Kitabı oku: «Die jüdisch-christlich-islamische Kultur Europas», sayfa 5
Im Mai 2008 beklagte Ishak Alaton, Chef der Alarko-Holding, einer der bekanntesten Geschäftsleute in der Türkei, in einem offenen Brief an die türkische Wirtschaftszeitung ‘Refrans’ „eine wachsende ‘Paranoia’ in der Türkei gegenüber den Minderheiten.“ Dabei übte er auch Kritik an einem Verfassungsgerichtsurteil, „mit dem der Immobilienverkauf an Ausländer gestoppt worden war.“ Diese „ultranationalistischen Entwicklungen“ führen nach Auffassung von Alaton „zu Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit“. Dieser Nationalismus richte sich gegen alle, „die nicht sunnitische Muslime sind“. Von einem speziellen Antisemitismus in der Türkei nahm Alaton die Regierung Erdogan und die Regierungspartei AKP jedoch „ausdrücklich“ aus. Träger dieser nationalistischen Fremdenfeindlichkeit seien „vielmehr die Bürokratie und die Medien“, welche mit dem Appell an niedere Instinkte Geschäfte machen.170
Erschwerend für die christlich-islamischen Beziehungen, auch in der Türkei, kommt in der Gegenwart noch hinzu, dass die von Christen und Moslems praktizierten Wertvorstellungen, auch für die Türkei zutreffend, zunehmend auseinanderdriften. In den christlichen Staaten von Europa und USA geht der Stellenwert der Familie immer mehr zurück. Im Islam ist die Frau das Symbol für den Zusammenhalt der Familie und zuständig für die Aufzucht, Erziehung und Sozialisation der Kinder. Für orthodoxe Moslems ist die von Gott geschaffene Familie nicht vereinbar mit der an westlichen Vorstellungen orientierten Emanzipation. Gläubige Moslems vermissen im westlichen System den Gemeinschafts- und Familienbezug, der für den Islam unverzichtbar ist. Moslems können mit dem westlichen Geist des Individualismus, einem Produkt der europäischen Aufklärung, nichts anfangen. Es fehlen ihnen zum Verständnis der Emanzipation auch die geistesgeschichtlichen Voraussetzungen. Denn die geistes- und religionsgeschichtliche Entwicklung im Islam ist völlig anders verlaufen.
Wie für die orthodoxen Juden sind auch die im Westen immer mehr um sich greifenden Formen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, Rumpffamilien allein erziehender Mütter oder Väter und andere vergleichbare reduzierte Lebensformen für den Moslem nicht tragbar. Anders als in den westlichen Staaten, wo die „Würde des Menschen“ zwar noch in den Verfassungen steht, aber nicht wirklich die Gesellschaft prägt, wird im Islam die menschliche Würde, z.B. auch in Gestalt der Gastfreundschaft, respektiert, vorausgesetzt dass man kein Jude ist! Die Gastfreundschaft ist in den islamischen Staaten noch immer sehr ausgeprägt. Das wird auch durch das Islam-Handbuch von Dumont bestätigt: „Einen reisenden Fremdling als Gast aufzunehmen, galt als vornehme Pflicht. Für ihn auch die letzten Nahrungsreserven zu mobilisieren und eventuell das letzte Kamel zu schlachten galt als selbstverständliche Norm.“171 Der Koran verlangt nicht nur wie das Alte Testament eine Respektierung von Witwen und Waisen, sondern auch ein großzügiges Verhalten den Reisenden und Fremden gegenüber. Das hat dann dazu geführt, „dass sich in den islamischen Gesellschaften zahlreiche Einrichtungen entwickelt haben, die zur Unterstützung und Versorgung von Reisenden dienen“. Es wurden sogar „Fromme Stiftungen“ ausschließlich für diesen Zweck gegründet. In diese Stiftungen flossen nicht primär Geld, sondern u.a. „die Erträge aus Landgütern und Gärten, aus der Verpachtung von Ladengeschäften und Mühlen“.172 Allerdings wollen auch die islamischen Gastgeber vom Gast respektiert werden. Muslime achten weitaus mehr als die Christen auf ihre Ehre. Sie steht im islamischen Wertekatalog ganz weit vorne.
