Kitabı oku: «Der Mime», sayfa 11
Domitian schenkte ihr Glauben, da ihm, der unaufhörlich Nachforschungen anstellen ließ, Aehnliches zu Ohren gekommen war, und als seine Gattin über solch eine unwürdige Liebe in pathetischer Weise den Stab brach, lachte der Kaiser und klopfte ihr vergnügt auf die Schulter, und meinte, das Gewöhnliche zöge das Gewöhnliche an, ob sie denn von einem Tänzer die Weisheit eines Sokrates oder die Tugenden Catoʼs verlange.
Ich werde ihn verachten, wie er es verdient,« sagte die Kaiserin mit gut gespielter Indignation, »ich werde ihn nie mehr tanzen sehen.«
»Das erlaube ich mir fürʼs erste zu bezweifeln« entgegnete lächelnd Domitian.
»Wie?« fuhr die Kaiserin auf, »nun, du wirst sehen!«
Nach einiger Zeit, da sich beide allein in dem Gemach befanden, schritt Domitia hastig auf ihren Gatten zu, sah ihn einige Augenblicke hindurch mit thränenfeuchten Blicken an, streckte ihm plötzlich die Hand entgegen und sank, die Bereuende spielend, an seine Brust. Er schloß sie in seine Arme und küßte sie auf die Stirn.
Neuntes Capitel
Im Norden Roms, unweit der Stadtmauern, lagen nicht weit von der Villa des Paris die Gärten der Domitia. In einer sehr versteckt gelegenen Villa dieser Gärten hatte die Kaiserin die nunmehr befreite Geliebte des Tänzers unterbringen lassen. Wie schlug der Kleinen das Herz, als vier Aethiopier sie in einer wohlverwahrten Sänfte des Nachts den düstern, ganz von Schlinggewächsen umhangenen Weg entlang zur Villa trugen, die von jetzt ab ihr gehören sollte, wie lauschte sie auf die Schritte der Träger! Wie unheimlich huschte der phantastisch rothe Fackelglanz über die alten Baumstämme und nun, als sie vorsichtig den Vorhang der Sänfte lüftete, wie friedlich lag das kleine Marmorhaus, in dem sie nun wohnen sollte, im Mondschein von Cypressen umflüstert vor ihr. Eine dicke alte Wirthschafterin half ihr aus der Sänfte, schmunzelte behäbig und frug, was sie zum Nachtmahl genießen wolle.
Lydia fühlte sich so angegriffen, daß sie kaum zusammenhängend ihre Wünsche auszusprechen vermochte, immer erwartete sie ihren Geliebten aus dem Portal treten zu sehen, aber er kam nicht; selbst als man sie in den Hausflur führte, trat er nicht hinter einer Säule hervor, und als sie jetzt in dem Atrium stand, wagte sie nicht einmal, eingeschüchtert von der Pracht dieser Räume, zu fragen, wo er denn bliebe.
Die Wirthschafterin führte sie alsdann in das Schlafgemach, woselbst ein vergoldetes Bett nebst einer Menge anderer, ganz unnöthiger Prunkgegenstände das Erstaunen des Mädchens wach rief. Als sie dann das Speisezimmer, dann die anstoßenden Räume betreten, woselbst Vergoldung, Bildhauerarbeit, Mosaik miteinander einen Wettkampf des Glanzes auszuführen schienen, fühlte sich das an ärmliche Verhältnisse gewöhnte Mädchen so sehr beengt, daß es sich endlich zu der Frage entschloß, ob denn diese Villa dem Tänzer gehöre.
Iras, die Wirthschafterin, lachte und klärte die Bestürzte auf.
»Was? der Kaiserin?« rief Lydia, die Hände ineinander schlagend und sah sich scheu in dem Gemach um, dessen im Schimmer der Lampe blitzende Vergoldung ihr auf einmal, wie der ehrfurchtheischende Abglanz der Majestät erschien. In ihrem kleinen Haupte begannen sich die Begriffe zu verwirren, sie fühlte sich plötzlich aus ihrem Glückstaumel gerissen, fühlte sich mitten in diesem schweigenden Pomp so verlassen, als sei sie auf eine einsame, im Meer gelegene Insel verschlagen und es verging ihr bei dem Gedanken, in einer kaiserlichen Villa zu weilen, das Denken so völlig, daß sie wie gelähmt, ohne zu erwidern, alles mit sich geschehen ließ. Man kleidete sie um, setzte ihr ein reiches Mahl vor, ohne daß sie ihre innere Spannung anders als durch scheue furchtsame Blicke zu verrathen sich getraute.
