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Kitabı oku: «Die neue Magdalena», sayfa 9

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8.
Julian kommt zurück

Eine Woche war um. Wieder ist das Speisezimmer in Mablethorpe-House der Schauplatz der nächsten Ereignisse.

Da war alles wie früher; der gastliche Tisch wieder reich besetzt; aber anstatt der kleinen Gesellschaft, die sich das erstemal um ihn versammelt hatte, sitzt Lady Janet jetzt allein; sie liest eben die Zeitung und hält dabei von Zeit zu Zeit einer schönen, klug blickenden Katze kleine Bissen hin, welche diese nach sorgfältiger Prüfung aus der Hand ihrer Herrin verzehrt. Das eintönige, behagliche Schnurren, mit dem sie ihre Gebieterin umschleicht, veranlasst diese, von ihrem Leitartikel aufzublicken; sie wendet ihr bekümmertes Gesicht auf das glückliche Tier vor sich und sagt in der ihr eigenen ironischen Weise: »Tom, du hast ein gutes Leben, gar keine Sorgen; weiß Gott, ich möchte mit dir tauschen!«

Bei diesen Worten stutzt die Katze – aber nicht etwa infolge der schmeichelhaften Anrede von Seite ihrer Herrin, sondern weil sie soeben an der Tür klopfen gehört hatte. Lady Janet rief gleichzeitig: »Herein!« und dreht sich nachlässig nach dem Ankömmling um; bei seinem Anblicke fährt sie jedoch überrascht empor, denn als die Tür sich öffnet, tritt – Julian Gray herein!

»Sind Sie es selbst oder ist es Ihr Geist?« ruft sie aus.

Sie hatte sofort bemerkt, dass Julian noch bleicher als gewöhnlich aussah und dass in seinem Wesen ein Unbehagen und eine Zurückhaltung lag, die ihm sonst nicht eigen war. Er setzte sich neben sie und küsste ihr die Hand. Zum ersten Male, seit sie ihn kannte, ließ er die verschiedenen Gerichte auf dem Frühstückstisch unberücksichtigt stehen; sogar die Katze würdigte er keines Blickes, so dass diese sich, über eine solche Vernachlässigung erzürnt, mittelst eines Sprunges auf den Schoß ihrer Herrin flüchtete. Lady Janet blickte ihren Neffen erwartungsvoll an, mit dem heimlichen Vorsatze, das, was sie wissen wollte, bei der ersten passenden Gelegenheit »aus ihm heraus zu bekommen«, und überließ es ihm, das Gespräch zu beginnen. Julian hatte keine andere Wahl; er musste zuerst das Stillschweigen unterbrechen, und so beschloss er denn, die ganze Sache, so gut es gehen wollte, zu erzählen.

»Ich bin gestern abend von dem Kontinent zurückgekehrt«, begann er, »und bin nun hier, um Ihnen, wie ich es versprochen hatte, Bericht zu erstatten. Wie befinden Sie sich, Lady Janet? Wie geht es Miss Roseberry?«

Lady Janet deutete zuerst auf sich selbst und dann nach der Zimmerdecke und sagte: »Hier die alte Frau ist wohl, aber da oben das junge Geschöpf ist krank. Fehlt Ihnen übrigens etwas, Julian?«

»Vielleicht hat mich die Reise etwas angestrengt. Das tut nichts. Sind es bei Miss Roseberry noch die Folgen jenes Schrecks?«

»Natürlich; was sollte es sonst sein? Ich kann es Ihnen nie verzeihen, Julian, dass Sie diese verrückte Betrügerin hierher gebracht haben.«

»Teuere Tante, als ich dies tat, hatte ich keine Ahnung davon, dass eine Miss Roseberry überhaupt existiere; ich war somit ganz unschuldig. Übrigens bedauert den ganzen Vorfall niemand mehr als ich. Haben Sie einen Arzt gefragt?«

