das jeweilige Landesverfassungsgericht – zumindest sei es bekannter (zit. nach Freund 1994, S. 3). Landesverfassungsgerichte besäßen, nach einer schon etwas älteren Diagnose, ohnehin nicht die Voraussetzungen für eine das Verfassungsleben prägende Judikatur. Ihnen fehlten dafür Kompetenzen, Ressourcen und institutionelle Ausstattung. Leisner hielt Landesverfassungsgerichte daher in den 1970er Jahren für eine »anachronistische Komplikation« und für einen »alte[n] föderale[n] Zopf« (Leisner 1972, S. 185). Und Bachof, immerhin später selbst Richter am Staatsgerichtshof Baden-Württemberg, fand, sie seien »überflüssiger Luxus« (Bachof 1968, S. 19). Allein entscheidend sei das Bundesverfassungsgericht, dessen »Gravitationsfeld« oder dessen »›Sog‹« sich Landesverfassungsgerichte nicht entziehen könnten, so Gärditz (2013, S. 451 und 493) im Anschluss an Sacksofsky (2019, Rn. 94).
Inzwischen hat sich diese Auffassung in der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur geändert. So vertritt Claudia Sommer (2017, S. 99) die Auffassung, dass das Landesverfassungsgericht in Dessau-Roßlau für die Durchsetzung der Landesverfassung von Sachsen-Anhalt ebenso wichtig sei wie das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe für den Erfolg des Grundgesetzes nach 1949. Matthias Dombert, ein ehemaliger Richter am Landesverfassungsgericht Brandenburg, geht noch weiter. Nach Dombert gehören die früher verbreiteten »herablassend-joviale[n] Kommentierungen« (Dombert 2012, S. 19) der Vergangenheit an. Und das liege nicht an neu gewonnenen Einsichten der Kommentator*innen, sondern am Gegenstand, den Landesverfassungsgerichten selbst. Diese hätten in den letzten Jahren einen »Bewertungswandel« erfahren, der für Dombert »unübersehbar« ist. Denn Landesverfassungsgerichte hätten eine »eigene Kontur« ausgebildet und seien gleichsam »›in‹« (Dombert 2012, S. 20). Weniger modisch argumentiert Markus Heimann (2001, S. 1), kommt aber zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Für Heimann hat sich die Landesverfassungsgerichtsbarkeit zu einem zentralen »Bestandteil der Staatlichkeit der Länder« entwickelt und ist konstitutives Element des deutschen Föderalismus. Zudem vollende sie den Rechtsstaat. Hans-Jürgen Papier, der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, sieht nach 1990 die Landesverfassungsgerichtsbarkeit ebenfalls in einem tiefgreifenden Wandlungsprozess. Für Papier (2002, S. 20) ist die Landesverfassungsgerichtsbarkeit zur »Notwendigkeit« geworden; sie vervollständige die föderative Ordnung des Grundgesetzes und kröne den Rechtsstaat – allerdings nur dort, wo Individualverfassungsbeschwerde erhoben werden könne (vgl. auch Papier 2020, S. 33).
1.2 Ziele und Gang der Darstellung
Diese Abhandlung, die als Einführung konzipiert ist, betrachtet die Landesverfassungsgerichte aus politikwissenschaftlicher Perspektive. Sie behandelt Landesverfassungsgerichte als Institutionen, die an der Hervorbringung allgemeinverbindlicher Entscheidungen beteiligt sind und zur gesamtgesellschaftlichen Integration beitragen sollen. Kurzum: Es sind politische Institutionen in der Gestalt von Gerichten. Dargestellt und untersucht werden im Weiteren daher die Funktionsvoraussetzungen, Funktionsbedingungen sowie die politischen Folgen der Landesverfassungsgerichtsbarkeit in der Bundesrepublik Deutschland.
Der Band verfolgt drei grundlegende Ziele: ein deskriptives, ein theoretisches und ein evaluatives. Er beschreibt Strukturen, Funktionsweisen und Aufgaben dieser Staatsorgane sowie deren Zusammensetzung (deskriptives Ziel), ordnet die 16 Landesverfassungsgerichte in das Gesamtgefüge des demokratischen Rechts- und Bundesstaates der Bundesrepublik Deutschland ein (theoretisches Ziel) und untersucht schließlich, wie gut sie ihre Aufgaben erfüllen (evaluatives Ziel). Es versteht sich, dass die drei Ziele zusammenhängen und voneinander abhängig sind. Die oben aufgeführten Entscheidungen mögen dies illustrieren: Sie verweisen nicht nur auf das Verhältnis von Bundes- und Landesverfassungsgerichtsbarkeit, sondern ebenso darauf, dass die Zusammensetzung der Gerichte für den Inhalt einer Entscheidung wichtig sein kann. Insgesamt stellt sich damit die Frage, »wie es um die demokratische Qualität« des bundesdeutschen »Verfassungsgerichtsverbundes« bestellt ist (Kneip 2020, S. 44). Der Band bietet somit Studierenden der Politik-, Sozial-, Rechts- und Geisteswissenschaften sowie politisch Interessierten eine Einführung in die Verfassungsgerichtsbarkeit der deutschen Länder. Er will gleichzeitig ermuntern, sich mit diesen Verfassungsorganen weiter zu beschäftigen.
Aus den genannten Zielen ergibt sich der Gang der Untersuchung. Landesverfassungsgerichte werden vielfach als Krönung des demokratischen Rechtsstaates und als konstitutives Element der Staatlichkeit der Länder angesehen. In diesen Qualifikationen spiegeln sich zentrale Voraussetzungen und Leistungen dieser Verfassungsorgane. Das zweite Kapitel beschreibt diese Voraussetzungen und stellt dar, wie sich Landesverfassungsgerichtsbarkeit zu den verfassungsrechtlichen Strukturprinzipien des Grundgesetzes (Demokratie, Rechts- und Bundesstaat) und der Landesverfassungen verhält. Zudem werden politikwissenschaftliche Theorien über richterliche Entscheidungsfindung vorgestellt und diskutiert.
Das dritte Kapitel stellt Entstehung und Entwicklung der Landesverfassungsgerichte dar. Prinzipiell wird Verfassungsgerichtsbarkeit als Reaktion gesehen auf totalitäre oder autoritäre Erfahrungen, und durchaus folgerichtig wurden in vielen neu errichteten Demokratien entsprechende Institutionen zum Schutz und als Hüter der Verfassung etabliert (Steinsdorff 2010). In diesem Kapitel wird untersucht, ob sich ähnliche Motive in den deutschen Bundesländern finden und wie dieser antitotalitäre Impuls umgesetzt wurde, wenn er denn bestanden hat und ursächlich war für die Errichtung der Landesverfassungsgerichte. Insbesondere wird herausgearbeitet, ob und inwieweit sich mit der Errichtung von Landesverfassungsgerichten ein Neubeginn markieren lässt.
Im vierten Kapitel werden die institutionellen Voraussetzungen und die personelle Zusammensetzung von Landesverfassungsgerichtsbarkeit beschrieben und analysiert. Untersucht werden die Stellung dieser Verfassungsorgane in den politischen Ordnungen der Bundesländer sowie deren Strukturen und Arbeitsweise(n). Darüber hinaus wird die Wahl der Richter*innen von Landesverfassungsgerichten sowie die Zusammensetzung dieser Gerichte analysiert.
Im fünften Kapitel stehen die Funktionen von Landesverfassungsgerichten im Zentrum. Dies umfasst zum einen die Erstellung von quantitativen Kompetenzprofilen (Anzahl und Art der Verfahren im Zeitablauf, im Bundesländervergleich sowie nach Verfahrensart) sowie zum anderen Beispiele aus der Urteilspraxis. Im abschließenden Kapitel fasse ich die Ergebnisse der Darstellung noch einmal zusammen und wage einen Ausblick auf die zukünftige Entwicklung der Landesverfassungsgerichtsbarkeit.
