Kitabı oku: «Hariol und Hildegard»
Wilhelm Wiesebach
Hariol und Hildegard
Die Bilder entwarf und zeichnete
Br. Notker Becker O. S. B.
Maria-Laach
Saga
Hariol und HildegardCopyright © 1920, 2019 Wilhelm Wiesebach und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711592809
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit SAGA Egmont gestattet.
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Die beiden Seelchen.
Die Sternenäuglein blinzelten gar traulich und lieb auf die Erde hinunter. Da unten war Frühling, und sein Duft und seine Lieder stiegen schier bis zum Himmel hinauf. Die Blümlein auf den Wiesen und in den Gärten flüsterten und lispelten sich leise liebe Worte zu. Die Grillen zirpten im nachtfeuchten Grase, und den Fluss entlang tanzten lichte, weisse Nebelfrauen ihren Reigen dazu.
Am Waldesrand, weit draussen vor der Stadt, leuchteten zwei weisse Häuser aus blühendem Flieder heraus. Das eine, mit herrlichen, breiten Balkonen und Marmortreppen, war das Schloss des reichen Grafen; das andere, kleine, bewohnte ein armes Taglöhnerpaar. Aber die beiden Häuser schienen sich lieb zu haben und in der stillen, lichten Nacht ihren Standesunterschied zu vergessen. Denn das kleine winkte mit seinem winkeligen Giebel unter der buschigen Strohdachhaube gar zutraulich zu dem grossen hinüber, und das Grafenhaus neigte sich wie eine grosse Schwester zur kleinen zu ihm hinunter. Der Flieder, der über dem vergoldeten Zaun des Schlosses blühte, reichte sogar den Büschen am wackeligen Nachbarzaun die Hand und stand mit ihnen so die ganze Nacht. Und sie flüsterten und neigten sich zueinander, bis der Morgenstern über den Tannenwipfeln des Waldes aufging.
In den beiden Häusern und in den Gärten war tiefe, heilige Stille.
Im Himmel droben sass der liebe Gott an seinem Erkerfenster und arbeitete, wie er es immer tut. Der Frühlingswind spielte mit seinem langen Silberbart. Seine grossen lieben Augen schauten immer auf die Erde nieder und ruhten doch zu gleicher Zeit auf seinen Händen.
Die hielten etwas Wunderfeines. Was es war, Konnte ein Menschenauge nicht sehen, weil es für die himmlischen Dinge nicht klar und rein genug ist. Es war ein Gewebe aus den goldigsten Sonnenstrahlen. Diamanten blitzten wie Sterne darin, und ein Duft ging davon aus wie von Lilien und Rosen. Und wie der liebe Gott es bei der Arbeit berührte, klang und sang es mit Stimmen so fein, dass man meinen sollte, die Engel mit den schönsten und hellsten Stimmen sängen ihr allerschönstes Lied.
Jetzt ging ein Lächeln über das Antlitz des lieben Gottes, viel sonniger als das Lächeln eines Vaters über der Wiege seines Kindchens. Und wie er lächelte, schienen die Sterne am ganzen Himmel mit einem Male tausendfach heller als sie bisher geleuchtet hatten.
Der liebe Gott war mit seiner Arbeit fertig. Er stand von seinem goldenen Tisch auf und lehnte sich zum Fenster hinaus. In dem Augenblick war es den Menschen drunten auf der Erde, die noch wach waren, als wehe ein warmer, weicher Blumenduft um ihre Stirnen und als sängen alle Glocken von den Türmen mit wundersamem, leisem klang wie in der heiligen Weihnacht.
Nun hielt der liebe Gott seine lichtweissen Hände zum diamantenen Fenster hinaus. Er hauchte hinein und öffnete sie.
Da schwebten, so schnell wie nur der schnellste Engel fliegen kann, zwei kleine Geisterchen wie Lichtlein, viel heller als die Sonne und blitzender als die herrlichsten Diamanten zur Erde nieder.
Wie sie den blauen Himmelsraum durchflogen, verblassten die Sterne.
Der liebe Gott schaute ihnen nach und lenkte ihren Flug mit seinen Augen.
Sie schwebten gerade auf die beiden Häuser am Waldesrande zu und auf einmal waren sie darin verschwunden.
Aber der liebe Gott schaute ihnen noch immer lächelnd nach.
Die Menschen in den Häusern, in denen sie eingekehrt waren, sahen sie nicht. Und doch lebten sie.
Es waren zwei kleine, kleine lichte Menschenseelchen.
