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Kitabı oku: «Der Mondstein», sayfa 30
Es war der schönste Tag, den ich seit meiner Rückkehr nach England erlebt hatte.
Die Fluth kam heran, bevor meine Cigarre aufgeraucht war. Ich sah, wie sich der Sand zu heben anfing und dann schauerlich erzitterte, als ob in der bodenlosen Tiefe desselben ein Geist des Schreckens lebe und sich schaudernd rege. Ich warf meine Cigarre fort und kehrte wieder nach den Felsen zurück.
Meine Vorschriften in dem Memorandum wiesen mich an, der durch den Stock gebildeten Linie entlang, von der Seite her, die dem Leuchtthurm zunächst lag, zu fühlen.
Ich ging in dieser Weise bis über die Hälfte des Stockes vor, ohne aus irgend etwas, als aus die Felskanten zu stoßen. »Ein oder »zwei Zoll weiter hin jedoch wurde endlich meine Geduld belohnt. In einer engen kleinen, meinem Zeigefinger erreichbaren Spalte fühlte ich die Kette. Bei dem Versuch, der Kette zunächst in der Richtung des Zittersandes nachzufühlen, wurde meine Hand durch einen dicken Büschel Seegras aufgehalten, der sich ohne Zweifel in der, seit dem Verstecken Rosanna’s verflossenen Zeit in die Spalte eingeklemmt hatte.
Es war mir ebenso unmöglich, das Seegras auszureißen, wie mit der Hand durch dasselbe hindurchzudringen. Nachdem ich die durch das Ende des Stocks angedeutete Stelle, welche dem Zittersand zunächst lag, markirt hatte, beschloß ich die fernere Hervorholung der Kette nach meinem eigenen Plan zu bewerkstelligen. Meine Idee war, die Stelle unmittelbar unter den Felsen in der Hoffnung zu sondiren, die verlorne Spur der Kette an der Stelle wiederzufinden, wo sie in den Sand hinab hing.
Ich nahm den Stock auf und kniete am Rande der Südspitze nieder.
In dieser Stellung befand sich mein Gesicht nur einige Fuß von der Oberfläche des Zittersandes entfernt. Der Anblick desselben, der noch von Zeit zu Zeit in schauerlicher Weise erzitterte, aus so großer Nähe, wirkte für einen Augenblick furchtbar aufregend auf meine Nerven. Eine schreckliche Vorstellung, daß das todte Weib auf dem Schauplatz ihres Selbstmordes erscheinen möchte, um mir bei meiner Nachsuchung behilflich zu sein, eine unaussprechliche Angst, sie aus der zitternden Oberfläche des Sandes hervortauchen und auf die Stelle hinweisen zu sehen, bemächtigte sich meiner Einbildungskraft und machte mich in dem warmen Sonnenschein starr vor Kälte. Ich gestehe, daß ich die Augen in dem Moment schließen mußte, wo die Spitze des Stocks den Zittersand zuerst berührte.
Ich nächsten Moment aber, bevor sich noch der Stock mehr als einige Zoll gesenkt haben konnte, war ich das Schreckbild meiner eigenen Vorstellungen wieder los und zitterte vor ungeduldiger Aufregung. Mein unternommener Versuch hatte auf’s Gerathewohl mich auf die rechte Fährte geführt! Der Stock stieß auf die Kette.
Indem ich die Seegraswurzeln fest mit meiner Linken packte, legte ich mich platt auf den Rand des Felsens und fühlte mit der Rechten unter die überhängenden Felskanten. Und meine Rechte faßte die Kette.
Ich zog sie ohne die mindeste Schwierigkeit in die Höhe, bis die an ihrem Ende befestigte lackierte Zinnbüchse zum Vorschein kam.
Die Wirkung des Wassers hatte die Kette derartig mit Rost bedeckt, daß es« mir unmöglich war, sie aus dem Haken, durch den sie an der Büchse befestigt war, loszumachen. Ich nahm die Büchse zwischen die Knie und gelangte mit dem Aufgebot meiner ganzen Kraft dahin, den Deckel zu öffnen. Das Innere war ganz mit einem weißen Stoff angefüllt Ich nahm ihn in die Hand und fand, daß es Leinen war.