Der Gegenstand der Darstellung erfordert eine begriffliche Vorbemerkung. In vielen Untersuchungen werden Strukturen, Institutionen und Politiken der Bundesländer meist in begrifflich generalisierender Form präsentiert. Dann gibt es die Landesparlamente, die Landesparteien, die Bundesländer oder eben die Landesverfassungsgerichte. Auch diese Darstellung stützt sich häufig auf eine solch generalisierende Begrifflichkeit, die unterstellt, dass Gemeinsamkeiten sich so verdichten lassen, dass das Wesentliche von Institutionen oder von Gegenständen mit einem Begriff erfasst werden kann – unbeschadet bestehender Unterschiede zwischen diesen Institutionen oder Gegenständen. Insofern lässt sich mit gutem Grund von der Landesverfassungsgerichtsbarkeit oder den Landesverfassungsgerichten sprechen. Denn sie alle teilen so viele und so wichtige Merkmale, dass die Verwendung eines Begriffes, der typisierend alle 16 Institutionen einschließt, sinnvoll und erkenntnisfördernd ist.
Allerdings: Landesverfassungsgerichte teilen sich nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern weisen auch Unterschiede auf (
Tab. 1.1). Diese Unterschiede sind nicht nur empirisch interessant, sondern auch theoretisch folgenreich. Empirisch aufschlussreich ist eine solche Feststellung, weil sich daraus Folgerungen für die Bedeutung und Funktionsweise eines Verfassungsgerichtes in einem Bundesland ergeben (können). Theoretisch folgenreich sind solche Befunde, weil Vielfalt ein Struktur- und Funktionselement bundesstaatlicher Ordnung ist. Föderalismus setzt Divergenz zwischen Bundesländern voraus und erlaubt Differenzen zwischen Verfassungsorganen. Dies gilt auch für Landesverfassungsgerichte. Der Vergleich einiger weniger Merkmale der bestehenden Verfassungsgerichte verdeutlicht die Relevanz dieser Überlegungen. So entstanden Landesverfassungsgerichte in unterschiedlichen historischen Kontexten;
Tab. 1.1: Landesverfassungsgerichte: Name und Sitz (Stand: März 2020)
LandName (Abkürzung)Sitz (Jahr der Errichtung)
Quelle: eigene Zusammenstellung.
ebenso variieren Sitz, Anzahl der Richter*innen sowie die Anzahl der Eingänge. Vier Verfassungsgerichte wurden vor Verabschiedung des Grundgesetzes errichtet,2 fünf in den 1950er Jahren, sechs nach der Vereinigung 1990 und eines nach der Jahrtausendwende. Es versteht sich, dass die variierenden historischen und rechtlichen Rahmenbedingungen nicht ohne Folgen blieben für die Ausgestaltung des jeweiligen Verfassungsgerichtes. Es macht einen Unterschied, ob ein Verfassungsgericht vor Verabschiedung des Grundgesetzes entstand, unmittelbar danach oder erst nach einer erfolgreichen Revolution.
Zudem ist in acht Bundesländern das oberste Gericht in der Hauptstadt angesiedelt, in ebenso vielen findet es sich in anderen Städten des jeweiligen Bundeslandes. Mit der Ortswahl sollte keineswegs überall »eine Nähe zur Politik« möglich gemacht werden, wie Lorenz (2017, S. 105) für den Brandenburger Fall vermutet. Vielmehr hatte die Entscheidung, das Gericht in der Hauptstadt oder an einem anderen Ort anzusiedeln, meist organisatorische Gründe. Denn Landesverfassungsgerichte sind häufig anderen Gerichten angeschlossen, die sich eben nicht in der jeweiligen Hauptstadt finden. Hinzu kommt, dass die Hälfte der Landesverfassungen über einen eigenen Abschnitt zur Verfassungsgerichtsbarkeit verfügen und damit dem organschaftlichen Status dieser Institutionen einen adäquaten Ausdruck verleihen. Sieht man von der bayerischen Ausnahme ab, schwankt die Anzahl der Richter*innen zwischen sieben und elf, wobei mit Ausnahme des Saarlandes die Spruchkörper jeweils eine ungerade Anzahl von Richter*innen aufweisen, was ein Stimmenpatt bei Abstimmungen unmöglich machen soll. Zudem weisen die Verfassungsgerichte eine stark divergierende Arbeitsbelastung auf. Der Bremische Staatsgerichtshof verzeichnete zwischen 1950 und 2020 durchschnittlich rund 1,4 Eingänge pro Jahr, in Berlin waren es dagegen zwischen 1992 und 2020 durchschnittlich rund 182 (davon waren 172 Individualverfassungsbeschwerden). Ich werde auf diese und andere Unterschiede im weiteren Verlauf der Darstellung immer wieder zu sprechen kommen.
Die Landesverfassungsgerichte führen unterschiedliche Namen: drei heißen Verfassungsgericht, zwei nennen sich Landesverfassungsgericht, acht Verfassungsgerichtshof und drei Staatsgerichtshof. Zudem wurde der Staatsgerichtshof von Baden-Württemberg 2015 in Verfassungsgerichtshof umbenannt. Aus dieser Nomenklatur ergeben sich zwar bereits Hinweise auf divergierende Kompetenzprofile. Doch davon unberührt bleibt, dass im Weiteren die Begriffe Landesverfassungsgerichtsbarkeit und Landesverfassungsgerichte stets alle Verfassungsgerichte der Bundesländer einschließen, es sei denn, ich beziehe mich auf ein spezifisches.
Für deutsche Gerichtsentscheidungen findet sich keine einheitliche Zitierweise. Gleichwohl haben sich in der einschlägigen Literatur für diese Art von Quellen Zitationsregeln durchgesetzt. Die beiden wichtigsten sind: Erstens werden Gerichtsentscheidungen nicht in das Literaturverzeichnis aufgenommen; ich verweise also nur im Fließtext auf die jeweilige Entscheidung. Zweitens wird in einem solchen Fall üblicherweise angegeben: Gericht (mit Abkürzung), Datum und Aktenzeichen der Gerichtsentscheidung sowie die Fundstelle (Beispiel: BW VerfGH, Urteil vom 16.04.2018, 1 VB 50/17; das ist das Urteil des Verfassungsgerichtshofes Baden-Württemberg vom 16.04.2018 mit dem Aktenzeichen: 1 VB 50/17). Die meisten der zitierten Entscheidungen finden sich auf den Websites der Landesverfassungsgerichte, in Rechtsprechungsdatenbanken (wie z. B. Juris) oder in der seit 1993 jährlich von Mitgliedern von zwölf Gerichten herausgegebenen Sammlung »Entscheidungen der Verfassungsgerichte der Länder«. Diese Entscheidungssammlung wird üblicherweise abgekürzt mit: LVerfGE; die bibliographische Referenz findet sich im Literaturverzeichnis. Sofern nicht anders angegeben, zitiere ich Entscheidungen mit dem jeweiligen Aktenzeichen und in der Version, die sich in der Datenbank des jeweiligen Landesverfassungsgerichtes findet. In ähnlicher Weise verfahre ich mit Dokumenten von Landesparlamenten sowie historischen Quellen aus dem Internet. Auch diese werden lediglich im Fließtext genannt und finden sich nicht im Literaturverzeichnis. Die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes werden zitiert: entweder unter Angabe der amtlichen Fundstelle (z. B. BVerfGE 4, 178 (189) = Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts, Band 4, wobei die Entscheidung auf S. 178 beginnt und sich auf S. 189 die zitierte Textstelle findet) oder unter Angabe des Datums und des Aktenzeichens (z. B. BVerfG, Beschluss des Zweiten Senats vom 15.12.2020, – 2 BvC 46/19 –, Rn. 1–120). Auch bei diesen Judikaten gilt: Sofern nicht die amtliche Fundstelle angegeben wird, beziehe ich mich auf die in der Entscheidungsdatenbank des Bundesverfassungsgerichtes dokumentierte Version. Die entsprechenden URL-Adressen sind am Ende des Literaturverzeichnisses aufgeführt und werden nicht bei jedem Judikat gesondert ausgewiesen.