Obschon sie zusammen in den Händen des lieben Gottes entstanden waren und zusammen die weite Reise vom Himmel zur Erde gemacht hatten, wussten sie jetzt auf einmal nichts mehr voneinander. Auch des lieben Gottes und des Himmels erinnerten sie sich nicht mehr. Sie wollten weinen vor Weh, aber konnten es nicht, da sie keine Äuglein hatten. Ach, sie fühlten sich so einsam! Und doch war es so wohlig warm um sie her. Ihre Bettchen und Kleidchen, in die sie der liebe Gott gelegt hatte, waren soviel weicher als das zarteste Engelfederkissen. Und sie fühlten, dass das Bettchen und ihr Kämmerlein immer grösser um sie her wuchs. Aber es war immer dunkel ringsum; das Himmelslicht war erloschen.
Wie lange sie so in dem warmen Bettchen und doch mit dem grossen Heimweh nach dem Licht gelegen hatten, wussten sie nicht.
Da eines Tages – es war für beide wieder dieselbe Stunde, aber sie wussten es nicht – verwandelte sich die finstere Nacht mit einem Schlage in strahlendes goldenes Licht. Vor freudigem Schrecken schrien sie laut auf wie Kinder, die aus dem dunklen Wartezimmer zum lichterstrahlenden Christbaum geführt werden.
Und nun sahen sie auch – und konnten nicht genug staunen darüber – ihr Kämmerlein, in das sie der liebe Gott geschickt hatte, oder vielmehr ihr Häuschen, das sie bewohnten.
Schnell huschten sie, so schnell wie der Blitz, dem Licht entgegen, das sie beschien. Sie wollten wissen, woher das käme. Da fanden sie oben im obersten Stockwerk ihres Häuschens zwei kleine allerliebste Fensterchen. Durch die schien die goldene Sonne in breiten warmen Strahlen. Und sie lehnten sich weit zu den kleinen Guckfensterchen hinaus, so weit als sie eben konnten, ohne hinauszufallen. Da sahen sie ihr Häuschen von aussen. Das war ganz wunderschön, so weiss und rosig. Und wenn sie schauen wollten, wie es unten oder an der Seite aussah, dann kam ihnen das Stück, das sie ganz genau besehen wollten, schon entgegen. Ein drolliges Häuschen!
Sie vergassen ganz, von den Fesnsterchen ins Kämmerchen zurückzugehen. Immer wieder mussten sie nur schauen und schauen und lachen. Und wenn die Seelchen lachten, dann bewegte sich das ganze Häuschen mit.
Nur von Zeit zu Zeit kam es ihnen so merkwürdig vor, als lärme und schreie da drinnen ein böser Wicht. Dann schrien sie vor Angst. Und dann kam ein grosses schreckliches Wesen daher – nein, es war doch so lieb, wenn man es näher ansah – und nahm das Seelchen mit dem ganzen kleinen Häuschen an sich, und dann war auf einmal der Gösewicht aus dem Kämmerlein verschwunden. Dem Seelchen war es so wohl, so wohl. Die Guckfensterchen fielen zu, es wusste nicht, wie.
Und nun war es wieder dunkel ringsum und doch so schön, so schön. Zwar konnte das Seelchen sich in seinem Häuschen drinnen nicht umsehen. Aber da stand auf einmal ein wunderschöner Engel vor ihm mit einem grossen, grossen Kasten. Da waren tausend und tausend Bilder drin, so schön wie der ganze Himmel mit allen Sternen und Engeln und Heiligen. Und der wunderschöne Engel zeigte dem Seelchen die Bilder, eins nach dem andern, und sprach dazu und sang dazu so süss und lind, dass das Seelchen meinte, es sei wirklich wieder im Himmel beim lieben Gott.
So lebten die beiden Seelchen jedes für sich. Jeden Tag machten sie neue Entdeckungen an ihrem Häuschen. Und wenn sie müde waren vom Schauen und Lachen, dann fielen die Fensterchen immer zu, und der wunderschöne Engel stand bei ihnen mit seinem himmlischen Guckkasten.
