Kitabı oku: «Gewalt und Mobbing an Schulen»

Der Autor

Wilfried Schubarth hat eine Professur für »Erziehungs- und Sozialisationstheorie« im Bereich Bildungswissenschaften der Universität Potsdam. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind die Jugend-, Schul- und Bildungsforschung, vor allem Gewalt und (Rechts)Extremismus, Werte- und Demokratiebildung, Lehrkräftebildung, Prävention und Intervention sowie Hochschulforschung. Er ist Mitherausgeber der Reihe Brennpunkt Schule.
Wilfried Schubarth
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4. Auflage 2020
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-039146-8
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-039147-5
epub: ISBN 978-3-17-039148-2
mobi: ISBN 978-3-17-039149-9
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort
2 Vorwort zur 3., aktualisierten Auflage
3 Wie sich Gewalt und Mobbing in den letzten Jahren entwickelt haben und welche Gegenstrategien nötig sind
4 a) Haben Gewalt und Mobbing, einschließlich Gewalt gegen Lehrkräfte, in den letzten Jahren zugenommen?
5 b) Welche Rolle spielen Cybermobbing und Hate Speech?
6 c) Welche neueren Erkenntnisse gibt es zur Intervention und Prävention von Gewalt und Mobbing an Schulen?
7 Literatur
8 Teil I Gewalt und Mobbing an Schulen
9 1 Von Amokläufern und Voyeuren: Zur öffentlichen Debatte um »Schule und Gewalt«
10 2 Prävention von Gewalt – eine Aufgabe von Schule?
11 3 Gewaltbegriff und Gewaltverständnis
12 4 Theoretische Erklärungsmodelle für Aggression bzw. Gewalt und Folgerungen für die Prävention
13 4.1 Psychologische Theorien
14 4.2 Soziologische Theorien
15 4.3 Integrative Erklärungsmodelle
16 5 Empirische Ergebnisse zu Ausmaß und Ursachen von Gewalt und Mobbing
17 5.1 Zur Entwicklung der schulbezogenen Gewaltforschung
18 5.2 Ausmaß, Erscheinungsformen und Ursachen von Gewalt
19 5.3 Erscheinungsformen, Struktur und Hintergründe von Mobbing
20 5.4 Forschungsbefunde zu Amokläufen an Schulen
21 5.5 Sexuelle Gewalt an Schulen (Juliane Ulbricht)