Die weitere Darstellung präsentiert Ergebnisse, die ich im Rahmen eines von der DFG finanzierten Forschungsprojektes über »Landesverfassungsgerichte und Justizialisierung in den deutschen Bundesländern« gewonnen habe (GZ RE 1376/4-1). Ich werde mich immer wieder auf Publikationen beziehen, die in diesem Kontext entstanden sind. Statistische Daten und Angaben in diesem und den anderen Kapiteln beruhen dabei auf persönlichen Auskünften der Landesverfassungsgerichte, auf Informationen, die die Verfassungsgerichte auf ihren Websites zur Verfügung stellen, sowie auf dem von mir herausgegebenen Sammelband über Landesverfassungsgerichte (Reutter 2017 a).
Ich danke dem Kohlhammer-Verlag, Dr. Peter Kritzinger, Ronja Schrand sowie den Herausgeber*innen der Reihe »Brennpunkt Politik« für das Angebot, die Abhandlung in die genannte Reihe aufzunehmen und damit das Thema »Landesverfassungsgerichtsbarkeit« einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Außerdem zu danken habe ich Gabriele Dost, Martin Große Hüttmann, Maria-Lena Muckelbauer und Peter Rütters für Kritik, wichtige Hinweise und für die Unterstützung bei der Datenbeschaffung sowie den Landesverfassungsgerichten für die Bereitstellung von Daten und Informationen. Weitere Informationen über Landesverfassungsgerichte sowie zur Richterwahl finden sich auf der Website des oben angegebenen Forschungsprojektes zur »Justizialisierung der Politik in Bundesländern«; die URL lautet: <https://www.sowi.hu-berlin.de/de/forschung/projekte/LVerfGe/>. Zu erwähnen ist schließlich, dass ich mich um eine geschlechtergerechte Sprache bemüht habe, deswegen meist das Gendersternchen verwende, das generische Maskulinum aber nicht immer vermeiden konnte.
1 Der heutige Artikel 6 ist erst 1995 in die Verfassung von Berlin aufgenommen worden.
2 Hinzu kommen die Staatsgerichtshöfe von Baden, Württemberg-Hohenzollern und Württemberg-Baden, die 1947/48 eingerichtet und mit dem Zusammenschluss der drei Länder zu Baden-Württemberg 1952 aufgelöst wurden.
2 Landesverfassungsgerichtsbarkeit: theoretische Grundlagen
»Anything goes!« Dieses von Paul Feyerabend (1976) formulierte wissenschaftstheoretische Credo scheint die politikwissenschaftliche Forschung zur Verfassungsgerichtsbarkeit und zu Verfassungsgerichten treffend zu beschreiben. Jedenfalls lässt sich die einschlägige Literatur kaum einer einzigen methodischen oder wissenschaftstheoretischen Schule zuordnen. Sie umfasst quantitative und qualitative Untersuchungen, institutionenkundliche Beschreibungen, vergleichende Darstellungen, Einzelfallanalysen, interpretative Studien und empirisch-analytische Erklärungsmodelle. Und alle Dimensionen wurden schon untersucht: die Ernennung von Richter*innen, Beratungs- und Willensbildungsprozesse in Gerichten, die Wirkung von Urteilen und deren Folgen für Politik und Demokratie (Glatzmeier 2019, S. 107–283). Im Zentrum der Forschung stehen dabei Fragen nach der Legitimität von Verfassungsgerichten und Verfassungsrichter*innen, nach den Folgen von Urteilen und nach den Modi der Entscheidungsfindung. Wenig überraschend variieren die Befunde ebenso wie die theoretische Einordnung von Verfassungsgerichten. Mit Christoph Hönnige (2007, S. 29) lässt sich mithin resümieren: »Die Literatur zu Verfassungsgerichten ist äußerst heterogen und lässt sich nur schwerlich klassifizieren«.
Unbeschadet dieser Unübersichtlichkeit wird in diesem Kapitel versucht, zentrale theoretische Ansätze, die sich mit Verfassungsgerichtsbarkeit beschäftigen, systematisch zu vergleichen und zu diskutieren. Unterschieden und vorgestellt werden im Weiteren: juristische Ansätze, die normativ-legalistisch operieren; behavioristische Theorien, die das empirisch feststellbare Verhalten von Richter*innen in den Blick nehmen; sowie institutionentheoretische Untersuchungen, die sich sowohl mit internen Strukturen und Entscheidungsverfahren beschäftigen als auch mit den Folgen von Verfassungsgerichtsbarkeit für Politik und Demokratie. Thematisiert werden in diesen Ansätzen mithin normative Voraussetzungen, institutionelle Strukturen, personale Dimensionen (einschließlich strategischer Kalküle der Richter*innen) sowie Wirkungen der Verfassungsgerichte (Clayton 1999; Dyevre 2010; Hönnige 2007, S. 29–39; Rehder 2007). Das ist zweifellos ein bunter Strauß von Perspektiven auf denselben Gegenstand. Allerdings fällt auf, dass Landesverfassungsgerichte in diesem Strauß keinen Platz gefunden haben. Sie wurden schlicht ignoriert und scheinen aus politikwissenschaftlicher Perspektive für eine Theoriebildung nicht ›satisfaktionsfähig‹. Zuerst gilt es daher, für die weitere Darstellung eine doppelte theoretische Grundlage zu schaffen: Zum einen ist Landesverfassungsgerichtsbarkeit in die Verfassungsdemokratie der Bundesrepublik Deutschland einzuordnen; zum anderen werden einschlägige politikwissenschaftliche Theorien über verfassungsrichterliche Entscheidungsfindung dargestellt und diskutiert.
2.1 Landesverfassungsgerichtsbarkeit im demokratischen Rechts- und Bundesstaat
Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Rechts- und Bundesstaat. So steht es im Grundgesetz (Art. 20) und – meist ohne Erwähnung bundesstaatlicher Zusammenhänge – in nicht wenigen Landesverfassungen (z. B. Art. 2 und 3 BayVerf). Sie kann auch mit Marcus Höreth (2016) als »komplexe Republik« bezeichnet werden. Für Höreth ist Republik nicht nur Staatsform, also »Nicht-Monarchie«, sondern eine freiheitliche Ordnungsvorstellung, in der sich die anderen Prinzipien bündeln und ausformen. Die im Grundgesetz genannten verfassungsrechtlichen Strukturprinzipien stehen in dieser Perspektive in »Wechselwirkungen« zueinander und bilden »Spannungsfelder« (Höreth 2016, S. 12–14). Die für den vorliegenden Zusammenhang einschlägigen verfassungsrechtlichen Strukturprinzipien von Demokratie-, Rechts- und Bundesstaat müssen aus sich heraus wirksam werden und sich gleichzeitig gegenseitig durchdringen können. Es kommt mithin darauf an, die verfassungsrechtlichen Strukturprinzipien so aufeinander abzustimmen und zum Ausgleich zu bringen, dass sie ihre Wirkungsmacht möglichst optimal entfalten können, ohne andere Prinzipien unverhältnismäßig zu beschränken (Hesse 1999, S. 118–124). Und das ist, um Marcus Höreth (2016) zu paraphrasieren, nicht nur komplex, sondern sogar kompliziert. Und der Föderalismus macht die Sache nicht einfacher.