Die eigene Ehre, welche einst auch in der vorindustriellen feudalistischen Gesellschaft, z.B. im Zunftwesen, der westeuropäischen Staaten eine leitende gesellschaftliche Idee war, hat in den meisten islamischen Staaten oft einen höheren Stellenwert als das fremde Leben. Für viele Moslems wäre ein Leben in Schande schlimmer als der Tod. Dieser ungeschriebene Ehrenkodex wirkt natürlich auch massiv in das Privatleben der Menschen, nicht zuletzt der Mädchen und Frauen, hinein. In diesem Sinne verletzt eine Frau, die sexuelle Kontakte vor der Ehe pflegt, nicht nur ihre eigene, sondern auch die Ehre ihrer Familie und sogar der sozialen Gruppe, der sie angehört. Liebe und Ehe sind bei vielen Muslimen noch immer keine Privatsache. Junge Leute wohnen vor der Eheschließung nicht zusammen und haben auch keine sexuellen Kontakte. Diesen strengen Ehrenkodex behalten viele Moslems auch in ihren europäischen Gastländern bei, dabei kommt es auch zu sog. Ehrenmorden: Der Vater tötet seine Tochter bzw. der Bruder seine Schwester, die sich vor der Ehe sexuell mit einem Nichtmoslem eingelassen hat und mit diesem unter einem Dach lebt, oder eine orthodox-türkische Familie schließt einen Sohn aus dem Familienverband aus, weil er eine christliche Frau geheiratet hat und zum Christentum übergetreten ist. Die Zerstörung des religiösen Bandes ist für gläubige islamische Familien auch ein Zerreißen der sozialen Zusammengehörigkeit. Ernstzunehmende Islamforscher vertreten allerdings die Auffassung, dass Zwangsheiraten, welche mit den Grundsätzen des deutschen Grundgesetzes (wie auch anderer europäischer Verfassungen) unvereinbar sind, und Selbstmordattentate dem Geist und Buchstaben des Korans widersprechen.
Man kann den Vergleich zwischen dem orientalischen Islam und dem westlichen ‘Christentum’ auf einen knappen Nenner bringen: Hier eine extreme, vielfach überbordende Strapazierung des Individualismus mit der wachsenden Verherrlichung des sog. Single-Daseins und zunehmende Vereinsamung und Entfamilialisierung nicht zuletzt alter Menschen mit steigender Selbstmordrate, dort im Islam weitaus mehr ein Leben in der Gemeinschaft und in Sippschaften und Großfamilien. Der einzelne zählt hier wenig, die Sippe als Großfamilie ist (fast) alles. Die starke gegenseitige soziale Kontrolle wird aber, abweichend von unserer Mentalität, nicht als Verlust, sondern von den meisten Mitgliedern eher als ein Gewinn an persönlicher Freiheit empfunden. Der Islam hat zudem einen anderen Begriff von Freiheit. Diese kommt allerdings den meisten Frauen in den meisten muslimischen Staaten immer noch viel zu wenig zugute.
Die Glaubwürdigkeit der Quellen der Antike
Römische Quellen
Die Forscher waren im Mittelalter und noch weit bis in die Neuzeit hinein völlig auf die Geschichte des oströmischen Byzanz fixiert, aber auch hier nicht real, sondern mehr mythisch wie in der Alexandersage, welche mit den uns überlieferten Quellen nicht übereinstimmt. Dazu passt auch sehr gut die Tatsache, dass das mittelalterliche Europa kaum Kenntnis von der griechischen Sprache und Geschichte hatte. Doch auch in den uns überlieferten Texten des Neuen Testamentes, die ja immerhin in der Zeit der hellenistischen Kultur geschrieben sein sollen, hört man überhaupt nichts über die alten Griechen173 und kaum etwas über die Römer.174 Zahlreiche mittelalterliche Geschichtsschreiber und Chronisten, welche die ihrer Gegenwart vorausgehende Zeit behandeln, berichten nichts von der griechisch-römischen Antike, von der Geschichte Ägyptens und Mesopotamiens ganz zu schweigen. Ein österreichischer Chronist des ausgehenden 14. Jahrhunderts aus dem Kreis um Herzog Albrecht III. – es handelt sich wohl um Gregor Hagen – „bringt die Entstehung Österreichs mit der jüdischen Geschichte des Alten Testamentes“175 in unmittelbare Verbindung. Bei der Beurteilung dieser erstaunlichen Nähe der frühen österreichischen Historiographie und des österreichischen Herrschaftssystems, das ja in Hagens Geschichtswerk seinen Niederschlag findet, zum Alten Testament kommt es nicht auf den Wahrheitsgehalt dieser Verbundenheit an, sondern darauf, dass mittelalterliche Chronisten wie Gregor Hagen ihre Frühgeschichte mit dem Alten Testament beginnen, nicht jedoch mit der uns heute bekannten antiken Geschichte der Ägypter, Mesopotamier, Griechen und Römer. Die auf Hagen folgende „Österreichische Chronik“ des Thomas Ebendorfer (deren Originalhandschrift um 1450 herum nicht mehr erhalten ist) „enthält die Darstellung der heidnischen Vorzeit“ in einer recht nebulosen Form. Die „Zeit von den christlichen Anfängen bis zu den Habsburgern“176 ist dagegen schon plastischer und greifbarer. Die klassische Antike war für ihn jedoch noch ein verschlossenes Buch mit sieben Siegeln und ihm erstaunlicherweise völlig unbekannt! Daraus kann man folgern, dass die klassische Antike selbst in Österreichs Spätmittelalter noch weit davon entfernt war, ein prägender Faktor von Herrschaft und Kultur zu sein.
