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Kitabı oku: «Der Mime», sayfa 8

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Sechstes Capitel

Indeß saß Paris zu Hause in seinem Studirzimmer, das neben dem Peristyl lag, die Füße in ein Löwenfell vergraben, von allen lästigen Gewändern befreit. Das Gemach war ausnehmend behaglich eingerichtet, prächtige Sessel mit Löwenfellen davor, Büsten, versteckt hinter den grünen Fächern der Zimmerpflanzen, er aber, mit den Fäusten den grausen Lockenkopf stützend, merkte nur auf das Gedankengewühl seines Innern, nicht auf die Sonnenstrahlen, die ein goldnes Netz von Säule zu Säule bis in den Springbrunnen herab webten, und ließ selbst die Mahlzeit unberücksichtigt, die in sauberen Schüsseln vor ihm prangte. Manchmal stand er auf, machte ein paar Schritte auf dem Mosaik des Gemachs, schlug sich vor den Kopf und blieb vor einer Statue stehen, als widme er sich der Betrachtung derselben, obwohl weder die Schönheiten einer Marmorvenus, noch die einer Marmorhebe, sondern ganz andere lebende Reize ihn beschäftigten. Sonderbar, da er sie nicht mit leiblichem, sondern mit geistigem Auge sah, nahm ihr Bild einen völlig anderen Charakter an, sie trat ihm schwesterlich näher, und in Bezug auf die Sinne ferner, aber sie beschäftigte ihn trotzdem immerwährend; kaum daß er seine Gedanken auf einen andern Gegenstand zu richten vermochte. Manchmal lächelte er befriedigt vor sich hin, wenn er sich vorstellte, daß dies kindliche Wesen, mit Allem, was in und an ihr schön ist, sein war, dann runzelte er wieder düster die Stirne, sobald er an die enorme Kaufsumme dachte, die noch zwischen ihm und seinem Glück wie ein nicht auszuschöpfendes Meer lag. Endlich überwand er gewaltsam diese fast peinigende Laune, er schritt auf seine Bibliothek zu und nahm aus dem schöngeschnitzten Gestell des Sophokles »Oedipus«, den er morgen im Theater des Pompeius zu spielen die Erlaubniß erhalten. Dann schritt er, die Purpurrolle zuweilen öffnend, sich bereits auf dem Kothurn fühlend, auf und nieder, lispelte anfangs die Worte vor sich hin, gerieth aber schließlich in Begeisterung und declamirte laut, wobei er zuweilen vor einen, in der Nähe des Wasserbassins aufgestellten Spiegel trat. In diesem Spiegel beschaute er wohlgefällig seine mühsam einstudirten Geberden, bis er an der Eingangsthüre seine Mutter gewahrte, die ihm schon seit einer Viertelstunde nachdenklich zugesehen. Er erröthete ein wenig, dämpfte in seinem Monologe fortfahrend, seine Stimme, und wandte sich erst, als er seine Rede beendet, um.

»Nun? Wie gefalle ich dir diesmal?« rief er der in ernster Betrachtung versunkenen zu.

Sie kam näher, faßte ihres Sohnes Hand und, während sich auf ihren starken, eben noch so ernsten Zügen ein feines Lächeln Bahn brach, frug sie mit gutmüthig ironischer Betonung:

»Willst du die Rolle wirklich spielen?«

»Wie du nur fragst, wünscht es doch sogar der Kaiser,« gab er ein wenig verdrießlich zur Antwort. Nun war Julia eine sehr ästhetisch gebildete Frau, auf deren Urtheil Paris achtete, es erschreckte ihn daher ein wenig, als sie jetzt sinnend vor sich hin murmelte:

»Das Schöne genießen ist ein Andres, als das Schöne darstellen.«

Er räusperte sich.

»Stelle ich es nicht dar?« sagte er.

»Wie man es nimmt,« entgegnete sie.

»So meinst du in der That, es gelinge mir nicht, diesen Charakter zu verkörpern?« frug er düster.

Sie schüttelte mitleidig lächelnd den Kopf.

»Du bist zu feingliedrig,« wandte sie ein, »deine Gestalt, die Weichheit deiner Stimme – allʼ dies wird dir im Wege sein.«

»Kommt es denn so sehr auf das Aeußere an?« unterbrach er ihre Kritik gereizt. »Pfui, Mutter, daß auch du so am Aeußeren klebst, thut mir aufrichtig leid.«

»Nun denn,« entgegnete sie, »damit ich aufrichtig bin, es fehlt dir noch Anderes, nicht Aeußeres.« —

Er blickte sie halb fragend, halb furchtsam an, als ahne er, was sie meine, wolle es sich aber lieber selbst verbergen.

