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Kitabı oku: «Der Mondstein», sayfa 29

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Zweites Capitel

»Betteredge!« rief ich, indem ich auf das wohlbekannte Buch auf seinen Knieen hinwies, »hat Robinson Crusoe Ihnen diesen Abend vorausgesagt, daß Sie Franklin Blake zu erwarten hätten?«

»Bei dem Allmächtigem Herr Franklin!« rief der alte Mann, »gewiß und wahrhaftig hat Robinson Cruso das gethan!«

Mit meiner Hilfe stand er auf und blickte einen Augenblick abwechselnd aus mich und auf Robinson Crusoe, ersichtlich ungewiß darüber, wer von uns Beiden ihn am meisten überrascht habe. Seine Entscheidung fiel endlich zu Gunsten des Buches aus. Mit beiden Händen hielt er es offen vor sich in die Höhe und betrachtete das wundervolle Buch mit dem Ausdruck einer großen Erwartung, als ob er darauf gefaßt sei, Robinson Crusoe selbst aus den Seiten hervor und leibhaftig zwischen uns treten zu sehen.

»Da steht es, Herr Franklin!« sagte er, sobald er seine Sprache wiedergewonnen hatte. »So wahr ich lebe, Herr Franklin, hier steht die Stelle, die ich, einen Augenblick, ehe Sie hereinkamen, gelesen habe! Seite 156 wie folgt: »Ich stand wie vom Blitz gerührt oder als ob ich eine Erscheinung gesehen habe.« Wenn das nicht so viel heißt, als auf die plötzliche Erscheinung des Herrn Franklin Blake vorbereiten, so hat die englische Sprache gar keinen Sinn mehr,« sagte Betteredge, indem er das Buch zuschlug und endlich eine seiner Hände frei bekam, um damit meine dargebotene Rechte zu ergreifen.

Ich war natürlich unter den obwaltenden Umständen darauf gefaßt gewesen, von ihm mit Fragen überhäuft zu werden. Aber der mächtigste Antrieb bei dem alten Diener war doch der der alten Gastlichkeit, sobald ein Mitglied der Familie (gleichviel in welcher Veranlassung) als Besucher in dem Hause erschien.

»Treten Sie näher, Herr Franklin,« sagte er, indem er die Thür hinter sich mit einer sonderbaren altmodischen Verbeugung öffnete. »Was Sie herführt, sollen Sie mir später erzählen, vor allen Dingen muß ich es Ihnen bequem machen. Die Dinge haben sich traurig verändert, seit Sie abgereist sind. Das Haus ist zugeschlossen und die Dienstboten sind fort. Aber einerlei! Ich will Ihnen Ihr Mittagessen. kochen; und die Gärtnersfrau wird Ihnen Ihr Zimmer in Ordnung halten – und wenn noch eine Flasche von unserm famosen Latour im Keller liegt, so sollen Sie sie ausstechen, Herr Franklin. Ich heiße Sie willkommen Herr Franklin, herzlich willkommen!« sagte der gute Alte, der mannhaft darnach rang, den trüben Geist des verlassenen Hauses keine Gewalt über sich gewinnen zu lassen und mich mit der verbindlichen und gastfreien Ausnahme vergangener Tage zu empfangen.

Es that mir leid, ihm nicht zu Willen sein zu können, aber das Haus gehörte jetzt Rachel. Durfte ich nach dem, was in London vorgefallen war, darin essen oder schlafen? Das einfachste Gefühl der Selbstachtung machte es mir absolut unmöglich, die Schwelle zu betreten.

Ich ergriff Betteredge’s Arm und führte ihn in den Garten. Es half nichts, ich mußte ihm die Wahrheit sagen. Die Wendung der Dinge rief einen schweren Conflict zwischen seiner Anhänglichkeit für Rachel und seiner Anhänglichkeit für mich hervor. Seine Meinung sprach er dann in seiner gewöhnlichen geraden Weise aus, sie athmete den Geist der positivsten mir bekannten Philosophie – der Philosophie der Betteredge’schen Schule.

»Fräulein Rachel hat ihre Fehler, das habe ich nie geleugnet,«« fing er an, »und einer ihrer Fehler besteht darin, daß sie sich zuweilen zu sehr auf’s hohe Pferd setzt. Sie hat es versucht, Sie zu überreiten, und Sie haben es sich gefallen lassen. Mein Gott, Herr Franklin, kennen Sie die Frauen noch nicht besser? Sie haben mich doch von meiner Seligen reden hören?«

Ich hatte ihn oft genug von seiner verstorbenen Frau reden hören, immer als von seinem mustergültigen Vorbild der eingeborenen Schwachheit und Verderbtheit des andern Geschlechts. In dieser Eigenschaft führte Er sie auch jetzt vor.