Die klassische Antike wird in Europa angeblich schon im 16. Jahrhundert wiederentdeckt, aber erst seit dem 18. Jahrhundert wandten sich dann auch nördlich der Alpen breitere Kreise der Intelligenz und des Bürgertums der Antike zu. Man fragt sich aber, warum es immerhin zwei Jahrhunderte gedauert hat, bis man sich in Europa wirklich gezielt der Erforschung der Antike zuwandte. Von einer ernst zu nehmenden Entdeckung der Antike im 16. Jahrhundert kann also nicht die Rede sein. Denn beim europäischen Hochadel bestand noch in der frühen Neuzeit die Tendenz, die Ahnen möglichst auf Adam und Eva zurückzuführen. Die bürgerlichen Wappengraveure passten sich nach wie vor dieser Neigung an. Noch im „Wappenbüchlein“ des Nürnberger Graveurs Johann Siebmacher177 von 1596 finden sich bei den ersten Wappen nicht Ägypter, Griechen oder Römer, sondern neun jüdisch-alttestamentarische. Sie sind betitelt als „Der ersten Welt; Deß Adams; Deß Noha178“, dann folgen „Die drey guten Juden Fürst Josua, König David, Judas Maccabeus“ und „Die Drey guten Jüdin[nen] Hester179, Judith, Jael.“ Noch vor den drei guten Christen (Carolus Magnus, König Artus, Herzog Gottfried von Bulion [Bouillon]) und Christinnen (Kaiserin Helena, Brigitta von Schweden, Elsbeta [Elisabeth von Thüringen]) kommen die jeweils drei Wappen der „Drey guten Heyden“ (Hector von Troja, Alexander der Große, Julius Caesar) und der „Drey guten Heydin[nen] (Lucretia, Veturia, Virginia). Nach den Wappen der guten Christen und Christinnen kommen weitere drei Wappen, welche im weiteren Sinne nicht der klassischen Antike, sondern dem Neuen Testament angehören, nämlich „Die Heiligen Drey König“ Caspar, Balthasar, Melchior“. Von den 24 Wappen des „Wappenbüchleins“ kann man also insgesamt 18 der jüdisch-christlichen Welt zuordnen. Die 6 ‘heidnischen’ Wappen geben zudem nicht die reale, sondern – vor allem bei den Frauen – die mythische Sicht der Antike wieder. Man könnte somit glauben, dass selbst in einer so weltoffenen Stadt wie Nürnberg die Renaissance mit der Wiederentdeckung der Antike völlig unbekannt war.