Ganz putzige Entdeckungen machte das Seelchen. Da waren Dinger an seinem Häuschen, die wollten immer strampeln, wenn es sich freute, oder wenn ihm eins der grossen Wesen, die um es herumliefen, zu nahe kam. Da waren wieder zwei andere Dinger, denen brauchte Seelchen nur zu befehlen, wenn es einen Sonnenstrahl erhaschen wollte, und sofort griffen die Dinger auch schon danach, der Sonnenstrahl liess sich aber nicht fassen. Wieder ein ander Ding war da, ganz dicht bei den Guckfensterchen; das Kitzelte ganz gewaltig, wenn die Sonne darauf schien, und liess etwas Feines und Süsses ins Häuschen hinein, dass es dem Seelchen vorkam, als hauche es der liebe Gott wieder an, wenn das grosse Wesen, das immer bei ihm war, eine Rose auf das Bettchen legte, in das das Häuschen eingekuschelt war.
Am drolligsten aber waren die beiden oder vielmehr die drei Dinger, von denen eins wieder nicht weit von den Guckfensterchen entfernt war, die beiden andern aber irgendwo in der Nähe waren, nur so, dass das Seelchen sie nicht sehen konnte.
Wenn Seelchen Freude hatte an der Sonne und bunten Dingen, oder wenn ihm am Häuschen drinnen oder draussen etwas nicht recht war, dann ging das eine Ding, das wie ein Türchen war, weit auf, und Seelchen wollte hinausfliegen. Das ging aber nicht, ebensowenig wie es aus den Guckfensterchen hinausspringen konnte. Aber wenn es der Sonne oder dem Vöglein oder der Blume draussen entgegenfliegen oder vor dem Weh drinnen fortlaufen wollte, dann hub das Türchen zu krähen und zu quieksen an, und Seelchen huschte schnell zu den beiden Dingern, die es nicht sah, nicht weit von den Guckfensterchen, und lauschte.
Ei, da Konnte es sich ja selber hören! Und es lauschte wieder und vergass über dem Horchen und Staunen das krähen.
Aber das Türchen, das immer krähte und quiekste, liess auch allerlei schöne Sachen ins Häuschen ein. Seelchen sah sie wohl; das grosse Wesen, das immer um es herum war, brachte sie ihm: Etwas Weisses, so weiss wie der Schnee; das ging in das Trüchen hinein. Seelchen huschte ihm entgegen und freute sich; denn wenn das Weisse, Warme durchs Türchen hineingekommen und im Häuschen verschwunden war, dann wurde es auf einmal so warm und mollig drinnen, dass Seelchen das Guckfensterchen vergass und sich ganz ins heimeligste Kämmerchen einkuschelte.
An einem sonnigen Frühlingstag nahm das grosse Wesen, das immer um Seelchen herum war, Seelchen wieder einmal aus seinem Bettchen und ging mit ihm hinaus in den Gorten.
O wie schön war es da draussen! War das der Himmel? Und wie weit und gross war die Welt! Sie reichte noch weit über den Gartsnzaun, immer weiter und weiter!
Noch ein zweites grosses Wesen kam herzu, das Seelchen auch oft gesehen hatte, und neigte sich zu ihm nieder und lachte es an.
Und Seelchen schaute sie im goldenen Frühlingslicht gross an und staunte. Die grossen Wesen hatten auch Guckfensterchen, und aus ihnen schaute geradeso etwas Feines, Lichtes heraus, wie Seelchen selbst war. Seelchen krähte vor Freude, und sein krähen muss wohl sehr schön geklungen haben; denn die beiden grossen Wesen lachten und umarmten und küssten sich.
Da nahm das zweite grosse Wesen Seelchen auch auf den Arm. Zuerst war Seelchen bang; denn das grosse Wesen hatte so etwas Rauhes und Schwarzes und Wolliges im Gesicht. Dann aber fand Seelchen, dass es in der schwarzen Wolle herumkrabbeln und zausen konnte. Und dann krähte es:
„Mama ... Papa!“
Die Mama weinte vor Freude, und der Papa hob Seelchen hoch in die Luft, als wollte er es in den blühenden Kirschbaum setzen.
Und aus dem Grafengarten rief der Graf in den armen Garten hinüber:
„Haben Sie gehört? Unsere kleine Hildegard hat zum ersten Male Mama und Papa gesagt!“
Von drüben schollen zwei lachende Stimmen zu gleicher Zeit:
„Ja, Herr Graf, und unser kleiner Hariolf hat’s eben auch gelernt.“
Nun war ein immerwährendes grosses Freuen im Schloss und in der Hütte. Hariolf und Hildegard krähten und lachten und quieksten mit den Amseln, Meisen und Buchkinken in den blühenden Apfelbäumen um die Wette.