In nicht wenigen Beiträgen, die sich mit der Stellung von Verfassungsgerichten in der politischen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland beschäftigen, werden vor allem die Konflikte und Spannungen zwischen den genannten Strukturprinzipien betont. Ein Beispiel mag genügen: So hat Stefan Haack Landesverfassungsgerichte als »Zwittergebilde« bezeichnet, die eingebettet seien in vier Polaritäten oder Spannungsverhältnisse: Erstens würden sie »[o]szillieren« zwischen der »Sphäre des Politischen und der Sphäre des Rechts«, weil sie politische Streitfragen rechtlich entscheiden müssten. Darauf folgend besäßen sie, zweitens, eine »doppelte Natur als Gericht und Verfassungsorgan«; seien, drittens, Ausfluss »exklusiver Staatsgerichtsbarkeit« und gleichzeitig umfassend zuständige »Rechtsschutzinstanz« sowie schließlich eingebunden »in die Ordnung des Bundesstaatsganzen und dem Bundesrecht unterworfen« und doch auch Ausdruck der Staatlichkeit der Länder (Haack 2010, passim). Ich will im Anschluss und gleichzeitig unter Abwandlung von Haacks Überlegungen die Landesverfassungsgerichtsbarkeit unter drei Blickwinkeln betrachten und diskutieren, wie sich Landesverfassungsgerichtsbarkeit zu den Strukturprinzipien des Rechtsstaates, des Bundesstaates sowie der Demokratie verhält. Deutlich wird dabei, dass die von Haack und anderen betonten Polaritäten oder Spannungsverhältnisse für Landesverfassungsgerichtsbarkeit in variierender Weise Relevanz entfalten.
Landesverfassungsgerichte lassen sich ohne Abstriche mit dem Rechtsstaatsprinzip vereinbaren. Daran ändert auch ihr Status als Verfassungsorgan nichts. Nach K. Stern (1983, S. 13) bedeutet Verfassungsgerichtsbarkeit, »in einem gerichtlichen Verfahren am Maßstab des Verfassungsrechts letztverbindlich zu entscheiden, was rechtens ist. Es ist also ein Rechtssatz, der das Maß des Richtens abgibt«. Ein solches Verständnis weist Landesverfassungsgerichte als Teil des Rechtsstaates aus, der in Art. 20 Abs. 3 GG und in den Landesverfassungen (z. B. Art. 2 Abs. 5 BbgVerf) als Verfassungsstaat definiert wird. Danach ist die Gesetzgebung an die »verfassungsmäßige Ordnung«, die »vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht« gebunden. Analog bestimmen Landesverfassungen, dass die »Gesetzgebung an die verfassungsmäßige Ordnung in Bund und Land« gebunden ist, und »die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden« (Art. 25 Abs. 2 VerfBW). Herrschaft kann im Rechtsstaat mithin nichts anderes sein als unpersönliche Herrschaft des Rechts, der Gesetze und der Verfassung(en). Verfassungsgerichtsbarkeit befindet sich in diesem Verständnis in keiner Spannung zum Rechtsstaatsprinzip: Sie ist Gegenmacht zur Exekutive und Legislative, prüft als Gericht in einem rechtlichen Verfahren mittels juristischer Methoden Streitfälle und kontrolliert, ob der Staat sich an die Verfassungsordnung hält. All dies gilt ohne Abstriche für Landesverfassungsgerichte. In diesem Sinne ist Landesverfassungsgerichtsbarkeit »Vollendung der Verfassungsstaatlichkeit« (Stern 1983, S. 5–11).
Auf den ersten Blick ebenso wenig konfliktträchtig scheint das Verhältnis zwischen Bundesstaatsprinzip und Landesverfassungsgerichten. Folgt man Marcus Höreth (2016, S. 116) sind Rechts- und Bundesstaatsprinzip »harmonisch« miteinander verbunden, sie sind eine »Symbiose« eingegangen. Das zeigt sich schon darin, dass föderale Ordnung immer Rechtsordnung ist. Jeder Bundesstaat bedarf der rechtlichen Ausgestaltung, um Kompetenzen festzulegen und das Verhältnis zwischen Gliedstaaten und Zentralstaat so zu strukturieren, dass Spannungen vermieden und Konflikte ggfs. gelöst werden können. Daraus folgt zugleich, dass sich föderale Konflikte rechtsförmig durch das Bundesverfassungsgericht verbindlich entscheiden lassen. Zudem komplettiert die sich aus der bundesstaatlichen Struktur ergebende vertikale Dimension der Gewaltenteilung rechtsstaatliche Funktionsprinzipien. Das schließt ein, dass die Bundesländer über Staatsqualität verfügen. Die »Verfassungsräume des Bundes und der Länder« stehen »grundsätzlich selbstständig nebeneinander«, wobei die »Länder ihr Verfassungsrecht und damit auch ihre Verfassungsgerichtsbarkeit nach eigenem Ermessen ordnen« können (BVerfGE 4, 178 (189); vgl. auch Franke 1994, S. 924–927; Stern 1983, S. 18). Zudem gilt nach dieser Auffassung, dass Landesverfassungsgerichte innerhalb der Verfassungsordnungen der Länder ebenso oberste Verfassungsorgane sind wie es das Bundesverfassungsgericht innerhalb der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland ist (BVerfGE 36, 342 (357); 41, 88 (119); 60, 175 (209)). Insoweit lassen sich Landesverfassungsgerichte und Bundesverfassungsgericht als Teile eines föderalen Verfassungsgerichtsverbundes verstehen (Brocker 2021; Kneip 2020, S. 44–46), wobei Landesverfassungsgerichte föderale Funktionsprinzipien sogar unterfüttern und stabilisieren können: Denn sie erhöhen die Vielfalt innerhalb der Richterschaft (
Kap. 4), geben der Staatsqualität der Bundesländer effektiv Ausdruck und schaffen die Voraussetzungen für ein pluralistisches Verfassungsverständnis (
Kap. 5). Sie können mithin zur »dezentralen Pluralisierung der Rechtserzeugung auf dem Gebiet des Verfassungsrechts« beitragen (Gärditz 2011, Rn. 46; vgl. auch Brocker 2021, S. 9–10).