»Ich ging auf dessen Anraten mit ihr nach Brighton.«

»Hat ihr die Luftveränderung gut getan?«

»Nein, ganz im Gegenteile; sie ist dadurch noch schlechter geworden. Sie sitzt manchmal stundenlang da, totenblass und ohne ein Wort zu sprechen; dann plötzlich wird ihr Gesicht heiterer und man glaubt, sie will etwas sagen, aber auf einmal, der Himmel weiß warum, stockt sie wieder, als fürchtete sie sich, zu reden. Das könnte ich alles noch ertragen. Was mir aber wirklich weh tut, ist, dass sie das frühere Zutrauen und die frühere Liebe zu mir verloren zu haben scheint; sie traut mir nicht und sie liebt mich nicht mehr. Hielte ich es nicht für ganz und gar unmöglich, ich glaubte fast, sie hat mich im Verdachte, den Worten jener Elenden Glauben geschenkt zu haben. Mit einem Worte – und unter uns gesagt – ich fürchte sehr, dass sie aus diesem Zustande nicht mehr herauskommt. Es steckt gewiss irgendein Unheil dahinter, aber ich habe mir bisher ganz umsonst Mühe gegeben, es zu entdecken.«

»Kann da der Arzt nicht helfen?«

Lady Janet beantwortete diese Frage, ehe sie noch sprach, mit einem tief verächtlichen Blick aus ihren glänzenden schwarzen Augen.

»Der Arzt!« wiederholte sie geringschätzig. »Wir kamen gestern abends hier an, Grace in heller Verzweiflung. Ich ließ heute morgens den Arzt rufen. Er ist eine Autorität und soll sich auf zehntausend Pfund jährlich stehen; er wusste mir jedoch nichts anderes zu sagen, als ich mir selbst. Es ist dies mein vollster Ernst. Eben ist er von hier fortgegangen, zwei Guineen in der Tasche; die eine dafür, dass er mir riet, ihr Ruhe zu lassen, die zweite dafür, dass er meinte, die Zeit würde sie vielleicht heilen. Begreifen Sie, dass er es auf diese Manier allerdings leicht zu etwas bringen kann. Und wissen Sie, mein junger Freund, so machen es alle. Das Handwerk der Doktoren gedeiht heutzutage hauptsächlich durch zweierlei unheilbare Krankheiten: bei den Frauen heißt diese – Nervenverstimmung, bei den Männern – verschlagene Gicht. Das Heilmittel dafür ist eine Guinee, wenn man zu dem Arzte hingeht, zwei Guineen, wenn der Arzt zu einem ins Haus kommt. Ich hätte mir für das Geld, das ich diesem Menschen gab, einen neuen Hut kaufen können!« rief Lady Janet entrüstet aus. »Reden wir lieber von etwas anderem; ich werde ärgerlich, wenn ich daran denke. Übrigens möchte ich wissen, weshalb Sie eigentlich verreist waren?«

Julian blickte sie bei dieser Frage mit unverhohlener Überraschung an. »Ich habe Ihnen ja den Grund geschrieben«, sagte er. »Haben Sie denn meinen Brief nicht bekommen?«

»Doch wohl. Er war lang genug – wahrhaftig; aber trotzdem enthielt er das nicht, was ich wissen wollte.«

»Was ist das?«

Lady Janet suchte mit ihrer Erwiderung – anfangs ziemlich verblümt – anzudeuten, dass sie ihn im Verdacht habe, für seine Reise ein weiteres Motiv gehabt zu haben, das er vor ihr verbergen wolle.

»Ich möchte nämlich wissen«, sagte sie, »weshalb Sie es für nötig fanden, die Nachforschungen persönlich anzustellen? Sie wussten doch; wo mein langjähriger Kurier zu finden war und haben ihm selbst immer das Zeugnis gegeben, dass er ein höchst intelligenter und durchaus vertrauenswürdiger Mensch sei. Antworten Sie mir ehrlich – hätten Sie nicht ihn anstatt Ihrer schicken können?«

»Ich hätte es tun können«, sagte Julian – etwas zurückhaltend.

»Wenn somit darin kein Hindernis lag, und Sie nebstbei noch, als mein Gast, die Verpflichtung gehabt hätten, hier zu bleiben – antworten Sie mir offen – warum sind Sie dann fortgegangen?«

Julian zögerte mit der Antwort. Lady Janet hielt inne und wartete darauf, entschlossen, wenn es sein sollte, bis zum Abend zu warten.

»Ich hatte einen besonderen Grund, selbst dahin zu gehen«, sagte er endlich.

»So?« versetzte Lady Janet, mit unverminderter Geduld einer Erklärung harrend, und sollte sie darauf bis zum nächsten Morgen warten müssen.

»Ich hatte einen Grund, den ich am liebsten gar nicht nennen möchte«, fuhr Julian fort.

