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Kitabı oku: «Der Mondstein», sayfa 31
»Wenn die letzte Person die im Zimmer war die ist, welche der Verdacht trifft, so dachte ich bei mir, so ist nicht Penelope, sondern Herr Franklin Blake der Dieb.«
»Bei jedem andern Herrn würde ich mich, glaube ich, in dem Augenblick wo der Verdacht in mir aufgestiegen wäre, auch schon geschämt haben, ihn eines Diebstahls für fähig zu halten.
»Aber der bloße Gedanke, daß Sie, Herr, mit diesem Diebstahl zu mir herabgestiegen seien und daß ich durch den Besitz Ihres Nachthemds auch das Mittel in Händen habe, Sie vor einer Entdeckung und einer ewigen Schmach zu schützen, – dieser bloße Gedanke, sage ich, eröffnete mir eine solche Aussicht, Ihre Gunst zu gewinnen, daß ich mich so zu sagen blindlings von Verdacht zu festem Glauben hinreißen ließ. Ich hielt mich ohne Weiteres überzeugt, daß Sie sich nur deshalb am Beflissensten von allen Personen im Hause gezeigt hätten, die Polizei herbei zu holen, um uns Alle irre zu führen, und daß die Hand, welche Fräulein Rachel’s Edelstein genommen habe, keine andere sein könne, als die Ihrige.
»Die durch diese neue Entdeckung bei mir hervorgerufene Aufregung brachte mich, glaube ich, eine Zeitlang ganz außer mir. Ich fühlte ein so verzehrendes Verlangen, Sie zu sehen, Sie mit ein paar Worten in Betreff des Diamanten auf die Probe zu stellen und Sie auf diese Weise zu veranlassen, mich anzusehen und mit mir zu reden, daß ich mein Haar ordnete und mich so nett wie möglich machte und geradeswegs zu Ihnen in die Bibliothek ging, wo Sie, wie ich wußte, am Schreibtisch saßen.
»Sie hatten einen Ihrer Ringe oben im Zimmer liegen gelassen und mir damit einen so guten Vorwand für mein Erscheinen in der Bibliothek gegeben, wie ich ihn nur wünschen konnte. Aber, o Herr, wenn Sie je geliebt haben, so werden Sie verstehen, wie es kam, daß mir, als ich ins Zimmer trat und Ihnen gegenüber stand, der Muth völlig sank. Und dann sahen Sie mich so kalt an und dankten mir in einer so gleichgültigen Weise für Ihren Ring, daß mir die Kniee zu zittern anfingen und mir zu Muthe ward, als müßte ich mich Ihnen zu Füßen werfen. Als Sie mir gedankt hatten, fuhren Sie, wie Sie sich erinnern werden, fort zu schreiben. Dieses Benehmen kränkte mich so tief, daß ich mir ein Herz faßte und Sie anredete. Ich sagte: »Das ist eine sonderbare Geschichte mit dem Diamanten, Herr!« Und Sie sahen mich wieder an und antworteten: »Ja, eine sonderbare Geschichte!« Sie sprachen diese Worte, wie ich nicht anders sagen kann, in einem höflichen, aber doch in einem grausam abwehrenden Ton. In dem Glauben, daß Sie, während Sie mit mir sprachen, den verlorenen Diamanten bei sich verborgen hielten, reizte mich Ihre Kälte so sehr, daß ich in der Aufregung des Augenblicks kühn genug wurde, Ihnen einen Wink zu geben. Ich sagte: »Sie werden den Diamanten nie finden, Herr, nicht wahr? Nein, weder den Diamanten noch die Person, die ihn genommen hat, dafür möchte ich einstehen.« Ich nickte und lächelte Ihnen dabei zu, als wollte ich sagen: »Ich weiß Bescheid.« Dieses Mal sahen Sie mich mit einem Ausdruck von Interesse im Blick an, und ich fühlte, daß es nur noch weniger Worte zwischen uns bedürfen würde, um die Wahrheit herauszubringen. Aber gerade in diesem Augenblick verdarb mir Herr Betteredge das ganze Spiel, indem er sich vor der Thür hören ließ. Ich kannte seinen Tritt und wußte, daß es gegen die von ihm aufrecht erhaltene Hausordnung verstoße, daß ich um diese Tageszeit in der Bibliothek war – gar nicht davon zu reden, daß ich dort mit Ihnen allein war. Ich hatte noch eben Zeit, aus freien Stücken hinauszugehen, bevor er herein kommen und mich fortgehen heißen konnte Ich war zornig und enttäuscht, aber bei alledem nicht ohne Hoffnung. Das Eis war, wie Sie sehen, zwischen uns gebrochen und ich nahm mir vor, das nächste Mal Acht zu geben, daß Herr Betteredge mir nicht im Wege sei.
