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Kitabı oku: «Die neue Magdalena», sayfa 8
Dies konnte Lady Janet – welche noch nie von jemandem gehört hatte, dass er in London freundeslos dastehe – nicht unbemerkt vorübergehen lassen. »Nicht einen Menschen!« wiederholte sie gegen Horace gewendet.
Dieser hatte auch dafür nur Spott: »Natürlich nicht!« erwiderte er.
Grace bemerkte ihr stummes Einverständnis. »Meine Freunde leben alle in Kanada«, brach sie ungestüm hervor; »da könnten hunderte für mich zeugen. O wären sie nur hier.«
Die Berufung auf einen Ort wie Kanada, klang in der Hauptstadt von England allerdings etwas sonderbar. Horace ließ sich das nicht entgehen, sondern warf: »Das ist etwas weit von hier!« ein.
Lady Janet stimmte ihm vollkommen bei.
Julians unerschöpfliche Güte versuchte nochmals, der seinem Schutz empfohlenen Fremden Gehör zu verschaffen. »Haben Sie noch etwas Geduld«, bat er seine Tante, »und ein wenig Schonung für dieses verlassene Geschöpf«, wendete er sich an Horace.
»Ich danke Ihnen, mein Herr«, sagte Grace; »aber Ihr Bemühen ist umsonst; sie werden mich nicht einmal anhören.« Bei diesen Worten wollte sie aufstehen, allein Julian legte ihr die Hand sanft auf die Schulter und nötigte sie, ihren Platz wieder einzunehmen.
»Ich will Ihnen zuhören. Sie haben eben den Brief des Konsuls erwähnt; darin steht auch, dass Sie speziell jemand im Verdacht haben, Ihre Papiere und Kleider genommen zu haben?«
»Ich habe nicht bloß den Verdacht«, versetzte sie rasch, »ich bin dessen gewiss! Ich behaupte kühn, dass Mercy Merrick die Diebin ist, und niemand anderer. Sie allein war bei mir, als mich die Granate traf; sie allein wusste um meine Empfehlungsbriefe. Sie hatte mir offen bekannt, dass sie eine schlechte Person – dass sie schon im Gefängnis gewesen sei – dass sie einige Zeit in einem Besserungshause verlebt hatte.«
Da unterbrach sie Julian mit einer einfachen Frage, welche die ganze Sache zweifelhaft erscheinen ließ.
»Der Konsul erwähnt auch des Umstandes, dass er auf Ihren Wunsch hin einer Person, wie Sie Mercy Merrick schilderte, nachforschen ließ, jedoch ohne Erfolg.«
»Der Konsul gab sich keine Mühe, sie aufzufinden«, erwiderte Grace unwillig; »er machte es, wie alle anderen, die sich gegen mich verschworen hatten.«
Lady Janet und Horace tauschten Blicke aus; und diesmal konnte sie Julian darum auch nicht tadeln. Je weiter die Fremde ihre Geschichte enthüllte, desto weniger fand er sie der Aufmerksamkeit wert. Mit jedem Worte, das sie sprach, sank sie tiefer gegenüber jenem Wesen herab, dessen Namen sie so beharrlich und kühn als den ihrigen verteidigte.
»Alles zugegeben, was Sie eben sagten«, begann Julian von neuem – seine Geduld war beinahe erschöpft – »was hätte Mercy Merrick mit Ihren Papieren und Kleidern anfangen sollen?«
»Was sie damit hätte anfangen sollen?« wiederholte Grace höchlichst erstaunt über Julians Kurzsichtigkeit. »Meine Kleider waren mit meinem Namen gezeichnet. Das eine war der Empfehlungsbrief meines Vaters an Lady Janet. Warum sollte eine einstige Bewohnerin des Besserungshauses nicht fähig sein, sich an meiner Statt hier einzuführen?«
Obgleich diese Worte ganz auf das Geratewohl und ohne jede leiseste Anregung von anderer Seite gesprochen worden waren, verfehlten sie doch nicht ihre Wirkung. Sie warfen auf die Adoptivtochter Lady Janets ein so abscheuliches Licht, dass diese es nicht mehr länger ertragen mochte. Sie erhob sich rasch und wandte sich, das Zimmer zu verlassen. »Geben Sie mir Ihren Arm, Horace«, sagte sie, »ich habe genug gehört.«
Horace gehorchte ehrerbietig. »Sie haben ganz recht«, sagte er, »eine solche Unverschämtheit habe auch ich noch nie erlebt.«
Er äußerte seine Entrüstung so laut, dass Grace seine Worte genau verstehen konnte. »Welche Unverschämtheit?« fragte sie ihn, trotzig näher tretend.