»Nun wohl, Herr Franklin, hören Sie mich! Verschiedene Frauenzimmer haben verschiedene Arten, sich auf’s hohe Pferd zu setzen. Meine Selig; pflegte dieses Lieblingsthier der Frauen zu reiten, so oft ich ihr irgend etwas versagt hatte, woran ihr Herz hing. So oft ich an diesen Tagen von meiner Arbeit nach Hause zurück kehrte, rief mir meine Frau von der Küche aus zu, daß sie nach der brutalen Behandlung, die ich ihr habe widerfahren lassen, nicht im Stande gewesen sei, mir mein Mittagessen zu kochen. Ich ertrug das eine Zeitlang, gerade wie Sie es jetzt von Fräulein Rachel ertragen. Endlich war meine Geduld erschöpft. Ich ging hinunter, nahm meine Frau, natürlich ganz freundschaftlich, auf den Arm, trug sie ohne Weiteres in das beste Zimmer, wo sie ihre Gesellschaften zu empfangen pflegte, und sagte: »Hier ist der rechte Platz für Dich, liebes Kind!« und ging dann in die Küche zurück, schloß mich dort ein, zog meinen Rock aus, krempelte meine Hemdsärmel auf und kochte mir selbst mein Mittagessen.

Als es fertig war, servirte ich es mir so gut ich es verstand und genoß es von ganzem Herzen. Dann steckte ich mir meine Pfeife an und trank mein Glas Grog; und dann räumte ich den Tisch wieder ab, wusch das Geschirr, reinigte Messer und Gabeln, legte die Sachen weg Und fegte den Heerd. Als die Sachen dann wieder so rein und glänzend waren, wie sie es nur sein konnten, öffnete ich die Thür und ließ Mrs. Betteredge wieder ein.

»Jetzt habe ich zu Mittag gegessen, liebes Kind,« sagte ich, »und ich hoffe, Du wirst zugeben, daß ich die Küche dabei so rein gehalten habe, wie Du es nur irgend wünschen kannst.« Darnach brauchte ich, so lange meine Frau lebte, mein Mittagessen nicht wieder selbst zu kochen, Herr Franklin. Moral: Sie haben« sich Fräulein Rachel in London gefügt, fügen Sie sich ihr nicht auch in Yorkshire Kommen Sie wieder in’s Haus!«

Vergebens! Ich konnte meinen alten Freund nur versichern, daß selbst seine Ueberredungskunst an mir in diesem Falle verloren sei.

»Es ist ein schöner Abend,« sagte ich, »ich werde nach Frizinghall gehen und dort im Hotel absteigen und Sie müssen morgen früh zu mir kommen und mit mir frühstücken. Ich habe Ihnen etwas zu sagen.«

Betteredge schüttelte bedenklich den Kopf.

»Das thut mir herzlich leid,« sagte er, »ich hatte gehofft, zu hören, das Alles zwischen Ihnen und Fräulein Rachel wieder in schönster Ordnung sei. Wenn Sie durchaus Ihren Willen haben müssen,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, »so brauchen Sie eines Bettes wegen heute Abend nicht nach Frizinghall zu gehen, das können Sie näher haben. Kaum zwei Meilen von hier ist die Hotherstone’sche Meierei. Gegen dieses Haus können Sie, in Rücksicht auf Fräulein Rachel, kaum etwas einzuwenden haben,« fügte der Alte schlau hinzu. »Hotherstone wohnt auf seinem eigenen Grund und Boden.«

Ich erinnerte mich des Hauses sofort. Es stand in einem geschützten Thal, an den Ufern des hübschesten Flusses in jenen Theilen Yorkshire’s, und der Eigenthümer hatte ein Fremden-Schlaf- und Wohnzimmer, welche er an Künstler, Angler und sonstige Touristen zu vermiethen pflegte. Eine angenehmere Wohnung während meines Aufenthalts in der Gegend hätte ich mir nicht wünschen können.

»Sind die Zimmer frei?« fragte ich.

»Mrs. Hotherstone selbst,« sagte er," »hat mich noch gestern gebeten, ihr Haus zu empfehlen.«

»Ich nehme die Zimmer mit dem größten Vergnügen, Betteredge.«

Wir gingen wieder nach dem Hof zurück, wo ich meinen Reisesack gelassen hatte. Nachdem er einen Stock durch den Griff gesteckt und den Sack über die Schulter genommen hatte, schien Betteredge wieder in das fassungslose Erstaunen zu verfallen, welches mein plötzliches Erscheinen, als ich ihn im Lehrstuhle überraschte, hervorgerufen hatte. Er blickte mit dem Ausdruck noch größerer Ungläubigkeit nach mir.