»Als ich in das Domestikenzimmer zurückkam, wurde eben zum Mittagessen für uns geläutet. Schon Nachmittag und ich hatte noch nichts zur Anfertigung des neuen Nachthemds besorgt! Es gab nur eine Möglichkeit, mir die Zeit zu verschaffen, die nöthigen Dinge zu kaufen. Ich mußte mich bei Tische unwohl stellen, um bis zur Theestunde ungestört zu bleiben.
»Was ich that, während das Haus mich in meinem Zimmer krank zu Bette liegend glaubte, und wie ich die Nacht zubrachte nachdem ich mich beim Thee wieder unwohl gestellt hatte und auf mein Zimmer geschickt worden war, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Sergeant Cuff hat, wenn nicht mehr, doch das wenigstens vollkommen richtig herausgefunden. Und ich kann mir auch sehr wohl denken wie. Ich wurde, obgleich ich meinen Schleier herabgelassen hatte, im Laden des Leinenhändlers in Frizinghall erkannt. Hinter dem Ladentisch, wo ich das Zeug kaufte, befand sich mir gegenüber ein Spiegel, und in diesem Spiegel sah ich wie einer der Ladendiener auf meine Schulter deutete und dabei einem andern etwas zuflüsterte. Und in der Nacht, wo ich in meinem Zimmer eingeschlossen, im Geheimen bei meiner Arbeit saß, hörte ich vor meiner Thür das Athmen der Mädchen, die mich belauerten.
»Es war mir schon damals einerlei und ist mir auch jetzt einerlei. Am Freitag Morgen, viele Stunden ehe Sergeant Cuff das Haus betrat, war das neue Nachthemd, das die Stelle des von mir fortgenommenen vertreten sollte, gewaschen, getrocknet, geplättet, gezeichnet und gefaltet, wie die Waschfrau alle übrigen zu falten pflegte, sicher in Ihrem Schrank. Ich brauchte nicht zu fürchten, daß, wenn die Wäsche im Hause untersucht würde, mich die Neuheit des Zeuges verrathen konnte. Alle Ihre Wäsche war, als Sie vermuthlich unmittelbar nach Ihren Reisen in’s Ausland zu uns in’s Haus kamen, neu angeschafft gewesen.
»Das nächste Ereigniß war die Ankunft des Sergeanten Cuff, und die nächste große Ueberraschung war die Ankündigung dessen, was er als seine Ansicht über den Farbenfleck an der Thür kundgegeben hatte.
»Ich hatte Sie, wie ich eben gestanden habe, für schuldig gehalten, mehr, weil ich wünschte, daß Sie schuldig sein möchten, als aus irgend einem andern Grunde. Und nun war der Sergeant auf einem ganz andern Wege zu demselben Schlusse gelangt, wie ich! Und ich war im Besitz des Kleidungsstückes welches den einzigen Beweis gegen Sie bildete, ohne daß ein Mensch, Sie selbst mit einbegriffen, eine Ahnung davon hatte! Ich scheue mich, Ihnen zu sagen, was ich empfand, als ich mir diese Umstände vergegenwärtigte – Sie würden meinem Andenken später für immer fluchen!«
Bei dieser Stelle blickte Betteredge von dem Briefe auf.
»Nicht der kleinste Lichtschimmer bis jetzt, Herr Franklin,« sagte der alte Mann, indem er seine schwere Schildpatt-Brille abnahm und Rosanna Spearmann’s Bekenntniß mit der Hand ein wenig wegschob. »Haben Sie sich, während ich gelesen habe, irgend eine Ansicht gebildet, Herr Franklin?«
»Lesen Sie erst zu Ende, Betteredge, vielleicht kommt noch etwas, was uns auf die rechte Spur leiten kann Nachher werde ich Ihnen ein paar Worte zu sagen haben.«
»Sehr wohl, Herr Franklin Ich will nur meinen Augen einen Augenblick Ruhe gönnen und dann fortfahren. Inzwischen, Herr Franklin – ich möchte Sie nicht drängen —, aber haben Sie ein Bedenken, mir mit einem Wort zu sagen, ob Sie schon einen Ausweg aus diesem schrecklichen Wirrsal sehen?«
»Ich sehe meinen Rückweg nach London,« sagte ich, »um Herrn Bruff zu consultiren. Wenn der mir nicht helfen kann —«
»Nun, dann?«
»Und wenn der Sergeant nicht aus seiner Zurückgezogenheit aus Dorking hervortreten will —«
»Das will er nicht, Herr Franklin.«
»Dann, Betteredge, bin ich, so weit ich bis jetzt sehe, mit meinem Latein zu Ende. Außer Herrn Bruff und dem Sergeanten weiß ich kein lebendes Wesen, daß mir bei dieser Sache von dem geringsten Nutzen sein könnte.«
Als ich eben diese Worte gesprochen hatte, klopfte Jemand von außen an die Thür des Zimmers.