Die »getrennten Verfassungsräume« im deutschen Bundesstaat dürfen Einheitsbildung allerdings nicht unmöglich machen oder behindern. Bundesstaatliche Vielfalt muss sich in der Verfassungsgerichtsbarkeit in nationalstaatliche Einheit überführen lassen. Anders gesagt: Das komplexe »Neben-, In- und Übereinander« von grundsätzlich selbstständigen Verfassungsräumen muss strukturiert und koordiniert werden (Möstl 2005, S. 351).3 Es muss, wie Lars Brocker (2021, S. 5) im Anschluss an Andreas Voßkuhle (2011, S. 219 f.) formuliert, die Möglichkeit zur Ausbildung von »Rechtsprechungskohärenz« im deutschen und europäischen Mehrebenensystem existieren. Als praktisch einschlägige »Verbund- und Kohärenzstrategien« nennt Brocker (2021, S. 5–11) bspw. die »grundgesetzkonforme Auslegung von Landesgrundrechten« oder die gegenseitige Rezeption von Urteilen (vgl. auch Franke 1994). Für den vorliegenden Zusammenhang ist zudem von Bedeutung, dass Art. 31 GG dem Bundesrecht Vorrang gibt vor Landesrecht und Art. 100 Abs. 3 GG vorschreibt, dass Landesverfassungsgerichte eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes einholen müssen, wenn sie »bei der Auslegung des Grundgesetzes von einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes oder des Verfassungsgerichtes eines anderen Landes abweichen« wollen (Art. 100 Abs. 3 GG). Wohlgemerkt ist das Bundesverfassungsgericht »keine zweite Instanz über dem Landesverfassungsgericht, die befugt wäre, deren Urteile im vollen Umfang zu überprüfen« (BVerfGE 60, 175 (208)). Doch unbeschadet dieser eingeschränkten Rolle hat das Bundesverfassungsgericht zwischen 1951 und 2020 insgesamt 283 Gesetze der Bundesländer für verfassungswidrig erklärt, d. h. mehr als 4 pro Jahr (Bundesverfassungsgericht 2021, S. 36). Marcus Höreth (2020, S. 71) hat zudem herausgearbeitet, dass, wenn die Rechtseinheit durch »föderale Vielfalt« gefährdet werden könnte, der Rechtsstaat »vor Bundesstaat« gehe. In dieser Hinsicht können Landesverfassungsgerichte die dem deutschen Bundesstaat innewohnende Tendenz zur Unitarisierung befördern (Höreth 2020; für Rheinland-Pfalz vgl. Brocker/Emmenegger 2020; Jutzi 2011).
Während sich die Landesverfassungsgerichtsbarkeit zum Rechts- und Bundesstaatsprinzip also eher komplementär verhält und bestenfalls in Teilen in Spannung befindet, wird das Verhältnis zwischen Verfassungsgerichtsbarkeit und Demokratie grundsätzlich kontrovers diskutiert. Zwei grundlegende Perspektiven lassen sich unterscheiden: Auf der einen Seite können Landesverfassungsgerichte als »Demokratie-Versicherung« (Steinsdorff 2010) begriffen werden. Als oberste Hüter der Landesverfassungen entscheiden Landesverfassungsgerichte verbindlich über Streitigkeiten zwischen Verfassungsorganen, prüfen die Verfassungsmäßigkeit von einfachem Recht und bilden eine eigene Instanz im Bereich des Grundrechtsschutzes (Kneip 2020, S. 28–29). Landesverfassungsgerichte können mithin eine »demokratiefunktionale« Rolle einnehmen (Kneip 2020), weil sie staatliche Herrschaft einhegen und kontrollieren sowie dazu beitragen können, Menschen- und Freiheitsrechte effektiv durchzusetzen.
Auf der anderen Seite werden Verfassungsgerichte als »counter-majoritarian difficulty« (Bickel 1962, S. 16–23) begriffen und als »Ersatzgesetzgeber« oder »Gegenregierung« kritisiert (Landfried 1984), weil sie Entscheidungen von mit einem demokratischen Mandat ausgestatteten Institutionen – Parlament und Regierung – für verfassungswidrig oder gar für nichtig erklären können. Hinzu kommt die nur indirekte Legitimation der Verfassungsrichter*innen sowie der Umstand, dass Verfassungsgerichte keiner demokratischen Kontrolle unterliegen dürfen, sollen sie ihre Aufgabe, Staatsgewalt zu kontrollieren, effektiv erfüllen. Das Spannungsverhältnis zwischen Verfassungsgerichtsbarkeit und Demokratie ist hier offensichtlich, und bisweilen manifestiert sich dieses Spannungsverhältnis in Konflikten über die Rolle von Verfassungsgerichten, die sich ihren Status als »oberste Hüter der Verfassung« nicht selten durch einen Akt der »Selbstautorisierung« erkämpfen mussten (Ooyen 2019, S. 918–919). Das galt auch für das Bundesverfassungsgericht, das sich nach seiner Eröffnung im September 1951 sowohl gegenüber dem Bundesgerichtshof als auch gegenüber der damals amtierenden Bundesregierung und insbesondere deren Justizminister Thomas Dehler (FDP) durchsetzen musste.
Unbeschadet dieser für das Bundesverfassungsgericht entscheidenden Weichenstellung Anfang der 1950er Jahre ist dem Verhältnis von Demokratie und Verfassungsgerichtsbarkeit aber ein grundsätzlicher Strukturkonflikt oder »Widerspruch« eingewoben. Es stellen sich dabei folgende Fragen: »Woher nimmt eine kleine Gruppe von Juristen das Recht, Entscheidungen der gewählten Volksvertreter zu überprüfen oder sich in strittige Kompetenzabgrenzungen zwischen den Staatsgewalten einzumischen?« (Steinsdorff 2010, S. 480). Gibt es gar eine »Oligarchie in der Demokratie?«, wie Winfried Brohm (2001, S. 9) keineswegs polemisch fragt. Brohm spricht dabei dem Bundesverfassungsgericht eine »staatsleitende Funktion« ab, die sich aus dem Grundgesetz ergeben würde. Darüber hinaus ist zu fragen, ob in Demokratien Institutionen an der Staatsleitung beteiligt sein sollen, die keiner demokratischen Kontrolle unterliegen. Entscheidungen von Verfassungsgerichten sind nicht – oder bestenfalls unter sehr eingeschränkten Voraussetzungen – anfechtbar, betreffen grundlegende politische Streitfragen und erfolgen nach Funktionsprinzipien, die sich schwerlich mit dem Demokratieprinzip in Einklang bringen lassen. Diese Fragen stellen sich keineswegs nur für das Bundesverfassungsgericht, sondern ebenso für Landesverfassungsgerichte. Allerdings fallen die Antworten für letztere uneinheitlich aus. Zwar verfügen Landesverfassungsgerichte grundsätzlich über die Kompetenzen, die Ursache für eine Justizialisierung von Politik sein können (oppositionelles Klagerecht bei abstrakten Normenkontrollen; Organstreitverfahren; konkrete Normenkontrolle und Verfassungsbeschwerden) (Hönnige/Gschwend 2010, S. 509–511; vgl. auch Hönnige 2011). Doch kommen die wenigen Untersuchungen, die sich mit der Rolle von Landesverfassungsgerichten in den Bundesländern beschäftigen, zu keinen eindeutigen Schlussfolgerungen (
Kap. 5).
2.2 Wie entscheiden Richter*innen?
Die in der Überschrift dieses Kapitels aufgeworfene Frage scheint rhetorischer Natur. Denn letztlich sollte es nur einen Maßstab für eine richterliche Entscheidung geben: Recht und Gesetz, d. h. im vorliegenden Fall die Verfassung. Nur dann, so die dahinterstehende Annahme, werden die genannten verfassungsrechtlichen Prinzipien des Rechtsstaates und der Demokratie erfüllt. Vereinfacht gesagt, heißt dies: Das Parlament verabschiedet Gesetze, die Regierung führt die Gesetze aus, und die Gerichte wenden die Gesetze in Konfliktfällen an. Das sagen die Lehrbücher, und Studierende der Rechtswissenschaft lernen denn auch bis zum Überdruss, wie zu verfahren ist, um einen Sachverhalt unter eine Rechtsnorm zu subsumieren, d. h. letztere auf den ersten anzuwenden. Dafür sind eben nicht nur Beweise zu erheben, um den Sachverhalt möglichst genau zu erfassen, sondern es sind auch die auf den Sachverhalt anzuwendenden Normen auszulegen. Das ist schwer genug. Ein Beispiel mag dies illustrieren. In den letzten Jahren kam es bei illegal veranstalteten Straßenrennen immer wieder zu Unfällen, bei denen unbeteiligte Personen getötet wurden. Begehen die »Raser« – es waren bisher ausschließlich Männer – in einem solchen Fall nun eine fahrlässige Tötung oder doch Totschlag/Mord? Halten sie den Tod anderer Personen also für möglich, vertrauen aber auf einen positiven Ausgang, oder nehmen sie deren Tod zumindest billigend in Kauf? Auch wenn sich im Einzelfall die Motive der Raser ermitteln ließen, bliebe immer noch die Frage zu beantworten, ob in einem solchen Fall tatsächlich ein Mordmerkmal (wie »gemeingefährliches Mittel« oder »niedrige Beweggründe«) erfüllt ist.