So saß sie jetzt allein in dem schweigsamen Gemach; ringsum prunkende Marmorwände, in deren vornehmer Glätte sich der Strahl der kleinen, auf dem Tisch stehenden Lampe spiegelte, dämmernde Vergoldung, ein schwerer Purpurvorhang, der hinter ihr herabfließend, das Gemach abschloß und nach dessen düstern Falten sie sich gar nicht umzuschauen wagte, unter ihren Füßen ein spiegelglatter Mosaikfußboden, auf den sie gar nicht zu treten wagte, Tisch und Stühle reich verziert – sie sah dies Alles wie in einem schmerzlichen Traum versunken und sie wagte kaum von den Speisen zu genießen, die vor ihr standen. Und als jetzt durch den auf den Garten führenden Altan ein seufzender Windstoß die Nachtkühle in das Gemach hereintrug, mit der Flamme der Lampe spielte, den Vorhang in rauschende Bewegung versetzte und die blaue Schwärze des Nachthimmels so verstört über den Pinienwipfeln herüberdräute, schauerte sie bis inʼs innerste Herz zusammen, gähnte und hüllte sich fröstelnd in ihr prächtiges Gewand. Wenn er nun gar nicht käme? Wenn sie allein in dieser einsamen Villa bleiben sollte? Eine Gefangene? Fern das rauschende Rom! Sie beugte sich auf den Tisch herab, sie hielt sich die Ohren und die Augen zu und begann schließlich in ihrer Einsamkeit zu beten, dann zu weinen. Trotz dieser Thränen schaute sie sich manchmal um und wenn sie die kostbaren Möbel, Candelaber und Spiegel gewahrte, fuhr ihr mitten in ihrem Schmerz der Gedanke durch den kindischen Kopf: »Ach, wenn das Alles mein wäre!« Dann lächelte sie trotz ihrer Beklommenheit, sagte zu sich selbst: »Aber er kommt nicht,« und dann schluchzte sie von neuem und fürchtete sich, einen Ton hören zu lassen, so daß sie nur noch leise in sich hinein weinte. Ach! und wie das Nachgrübeln ermüdete! Wie sie der Kopf schmerzte, wie es so weh über ihren Augen lag! Zuweilen sah sie in die Lampe, bis sie die Augen schließen mußte, dann schreckte sie das Rauschen des Vorhangs und sie fuhr aus ihrem Halbschlaf empor, gähnte und versank in gedankenlose Träumereien. Anfangs zürnte sie dem Geliebten fast, dann suchte sie ihn zu entschuldigen, dann wuchs ihre Furcht vor der Einsamkeit und der Stille, bis sie, nachdem zwei Stunden ungeduldigen Harrens vergangen waren, von Müdigkeit und abspannender Aufregung überwältigt, in Schlaf sank. So lag sie, den Kopf in den Arm gepreßt, mit der linken Wange auf den Tisch geneigt, als Paris von der Wirthschafterin geführt, auf den Zehen hinter dem Vorhang hervorschlüpfte. Er winkte der Dienerin zu gehen, schlich sich hinter den Stuhl Lydiaʼs und schaute lange entzückt auf ihren von dunkeln Locken überschwämmten Nacken, wie sich seine gelbliche Weiße so reizend in dem Gewand, den bläulichen Schatten des Haares verlor.
»Mein!« rief es in ihm, sie gehört mein, ihr Mund, ihr Athem, ihr Wort – Alles mein Eigenthum.
Endlich konnte er diesen schlaferhitzten Wangen nicht länger widerstehen. Es überkam ihn ein schmerzlich-süßer Drang, in diese schwarzen Haare die Hände zu tauchen, den röthlichen Schnee dieser schlanken auf dem Tische ruhenden Arme zu berühren. Er beugte sich zu ihr nieder, bis ihn der heiße Hauch ihres Athems, der rhythmisch aus ihrem köstlichen Stumpfnäschen wehte, berauschte und küßte sie auf den Scheitel.
Sie athmete von dieser Berührung durchbebt lauter.