»O!« rief Lady Janet. »Ist da schon wieder ein Geheimnis – so? Und gewiss steckt auch da eine Frau dahinter? Ich danke Ihnen – ich weiß genug. Wahrhaftig, Sie haben – als Geistlicher – einigermaßen Grund, hierüber in Verwirrung zu geraten. Wir wollen lieber abermals das Gespräch fallen lassen und von etwas anderem reden. Sie bleiben jetzt natürlich mein Gast, nicht wahr?«

Der berühmte Kanzelredner schien durch diese Anfrage neuerdings in arge Verlegenheit versetzt. Lady Janet dagegen wartete nach wir vor geduldig ab – und sollte es noch eine ganze Woche dauern.

Julian nahm seine Zuflucht zu einer der alltäglichsten Redensarten.

»Ich muss Sie bitten, Lady Janet«, sagte er, »meiner Dankbarkeit versichert zu sein, mich jedoch zunächst entschuldigen zu wollen.«

Sie hatte bis dahin ihre beringten Finger streichelnd über das Fell der Katze auf ihren Schoß gleiten lassen; bei den letzten Worten fuhr sie plötzlich mit der Hand gegen den Strich der Haare – ihre sonst unerschöpfliche Geduld war zu Ende.

»Ungemein höflich, ohne alle Frage«, sagte sie. »Es fehlte nur noch, dass Sie hinzusetzten: Mister Julian Gray empfiehlt sich Lady Janet Roy und bedauert, verhindert zu sein – Julian!« rief die alte Dame, ihre sonstige Beherrschung hintansetzend, aus und stieß die Katze von ihrem Schoß herab. – »Julian, treiben Sie kein Spiel mit mir! Ich weiß, es ist nichts anderes, Ihr Benehmen beweist es mir, Sie meiden mein Haus. Ist Ihnen darin irgend jemand unangenehm? Haben Sie etwas gegen mich?«

Julians Gebärde sagte ihr, dass davon gar nicht die Rede sein könne. Die beleidigte Katze krümmte ihren Rücken, schlich schweifwedelnd zu dem Kamin und ließ sich vor demselben auf dem Teppich nieder.

Lady Janet gab nicht nach. »Ist es Grace Roseberry?« fragte sie weiter.

Nun verlor auch Julian die Geduld. Er stand plötzlich auf und sagte mit erhobener Stimme:

»Sie wollen es durchaus wissen. Ja denn, es ist Miss Roseberry?«

»Sie ist Ihnen unangenehm?« brach Lady Janet ärgerlich und überrascht aus.

Julian hielt sich nun nicht länger zurück: »Wenn ich sie ferner sehen sollte«, antwortete er, und dabei schoss in seine sonst so blassen Wangen die Röte leidenschaftlicher Erregung, »so würde ich zum unglücklichsten Menschen dieser Erde. Ich kann ihr nicht mehr gegenüber stehen, ohne damit meinen Jugendfreund, dessen Gattin sie wird, zu betrügen. Lassen Sie uns daher für immer getrennt sein. Wenn Ihnen an meiner Seelenruhe etwas gelegen ist, lassen Sie uns getrennt sein.«

Lady Janet erhob ihre Hand in unaussprechlichem Erstaunen empor und fragte mit unverhohlener Neugierde.

»Sie sind doch nicht in Grace verliebt?«

Julian sprang von seinem Stuhl auf und schritt durch das Zimmer. Dabei störte er die vor dem Kamin liegende Katze in ihrer Behaglichkeit, so dass sie sich aus dem Zimmer schlich.

»Ich kann es wirklich nicht sagen«, sagte er, »ich bin mir selbst nicht klar. Sie hat ein Gefühl in mir erweckt, wie dies bisher noch kein weibliches Wesen getan. Ich habe in der Hoffnung, sie vergessen zu können, Ihre Einladung abgelehnt, habe die Gelegenheit, nach dem Kontinent zu reisen, bloß deshalb aufgegriffen – und alles umsonst. Ich denke Tag und Nacht an sie; überall höre und sehe ich sie; sie ist wie ein Teil meines eigenen Ichs und das Leben ohne sie scheint mir ganz undenkbar. Meine ganze Willenskraft ist dahin. Ich nahm mir heute morgen vor, Ihnen zu schreiben und nicht mehr in dieses Haus zurückzukehren; jetzt bin ich doch da und suche mich mit elenden Gründen vor mir selbst zu rechtfertigen. Es sei meine Schuldigkeit, meine Tante zu besuchen, dachte ich auf dem ganzen Weg hierher, immer heimlich hoffend, sie werde dann hier hereinkommen und ich würde sie sehen. Noch in diesem Augenblicke hoffe ich es, wo ich doch weiß, dass sie die Verlobte Horace Holmcrofts – meines ältesten und besten Freundes ist! Bin ich ein Schurke oder ein schwachköpfiger Narr? Gott weiß es – ich nicht. Bewahren Sie mein Geheimnis, Tante, denn ich schäme mich vor mir selbst; ich dachte immer, edlerer Natur zu sein, und nun… Sagen Sie Horace nichts davon; ich muss und will es bekämpfen. Jetzt lassen Sie mich gehen.«