22 5.6 Relevanz der Ergebnisse für die Gewaltprävention
23 6 Wiederholungsfragen zu Teil I
24 Teil II Möglichkeiten der Prävention und Intervention
25 1 Begriffe »Gewaltprävention« und »Gewaltintervention«
26 2 »Systemische schulische Gewaltprävention« als ursachenbezogene Prävention
27 3 Allgemeine Möglichkeiten der Prävention und Intervention
28 3.1 Präventionsmöglichkeiten
29 3.2 Interventionsmöglichkeiten
30 4 Spezielle Möglichkeiten: Schulische Präventions- und Interventionsprogramme
31 4.1 Präventionsprogramme gegen Gewalt
32 Streit-Schlichter-Programme (Peer-Mediation)
33 Programm »FAUSTLOS«
34 Sozialtraining in der Schule
35 Training mit aggressiven Kindern
36 Verhaltenstraining für Schulanfänger
37 Komm, wir finden eine Lösung!
38 Programm »Soziales Lernen«
39 4.2 Interventionsprogramme gegen Gewalt
40 Coolness-Training (CT)
41 Die Trainingsraum-Methode
42 Interventionsprogramm zur gewaltfreien Konfliktlösung
43 4.3 Programme gegen Mobbing
44 Das Anti-Bullying-Interventionsprogramm nach Olweus
45 Das Programm »fairplayer«
46 Das Programm »ProACT + E«
47 Das Berner Mobbing-Präventionsprogramm »Be-Prox«
48 Der »No Blame Approach«
49 Die »Farsta-Methode«
50 Das »Trainer-Konzept«
51 4.4 Gewaltunspezifische Präventionsprogramme
52 Das Buddy-Projekt
53 PIT – Prävention im Team
54 Programm »Erwachsen werden« (Lions-Quest)
55 Programm »Eigenständig werden«
56 Konstanzer Trainingsmodell (KTM)
57 Training mit Jugendlichen
58 Programm »FIT FOR LIFE«
59 Fit und stark fürs Leben
60 4.5 Sonstige Konzepte im Kontext der Gewaltprävention
61 Konzepte zur Förderung der Moralentwicklung und der »Civic Education«
62 Interkulturelles Lernen und Demokratie- und Menschenrechtserziehung
63 Geschlechtsspezifische Ansätze
64 Täter-Opfer-Ausgleich im Kontext Schule
65 Schulsozialarbeit
66 Schulinterne Lehrerfortbildung zur Gewaltprävention (SchiLF)
67 Konzept »Erziehende Schule«
68 Konzept »Lebenswelt Schule«
69 Medienpädagogische Konzepte
70 Konzepte der Elternarbeit und Elternbildung
71 5 Was wirkt? Zur Wirksamkeit von Präventions- und Interventionsprogrammen
72 6 Gewaltprävention durch Schulentwicklung: eine Anleitung zum Handeln
73 7 Wiederholungsfragen zu Teil II
74 Teil III Perspektiven der Gewaltprävention
75 Literatur
Vorwort
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieses im Grundgesetz verbriefte Grundrecht gilt auch für die Institution Schule und zwar für Schüler1 und Lehrer. Gleichwohl weiß jeder aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, diesem Recht Geltung zu verschaffen – auch und gerade in der Schule. Neben eigenen Erfahrungen stammt das meiste, was wir über die Schule zu wissen glauben, aus den Medien. Und diese sind beim Thema »Jugend und Gewalt« wahrlich nicht zimperlich, versprechen doch groß aufgemachte Berichte über extreme Gewaltvorfälle, z. B. Amokläufe, erhöhte Aufmerksamkeit und ökonomischen Gewinn. Sich über die Situation an Schulen selbst ein realistisches Bild zu machen, ist deshalb praktisch unmöglich. So bleiben die Fragen, die solche Medienberichte provozieren, weitgehend offen: Wie sicher sind unsere Schulen? Wie viel Gewalt, wie viel Mobbing gibt es an Schulen? Hat die Gewalt zugenommen? Haben wir bald amerikanische Verhältnisse? Was sind Ursachen für Gewalt und Mobbing? Und vor allem: Was kann gegen Gewalt und Mobbing getan werden? Welche Präventionsansätze gibt es und welche haben sich besonders bewährt?
Antworten auf all die Fragen gibt die schulbezogene Gewalt- und Mobbingforschung, die insbesondere seit den 1990er Jahren ihre Forschungsaktivitäten intensiviert hat. Diese haben ein differenziertes Bild von der Situation an Schulen gezeichnet und Folgerungen für die Prävention und Intervention abgeleitet. Zugleich wurden in den letzten Jahren zahlreiche Präventions- und Interventionsprogramme gegen Gewalt bzw. gegen Mobbing entwickelt und erprobt, so dass sich die Ausgangsbedingungen für die Präventionsarbeit, zumindest in dieser Hinsicht, verbessert haben.
Das vorliegende Buch vereint beide Aspekte: Zum einen wird eine kompakte Übersicht über die Hauptergebnisse der schulbezogenen Gewalt- und Mobbingforschung gegeben (Teil I) und zum anderen werden wichtige Konzepte sowie Programme zur Prävention und Intervention von Gewalt bzw. Mobbing dargestellt und bewertet (Teil II). Ein kurzer Ausblick auf Perspektiven der Gewaltprävention rundet das Buch ab (Teil III). Durch die Verknüpfung von Forschungsergebnissen und Präventionsmöglichkeiten versteht sich das Buch als Einführung und Grundlegung zum Thema »Gewalt und Mobbing an Schulen« und ist für alle an der Thematik Interessierten geeignet, z. B. Lehrer, Studierende, Sozialpädagogen, Erzieher, Forscher, Fortbilder, Vertreter von Schulbehörden usw.