»Ich habe eine gute Anzahl Jahre in der Welt gelebt,« sagte dieser beste und theuerste aller alten Diener, »aber was ich jetzt erlebe, hofften meine Augen nie zu sehen. Da steht das Haus und hier steht Herr Franklin Blake – hol mich der Teufel! – kehrt der eine dem andern den Rücken und geht in eine gemiethete Wohnung!«

Er ging kopfschüttelnd und bedeutungsvoll murrend voran.

»Nun kann nur noch eine wunderbarere Sache passiren,« sagte er, indem er den Kopf über die Schulter umdrehte. »Das Nächste, was Sie thun werden, Herr Franklin, wird sein, daß Sie mir die 7 Shillinge 6 Pence zurückzahlen, die Sie als Knabe von mir geborgt haben.«

Dieser sarkastische Hieb brachte ihn in bessere Laune gegen sich selbst und gegen mich. Wir verließen das Haus und gingen am Pförtnerhause vorbei zum Gitter hinaus. Nachdem er Haus und Garten verschlossen hatte, legten die Pflichten der Gastfreundschaft Betteredge keinen Zwang mehr auf und konnte er seiner Neugierde freien Lauf lassen.

Er stand einen Augenblick still, bis ich neben ihm ging. »Schöner Abend für einen Spaziergang, Herr Franklin,« sagte er, als ob wir uns in diesem Augenblick zufällig begegnet wären, »angenommen, Sie wären nach dem Hotel in Frizinghall gegangen.«

»Ja?«

»So hätte ich die Ehre gehabt, morgen mit Ihnen zu frühstücken.«

»Nun, so frühstücken Sie jetzt mit mir in Hotherstone’s Meierei.«

»Sehr verbunden, Herr Franklin, für Ihre Güte. Aber es war nicht grade das Frühstück, worauf es mir ankam. Ich meine, Sie hätten vorhin bemerkt, daß Sie mir etwas zu sagen haben. Wenn es kein Geheimniß ist,« sagte Betteredge, indem er plötzlich den krummen Weg verließ und den graden betrat, »ich brenne vor Begierde, zu erfahren, was Sie so unvermuthet hierher geführt hat.«

»Was hat mich denn früher hierher geführt?« fragte ich.

»Der Mondstein, Herr Franklin Aber was führt Sie jetzt hierher?«

»Wieder der Mondstein, Betteredge.«

Der alte Mann stand plötzlich still und sah mich in dem grauen Dämmerlicht an, als ob er seinen eigenen Augen nicht traue.

»Wenn das ein Scherz sein soll,« sagte er, »so fürchte ich, ich bin auf meine alten Tage ein wenig stumpf geworden. Ich verstehe ihn nicht.«

»Es ist kein Scherz« antwortete ich; »ich bin hergekommen, um die Untersuchung wieder aufzunehmen, die man fallen gelassen hatte, als ich England verließ. Ich bin hergekommen, zu thun, was vor mir noch Keiner gethan hat – herauszufinden, wer den Diamanten gestohlen hat.«

»Lassen Sie es mit dem Diamanten gut sein, Herr Franklin! Folgen Sie meinem Rath! Lassen Sie es damit gut sein! Dieser verwünschte indische Edelstein hat noch Jedermann, der ihm nahe gekommen ist, irre geleitet. Verschwenden Sie nicht Ihr Geld und Ihre Laune in Ihrer besten Lebenszeit damit, sich mit dem Mondstein zu befassen. Welchen Erfolg können Sie sich versprechen, wenn – mit aller Achtung vor Ihrer Person sei es gesagt – Sergeant Cuff selbst daran gescheitert ist? Sergeant Cuff!« wiederholte Betteredge, indem er den Zeigefinger bedeutungsvoll vor mir erhob, »der größte Polizei-Beamte in England!«

»Mein Entschluß ist gefaßt, mein alter Freund; selbst Sergeant Cuff kann mich nicht abschrecken. Beiläufig, ich kann früher oder später in den Fall kommen, ihn sprechen zu müssen. Haben Sie kürzlich irgend etwas von ihm gehört?«

»Der Sergeant wird Ihnen zu nichts helfen, Herr Franklin.«

»Warum nichts«

»Seit Ihrer Abreise hat sich in der polizeilichen Welt etwas Merkwürdiges zugetragen. Der große Cuff hat sich von den Geschäften zurückgezogen Er hat sich ein kleines Landhaus in Dorking gekauft und lebt nur für die Rosenzucht. Das weiß ich von ihm selbst, Herr Franklin. Er hat die weiße Moosrose gezogen, ohne sie auf die wilde Rose zu pfropfen. Und der Gärtner Begbie soll nach Dorking kommen und sich endlich von dem Sergeanten für überwunden erklären.«

»Es kommt nicht viel darauf an,« sagte ich, »ich muß mich dann ohne Sergeant Cuff’s Beistand behelfen und damit beginnen, mich Ihnen anzuvertrauen.«

Vermuthlich hatte ich diese Worte etwas sorglos hingeworfen. Gewiß ist, daß Betteredge von der Antwort, die ich ihm eben gegeben hatte, etwas unangenehm berührt war.