Julian hielt sie zurück. Obgleich er Mercy nur einmal gesehen hatte, war der Eindruck, den diese schöne Erscheinung auf ihn gemacht, doch so tief gewesen, dass er jetzt ihre Beschimpfung nicht zugeben konnte. »Stille!« rief er zum erstenmale streng gegen Grace gewendet aus. »Sie beleidigen damit Lady Janet; Ihre Worte – dass sich eine andere hier in Ihre Stelle eingeschlichen hat – sind nicht bloß unsinnig, sind sie auch höchst verletzend.«
Graces Zorn war angefacht; sie schleuderte, durch Julians Vorwurf tief verwundet, einen wütenden Blick auf ihn.
»Sind Sie ein Geistlicher? Ein Mann von Bildung?« fragte sie. »Und ist Ihnen noch nie vorgekommen, dass sich Personen für andere ausgegeben haben? Ich hatte, bevor ich eigentlich wusste, was für ein Geschöpf Mercy Merrick sei, das vollste Vertrauen zu ihr. Sie verließ – wie mir der Arzt sagte – das Häuschen in der festen Überzeugung, dass ich getötet worden sei. Gleichzeitig verschwanden meine Papiere und meine Kleider und daran sollte nichts Verdächtiges sein? Im Hospital haben viele meine Ansicht vollkommen geteilt und mich darauf aufmerksam gemacht, dass sich eine Betrügerin vielleicht unter meinem Namen in meine Stelle eingeschlichen haben mochte.« Sie hielt plötzlich inne. Das Rascheln eines Seidenkleides traf ihr Ohr; Lady Janet war im Begriffe, von Horace begleitet, das Zimmer zu verlassen. Grace sprang mit dem letzten Rest ihrer Entschlossenheit empor und stellte sich gebieterisch zwischen sie und die Tür nach dem Wintergarten.
»Noch ein Wort, Lady Janet«, sagte sie bestimmt, »ehe Sie sich für immer von mir wenden. Beantworten Sie mir nur diese Frage, sonst verlange ich nichts. Ist der Brief des Obersten Roseberry in dieses Haus gebracht worden, und durch wen? Durch eine Frau?«
Lady Janet sah mit einem geringschätzigen Blick auf die tief unter ihr stehende Fremde herab, welche sich in dieser Weise gegen den einer großen Dame gebührenden Respekt vergangen hatte.
»Sie scheinen nicht zu bemerken, dass Sie mit diesen Fragen mich beschimpfen?«
»Und Grace noch mehr«, setzte Horace hinzu.
Die kleine entschlossene Gestalt – sie hielt den Ausgang in den Wintergarten noch immer besetzt – erzitterte bei diesem Namen vom Kopf bis zum Fuß; ihre Augen irrten voll ängstlichen Argwohnes zwischen den beiden hin und her.
»Grace!« rief sie aus. »Was soll das? Es ist mein Name. O Lady Janet. Sie haben den Brief und seine Überbringerin ist im Hause!«
Lady Janet ließ Horaces Arm fallen und schritt an die Stelle zurück, wo ihr Neffe stand.
»Julian«, sagte sie, »Sie zwingen mich, Ihnen zum erstenmale in Erinnerung zu bringen, wie man sich gegen mich in meinem Hause zu benehmen hat. Schicken Sie diese Person fort.«
Sie wendete sich, ohne eine Antwort abzuwarten, um und ergriff abermals Horaces Arm.
»Bitte, treten Sie zurück«, rief sie Grace ruhig zu.
Aber diese blieb fest stehen.
»Die Diebin ist hier«, wiederholte sie. »Lassen Sie mich ihr gegenübertreten – dann mögen Sie mich fortschicken.«
Julian trat vor und fasste sie beim Arme. »Sie vergessen den Anstand gegenüber Lady Janet, gegenüber sich selbst«, sagte er, sie beiseite ziehend. Grace riss sich mit verzweifelter Anstrengung los und hielt Lady Janet auf der Schwelle der Tür in den Wintergarten fest.