»Ein großer, starker Charakter,« sagte sie, obgleich sie wußte, daß sie ihn hierdurch verwundete, »diesen Oedipus dürfte nur der spielen, der etwas von seiner starren, unbiegsamen Art in sich fühlt. Er fehlt dir, der Trotz; deiner Darstellung fehlt das Gewaltige.«

»Ich werde das, was vielleicht nicht in meinem Charakter liegt, mittelst der Phantasie hineinarbeiten,« wandte er kleinlaut ein.

Sie zuckte die Achseln.

»Bis zu einem gewissen Grade mag dir dies gelingen,« sagte sie fast herb, »deine Phantasie reicht aber hierzu auch nicht völlig aus.«

»O Mutter!« stieß er gekränkt hervor.

»Das Große muß der Größe entspringen,« sagte sie leise, wie zu sich selbst, »ein Zwerg wird keinen Riesen gebären können.«

Er senkte nach dieser Bemerkung entmuthigt den Kopf, sah so eine Weile, die Lippen aufeinander gepreßt, vor sich nieder und sagte dann gedrückt:

»Du bist grausam, Mutter.«

»Verzeihe mir!« erwiderte sie mit weicher Stimme, ihm den Arm um den Nacken schlingend, »ich sage dir dies alles nicht um dir wehe zu thun, sondern um deine Selbsterkenntniß zu schärfen und dann – sieh! – ich möchte dir Schmerzen ersparen, ich möchte nicht, daß es dir übel ergehe auf der Bühne.«

Er zuckte zusammen.

»O Mutter,« begann er nach einiger Zeit mit schmerzlich erregter Stimme, »wenn du wüßtest, wie tief du mich durch deine Worte von meiner erträumten Höhe herabsetzest, – wieder auf die Stufe elender Gaukeleien herab. Du weißt, wie sehr ich es müde bin zu tanzen, immer zu tanzen – wie sehr ich mich nach wahrer Kunst, nach der Darstellung großer Menschen sehne – und dieser Sehnsucht sollte meine Kraft nicht entsprechen! Die Götter hätten mir diesen hohen Wunsch in die Seele gelegt, ohne mir die Mittel zur Ausführung desselben gegeben zu haben?

Da sie schwieg, fuhr er nach einigem Ueberlegen fort auseinander zu setzen, daß er mittelst Fleiß seine angeborenen Fehler ersetzen könne und schloß, er wolle trotz allem den Oedipus spielen, das Publicum möge entscheiden.

»So geht es mit euch Schauspielern,« lachte die Mutter, »man kann euch nicht überzeugen.«

Nachdem sie gegangen, blieb der junge Mann noch einige Zeit sinnend stehen, als er aber sein Bild im Spiegel gewahrte, zuckte er seufzend zusammen, schlenderte die Rolle von sich und kleidete sich an, um das Haus zu verlassen. »So viel Mühe, so viel Geisteskraft verschwendet, um schließlich nichts zu erreichen? Und ich könnte mich wirklich nie zu höheren Höhen emporarbeiten! O Mutter! Du weißt nicht, was dein Wort in mir angerichtet!«

Er legte indeß die Toga trotz seiner gedrückten Gemüthsstimmung in elegante Falten, ebenso wie ihn, ein neues Purpurband um die schwarzen Locken zu legen, allʼ seine Trostlosigkeit nicht verhinderte.

»Wir wollen es darauf ankommen lassen,« dachte er dann und schlug sich, seiner Begabung doch ein wenig trauend, dies Spiel, das morgen stattfinden sollte, aus dem Kopf. Freilich ausgelacht zu werden! Es wäre ein herbes Schicksal. Daran dachte er auch einmal flüchtig, richtete sich aber dann stolz und grimmig wie ein gereizter Tiger empor und fügte in seiner Brust hinzu:

»Mich, ihren Paris lachen die Römer nicht aus. Und würden sie es thun – nun —.« Er besann sich, was er alsdann beginnen solle und schwor sich zu, in diesem Falle den Römern seine ganze lang verborgen gehaltene Verachtung zu zeigen. Als er jetzt den Wechsler Duilius, einen seiner reichsten Gönner aufsuchte, fragte er sich zu wiederholten Malen, was das eigentlich für eine Empfindung sei, die ihn an dies Mädchen fesselte.