Er zog einen Stuhl herbei, setzte sich neben die noch immer Schlafende und konnte sich jetzt von einem Ehrfurchtsschauer ergriffen, nicht entschließen, diesen keuschen mitleiderregenden Schlaf zu stören. Lange betrachtete er sie, sein Haupt zuweilen aufseufzend dicht neben das ihrige drückend, endlich aber siegte doch diesem Anblick gegenüber, von der Stille und der feierlichen Pracht dieses halberhellten Raumes angeschürt, das Unedlere seines Charakters. Der Vorsatz, sie als ein Heiligthum zu bewahren, erschien ihm auf einmal der Schwärmerei eines Schulknaben würdig. Noch einmal dachte er daran, sie zu meiden – die Lampe zuckte im Nachthauch – — – —
Lydia hatte im Schlaf aufgeseufzt, ihr Gesichtchen überflog ein unsäglich trauriger Zug – — er wollte aufstehen und fliehen – ihren halbgeöffneten Lippen entquoll ein Klagelaut —, als sie nun aber ganz von selbst die Augen öffnete, sich verstört umsah, ihn erblickte und dann, noch die Erhitzung und Dumpfheit des Schlafes auf dem brennenden Gesicht, in den verweinten Augen, mit einem leisen Freudenton an seine Brust sank, kam er, seiner selbst nicht mehr mächtig, auch von dieser edlen Anwandlung zurück.
Die Zärtlichkeit des Tänzers übte auf alle Frauen vielleicht deshalb einen so bestrickenden Reiz aus, weil man ihr Schamhaftigkeit und Achtung vor dem bewunderten Gegenstand anmerkte, weil sie taktvoll war und weil ihr bei aller Leidenschaftlichkeit eine gewisse männliche Zurückhaltung beigemischt blieb. Man fühlte seinen Liebkosungen an, daß er auch ernst sein konnte und daß seine feine Natur vor allem Häßlichen zurückschreckte, jeden Augenblick wieder das normale Gleichmaß zu finden wußte. Paris war nie geistreicher als in solchen Augenblicken der Hingabe, und wenn auch Lydia von den Bemerkungen, die er in holder Verzückung ihr zuflüsterte, wenig begriff, warf doch das vertrauenerweckend Hingebende seiner Worte und Blicke diese kraftvolle Schwäche einer gewissermaßen um Entschuldigung bittenden Leidenschaft eine so bestrickende Gluth in ihr unerfahrenes Herz, daß die noch halb Schlaftrunkene ganz erschrocken dem Anstürmenden nichts zu versagen vermochte.
Paris fühlte allerdings mitten in seinem Taumel, was er sich hier zerstörte; trotz dem beseligenden Bewußtsein, der Besitzer allʼ dieser sich an ihn schmiegenden Reize zu sein, nagte ein dumpfer Schmerz an seiner Seele, aber er besaß nicht die Kraft, dieser wehen Mahnung seines Innern Gehör zu leihen; gewöhnt, dem Moment, den Eingebungen einer ungezügelten, verwöhnten Natur zu folgen, wies er alle Bedenken zurück und selbst als er jetzt die zärtliche Angst Lydiaʼs gewahrte, ihr Erstaunen ihn so wild zu sehen, als er fühlte, wie seine trübe Gluth die ihre weckte, vermochte selbst diese ihn peinigende Wahrnehmung seine Begierde, die er im tiefsten Innern verdammte, nicht zu dämpfen. – —
* * *
Als der erste Schimmer des Frühlichts durch die Dachöffnung in das Schlafzimmer Lydiaʼs fiel, die vergoldeten Ornamente des Lagers zu entzünden, den Bettgardinen den Glanz zerfließender Morgenwolken zu verleihen, finden wir Paris auf dem Löwenfell des Lagers knieen, den Kopf in die Polster gedrückt, indeß Lydia aufrecht in den Kissen sitzend, sich mit zwar halbverschämtem, aber eigentlich nicht traurigem, ja eher glücklichem Gesichtsausdruck über sein Haupt herabneigte, die Hände auf sein Lockengewirr legend.
Nun erhob Paris sein blasses Gesicht, faßte Lydiaʼs Hände, küßte sie, drückte sie an seine Brust und frug sie flüsternd mit feuchten Augen, ob sie ihm seine elende Leidenschaftlichkeit verzeihen könne?
Lydia schloß ihm sich abwendend mit der Hand den Mund, er aber von aufrichtigem Reuegefühl verzehrt, sah stier vor sich nieder und verfluchte innerlich seine alles zerstörende Schwäche.