»Gerechtigkeit!« schrie sie auf und schüttelte ihre geballten Hände in wahnsinniger Verzweiflung. »Ich fordere mein Recht, wenn ich jener Person Auge in Auge gegenüber stehen will! Wo ist sie? Bringen Sie sie hierher! Bringen Sie sie hierher!«
Während sie ihrer Leidenschaftlichkeit in diesen wilden Worten Luft machte, fuhr draußen vor dem Hause ein Wagen vor. In der Aufregung jedoch hatte niemand das Rollen der Räder und das darauffolgende Öffnen der Haustür gehört. Horace wehrte mit lauter, zorniger Stimme die Beleidigung von Lady Janet ab, und diese hatte seinen Arm zum zweitenmale losgelassen, um mit einem heftigen Riss an der Glocke den Diener herbeizurufen; Julian hatte die wütende Grace wieder beim Arm gefasst und versuchte umsonst, sie zu besänftigen – da öffnete sich leise die Tür des Bibliothekszimmers und herein trat Mercy Merrick in Hut und Mantel, ihrem Horace gegebenen Versprechen getreu.
Graces Augen waren die ersten, welche ihr Erscheinen bemerkten. Mit einem heftigen Ruck befreite sie sich von Julians Hand und deutete nach der Tür. »Aha!« rief sie mit einem lauten Schrei rachsüchtigen Entzückens: »Da ist sie!«
Mercy drehte sich bei dem Klang dieser Stimme um und begegnete dem starren, in wildem Triumph auf sie gerichteten Blick des Wesens, das sie für tot gehalten, für welches sie sich ausgegeben hatte. Ihre Augen hatten sie kaum erkannt und sich hilflos auf das stolze Gesicht ihr gegenüber geheftet – als sie besinnungslos zu Boden fiel.
Julian stand Mercy gerade zunächst und sprang ihr, als sie zusammenbrach, zuerst bei. Der Schrei des Entsetzens, welcher sich seiner Brust entrang, als er sie in seinen Armen emporrichtete, und der Ausdruck, mit welchem sich seine Augen auf das totenblasse Gesicht hefteten, verrieten nur zu deutlich, wie tief seine Teilnahme und seine Bewunderung für sie gefühlt war. Horace bemerkte es. Er trat mit einer raschen Bewegung auf Julian zu und sagte mit vor Eifersucht zitternder Stimme: »Überlassen Sie das mir.« Über Julians blasses Gesicht flog eine leichte Röte, als er sich zurückzog, um es Horacen zu überlassen, die bewusstlose Gestalt zum Sofa zu tragen. Er senkte die Augen zu Boden und schien, über sich selbst erzürnt, nach dem Grund zu diesem Benehmen seines Freundes zu forschen. Julian war es gewesen, der den ersten Schritt zu dieser verhängnisvollen Begegnung getan, und jetzt stand er da, als nähme er an dem ganzen Vorgang nicht den geringsten Anteil.
Eine leichte Berührung seines Armes weckte ihn aus seinen Träumen.
Er kehrte sich um und sah die Urheberin des Unheils – die Fremde in ihrem dürftigen schwarzen Anzug – vor sich stehen. Sie deutete mit unbarmherzigen Lächeln nach der ausgestreckten Gestalt auf dem Sofa.
»Sie wollten einen Beweis haben«, sagte sie, »da haben Sie ihn!«
Horace hatte die Worte gehört. Er trat rasch zu Julian; sein sonst gerötetes Gesicht war bleich von verhaltener Wut.
»Führen Sie diese Elende hinweg!« sagte er. »Gleich! Oder bei Gott, ich weiß nicht, was ich tue.«
Diese Worte brachten Julian wieder zu sich. Er blickte im Zimmer umher. Lady Janet und die Haushälterin waren um die ohnmächtige Mercy beschäftigt, und das zahlreiche Gesinde hatte sich erschreckt unter der Tür des Bibliothekzimmers versammelt. Der eine wollte den nächsten Arzt herbeirufen, der andere fragte, ob er die Polizei holen solle. Julian bedeutete allen, stille zu sein, und wendete sich an Horace. »Beruhigen Sie sich«, sagte er. »Und überlassen Sie es mir, sie ruhig aus dem Hause fortzubringen.« Dabei fasst er Grace bei der Hand und sagte, als sie sich von ihm loszumachen suchte: »In diesem Hause haben Sie sich bereits alle zu Feinden gemacht, wollen Sie das nun auch mit mir tun? Sie, die in ganz London nicht einen Freund besitzen?« Sie senkte ihren Kopf und unterwarf sich in stummem Gehorsam seinem festeren Willen. Julian hieß die Dienstleute sich zurückziehen und schritt selbst, Grace mit sich fortführend, in das Bibliothekszimmer. Ehe er die Tür schloss, warf er noch einen Blick in das Speisezimmer zurück.