»Herein!« rief Betteredge verdrießlich, »wer es auch sein mag!«
Die Thür öffnete sich und herein trat geräuschlos der wunderlichst aussehende Mensch, den ich je gesehen habe. Nach seiner Gestalt und seinen Bewegungen zu schließen, war er noch jung. Nach seinem Gesicht schien er, verglichen mit Betteredge, der ältere zu sein. Seine Hautfarbe war von zigeunerhafter Dunkelheit, seine fleischlosen Backen bildeten tiefe Löcher, welche die Backenknochen wie ein Wetterdach überragten. Seine Nase war von der typisch feinen Art, wie sie so oft bei den alten Völkern des Orients und so selten bei den neueren westlichen Racen gefunden wird; seine Stirn erhob sich hoch und gerade über die Augenbrauen; sein Gesicht war mit unzähligen Runzeln bedeckt. Aus diesem sonderbaren Gesicht blickten Einen noch sonderbarere Augen vom sanftesten Braun, träumerisch und traurig, tief aus der Augenhöhle an und fesselten gebieterisch unsere Aufmerksamkeit. Dazu nehme man dickes, gelocktes Haar, welches durch ein eigenthümliches Spiel der Natur seine Farbe in der auffallendsten Weise an einigen Stellen verloren hatte. Oben auf dem Kopf war es noch von dem tiefen Schwarz welches seine natürliche Farbe zu sein schien, an den Seiten des Kopfes aber war es, ohne den leisesten, den außerordentlichen Contrast vermittelnden Uebergang, vollkommen weiß. Zwischen beiden Farben fand sich keine bestimmte Grenzlinie; an einigen Stellen verlor sich das weiße Haar in das schwarze, an andern das schwarze in das weiße. Ich sah den Mann mit einer Neugierde an, die ich – ich schäme mich, es zu gestehen – zu beherrschen ganz unfähig war. Seine sanften braunen Augen erwiderten milde meinen Blick und er begegnete der unfreiwilligen Indiscretion, mit der ich ihn anstarrte, mit einem Ausdruck gütiger Nachsicht, den ich nicht verdient zu haben mir vollkommen bewußt war.
»Ich bitte um Vergebung,« sagte er, »ich wußte nicht, daß Herr Betteredge beschäftigt sei.« Er nahm einen Streifen Papier aus der Tasche und überreichte ihn Betteredge. »Die Liste für nächste Woche,« sagte er. Seine Augen ruhten wieder auf mir und er verließ das Zimmer so ruhig wieder, als er es betreten hatte.
»Wer ist das?« fragte ich.
»Herrn Candy’s Assistent,« sagte Betteredge »Beiläufig, Herr Franklin, es wird Ihnen leid sein zu hören, daß der kleine Doctor sich von der Erkältung, die er sich bei dem Geburtstagsdiner zugezogen, nie wieder erholt hat. Es geht ihm soweit ganz gut, aber er hat im Fieber sein Gedächtniß verloren und nur die dürftigsten Reste davon übrig behalten. Sein Assistent hat die ganze Praxis zu versehen; aber es giebt jetzt, außer bei den Armen, eben nicht viel zu thun Die armen Leute, wissen Sie, haben keine Wahl, sie müssen sich den Mann mit dem scheckigen Haar und der Zigeunerhaut gefallen lassen oder jeder ärztlichen Hilfe entbehren.«
»Sie scheinen den Mann nicht zu mögen, Betteredge?«
»Kein Mensch mag ihn leiden, Herr Franklin.«
»Und warum?«
»Sehen Sie, Herr Franklin, schon sein Aussehen spricht gegen ihn. Und dann erzählen die Leute, daß er einen sehr zweifelhaften Ruf hatte, als er zu Herrn Candy kam. Kein Mensch weiß, wer er ist, und er hat keinen Freund in der ganzen Gegend. Wie kann man ihn da mögen?«
»Natürlich ganz unmöglich! Darf ich fragen, was er von Ihnen wollte, als er Ihnen das Stück Papier gab?«