Er ergriff hastig seinen Hut. Lady Janet erhob sich rasch und folgte ihm; bei der Tür angelangt, vertrat sie ihm den Weg.

»Nein«, antwortete die alte Dame entschlossen, »Sie dürfen so nicht gehen. Bleiben Sie.«

Bei diesen Worten blickte sie mit geheimem, freudigem Stolz in seine lebhaft geröteten Züge – in seine großen, flammenden Augen. Noch nie war er ihr so schön erschienen. Sie ergriff seinen Arm und führte ihn zu den Sitzen, von denen sie eben erst aufgestanden waren, zurück. Ihr Verstand sagte allerdings, dass es von ihm unrecht sei, Mercy unter den gegebenen Verhältnissen mit anderen Augen als denen eines Bruders oder Freundes anzusehen; dass dies von einem Geistlichen doppelt unrecht sei. Aber ohne Horaces heiligere Rechte zu schmälern, durfte sie sich doch gegen Julian jedes Tadels enthalten. Im Gegenteile, sie war sich innerlich bewusst, dass er – weshalb, war ihr nicht klar – während der letzten Minuten in ihrer Achtung viel eher gestiegen als gesunken war. Dazu besaß ihre Adoptivtochter wirklich so viel Liebreiz, dass es gar kein Wunder war, wenn sie für einen Mann von Julians Art zum Gegenstand der Bewunderung wurde. Nach alledem fand Lady Janet ihren Neffen weit mehr zu beklagen als zu tadeln. Und welche Tochter Evas – steckte sie nun in einer siebzehn— oder siebzigjährigen Hülle – hätte, wenn sie ehrlich war, ein anderes Urteil fällen können? Der Mann mag was immer begehen – vom Irrtum angefangen bis zum Verbrechen – so lange eine Frau die Veranlassung dazu ist, so lange werden ihn alle Frauenherzen entschuldigen. »Setzen Sie sich«, sagte Lady Janet unwillkürlich lächelnd, »nun sprechen Sie nicht mehr so. Ein Mann, Julian, zumal ein so ausgezeichneter Mann wie Sie, sollte sich beherrschen können.«

Julian lachte bitter auf.

»Meine Selbstbeherrschung müssen Sie da oben suchen«, sagte er. »Sie gebietet darüber, nicht ich. Leben Sie wohl, Tante.«

Er stand auf. Lady Janet drückte ihn jedoch sogleich wieder auf den Stuhl nieder.

»Ich bestehe darauf, dass Sie, wenn auch nur noch einige Minuten, hier bleiben«, sagte sie. »Ich habe Ihnen etwas zu sagen.«

»Betrifft es Miss Roseberry?«

»Es betrifft jenes verhasste Geschöpf, welches Miss Roseberry so heftig erschreckt hat. Sind Sie nun zufrieden?«

Julian verneigte sich und nahm seinen früheren Platz wieder ein.

»Ich tue es zwar nicht gerne«, fuhr Lady Janet fort. »Aber ich muss Ihnen begreiflich machen, dass ich nun einmal über sehr ernste Dinge mit Ihnen zu sprechen habe. Julian! Die Elende Person hat nicht bloß Grace erschreckt – sie erschreckt auch mich.«

»Warum das? Sie ist ganz ungefährlich, die Arme.«

»Arme«, wiederholte Lady Janet. »Haben Sie nicht so gesagt?«

»Ja.«

»Ist das möglich? Sie bedauern Sie noch?«

»Aus vollem Herzen.«

Bei dieser Antwort fuhr die alte Dame heftig auf: »Ich verabscheue den Mann, der gar niemand hassen kann! Weiß Gott, Julian, wären Sie ein alter Römer, ich glaube, Sie hätten sogar mit Nero Mitleid.«