»Erholt sie sich?« fragte er zögernd.
Lady Janet antwortete ihm: »Noch nicht.«
»Soll ich den Arzt holen lassen?«
Horace trat dazwischen und lehnte jede, auch indirekte Einmischung Julians in dieser Angelegenheit ab.
»Wenn wir den Arzt brauchen, werde ich ihn selbst holen.«
7.
Julian verreist
Julian schloss die Tür und hieß Grace durch eine Handbewegung sich setzen; sie gehorchte und blickte ihm innerlich verwundert nach, als er im Zimmer auf und ab schritt.
In diesem Augenblick war sein Geist allerdings mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Ein Mann von seiner feinen Beobachtungsgabe konnte Horacens Benehmen unmöglich missverstehen. Er fragte sich ernst und rücksichtslos, wie er es stets tat, ob Mercys erster Anblick wirklich einen so mächtigen Eindruck auf ihn gemacht hatte, dass Horace es bemerken konnte, ehe er sich selbst dessen bewusst war. Sollte es schon so weit gekommen sein, dass meine Freundespflicht es fordert, ihr nie wieder zu begegnen? Er blieb ärgerlich stehen. Als ein Mann, der sein Leben einem ernsten Beruf geweiht, konnte er den bloßen Gedanken daran nicht ertragen, dass er sich eine rein sentimentale Übereilung, wie »das Verlieben beim ersten Anblick«, habe zu Schulden kommen lassen.
Er war zufällig gerade Grace gegenüber stehengeblieben, welche, des langen Schweigens überdrüssig, diese Gelegenheit ergriff, um ihn anzureden.
»Ich bin hierher gekommen, weil Sie es so gewünscht haben«, sagte sie. »Wollen Sie mir auch weiter helfen, und kann ich auf Sie, als meinen Freund, zählen?«
Er sah sie zerstreut an; nur mit einiger Mühe vermochte er, ihr die geforderte Aufmerksamkeit zuzuwenden.
»Sie haben mir viel zugemutet«, fuhr Grace fort, »aber ich erkenne dabei doch dankbar Ihre Güte an, mit der Sie mir Gehör zu verschaffen suchten. Nun frage ich Sie auf Ihr Gewissen, zweifeln Sie noch, dass diese Person eine Betrügerin ist und sich an meine Stelle gedrängt hat? War dies Bekenntnis noch nicht deutlich genug, wie sie bei meinem Anblick ohnmächtig zusammenbrach?«
Julian schritt ohne ein Wort der Erwiderung durch das Zimmer und zog an der Glocke; als der Diener eintrat, befahl er ihm, einen Wagen zu holen.
Grace erhob sich. »Weshalb brauchen Sie einen Wagen?« fragte sie scharf.
»Für uns beide«, versetzte Julian. »Ich bringe Sie nach Ihrer Wohnung zurück.«
»Dem widersetze ich mich entschieden. Mein Platz ist hier in diesem Hause. Lady Janet sowohl, wie Sie selbst können die eben geschehenen Tatsachen nicht widerlegen. Ich verlangte nichts weiter, als ihr Auge in Auge gegenübergestellt zu werden; und sie fiel in Ohnmacht, als sie mich sah.«
Bei diesem Worten blickte sie siegesgewiss auf Julian, als könnte er diese Behauptung nie entkräften. Allein er tat es doch, und das auf der Stelle.
