Kitabı oku: «Der kleine Muck»
Wilhelm Hauff
Der kleine Muck
Saga
Der kleine Muck
Coverbild/Illustration: Shutterstock
Copyright © 2020, 2020 Wilhelm Hauff und SAGA Egmont
All rights reserved
ISBN: 9788726701050
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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5.
Die Geschichte von dem kleinen Muck
Die Karawane hatte das Ende der Wüste erreicht und fröhlich begrüssten die Reisenden die grünen Matten und die dichtbelaubten Bäume, deren lieblichen Anblick sie viele Tage entbehrt hatten. In einem schönen Tale lag eine Karawanserai, die sie sich zum Nachtlager wählten, und obgleich sie wenig Bequemlichkeit und Erfrischung darbot, so war doch die ganze Gesellschaft heiterer und zutraulicher als je; denn der Gedanke, den Gefahren und Beschwerlichkeiten, die eine Reise durch die Wüste mit sich bringt, entronnen zu sein, hatte alle Herzen geöffnet, und die Gemüter zu Scherz und Kurzweil gestimmt. Muley, der junge, Lustige Kaufmann, tanzte einen komischen Tanz, und sang Lieder dazu, die selbst dem ernsten Griechen Zaleukos ein Lächeln entlockten. Aber nicht genug, dass er seine Gefährten durch Tanz und Spiel erheitert hatte, er gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten, die er ihnen versprochen hatte, und hob, als er von seinen Lustspringen sich erholt hatte, also zu erzählen an:
In Nicäa, meiner lieben Vaterstadt, wohnte ein Mann, den man den kleinen Muck hiess. Ich kann mir ihn, obgleich ich damals noch sehr jung war, noch recht wohl denken, besonders weil ich einmal von meinem Vater wegen seiner halb tot geprügelt wurde. Der kleine Muck nämlich war schon ein alter Geselle, als ich ihn kannte, doch war er nur drei bis vier Fuss hoch; dabei hatte er eine sonderbare Gestalt, denn sein Leib, so klein und zierlich er war, musste einen Kopf tragen, viel grösser und dicker als der Kopf anderer Leute; er wohnte ganz allein in einem grossen Haus und kochte sich sogar selbst; auch hätte man in der Stadt nicht gewusst, ob er lebe oder gestorben sei, denn er ging alle vier Wochen nur einmal aus, wenn nicht um die Mittagsstunde ein mächtiger Dampf aus dem Hause aufgestiegen wäre; doch sah man ihn oft abends auf seinem Dache auf- und abgehen, von der Strasse aus glaubte man aber, nur sein grosser Kopf allein laufe auf dein Dache umher. Ich und meine Kameraden waren böse Buben, die jedermann gerne neckten und belachten, daher war es uns allemal ein Festtag, wenn der kleine Muck ausging; wir versammelten uns an dem bestimmten Tage vor seinem Haus und warteten, bis er herauskam; wenn dann die Türe aufging, und zuerst der grosse Kopf mit dem noch grösseren Turban herausguckte, wenn dann das übrige Körperlein nachfolgte, angetan mit einem abgeschabten Mäntelein, weiten Beinkleidern und einem breiten Gürtel, an welchem ein langer Dolch hing, so lang, dass man nicht wusste, ob Muck an dem Dolch, oder der Dolch an Muck stak, wenn er so heraustrat, da ertönte die Luft von unserem Freudengeschrei, wir warfen unsere Mützen in die Höhe und tanzten wie toll um ihn her. Der kleine Muck aber grüsste uns mit ernsthaftem Kopfnicken und ging mit langsamen Schritten die Strasse hinab, dabei schlürfte er mit den Füssen, denn er hatte grosse; weite Pantoffeln an, wie ich sie sonst nie gesehen. Wir Knaben liefen hinter ihm her und schrien immer: „Kleiner Muck, kleiner Muck!“ Auch hatten wir ein lustiges Verslein, das wir, ihm zu Ehren, hie und da sangen; es hiess:
Kleiner Muck, kleiner Muck,
Wohnst in einem grossen Haus,
Gehst nur all’ vier Wochen aus,
Bist ein braver, kleiner Zwerg,
Hast ein Köpflein wie ein Berg;
Schau dich einmal um und guck,
Lauf und fang uns, kleiner Muck.“
So hatten wir schon oft unsere Kurzweil getrieben, und zu meiner Schande muss ich gestehen, ich trieb’s am ärgsten, denn ich zupfte ihn oft am Mäntelein, und einmal trat ich ihm auch von hinten auf die grossen Pantoffeln, dass er hinfiel. Dies kam mir nun höchst lächerlich vor, aber das Lachen verging mir, als ich den kleinen Muck auf meines Vaters Haus zugehen sah. Er ging richtig hinein und blieb einige Zeit dort. Ich versteckte mich an der Haustüre und sah den Muck wieder herauskommen, von meinem Vater begleitet, der ihn ehrerbietig an der Hand hielt, und an der Türe unter vielen Bücklingen sich von ihm verabschiedete. Mir war gar nicht wohl zu Mut, ich blieb daher lange in meinem Versteck; endlich aber trieb mich der Hunger, den ich ärger fürchtete als Schläge, heraus und demütig und mit gesenktem Kopf trat ich vor meinen Vater. „Du hast, wie ich höre, den guten Muck geschimpft?“ sprach er in sehr ernstem Tone. „Ich will dir die Geschichte dieses Muck erzählen und du wirst ihn gewiss nicht mehr auslachen; vorund nachher aber bekommst du das Gewöhnliche.“ Das Gewöhnliche aber waren fünfundzwanzig Hiebe, die er nur allzu aufrichtig aufzuzählen pflegte. Er nahm daher ein langes Pfeifenrohr, schraubte die Bernsteinmundspitze ab, und bearbeitete mich ärger als je zuvor.