»Ich habe ihr Leben vernichtet,« sagte er sich, »ich habe mir das Asyl zerstört, dessen ich in diesem Lebenswirrsal so dringend bedurfte. Sie hätte meine Schwester bleiben sollen, allein als Schwester würde sie mir in meinem wüsten, zerfallenen Leben Trost haben reichen können, jetzt habe ich sie zu mir herunter gezogen, ich kann nicht mehr wie zu einem Hoffnungsstern zu ihr empor sehen, ich habe sie in ihrer Menschlichkeit kennen gelernt, die mir hätte Göttin bleiben sollen; so mischt sich ein Störendes, Widerwärtiges zwischen uns, das wenn es auch fesselt, doch dem Verhältniß eine düstere unruhige Gluthfarbe verleiht. Nur da sie ein Kind war, konnte ich sie aufrichtig lieben. – Jetzt – ich fühle es, wird meine Neigung eine ganz anderartige werden. Es ist nicht gut, wenn sich zwei Menschen allzu innig kennen lernen, allzu nahe Berührung stößt ab – —!«
Lydia, von dem verstörten Ausdruck seines in seiner krankhaften Blässe schönen Gesichts angezogen, küßte ihn auf die gerötheten Augenlider und merkte nicht, daß er mit halb widerwillig gekräuselten Lippen dieser Berührung zu entgehen suchte. Seine Niedergeschlagenheit, der eigenthümlich nüchtern-verdrossene Zug seines edlen Gesichts gefiel ihr, sie wußte nicht warum, – es lag ein so mitleiderweckender Hauch über dieser trotzigen Stirne ausgebreitet.
Als sie ihn nun leidenschaftlich umarmte, fühlte sich Paris wohl gezwungen, ihr ebenfalls mit Liebe entgegen zu kommen, doch geschah dies zögernd, er umarmte sie wie im Traum, dabei schmerzlich inʼs Leere starrend.
»Was du nur hast?« frug sie.
Er raffte sich auf, versuchte zu lächeln, konnte aber nicht verhindern, daß ihn die hingebende, nicht mehr so verschämte Gluth des nun zum Weibe gewandelten Kindes eher erschreckte als hinriß. Er mied ihren entzündeten Blick und gewahrte mit Trauer, daß er die Fackel an Lydiaʼs schüchterne Mädchenhaftigkeit gelegt; sie war freier, in ihrem Benehmen rückhaltsloser geworden; der zarte Duft dieser Seelenknospe war hinweggestreift.
Als sie sich jetzt ankleidete, saß er in dumpfes Brüten verloren; sie sah sich zuweilen nach ihm um, lächelte ihm erröthend zu, suchte seine Aufmerksamkeit vorm Spiegel durch schalkhafte Neckereien, Gesichtsverzerrungen, Ballspiel mit Haarnadeln, zu erregen, kurz, aus der ganzen Art, mit der sie ihn aufzuheitern suchte, sprach so viel verhaltne Liebe, daß Paris halb aus Mitleid, halb aus wirklichem Wohlgefallen an ihren Bewegungen ihr inniger entgegen kam.
Jetzt kämmte sie ihm, von kindischer Laune getrieben, die Locken, und als sie so um ihn her schwebte, mit ihren Fingern und dem widerspenstigen Kamm in seinen Haaren wühlte, vergaß er einen Augenblick allʼ das Trübe, das ihn seither gepeinigt, faßte sie um die von einem dünnen Unterkleid bedeckte Hüfte, drückte sie auf seinen Schooß und frug sie, ob sie nicht ahne, warum er so niedergeschlagen sei.
Sie sah ihn verwundert an, gab ihm eine allerliebste Maulschelle, wickelte eine seiner Locken um ihren Zeigefinger und stieß einen unartikulirten Laut der Zärtlichkeit aus.
»Du sollst lustig sein, hörst du?« lispelte sie.
In Paris war indeß ein Entschluß zur Reise gediehen, – auf diese Weise ließ sich vielleicht das Verhältniß wieder in die Bahn ruhiger Freundschaft lenken; jedenfalls entging er hierdurch für einige Zeit den ihn beschämenden, niederdrückenden Liebesannäherungen Lydiaʼs.
»Weißt du, Lydia,« sagte er, »daß ich Geld verdienen muß, – du hast mich sehr viel Geld gekostet, das ich wieder einbringen muß.«
»Ach!« machte sie, »du Armer! Geld!«
»Ja, ich muß mir durch Gastspiele die fehlende Summe erringen,« sagte er, »man hat mich nach Bajä gerufen, – ich werde abreisen müssen, um dort —«
Er erklärte ihr das Uebrige, stellte ihr die Nothwendigkeit seiner Abreise lebhaft vor Augen, bat sie, sich nicht zu beunruhigen, er werde in wenigen Tagen wieder in Rom eintreffen, das Wiedersehen übertreffe dann an Seligkeit ihr seitheriges Zusammenleben, und versprach ihr, ein schönes Geschenk, einen Schmuckgegenstand mitzubringen.
Lydia benahm sich gefaßter, als er erwartet. Zwar ließ sie das Köpfchen hängen und zuweilen mußte sie sich auch eine Thräne heimlicherweise aus den Augen wischen, lächelte jedoch wieder, wenn er freundlich aufmunternd mit ihr sprach.