»Mir nur die Wochenliste der Kranken hier in der Gegend bringen, die etwas Wein brauchen. Mylady hatte immer die Gewohnheit, guten alten Portwein und Sherry unter die kranken Armen vertheilen zu lassen, und Fräulein Rachel wünscht, daß diese Gewohnheit beibehalten werde. Die Zeiten haben sich geändert. Ja, ja, die Zeiten haben sich geändert! Ich erinnere mich der Zeit, wo Herr Candy meiner Herrin selbst die Liste brachte. Jetzt bringt mir Herrn Candy’s Assistent die Liste. Und nun will ich den Brief weiter lesen, wenn? Ihnen recht ist, Herr Franklin,« sagte Betteredge indem er Rosanna Spearmann’s Bekenntnisse wieder in die Hand nahm. »Er ist wahrhaftig nicht leicht zu lesen, aber er hält mir die trüben Gedanken an die Vergangenheit vom Leibe.« Betteredge setzte seine Brille wieder auf und schüttelte traurig mit dem Kopf. »Es hat seinen Grund, daß wir uns so ungebärdig gegen unsere Mütter betragen, wenn sie uns in die Welt setzen. Alle kommen wir mehr oder weniger ungern auf die Welt und wir haben Alle Recht.«
Herrn Candy’s Assistent hatte einen zu starken Eindruck auf mich hervorgebracht, als daß ich den Gedanken an ihn sogleich wieder hätte loswerden können. Ich ließ die letzte unwiderlegliche Aeußerung der Betteredge’schen Philosophie auf sich beruhen und brachte das Gespräch noch einmal auf den Mann mit dem scheckigen Haar.
»Wie heißt der Mann?« fragte ich.
»Sein Name ist so häßlich wie möglich,« antwortete Betteredge kurz. »Ezra Jennings!«
Fünftes Capitel
Nachdem er mir den Namen von Herrn Candy’s Assistenten genannt hatte, schien Betteredge zu finden, daß er Zeit genug auf einen so uninteressanten Gegenstand verschwendet habe und schickte sich an, Rosanna Spearman’s Brief weiter zu lesen.
Ich saß am Fenster und wollte ruhig warten, bis er zu Ende sei. Nach und nach schwand der Eindruck, den Ezra Jennings auf mich hervorgebracht hatte – es schien überhaupt unbegreiflich, daß in meiner Lage irgend ein menschliches Wesen einen Eindruck auf mich hervorbringen konnte – schwand, sage ich, dieser Eindruck wieder. Meine Gedanken lenkten wieder auf ihre frühere Bahn zurück. Noch einmal zwang ich mich, meiner unglaublichen Situation gerade ins Gesicht zu sehen. Noch einmal überblickte ich im Geiste das in Zukunft von mir einzuschlagende Verfahren, über das mir klar zu werden ich endlich Fassung genug erlangte.
Noch an demselbe Tage nach London zurückkehren; den ganzen Fall Herrn Cuff vorlegen, und endlich das Wichtigste (gleichviel auf welche Weise oder mit welchen Opfern) eine Zusammenkunft mit Rachel erwirken – das war mein Plan, so weit ich in jenem Augenblick im Stande war einen zu fassen. Ich hatte noch vor Abgang des Zuges über eine Stunde Zeit. Und ich hatte noch die Chance, daß Betteredge in dem noch ungelesenen Theil von Rosanna Spearmans Brief etwas finden möchte, was mir zu wissen nützlich sein könnte, bevor ich das Haus, in welchem der Diamant verloren gegangen war, wieder verließ. Diese Chance wollte ich jetzt noch wahrnehmen.
Der Schluß des Briefes lautete wie folgt:
»Sie brauchen nicht böse auf mich zu sein, Herr Franklin, selbst wenn ich einen kleinen Triumph bei dem Gedanken empfand, daß ich Ihr ganzes Schicksal in meinen Händen hielt. Bald überkam mich wieder Angst und Furcht. Bei der Ansicht, welche Sergeant Cuff sich über den Verlust des Diamanten gebildet hatte, mußte er schließlich nothwendig dazu schreiten, unsere Wäsche und unsere Kleider zu untersuchen. Es gab keine Stelle in meinem Zimmer, keine im Hause, welche ich vor ihm sicher glauben konnte. Wie sollte ich das Nachthemd verstecken, so daß selbst der Sergeant es nicht finden konnte? und wie sollte ich das anfangen, ohne einen einzigen Augenblick der kostbaren Zeit zu verlieren? Das waren nicht leicht zu beantwortende Fragen. Mein Schwanken endete mit dem Ergreifen eines Auskunftsmitte1s, das Sie vielleicht lachen machen wird. Ich entkleidete mich und zog das Nachthemd selbst an. Sie hatten es getragen und es gewährte mir abermals eine kleine Freude, es nach Ihnen zu tragen.