»Gewiss«, antwortete Julian beistimmend., »Alle Sünder, teuere Tante, sind minder oder mehr erbarmungswürdige Geschöpfe. Nero muss deshalb einer der unglücklichsten Menschen der Erde gewesen sein.«

»Unglücklich!« rief Lady Janet aus. »Nero unglücklich! Ein Mann, der, wie dieser bloß zu seinem Vergnügen plündern, morden und Städte in Brand stecken ließ – ist nur unglücklich? Vielleicht noch weniger? Wenn die moderne Philantropie anfängt, den Nero in Schutz zu nehmen, so hat sie es wirklich schon weit gebracht. Dann wird es demnächst wohl heißen, die blutdürstige Königin Marie sei nur ein mutwilliges Kind gewesen, und der unglückliche Heinrich der Achte habe sich bloß bestrebt in Ausübungen häuslicher Tugenden die höchste Vollkommenheit zu erreichen. – Ich kann übrigens nicht leiden, wenn man von dem eigentlichen Gesprächsthema abkommt! Wovon sprachen wir vorhin nur gleich? Sie bleiben nie dabei, Julian; Sie haben wirklich, ich möchte fast sagen, Ihren Verstand verloren. Bei Gott! Ich habe vergessen, was ich Ihnen sagen wollte. Nein, ich will auch gar nicht daran erinnert sein. Ich bin zwar eine alte Frau, aber deswegen doch noch nicht zum Kinde geworden! Was sitzen Sie da und starren vor sich hin? Haben Sie denn nichts von sich zu erzählen? Haben Sie das Reden verlernt?«

Julians glückliches Temperament und seine genaue Kenntnis des Charakters seiner Tante befähigten ihn vollkommen, die drohenden Gewitterwolken zu zerteilen. Er wollte sie unmerklich auf das vergessene Thema zurückleiten und dies durch geschicktes Anknüpfen an seine bisher noch nicht vorgebrachten Mitteilungen – in Betreff seiner Erlebnisse auf dem Kontinent.

»Ich habe Ihnen viel zu sagen, Tante«, erwiderte er. »Sie haben noch nichts von meiner Reise gehört.«

Lady Janet ging richtig darauf ein.

»Ich wusste es, dass wir etwas vergessen hatten«, sagte sie. »Jetzt sind Sie schon so lange da und haben noch kein Wort davon erzählt. Fangen Sie an.«

Langsam begann Julian.

9.
Spätere Ereignisse werfen ihren Schatten voraus

»Ich ging, wie ich es Ihnen in meinem Briefe bereits angekündigt hatte, zunächst nach Mannheim und erfuhr dort alles, was der Konsul und die Hospitalsärzte überhaupt wussten; es war nichts neues. Sie gaben mir die Richtung an, in welcher ich jenen Wundarzt, der die Fremde operiert hatte, zu finden hoffen konnte, und ich reiste sogleich dahin ab, um von ihm mehr zu erfahren. Er konnte mir aber in Betreff der Identität der Person keine Auskunft geben, da er sie gar nicht weiter kannte; dagegen machte er mir eine wichtige Mitteilung bezüglich ihres Geisteszustandes, und zwar dahingehend, dass er einen gleichen Fall an einem in der Schlacht von Solferino verwundeten Soldaten operiert habe, welcher durch die Operation zwar vom Tode gerettet worden, aber irrsinnig geblieben ist. Das ist jedenfalls schon ein nicht unwichtiger Gewinn; finden Sie nicht auch, Tante?«

Lady Janet hatte kaum noch Zeit gehabt, ihre gewöhnliche Stimmung wiederzugewinnen.

»Er mag recht wichtig für Leute sein«, antwortete sie, »welche zweifeln, dass Ihre bedauernswerte Schutzbefohlene überhaupt verrückt ist. Ich bezweifle dies nicht – und somit finde ich Ihren ganzen Bericht unsäglich langweilig. Kommen Sie zu Ende. Haben Sie Mercy Merrick entdeckt?«