Beim Herausziehen des Leinens zog ich auch einen mit demselben zusammengewickelten Brief hervor. Nachdem sich die Adresse angesehen und gefunden hatte, daß sie meinen Namen trug, steckte ich den Brief in die Tasche und nahm das Leinen völlig heraus. Es bildete eine dicke Rolle, die natürlich die Gestalt der Büchse angenommen hatte, in welcher sie so lange aufbewahrt, vor jeder Beschädigung durch Seewasser geschützt gewesen war. Ich trug das Leinen nach dem trocknen Sande des Strandes hin, rollte es hier auseinander und glättete es. Es war unzweifelhaft ein Kleidungsstück, ein Nachthemd. Der obere Theil zeigte beim Ausbreiten unzählige Falten und krause Stellen, weiter nichts. Ich untersuchte dann den untern Theil und entdeckte auf der Stelle den Farbenfleck von der Malerei an der Thür von Rachel’s Boudoir.
Meine Augen blieben wie gebannt aus den Fleck geheftet und mein Geist versetzte mich im Fluge in die vergangenen Tage zurück.
Die Worte Sergeant Cuffs traten mir wieder vor die Seele, als ob der Mann wieder neben mir gestanden und aus den unwidersprechlichen Schluß hingewiesen hätte, den er aus dem Fleck an der Thür gezogen hatte.
»Finden Sie heraus, ob sich irgend ein Kleidungsstück mit dem Farbenfleck hier im Hause befindet; finden Sie heraus, wem dieses Kleidungsstück gehört; finden Sie heraus, wie diese Person sich dafür verantworten kann, daß sie zwischen Mitternacht und drei Uhr Morgens hier im Zimmer gewesen ist und den Farbenfleck verursacht; wenn die Person sich nicht genügend verantworten kann, so haben Sie nicht weit nach der Hand zu suchen, die den Diamanten genommen hat.«
Eines nach dem andern traten mir diese Worte wieder vor die Seele und erklangen, wie ermüdend mechanisch wiederholt, immer und immer wieder in mir. Aus einer Ekstase, in der ich stundenlang verharrt zu haben glaubte, die aber in der That unzweifelhaft nur wenige Augenblicke gedauert hatte, wurde ich durch eine mich rufende Stimme aufgeschreckt Ich blickte auf und sah, daß Betteredge endlich die Geduld verloren hatte. Er stand zwischen den Sandhügeln, die sich am Strand herabziehen. Der Anblick des alten Mannes brachte mich wieder zu mir und erinnerte mich, daß die so weit von mir verfolgte Untersuchung noch unvollständig war. Ich hatte den Farbenfleck auf dem Nachthemd entdeckt. Aber wem gehörte das Nachthemd?
Mein erster Antrieb war, in dem Brief nachzusehen, den ich in der Büchse gefunden und in die Tasche gesteckt hatte.
Als ich aber eben die Hand ausstrecken wollte, um den Brief aus der Tasche zu nehmen, erinnerte ich mich, daß es noch einen kürzern Weg der Entdeckung gebe.
Das Nachthemd selbst mußte die Wahrheit offenbaren, denn aller Wahrscheinlichkeit nach trug doch dieses Nachthemd das Namenszeichen seines Eigenthümers.
Ich hob dasselbe vom Sande auf und sah nach dem Namen.
Ich fand denselben und las – Meinen eigenen Namen.
Da standen die bekannten Buchstaben, welche mir sagten, daß das Nachthemd mir gehöre. Ich blickte wieder auf. Da stand die Sonne; da lag die Bucht mit ihren leuchtenden Fluthen, da war der alte Betteredge, der näher und näher auf mich zukam. Ich blickte wieder auf die Buchstaben. Mein eigener Name! Mir unabweislich vor die Augen gestellt – mein eigener Name.
»Wenn Zeit, Muhe und Geld es bewerkstelligen können, so will ich den Dieb, der den Mondstein genommen hat, herausfinden.« Mit diesen Worten auf den Lippen hatte ich London verlassen. Ich hatte das Geheimniß enthüllt, welches der Zittersand vor jedem andern Wesen verborgen gehalten hatte. Und, nach dem unwiderleglichen Beweise des Farbenflecks, hatte ich mich selbst als den Dieb entdeckt.
Dritter Band
Viertes Capitel
Ich brauche über meine eigenen Empfindungen kein Wort zu verlieren.
Ich habe den Eindruck daß meine Erschütterung meine Fähigkeit zu denken und zu fühlen, völlig aufhob. Ich wußte nichts mehr von mir, als Betteredge zu mir trat, denn wie er mich versichert hat, lachte ich, als er mich fragte, wie es stehe, und forderte ihn, indem ich ihm das Nachthemd überreichte, auf, die Lösung des Räthsels selbst zu lesen.