»Sie scheinen sonach als selbstverständlich anzunehmen«, sagte er, »dass das Ohnmächtigwerden jener Dame bei Ihrem Anblick den deutlichen Beweis für deren Schuld liefert. Nun will ich Ihnen aber etwas sagen, was Ihre Ansicht etwas ändern dürfte. Die Dame erzählte, als sie hierher kam, meiner Tante von ihrem zufälligen Zusammentreffen mit Ihnen an der französischen Grenze, und dass Sie dort fast an Ihrer Seite durch eine Granate getötet worden seien. Bedenken Sie, dass sie Sie nun plötzlich, ohne jede Vorbereitung lebend vor sich stehen sieht, gerade jetzt, wo, wie man auf den ersten Blick erkennt, ihre Gesundheit tief erschüttert ist; Sie können deshalb darin gar nichts Merkwürdiges und Unerklärliches finden, dass ihr dies im Augenblick die Besinnung raubte.«
Diesen Umstand konnte Grace allerdings nicht widerlegen.
Darauf gab es überhaupt keine Erwiderung. Mercy hatte mit der wohl ausgedachten, scheinbar offenen Erzählung ihres Zusammentreffens mit Grace und des darauffolgenden Unfalles ihren Zweck nur zu sehr erreicht; denn alle, welche die Geschichte kannten, ließen es sich nicht einfallen, dass sich hinter der Bewusstlosigkeit wirklich die Schuld verbarg. Die falsche Grace blieb nach wie vor für jeden geringsten Verdacht unerreichbar, und die wahre Grace wurde das sogleich inne. Sie sank auf den Stuhl zurück, von dem sie sich eben erhoben hatte, und ließ ihre Hände hoffnungslos und verzweifelnd in den Schoß fallen.
»Alles ist gegen mich«, sagte sie tonlos. »Sogar die Wahrheit wird hier zur Lügnerin, die sich der Fälscherin annimmt.« Sie hielt inne, um sich zu fassen und Mut zu sammeln.
»Nein!« rief sie entschlossen aus, »mein Name und meine Stellung in diesem Hause sollen mir nimmermehr von einer elenden Abenteurerin entrissen werden! Tun Sie, was Sie wollen. Ich muss ihren Betrug aufdecken; eher gehe ich nicht von der Stelle!«
In diesem Augenblick meldete der eintretende Diener, dass der Wagen vor dem Hause warte.
Grace wandte sich mit einer trotzigen Gebärde zu Julian und sagte: »Ich will Sie nicht aufhalten, doch weiß ich jetzt, dass ich von Ihnen weder Rat noch Hilfe zu erwarten habe, Mister Julian Gray.«
Dieser trat mit dem Diener beiseite: »Wissen Sie nicht«, sagte er, »ist der Arzt geholt worden?«
»Ich glaube nicht, Sir. Wenigstens habe ich draußen sagen hören, es sei nicht nötig.«
Julian war dadurch nicht beruhigt; er schrieb auf einen Papierstreifen: »Hat sie sich erholt?« und händigte diesen dem Diener ein, um ihn Lady Janet zu übergeben.
»Haben Sie gehört, was ich sagte?« forschte Grace, als sie wieder allein waren.
»Sogleich werde ich Ihnen antworten«, sagte Julian.
Eben trat der Diener wieder ein und überbrachte ihm die von Lady Janet mit Bleistift auf die Rückseite des Papiers geschriebene Antwort: »Gott sei Danke, ihr Bewusstsein ist wieder zurückgekehrt. Wir werden sie in einigen Minuten auf ihr Zimmer bringen können.«
Da musste sie hier durch. Es war daher dringend notwendig, Grace zu entfernen. Julian bereitete sich, sobald sie allein im Zimmer waren, die schwierige Aufgabe zu vollführen.