Wenn man jedoch über den europäisch-christlichen Gartenzaun hinauszublicken wagt, dann stellt man mit Erstaunen fest, dass die islamischen Autoren, auch diejenigen in Al Andalus, der römischen und vor allem der griechischen Antike näher stehen als die christlichen von West- und Mitteleuropa. Nicht nur die jüdisch-islamischen Ärzte wie z.B. Avicenna180 und Maimonides181 bauen nach herrschender Lehre auf Hippocrates, Galen, Plato und vor allem auf dem griechischen Philosophen Aristoteles auf. Die iberischen Juden und Muslime betrachten sich, worauf der Arabist aus Sevilla, Emilio Gonzales Ferrín, immer wieder hinweist, als die wahren Erben der Antike und des Römischen Reiches. Der geistig-kulturelle Mittelpunkt dieses Reiches, der nicht zuletzt durch die Präsenz der Juden geprägt war, lag bis weit in die römische Kaiserzeit hinein nicht in Rom, sondern in der ägyptischen Weltstadt Alexandria, welche vor allem von der Kultur der Griechen und Juden geprägt war. Hier wirkten nicht nur die großen Theologen, Philosophen und Ärzte, sondern auch bedeutende Naturwissenschaftler und Techniker. Nicht nur in Alexandria, sondern auch im südspanischen Andalusien wurden die Errungenschaften der materiellen Kultur der Römer, z.B. die Wasserleitungen und das Kanalisationssystem, übernommen und vielfach sogar weiter ausgebaut.
Recht abenteuerlich erscheint das, was wir von Aristoteles aus islamischen Quellen (sie weichen nicht selten von christlichen Quellen ab) wissen.182 Es gibt zu ihm eine arabische Quelle, nämlich Abd al-Latif al Bagdadi (11621231), der im Zusammenhang mit der sog. Pompejussäule in Alexandria über den Philosophen Aristoteles berichtet. Ich zitiere diese wichtige Stelle aus Strohmaier:
„Ich bin der Meinung, daß dies die Säulenhalle ist, in der Aristoteles und nach ihm seine Schüler lehrten, und daß es das Haus der Wissenschaft war, das Alexander errichtete, als er seine Stadt erbaute, und in ihm war die Bibliothek, die Amr Ibn al-As mit Erlaubnis Umars verbrennen ließ.“183
Für Bagdadi ist also Aristoteles, der Lehrer von König Alexander dem Großen, ein Bewohner der Weltstadt Alexandria. Darüber dass Aristoteles ein Grieche sein soll, weiß er aber nichts zu berichten. Das im wesentlichen im 19. Jahrhundert entstandene Bild der Antike, welches das jüdischchristliche Modell ablöste, weist nicht wenige „logische und faktische Widersprüchlichkeiten“ wie auch offensichtliche Unstimmigkeiten auf, auf welche nicht zuletzt Gunnar Heinsohn, Professor an der Universität Bremen, mehrfach hingewiesen hat.184 Diese Unstimmigkeiten wirken sich auch auf die antike und mittelalterliche Chronologie aus. So gibt es z.B. eine christliche Kölner Handschrift, „die eine Zeitrechnung verwendet, die sich nicht an der Geburt Christi ausrichtet, sondern an dem Wiederaufbau des jüdischen Tempels orientiert.“185
Auch in der Überlieferung der römischen Geschichte und Sprache vermutet Davidson Lücken.186 Latein (das sog. klassische Latein) war wohl genauso wie Hebräisch und (klassisches) Griechisch eine reine Kunstsprache. Hebräisch war „schon in frühesten Zeiten in Palästina keine lebende Sprache, sondern nur noch eine heilige Gelehrtensprache.“187 Es war auch in Europa bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die Sprache einer sehr begrenzten geistlichen und wissenschaftlichen jüdischen Elite. Die große Masse der Aschkenasim sprach Jiddisch, der sephardischen Juden Ladino und Judezmo (romanische Sprachen). Die Aschkenasim bezeichneten ihre Sprache nicht als jiddisch, sondern als „taitsch“ (deutsch).