Das vorliegende Buch knüpft an mein Buch »Gewaltprävention in Schule und Jugendhilfe« (2000) an und wurde in großen Teilen überarbeitet und ergänzt. So wurden z. B. neue Themen wie Mobbing, Cyberbullying, Happy Slapping oder Amokläufe, die in den letzten Jahren das Spektrum der Gewalt an Schulen erweitert haben, aufgenommen. Außerdem erfolgt eine systematische Darstellung, Bewertung und Einordnung der in den letzten Jahren sehr zahlreich gewordenen Präventions- und Interventionsprogramme. Auf diese Weise versucht der Band, eine Brücke von der Analyse zur (Präventions-)Praxis zu schlagen.
Bedanken möchte ich mich bei Herrn Dr. Klaus-Peter Burkarth für das Publikationsangebot und für die umsichtige Betreuung des Bandes, bei Frau Elisabeth Krüger für das aufwändige Korrekturlesen und insbesondere bei meiner Frau Gisela für die allseitige Unterstützung. Möge das Buch Anregungen geben für die weitere Zivilisierung und Humanisierung der Schule.
| Potsdam, im Herbst 2009 | Wilfried Schubarth |
Vorwort zur 3., aktualisierten Auflage
Seit dem Erscheinen der 2. Auflage (2013) sind einige Jahre vergangen. Jahre, in denen sich in der bundesdeutschen Gesellschaft – wie auch in anderen Teilen der Welt – tiefgreifende Veränderungen vollzogen haben. Vor allem die »Flüchtlingskrise« und der Rechtspopulismus haben das gesellschaftliche Klima verändert und soziale wie kulturelle Konflikte offengelegt. Fremdenhass, Misstrauen gegenüber dem »Establishment«, neue und alte Feindbilder sind allenthalben spürbar, ebenso eine Verrohung der Sprache oder ein respektloser Umgang miteinander. Dahinter verbergen sich oft persönliche Probleme, auch Ängste, rationale wie irrationale. Ängste vor Veränderungen, vor Statusverlust, Wertepluralismus oder Globalisierung. Neue Kommunikationsformen, die Sozialen Medien, haben mit ihren »Echokammern« und »Filterblasen« großen Anteil an diesen Veränderungen und die Struktur der öffentlichen Meinungsbildung ins Wanken gebracht. Cybermobbing und Hate Speech als beinahe alltägliche Begleiterscheinungen sind neue Herausforderungen. »Die Würde des Menschen ist unantastbar« – dieses Grundrecht gewinnt angesichts solcher Herausforderungen weiter an Bedeutung.
Die skizzierten Veränderungen sind an der Schule nicht spurlos vorbeigegangen, zumal sich die Institution Schule in den letzten Jahren selbst mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert sah: Inklusion, Integration von Flüchtlingen, Unterrichtsausfall, Lehrkräftemangel, teilweise hoher Krankenstand, Quereinsteiger, Sanierungsbedarf usw. sind nur einige Stichworte. Hinzu kommen neue inhaltliche Anforderungen wie digitale bzw. Medienbildung, Sprachbildung, Gesundheits-, Ernährungs-, Demokratie- oder Wertebildung. Eine der größten Herausforderungen ist dabei eine veränderte, heterogene Elternschaft, mit denen Schulleitungen und Lehrkräfte zu kooperieren haben. Etliche Schulen, vor allem in sozialen Brennpunkten, fühlen sich von all dem überfordert wie zahlreiche »Brandbriefe« oder andere Überlastungsanzeigen belegen.