»Hören Sie mich an«, sagte er. »Der Wagen wartet draußen, ich sage Ihnen hiermit mein letztes Wort. Sie sind jetzt, dank der Empfehlung des Konsuls, meinem Schutz übergeben. Entscheiden Sie sich auf der Stelle, ob Sie das bleiben, oder ob Sie an die Polizei gewiesen werden wollen?«
Grace sprang auf. »Was soll das heißen?« sagte sie zornig. »Wenn Sie unter meiner Obhut bleiben wollen«, fuhr Julian fort, »so kommen Sie sogleich mit zum Wagen. Ich werde dafür sorgen, dass Sie Ihre ganze Angelegenheit meinem Advokaten vorlegen können; er wird eher als ich in der Lage sein, Ihnen einen Rat zu geben. Mich kann vorläufig nichts glauben machen, dass das von Ihnen so schwer angeklagte Wesen einen solchen Betrug begangen habe, oder dessen auch nur fähig sei, wie Sie behaupten. Übrigens sollen Sie das Urteil meines Rechtsfreundes hören, wenn Sie mit mir kommen wollen. Sonst bleibt mir nichts übrig, als dort hinein sagen zu lassen«, er deutete nach dem Speisezimmer, »dass Sie noch hier sind, was Sie ohne Zweifel in die Hände der Polizei bringen wird. Wählen Sie, was Sie wollen; ich gebe Ihnen eine Minute Bedenkzeit. Übrigens vergessen Sie nicht, dass meine scheinbar harte Ausdrucksweise durch Ihr Benehmen hervorgerufen wurde; ich bin Ihnen freundlich gesinnt, und rate Ihnen ehrlich nur zu Ihrem Besten.«
Dabei zog er die Uhr heraus, um die Minute ablaufen zu lassen.
Grace warf einen verstohlenen Blick auf seine festen, entschlossenen Züge. Julians letzte Worte ließen sie ziemlich unberührt; sie verstand bloß, dass mit diesem Manne nicht zu spaßen war. Mit dem Gedanken, in der Zukunft schon eine Gelegenheit zu finden, um heimlich in dieses Haus zurückzukehren, beschloss sie für jetzt nachzugeben – und ihn zu hintergehen.
»Ich gehe«, sagte sie und hob sich mit unwirscher Ergebung von ihrem Sitze. »Jetzt handeln Sie«, murmelte sie vor sich hin, als sie vor dem Spiegel ihren Anzug zurecht machte. »Dann werde ich handeln.«
Julian näherte sich ihr, um ihr seinen Arm zu geben; allein er blieb auf halbem Wege stehen. Obwohl überzeugt, in ihr eine Geisteskranke und darum ein höchst bemitleidenswertes Geschöpf zu sehen, welches die größte Nachsicht beanspruchen durfte – überkam ihn doch in diesem Augenblicke ein förmlicher Widerwille bei dem bloßen Gedanken, sie zu berühren. Vor seine Seele trat Mercys Bild – wie sie hilflos in seinen Armen gelegen hatte – das Bild jenes schönen Wesens, das Grace eben so furchtbar angeklagt. Er öffnete die Tür in die Vorhalle und blieb einen Schritt zurück, um ihr den Vortritt zu lassen. Der Diener half ihr beim Einsteigen in den Wagen und wandte sich dann ehrerbietig an Julian, der unterdessen Grace gegenüber Platz genommen hatte.
»Ich soll Ihnen melden, Sir, dass das Zimmer für Sie bereit ist, und dass Lady Janet Sie zu Tische erwartet.«
Julian hatte über den letzten Ereignissen ganz darauf vergessen, dass er Lady Janets Einladung, in Mablethorpe-House zu bleiben, angenommen hatte. Konnte er jetzt, wo er sich nunmehr seiner Gefühle bewusst geworden, dies auch tun, um vielleicht Wochen hindurch in Mercys Gesellschaft zu leben, die, wie er sich eben klar geworden, keinen bloß vorübergehenden Eindruck auf ihn gemacht hatte? Nein. Als Mann von Ehre blieb ihm keine andere Wahl, als sich auf irgendeine Weise von dieser Verpflichtung loszumachen. »Melden Sie Lady Janet, dass ich sie bitte, mich zum Tische nicht zu erwarten«, sagte er. »Ich werde mich schriftlich bei ihr entschuldigen.« Der Wagen rollte davon. Der Diener sah ihm, auf der Türschwelle stehend, verwundert nach. »Ich beneide Mister Julian wahrlich nicht«, dachte er im Hinblick auf die Lage, in der sich der junge Geistliche jetzt befand. »Da hat er sie nun mit sich im Wagen, und was wird er nur hernach mit ihr anfangen?«
Diese Frage hätte Julian selbst – wenn sie ihm in diesem Augenblicke vorgelegt worden wäre – nicht zu beantworten vermocht.
Lady Janet fühlte sich über Mercy, obwohl sie nun wieder vollkommen bei Bewusstsein und auf ihr Zimmer gebracht worden war, doch keineswegs beruhigt.