Aber es kam bald noch einmal ein grosser Tag. Da schickte Frau Gräfin Gertraud durch ihren dicken koch einen mächtigen süssen kuchen und einen schweren Golddukaten in die Hütte zum armen Taglöhner Franz und seiner Frau Elisabeth hinüber und liess sagen:
„Einen schönen Gruss von der Frau Gräfin, und klein Hilde hat heute Morgen den ersten Schritt vor ihrem Bettchen getan.“
Das war für die armen Leute eine grosse Ehre und Freude. Aber eine viel grössere Freude war es ihnen, dass auch klein Hariolf am selben Morgen zur selben Stunde seine Strampelchen zu seinen zwei ersten Schritten bewegt hatte. Und Frau Elisabeth liess der Frau Gräfin durch den dicken koch sagen, sie danke recht herzlich für den schönen Kuchen und die reiche Gabe, sie wolle den Golddukaten für Hariolf aufbewahren, aber sie bäte um Verzeihung, dass auch ihr Söhnchen heute schon seine ersten Schritte getan hätte; die Mädchen seien ja wohl sonst den Buben im Sprechen und Laufen voraus, aber ihr Hariolf scheine, Gott Dank, ein ganz besonders gescheiter Bub werden zu wollen.
Und noch einmal kam ein grosser Tag, der grösste von allen. Die Gräfin ging zum ersten Male mit klein Hilde an der Hand durch den park spazieren. Da kam sie auch an das grosse vergoldete Tor, an dem gerade Frau Elisabeth mit klein Hariolf an der Hand vorüberging. Die Gräfin riet die arme Taglöhnersfrau an und trat zu ihr zum Tor hinaus.
Da sahen Hilde und Hariolf beide ein Wunder. Jedes hatte bisher gemeint, oder vielmehr für selbstverständlich gesunden, dass es das einzige kleine Menschlein auf der Welt war. Nun sahen sie sich gegenseitig mit grossen Augen an, hielten ein Händchen auf den Rücken und steckten das andere in den Mund. So standen sie lange.
Aber ihre Seelchen sprangen sich durch die Guckfensterchen entgegen und tanzten miteinander im Sonnenlicht. Sie wussten gar nicht, was das bedeuten sollte, als die Gräfin sagte, sie sollten sich die Händchen geben. Die Seelchen waren ja schon beieinander und staunten sich gegenseitig an und verstanden sich doch wieder und erzählten sich, ohne ein lautes Wort zu sprechen, die goldigsten Träume und Märchen.
Von nun an liess die Gräfin klein Hariolf jeden Tag durch ihre Zofe ins Schloss herüberholen, damit, wie sie Frau Elisabeth sagen liess, ihr Töchterlein nicht so einsam sei.
Da gingen dem Bübchen die Augen und das Herz auf, wie es all die schönen Spielsachen im Zimmer des kleinen Grakenkindes sah und von der Frau Gräfin, die sehr lieb war, das köstlichste Gebäck zu essen und die süsseste Schokolade zu trinken bekam.
Und erst, wenn er mit klein Hilde im Park am plätschernden Brünnlein spielen durfte! Welch schöne bunte Vöglein da in den Bäumen sangen, welch goldene Käfer und Schmetterlinge da zwischen den Blumen spielten!
Er sah gar nicht das reiche goldgestickte Seidenkleidchen seiner Gespielin und sein armes geflicktes Röckchen, und Hildegard wusste nichts von Eitelkeit und Furcht vor dem armen Buben. Es war, als hätten ihre Seelchen die kleinen Körper verlassen und hüpften frei zwischen den Käfern und Blumen und blitzenden Wassertröpflein umher und erkännten in all den glitzernden und bunten Dingen ein schönes, goldenes Land wieder, in dem sie einst gewohnt hatten.
Eines Tages fand Hariolf einen verhutzelten Wurzelknorren. Hei, war das ein schönes Ding! Er zupfte Und kratzte mit einem Ziegelscherben daran herum und umwickelte ihn mit seinem Sacktüchlein. Dann lief er zu Hilde und drückte ihr das putzige Ding in den Arm:
,,Da hast du eine schöne Puppe!“
Hildegard schaute selig abwechselnd den Geber und das Geschenk an. Dann setzte sie sich unter eine mächtige Buche ins Moos, wiegte die Puppe und sagte immer wieder leuchtenden Auges:
„Du bist mein schönstes und liebstes Püppchen.“
Hariolf kniete vor sie hin und schaute ihr andächtig zu. Ihre Seelchen sprangen aus ihren Augen heraus und umschwebten und umschmiegten das Wurzelpüppchen und schufen daraus ein wunderfeines Kindlein. Die ganze Welt ringsum war für sie verschwunden, sie waren wie im Himmel droben und taten, ohne es zu wissen, das was der liebe Gott immer tut: Sie schufen dem Püppchen ein Seelchen ein. Und da lachte und strampelte und schlief das kleine Ding, wie der Puppenvater und die Puppenmutter selbst lachten und tanzten und schliefen.
klein Hildegard aber sang mit wunderfeinem Silberstimmchen ein Schlummerliedchen dazu:
Schlaf, mein Kindchen, schlaf in Ruh,
Zirpchen geigt im Gras dazu.