»Die nächste Nachricht, die in das Domestikenzimmer zu uns gelangte, zeigte mir, daß ich das Nachthemd nicht einen Augenblick zu früh in Sicherheit gebracht hatte. Sergeant Cuff verlangte das Wäschebuch zu sehen.
»Ich holte es und brachte es nach Mylady’s Wohnzimmer. Der Sergeant und ich waren uns in früheren Tagen schon mehr als einmal begegnet. Ich war sicher, daß er mich wiedererkennen würde und ich war nicht sicher, was er thun würde, wenn er mich als Dienstmädchen in einem Hause fände, in welchem ein kostbarer Edelstein verloren gegangen war. In dieser Ungewißheit fühlte ich, es würde eine Beruhigung für mich sein, wenn er mich erst einmal gesehen hätte und ich das Schlimmste, was daraus entstehen konnte, wüßte.
»Er sah mich an, als ob ich eine Fremde für ihn sei, als ich ihm das Wäschebuch übergab und er war besonders höflich, als er mir dafür dankte. Ich hielt Beides für schlimme Zeichen. Ich konnte nicht wissen, was er hinter meinem Rücken vielleicht von mir sagen würde; ich konnte nicht wissen, wie bald ich mich vielleicht als verdächtig in Haft befinden und an meinem Körper durchsucht finden würde. Es war gerade Zeit, daß Sie von der Eisenbahn, wohin Sie Herrn Godfrey Ablewhite begleitet hatten, zurückkommen mußten, und ich ging nach Ihrem Lieblingsspaziergang im Gebüsch, um noch einmal zu versuchen, ob ich Sie nicht sprechen könne; es war, so viel ich sehen konnte, die letzte Chance für mich.
»Sie kamen nicht; und, was noch schlimmer war, Herr Betteredge und Sergeant Cuff gingen an dem Platz, wo ich mich versteckt hatte, vorüber – und der Sergeant sah mich.
»Danach hatte ich keine andere Wahl mehr als an meinen gewöhnlichen Aufenthaltsort und an meine gewöhnliche Arbeit zurückzukehren, bevor mir Schlimmes begegnen könnte. Als ich eben über den Weg gehen wollte, kamen Sie von der Eisenbahn zurück. Sie gingen gerade auf das Gebüsch los als Sie mich sahen und wandten sich von mir ab, als wenn ich die Pest hätte, und gingen in’s Haus. 3
»Ich kehrte so rasch wie möglich durch den Eingang für die Domestiken in’s Haus zurück. Im Wäschezimmer war aber Niemand und ich setzte mich dort allein hin. Ich habe Ihnen schon gesagt, welche Gedanken bei mir der Zittersand erweckt hatte. Diese Gedanken bestürmten mich jetzt auf’s Neue. Ich fragte mich, was wohl besser sein möchte, wenn die Dinge so weiter gingen, Herrn Franklin Blakes Gleichgültigkeit gegen mich zu ertragen oder in den Zittersand zu springen und der Sache so für immer ein Ende zu machen?
»Vergebens versuchte ich es, mich vor mir selbst wegen meines damaligen Betragens zu verantworten; ich versuche es, aber ich verstehe mich selbst nicht.
»Warum trat ich Ihnen nicht entgegen, als Sie mir aus diese grausame Art aus dem Wege gingen? Warum rief ich Ihnen nicht zu: »Herr Franklin ich habe Ihnen etwas zu sagen; es betrifft Sie selbst und Sie müssen und sollen es hören?« Ich hatte Sie in Händen. Und mehr als das, ich besaß das Mittel, Ihnen – wenn ich Sie nur dahin bringen konnte, mir zu vertrauen – in Zukunft nützlich zu werden. Natürlich glaubte ich nie, daß ein Herr wie Sie den Diamanten nur um des Vergnügens am Diebstahl willen gestohlen habe. Nein, Penelope hatte Fräulein Rachel und ich hatte Herrn Betteredge von Ihrem extravaganten Leben und Ihren Schulden reden hören. Es war mir ganz klar, daß Sie den Diamanten genommen hatten, um ihn zu verkaufen oder zu verpfänden und sich so das Geld zu verschaffen, dessen Sie bedurften. Nun gut! Ich hätte Ihnen einen Mann in London nennen können, der Ihnen auf den Edelstein eine ordentliche Summe vorgestreckt haben und Ihnen dabei keine unbequeme Fragen über denselben vorgelegt haben würde.
»Warum habe ich nicht mit Ihnen gesprochen! warum habe ich nicht mit Ihnen gesprochen!