Noch schwieriger ist dies beim Verfassungsrecht. Weil es hier nur so von Begriffen wimmelt, die zwar auslegungsbedürftig, aber nicht unbedingt einfach auslegungsfähig sind. Was heißt Menschenwürde? Was bedeutet Freiheit? Wie weit geht Demokratie? Wann sind Sachverhalte gleich zu behandeln oder müssen als ungleich betrachtet werden? Was genau ist ein Rechtsstaat? Das scheinen doch eher politische als rechtliche Fragen. Und das hat das Bundesverfassungsgericht in seiner 1952 verfassten und 1957 veröffentlichten Statusdenkschrift auch so gesehen (Statusbericht 1957). Es hat argumentiert, dass es die Aufgabe des Bundesverfassungsgerichtes ist, politische Streitfragen mit rechtlichen Mitteln zu lösen. Und darauf gründet sich auch die Kontroverse zwischen Hans Kelsen (2008/[1930/31]) und Carl Schmitt (1996/[1931]) am Ende der Weimarer Republik. In dieser Debatte stellte sich vor allem die Frage, ob Verfassungsrechtsprechung überhaupt möglich (Ooyen 2015) oder nicht stets politische Rechtsprechung sei und damit ein Ding der Unmöglichkeit. Hans Kelsen, einer der Väter der österreichischen Verfassung von 1920 und Mitglied des österreichischen Verfassungsgerichtshofes, vertrat die Auffassung, dass sich Gesetze auf ihre Verfassungsmäßigkeit überprüfen lassen. Ein Verfassungstext ist in Kelsens Auffassung ebenfalls eine positiv gesetzte Rechtsnorm, und solche Normen ließen sich mit den anerkannten juristischen Methoden auslegen. Anders Carl Schmitt: Nach Schmitt könne allein der Reichspräsident, also ein politisches Organ, politische Streitfälle entscheiden, und die Frage, ob ein Gesetz verfassungsmäßig sei, sei nichts anderes als eine politische Frage. Gerichte seien unpolitische Institutionen und ohnehin nicht in der Lage, politische Konflikte mit rechtlichen Mitteln zu lösen. Wie bei den meisten Antworten, die Schmitt gegeben hat, lag er auch hier falsch. Gleichzeitig verstehen nicht wenige Verfassungsrechtsprechung auch heute noch als eine Art Fachgerichtsbarkeit in Verfassungsfragen. In diesem Verständnis ist die Auslegung einer Verfassungsnorm nichts anderes als die Auslegung eines einfachen Gesetzes.
Damit stellen sich grundsätzlich drei Fragen, die die einschlägige politikwissenschaftliche Forschung in dieser Hinsicht adressiert hat: Wel-
Tab. 2.1: Richterliche Entscheidungsfindung und Verfassungsgerichte: politikwissenschaftliche Perspektiven (nach B. Rehder)

Normativ- legalistischVerhaltenstheoretischInstitutionentheoretisch
Quelle: auf Grundlage von Rehder 2007, S. 17; eigene Ergänzungen und Übersetzung.
che Rolle spielt die rechtliche Grundlage bei der Entscheidungsfindung von Richter*innen (im vorliegenden Fall also die Landesverfassungen)? Welche Rolle spielen soziale, politische, kulturelle oder andere persönliche Faktoren bei der Entscheidungsfindung? Und welche Rolle spielen die institutionellen Voraussetzungen für die Entscheidungsfindung? Es sollte kaum überraschen, dass Politik- und Rechtswissenschaft auf jede dieser Fragen diverse Antworten entwickelt haben. Britta Rehder (2007) hat mit einer etwas anderen Zielsetzung eine erhellende und brauchbare Übersicht erstellt, die ich in einem anderen Zusammenhang ebenfalls schon verwendet habe, um Forschungsperspektiven der Politikwissenschaft zur Verfassungsgerichtsbarkeit vergleichend diskutieren zu können (Reutter 2020 f.; vgl. auch Steinsdorff 2019). Ich habe für den vorliegenden Zusammenhang die von Rehder entwickelte Systematik angepasst und auf Theorien der Entscheidungsfindung in Verfassungsgerichten bezogen (
Tab. 2.1).
Normativ-legalistische Ansätze: Vor bald 300 Jahren hat Charles-Louis de Secondat, Baron de La Brède de Montesquieu in seinem bahnbrechenden Buch über den »Geist der Gesetze« (De l’esprit des lois, zuerst 1748) behauptet, Richter*innen seien nichts weiter als der »Mund des Gesetzes« oder la bouche, qui prononce les paroles de la loi (Montesquieu 1994, 11. Buch, 6. Kapitel). Sie wenden lediglich die Gesetze an, die andere geschaffen haben. Das Gesetz – oder das Recht – existiert, ehe Richter*innen es auf den konkreten Einzelfall beziehen. Richter*innen schaffen somit kein Recht, sondern »entdecken« es nur. Dahinter steht ein strikt republikanischer Freiheitsbegriff. Denn für Montesquieu bedeutet Freiheit, sich an die Gesetze zu halten, die man sich selbst gegeben hat, wenn auch durch Repräsentativkörperschaften. Richter*innen kann keine rechtschöpfende Kompetenz zukommen. In der deutschen Rechtswissenschaft findet man ähnliche Positionen (Beyme 2001; Dyevre 2010, S. 297 f.; Rehder 2007). Nach Helge Sodan, ehemaliger Präsident des Verfassungsgerichtshofes des Landes Berlin und Inhaber des Lehrstuhls für Staats- und Verwaltungsrecht an der Freien Universität Berlin, könne sich jede*r Richter*in »Sinn und Zweck der zu deutenden Vorschrift methodisch einwandfrei – d. h. ohne normgelöste subjektive ›Wertung‹ – nur aus der grammatischen, historisch-genetischen und systematischen Interpretation erschließen«. Allein der »objektivierte Wille des Verfassungsgebers sei maßgebend« (Sodan 2001, S. 24). Es zähle also der Wortlaut des Gesetzes oder der Verfassung (grammatisches Element), die systematische Stellung der Rechtsnorm in dem jeweils auszulegenden Rechtsgebiet (systematisches Element), die Entstehungsgeschichte der Norm (historisches Element) und – für Sodan nicht relevant – der Zweck der Regelung (teleologisches Element)4 (vgl. auch Berger 2018, S. 87–89). Allein das sei entscheidend für die Urteilsfindung. Politische Präferenzen oder Überzeugungen der entscheidenden Richter*innen sollten ebenso wenig bei der Urteilsfindung eine Rolle spielen wie deren sozialer Hintergrund, ihr Geschlecht oder ihre ethnische Zugehörigkeit. Der Rechtsstaat ist in dieser Perspektive autonome Sphäre, und Verfassungsgerichtsbarkeit sorgt lediglich für die Konstitutionalisierung von Politik und dafür, dass öffentliche Herrschaft auf Grundlage und im Rahmen der Verfassung ausgeübt wird.