Fröschlein mit dem goldenen Kränchen
singt in Schlaf mein süsses Söhnchen.
Schlaf, mein Kindchen, gute Nacht!
Sternlein halten treue Wacht,
dass mein Kind die bösen Schnecken
nicht mit ihren Hörnern schrecken.
Da sprang Hariolf auf und lachte und klatschte in die Hände vor eitel Lust, hüpfte an den untersten Ast der Buche und schwang sich hin und her, liess sich fallen und schlug wilde Purzelbäume im Grase.
Hildegard war die Wurzelpuppe aus dem Arm geglitten. Sie staunte mit ihren grossen Blauaugen, den Finger im Mund, ihren Gespielen an. Und wie der sah, dass das Mädchen ihn mit seinen Kraftproben bewunderte, wurde er immer kühner und versuchte sich auf den Kopf zu stellen.
Jetzt war das Gleichgewicht zwischen den beiden Seelchen wieder hergestellt: Hilde konnte singen wie ein Engelchen und Verschen machen, Hariolf war ein Meister der Kraft.
Der Winter kam, die Bäume standen kahl, die Meisen zirpten bang im strähnigen Gebüsch. Weitzgoldene Geisterchen malten glitzernde Eisblumen an die Fenster.
Während die Frau Gräfin am schweren Eichentisch sass und feine Stickereien mit goldenen, blauen, roten, grünen Fäden machte und der Graf im wilden Wald Hirsche und Rehe jagte, sass klein Hildegard in ihrem Kuscheleckchen und träumte in den flammenden und prasselnden Kamin hinein. Ihr Seelchen schwebte durch die Räume und Speicher des Schlosses, um die alten Eichen und den vereisten Brunnen im Park auf duftigen Märchenpfaden. Dazwischen legte sie ihr blondes Lockenköpfchen auf die Seite und lauschte und sang leise nach, was lustige Engelkinder ihr vorgeigten.
Klein Hariolf hockte in der Hütte auf der Ofenbank, indes die Mutter ihm warme Strümpfe, Wams und Mütze strickte und der Vater draussen Holzkloben spaltete. Er sass da und schnitzelte mit einem Scherchen Männlein und Bäume und Häuschen aus bunten Papierfetzen, eine Welt, wie er sie geschaffen hätte, wenn er der liebe Gott gewesen wäre, und die in der Tat tausendmal schöner war, als die rauhe kalte Welt draussen.
Am heiligen Abend kamen zwei knechte aus dem Schloss mit grossen Pelzmützen und Pelzhandschuhen und schaufelten einen Weg durch den hohen Schnee vom Schlosspark bis zur Hütte Harioifs. Dann kam ein goldstrotzender Diener mit mächtigem Federhut und holte klein Hariolf im Namen des Grafen und der Frau Gräfin ab zur Christbaumbescherung.
Das Bübchen war gerade wieder am Schnitzeln. Frau Elisabeth strich ihm die Haare und das Röckchen zurecht und wollte ihn dem Diener mitgeben. Hariolf fasste aber noch schnell seine Schnitzeleien zusammen. Die Mutter wollte sie ihm abnehmen, doch der kleine hielt sie mit aller Gewalt fest, und so liess Frau Elisabeth ihm seinen Willen.
Als er vor dem strahlenden Christbaum im herrlichsten Saal des Schlosses stand, immer noch seine Schnitzeleien krampfhaft festhaltend, da vergass er den Grafen und die Gräfin, klein Hilde und sich selbst. Sein Seelchen schwebte und huschte zwischen den grünen Zweigen umher, küsste die Lichtlein und die tausend glitzernden Sterne und Goldkugeln, ketten und Fäden, in die der Baum eingesponnen war. Er stand und stand und meinte, er schaue in einen Spiegel, so glich der Lichterbaum seinem Kinderseelchen. Und wie er, stand Hilde da. Auf einmal hub sie mit ihrem feinen Flüsterstimmchten zu singen an:
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