»Ich bin wie von einem nicht abzuschüttelnden Traum befangen,« gestand er sich, »sobald ich an sie denke. So war mir noch nie, und doch! —

Ist es denn eigentlich der Mühe werth, sich eines so unbedeutenden Mädchens halber so zum Thoren machen zu lassen?« Lydia war weder witzig, wie die Frau jenes Advokaten, die er im vorigen Jahre geliebt, noch sarkastisch wie Antonia, die er vor kaum zwei Monaten verlassen, noch pikant wie jene Senatoren-Witwe, mit der er oft Nachts, sie als Mann, er als Weib verkleidet, die Straßen Roms durchstreift, noch gelehrt wie jene Aegypterin, mit der er den gestirnten Himmel betrachtet. Gar nichts von alledem. Paris mußte sich eingestehen, daß vielleicht gerade die Abwesenheit aller jener, eben genannten Eigenschaften ihn fesselte, daß vielleicht gerade jene weibliche Einfachheit, um nicht zu sagen Beschränktheit, die er noch nie kennen gelernt, auf sein verwöhntes Herz einen so süßen Reiz ausübte. Er selbst hielt sich für einigermaßen geistreich, warum also brauchte seine Geliebte Geist zu besitzen? Das Neue, Ungewöhnliche erweckte seine Aufmerksamkeit – ob es aber dauernd zu fesseln weiß – daran dachte Paris in diesem Augenblick nicht. Genug, er fühlte sich, wenn er an Lydia dachte, wie von einer veränderten, frischeren, sauerstoffreicheren Luft umhaucht, es war ihm, als könne er in ihrer Nähe aufathmen, sich erheben aus jenen Regionen lasterhafter Pracht, raffinirten Taumels, in denen seine Seele zuweilen trunken versank.

»Ja, hier sprudelt Heilung,« rief er sich zu, »wenn mich die Lippen jener Vornehmen vergiftet, sauge ich Lebenskraft aus ihrer Unschuld, wenn mich der öde Glanz, der thörichte Beifall, die Erniedrigungen, die sie für Auszeichnung halten, wenn mich dies ganze wüste vergoldete Leben mit seinem heuchlerischen Lasterlächeln erschlafft – dann soll mir die Reinheit ihres Busens neue Kraft zum Ertragen jenes dumpfen Rausches verleihen, der die Folge der Uebersättigung ist.

Während solche Betrachtungen sein Gemüth von dem Druck befreiten, den die Worte der Mutter auf dasselbe ausgeübt, hatte er das Haus des reichen Bankiers Duilius erreicht. Auf seinen Wunsch benachrichtigte der Sklave den Herrn sogleich und dieser watschelte schwerfällig schon nach einigen Minuten, die beiden Hände ausstreckend, süßlich lächelnd durch das Atrium auf seinen Gast zu. Der höfliche, glattrasirte Geldwechsler sah mit seinem vorgebauten Kauorgan einigermaßen einem Pavian ähnlich, welche Aehnlichkeit noch durch seine unsichere Gangart verstärkt wurde, die in dem Beobachter unwillkürlich die Vorstellung erweckte, dieser Mann habe nur diesmal aus Höflichkeit von seiner Gewohnheit, auf allen Vieren zu laufen, abgesehen. Nachdem die gewöhnliche Freundschaftsbezeugung, das Küssen und Händeschütteln erledigt war, griff der Bankier unserm Freunde unter den Arm, um ihm, wie er mit Selbstgefühl sagte, seine neuerworbene zehntausend Sesterzen kostende Statue des Merkur zu zeigen. Paris lobte sachverständig was zu loben war, immer in Gedanken mit dem Kriegsplan beschäftigt, den er gegen die Börse seines Gönners inʼs Werk zu setzen gedachte. Sodann schritt man zur Besichtigung des neuen Vogelhauses, dann zur Besichtigung eines prächtigen Badezimmers, eines kostbar verzierten Bettes und Paris, der nicht wußte wie er das, was ihm auf dem Herzen brannte, am passendsten anbringen sollte, nickte zu allem, was er sah, indeß der Hausherr jedesmal weitläufig die Preise der bewunderten Gegenstände aufzählte und die Lobsprüche seines Besuchers mit gemachter Gleichgültigkeit ablehnte.

»Du weißt, daß ich ein großer Literaturfreund bin,« sagte Duilius, »nun will ich dir ganz besondere Schätze zeigen. Die Einbände wirst du ganz dem Inhalt entsprechend finden.«

Auch die Bibliothek mußte Paris noch bewundern, ehe er mit seinem Anliegen herauszurücken wagte, und er bewunderte so ausführlich, daß es dem Hausherrn, der vermuthete, es könne ihm eine Bemerkung entlockt werden, die nicht das günstigste Licht auf seine Literaturkenntnisse würfe, unbehaglich zu werden begann. Paris fühlte das heraus und machte sich den Spaß, den Bankier in einige Verlegenheit zu setzen, so daß letzterer aufathmete, als Paris mit einer gewandten Wendung auf den Reichthum anspielte, der hier allenthalben von den Wänden herabgrüßte. Der Bankier schmunzelte immer zuvorkommend und Paris kam seinem Ziele immer näher, bis er schließlich geradezu eingestand, was ihn hierher geführt.