»Ich weiß, es ist thöricht, daß ich weine,« sagte sie, »du kommst ja bald wieder, – nicht wahr?«
Er nickte und ward, wenn er sie so reden hörte, unschlüssig in seinem Vorsatz. Der Schmerz dieses Wesens, das er nun durch die innigsten Bande an sich gefesselt, ging ihm näher anʼs Herz, als er selbst ahnte. Er hatte beschlossen, noch an demselben Tage abzureisen, aber die stille Fassung Lydiaʼs machte es ihm fast unmöglich, sich von ihr zu trennen. Wenn sie getobt, geschrieen, – es würde ihm leichter umʼs Herz gewesen sein, – nun aber! diese gedrückte Ruhe, diese wortlosen Liebesbeweise einer ohne seine Hilfe Verlassenen, beschämten ihn, ihre verstörten Augen, in denen tief innerlich zurückgedämmte Thränen glühten, wühlten ihm das Gewissen auf, rückten ihm sein Vergehen mit marternder Deutlichkeit vor. Er ging wie ein Trunkener durch das Haus, es überfiel ihn ein Frösteln, wenn er an die Abschiedsstunde dachte, und wie schlafbefangen sah er den Vorbereitungen der Diener, dem Einpacken und Wagenanspannen zu. Sollte er jedoch die Abreise verschieben? Einmal mußte es sein! Die Stimmung, die reuemüthige Selbstverachtung, die ihn jetzt peinigte, machte ihm die zerstreuende Reise fast zur Nothwendigkeit; in ruhiger, abgeklärterer Stimmung würde ihn die Trennung noch weit grimmiger innerlich zerfleischt haben. Der Abschied würde ihm morgen noch schwerer fallen und konnte er doch jeden Augenblick wieder umkehren.
Als er mit Lydia zum letzten Male gegen Abend zusammensaß, überfiel ihn eine fieberhafte Hast; er sah kaum zu ihr auf, sprach in abgebrochenen Sätzen und nahm von den Speisen, die vor ihm standen, kaum ein wenig zu sich, obwohl er nach allen Schüsseln griff. Lydia sah ihn immerfort mit thränenverquollenen Blicken an, die Hände matt in den Schooß legend. »Muß es denn sein?« frug sie ihn leise.
»Ich habe es der Kaiserin versprochen,« sagte er am ganzen Leibe zitternd.
»Aber so rasch – so plötzlich?«
»Ich werde desto früher wieder bei dir sein – du weißt, ich muß Geld verdienen.«
»Das ist wahr, – und —«
»Wie meinst du, Liebe?«
»Du liebst mich doch?« —
»Würde ich sonst so viel für dich gethan haben?«
Sie stand auf und fiel ihm schluchzend um den Hals.
Er versprach, sobald er wieder in Rom eintreffe, ihr die Freiheit zu schenken, und da sie darauf gar keinen Werth zu legen schien, versprach er ihr andere Dinge, alles, wie im Rausch, geistesabwesend, als habe er ein allzukaltes nervenzerrüttendes Bad in Schneewasser genommen.
Endlich saß er im Wagen, versteckte sich jedoch hinter dem Schirm, der das Innere des Wagens vor der Sonne schützen sollte und versuchte, schwerathmend, das Gewicht, das ihm die Brust zu sprengen drohte, abzuschütteln. Um den Hals krallte es sich ihm, wie die Tatze eines Tigers, ein scharfer, körperlicher Schmerz bohrte sich ihm, als wolle er ihm die Knochen sprengen, von den Kinnladen an in die Brust hinab. Es war ihm, als müßte er weinen, und doch konnte er es nicht, eine gewaltsame Nervenspannung preßte die Thränen zurück, als sollte er an ihnen ersticken. Er sah sie durch eine Ritze des Wagenschirms am Eingang der Villa stehen, – warum bereitet man sich allʼ diesen Schmerz, rief es in ihm. – Sie stand regungslos, den Kopf herabgeneigt, und als der Wagen weiter, immer weiter, an der Stadtmauer Roms vorüberrollte, kam er manchmal, von einem beklemmenden Sehnsuchtsdrang überwältigt, in Versuchung herauszuspringen und zurückzueilen. Er verstand sich selbst nicht, und frug sich: »Warum hast du das gethan? Warum mußt du dir, wie ein launenhaftes Kind, jeden Genuß zerpflücken? Dieses ewige Unbefriedigtsein, wann nimmt es ein Ende? Und wie seltsam, daß ich, der ewig Ruhelose, mich so sehr nach Ruhe sehne.«