»Nein.«

»Haben Sie etwas von ihr gehört?«

»Nichts. Überall stieß ich auf Hindernisse. Die französische Ambulanz war in Folge der Niederlagen Frankreichs aufgelöst. Die französischen Verwundeten befanden sich in deutscher Gefangenschaft, aber niemand wusste wo, und der französische Wundarzt war in einer Schlacht gefallen. Seine Unterärzte hatten sich – wahrscheinlich, um sich zu verbergen – nach allen Richtungen zerstreut. Ich begann schon an jedwedem Erfolge meiner Bemühungen zu verzweifeln, als mir der Zufall zwei preußische Soldaten in den Weg führte, welche damals gleichzeitig in dem französischen Häuschen gewesen waren. Sie bestätigten, was ich von dem deutschen Chefarzt und Horace bereits gehört hatte: dass sie keine schwarzgekleidete Krankenpflegerin dort gesehen hatten. Die Preußen fügten noch hinzu, dass, wenn eine solche überhaupt da gewesen wäre, sie doch keinesfalls die Verwundeten würde verlassen haben, da sie ja durch das Kreuz der Genfer Konvention von vorneherein geschützt war. Keine Wärterin, die dieses Ehrenzeichen trug, hätte die Verwundeten dem Feinde preisgegeben.«

»Kurz und gut«, warf Lady Janet dazwischen, «es gibt keine Mercy Merrick?«

»Ich kann mir nichts anderes denken«, sagte Julian, »ausgenommen, der englische Arzt hat darin recht, dass sie selbst Mercy Merrick ist.«

Lady Janet erhob die Hand zu einer Einwendung.

»Sie und der Arzt glauben beide, diese Angelegenheit zu Ihrer beider vollkommenen Zufriedenheit ergründet zu haben«, sagte sie. »Aber etwas haben Sie dabei immer unberücksichtigt gelassen.«

»Und das ist?«

»Sie sprechen fortwährend von der wahnsinnigen Behauptung jener Person, dass Grace die gesuchte Wärterin und sie selbst Grace sei. Aber Sie erklärten dabei nicht, wie jene bei alledem zuerst auf diesen Gedanken gekommen ist; wie sie meinen Namen erfahren haben mag, und schließlich, woher sie so genau Gracens Papiere und ihre Verhältnisse kennt. Das sind Dinge, die ein Wesen von meinem gewöhnlichen Verstande sehr in Erstaunen setzen. Weiß Ihr gescheiter Freund auch dies zu erklären?«

»Wollen Sie wissen, was er mir heute morgen gesagt hat?«

»Brauch es lange, es zu wiederholen?«

»Ungefähr eine Minute.«

»Da bin ich angenehm überrascht. Fahren Sie also fort.«

»Sie wollen wissen, wie sie Ihren Namen erfahren und von Miss Roseberrys Verhältnissen Kenntnis erhalten hat«, nahm Julian das Gespräch wieder auf. »Der Arzt meint, auf eine oder die andere Weise: Entweder hat ihr Miss Roseberry, so lange beide Frauen allein in dem Häuschen waren, von Ihnen und ihren eigenen Angelegenheiten erzählt, oder die Fremde hat heimlich einen Einblick in Miss Roseberrys Papiere gewonnen. Sind Sie so weit einverstanden?«

Zum ersten Male fand jetzt Lady Janet die Sache interessant.

»Vollkommen«, sagte sie. »Ich kann mir sehr gut denken, dass Grace unvorsichtigerweise Dinge erwähnt hat, welche eine ältere und klügere Person für sich behalten hätte.«

»Sehr gut. Glauben Sie nun auch, dass sehr wahrscheinlich die Fremde mit dem Gedanken an Miss Roseberry und deren Verhältnisse im Kopf von der Granate getroffen wurde? Sie halten dies für möglich? Gut! Was geschieht aber nachher? Die Verwundete wird durch eine Operation wieder zum Leben gebracht und liegt in einem Mannheimer Hospital. Da verfällt sie in ein Delirium, während dessen der Gedanke an Miss Roseberry zur fixen Idee wird, und jetzt äußert sie dieselbe in dieser wunderlichen Form. Sie bleibt dabei und verharrt infolgedessen bei der Verwechslung beider Personen. Sie hält sich für Miss Roseberry und erklärt diese für Mercy Merrick. Das ist die Ansicht des Doktors. Was sagen Sie dazu?«

»Sie ist zwar sehr geistvoll, aber ich bin doch nicht damit zufrieden. Ich glaube —«

Lady Janet besann sich – und sprach ihren Gedanken nicht aus. Sie erhob ein zweites Mal die Hand zum Zeichen, dass sie anderer Meinung sei.

»Haben Sie noch Einwendung zu machen?« forschte Julian.