Die vorliegende dritte Auflage greift diese vielfältigen Veränderungen in Gesellschaft und Schule auf. Diese dienen als Folie, auf der die Gewaltdebatte der letzten Jahre nachgezeichnet wird. Deshalb ist der neuen Auflage ein Abschnitt zur aktuellen Entwicklung von Gewalt und Mobbing vorangestellt. Dabei geht es vor allem um Fragen wie: Haben Gewalt und Mobbing, einschließlich Gewalt gegen Lehrkräfte, zugenommen? Welche Rolle spielen Cybermobbing und Hate Speech? Und: Welche neueren Erkenntnisse gibt es zur Intervention und Prävention?
Mit diesen Fragen und Themen soll der Gewaltdebatte der letzten Jahre Rechnung getragen werden. Zugleich wird damit die bisherige Debatte um weitere Facetten ergänzt. Unsere Annahme dabei ist, dass ein verändertes gesellschaftliches Klima und vermehrte schulische Aufgaben wie Inklusion, Integration usw. auch neue Anforderungen stellen, insbesondere an das Schulklima und an eine gewaltfreie Kommunikation unter bzw. zwischen Schülern, Lehrkräften und Eltern, was – bei ungünstigen Voraussetzungen – zu einer höheren Gewaltbelastung an Schulen führen kann. Eine der Konsequenzen wäre deshalb, mehr in Bildung und Schule zu investieren und Schulen besser personell und sachgerecht auszustatten. Ansonsten werden Gewalt und Mobbing auch in Zukunft ein Dauerthema bleiben. Das heißt aber auch, dass alle Lehrkräfte grundlegende Kompetenzen beim Umgang mit Gewalt und Mobbing erwerben sollten – am besten schon in der Ausbildung. Der vorliegende Band will dazu einen Beitrag leisten.
Das Erscheinen der dritten Auflage gibt mir zugleich die Gelegenheit, mich bei Herrn Dr. Klaus-Peter Burkarth für die langjährige, kontinuierliche Zusammenarbeit herzlich zu bedanken.
| Potsdam, im Januar 2019 | Wilfried Schubarth |
1 Zugunsten einer lesefreundlichen Darstellung wird in der Regel die neutrale bzw. männliche Form verwendet. Diese gilt für alle Geschlechtsformen (weiblich, männlich, divers).
Wie sich Gewalt und Mobbing in den letzten Jahren entwickelt haben und welche Gegenstrategien nötig sind
Wie im Vorwort zur dritten Auflage kurz beschrieben, haben sich in den letzten Jahren in der Schule wie in der Gesellschaft insgesamt vielfältige Wandlungsprozesse vollzogen: Inklusion und Integration, aber auch Lehrkräftemangel sind nur die bekanntesten Stichworte. Brandbriefe und andere Überlastungsanzeigen sind die Folge. So ist es nicht verwunderlich, dass die Annahme, dass Gewalt und Mobbing an Schulen zugenommen haben, weit verbreitet ist. Das ist jedoch zunächst eine »gefühlte Gewaltzunahme«, die auch von den Medien stark beeinflusst wird.
Für eine Versachlichung der Debatte ist es notwendig, aktuelle Studien zu befragen, soweit diese vorhanden sind. Im Folgenden soll deshalb der aktuelle Forschungsstand zu zentralen Aspekten der Debatte um Gewalt und Mobbing zusammenfassend dargestellt werden. Dabei soll vor allem auf folgende drei Fragen eingegangen werden:
a) Haben Gewalt und Mobbing, einschließlich Gewalt gegen Lehrkräfte, in den letzten Jahren zugenommen?
b) Welche Rolle spielen Cybermobbing und Hate Speech?
c) Welche neueren Erkenntnisse gibt es zur Intervention und Prävention von Gewalt und Mobbing an Schulen?
Mit diesen Aspekten soll die Gewaltdebatte der letzten Jahre aufgegriffen und mittels wissenschaftlicher Erkenntnisse möglichst versachlicht werden. Wir beginnen mit der Frage nach dem Ausmaß und der Entwicklung von Gewalt und Mobbing in den letzten Jahren.
a) Haben Gewalt und Mobbing, einschließlich Gewalt gegen Lehrkräfte, in den letzten Jahren zugenommen?