Sobald der Bankier die Entdeckung machte, daß er sich hier von einer freundschaftlich edelmüthigen Seite zeigen, ja sogar Geld hergeben sollte, verdüsterten sich seine eben noch so höflichen Mienen. Freilich lächelte er sogleich wieder, sah aber, während Paris sprach, wie von plötzlicher Geistesabwesenheit befallen, nach einer anderen Richtung und that, als habe er seines Schützlings Andeutungen nicht so ganz verstanden.

»Wie? – Was sagst du? ach! eine Sklavin? Ja, die kosten etwas!« stieß der Wechsler zerstreut hervor. »Doch wie ist mir denn – mir ist als habe ich – als hätte ich – ach! ich vergaß sicherlich meinen großen Schrank zuzuschließen – o bitte – gedulde dich ein wenig – ich komme sogleich wieder. Weißt du, der Schrank enthält allerlei Kostbarkeiten, und die Sklaven!« – — —

Er wiegte sich hierauf ungeduldig von einem Fuße auf den andern.

Paris war eine zu feine Natur, um die zwar nicht ausgesprochene, doch fühlbar gemachte Weigerung unberücksichtigt zu lassen, war es ihm doch kein leichter Gang gewesen, den reichen Geizhals aufzusuchen. Er verabschiedete sich, von dem zwar noch immer geistesabwesenden aber desto höflicheren Wechsler bis an die Thür begleitet, und stand jetzt, Verachtung und Unruhe im Herzen, wieder auf der Straße. Wo die neunzigtausend Sesterzen hernehmen? Diese Frage, die er heute Morgen schon so oft an sich gerichtet, murmelte er jetzt halblaut vor sich hin und malte sich bereits den Jammer Lydiaʼs aus, wenn er sie dem reichen Bäckermeister überlassen mußte. Hörte er nicht ihren Schrei? das herzzereißende: »Rette mich« einer Verlassenen? Sah er nicht ihren hilfesuchenden Blick? Wie sie sich an ihn klammern würde! Ja sie würde sich sicherlich den Tod geben, denn ihrer unbesonnenen kindischen Natur war der Tod nur der Schritt von einem Zimmer inʼs andere.

Diese Vorstellungen beängstigten ihn dermaßen, daß er mitten im Gedräng der Straße nachdenkend stehen blieb, was ihm einige Vorüberwandelnde später so auslegten, als habe er, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, auf der Straße eine Rolle einstudiren wollen. Endlich riß ihn die grüßende Stimme eines Freundes, der zufällig gerade durch die heilige Straße ging, aus seinem Brüten. Es war ein reicher junger Geck, jener Lepidus, den wir bereits kennen gelernt. Sogleich zog er – natürlich hauptsächlich um mit dem Bewunderten öffentlich zu prahlen, Paris am Arm durchʼs Gedränge und trug ihm, eifrig gestikulirend, eine unglaubliche Menge Alltagsneuigkeiten vor, wobei er, um den Vorübergehenden sein intimes Verhältniß zu dem berühmten Tänzer an den Tag zu legen, oft stehen blieb, oder seinen Arm um des Freundes Schulter legte.

Zu einer anderen Zeit würde der Tänzer sich auf höfliche Weise den Freundschaftsversicherungen des Stutzers entzogen haben, diesmal mußte er sie ruhig über sich ergehen lassen, wenn er Nutzen aus ihnen ziehen wollte. So bezwang er denn seinen Widerwillen und wartete den rechten Moment ab. Sobald aber Paris, der sich in seiner Noth nicht zu helfen mußte und schließlich jedes Mittel, das zum Ziele führen konnte, für erlaubt hielt, sobald Paris bescheiden darauf anspielte, Lepidus habe jetzt endlich Gelegenheit seine Freundschaftsbetheuerungen thatsächlich durch Darleihung einer gewissen Geldsumme zu beweisen, minderten sich die übertriebenen Zärtlichkeitsausbrüche des Stutzers merklich. Er habe sich erst neulich eine theure Sänfte angeschafft, – er müsse auf Anordnung seines Arztes inʼs Bad, er sei so sehr heruntergekommen, man könne jeden Knochen an ihm zählen. Diese und andere Entschuldigungen brachte er mit der ihm eigenen Behendigkeit vor, bis er plötzlich im Gedränge einer Seitenstraße einen andern Freund entdeckt zu haben vorgab, den er nothwendig begrüßen müsse, was ihm natürlich unmöglich machte, das Tänzers so angenehme Gesellschaft länger zu genießen.