»Seien Sie doch still!« rief die alte Dame. »Sonst vergesse ich es wieder.«

»Was denn, Tante?«

»Das, was ich Ihnen schon vor einer Ewigkeit habe sagen wollen. Ich habe es jetzt gefunden, es fängt mit einer Frage an. Lassen Sie den Doktor sein, ich habe genug von ihm! Wo hält sich Ihr beklagenswerter Schützling – ich nenne sie eine verrückte, elende Person – jetzt auf? Ist sie noch in London?«

»Ja.«

»Und sie geht noch immer frei umher?«

»Ihre Hauswirtin, bei der sie wohnt, wacht über sie.«

»Das ist recht schön. Aber antworten Sie mir jetzt. Wie kann es ihr unmöglich gemacht werden, jemals wieder in dieses Haus zu gelangen – weder offen noch heimlich. Wie soll ich Grace, wie soll ich mich selbst vor ihr schützen?«

»Und darüber wollten Sie mit mir sprechen?«

»Nur darüber.«

Beide waren so sehr in ihr Gespräch vertieft, dass sie nicht bemerkt hatten, wie eine Männergestalt von draußen in den Wintergarten eingetreten war. Als diese jetzt mitten durch Blumen und Pflanzen auf den weichen, indischen Matten geräuschlos näher kam, erkannte man in ihr Horace Holmcroft. Er blieb vor dem Speisezimmer stehen und blickte forschend nach dem Unbekannten hin, welcher, ihm den Rücken kehrend, neben Lady Janet saß. Nach einer Weile sprach der Fremde; bei dem Klag seiner Stimme erkannte Horace sofort, dass es Julian war. Er blieb trotzdem noch stehen; die Eifersucht machte ihn argwöhnisch und neugierig, was Lady Janet allein wohl mitzuteilen habe, und so wollte er abwarten, ob sein Verdacht begründet sei.

»Weder Sie noch Miss Roseberry, brauchen sich irgendwie vor dem armen Geschöpf zu fürchten«, fuhr Julian fort. »Ich habe großen Einfluss auf sie – und habe ihr bereits vorgestellt, dass es ganz umsonst wäre, noch einmal hierher zu kommen.«

»Entschuldigen Sie«, warf Horace an der Tür des Wintergartens stehend, dazwischen. »Sie scheinen das nicht getan zu haben.«

Was er vorhin gehört, war genug gewesen, um seinen Verdacht zu zerstreuen. Dazu bot sich ihm gerade jetzt eine gute Gelegenheit, um sich einzuführen, und so trat er mit diesen gegen Julian gerichteten Worten ein.

»Guter Gott, Horace«, rief Lady Janet aus. »Woher kommen Sie, was führt Sie hierher?«

»Ich erfuhr von dem Torwärter, dass Sie mit Grace gestern abend zurückgekehrt sind. Und so trat ich gleich hier durch den Garten herein.« Sich an Julian wendend, fuhr er fort: »Die Person, von der Sie soeben sprechen, ist – in Lady Janets Abwesenheit – bereits hier gewesen.«

Lady Janet blickte rasch auf Julian. Dieser machte eine abwehrende Bewegung und sagte: »Unmöglich; das muss ein Irrtum sein.«

»Es ist kein Irrtum«, versetzte Horace. »Ich wiederhole, was mir eben der Torwärter gesagt hat. Er verschwieg es Lady Janet, um sie nicht zu beunruhigen; erst vor drei Tagen war die Person da und wollte durchaus wissen, wohin die Damen gereist seien. Natürlich hat er es ihr nicht gesagt.«

»Hören Sie, Julian?« sagte Lady Janet.

Dieser war jedoch darüber weder erzürnt, noch verletzt. Sein Gesicht drückte vielmehr in diesem Augenblicke tiefe Betrübnis aus.

»Seien Sie ganz unbesorgt«, sagte er ruhig zu seiner Tante. »Wenn sie Sie oder Miss Roseberry noch einmal belästigen sollte, so steht es bei mir, sie fernerhin unschädlich zu machen.«

»Wie wollen Sie das?« fragte Lady Janet.