»Sie könnten sich schlimmeren Leuten anvertrauen, Herr Franklin – das kann ich Sie versichern,« sagte er etwas scharf.

Der Ton, in dem er dieses sprach, und eine gewisse Unsicherheit, die sich dabei in seinen Zügen malte, brachten mich dabei aus den Gedanken, daß er im Besitz einer Kunde sei, welche er mir mitzutheilen zaudere.

»Ich erwarte« sagte ich, »daß Sie mir behilflich sein werden, die Bruchstücke von Beweisen, welche Sergeant Cuff zurückgelassen hat, zusammenzulesen ich weiß, daß Sie das können. Können Sie nicht noch mehr thun?«

»Was können Sie noch mehr von mir erwarten?« fragte Betteredge mit dem Anschein der demüthigsten Ergebenheit.

»Ich halte mich durch das, was Sie eben selbst gesagt haben, zu mehr berechtigt.«

»Reine Renommage, Herr Franklin,« erwiderte der Alte eigensinnig »Manche Leute sind geborne Prahler und bleiben es bis an ihr Ende. Und so einer bin ich.«

Es gab nur ein Mittel, ihm beizukommen. ich appellirte an sein Interesse für Rachel und für mich.

»Betteredge, würde es Sie freuen zu hören, daß Rachel und ich wieder gute Freunde geworden seien?«

»Meine Dienste müssen Ihrer Familie von sehr geringem Nutzen gewesen sein, wenn Sie daran zweifeln können.«

»Erinnern Sie sich, wie Rachel mich behandelte, ehe ich England verließ?«

»So gut, als ob es gestern gewesen wäre.« Mylady, selbst schrieb Ihnen einen Brief darüber, und Sie hatten die Güte, mir den Brief zu zeigen. Er besagte, daß Fräulein Rachel sich durch den Antheil, welchen Sie an dem Versuch genommen, ihren Diamanten wieder ausfindig zu machen, tödtlich von Ihnen beleidigt glaube. Und weder Mylady noch Sie, noch sonst Jemand wußte, dieses Räthsel zu lösen.«

»Vollkommen richtig, Betteredge! Und nun kehre ich von meinen Reisen zurück und finde sie noch immer ebenso gegen mich gesonnen. Ich wußte im vorigen Jahr, daß der Diamant die Ursache dieses Grolls sei, und ich weiß, daß der Diamant auch jetzt noch die Ursache des fortdauernden Grolls ist. Ich habe versucht sie zu sprechen, aber sie will mich nicht sehen. Ich habe versucht ihr zu schreiben, aber sie will mir nicht antworten. Wie in aller Welt soll ich eine Aufklärung in dieser Angelegenheit erlangen? Die einzige Möglichkeit dazu, die Rachel selbst mir gelassen hat, ist, dem Verlust des Mondsteins weiter nachzuforschen.«

Mit diesen Worten hatte ich ihm augenscheinlich eine Ansicht über den Fall eröffnet, die ihm bis jetzt verschlossen gewesen war. Er that eine Frage, die mich überzeugt, daß ich nicht umsonst gesprochen hatte.

»Sie tragen keinen Groll mehr gegen Fräulein Rachel im Herzen, Herr Franklin?«

»Ich war etwas aufgebracht,« antwortete ich, »als ich London verließ. Aber das ist jetzt völlig vorüber. Alles, was ich jetzt wünsche, ist, zu einer Verständigung mit Rachel zu gelangen.«

»Sie fürchten auch nichts, Herr Franklin, von etwaigen Entdeckungen, die Sie in Betreff Fräulein Rachel’s machen könnten?«

Ich verstand den gegen jeden Zweifel eifersüchtigen Glauben an seine junge Herrin, welcher ihm diese Worte eingab.

»Ich habe einen so festen Glauben an Rachel, wie Sie,« antwortete ich. »Die vollste Enthüllung ihres Geheimnisses kann nichts an den Tag bringen, was ihren Platz in Ihrer oder meiner Achtung verrücken könnte.«

Bei diesen Worten verschwanden Betteredges letzte Scrupel.