So fuhr er in die goldige Abenddämmerung hinaus, an den zu ernsten Betrachtungen einladenden Grabdenkmalen der Via Appia vorüber; hinter ihm verhallte das Brausen der Riesenstadt, vor ihm verblaßte zwischen Cypressen der Tag und ließ seine Wunden still ausbluten, über den umbuschten Marmormälern, die dicht aneinander gereiht, wie ein pomphafter Triumphzug des Todes an der Straße entlang zogen. —
Zehntes Capitel
Paris, der bereits mehrere Tage in Bajä weilte, erntete hier in diesem üppigen Badeort vielleicht noch berauschendere Triumphe, als in Rom, und fühlte sich in Folge derselben noch weit mehr niedergedrückt, als dies in Rom je der Fall war. Frauen und Männer wetteiferten darum, ihn einzuladen, ihn zu besuchen, und er ließ diese Huldigungen über sich ergehen, im Stillen diese ganze vornehme Gönnerschaft belächelnd. Immer mehr keimte in seiner Brust ein stolzer Menschenhaß, der die Larve der Höflichkeit vorband; je tiefer er in das Menschengetriebe hineinsah, destomehr erkannte er Genußsucht und Selbstsucht als die Triebfedern des ganzen Gesellschaftslebens und desto deutlicher ward ihm, daß zwischen dem in der Arena Eingeschlossenen und dem frei Dahinlebenden nur der Unterschied ist, das der Letztere die Bestien, mit denen er zu kämpfen hat, »gute Freunde, Gönner, Bewunderer« anzureden gezwungen ist, so daß also der Kampf hier den Schein einer lächerlichen Komödie wahrt.
Was ihn am zweiten Tag seines Hierseins überraschte, war die Nachricht, die Kaiserin sei in Bajä eingetroffen. Eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß dies Weib sich nicht ohne Absicht hier aufhalte, daß sie vielleicht sogar nicht ohne Absicht ihn hierher gelockt habe. Er erschrak, als er an die Möglichkeit eines von ihr ersonnenen Kriegsplans dachte, und doch zog ihn das räthselhafte Benehmen, das raffinirte, von Liebesleidenschaft dictirte Intriguenspiel dieses Weibes an, ja sogar die Keckheit, mit der sie es wagte, ihn geradezu zu verfolgen, erzürnte ihn jetzt, da er sie hatte kennen lernen, nicht mehr, im Gegentheil übte auf sein erschlafftes, nur noch auf starke Eindrücke reagirendes Herz einen geheimnißvollen Reiz aus. Anfangs vermied er mit ihr zusammen zu treffen, auf die Dauer war es indeß unmöglich, ihr aus dem Wege zu gehen, da sie ihn ja täglich im Theater sehen konnte und er zu den vielgenannten Persönlichkeiten gehörte, deren Schritte von der gesammten Badegesellschaft überwacht werden.
Es dauerte auch nicht lange, so begegnete er der Kaiserin auf einem Spaziergange in der Nähe des Avernersees.
Sie ließ ihre Sänfte halten, stieg aus und schritt auf den Tänzer zu, ihm zum Willkomm beide Hände entgegenstreckend.
Während das Kaiserliche Gefolge ein wenig zurückblieb, wandelten Beide einen Waldpfad entlang dem See zu, und das erste, was die Kaiserin that, war, daß sie sich danach erkundigte, ob Paris mit Lydia zufrieden sei.
Paris gerieth in einige Verlegenheit, jedoch die liebenswürdige Zudringlichkeit Domitiaʼs entriß ihn bald dieser Verwirrung, indem sie plötzlich hinter einem breiten Baumstamm stehen bleibend, ihm erröthend in die Augen sah.
»Paris,« flüsterte sie, sich scheu nach dem Gefolge umsehend, »weißt du, warum ich so rasch von Rom hierher aufbrach?«
Paris zuckte zusammen und wandte sein erblaßtes Gesicht, auf dem sich vergebens ein unwilliger Ausdruck Bahn zu brechen suchte, nach dem näherkommenden Gefolge hinüber.
»Man kommt,« stieß er hervor.