Von dem was wir am Strande mit einander sprachen, habe ich nicht mehr die leiseste Erinnerung. Die erste Stelle, an welcher ich mich wieder deutlich sehe, ist die Tannenanpflanzung. Betteredge und ich gehen zusammen nach dem Hause zurück und Betteredge sagt mir, daß wir beide im Stande sein werden, der Sache gerade in’s Gesicht zu sehen, wenn wir ein Glas Grog getrunken haben werden.
Die Scene verwandelt sich aus der Tannenanpflanzung in Betteredge’s kleines Wohnzimmer. Mein Entschluß, Rachel’s Haus nicht zu betreten, ist vergessen. Ich empfinde dankbar die schattige Kühle und die Ruhe des Zimmers. Ich trinke den Grog, – einen zu dieser Tageszeit unbekannter Luxus für mich, – den mein guter alter Freund mit eiskaltem Quellwasser mischt. Unter anderen Umständen würde das Getränk mich einfach dumm gemacht haben. Unter den obwaltenden Umständen aber stählt es meine Nerven. Ich fange an, der Sache gerade in’s Gesicht zu sehen, wie Betteredge es vorausgesagt hat, und Betteredge seinerseits kommt gleichfalls wieder zur Besinnung.
Das Bild, welches ich hier von mir selbst entwerfe, muß, wie ich fürchte, gelinde gesagt, sonderbar erscheinen. Was ist mein erster Schritt in meiner Situation, die glaube ich, als ohne Gleichen bezeichnet werden kann? Schließe ich mich von jeder menschlichen Gesellschaft ab? Richte ich meine ganze Geistesthätigkeit darauf, die schauderhafte Unmöglichkeit zu analysiren, welche mir gleichwohl als eine unabweisliche Thatsache gegenüber steht? Eile ich mit dem ersten Zuge nach London zurück, um die ersten Autoritäten zu consultiren und auf der Stelle eine Untersuchung in’s Werk zu setzen? Nein. Ich nehme den Schutz eines Hauses an, durch dessen Betretung mich nie wieder herabzuwürdigen ich fest entschlossen war; und sitze da, in Gesellschaft eines alten Dieners, Morgens um zehn Uhr Cognac und Wasser schlürfend. Ist das das Benehmen, das man von einem Manne in meiner furchtbaren Situation erwarten durfte? Ich kann nur antworten, daß der Anblick der befreundeten Züge des alten Betteredge ein unaussprechlicher Trost für mich war und daß das Trinken des Grog’s des alten Betteredge’s mir in der vollständigen körperlichen und geistigen Abspannung in die ich verfallen war, half, wie mir wahrlich nichts anderes geholfen haben würde. Ich habe keine andere Entschuldigung für mich anzuführen und ich kann die nie versagende Beobachtung der eigenen Würde und die strenge Logik des Verhaltens, welche alle männlichen und weiblichen Leser dieser Zeilen in der Lage ihres Lebens auszeichnet, nur bewundern.
»Eines ist auf jeden Fall gewiß, Herr Franklin,« sagte der alte Betteredge, indem er das Nachthemd zwischen uns auf den Tisch warf und auf dasselbe hinwies, als ob es ein lebendes Wesen sei, das ihn hören könne, »vor allen Dingen, es lügt.«
Diese tröstliche Ansicht von der Sache vermochte ich nicht zu theilen.
»Ich bin mir,« sagte ich, »so wenig wie Sie bewußt, den Diamanten genommen zu haben. Aber dieser Zeuge spricht gegen mich! Der Farbenfleck auf dem Nachthemd und der Name auf dem Nachthemd sind Thatsachen.«
Betteredge nahm mein Glas und drückte es mir mit einer Bewegung des Zuredens in die Hand.
»Thatsachen?« wiederholte er. »Trinken Sie noch einen Schluck Grog, Herr Franklin, und Sie werden die Schwachheit, an Thatsachen zu glauben, überwinden! Dahinter steckt ein schlechter Streich, Herr Franklin,« fuhr er fort, die Stimme vertraulich senkend. »So erkläre ich mir das Räthsel. Ein schlechter Streich, und Sie und ich müssen herausfinden, wer Ihnen denselben gespielt hat. Haben Sie weiter nichts in der Zinnbüchse gefunden?«
Die Frage erinnerte mich sofort an den Brief in meiner Tasche. Ich zog ihn hervor und öffnete ihn. Es war ein seitenlanger, eng geschriebener Brief. Ich blickte ungeduldig nach der Unterschrift am Schluß: »Rosanna Spearman.«
Als ich den Namen las, fuhr mir plötzlich eine Erinnerung durch den Kopf und erleuchtete mich mit einem neuen Verdacht.