So stand Paris wiederum allein, aber, da er den Muth noch nicht völlig verloren, besuchte er an diesem Tage drei seiner wohlhabendsten Freunde, freilich jeden mit demselben Erfolg. Der eine lieh, wie er sagte, grundsätzlich nichts und wollte lieber hundert Sesterzen schenken als tausend verleihen, der andere lieh nur, wenn er genügende Sicherheit hatte, der dritte versprach zwar die Summe vor zuschießen, aber als Paris kaum aus dem Hause war, eilte ihm ein Sklave nach, der das Versprechen unter tausend Entschuldigungen wieder zurücknahm. Alle waren höflicher denn je, zuvorkommend in allen übrigen Dingen, nur in dem einen Punkte unerbittlich.

Paris kam ganz beschämt und aufgelöst gegen Abend zu Hause an, schritt händeringend von Gemach zu Gemach und warf sich, den Göttern und den Menschen grollend, auf sein Lager. »Dies also ist Freundschaft! dies ist Gönnerthum! Worte, immer nur Worte hat die Welt in Bereitschaft, wenn sie uns trösten möchte.«

Dann raffte er sich wieder auf. »Sie muß mein sein,« stieß er ganz laut hervor, und obgleich es schon zu dunkeln begann und er sich kaum mehr auf den Füßen zu halten vermochte, griff er in einem fieberhaften Zustande zu seiner Toga, um sich von neuem auf den Weg zu machen.

Einmal im Freien, konnte er sich jedoch nicht überwinden, den Fuß in die engen Straßen zu setzen. Der tosende Lärm, der ihm von der Stadt aus in die Ohren brauste, erfüllte ihn mit Widerwillen gegen alles Menschliche. Er dachte an das wüste Gedränge, die feisten Priestergesichter, die hageren Schacherphysiognomieen, die bemalten Wangen umherstreifender Schönen, an die glattgeriebenen Gecken und wandte sich mit Ekel vom Marsfeld und den fern herüberschimmernden neronischen Bädern ab, dem sogenannten Gartenhügel zu, der mit seinen Gärten freundlich herübergrüßte.

Als er so in menschenfeindliche Gedanken verloren, die flaminische Straße entlang schritt, überschlich ihn wieder einmal jene stumpfe Abspannung, die, obgleich körperlichen Ursprungs, seine Entschlüsse lähmte und ihm Alles, was ihm sonst wünschenswerth erschien, als unersprießlich schal und bedeutungslos hinstellte. Mit verdrießlichem, erschlafftem Gesichtsausdruck, das Kinn auf die Brust gedrückt, schlenderte er dahin, bis ihn ein etwas heftigerer Windstoß an seine Umgebung gemahnte, und er den Kopf hebend stehen blieb. Auf beiden Seiten des Wegs hoben marmorne Grabmonumente ihre weißschimmernden Zierrathe von düstern Cypressenhintergründen ab: durch die Ritzen der mürrisch aufragenden Cypressen erglänzte fahl die Röthe des Abends, wie das traurige Weiße eines gebrochenen Auges aus den Wimpern grinst. Der Nachtwind ließ zuweilen die schwarzen Baumgestalten zusammenschauern und diese säuselnden Gestalten im Verein mit den blassen, prunkhaften Marmordenkmalen mußten auch ein wenig empfänglicheres Gemüth in eine bedrückende, weltmüde Stimmung versetzen. Paris ließ sich seufzend auf der Steinbank eines der Grabmäler nieder und betrachtete die öde Gegend, die in der Ferne von den grandiosen Bogen einer Wasserleitung, wie von einem stummen Leichengeleite durchzogen wurde. Bis zu seinem Sitz drang das gedämpfte Rauschen des Tiber, der Abendwind erhob sich stärker, dringender ward das seufzende Geflüster der Cypressen und es war als forderte dieses geisterhafte Rauschen, in dessen hinsterbenden Klagetönen man das Wellengemurmel des unterweltlichen Flusses zu hören glaubte, das weltmüde Herz auf, die Schwüle des Irdischen abzuwerfen und hier unter dem gleißenden Marmor als friedlicher Staub zu ruhen. Paris beschäftigte sich in der That einen Augenblick mit dem Gedanken, ob er nicht besser thue, das Mädchen seinem Schicksal zu überlassen.