Folgt man dieser hier zugespitzten Auffassung, stellt sich die Frage, ob Richter*innen überhaupt etwas entscheiden oder ob sie nicht bloß »menschliche Computer« (»human computers«) sind (Epstein u. a. 2013, S. 50). Denn richterliches Entscheiden, so die Kritiker*innen dieser Position, funktioniert danach wie ein Algorithmus, frei von persönlichen Erfahrungen, Wertvorstellungen und subjektivem Gerechtigkeitsempfinden. Ein Richter Azdak wie in Brechts kaukasischem Kreidekreis oder ein Richter Salomon wie im Buch der Könige der Bibel sind in dieser Auffassung nicht vorgesehen. Für Azdak oder Salomon zählten nicht, so eine Lesart dieser literarischen Figuren, juristische Logik und Methodik, sondern gesunder Menschenverstand und intuitives Gerechtigkeitsempfinden. Vor allem Politikwissenschaftler*innen und Rechtssoziolog*innen haben daher versucht, sich von den normativ geprägten Vorstellungen legalistischer Ansätze zu lösen und die Motive richterlichen Verhaltens und Entscheidens empirisch zu ergründen.
Verhaltenstheoretische Ansätze: Die auf individuelle Merkmale und das empirisch feststellbare Verhalten abzielende Richtung interessiert weniger der Gesetzestext oder andere juristische Grundlagen, sondern vor allem die Person, die richtet, und deren Motive für die Entscheidung. Ein Vorläufer dieser Richtung war Emil Julius Gumbel, ein Rechtswissenschaftler der Weimarer Republik. Gumbel, dem 1932 die Universität Heidelberg die Lehrberechtigung entzog und der 1933 nach Frankreich und 1940 in die USA emigrieren musste, untersuchte zu Beginn der 1920er Jahre, wie politisch motivierte Morde bestraft wurden. Er kam dabei zu dem Ergebnis, dass Täter mit einem nationalistischen oder rechtsextremistischen Hintergrund weit weniger verfolgt und ungleich milder bestraft wurden als Täter, die Gumbel dem »linken« Spektrum zuordnete (Gumbel 1922). Gumbels Untersuchung warf in der Schlussfolgerung die Frage auf, ob für die Urteilsfindung in diesen Fällen der soziale und politische Hintergrund der ganz überwiegend konservativen Richter*innen ausschlaggebend war, die der Weimarer Republik nicht selten sogar feindlich gegenüberstanden.
Amerikanische Forscher*innen stellten sich Ende der 1940er Jahre ähnliche Fragen und betraten in zweierlei Hinsicht Neuland: Zum ersten operierten sie mit statistischen Daten und Analyseverfahren (Pritchett 1948). Zum zweiten konzentrierten sie sich auf das tatsächliche Verhalten der Richter*innen, also darauf, welche*r Richter*in bei welcher Entscheidung wie votierte. Mit Hönnige (2011; vgl. auch Dyevre 2010; Epstein u. a. 2013, S. 26–64; Maveety 2003) lassen sich dabei drei Herangehensweisen unterscheiden: Die vielleicht wichtigste und einflussreichste Richtung sind die sogenannten »Attitudinalisten«.5 Für sie zählen allein die politischen Präferenzen der Richter*innen. Prägnant haben dies einmal die wichtigsten Vertreter*innen dieser Richtung formuliert (Segal/Spaeth 2002), wobei sie sich auf zwei prominente Richter am U.S. Supreme Court bezogen: auf William H. Rehnquist und Thurgood Marshall. Nach Segal und Spaeth (2002, S. 86) hat Rehnquist, ein ausgewiesen konservativer Vertreter seines Standes, seine Fälle so entschieden, wie er sie entschieden hat, »because he is extremely conservative«, und Marshall, der erste afro-amerikanische Richter am U.S. Supreme Court, »voted the way he did because he was extremely liberal.« Das »strategische Modell« setzt auf dieser Variante auf und erweitert die Erklärung von richterlichem Verhalten. In dieser Variante bestimmen nicht mehr allein politische Präferenzen der Richter*innen – deren »attitudes« – deren Urteilsfindung, sondern weitere Faktoren, die sich schließlich in einer Nutzenfunktion bündeln (Epstein u. a. 2013, S. 48–50; Epstein/Knight 1998). In die Kalkulation dieser Nutzenfunktion gehen dann etwa ein das institutionelle Umfeld oder Karriereüberlegungen und der zeitliche Aufwand der Richter*innen für ihre Tätigkeit. Die »Interpretativists« führen richterliches Verhalten schließlich auf historische und soziologische Faktoren zurück (Hönnige 2011).
Institutionentheorie: Aber auch diese Auffassung hat ihre Kritiker*innen gefunden und zwar aus einem doppelten Grund: Denn zum einen wird behavioristischen – bzw. verhaltenstheoretischen – Ansätzen vorgehalten, dass in ihnen die rechtlichen und institutionellen Voraussetzungen richterlichen Verhaltens keine Berücksichtigung finden. Wenn allein politische Präferenzen, sozialer Hintergrund oder berufliche Ambitionen Urteile von Verfassungsrichter*innen erklären, wo bleiben dann Recht und Verfassung in der Urteilsfindung? Zum anderen stellt sich die Frage, ob institutionelle Faktoren eine Rolle spielen. Und dies ist für den vorliegenden Zusammenhang von besonderer Bedeutung. Denn Richter*innen von Landesverfassungsgerichten operieren in einem rechtlich und politisch strukturierten Umfeld. Mit Silvia von Steinsdorff (2019, S. 221) lässt sich diese Position dahingehend zusammenfassen, dass es weniger auf die von »Attitudinalisten« betonten individuellen Motive der Richter*innen ankommt, sondern auf institutionelle Faktoren – wie Beratungsroutinen, eingeübte Verfahrensabläufe –, die das Verhalten von Richter*innen »prädisponieren, kanalisieren und letztlich auch inhaltlich prägen«. Ganz ähnlich hat Mathilde Cohen argumentiert, die zwischen Ex-ante- und Ex-post-Gerichten unterscheidet. Als paradigmatisches Ex-post-Gericht versteht Cohen den amerikanischen U.S. Supreme Court. Die Richter*innen verfügen in diesem Gericht über eine eigenständige Spruchkompetenz und können ihr Urteil unabhängig von den anderen Richter*innen als »concurrent« oder »dissenting opinion« zu Protokoll geben.6 Ihr Urteil fällen die Richter*innen dabei nach der gemeinsamen Beratung individuell. Bei Ex-ante-Gerichten ist es umgekehrt. Solche Gerichte beruhen wie etwa das Bundesverfassungsgericht – oder die Landesverfassungsgerichte – darauf, dass ein*e Berichterstatter*in dem Richterkollegium einen Entscheidungsentwurf unterbreitet und auf dessen Grundlage die Beratung erfolgt. In dieser Perspektive ist das Gericht ein einheitlicher Spruchkörper, und die Urteile fällt nur das Gericht, auch wenn Sondervoten möglich sind (Cohen 2014). Pointiert formuliert lässt sich sagen, dass in Ex-post-Gerichten die Beratung den Entscheidungsprozess prägt und ihm vorgeschaltet ist, während in Ex-ante-Gerichten die Deliberation auf Grundlage eines Entscheidungsvorschlages des*r Berichterstatters*in stattfindet (vgl. auch Andrade 2020, S. 61–74; Ernst 2012).
3 Möstl (2005) bezieht in seine Überlegungen auch die europäische Ebene ein, die im Weiteren vernachlässigt wird, weil sie für Landesverfassungsgerichtsbarkeit bisher noch keine »nennenswerte Rolle« spielt (Lindner 2020, S. 385).
4 Das Wort telos kommt aus dem Griechischen und bedeutet »Ende«; »teleologisch« meint im vorliegenden Kontext, dass eine Rechtsnorm bezogen auf ihren »Zweck« oder ihr »Ziel« auszulegen ist.