Als die fünfundzwanzig voll waren, befahl er mir, aufzumerken, und erzählte mir von dem kleinen Muck:
Der Vater des kleinen Muck, der eigentlich Mukrah hiess, war ein angesehener, aber armer Mann, hier in Nicäa. Er lebte beinahe so einsiedlerisch, als jetzt sein Sohn. Diesen konnte er nicht wohl leiden, weil er sich seiner Zwerggestalt schämte und liess ihn daher auch in Unwissenheit aufwachsen. Der kleine Muck war noch in seinem sechzehnten Jahre ein lustiges Kind, und der Vater, ein ernster Mann, tadelte ihn immer, dass er, der schon längst die Kinderschuhe zertreten haben sollte, noch so dumm und läppisch sei.
Der Alte aber tat einmal einen bösen Fall, an welchem er auch starb und den kleinen Muck arm und unwissend zurückliess. Die harten Verwandten, denen der Verstorbene mehr schuldig war, als er bezahlen konnte, jagten den armen Kleinen aus dem Hause, und rieten ihm, in die Welt hinauszugehen und sein Glück zu suchen. Der kleine Muck antwortete, er sei schon reisefertig, bat sich aber nur noch den Anzug seines Vaters aus, und dieser wurde ihm auch bewilligt. Sein Vater war ein grosser, starker Mann gewesen, daher passten die Kleider nicht. Muck aber wusste bald Rat; er schnitt ab, was zu lang war, und zog dann die Kleider an. Er schien aber vergessen zu haben, dass er auch in der Weite davon schneiden müsse, daher sein sonderbarer Anzug wie er noch heute zu sehen ist; der grosse Turban, der breite Gürtel, die weiten Hosen, das blaue Mäntelein, alles dies sind Erbstücke seines Vaters, die er seitdem getragen; den langen Damascenerdolch seines Vaters aber steckte er in den Gürtel, ergriff ein Stöcklein und wanderte zum Tore hinaus.
Fröhlich wanderte er den ganzen Tag, denn er war ja ausgezogen, um sein Glück zu suchen; wenn er einen Scherben auf der Erde im Sonnenschein glänzen sah, so steckte er ihn gewiss zu sich, im Glauben, dass er sich in den schönsten Diamant verwandeln werde; sah er in der Ferne die Kuppel einer Moschee wie Feuer strahlen, sah er einen See wie ein Spiegel blinken, so eilte er voll Freude darauf zu; denn er dachte in einem Zauberland angekommen zu sein. Aber ach! Jene Trugbilder verschwanden in der Nähe, und nur allzubald erinnerte ihn seine Müdigkeit und sein vor Hunger knurrender Magen, dass er noch im Lande der Sterblichen sich befinde, So war er zwei Tage gereist, unter Hunger und Kummer, und verzweifelte, sein Glück zu finden; die Früchte des Feldes waren seine einzige Nahrung, die harte Erbe sein Nachtlager. Am Morgen des dritten Tages erblickte er von einer Anhöhe eine grosse Stadt. Hell leuchtete der Halbmond auf ihren Zinnen, bunte Fahnen schimmerten auf den Dächern und schienen den kleinen Muck zu sich herzuwinken. Ueberrascht stand er stille und betrachtete die Stadt und die Gegend. „Ja, dort wird Klein-Muck sein Glück finden,“ sprach er zu sich und machte trotz seiner Müdigkeit einen Luftsprung, „dort oder nirgends“ Er raffte alle seine Kräfte zusammen und schritt auf die Stadt zu; aber obgleich sie ganz nahe schien, konnte er sie doch erst gegen Mittag erreichen, denn seine kleinen Glieder versagten ihm beinahe gänzlich ihren Dienst und er musste sich in den Schatten einer Palme setzen, um auszuruhen. Endlich war er an dem Tore angelangt. Er legte sein Mäntelein zurecht, band den Turban schöner um, zog den Gürtel noch breiter an und steckte den langen Dolch schiefer; dann wischte er den Staub von den Schuhen, ergriff sein Stöcklein und ging mutig zum Tore hinein.
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