»Ich frage mich, ob etwa die Gefahren und Schwierigkeiten der Aufbewahrung des Nachthemds das Maß dessen, was ich zu ertragen vermochte, voll gemacht hatten, so daß ich andern Gefahren und Schwierigkeiten nicht mehr die Stirn zu bieten im Stande war. Das hätte vielleicht bei anderen Frauen der Fall sein können. aber unmöglich bei mir. In den Tagen, wo ich eine Diebin gewesen, war ich fünfzigmal größere Gefahren gelaufen und hatte mich unter Schwierigkeiten zurecht gefunden, gegen welche die hier vorliegende ein reines Kinderspiel war. Ich hatte so zu sagen eine Schule von Betrügereien und Täuschungen durchgemacht, von denen einige so großartig angelegt und so geschickt durchgeführt waren, daß sie als berühmte Fälle in den Zeitungen besprochen wurden. War es denkbar, daß eine Kleinigkeit, wie die Aufbewahrung eines Nachthemds, mein Gemüth belastete und mich den Muth verlieren ließ mit Ihnen zu reden? Wie thöricht, nur danach zu fragen; es war unmöglich!
»Aber wozu Verweile ich bei meiner eigenen Thorheit? Die einfache Wahrheit liegt ja klar genug am Tage. Hinter Ihrem Rücken liebte ich Sie von ganzem Herzen, und von ganzer Seele; vor Ihrem Angesicht fürchtete ich mich vor Ihnen, fürchtete ich mich, Sie böse auf mich zu machen, fürchtete ich mich vor dem, was Sie – obgleich Sie den Diamanten genommen hatten – sagen möchten, wenn ich mir herausnähme, Ihnen zu erklären, daß ich Ihren Diebstahl entdeckt habe. Ich war der Sache so nahe gekommen, wie ich konnte, als ich in der Bibliothek mit Ihnen gesprochen hatte. Damals hatten Sie mir nicht den Rücken zugekehrt, waren Sie mir nicht ausgewichen, als ob ich die Pest hätte. Ich versuchte es, mich gegen Sie zu Erbittern und mir auf diese Weise Muth zu machen. Aber nein! ich vermochte keine anderen Gefühle darüber in mir rege werden zu lassen als die des Elends und der Kränkung. »Du bist ein häßliches Mädchen, Du hast eine verwachsene Schulter, Du bist nur ein Dienstmädchen, – was fällt Dir ein, daß Du es wagst, mit mir zu reden?« Niemals haben Sie ein ähnliches Wort gegen mich ausgesprochen, Herr Franklin; und doch haben Sie das Alles zu mir gesagt! Kann man eine solche Tollheit erklären? Nein, man kann nichts dabei thun. als sie bekennen und auf sich beruhen lassen.
»Ich bitte Sie noch einmal wegen dieser Abirrung meiner Feder um Verzeihung. Fürchten Sie nicht, daß es noch länger dauert. Ich nähere mich dein Schluß.
»Die erste Person, die mich störte, indem sie das bis dahin leere Zimmer betrat, war Penelope. Sie hatte mein Geheimnis; längst aufgefunden und hatte mit Freundlichkeit ihr Bestes gethan, mich wieder zur Besinnung zu bringen.
»O!« sagte sie, »ich weiß, warum Du hier sitzest und Dich in Gram verzehrest. Das Beste was Dir passiren könnte, Rosanna, wäre, daß Herrn Franklins Besuch hier bald zu Ende ginge. Ich glaube nicht, daß er noch lange hier bleibt.«
»Bei allen meinen Gedanken an Sie war es mir nicht eingefallen, daß Sie fortgehen könnten. Ich konnte Penelope auf ihre Worte nichts antworten, ich konnte sie nur ansehen.
»Ich komme eben von Fräulein Rachel,« fuhr Penelope fort, »und es war keine leichte Sache, mit ihr auszukommen. Sie sagt, das Haus sei ihr unerträglich, so lange Polizei darin ist, und sie ist entschlossen, Mylady noch heute Abend zu erklären, daß sie morgen zu ihrer Tante Ablewhite gehen will. Wenn sie das thut, so wird es nicht lange dauern, bis auch Herr Franklin eine Veranlassung findet, fortzugehen. Darauf kannst Du Dich verlassen.«
Bei diesen Worten fand ich meine Sprache wieder. »Meinst Du, daß Herr Franklin mit ihr fortgehen wird?« fragte ich.