5 Diese Schule der amerikanischen Forschung sieht in politischen Haltungen und Weltanschauungen der Richter*innen, sprich: den attitudes, die Ursache von deren Urteilen.
6 Eine concurrent opinion ist ein Richtervotum, mit dem die Mehrheitsmeinung in einem Gericht unterstützt wird (to concur = übereinstimmen, beipflichten); eine dissenting opinion ist ein Minderheiten- oder ein Sondervotum eines Richters, der von der Mehrheitsmeinung abweicht (to dissent = widersprechen, abweichen).
3 Entstehung und erste Zusammensetzung
Warum gibt es Verfassungsgerichte in den Bundesländern? Das ist hier die Frage. Nach Christoph Möllers (2019, S. 285) ist die Antwort auf diese Frage klar. Denn nach Möllers sind Verfassungsgerichte eine »typische institutionelle Reaktion auf totalitäre Erfahrungen.« Sie gründen in der Geschichte und daraus gezogenen Lehren. Historische Erfahrungen sind mithin ursächlich dafür, dass Verfassungsgeber*innen nach dem Ende totalitärer bzw. autoritärer Regime neu errichtete Demokratien mit Verfassungsgerichten zu schützen versuchen. Möllers, der allein die nationale Ebene in den Blick nimmt, aber seine Erklärung nicht darauf beschränkt, ist mit seiner Feststellung keineswegs allein. So sieht Wilfried Fiedler (1983, S. 115) die Errichtung von Landesverfassungsgerichten nach 1945 vor allem bedingt durch eine »tiefergehende, aus der unmittelbaren Erfahrung mit dem Nationalsozialismus resultierende Motivation«. Landesverfassungsgerichte würde es folglich ohne das Scheitern der Weimarer Republik und den Totalitarismus des NS-Regimes nicht geben.
Allerdings fügen sich die Gründungsgeschichten der heute bestehenden 16 Landesverfassungsgerichte nur teilweise in die von Möllers oder Fiedler formulierte Erklärung ein. Denn die These, Verfassungsgerichtsbarkeit sei primär oder gar ausschließlich Reaktion auf Autoritarismus bzw. Totalitarismus, ist theoretisch durchaus voraussetzungsvoll. Sie vernachlässigt schon, dass sich die Lehren aus der Geschichte in den Debatten über die Errichtung von Verfassungsgerichten in den deutschen Bundesländern in variierender Weise niedergeschlagen haben. Zudem prägten weitere Rahmenbedingungen die verfassunggebenden Diskussionen über die Frage, ob die politische Ordnung eines Bundeslandes mit einem Verfassungsgericht auszustatten sei. Traditionsbezüge, politische Konstellationen oder theoretische Überlegungen spielten ebenso eine Rolle und beeinflussten die konkrete Ausgestaltung der Landesverfassungsgerichte wie historische Erfahrungen. Klaus Stern (1983, S. 4) nennt denn auch eine ganze Reihe von Faktoren, die bei der Schaffung von Landesverfassungsgerichten nach 1945 von Bedeutung waren: Vorbilder aus anderen Staaten (v. a. den USA), den Einfluss der Alliierten sowie die theoretische Überlegung, die Verfassung als oberste Rechtsnorm zu schützen und dafür einen »letztverbindlich entscheidenden ›Hüter der Verfassung‹ in der Gestalt eines Organs der rechtsprechenden Gewalt zu etablieren«. Damit einher ging, so Stern weiter, sich »von der als zu eng verstandenen Staatsgerichtsbarkeit der Länder aus dem 19. Jahrhundert« zu verabschieden (Stern 1983, S. 4). Übernommen von diesen historischen Vorläufern worden seien gleichwohl organisatorische Vorstellungen – insbesondere die Anbindung der neu errichteten Verfassungsgerichte an Fachgerichte – sowie Modi zur Richterbestellung. Hinzu kommen die nach der deutschen Vereinigung geschaffenen Verfassungsgerichte.
Der mit diesen einleitenden Bemerkungen formulierte Imperativ der Differenzierung nimmt Schlussfolgerungen von Wilfried Fiedler (1983) auf, der die Entstehung der Landesverfassungsgerichtsbarkeit nach 1945 in den Ländern der westlichen Besatzungszonen untersucht hat. Fiedler stellt auf Grundlage seiner Befunde fest, dass es eine »kaum zu überblickende Vielfalt von Entwicklungslinien« gibt und dass die Entstehung von Landesverfassungsgerichten sich weder als »geschlossener, homogener Prozess der Rechtsetzung noch als zeitlich klar eingrenzbarer Vorgang« begreifen lässt (Fiedler 1983, S. 104 und 105). Dies gilt inzwischen umso mehr, als nach Fiedlers Bestandsaufnahme sieben weitere Verfassungsgerichte entstanden sind (in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Berlin und Schleswig-Holstein). Insgesamt bedeutet dies: Um die Entscheidungsprozesse über Einrichtung und Ausgestaltung von Landesverfassungsgerichten in den Bundesländern untersuchen und verstehen zu können, reicht es keineswegs, auf die historischen Erfahrungen von Totalitarismus und Diktatur zu verweisen. Vielmehr sind auch andere Einflussfaktoren zu berücksichtigen.
Ein solch unübersichtliches Konglomerat stellt an eine überblicksartige Darstellung der Entstehung von Landesverfassungsgerichten besondere Anforderungen. Denn sie schließt es einerseits aus, die Errichtung aller aktuell existierenden 16 Landesverfassungsgerichte im Detail nachzuzeichnen.7 Das würde nicht nur den Rahmen dieser Einführung bei weitem überschreiten, sondern auch in einer bloßen Aufzählung historischer Fakten und Daten münden – obschon auch darin eine Deutung liegen würde. Kurzum: Jeder Fall ist spezifisch und relevant. Andererseits verlangen gerade die Unübersichtlichkeit und die multikausale Perspektive die analytische Anstrengung mittels verallgemeinernder und typisierender Aussagen. Diese Darstellung will mithin – wie an anderer Stelle – das Allgemeine im Besonderen herausarbeiten. Sie will aus den Geschichten zur Errichtung der 16 Landesverfassungsgerichte eine Geschichte über die Entstehung der Verfassungsgerichtsbarkeit in den deutschen Bundesländern entwickeln. Die Analyse schließt die meist als Sonderfälle betrachteten Entwicklungen im Saarland, in Baden-Württemberg, Berlin und Schleswig-Holstein ein. Unberücksichtigt bleiben die drei 1952 aufgelösten Staatsgerichtshöfe von Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern. Die Darstellung beschränkt sich auf die Grundsatzentscheidung, also auf die grundlegende verfassungsrechtliche Frage, ob ein Verfassungsgericht Teil der politischen Ordnung sein soll. Die im Zuge der Ausführungsgesetze auftretenden Konflikte über die konkrete Ausgestaltung der Verfassungsgerichte werden nur am Rande einbezogen.
Die Darstellung erfolgt in zwei Schritten: Ich untersuche zuerst die Entscheidungen zur Schaffung der Institution(en), also der Landesverfassungsgerichte. Sodann gehe ich der Frage nach, welche Richter*innen an die neugeschaffenen Verfassungsgerichte berufen wurden. Theoretisch formuliert: Entspricht der »institutionellen Reaktion« eine adäquate »personelle Reaktion«? Gab es also nicht nur eine neue Gerichtsbarkeit zum Schutze von Verfassung und Demokratie, sondern auch eine neue Richter*innenschaft, die politisch unbelastet in der Lage und willens war, Verfassung und Demokratie auch dann zu verteidigen, wenn diese gefährdet waren?
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