Mercy war in fortwährender Angst und Aufregung befangen und durch nichts davon zu befreien. Man hatte ihr wiederholt gesagt, dass die Fremde, welche sie in solchen Schrecken versetzt, das Haus bereits verlassen habe und es nie wieder betreten werde; ihre Umgebung versicherte sie immer wieder, dass die wahnsinnigen Worte, welche die Fremde gesprochen, von ihnen gar keiner ernsteren Aufmerksamkeit gewürdigt; und doch vermochte sie nicht an die Wahrheit des Gesagten zu glauben. Ein unerklärliches Misstrauen gegen ihre Freunde schien sie plötzlich ergriffen zu haben. Wenn Lady Janet an ihr Bett trat und sie küssen wollte, fuhr sie erschreckt zusammen; Horace zu sehen, weigerte sie sich geradezu; dann stellte sie wieder die sonderbarsten Fragen über Julian Gray und schüttelte ungläubig mit dem Kopf, als ihr gesagt wurde, er sei vom Hause abwesend. Zuweilen verbarg sie ihr Gesicht in die Kissen und murmelte trostlos vor sich hin: »Ach Gott! Was soll aus mir werden? Was soll aus mir werden?« Ein anderes Mal war es wieder ihre einzige flehende Bitte, sie allein zu lassen, ihr Ruhe zu gönnen.
Es kam der Abend, aber mit ihm keine Besserung in Mercys Zustand, so dass Lady Janet, von Horace dazu bestimmt, ihren Hausarzt rufen ließ.
Dieser schüttelte den Kopf und erklärte den Fall für eine nicht unbedeutende Erschütterung des Nervensystems; er schrieb eine kalmierende Arznei auf und empfahl weiter, als die heilsamste Verordnung, eine Reise nach der Seeküste. Lady Janet griff mit gewohnter Energie diesen Rat sogleich auf und befahl, ohne Verzug die Koffer zu packen, damit sie am nächsten Morgen abreisen könnten.
Der Arzt hatte sich kaum entfernt, als ein Bote Lady Janet einen Brief von Julian überbrachte, in welchem dieser nach den ersten üblichen Entschuldigungen wegen seines Nichterscheinens folgendermaßen fortfuhr:
»Bevor ich meiner Begleiterin gestattete, mit meinem Advokaten zu sprechen, befragte ich diesen bezüglich meiner eigenen Stellung ihr gegenüber.
Ich sagte ihm – und es ist nur billig, dass ich Ihnen dasselbe wiederhole – dass ich, nach meiner Beurteilung ihres Geisteszustandes, nicht allein handeln wollte, sondern dass ich hierfür den Ausspruch einer ärztlichen Autorität verlangte, die mit Beweisen mein Gewissen beruhigen und meine Ansicht bestätigen könnte.
Da ich darauf bestand, ließ sich mein Advokat herbei, sofort an einen in solchen Dingen erfahrenen Arzt zu schreiben und erhielt von diesem die Antwort, dass er bereit sei, noch heute mit der Dame bei dem Advokaten zusammenzutreffen. Dieser teilte mir dies mit und setzte hinzu, dass sie ihre ganze Angelegenheit gleich dem Arzt, statt ihm selbst erzählen sollte. Ich war über diesen Vorschlag einigermaßen betroffen; denn ich wusste, dass die Fremde sich dazu niemals entschließen würde. Allein mein Rechtsfreund fand ein Auskunftsmittel: er wollte ihr nämlich den Arzt als seinen älteren und erfahreneren Kollegen vorstellen, der ihr in allem am besten raten würde. So sehr ich jede Art des Betruges verabscheue, diesmal musste ich darein willigen, weil die Sache sonst einen Aufschub erlitt, der ernste Folgen haben konnte.
Ich wartete – mit ziemlichem Unbehagen, ich gestehe es – allein in einem Zimmer, bis der Arzt nach beendeter Unterredung zu mir hereintrat.