»Nur zu gern, wenn sie ihn nur lassen wollte; aber sie will nicht. Sie hat ihn ihre Laune fühlen lassen; und er ist sehr schlecht bei ihr angeschrieben und das, nachdem er Alles gethan hat, ihr zu helfen, der arme Mensch! Nein, nein! Wenn sie sich nicht bis morgen wieder versöhnen, so wirst Du sehen, daß Fräulein Rachel links und Herr Franklin rechts geht. Wohin er seine Schritte wenden wird, kann ich nicht sagen. Aber hier bleibt er nicht, wenn Fräulein Rachel fortgeht.«
»Ich wußte die Verzweiflung, die sich meiner bei der Aussicht, Sie fortgehen zu sehen, bemächtigte, zu bemeistern. Die Wahrheit zu gestehen, erblickte ich einen schwachen Hoffnungsstrahl für mich in dem Vorhandensein einer ernsten Veruneinigung zwischen Fräulein Rachel und Ihnen.«
»Weißt Du,« fragte ich, »worüber sie in Streit gerathen sind?«
»Fräulein Rachel hat allein Schuld« sagte Penelope, »und so viel ich sehen kann, rührt Alles von ihrem Temperament her. Es thut mir schrecklich leid, Dich betrüben zu müssen, Rosanna, aber setze Dir nicht in den Kopf, daß Herr Franklin je auf sie böse sein wird. Dazu liebt er sie viel zu sehr.«
»Sie hatte eben diese grausamen Worte ausgesprochen, als wir von Herrn Betteredge gerufen wurden. Alle Domestiken im Hause sollten sich in der Halle versammeln und dann sollten wir, einer nach dem andern, nach Herrn Betteredge’s Zimmer gehen und daselbst von dem Sergeanten Cuff vernommen werden.
»Die Reihe kam an mich, hineinzugehen, nachdem Mylady’s Kammermädchen und das erste Hausmädchen zuerst vernommen waren. Aus Sergeant Cuffs Fragen merkte ich – so schlau sie auch gestellt waren – bald genug, daß jene beide Mädchen (meine bittersten Feindinnen im Hause) mich an meiner Thür sowohl am Donnerstag-Nachmittag als auch in der Donnerstag-Nacht belauscht hatten. Sie hatten dem Sergeanten genug erzählt, um ihn wenigstens theilweise die Wahrheit erkennen zu lassen. Er vermuthete mit Recht, daß ich im Geheimen ein neues Nachthemd gemacht habe, aber er vermuthete mit Unrecht, daß das farbenbefleckte Nachthemd mir gehöre. Aus dem, was er sagte, ging für mich noch etwas Anderes deutlich hervor, dem ich gern auf den Grund gekommen wäre. Er hatte mich natürlich im Verdacht, bei dem Verschwinden des Diamanten die Hand im Spiele zu haben. Zu gleicher Zeit aber ließ er mich, wie mir schien, absichtlich merken, daß er nicht mich als die für den Verlust des Edelsteins hauptsächlich verantwortliche Person betrachte, sondern daß er glaube, ich habe auf Antrieb einer andern Person gehandelt. Wen er aber mit dieser Person meinte, daß vermag ich jetzt so wenig wie damals zu errathen.
Bei dieser Ungewißheit war nur eines klar, daß Sergeant Cuff noch Meilen weit von der vollen Wahrheit entfernt war. Sie waren sicher, so lange das Nachthemd in einem sicheren Versteck war, aber nicht einen Augenblick länger.
»Ich verzweifele daran, Ihnen die ganze Tiefe des Jammers und des Schreckens begreiflich zu machen, die mich jetzt bedrängten. Es war unmöglich für mich, es noch länger zu wagen, Ihr Nachthemd am Leibe zu tragen. Ich mußte jeden Augenblick darauf gefaßt sein, mich nach dem Polizeigericht in Frizinghall abgeführt zu sehen, um dort auf dringenden Verdacht hin durchsucht zu werden. So lange mich Sergeant Cuff noch frei ließ, mußte ich mich und zwar unverzüglich entscheiden, ob ich das Nachthemd vernichten oder es an einer sicheren Stelle, in einer sicheren Entfernung vom Hause verstecken wolle.
»Wenn ich Sie nur ein» klein wenig weniger geliebt hätte, so würde ich das Nachthemd, glaube ich, zerstört haben. Aber, ach! Wie konnte ich die einzige in meinem Besitz befindliche Sache vernichten, welche den Beweis lieferte, daß ich Sie vor einer Entdeckung bewahrt hatte? Wenn es zu einer Erklärung zwischen uns kommen sollte und wenn Sie dann den Verdacht, daß ich Sie aus unreinen Motiven beschuldige, gegen mich aussprechen oder Ihre That ganz ableugnen würden: wie sollte ich mir Ihr Vertrauen erzwingen, wenn ich nicht im Besitz des Nachthemdes war.