Im Gegensatz zum Jiddischen und Ladino waren das angeblich unter Alfons X., dem Weisen (1252-1282), – unter Mitwirkung der spanischen Juden – geschaffene Kastilisch188 und das in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts in der Prager Kanzlei geschaffene Deutsch reine Kunstsprachen. Kastilisch soll sich nach Aussage des im 15. Jahrhundert lebenden Grammatikers Antonio de Nebrija wohl schon im Hohen Mittelalter „nach Aragon, Navarra und Italien“ ausgebreitet haben. Im Gegensatz zu Hebräisch, Latein und Griechisch war in großen Teilen des südlichen Iberiens bis ins späte Mittelalter das Arabische noch eine lebende Sprache.189
In Dantes Sprachkonzeption ist im Unterschied zum Arabischen und zu den historisch gewachsenen romanischen Volkssprachen, welche linguae naturales, also Natursprachen, sind, das klassische Latein eine lingua artificialis, also eine Kunstsprache, quam Romani grammaticam vocaverunt (welche die Römer als Grammatik bezeichneten). Auch für Dante ist das klassische Latein eine Sprache, in welcher die Grammatik eine wesentlich größere Rolle spielt und welche auch wesentlich anspruchsvoller zu erlernen ist als die Volkssprachen.190
Es ist somit undenkbar, dass ein einfacher Römer z. B. das Werk von Sallust oder Reden des Cicero hätte lesen und verstehen können.191 Mir ist ja immer seltsam vorgekommen, dass auch noch das heutige moderne Spanisch in der Grammatik dem Lateinischen viel näher verwandt ist als das moderne Italienisch. Vielleicht besteht des Rätsels Lösung darin, wie Ralph Davidson davon auszugehen, dass die romanischen Sprachen nicht Tochtersprachen des Lateinischen sind, sondern evtl. einer älteren „romanischen“ Sprachschicht Europas angehören, welche einst von Portugal bis Rumänien reichte. Neben anderen hat sich auch Horst Friedrich dieser erstmals von Davidson im Jahre 1995 geäußerten Auffassung angeschlossen.192
Verglichen mit dem Lateinischen weist die Entwicklung des Hebräischen vom Bibelhebräischen bis zum modernen Israelhebräisch eine einmalige Kontinuität auf. Interessant ist für mich, dass das jüdische Volk das einzige der westlich-abendländischen Kultur ist, das wirklich aus der Sicht von Sprache und Kultur noch in einer wirklich antiken Tradition steht. Die hebräische Sprache hat sich, von modernen Wortbildungen wie tazgig (Email), mechonit (Auto), monit (Taxi) etc. abgesehen, bis zum heutigen Tag in ihren Grundfesten erhalten. Es ist auch heute noch viel schwieriger, einen unpunktierten hebräischen als einen deutschen Text flüssig zu lesen.
Nicht so einfach liegen die Probleme bei allem, was mit „deutsch“ zu tun hat. Was die deutsche Geschichte und damit auch die Begriffe deutsch und Deutschland betrifft, darf man getrost von einer germanischen Ideologie sprechen. Höchst verdächtig ist, dass die meisten antiken Texte – auch solche, welche mit den Anfängen Deutschlands zu tun haben – ausgerechnet „erst von den frühen Humanisten durch systematische Suche vor allem in den Klosterbibliotheken193 des deutschen Kulturraumes und Sprachgebietes ans Licht befördert worden“194 sind. Dazu gehört auch die Germania von Tacitus, an deren Echtheit Brasi195 mit Berufung auf Herbert Hunger196 zu Recht zweifelt. Die Tacitushandschrift ist unter seltsamen Umständen erstmals 1425 im deutschen Kloster Hersfeld entdeckt und noch später publiziert worden.197
Über die hier angeschnittene Frage hinaus ist zu beachten, dass auch literarische Quellen, welche Ereignisse und Vorgänge der Antike betreffen, nicht nur aus dem Mittelalter stammen, sondern – zu einem sehr geringen Teil – auch antiker Provenienz sind. Es hat sich noch nicht einmal bei allen Historikern herumgesprochen, dass „viele Dutzende von längeren und kürzeren Fragmenten der antiken Literatur“, vor allem der altgriechischen, auf antiken Papyri überliefert worden sind und sich bis heute erhalten haben. Die Fragmente griechischer Papyri sind für die Wirkungsgeschichte des Hellenismus ohne Bedeutung und bringen auch sonst, wenn man von medizinischen Spezialfragen absieht, keinen allgemeinen historischen Erkenntnisgewinn.