»Wenn ich Unrecht thue, Ihnen zu helfen, Herr Franklin,« erklärte er sich, »so ist Alles, was ich zu meiner Rechtfertigung sagen kann, daß ich in der Erkenntniß dieses Unrechts so unschuldig wie ein neugebornes Kind bin. Ich kann Sie auf die Bahn der Entdeckung bringen, wenn Sie dann nur allein aus derselben weiter gehen können. Sie erinnern sich des armen Mädchens, das bei uns im Hause war, Rosanna Spearman?«

»Gewiß!«

»Sie glaubten immer, sie trage sich mit einem Bekenntniß über die Mondstein-Angelegenheit, das sie Ihnen habe ablegen wollen?«

»Ich wußte mir wenigstens ihr sonderbares Benehmen nicht anders zu erklären.«

»Diesen Zweifel können Sie heben, Herr Franklin, sobald Sie wollen.«

Jetzt war es an mir, stillzustehen. Vergebens versuchte ich es, in der einbrechenden Dämmerung in seinen Zügen zu lesen. In meiner Ueberraschung fragte ich etwas ungeduldig, was er damit meine.

»Nur ruhig, Herr Franklin!« erwiderte Betteredge. »Ich meine, was ich sage. Rosanna Spearman hat einen versiegelten, an Sie adressirten Brief hinterlassen.«

»Wo ist der Brief?«

»In den Händen einer Freundin von ihr in Cobb’s Hole. Sie müssen bei Ihrem letzten Aufenthalt von der hinkenden Lucy’s, einem lahmen Mädchen mit einer Krücke, gehört haben.«

»Der Tochter des Fischers?«

»Eben der, Herr Franklin.«

»Warum wurde mir der Brief nicht nachgeschickt?«

»Die hinkende Lucy hat ihren eigenen Kopf, Herr Franklin, Sie wollte den Brief nur Ihnen selbst übergeben, und Sie hatten England verlassen, bevor ich Ihnen deshalb schreiben konnte.«

»Lassen Sie uns umkehren, Betteredge, und gleich den Brief holen!«

»Heute Abend ist es zu spät, Herr Franklin. Die Leute an unserer Küste sind sehr sparsam mit dem Verbrauch von Licht und in Cobb’s Hole gehen sie früh zu Bette.«

»Dummes Zeug! In einer halben Stunde können wir da sein!«

»Vielleicht aber würden Sie, wenn Sie hinkämen, die Thür verschlossen finden. Dabei deutete er auf ein unter uns flimmerndes Licht, und in demselben Augenblick hörte ich durch die Stille der Nacht das Murmeln eines Baches.

»Hier ist die Meierei, Herr Franklin! Machen Sie es sich für die Nacht bequem und kommen Sie gefälligst morgen früh zu mir.«

»Wollen Sie dann mit mir nach der Fischerhütte gehen?«

»Ja, Herr Franklin.«

»Und recht früh?«

»So früh Sie wollen.«

Wir stiegen den Pfad hinab, der zu der Meierei führte.

Drittes Capitel

Von meinem Aufenthalt in der Hotherstone’schen Meierei habe ich nur eine höchst unbestimmte Vorstellung.

Ich erinnere mich nur noch eines herzlichen Willkommens; eines opulenten Abendessens welches zur Ernährung eines ganzen orientalischen Dorfes hingereicht haben würde; eines allerliebsten sauberen Schlafzimmers in welchem nichts vom Uebel war, als jenes abscheuliche Ueberbleibsel der Thorheit unserer Vorfahren, ein Federbett; einer schlaflosen Nacht mit starkem Verbrauch von Zündhölzern und häufigem Anzünden einer einzigen kleinen Kerze, und eines Gefühls außerordentlicher Erleichterung, als die Sonne aufging und sich die Aussicht eröffnete, bald aufstehen zu können.

Ich hatte, wie erwähnt, am Abend mit Betteredge verabredet, daß ich ihn nach Cobb’s Hole abholen solle, so früh ich wolle, was für meine Ungeduld, in den Besitz des Briefes zu gelangen, so viel sagen wollte wie so früh ich könne.

Ohne das Frühstück in der Meierei abzuwarten, steckte ich ein Stück Brot in die Tasche und machte mich auf den Weg, obgleich ich mir nicht verhehlen konnte, daß ich den vortrefflichen Betteredge vielleicht noch im Bette finden würde. Zu meinem großen Trost fand ich ihn in Betreff des bevorstehenden Ereignisses ebenso aufgeregt, wie ich selbst es war. Ich fand ihn fertig und mit einem Stock in der Hand auf mich wartend.