Liebe! Was ist Liebe? Hatte er sie doch durchgekostet und sie für einen thörichten Spaß der Götter gehalten! Welches Weib hatte ihn bis jetzt dauernd zu fesseln gewußt? Und konnte ihn denn je ein Mitglied dieses kindischen Geschlechts auf edle Weise fesseln? Das arme Ding! Freilich, sie stand so allein, besaß gar kein Talent, im Leben etwas vor sich zu bringen! Wenn er aufhörte, sich um sie zu kümmern, würde sie nicht vielleicht glücklicher mit dem dicken Crassus werden? Würde sie ihn nicht vielleicht vergessen? Und war er denn einer aufrichtigen edlen Liebe werth? Er, der bis jetzt jedes Frauenherz, das ihn geliebt, unglücklich gemacht? Und wenn sie sich auch den Tod geben sollte, was hatte sie an der Welt verloren? Sie war doch schließlich nicht mehr als eine Rosenknospe, die im Festgelage der Fuß der Zecher zertritt! Sie zum Eheweib zu nehmen, ging nicht wohl an, er konnte ihr höchstens die Freiheit schenken. Noch mit solchen peinigenden Gedanken ringend, vernahm der Ermüdete ein aus einiger Entfernung herüberschallendes Gelächter, in welches sich eine krähende um Erbarmung winselnde Stimme mischte. Das Haupt nach jener Seite hin wendend, gewahrte er in der Nähe des Mausoleums des Augustus Fackelschein, der seinen zitternden Purpur durch die Stämme jenes das Mausoleum umragenden Haines streute.

»Es werden nachhausekehrende Wüstlinge sein, die sich, wie sie dies so häufig zu thun pflegen, an der Mißhandlung eines ihnen begegnenden Spaziergängers belustigen,« dachte Paris, stand auf und ging jenem Hain entgegen, ohne indeß die Absicht zu hegen helfend einzugreifen.

Das Geschrei des Mißhandelten ward deutlicher vernehmbar, der Fackelglanz zeigte zwischen den gerötheten Stämmen sich hin- und herbewegende Schatten, und als Paris ein Gefühl vollständiger Gleichgültigkeit in der Brust noch näher trat, bemerkte er, wie mehrere junge Leute sich um ein, am Boden liegendes seltsam verwachsenes Wesen drängten, dem sie vergebens bemüht waren einen Mantel unterzuschieben, Die grell beleuchtete Scene bot so mitten zwischen den schwarzen Tannen einen wunderlich tragi – komischen Anblick; die Sklaven hielten die knisternden Fackeln, die Jünglinge lachten, das ungestaltete Wesen klammerte sich kindisch schreiend an die Baumwurzeln und Sträucher fest, schlug um sich und suchte sich des Mantels zu erwehren, der ohne Zweifel dazu dienen sollte, ihn zu prellen, das heißt, auf dem man ihn wie einen Ball in die Luft zu schlendern und wieder aufzufangen beabsichtigte.

»Er muß tanzen,« schrie einer der Gecken, »faßt ihn an den Beinen, reißt ihm die Wurzel aus den Händen!« »Seht, wie es sich wehrt, das Thier,« rief ein Anderer und suchte die Hände des Aechzenden von der umklammerten Wurzel loszureißen, während ihn wieder andere auf das Tuch zu rollen sich bemühten.

Paris sah eine Zeit lang den Bemühungen der jungen Müßiggänger zu, die unaufhörlich über den Höcker des am Boden Liegenden ihre Witze rissen, dann trat er in das Licht der Fackeln, worauf, da man ihn bemerkte, sich alle nach ihm umwandten, und ein augenblickliches Stillschweigen eintrat. Als er hierauf fragend die Augen von einem der Gesellschaft zum andern gleiten ließ, erkannte man in ihm den berühmten Tänzer, und es schien, als übe der unwillige Ausdruck seiner schönen Züge doch eine beschämende Wirkung auf die Anwesenden aus. Kopfschüttelnd, sich seiner Ueberlegenheit bewußt, näherte er sich dem noch immer am Boden ächzenden, in feuerrothes Tuch gekleideten Geschöpf, einen düstern Blick auf dasselbe werfend und dann denselben Blick mit noch ein wenig mehr Verachtung gemischt zu den Gesellen erhebend, die sich lachend an ihre Sklaven wandten, um sich wie ertappte Knaben davon zu stehlen.

Nun geschah es, daß der am Boden Liegende, da ihn Niemand mehr schüttelte, den Kopf hob, um zu sehen, was um ihn her vorgehe. Paris, der hierdurch Gelegenheit fand, das Gesicht dieser Mißgestalt zu prüfen, fühlte sich mit einem Mal an eine höchst unbehagliche Situation erinnert – war es möglich? – Er erkannte an dieser absonderlich konstruirten Nase, an dem einen zugedrückten Auge Antonius, den Liebling Domitianʼs; jener Zwerg lag vor ihm, der Zeuge der nächtlichen Unterredung gewesen, an die Paris nur mit Widerwillen denken konnte. Der Zwerg erhob sich mit einem Satze, der jedem Kater Ehre gemacht haben würde, ballte die Fäuste gegen seine sich entfernenden Quäler und stieß fauchend allerlei unverständliche Flüche aus.

»Das kommt davon, wenn man zu galant ist, wenn man den Frauen dienstbar ist,« murmelte er und wendete sich mit mürrischem Gesichtsausdruck zu Paris.