Unsere Leitthese ist, dass ein verändertes gesellschaftliches Klima, eine heterogene Schüler- und Elternschaft und vermehrte schulische Aufgaben wie Inklusion, Integration usw. auch höhere Anforderungen an Schule und Lehrkräfte stellen, insbesondere an das Schulklima und an eine gewaltfreie Kommunikation unter bzw. zwischen Schülern, Lehrkräften und Eltern, was – bei ungünstigen Voraussetzungen – zu einer höheren Gewaltbelastung an Schulen führen kann.
Zunächst ist nach wie vor festzuhalten, dass Gewalt und Mobbing an Schulen zum Schulalltag gehören und deshalb nicht verharmlost werden dürfen. Laut aktueller PISA-Studie ist fast jeder sechste 15-Jährige in Deutschland regelmäßig Opfer von körperlichen oder seelischen Attacken durch Mitschüler. Fast jeder zehnte 15-Jährige beklagt, regelmäßig Ziel von Spott und Lästereien zu sein. Jeweils 2 % der Befragten geben an, in der Schule herumgeschubst und geschlagen oder bedroht worden zu sein. Jungen sind häufiger Mobbing-Opfer als Mädchen. Letztere sind aber stärker von Ausgrenzung und bösen Gerüchten betroffen (vgl. OECD 2017). Die internationale HBSC-Studie »Health Behaviour in School-aged Children« (11- bis 15-Jährige) kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Danach sind jeweils ca. 9 % der Schüler mehrmals im Monat Opfer bzw. Täter von Mobbing. Im Vergleich zu anderen Ländern liegt Deutschland im unteren Mittelfeld, d. h. deutsche Schulen sind im Vergleich etwas weniger mit Gewalt und Mobbing belastet (HBSC-Deutschland 2015; OECD 2017).
Erfahrungen von Gewalt und Mobbing von Kindern (6 bis 11 Jahre) hat die World Vision Kinderstudie 2018 ermittelt. Ähnlich wie bei der PISA-Studie gibt jedes fünfte Kind an, selbst Erfahrungen mit Ausgrenzung zu haben oder gemobbt zu werden. Dabei gibt es kaum Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen. 6- bis 7-Jährige werden eher gemobbt als ältere Kinder. Kinder aus der unteren sozialen Herkunftsschicht sind davon deutlich mehr betroffen als andere Kinder. Meist findet Ausgrenzung in der Schule statt (16 %), deutlich seltener im Freundeskreis (2 %) oder anderswo (draußen oder in der Familie: 1 %). Ca. 1 % der befragten Kinder berichtet über entsprechende Erfahrungen im Internet (World Vision Kinderstudie 2018).
Gewaltrückgang bis 2014, Trendwende seit 2015/2016?
Bei der Frage nach der Entwicklung von Gewalt und Mobbing ist – entsprechend der Studienlage – die Situation zweigeteilt. Bis etwa zum Jahre 2014 lassen die wenigen Vergleichsstudien eher auf eine Gewaltabnahme schließen. Seit 2015/16 ändert sich das Bild: Seitdem gibt es vermehrt Anzeichen für eine Zunahme von Gewalt, wenngleich die Datenlage nicht einheitlich ist.
So verweist unsere eigene Replikationsstudie von 2014 im Vergleich mit unserer Studie von 1996 insgesamt auf einen leichten Rückgang von Gewalt an Schulen bis zum Jahre 2014. Dieser leichte Rückgang bezieht sich größtenteils auf die Täteranteile. Zugenommen hat dagegen der Anteil der Opfer psychischer Gewalt, während der Anteil der Opfer von verbaler Gewalt konstant geblieben ist (Bilz/Schubarth/Dudziak u. a. 2017). Ähnliche Trends wurden auch durch die HBSC-Studien im Zeitraum von 2002 bis 2014 ermittelt. Danach gab es bis 2010 eine deutliche Gewaltabnahme, die sich dann bis 2014 leicht fortsetzte (Melzer/Schubarth 2016).