»Wie geht s Ihnen, Betteredge?«

»Schlecht, Herr Franklin.«

»Thut mir sehr leid. Was fehlt Ihnen?«

»Ich laborire an einer neuen Krankheit, Herr Franklin, die ich selbst erfunden habe. Ich möchte Sie nicht beunruhigen, aber Sie bekommen sicher dieselbe Krankheit noch ehe der Morgen vorüber ist.«

»Hol’ Sie der Teufel!«

»Fühlen Sie nicht eine unbehagliche Wärme im Magen, Herr Franklin, und ein fatales Klopfen im Kopf? Wie, noch nicht? Dann bekommen Sie es in Cobb’s Hole, Herr Franklin. Ich nenne die Krankheit das Entdeckungsfieber; ich bin zum ersten Mal in Sergeant Cuff’s Gesellschaft davon befallen worden.«

»Ho, ho! und das Heilmittel wird in diesem Fall wohl in dem Eröffnen von Rosanna Spearman’s Brief bestehen. Kommen Sie mit und lassen Sie uns ihn holen.«

Trotz der frühen Morgenstunde fanden wir doch die Fischerfrau schon in ihrer Küche beschäftigt. Nachdem mich Betteredge vorgestellt hatte, erwies mir die gute Frau Yolland die Ehre einer Höflichkeit, die, wie ich später erfuhr, nur für Fremde von Distinction bestimmt war. Sie setzte eine Flasche Genever und ein Paar reine Pfeifen auf den Tisch und eröffnete die Ueberraschung mit der Frage:

»Was giebt es Neues von London, Herr?«

Bevor ich noch eine Antwort auf diese viel umfassende Frage finden konnte, trat aus einem dunkeln Winkel der Küche eine Gestalt auf mich zu. Ein bleiches, hageres, verwegen aussehendes Mädchen mit auffallend schönem Haar und mit einem kühnen, wilden Blick im Auge hinkte an einer Krücke an den Tisch heran, an dem ich saß, und sah mich an, als ob ich für sie ein Gegenstand des Interesses und des Schauders zugleich sei, bei dessen Anblick sie wie von einem Zauber gebannt schien.

»Herr Betteredge,« sagte sie, ohne ihre Augen von mir abzuwenden, »sagen Sie, bitte, noch einmal seinen Namen.«

»Der Name dieses Herrn,« sagte Betteredge mit einer starken Betonung des »Herrn,« »ist Herr Franklin Blake.«

Bei diesen Worten kehrte mir das Mädchen den Rücken zu und verließ plötzlich das Zimmer. Die gute Frau Yolland brachte, glaub’ ich, einige Entschuldigungen über das sonderbare Benehmen ihrer Tochter vor und Betteredge übersetzte dieselben vermuthlich in höfliches Englisch. Ich weiß darüber nichts Bestimmtes mehr. Meine Aufmerksamkeit war durch das Aufhorchen nach dem Klang der Krücke des Mädchens ganz absorbiert. Bum, bum, die hölzerne Treppe hinauf; bum, bum, durch das Zimmer über unsern Köpfen; bum, bum, die Treppe wieder hinab – da stand wieder Die Gestalt an der offenen Thür, einen Brief in der Hand, mich zu sich hinauswinkend.

Ich ließ die Entschuldigungen der Alten im Stich und folgte dem sonderbaren Geschöpf, das rasch und rascher vor mir herhinkte, an den Strand hinab. Sie führte mich hinter einige Böte, wo wir von den wenigen Menschen im Fischerdorf ungesehen und ungehört blieben, stand still und sah mir zum ersten Mal in’s Gesicht.

»Stehen Sie still,« sagte sie, »ich muß Sie ansehen.«

Der Ausdruck ihres Gesichts war nicht zu mißdeuten. Ich flößte ihr die tiefste Abneigung und den furchtbarsten Widerwillen ein. Es würde zu eitel klingen, wenn ich sagen wollte, daß mich noch nie in meinem Leben ein weibliches Wesen so angesehen hat. Ich will mich lieber bescheidener so ausdrücken, daß noch nie ein weibliches Wesen es mich hatte merken lassen. Die Dauer, während deren ein Mann es ertragen kann, sich unter gewissen Umständen betrachten zu lassen, hat ihre Grenzen. Ich versuchte es, die Aufmerksamkeit der hinkenden Lucy auf einen weniger widerwärtigen Gegenstand zu lenken, als mein Gesicht es für sie zu sein schien.

»Ich glaube, Sie haben mir einen Brief zu übergeben,« fing ich an, »ist es der Brief, den Sie da in der Hand haben?«

»Sagen Sie das noch einmal,« war die einzige Antwort, die ich erhielt.

Ich wiederholte die Worte wie ein artiges Kind, das seine Lection lernt.