»Danke für deine Hilfe,« sagte er verdrossen, »die Schlingel hätten mich wie einen Floh springen lassen, und wer weiß, wo ich morgen meine Glieder hätte zusammenlesen können. He! Nicht wahr?« setzte er seine langen Arme schwingend hinzu.

Paris konnte ihn jetzt, da die Fackeln verschwunden waren, nicht mehr von den hinter ihm ragenden Stämmen unterscheiden. Es kam ihm vor, als er diese hämische Stimme hörte, ohne eine Gestalt zu sehen, als rede ihn die Finsterniß der Nacht an, um ihn zu verderben.

Paris nickte ohne zu erwidern und wollte sich entfernen. »Du gehst?« frug ihn der Zwerg, den Kopf auf die Seite geneigt, »bleibe doch ein wenig, ich unterhalte mich ganz gern mit dir.«

Paris deutete mit frostiger Betonung an, es sei zu spät, zu dunkel, er möge machen, daß er aus dieser einsamen Gegend in belebtere Stadttheile gelange. Und da er weiter schritt, um der Mißgeburt zu entschlüpfen, stieß er sich den Kopf an einen Ast an. Als er ein paar Schritte abseits wich, sank fahl schimmernd ein Mondstrahl durch die blaue Schwärze der Tannenwipfel und beleuchtete den Krauskopf der Mißgeburt, der Nase derselben einen widerlichen Bleiglanz verleihend.

»Nun, nun,« lachte der Bucklige, sich an ihn heranschleichend, »so war es nicht gemeint – ich danke dir ja für deine Freundlichkeit – und wisse, du bist schuldig an der Gefahr, in die ich gerieth.«

»Was?« stieß der Mime zornig hervor und suchte den Verwachsenen, der ihm unter den Arm griff, abzuschütteln.

»Eh, ich bin keine Spinne!« lachte dieser, »du darfst mich schon anrühren und —« er hielt inne, drückte seinen mageren Zeigefinger dem Tänzer bohrend gegen die Brust und setzte leise bohrend hinzu: »Schlägt denn da innen kein Herz für schöne Frauen?«

Paris sah stirnrunzelnd auf ihn herab.

»Was willst du?« sagte er drohend.

»Nun, sei mir nur nicht böse,« lachte Antonius, »du ahnst gewiß, wer mich auf Kundschaft ausschickte. Ja, ja,« hüstelte er nach kurzer Unterbrechung, »sie möchte stets genau wissen, wie du geschlafen, wie du gegessen, getrunken, dich geschneuzt und wie du gespuckt, ich glaube, sie würde die Luft, die dich umgiebt, dafür bezahlen, wenn sie ihr von deinen geheimsten Handlungen erzählen wollte. Wie? Ist das nicht Liebe?« setzte er lauernd hinzu, »und muß eine solche Liebe nicht Gegenliebe erwecken?«

Paris fühlte bei diesen Worten ein unsägliches Mißbehagen, es zuckte ihm in der Hand, als müsse er dieselbe in nähere Berührung mit der Wange dieses Elenden bringen. Aber das Blut, das ihm eben noch heiß inʼs Gehirn gedrungen, floß nun wieder nach dem Herzen zurück, sein Grimm löste sich in ein unbestimmtes Angstgefühl auf.

»Dieses Weib!« klang es in ihm wieder, »immer dieses Weib! was sie nur an mir finden mag, sie verfolgt mich, wie der Mond das Kind verfolgt, immer sehe ich sie neben mir schreiten, immer denselben starr lächelnden tödtlichen Gesichtsausdruck – das Gesicht einer Sphinx.« Und wenn er sich in der Phantasie die lächelnden affektirten Züge Domitiaʼs vorstellte, war es ihm als durchdränge ihn der üppige Modergeruch eines Grabmals.

»Laß mich dein Gesicht prüfen,« flüsterte der Zwerg boshaft-schelmisch, »komm tritt mit mir aus dem Schatten des Hains in das Mondlicht heraus! Gewiß bemerke ich Spuren auf den vielbewunderten Schönheitslinien deiner Nase, die beredter als Worte verkünden, ich dürfe meiner Herrin günstige Nachrichten bringen.«

Paris machte sich von dem Arm des Zwerges los, um sich hastig durch die Gebüsche zu stehlen.

Antonius aber dem Voraneilenden folgend, plauderte unaufhörlich von Domitia, wie untröstlich sie sei, wie sie weder an Circusspielen noch an Schmuckgegenständen mehr Gefallen finde und wie sie angefangen habe den Aristoteles zu studiren, um in der Philosophie die Bilder der Liebe zu vergessen, die ihr die Dichter allzu verlockend ausgemalt.