Noch geringfügiger sind die Funde lateinischer literarischer Papyri. „Sie beschränken sich auf bescheidene Fragmente aus bereits bekannten Klassikern, die in der Schule gelesen wurden (Cicero, Livius, Sallust. Vergil).“198 Festzuhalten ist, dass auch die Merowinger, Araber, das Frankenreich und seine Nachfolgestaaten Papyri für ihre Urkunden verwandten. Neben dem Papyrus und dem Papier diente im Mittelalter das Pergament als Hauptbeschreibstoff für alle möglichen Quellen. Texte der antiken Literatur liegen uns bereits vereinzelt seit dem 2. nachchristlichen Jahrhundert vor. „Mehr oder weniger vollständige Pergamentkodizes begegnen uns zum erstenmal im 4. Jh. mit den beiden berühmten griechischen Bibelhandschriften, dem Sinaiticus und Vaticanus“. Vom 5. und 6. Jahrhundert an „besitzen wir bereits eine größere Zahl christlicher und profaner Pergamenthandschriften in Ost und West, d.h. in griechischer und lateinischer Sprache“199, so z.B. unter anderem auch Codices über Terenz, Vergil und Livius. An die Stelle der Rolle trat schon in der römischen Kaiserzeit zunehmend der Codex, der ja im Grunde der Vorläufer des modernen Buches war. Seit dem 2. Jahrhundert u. Z. wurden heidnische Schriftsteller in der Regel auf Pergamentrollen, christliche Autoren auf Papyruscodices festgehalten.
Bei den Handschriften sollten wir uns aber stets vor Augen halten, dass wir wirklich tragbare Ergebnisse über die Echtheit von Papyrus- und Pergamenthandschriften erst dann bekommen, wenn man deren Alter genauer, als bisher möglich, ermitteln kann. Die Radiokarbonmethode und Dendrochronologie sind für solche erdgeschichtlich relativ kurze Perioden, wie Oleinikov und andere dargelegt haben, nur in begrenztem Maße geeignet.200 Man hat sie darum auch nie dafür herangezogen.
Ein auffallend großer Anteil von Abschriften lateinischer Autoren, welche aus dem Mittelalter erhalten bzw. im Mittelalter entstanden sind, wurde, wie oben bereits angedeutet, durch von der römischen Kurie beauftragte Humanisten im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit in deutschen Klöstern entdeckt. Erstaunlicherweise erstreckte sich diese bibliophile Schatzsuche vor allem auf deutschsprachiges Gebiet, „weil auf deutschem Boden noch Schätze zu finden waren, die keine italienische Bibliothek besaß.“201 Italienische Gelehrte wühlten also im Auftrag der Kurie und anderer kirchlicher Kulturträger bevorzugt in deutschen bzw. deutschsprachigen Klosterbibliotheken herum, um antike Autoren zu entdecken, welche überwiegend ihre Werke im antiken Italien verfasst hatten:
„Im Gefolge des Pisaner Papstes Johannes XXIII. zogen zahlreiche Humanisten als Sekretäre oder Schreiber der Kurie nach dem Norden, unter ihnen Bruni und Poggio.“202
Letzterer, seit 1423 apostolischer Sekretär der römischen Kurie, führte allein vier intensive Bibliotheksreisen nach Frankreich und vor allem nach Deutschland durch und wurde „im Gefängnis der Barbaren“, z.T. durch widerrechtliche Aneignung, auch fündig.203 Im deutschen Sprachraum besuchte er vor allem die Klöster St. Gallen mit Nachbarklöstern, die Klöster in Fulda, Hersfeld und Köln. Rossi meint, der Humanist “erweiterte mit seinen wunderbaren Entdeckungen außerordentlich den Horizont der klassischen Studien“.204 Die gefundenen Codices wurden regelmäßig sofort kopiert, vielleicht auch deswegen, weil sich viele gefundene Handschriften (angeblich) in einem „erbärmlichen äußeren Zustand“205 befunden haben sollen. Nicht auszuschließen ist aber, dass diese Schnellkopien auch deswegen durchgeführt worden, weil man daran interessiert war, die mehr oder weniger gut erhaltenen Handschriften so schnell als möglich zu vernichten, wohl um eine Nachprüfbarkeit der Inhalte der gefundenen Handschriften zu verhindern.206 Auf den leichtfertigen Umgang mit Druckvorlagen in den Kulturzentren der Renaissance, vor allem in Rom, weisen Davidson und Luhmann207 bereits im Jahre 1998 hin. Antonio Rossi beschönigt diese seltsame Kopiermethode von Poggio mit folgenden Worten:
“Somit vollbrachte er bisweilen wahre Rettungstaten, da von einigen jener Werke (Handschriften) jedes Manuskript vor seiner Kopie verloren ging.”208 Das Verlieren eines uralten Manuskriptes wäre heute keine Rettungstat.