»Nein,« sagte das Mädchen mit sich selbst redend, aber die Augen noch immer unbarmherzig auf mich gerichtet. »Ich begreife nicht, was sie in seinem Gesicht gefunden hat.« Auf einmal wandte sie den Blick von mir ab und stützte den Kopf matt auf den Griff ihrer Krücke »O, mein armes Kind« sagte sie zum ersten Mal, seit ich ihre Stimme gehört hatte, in einem sanfteren Ton. »O, mein geliebter Engel! Was hast Du an diesem Mann gefunden?« Sie erhob ihren Kopf wieder wild und sah mich an. »Können Sie essen und trinken?« fragte sie.

Ich gab mir die größte Mühe, ernsthaft zu bleiben und antwortete »Ja!«

»Können Sie schlafen?«

»Ja«

»Fühlen Sie keine Gewissensbisse, wenn Sie ein armes Dienstmädchen sehen?«

»Durchaus nicht! Warum sollte ich?«

Plötzlich warf sie mir den Brief in’s Gesicht.

»Da, nimm ihn!« rief sie wüthend. »In meinem Leben habe ich Dich nicht gesehen; Gott der Allmächtige behüte mich davor, daß ich Dich je wieder zu sehen bekomme.«

Mit diesen Abschiedsworten hinkte sie, so rasch sie konnte, fort. Die einzige Erklärung, die ihr Betragen für mich zuließ, hat sich jeder Leser ohne Zweifel bereits selbst gegeben. Ich konnte nur annehmen, daß sie verrückt sei.

Nachdem ich zu diesem unvermeidlichen Schluß gelangt war, wandte ich mich dem interessanteren Gegenstand der Erforschung zu, der sich nun in Rosanna Spearman’s Brief darbot. Die Adresse lautete wie folgt: »Für Herrn Franklin Blake. Ihm eigenhändig zu übergeben (und Niemandem andern anzuvertrauen) von Lucy Yolland.«

Ich erbrach das Siegel. Das Couvert enthielt einen Brief und dieser enthielt wieder einen Streifen Papier.

Ich las zuerst den Brief:

»Mein Herr! Wenn Sie mein Betragen gegen Sie, während Ihres Aufenthaltes in dem Hause meiner Herrin, Lady Verinder, verstehen wollen, so thun Sie, was Ihnen in dem einliegenden Memorandum zu thun geheißen wird und thun Sie es, ohne daß irgend Jemand dabei wäre, der Ihnen zusehen könnte. Ihre ergebene Dienerin Rosanna Spearman.«

Jetzt nahm ich den Papierstreifen in die Hand. Der Inhalt desselben lautet wörtlich wie folgt:

»Memorandum: Bei Eintritt der Fluth nach dem Zitterstrand gehen. Auf die Südspitze hinausgehen, bis ich an den.Punkt gelange, wo der Südspitzen-Leuchtthurm und die Flaggenstange aus der Küstenwacht-Station über Cobb’s Hole eine Linie bilden. Einen Stock oder irgend etwas Grades auf die Felsen legen, um meine Hand genau in der Richtung des Leuchtthurms und der Flaggenstange zu leiten. Dabei darauf achten, daß das eine Ende des Stocks sich an der scharfen Kante der Felsen an der Seite derselben befinde, welche den Zitterstrand überhängt. In der Richtung dieses Stocks, von dem Ende desselben her, welches dem Leuchtthurm zugekehrt ist, durch das Seegras hindurch nach der Kette fühlen. Mit der Hand, sobald ich die Kette gesunden habe, dieselbe verfolgen, bis ich an das Stück derselben gelange, welches über die Kante des Felsens in den Zitterstrand hinabgeht. Dann an der Kette ziehen.«

Als ich eben die letzten im Original unterstrichenen Worte gelesen hatte, hörte ich Betteredge’s Stimme hinter mir. Der Erfinder des Entdeckungsfiebers war einmal wieder dieser Krankheit widerstandslos in die Hände gefallen.

»Ich kann es nicht länger aushalten, Herr Franklin Was steht in dem Brief? Um Gottes willen, sagen Sie uns, was steht in dem Brief?«

Ich überreichte ihm den Brief und das Memorandum. Den Ersteren las er anscheinend ohne besonderes Interesse. Einen umso größeren Eindruck brachte das Memorandum auf ihn hervor.

»Sergeant Cuff hat es vorausgesagt,« rief Betteredge. »Von Anfang an hat er behauptet, daß sie ein Memorandum über den Ort des Verstecks habe. Und hier haben wir es. So wahr mir Gott helfe, hier haben Sie den Schlüssel zu dem Räthsel in Händen, an dessen Lösung wir uns Alle, von dem großen Cuff an, vergebens abgearbeitet haben.«

»Wir haben eben jetzt Ebbe, wie Sie sehen. Wie lange wird es dauern, bis die Fluth wieder kommt?«

Er blickte um sich und sah in einiger Entfernung von uns einen Burschen mit dem Flicken eines Netzes beschäftigt sitzen: »Tommy Bright!« rief er so laut er konnte.