»Halt!« rief ich aus, »war nicht Rosanna Spearman aus einem Besserungshause zu meiner Tante gekommen? War nicht Rosanna Spearman früher eine Diebin gewesen?«
»Ohne Frage, Herr Franklin. Aber was folgt daraus, wenn ich fragen darf?«
»Was daraus folgt? Wie können wir wissen, ob sie nicht doch am Ende den Diamanten gestohlen? Ob sie nicht mein Nachthemd absichtlich mit dem Farbenfleck beschmiert hat?«
Betteredge legte seine Hand auf meinen Arm und hielt mich zurück, ehe ich ein Wort weiter sagen konnte.
»Sie werden sich ohne Zweifel von jedem Verdachte reinigen können, aber nicht auf diese Weise, wie ich hoffe. Sehen Sie zu, was in dem Brief steht. Im Namen der Gerechtigkeit für das Andenken des Mädchens! Sehen Sie zu, was in dem Brief steht.«
Ich empfand den Ernst seiner Worte fast wie einen Vorwurf gegen mich. »Sie sollen sich selbst auf Grund dieses Briefes Ihr Urtheil bilden,« sagte ich. »Ich will ihn Ihnen vorlesen.«
Ich fing an und las wie folgt:
»Mein Herr! Ich habe Ihnen etwas zu bekennen. Ein Bekenntniß tiefen Elends kann oft in wenigen Worten abgelegt werden. Mein Bekenntniß bedarf nur dreier Worte: Ich liebe Sie.«
Der Brief entsank meinen Händen. Ich blickte auf Betteredge »Ja des Himmels Namen,« sagte ich, »was soll das heißen?«
Er schien vor einer Beantwortung der Frage zurückzuschrecken.
»Sie sind diesen Morgen mit der hinkenden Lucy allein gewesen,« sagte er. »Hat sie Ihnen nichts über Rosanna Spearman gesagt?«
»Sie hat nicht einmal den Namen Rosanna’s genannt.«
»Bitte, lesen Sie weiter, Herr Franklin Ich gestehe Ihnen offen, ich kann es nicht über’s Herz bringen, Sie zu betrüben, nach dem, was Sie bereits haben ertragen müssen. Lassen Sie das Mädchen selbst reden und trinken Sie noch einmal! Um Ihrer selbst willen trinken Sie noch einen Schluck Grog.«
Ich fuhr fort, den Brief zu lesen:
»Es würde mir schlecht anstehen, Ihnen dieses zu gestehen, wenn ich in dem Augenblick, wo Sie es lesen werden, noch am Leben wäre; aber ich werde nicht mehr sein, wenn Sie meinen Brief finden. Das giebt mir Muth. Nicht einmal die Stätte, wo ich begraben sein werde, wird von mir zeugen. Ich kann es wagen die Wahrheit zu sagen, denn der Zittersand wird mich in seinem Schoße bergen, wenn ich diese Worte geschrieben habe.
»Außerdem werden Sie in meinem Versteck Ihr Nachthemd mit dem Farbenfleck darauf finden; und Sie werden wissen wollen, wie ich dazu gekommen bin, dasselbe zu verstecken? und warum ich Ihnen bei meinen Lebzeiten nichts davon gesagt habe? Dafür habe ich nur einen Grund. Ich that diese sonderbaren Dinge, weil ich Sie liebte.
»Ich möchte Sie nicht mit langen Mittheilungen über mich selbst oder mein Leben, bevor ich in Mylady’s Haus kam, behelligen. Lady Verinder nahm mich aus einem Besserungshause zu sich. Vor dem Besserungshause war ich im Gefängniß gewesen. In’s Gefängniß kam ich weil ich eine Diebin war. Eine Diebin war ich, weil meine Mutter auf den Gassen umherzog, als ich noch ein ganz kleines Mädchen war. Meine Mutter zog auf den Gassen umher weil der Herr, der mein Vater war, sie verlassen hatte. Ich brauche eine so gewöhnliche Geschichte wie diese nicht ausführlicher zu erzählen. Sie ist oft genug in den Zeitungen zu lesen.
»Lady Verinder war sehr gut gegen mich und auch Herr Betteredge war sehr gut gegen mich. Diese Beiden und die Hausmutter im Besserungshause sind die einzigen guten Menschen denen ich in meinem ganzen Leben begegnet bin. Ich hätte es vielleicht in meiner Stelle aushalten können, ohne glücklich zu sein, aber doch aushalten können, wenn – Sie nicht gekommen wären. Ich tadle Sie nicht, mein Herr. Es ist meine Schuld – Alles meine Schuld!