Dieser rückläufige Trend für Schulen steht auch im Einklang mit weiteren Befunden (vgl. z. B. Pfeiffer/Beier/Kliem 2018): So ermittelte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) unter Neuntklässlern im Bundesland Niedersachsen von 1998 zu 2015 einen Rückgang des Anteils Jugendlicher, die angaben, eine Körperverletzung begangen zu haben, von 18 auf 5 % und bei Raubtaten einen Rückgang von 5 auf 0,4 %, wobei sich der Rückgang auf Schüler beiderlei Geschlechts, unterschiedlicher Schulformen und unterschiedlicher ethnischer Herkunft bezog. Auch die Statistik der Unfallversicherung verweist bis zum Jahre 2015 auf einen deutlichen Rückgang der Raufunfälle und zwar von 15 (pro 1000 Schülerinnen und Schüler) im Jahre 1999 auf neun Raufunfälle im Jahre 2015. Und schließlich registrierte auch die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKZ) zwischen 2007 und 2015 eine Halbierung der Tatverdächtigungsbelastungszahl (TVZ) im Bereich der Gewaltkriminalität bei 14- bis unter 18-Jährige und zwar von 1.266 auf 628 pro 1.000.000 Personen einer Altersgruppe.
Während somit bis etwa zum Jahre 2014 eine tendenzielle Abnahme von Gewalt an Schulen nachweisbar ist, scheinen die Jahre 2015/16 eine Trendwende darzustellen. Seitdem mehren sich die Anzeichen, dass Gewalt und Mobbing an Schulen zunehmen. Dafür sprechen folgende Befunde, wobei sich aufgrund der schwierigen Befundlage kein klares Gesamtbild ergibt.
Die von den Landeskriminalämtern zum »Tatort Schule« erhobenen Statistiken für 2017 haben folgende Ergebnisse und Trends erbracht: Aus den Lagebildern zum »Tatort Schule« im Jahre 2018 geht hervor, dass die Kriminalität an Schulen in zehn Bundesländern zugenommen hat. Die Steigerungsraten reichen von drei Prozent in Nordrhein-Westfalen, 14 % in Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein, 32 % in Niedersachsen bis zu 114 % im Saarland. Während die Schulkriminalität bis 2013 zurückgegangen war, ist jetzt in zehn Bundesländern eine Trendwende zu beobachten. Besonders deutlich fällt diese Trendwende bei körperlicher und verbaler Gewalt aus. Hier registrierten alle Bundesländer ab 2013 einen Gewaltanstieg, am deutlichsten bei schweren Körperverletzungen: 10 % in Nordrhein-Westfalen, 19 % in Bayern, 21 % in Hessen, 24 % in Rheinland-Pfalz, 39 % in Sachsen-Anhalt, 40 % in Brandenburg, 41 % in Baden-Württemberg, 60 % in Mecklenburg-Vorpommern und 69 % in Berlin. Ein weiteres Indiz für die Klimaverschlechterung an vielen Schulen sei die Zunahme von Bedrohungen, die zwischen 2013 und 2017 z. B. in Baden-Württemberg um 20 %, in Brandenburg um 30 % und in Berlin um über 50 % gestiegen sei (Welt am Sonntag 22.07.2018).