»Zu Befehl, Herr,« rief Tommy zurück.

»Wann kommt die Fluth?«

»In einer Stunde!«

Wir sahen Beide auf unsere Uhren.

»Wir können den Strand entlang nach dem Zittersand gehen, Herr Franklin,« sagte Betteredge, »und haben noch Zeit genug. Was meinen Sie dazu?«

»Kommen Sie.«

Auf unserem Wege nach dem Zitterstrand ließ ich mir von Betteredge mein Gedächtniß in Betreff der Umstände, welche sich auf Rosanna Spearman’s Verhalten bei der Untersuchung von Sergeant Cuff bezogen, auffrischen. Mit dem Beistand meines alten Freundes gelangte ich bald wieder zu einem völlig klaren Ueberblicke der Ereignisse in ihrer Folge: Rosanna’s Reise nach Frizinghall, als das ganze Haus sie krank auf ihrem Zimmer glaubte – Rosanna’s mysteriöse Benutzung der Nachtzeit bei verschlossenen Thüren und dem während der ganzen Nacht brennenden Licht. Rosanna’s verdächtiger Kauf der lackierten Zinnbüchsen und der beiden Hundeketten von Frau Yolland. Die feste Ueberzeugung des Sergeanten, daß Rosanna etwas im Zittersand versteckt habe und die vollständige Ungewißheit des Sergeanten über die Natur des versteckten Gegenstandes – alle diese sonderbaren Ergebnisse der verfehlten Nachforschung nach dem Verbleib des Mondsteins standen mir wieder vollkommen klar vor Augen, als wir den Zitterstrand erreichten und auf den die Südspitze genannten Felsriffen zusammen ins Meer hinaus gingen.

Mit Betteredge’s Hilfe stand ich bald so, wie es das Memorandum verlangte, daß ich den Leuchtthurm und die Flaggenstange auf der Küstenwacht-Station in einer Linie sah. Nach weiterer Anleitung des Memorandums gaben wir dann meinem Stock, so genau es der unebene Felsboden irgend zuließ, die rechte Richtung, und sahen dann wieder auf unsere Uhr.

Es waren noch ungefähr zwanzig Minuten. bis zum Eintritt der Fluth. Ich schlug vor, diese Zeit lieber am Strande, als auf dem schlüpfrigen Felsboden abzuwarten.

Am Strande angelangt, wollte ich mich eben niedersetzen, als Betteredge sich zu meiner großen Ueberraschung anschickte, mich zu verlassen.

»Warum wollen Sie fortgehen?« fragte ich.

»Sehen Sie sich den Brief noch einmal an, Herr Franklin,« sagte er, »und Sie werden wissen warum.«

Ein Blick in den Brief erinnerte mich, daß ich darin beauftragt wurde, meine Entdeckung ohne Zeugen vorzunehmen.

»Es wird mir schwer genug, Sie, Herr Franklin, in einem solchen Augenblick zu verlassen,« sagte Betteredge. »Aber das arme Mädchen ist eines schrecklichen Todes gestorben, und ich betrachte es als eine Art heiliger Pflicht, ihr darin zu Willen zu sein. Ueberdies,« fügte er vertraulich hinzu, »verbietet Ihnen der Brief ja nicht, das Geheimniß später mitzutheilen. Ich will da oben im Tannenholz warten, bis Sie mir nachkommen. Halten Sie sich bitte, nicht länger auf, als nöthig. Das Entdeckungsfieber ist bei Gott kein leichtes Uebel unter solchen Umständen.«

Mit dieser Abschiedsmahnung verließ er mich.

Die Frist der Erwartung, so kurz wie sie sich auch nach dem Zeitmaaß berechnete, erschien mir doch, nach dem Maaße aufregender Ungewißheit gemessen, von ungeheurer Dauer. Das war eine der Gelegenheiten, bei welchen sich die unschätzbare Gewohnheit des Rauchens als besonders werthvoll und tröstlich erwies. Ich steckte mir eine Cigarre an und setzte mich am Abhang des Strandes nieder.

Alle Gegenstände glänzten im klarsten Sonnenlicht. Die köstliche Reinheit der Luft machte das bloße Dasein und Athmen zum Genuß. Selbst die einsame kleine Bucht begrüßte den Morgen mit heiterem Antlitz und sogar die nackte, nasse Oberfläche des Zitterstrandes erglänzte in goldigem Schimmer und verbarg die Schrecken ihres falschen fahlen Angesichts unter einem vorübergehenden Lächeln.

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Litres'teki yayın tarihi:
04 aralık 2019
Hacim:
780 s. 1 illüstrasyon
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