»Erinnern Sie sich jenes Morgens, an welchem Sie über die Sandhügel, nach Herr Betteredge suchend, zu uns herunterkamen? Sie erschienen mir wie ein Prinz in einem Feenmärchen, wie ein Geliebter im Traum. Sie waren für mich das anbetungswürdigste menschliche Wesen, das ich je gesehen habe. In dem Augenblick wo ich meine Augen zu Ihnen aufschlug, leuchtete etwas in mir auf, das mich berührte wie das glückliche Leben, das ich noch nie gelebt hatte. Verlachen Sie mich nicht. O, wenn ich Ihnen nur begreiflich machen könnte, wie ernst ich es damit meine!
»Ich ging in’s Haus zurück und kritzelte Ihren und meinen Namen in meinen Arbeitskasten und malte ein flammendes Herz darunter. Dann flüsterte mir ein Teufel – nein, ich sollte sagen, ein guter Engel – zu: »Geh und betrachte Dich im Spiegel!« Der Spiegel sagte mir – gleichviel was. Ich war zu thöricht, dem Spiegel zu glauben. Immer stärker wurde meine Liebe zu Ihnen, grade als ob ich Ihres Gleichen und das reizendste Geschöpf gewesen wäre, das Sie je gesehen hätten. Ich bot Alles auf, o, was versuchte ich nicht, um Sie dahin zu bringen, mich anzusehen. Wenn Sie gewußt hätten, wie ich Nächtelang vor Schmerz und Unmuth darüber, daß Sie nicht die geringste Notiz von mir nahmen, Thränen vergoß, so hätten Sie vielleicht Mitleid mit mir gehabt und mir von Zeit zu Zeit einen Blick gegönnt, an dem ich hätte zehren können.
»Freilich wäre der Blick wohl kein sehr freundlicher gewesen, wenn Sie gewußt hätten, wie ich Fräulein Rachel haßte. Ich hatte es, glaube ich, schon herausgefunden, daß Sie sie liebten, noch ehe Sie selbst es wußten. Sie pflegte Ihnen Rosen zu geben, um sie ins Knopfloch zu tragen. Ach, Herr Franklin, öfter als Sie und Fräulein Rachel es ahnten, waren diese Rosen die Meinigen.
»Meinen einzigen Trost fand ich darin, im Geheimen meine Rose an die Stelle der Ihnen von Fräulein Rachel gegebenen in Ihr Glas Wasser zu setzen und jene wegzuwerfen.
»Wenn Sie wirklich so hübsch gewesen wäre, wie Sie sie fanden, so hätte ich die Sache vielleicht besser ertragen. Nein, ich glaube, ich würde sie noch mehr gehaßt haben. Denken Sie sich Fräulein Rachel ohne ihren Putz und in Dienstmädchenkleidern! Aber wozu schreibe ich das. Sie hatte doch gewiß einen schlechten Wuchs, sie war zu mager. Aber wer kann sagen, was Männern gefällt. Und junge Damen können sich ein Betragen erlauben, das einem Dienstmädchen seine Stelle kosten würde, doch das geht mich nichts an. Ich kann nicht erwarten, daß Sie diesen Brief zu Ende lesen, wenn ich solches Zeug schreibe. Aber es verdrießt Einen, Fräulein Rachel immer hübsch nennen zu hören, wenn man weiß, daß sie dieses Lob nur ihrer Toilette und ihrem Selbstvertrauen verdankt.
»Worauf es mir aber ankommt, daß Sie es wissen, ist Folgendes:
»Ich hatte kein schweres Leben, so lange ich eine Diebin war. Erst als sie mich in der Besserungs-Anstalt gelehrt hatten, mir meiner Selbsterniederung bewußt zu werden und an meiner Besserung zu arbeiten, wurden mir die Tage lang und mühselig. Jetzt fingen sich mir Gedanken an meine Zukunft aufzudrängen an.
»Ich fühlte den schrecklichen Vorwurf, der in dem bloßen Dasein rechtschaffener Menschen, selbst der gütigsten unter ihnen für mich lag. Ein herzbrechendes Gefühl der Vereinsamung verfolgte mich überall, bei jeder Beschäftigung, in der Gesellschaft aller Menschen. Ich wußte, daß es meine Pflicht sei, mit meinen Mitdienstboten freundlich zu verkehren, aber es wollte mir nicht gelingen; sie sahen mich an oder schienen mich wenigstens anzusehen, als kannten sie meine Vergangenheit. Ich bin weit davon entfernt, zu bereuen, daß ich gebessert worden bin, aber Gott weiß es, es war ein schweres Leben. In dieses Leben traten Sie plötzlich ein wie ein Sonnenstrahl; aber auch meine Hoffnung auf Sie erwies sich als eitel. Ich war unsinnig genug, Sie zu lieben und konnte nicht einmal Ihre Aufmerksamkeit auf mich lenken. Das war ein großer Jammer, wahrlich ein großer Jammer für mich.