Die Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention beim Berliner Senat verweist in ihrem Bericht von 2017 auf folgende Befunde (Lüter/Schroer-Hippel/Bergert/Glock 2017): Erstmals seit dem Jahre 2010 sind an Berliner Schulen im Jahre 2016 deutlich mehr schulische Gewaltvorfälle polizeilich registriert worden, wobei sich das Ausmaß zwischen den Stadtbezirken stark unterscheidet. Auch beim Notfallmeldesystem der Berliner Bildungsverwaltung ist in den Jahren 2015 und 2016 ein deutlicher (noch stärkerer als in der Polizeistatistik) Anstieg von Gewaltvorfällen an Schulen registriert worden, insbesondere bei Beleidigungen, Drohungen und Tätlichkeiten. Neben den Grundschulen werden seit 2015 auch wieder vermehrt Gewaltvorfälle aus den Integrierten Sekundarschulen gemeldet. Im Zehnjahresvergleich ist der Anteil nicht deutscher Tatverdächtiger für polizeilich registrierte Schulgewalt von 2010 bis 2014 kontinuierlich gesunken, 2015 und 2016 jedoch leicht auf 23 % angestiegen.
Diese schulbezogenen Statistiken passen auch zu Entwicklungstrends bei Jugendgewalt insgesamt. Im Gutachten von Pfeiffer, Baier und Kliem (2018) wird festgestellt, dass es im Jahre 2016 zu einem merklichen Anstieg der Jugendgewalt gekommen sei. Die Tatverdächtigenbelastungszahl bei 14- bis unter 18-Jährigen habe sich auf 705,6 und damit um 12,3 % erhöht. Dieser Anstieg sei primär bei nichtdeutschen Tatverdächtigen zu beobachten, womit die Bedeutung der Integration von Migrantinnen und Migranten im Allgemeinen und von Flüchtlingen im Besonderen unterstrichen werde. Darüber hinaus verweist das Gutachten auf Probleme des politischen Extremismus: Etwa jeder fünfte deutsche Jugendliche sei ausländerfeindlich eingestellt. Etwa jeder 14. Jugendliche habe linksextreme Orientierungen und jeder neunte muslimische Jugendliche islamisch fundamentalistische Einstellungen.
Im Gegensatz dazu können einige Studien jedoch keinen generellen Gewaltanstieg an Schulen bestätigen. So kommt die Studie »Jugend in Brandenburg 2017«, die sich auf Trendanalysen seit Mitte der 1990er Jahre beziehen kann, zu folgenden Aussagen (Institut für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung 2018): Der Anteil der Jugendlichen, die sich oft oder manchmal an Schlägereien beteiligen, ist leicht gesunken (1996: 13,0 %; 1999: 8,9 %; 2001: 8,3 %; 2005: 10,4 %; 2010: 10,9 %; 2017: 8,1 %). Jungen beteiligen sich nach wie vor häufiger an Schlägereien (2017: 12,0 %) als Mädchen (2017: 4,0 %). Dieser rückläufige Trend gilt auch für Gewalterfahrung außerhalb der Schule. Allerdings ist auch ein geringer Anstieg beim Anteil derer zu verzeichnen, die oft geschlagen wurden (2010: 0,9 %; 2017: 1,2 %). Umgekehrt ist der Anteil der brandenburgischen Jugendlichen, die sich nie an gewalttätigen Aktionen beteiligen, angestiegen (1996: 52,0 %; 1999: 59,5 %; 2001: 65,0 %; 2005: 59,8 %; 2010: 61,2 %; 2017: 68,5 %) und erreicht den höchsten Wert in der Zeitreihe seit 1996. Allerdings stellt die Studie einen klaren Anstieg von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit unter Brandenburger Jugendlichen fest (Institut für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung 2018).
Auch im Gutachten für den 23. Deutschen Präventionstag 2018 (Baier 2018) wird für das Bundesland Niedersachsen von 2013 bis 2015 auf einen Rückgang der Schülergewalt verwiesen, sowohl bei der Gesamt-Opferrate als auch bei Sachbeschädigung und verbalen Aggressionen. Ähnliches gilt für das Begehen von Körperverletzungen mit Waffen, inklusive Messer. Jedoch wird von 2013 zu 2015 ein Anstieg des Anteils von Jugendlichen festgestellt, die Messer bei sich führen (männlich: von 27 % auf 29 %; weiblich: von 6 % auf 7 %), was problematisch sei.