Die Kaiserin sagte hierauf nichts, sie schritt weiter und Paris ließ, während der Waldpfad seine düstergrünen Schatten immer enger um die Dahinwandelnden ergoß, zuweilen verstohlen scheue Seitenblicke auf die bald erglühenden, bald erblassenden Wangen Domitiaʼs gleiten. Für seinen leicht bestimmbaren Charakter lag auf einmal ein ungemein bestrickender Reiz in dem Gedanken, Domitia habe, hier gewissermaßen die Rolle des Mannes übernehmend, es darauf abgesehen ihn gewaltsam zu erobern. Dieses bewußte, herrisch-demüthige Entgegenkommen einer Gebieterin, abgesehen davon, daß es seine Sinne entflammte, gab seiner Eitelkeit die brennendste Nahrung, ja wirkte auch auf sein Mitleid, da er dies stolze Weib so ganz als die Sklavin einer zwingenden Leidenschaft sah. Wenn er an Lydiaʼs Reize zurückdachte, schien es ihm, als wandle er in keuschem Mondenschimmer, eine Neigung zu träumen beschlich ihn. In der Nähe Domitiaʼs fühlte er sich beunruhigt, beängstigt, aber diese verzehrende Beklommenheit war unterhaltend, ließ keinen Gedanken an Ermüdung aufkommen und berauschte wie ein exotischer Gifthauch.
Als der See endlich vor Beiden lag, ließ die Kaiserin Purpurdecken mitten im Schilf des Ufers ausbreiten, auf welchen sie sich mit dem Tänzer niederließ, während die Sklaven Getränke und Speisen umherreichten.
»Hier soll der große Virgil oft dichtend verweilt haben,« sagte sie, durch das verhüllende Buschwerk den Spiegel des Sees musternd, der von finstern Waldungen umrahmt, wie ein trübes mißtrauisches Auge im Sonnenlichte herüberblinkte. Die geheimnißvolle Fluth, an welche die Sage den Eingang der Unterwelt verlegt, überschauerte zuweilen ein Windhauch, der mit schweren, nach Schwefel riechenden Dunstwolken den Ausblick auf die Spiegelfläche trübte. Zuweilen ließ sich ein dumpfes unterirdisches Rollen vernehmen, auf das die Anwesenden mit Ehrfurcht lauschten, zuweilen hüllten die fahlen, der Fluth entquellenden Dunstwolken die ganze Umgegend wie mit einem dichten Nebel ein.
Die Kaiserin erklärte nun, Virgil, dessen Keuschheit sie besonders rühmte, für ihren Lieblingsschriftsteller.
Paris sah sich bald in ein sehr interessantes litterarisches Gespräch verwickelt, und da er die griechische Poesie der römischen vorzog, entspann sich zwischen ihm und der Kaiserin, die anderer Meinung war, ein von beiden Seiten mit schalkhaftem Eifer geführtes Wortgefecht.
Die Kaiserin, die in der That bezaubernd sprach, legte große Kenntnisse der Literatur an den Tag; Paris mußte ihren Scharfsinn, ihren Geschmack und zugleich die Eleganz ihrer Auseinandersetzungen bewundern und da es für ihn keinen interessanteren Unterhaltungsgegenstand gab, als Schauspielkunst und Litteratur, so ließ er sich von der schönen Frau im Gespräch hinreißen, vergaß wo er sich befand, hatte nur Augen für die Redende und fühlte sich seit langer Zeit wieder einmal behaglich, zufrieden, ja fast heiter gestimmt.
Als Paris einen Becher in der Hand haltend auf eine schöne Stelle des griechischen Dichters Moschos aufmerksam machte und vom Weine ein wenig erhitzt diese Stelle zu declamiren begann, fiel ihm die Kaiserin begeistert inʼs Wort und declamirte die Stelle zu Ende, und zwar mit einem solchen Verständniß, mit so fein nüancirter Betonung, daß Paris innerlich erhoben, ihrer Stimme lauschte. Dabei gaben der Kaiserin Züge so lebhaft den tragischen Gehalt jener Stelle wieder, daß Paris, erstaunt darüber, sie von dieser Seite kennen zu lernen, sie mit aufrichtiger Bewunderung betrachtete. Ihre Lippen bebten, ihr Auge, das anfangs geglüht, schwamm nun, als von Adonis Tod die Rede war, in Thränen. Doch brach sie plötzlich schwer athmend ab, indem sie leise hinzusetzte, sie müsse aufhören, sie fühle sich zu angegriffen. Wirklich schien sie ganz ermattet und lehnte sich nach Athem ringend, ganz aufgelöst, mit dem Rücken an einen Baumstamm.
»Du hättest eine treffliche Schauspielerin abgegeben,« sagte Paris, den der Vortrag so stark afficirt, daß er Mühe hatte seine Thränen zu verbergen.
Er küßte der Kaiserin dankbar die Hand und diese lächelte unter Thränen und es war in der That reizend, wie sie so schmachtend mit erhitztem Gesicht an dem Stamme lehnte, indeß die durch das Laub spielenden Sonnenstrahlen über ihre wohlgepflegten Züge einen goldig-grünen Schleier woben.