»Jetzt komme ich aber zu dem, was ich Ihnen sagen wollte. In jenen traurigen Tagen ging ich zwei oder dreimal, wenn die Reihe auszugehen an mir war, nach meinem Lieblingsplatze, dem Strande bei dem Zittersand und sagte mir, ich hoffe hier wird es enden. Wenn ich es nicht länger aushalten kann, so wird es hier enden. Sie müssen wissen, Herr Franklin, daß der Platz schon ehe Sie herkamen eine Art von Zauber auf mich ausübte. Es war mir immer wie eine Ahnung gewesen, daß mir bei dem Zittersand etwas begegnen werde. Aber niemals war es mir in den Sinn gekommen, daß ich an dieser Stätte einmal meinen Leiden selbst ein Ende machen könnte, bis die Zeit kam, von der ich jetzt rede. Jetzt fing ich an zu denken, daß hier eine Stelle sei, die in einem Augenblick alle meine Leiden enden und mich für immer verborgen halten würde.
»Das ist Alles, was ich Ihnen für die Zeit von dem Morgen an, wo ich Sie zuerst sah, bis zu jenem Morgen, wo sich die Kunde im Hause verbreitete, daß der Diamant verloren sei, in Betreff meiner Person zu sagen habe.
»Ich war so aufgebracht über das thörichte Gerede unter den weiblichen Dienstboten, die sich Alle daraus spitzten, auf wen wohl der Verdacht zuerst fallen würde, und so zornig gegen Sie (weil ich es damals nicht besser verstand) wegen Ihrer Bemühungen, dem Diamanten nachzuspüren und die Polizei herbeizuholen, daß ich mich so viel wie möglich für mich allein hielt, bis im Laufe des Tages der Beamte von Frizinghall erschien.
»Herr Seegraf fing, wie Sie sich vielleicht erinnern, damit an, eine Wache vor die Schlafzimmer der weiblichen Dienstboten zu stellen und diese stürzten ihm Alle wüthend nach, um ihn zu fragen, was diese beleidigende Maßregel bedeuten solle. Ich ging mit den übrigen, weil, wenn ich das nicht gethan hätte, Herr Seegraf sofort gegen mich Verdacht geschöpft haben würde. Wir fanden Herrn Seegraf in Fräulein Rachel’s Zimmer. Er sagte, er wolle keine Weiber da haben und wies auf den Farbenfleck an der gemalten Thür und sagte, wir hätten das mit unsern Kleidern angerichtet und wir sollten wieder hinunter gehen.
»Nachdem ich Fräulein Rachel’s Zimmer verlassen hatte, blieb ich auf einem Treppenabsatz einen Augenblick allein stehen, um nachzusehen, ob sich der Farbenfleck zufällig an meinem Kleide befände Penelope Betteredge, die einzige unter den weiblichen Dienstboten, mit der ich auf freundlichem Fuße stand, ging gerade an mir vorüber und sah, was ich that.
»Darauf brauchst Du nicht zusehen, Rosanna,« sagte sie, »die Malerei an Fräulein Rachel’s Thür ist schon seit vielen Stunden trocken. Hätte Herr Seegraf nicht eine Wache vor unserem Schlafzimmer aufgestellt, so hätte ich ihm das auch wohl gesagt. Ich weiß nicht, wie Du darüber denkst, ich habe in meinem ganzen Leben noch keine so empörende Behandlung erfahren.«
»Penelope war eine leicht aufbrausende Natur. Ich beruhigte sie und brachte das Gespräch wieder auf die Malerei an der Thür, von der Penelope eben behauptet hatte, daß sie schon so lange trocken sei.
»Woher weißt Du das?« fragte ich sie.