Wie zweifelhaft diese Entdeckungen in deutschen Klöstern waren, zeigt ein Bericht aus dem Werk des Byzantinisten Herbert Hunger über die Entdeckung der kleinen Schriften von Tacitus:
„Auch nach seiner Rückkehr leitete Poggio209 von Rom aus die Suche nach neuen Kodizes. In seinen Diensten stand ein ungenannter Mönch aus Hersfeld, der 1425 mit einer Liste von Desiderata aus Rom heimkehrte. Durch ihn erfuhr Poggio u.a. von der Existenz dreier unbekannter Schriften des Tacitus im Kloster Hersfeld, der Germania, dem Agricola und dem Dialogus über den Verfall der Rhetorik. Erst kurz vor seinem Tode glückte es, der mit allen Mitteln verfolgten Kodizes habhaft zu werden. Einer der Bücheragenten Nikolaus V., Alberto Enoch d’ Ascoli (gest. 1457), scheint das Manuskript 1455 von einer Bibliotheksreise, die ihn bis nach Skandinavien führte, nach Italien gebracht zu haben. Als erster verwertete Enea Silvio Piccolomini Nachrichten aus der Germania und verglich das moderne mit dem alten Deutschland zugunsten der (damaligen) Gegenwart und der humanistischen Bildung. Dadurch wurden die deutschen Humanisten auf den Schatz aufmerksam, der ihnen entgangen war, und nachdem Leo X. (Papst von 1475-1521) Tacitus hatte drucken lassen, wurde die Germania zur bevorzugten Quelle über die deutsche Vergangenheit.“210
Neben Poggio und seinen Helfern spielte auch der rombegeisterte Dichter Petrarca, der von 1304 bis 1374 gelebt haben soll, eine bis heute wenig durchschaute Rolle. Chlodowski bezeichnet ihn emphatisch als den Mann, welcher der erste gewesen sein soll, der „could understand and bring into light the ancient elegance of the style that had been forlorn and forgotten before“211. Bei seiner Ankunft in Rom findet der Dichter nicht die großen Gebäude und Monumente der römischen Antike, die er sich in seinen Träumen erhofft hatte. Die folgenden Zeilen von Petrarca, aus denen seine ganze Enttäuschung spricht, lassen den Zustand von Rom in der Spätantike und Frührenaissance in einem äußerst realistischen Licht erscheinen. Dieser Bericht von Petrarca über die ‘Größe Roms’ ist so bezeichnend, dass ich ihn in voller Länge in deutscher Übersetzung wiedergeben will:
„Wo sind die Thermen von Diokletian und Caracalla? Wo ist das Timbrium von Marius, das Septizonium und die Thermen von Severus? Wo ist das Forum von Augustus und der Tempel des Rachegottes Mars? Wo sind die heiligen Plätze von Jupiter, dem Donnerträger, auf dem Capitol und von Apollo auf dem Palatin? Wo ist der Porticus von Apollo und die Basilica von Caius und Lucius, wo ist der Porticus von Libya und das Theater des Marcellus? Wo ist der Tempel von Hercules und den Musen, erbaut von Marius Philippus, und der Tempel der Diana, erbaut von Lucius Cornifacius? Wo ist der Tempel der artes liberales von Avinius Pollio, wo ist das Theater von Balbus, das Amphitheater von Statilius Taurus? Wo sind die zahlreichen Bauten, die Agrippa errichtete, von welchen nur das Pantheon übrig bleibt? Wo sind die prächtigen Paläste der Kaiser? Man findet alles in den Büchern; aber wenn man versucht sie in der Stadt zu finden, so zeigt sich, dass sie entweder verschwunden sind oder dass nur magere Spuren übrig geblieben sind.“212
Bei diesem ausführlichen Petrarca-Bericht über die vermeintlichen bzw. realen Kulturstätten des antiken Rom fällt auf, dass das heute wohl bekannteste und neben dem antiken Forum am meisten besuchte Gebäude, das Colloseum, nicht erwähnt wird. Doch störte das Petrarca keineswegs bei seinen weiteren Aktivitäten bei der Suche nach den Relikten des alten Rom.213
Nachdem Petrarca einige Tränen vergossen hatte, machte er sich gleich an die Arbeit, suchte nach Statuen, sammelte römische Münzen und versuchte die Topographie von Rom zu rekonstruieren. Sein größter Eifer galt aber der Suche nach Werken der ‘antiken’ Autoren. Dabei war er nicht besonders kritisch, was das Alter derselben betraf. Schließlich konnte er es sich leisten, eine Werkstatt mit Schreibern und Sekretärin zu gründen. Immer wieder bekniete er Freunde und Bekannte, dass sie für ihn alte Bücher und Handschriften beschaffen sollten. Wertvolle Funde bezahlte er fürstlich. Und diese landeten aus allen Himmelsrichtungen in seinem Büro, darunter auch Reden und Briefe von Cicero, von welchen fast eineinhalb Jahrtausende niemand etwas gewusst hatte. Ciceros Briefe entdeckte Petrarca angeblich in der Kapitelbibliothek von Verona, wo seltsamerweise zuvor niemand von deren Vorhandensein wusste.