»Unterhältst du dich mit Lydia in ähnlicher Weise wie mit mir?« frug sie plötzlich, ohne vermittelnden Uebergang.
Dies Wort wirkte so ernüchternd auf Paris, daß er von Unbehagen befallen dasaß und schwieg. Plötzlich sah er die liebenswürdigen Seiten in Lydiaʼs Charakter ausgelöscht, nur noch das ungebildete kindische Weib blieb übrig, über dessen Stirne die Nase herab es wie ein Hauch süßer Dummheit schwebte. Wie sonderbar, daß er, der Feingebildete, ein solches Mädchen hatte lieben können! Wie verlor sie doch diesem glänzenden Weibe gegenüber. Ihre Einfachheit erschien wie Tölpelhaftigkeit, ihre Zurückhaltung erschien wie geistlose Blödigkeit, ihre Tugend war auf die Dauer langweilig.
Die Kaiserin wiederholte ihre Frage und scherzte über das Verhältniß des Tänzers, bis man endlich, da die Sonne sich dem Untergang neigte, aufbrach.
Paris war von diesem Augenblick an schweigsamer.
Die Kaiserin, die den Grund dieser Versunkenheit ahnte, bemühte sich dagegen, allʼ ihre Redekunst inʼs Spiel zu setzen, und es gelang ihr wirklich, den Tänzer zu unterhalten. Sie kam auf seine verunglückte Oedipusvorstellung zu sprechen und zog ihn hierdurch, indem sie geschickt Lob und Tadel vertheilte, aus seinem Hinbrüten, ja sie brachte es zu Stande, ihm neuen Muth betreffs seiner schauspielerischen Leistungen einzuflößen.
Paris fühlte sich, als er neben der Sänfte herwandelte und die Kaiserin ihn aufforderte, seine schauspielerischen Studien nicht zu vernachlässigen, in der That wie umgewandelt; das schlaue Weib hatte die schwache Seite des Tänzers getroffen, sie hatte ein Mittel gefunden, ihn nach ihrem Willen zu lenken. Sobald sie ihm Hoffnung machte, er könne dereinst noch einmal als Schauspieler die Herzen der Hörer hinreißen, war für Paris die Außenwelt nicht mehr vorhanden, sein Kopf glühte von Plänen, er schwelgte in der Zukunft und glaubte, von den Schmeicheleien der Listigen bethört, es könne ihm trotz aller Mißerfolge noch möglich werden, sein Talent schauspielerisch zu verwerthen.
»Ich will dir was sagen,« rief die Kaiserin. »wir studiren deine Rollen zusammen ein. Ich lade die trefflichsten Künstler zu mir: ich bin überzeugt, nach einjährigem Studium gelingt es dir, das Fehlende zu ersetzen.«
Paris, der sich nun zwar nicht ganz traute in Bezug auf seine Begabung, fühlte sich doch dem guten Willen seiner Gönnerin zu Dank verpflichtet: ein Versuch ließ sich ja noch einmal machen. Er erklärte sich freudig einverstanden.
Als ihn die Kaiserin zu einer Seefahrt einlud, verschob er seine auf Morgen festgesetzte Abreise und nahm die Einladung an.
Zu Hause angekommen, befand er sich in einer wunderlichen Aufregung, die ihn die ganze Nacht hindurch peinigte, ihm bald die Zukunft im rosigsten Lichte ausmalte, bald ihm seine Charakterschwäche, seine Launenhaftigkeit tadelnd vorhielt. Er verhehlte sich nicht, daß sich neben Lydia auch Domitia einen Platz, und zwar nicht den kleinsten, in seiner Brust erobert hatte, und kam schließlich zu dem Resultat, daß diese Doppelliebe ganz gut in Einklang miteinander zu bringen sei, daß es ja ganz verschiedenartige Eigenschaften seien, die ihn an die beiden Geliebten fesselten, und daß er jede in ihrer Art schätzte, ohne daß die Schätzung der einen der andern Eintrag zu thun brauche. Zwiefach lieben, hieß zwiefach beglückt sein. Paris fühlte sich in der That so freudig gestimmt, wie nie zuvor, als er am andern Tag das sich auf den Wellen wiegende kaiserliche Schiff betrat.
Als man von Bajä abfuhr, ließ der Führer des Schiffs der Kaiserin melden, der Südwind wehe bereits so heftig, daß man mit ziemlicher Sicherheit gegen Abend einen Sturm vorhersagen könne, ob es nicht gerathener sei, man kehre um, oder steuere nur am Ufer innerhalb des Meerbusens entlang.