»Ich habe gestern Morgen dabei gestanden und die Farben gemischt, als Herr Franklin und Fräulein Rachel zuletzt bei der Thür beschäftigt waren,« antwortete Penelope. »Ich hörte, wie Fräulein Rachel fragte, ob die Malerei bis zum Abend zeitig genug trocken sein werde, um von der Geburtstags-Gesellschaft in Augenschein genommen zu werden, worauf Herr Franklin den Kopf schüttelte und sagte, die Thür werde nicht eher als in zwölf Stunden trocken sein. Es war lange nach dem zweiten Frühstück, es war drei Uhr bis sie fertig waren. Was folgerst Du daraus, Rosanna? Ich berechne, daß die Thür heute Morgen um drei Uhr trocken war.«
»Sind von den Damen welche gestern Abend hinaufgegangen, um die Malerei zu sehen?« fragte ich. »Ich meine, ich hätte gehört, wie Fräulein Rachel die Damen warnte, sich vor der Thür in Acht zu nehmen.«
»Von den Damen hat keine den Fleck gemacht,« erwiderte Penelope. »Ich verließ Fräulein Rachel um Mitternacht im Bett und sah beim Fortgehen, daß die Malerei an der Thür noch völlig unberührt war.«
»Mußtest Du das nicht Herrn Seegraf mittheilen, Penelope?«
»Nicht für Alles in der Welt würde ich diesem Menschen mit einem Wort auf die Spur helfen.«
»Dann gingen wir Beide an unsere Arbeit.
»Meine Arbeit bestand darin, Ihr Bett zu machen und Ihr Zimmer in Ordnung zu halten. Das war meine glücklichste Stunde am ganzen Tage. Ich pflegte einen Kuß auf das Kissen zu drücken, auf dem Sie die ganze Nacht geruht hatten. Wer es auch seitdem gethan haben mag, niemals hat Jemand Ihr Bett so sorgfältig gemacht wie ich. Auf keinem der vielen Dosen und Flaschen auf Ihrem Toilettentisch duldete ich auch nur das kleinste Fleckchen. Aber davon nahmen Sie so wenig Notiz, wie von mir selbst. Verzeihen Sie mir, daß ich mich so vergesse, ich will mich beeilen, zur Sache zu kommen.
»Ich ging also an jenem Morgen, meine Arbeit in Ihrem Zimmer zu thun. Da lag Ihr Nachthemd quer über dem Bett, wie Sie es beim Ausziehen hingeworfen hatten. Ich nahm es auf, um es zusammenzulegen, und fand darauf – den Farbenfleck von der Malerei an Rachel’s Thür!
»Diese Entdeckung machte mich so bestürzt, daß ich mit dem Nachthemd in der Hand aus dem Zimmer und die Hintertreppe hinauf nach meiner Kammer lief und mich dort einschloß, um die Sache an einem Ort, wo mich Niemand überraschen oder unterbrechen konnte, näher zu untersuchen.
»Sobald ich wieder zu Athem gekommen war, erinnerte ich mich meiner Unterhaltung mit Penelope und mußte mir sagen: Hier ist der klare Beweis, daß er zwischen Mitternacht und drei Uhr Morgens in Fräulein Rachel’s Wohnzimmer gewesen ist.
»Ich werde Ihnen nicht sagen, welchen Verdacht ich im ersten Augenblick nach dieser Entdeckung hegte. Das würde Sie nur erzürnen und vielleicht veranlassen, meinen Brief zu zerreißen und nicht weiter zu lesen.
»Erlauben Sie mir nur noch das Folgende zu sagen. Nachdem ich mir die Sache so reiflich wie ich konnte überlegt hatte, kam ich zu der Ueberzeugung, daß die Sache nicht wahrscheinlich sei und zwar aus einem Grunde, den ich Ihnen sagen will. Wenn Sie mit Fräulein Rachel’s Wissen zu jener Nachtzeit aus ihrem Zimmer und thöricht genug gewesen wären, nicht an die nasse Thür zu denken, so würde sie selbst Sie gewarnt und nicht zugegeben haben, daß Sie ein solches redendes Zeugniß gegen sie mit sich fortnahmen, wie es eben vor mir lag! Aber doch muß ich bekennen, befriedigte mich dieser Gegenbeweis nicht völlig. Sie werden sich erinnern, daß ich Fräulein Rachel haßte und dieser Haß war bei allen jenen Ueberlegungen im Spiele. Sie endeten damit, daß ich beschloß, das Nachthemd zu behalten und meine Gelegenheit abzuwarten, wo und wie ich es gebrauchen könnte. Vergessen Sie, bitte, nicht, daß ich damals noch nicht den leisesten Verdacht hatte, daß Sie den Diamanten gestohlen haben konnten«
Hier unterbrach ich mich zum zweiten Male in der Lectüre des Briefes.
Ich hatte die Parthien der Bekenntnisse des unglücklichen Mädchens, die sich auf mich bezogen, mit unverstellter Ueberraschung, und wie ich ehrlich hinzufügen kann, mit aufrichtigem Bedauern gelesen. Ich hatte bereut, ernsthaft bereut, daß ich ihr Andenken gedankenlos befleckt habe, noch ehe ich eine Zeile ihres Briefes gelesen hatte. Als ich aber den Brief so weit wie vorstehend angegeben, gelesen hatte, war ich, offen gestanden, beim Lesen immer bitterer und bitterer gegen Rosanna Spearman geworden.