Wie bei vielen anderen spätmittelalterlichen bzw. frühneuzeitlichen Bücherfunden durch Humanisten „the original was soon lost by Petrarch, and he demonstrated a copy instead.“214 Es gibt noch andere Merkwürdigkeiten bei Petrarca wie z.B. den Brief an den römischen Geschichtsschreiber Titus Livius215, der nach konventioneller Geschichtsauffassung als Ausgeburt seiner dichterischen Phantasie betrachtet wird.
Ein unbefangener Betrachter, der nicht mit althistorischer Fachblindheit geschlagen ist, kann bei der Lektüre dieser abenteuerlichen Entdeckungsgeschichten, welche vor allem die römische Antike betreffen, leicht den Eindruck gewinnen, dass es bei dieser Entdeckung der antiken Schriften zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist. Es ist wohl nicht auszuschließen, dass man das, was man nicht finden konnte, erfunden haben könnte.
Dieser Verdacht gilt nicht nur für die Germania des Tacitus, ist jedoch hier besonders angebracht. Viele Aussagen dieser Schrift von Tacitus passen überhaupt nicht zu Methode und Stil von Tacitus und seinem historiographischen Konzept sine ira et studio („ohne Zorn und Leidenschaft“). Denn die Germanen sind hier im Positiven wie im Negativen arg drastisch dargestellt. Diese Schilderung der Germanen passt viel eher in das Konzept der römischen Kurie und des italienischen Humanismus, die Vorfahren der Deutschen – im Gegensatz zu denen der Italiener – recht barbarisch erscheinen zu lassen. Es ist darum der in Deutschland vorherrschenden Ideologie, welche sich primär von der Germania des Tacitus ableitet, von einem 2000 Jahre alten Deutschland zu sprechen, mit äußerster Skepsis zu begegnen. Von einem einheitlichen Volk der Germanen und auch von einem deutschen Freiheitskampf unter Hermann dem Cherusker gegen die römische Besatzungsmacht kann keine Rede sein. In dem feucht moorigen „Waldland mit barbarisch wilden Bewohnern“ gab es „nur Häuptlinge, Clanchefs und deren Gefolgschaften“.216 Erschwerend kommt in der Frage der Überlieferung der Germania noch hinzu, dass die mit Hilfe des ungenannten und unbekannten Hersfelder Mönches entdeckte mittelalterliche Ab- bzw. Urschrift dieses Werkes nicht mehr auffindbar ist und dass auch andere sich auf die Antike beziehenden mittelalterlichen Handschriften im Zeitalter des Humanismus vernichtet worden sind, angeblich wegen des schlechten Erhaltungszustandes.
Wenn man bedenkt, wie groß der Prozentsatz der gefälschten und manipulierten mittelalterlichen Urkunden und sonstigen Quellen ist, was übrigens auch von den konventionellen Mediävisten anerkannt ist, dann ist wohl nicht auszuschließen, dass manche antike Handschriften gar nicht aus der Antike stammen, sondern Spezialanfertigungen des Mittelalters sind. Zhabinsky bringt eine Menge von Argumenten vor, welche bezeugen, „that all ‘ancient’ manuscripts are literary works of the 15th and 16th centuries and that there never was in reality an ‘ancient’ Rome and Greece as modern historical science teaches us.”217 Selbst wenn man diese Auffassung von Zhabinsky, die im Grunde Davidson schon vorher geäußert hat, nicht teilt, führen die Forschungen zur römischen Antike zunehmend zu der Erkenntnis, dass das uns überlieferte Bild vom klassischen Rom verzerrt ist und in vielen Punkten nicht mehr der Wirklichkeit entspricht.