Seine Ansicht ist kurz diese:
Nach sorgfältiger Untersuchung des unglücklichen Wesens kann er einen gewissen Grad von Geistesstörung bei ihr nicht in Abrede stellen; aber inwieweit dieselbe berechtigte, die Kranke tatsächlich in ihrer Freiheit einzuschränken, kann er bis jetzt, wo wir in Betreff des wahren Sachverhaltes gar nichts Bestimmtes wissen, nicht sagen. Gerade ihre fixe Idee bezüglich Mercy Merricks enthalte, nach seiner Meinung, die Lösung der schwierigen Frage; und er stimme darin überein, dass die Nachforschungen des Konsuls in Mannheim keineswegs ausreichend gewesen seien. Sobald man ihm eine bestimmte Angabe über die Existenz oder Nichtexistenz einer Person wie Mercy Merrick liefern könne, sei er jeden Augenblick bereit, sein endgültiges Urteil über den vorliegenden Fall abzugeben.
Dieser Ausspruch veranlasst mich, sofort nach dem Kontinent abzureisen, um die Nachforschungen in Betreff Mercy Merricks zu erneuern.
Mein Rechtsfreund lacht mich aus und meint, ich sei nicht recht bei Sinnen. Nach seinem Rate sollte ich die Angelegenheit der nächstbesten Behörde übergeben und Sie und mich nicht weiter deshalb bemühen.
Vielleicht sind Sie derselben Ansicht? Allein Sie sagen selbst immer, teuere Tante, dass ich stets das tue, was andere Leute unterlassen; und so bekenne ich auch hier, dass mich der Fall interessiert. Außerdem brächte ich es nicht über das Herz, ein verlassenes Geschöpf, das mir überdies empfohlen wurde, von mir zu stoßen, wenn ich noch Hoffnung habe, mit etwaigen Entdeckungen sie sich selbst und vielleicht auch ihren Freunden wiederzugeben.
Ich reise mit dem Postzug heute abend ab. Zuerst will ich nach Mannheim, um mich dort mit dem Konsul und den Hospitalärzten zu beraten; dann werde ich trachten, den Wundarzt aufzufinden, um ihn auszufragen, und schließlich versuche ich das Schwierigste – nämlich die französische Ambulanz zu verfolgen, um dort dem Geheimnis Mercy Merricks auf den Grund zu kommen.
Sogleich nach meiner Rückkehr werde ich Ihnen mitteilen, ob ich etwas ausgerichtet habe oder nicht.
Unterdessen seien Sie unbesorgt, dass die unglückliche Fremde sich nicht in Ihrem Hause zeigen wird. Sie ist, auf mein Anraten, vollauf beschäftigt, an ihre Bekannten in Kanada zu schreiben und bleibt überdies unter der Aufsicht ihrer Hauswirtin – einer erfahrenen und verlässlichen Frau, die dem Arzt sowohl wie mir als ihrer Aufgabe vollkommen gewachsen erscheint.
Ich bitte Sie, dies, falls sie es nötig finden, Miss Roseberry zu sagen, mit der Versicherung meiner Verehrung und des aufrichtigsten Wunsches für ihre baldige Genesung. Nun, verzeihen Sie nochmals, dass ich durch so dringende Umstände verhindert bin, von Ihrer Gastfreundschaft Gebrauch zu machen.«
Lady Janet faltete keineswegs befriedigt Julians Brief zusammen und überdachte, was ihr Neffe ihr darin geschrieben hatte.
»Es kann nur zweierlei sein«, dachte die scharfsinnige alte Dame; »weshalb mein Neffe diese unsinnige Reise unternimmt, entweder der Advokat hat recht, ihn als das würdige Seitenstück zu jener Wahnsinnigen anzusehen, oder Julian hat noch einen besonderen Grund für seine Nachforschung, den er sorgfältig vor mir verbirgt. Welches mag wohl das Richtige sein?«
Diese Frage drängte sich Lady Janet die ganze Nacht hindurch immer wieder von neuem auf. Soviel sie sich auch bemühte, eine Antwort darauf zu finden, es gelang ihr nicht, und sie entschloss sich endlich, Julians Rückkehr geduldig abzuwarten, um es dann von ihm, wie sie mit Vorliebe zu sagen pflegte, heraus zu bekommen.
Am nächsten Morgen verließ Lady Janet mit ihrer Adoptivtochter Mablethorpe-House, um nach Brighton zu reisen; Horace, der sich ausgebeten hatte, sie begleiten zu dürfe, musste auf Mercys ausdrücklichen Wunsch in London zurückbleiben. Warum – das konnte niemand erraten; und Mercy weigerte sich, es zu sagen.