»Lesen Sie den Rest allein,« sagte ich, indem ich Betteredge den Brief über den Tisch hinüberreichte »Wenn Sie irgend etwas finden, was mir zu wissen nöthig ist, so können Sie es ja sagen.«
»Ich verstehe Sie, Herr Franklin,« antwortete er; »Ihre Empfindung ist höchst natürlich, und Gott steh’ mir bei,« fügte er leiser hinzu, »die Empfindung des Mädchens ist es nicht weniger.«
Ich schreibe hier den Rest des Briefes aus dem in meinem Besitz befindlichen Original ab.
»Nachdem ich so beschlossen hatte, das Nachthemd zu behalten und abzuwarten, welchen Gebrauch meine Lieb oder meine Rache künftig davon würde machen können, mußte mein nächstes Absehen darauf gerichtet sein, wie ich es behalten könnte ohne das; man mir auf die Spur käme.
»Dazu gab es nur ein sicheres Mittel, ein anderes dem Ihrigen ganz gleiches Nachthemd noch vor Sonnabend anzufertigen, wo die Waschfrau die reine Wäsche wiederbringen würde.
»Ich fand es gefährlich, die Sache bis zum nächsten Tage, Freitag, zu verschieben, denn ich besorgte, daß sich in der Zwischenzeit etwas ereignen könnte, und beschloß das neue Nachthemd noch an demselben Tage, dem Donnerstage, wo ich wenn ich die Sache richtig anfing, darauf rechnen konnte meine Zeit für mich zu haben, anzufertigen. Das Erste was ich that, nachdem ich Ihr Nachthemd in meine Commode verschlossen hatte, war, daß ich wieder in Ihr Schlafzimmer ging, nicht sowohl um es fertig zu machen, das würde Penelope wohl für mich gethan haben wenn ich sie gebeten hätte, als um nachzusehen, ob Sie mit dem Farbenfleck auf Ihrem Nachthemd etwa auch Ihr Bett oder irgend ein Möbel im Zimmer befleckt hätten.
»Ich untersuchte Alles ganz genau und fand endlich ein paar schwache Farbenstreifen an der innern Seite Ihres Schlafrocks nicht des leinenen, den Sie gewöhnlich Sommer trugen, sondern eines wollenen, den Sie nicht bei sich hatten. Ich vermuthe, Sie waren durch das in und Hergehen im Nachthemd kalt geworden und zogen dann das wärmste Kleidungsstück an, das Sie finden konnten. Gewiß ist, daß an der inneren Seite dieses Schlafrocks Farbenstreifen sichtbar waren. Ich konnte dieselben Farben leicht durch Reihen beseitigen. Und nun war also der einzige gegen Sie vorhandene Beweis das in meiner Commode verschlossene Nachthemd.
»Ich war eben mit Ihrem Zimmer fertig geworden, als ich gerufen wurde, um mit den übrigen Dienstboten vernommen zu werden. Dann folgte die Durchsuchung aller unserer Effecten und dann kam das für mich merkwürdigste Ereigniß dieses Tages, nachdem ich den Farbenfleck auf Ihrem Nachthemd gefunden hatte. Dasselbe ergab sich bei der zweiten Vernehmung Penelope Betteredge’s durch den Oberbeamten Seegraf.
»Penelope kam, ganz außer sich vor Wuth über die Art, wie Herr Seegraf sie behandelt hatte, wieder zu uns. Er hatte in ganz unzweideutiger Weise zu verstehen gegeben, daß er sie in Verdacht habe die Diebin zu sein. Wir waren darüber Alle so erstaunt wie sie selbst und fragten. Alle, was ihn dazu bewogen habe.
»Weil der Diamant sich in Fräulein Rachel’s Wohnzimmer befunden hatte,« entgegnete Penelope, »und weil ich die Letzte war, die das Zimmer gestern Abend betreten hat.
»Kaum hatte Penelope diese Worte ausgesprochen, als ich mich erinnerte, daß später als Penelope noch eine andere Person in Fräulein Rachel’s Zimmer gewesen sei, und diese Person waren Sie. Bei diesem Gedanken drehte sich Alles mit mir herum und mein Kopf war in der schrecklichsten Verwirrung. Dabei flüsterte mir eine geheime Stimme zu, da? der Farbenfleck auf Ihrem Nachthemd wohl eine ganz andere Bedeutung haben könne, als die ich ihm bis dahin beigelegt hatte.