»Ja wirklich, wie wäre das möglich?« wiederholte Horace. »Wenn wir sie der Polizei übergeben, so setzen wir uns dem öffentlichen Gerede aus.«

»Ich habe alles so vorbereitet, dass jedes Aufsehen dabei vermieden wird«, antwortete Julian, und während dieser Worte nahm sein Gesicht einen noch traurigeren Ausdruck an. »Bevor ich heute hierher kam, hatte ich eine Besprechung mit dem Polizeichef jenes Stadtviertels und habe auf der nächstgelegenen Polizeistation bereits meine Anordnungen getroffen. Auf Vorweisung meiner Karte wird von dort ein verlässlicher, gewöhnlich gekleideter Mann an die angegebene Adresse abgeschickt, und dieser führt sie dann in aller Ruhe ab. Der Chef wird sie auf seinem Zimmer verhören, und die Beweise prüfen, welche ich für die Behauptung, dass sie nicht zurechnungsfähig sei, vorbringe. Der Gerichtsarzt berichtet weiter von amtswegen, und das Gesetz bringt sie in den entsprechenden Gewahrsam.«

Lady Janet und Horace blickten einander in maßlosem Erstaunen an. Julian war nach ihrer Ansicht der Letzte, dem ein solch harter Schritt zuzutrauen gewesen wäre.

Die Tante bestand darum auf einer näheren Erklärung.

»Warum sagen Sie mir erst jetzt, dass Sie diese Vorsichtsmaßregeln getroffen haben?« fragte sie.

Julian antwortete offen, aber traurig.

»Ich hoffte, liebe Tante, dass es nicht nötig sein würde, zum Äußersten zu schreiten. Sie zwingen mich, Ihnen zu bekennen, dass sowohl mein Rechtsfreund als auch der Doktor, welche ich beide heute schon gesprochen habe, Ihrer Ansicht sind und glauben, dass man die Person sich nicht selbst überlassen kann. Nur auf das Drängen dieser beiden hin bin ich zu dem Polizeichef gegangen. Sie wiesen mir nach, dass das Resultat meiner Nachforschungen – wenn auch in anderer Beziehung unbefriedigend – doch die Annahme bestätigt habe, dass der Geist des armen Geschöpfes gestört sei. Ich konnte dem unmöglich widersprechen und war deshalb gezwungen, die von dem Rechtsfreund und dem Doktor als notwendig erkannten Maßregeln zu ergreifen. Ich habe meine Pflicht getan – mit widerstrebendem Herzen. Es ist gewiss eine Schwäche von mir, der Gedanke ist mir unerträglich, dass dieses unglückliche Wesen mit Härte behandelt werden soll. Ihr Zustand ist hoffnungslos und ihre Lage wirklich verzweifelt!«

Seine Stimme stockte. Er wandte sich plötzlich ab und nahm seinen Hut.

Lady Janet folgte ihm und sprach an der Tür einige Worte mit ihm. Horace lächelte höhnisch und stellte sich an den Kamin, um sich am Feuer zu wärmen.

»Sie gehen fort, Julian?«

»Ich suche den Torwärter auf, um ihm für den Fall, dass er sie wieder sehen sollte, einen Auftrag zu geben.«

»Sie kommen doch wieder?« Ihre Stimme sank zum Geflüster herab. »Es ist wirklich nötig, Julian, dass Sie jetzt hier bleiben.«

»Ich verspreche es Ihnen, Tante, nicht eher fortzugehen, als bis ich Sie vollkommen in Sicherheit weiß. Sollten Sie oder Ihre Adoptivtochter noch einmal durch die Unglückliche in Schrecken versetzt werden, so schicke ich – darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort – zur Polizei, wenn es mir auch noch so schwer fällt.« Auch er dämpfte bei den folgenden Worten seine Stimme. »Unterdessen erinnern Sie sich meines Geständnisses und lassen Sie mich um meinetwillen so wenig als möglich von Miss Roseberry sehen und hören. Kann ich Sie bei meiner Rückkunft wieder hier treffen?«

»Ja.«

»Allein?«

Er legte in Blick und Ton ein besonderes Gesicht auf dieses Wort. Lady Janet verstand ihn.

»Sind Sie denn wirklich«, flüsterte sie, »so ernsthaft in Grace verliebt?«

Julian legte die eine Hand auf den Arm seiner Tante und mit der anderen deutete er auf Horace, der – ihnen den Rücken zugekehrt – am Kamin stand und seine Füße auf dem Gitter davor wärmte.

»Nun?« fragte Lady Janet.

»Nun«, wiederholte Julian lächelnd, aber dabei eine Träne im Auge zerdrückend. »Noch keinen Menschen habe ich so beneidet wie ihn.«

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer.

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
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