Der Tänzer erwiderte auf alle diese Vorstellungen nichts, murmelte nur einmal: »Gebe deines Weges!« vor sich hin und eilte so rasch als möglich seiner Wohnung zu, so daß der Verwachsene bald davon abstehen mußte, dem Dahineilenden zu folgen.

»Der Grund, warum der Tänzer auf die vielen Fragen, die Antonius zuletzt noch an ihn richtete, keine entschieden abweisende Antwort in Bereitschaft hatte, war nicht mehr die Furcht vor Domitiaʼs Anträgen, die ihn Anfangs befallen. Diese Anträge brachte er, ohne zu wissen wie dies geschah, auf einmal in Verbindung mit Lydiaʼs Befreiung und so entstand in seinem Geiste eine gewisse Nachsicht betreffs jener ihn abstoßenden Anträge, ja er sah da, wo er vorher nur Verworfenes gesehen, einen Fingerzeig der Götter, die Leidenschaft dieses Weibes erschien ihm in günstigerem Lichte und dies Licht warf einen rettenden Schimmer auf Lydiaʼs Schicksal.

Vor der Thüre seines Gartens angekommen, blieb der Tänzer stehen und sah ganz von einer ihn beunruhigenden inneren Betrachtung beherrscht in die Dunkelheit hinaus, aus der die verschwommenen Umrisse seiner Villa herüberdämmerten.

»Warum eigentlich dies Weib fürchten?« fragte er sich. Domitian würde sich wohl hüten, ihm, dem von den Römern vergötterten Künstler ernstlich zu nahe zu treten, Domitian würde hierdurch nur seine eigene Schande verrathen. Und warum sollte er die Gunst der Kaiserin nicht ausnutzen? wenn er mittelst dieser Gunst sich und einem andern unglücklichen Wesen den Himmel auf Erden bereiten könnte! War da nicht ein Hoffnungsstern? Sah er nicht einen Ausweg aus allʼ seiner Bedrängniß? Während er so den breiten Kiesweg entlang schritt, umsäuselt von den Pinienwipfeln seines Gartens, reifte allmählich ein Plan in seiner Brust, den er zwar immer noch vorsichtig erwog, der aber mehr und mehr Herrschaft über seine Willenskraft auszuüben begann. Durch das Atrium schreitend, gelangte er wie in nachtwandlerischem Zustande in sein Schlafgemach, setzte sich neben sein Lager und schaute, sich langsam entkleidend, durch die Dachöffnung nach dem Mond hinauf. So saß er, ein Kleidungsstück in den Händen, oft, minutenlang regungslos da und erst die Stimme des alten Rufus weckte ihn aus seinem Nachsinnen. Freilich, er gestand sich ein, das sei ein Wagestück, was er da vor habe, das hieße dem Tiger den Kopf in den Rachen legen. Aber gerade diese Gefahr begann ihn anzuziehen, er dürstete zuweilen nach Abwechslung, sein abgestumpftes Nervensystem suchte manchmal fast eigensinnig nach neuen Aufregungen. Sich durch diese Schwierigkeiten durchzuwinden, hatte einen eigenen theatralischen Reiz für sein erschlafftes Herz, einen Reiz, der ihm neue Spannkraft verlieh, der seinen Ehrgeiz herausforderte und die niederdrückende Eintönigkeit des Daseins angenehm unterbrach. Und dann, wer sagte denn, daß Domitian von diesem hinter seinem Rücken gesponnenen Betrug jemals Kunde erhalten würde? Und wenn er Kunde erhielte, – die Kaiserin bewunderte den Tänzer, – was ist natürlicher, als daß sie, um ihm ihre Bewunderung zu beweisen, zu den kleinen Geschenken, die sie ihm zeitweise überreicht, ein größeres fügte? Und vor allem handelte es sich doch um den Besitz eines Wesens, dessen Paris bedurfte. Er war immer gewohnt gewesen, alles was ihm gefiel, sich sogleich anzuschaffen, er gestattete seinem verweichlichten Herzen jeden Wunsch —, sollte er diesmal, wo es sich um einen edlen, hohen Wunsch handelte, entsagen? Und war es denn Egoismus, was ihn zu dieser Handlungsweise trieb? Gewiß, dieses arme Kind ihrem Elend zu entreißen, ihm ein beglücktes friedliches Dasein zu schaffen, war ein Verdienst, das auch durch die Schmeicheleien, die er einer Unwürdigen erweisen mußte, nicht getrübt wurde und fühlte er doch ein so leidenschaftliches Bedürfniß, die Unglückliche zu retten, als hinge von dieser Rettung seine eigne Rettung ab, als könne ihn der unterweltliche Gott erst dann von dem wüsten Lasterleben frei sprechen, das er hier oben geführt, wenn er die Tugend Lydiaʼs vor jeglicher Berührung bewahrte.

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04 aralık 2019
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