»That ich Ihnen Unrecht, wenn ich glaubte und glaube, daß Sie vielleicht ungern ein armes Mädchen wie mich in Ihr Geheimniß eingeweiht sehen und als Ihre Mitschuldige bei dem Diebstahl betrachten würden, den zu begehen Ihre Geldverlegenheiten Sie veranlaßt hatten? Denken Sie an Ihr kaltes Benehmen gegen mich, Herr, und Sie werden sich kaum über meine Ungeneigtheit wundern können, den einzigen glücklicherweise in meinem Besitz befindlichen Gegenstand zu vernichten, der mir einen Anspruch auf Ihr Vertrauen und Ihre Dankbarkeit gewähren konnte.
»Ich beschloß, denselben zu verstecken; und zwar an dem mir wohlbekanntesten Ort, dem Zitterstrande.
»Sobald ich meinen Beschluß gefaßt hatte, erbat ich mir unter dem ersten besten Vorwand Erlaubniß, ein wenig auszugehen. Ich ging geradeswegs nach Cobb’s Hole, nach Yollands Fischerhütte. Seine Frau und seine Tochter waren meine besten Freundinnen. Aber denken Sie nicht, daß ich denselben Ihr Geheimniß anvertraut hätte – kein Mensch hat es von mir erfahren. Alles, was ich wollte, war, die Möglichkeit, Ihnen diesen Brief zu schreiben und eine sichere Gelegenheit, mich des Nachthemds zu entledigen. Verdächtig wie ich war, konnte ich keines von beiden mit irgend welcher Sicherheit in unserm Hause thun.
»Und jetzt bin ich mit meinem langen Briefe beinahe zu Ende, den ich hier in Lucy Yollands Schlafzimmer schreibe. Wenn ich ihn geschlossen habe, werde ich mit dem ausgerollten und unter meinem Mantel versteckten Nachthemd hinuntergehen. Ich werde das Mittel, es sicher und trocken in seinem Versteck aufzubewahren, unter dem alten Gerümpel in Yollands Küche finden. Und dann werde ich nach dem Zittersande gehen – fürchten Sie nicht, daß meine Fußtritte mich verrathen werden! – und das Nachthemd im Sande verbergen, aus dem kein lebendes Wesen es wieder hervorholen kann, wenn es nicht zuvor von mir in das Geheimniß eingeweiht worden ist.
»Und nachdem ich das gethan haben werde, was dann?
»Dann, Herr Franklin, werde ich aus zwei Gründen noch einen Versuch machen, Ihnen die Worte zu sagen, die ich bis jetzt noch nicht« habe aussprechen können. Wenn Sie das Haus demnächst verlassen, wie Penelope vermuthet, ohne daß ich vorher mit Ihnen gesprochen habe, so werde ich die Gelegenheit dazu für immer verloren haben. Das ist der eine Grund. Und dann habe ich das tröstende Bewußtsein, daß, wenn meine Worte Sie erzürnen sollten, ich das Nachthemd in Bereitschaft habe, um meine Sache so gut zu vertreten, wie nichts anderes aus der Welt es vermöchte. Das ist mein zweiter Grund. Wenn diese beiden Gründe zusammen genommen nicht im Stande sind, mein Herz gegen die Kälte, welche dasselbe bisher so eisig berührt hat (ich meine die Kälte Ihres Benehmens gegen mich), zu bewaffnen, so wird es mit meinen Versuchen und mit meinem Leben zu Ende sein.
»Ja. Wenn ich mir die nächste Gelegenheit wieder entgehen lasse; wenn Sie mir wieder so grausam entgegentreten wie bisher, und wenn diese Kälte wieder wie bisher auf mich wirkt: so sage ich der Welt lebewohl, welche mir das Glück, das sie Anderen gewährt, mißgönnt hat; sage ich dem Leben valet, welches nichts als ein wenig Freundlichkeit von Ihnen je wieder erfreulich für mich machen kann. Machen Sie sich keine Vorwürfe, Herr, wenn die Sache solches Ende nimmt. Aber versuchen Sie es, etwas wie vergebendes Bedauern für mich zu empfinden! Ich werde Vorsorge treffen, daß Sie erfahren, was ich für Sie gethan habe, wenn ich es Ihnen selbst nicht mehr werde sagen können. Werden Sie dann ein freundliches Wort für mich haben und es in jenem milden Tone sprechen, den Ihre Stimme hat, wenn Sie mit Fräulein Rachel reden? Wenn Sie das thun und wenn es wahr ist daß die Geister der Verstorbenen fortleben, so wird mein Geist es gewiß hören und vor Freude darüber erbeben.
