Sadece Litres'te okuyun

Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.

Kitabı oku: «Mann und Weib», sayfa 15

Yazı tipi:

Windygates

Achtes Kapitel.
Nahe daran

Die Bibliothek in Windygates war das schönste und größte Zimmer im Hause. Die beiden großen Abtheilungen, in welche die Literatur unserer Tage gewöhnlich eingetheilt wird, nahmen die üblichen Plätze in der Bibliothek ein. In den Repositorien, welche sich längs der Wände hinzogen, standen die Bücher, welche die Menschheit im Allgemeinen hochschätzt, aber nicht liest; auf den im Zimmer zerstreut stehenden Tischen lagen die Bücher, welche die Menschheit im Allgemeinen liest, aber nicht hochschätzt. Zu der ersten Klasse gehören die Werke der Weisen des Alterthums und die Geschichtswerke, Biographien und Aufsätze moderner Schriftsteller. Sie umfaßt Das, was wir gewöhnlich die ernste Literatur nennen; zu der zweiten Klasse gehören die Romane unserer Tage, gewöhnlich die leichte Literatur genannt. In Windygates, wie, anderswo, hielt man die Geschichte für einen hochstehenden Zweig der Literatur, weil sie sich auf Autoritäten beruft, von denen wir wenig wissen, und Romane für eine sehr niedrige Gattung der Literatur, weil sie es versucht, der Natur getreu zu sein, von der wir noch weniger wissen. In Windygates, wie anderswo, waren wir mehr oder weniger mit uns zufrieden, wenn man uns bei dem Durchblättern eines Geschichtswerkes fand, und schämten wir uns mehr oder weniger wenn man uns bei der Lectüre eines Romanes überraschte. Eine architektonische Eigenthümlichkeit in der Anlage der Bibliothek begünstigte die Entfaltung dieser ebenso gewöhnlichen wie merkwürdigen Form menschlicher Abgeschmacktheit. Während sehr bequeme, zu beiden Seiten der Bibliothek in einer Reihe aufgestellte Lehnsessel den Leser guter Literatur einluden, seinen guten Geschmack vor Aller Augen zu pflegen, setzte eine Reihe von kleinen behaglichen, mit Vorhängen versehenen Nischen, die in kleinen Zwischenräumen an verschiedenen Stellen in die Wände eingelassen waren, den Leser leichter Literatur in den Stand, im Verborgenen seiner lasterhaften Neigung zu fröhnen. Im Uebrigen waren alle sonstigen Einrichtungen dieser geräumigen und schönen Bibliothek so vortrefflich und so gewählt, wie das Herz es nur verlangen konnte. Gute und leichte Literatur, große und kleine Schriftsteller erhielten alle das gleiche, schöne und reichliche Licht durch die bis auf den Boden reichenden Fenster.

Es war der vierte Tag nach dem Gartenfest und etwa eine Stunde vor der Zeit, wo die Glocke zum zweiten Frühstück zu läuten pflegte. Die meisten Gäste waren im Garten und erfreuten sich der milden schönen Morgensonne, nachdem mehrere Tage lang Nebel und Regen geherrscht hatten. Eine Ausnahme von den Uebrigen bildetest zwei in der Bibliothek sitzende Herren. Es waren die beiden letzten Menschen in der Welt, von denen man hätte annehmen können, daß sie sich veranlaßt fühlen würden, in einem Bibliothekzimmer zusammen zu treffen. Der eine war Arnold Brinkworth und der andere Geoffrey Delamayn, Sie waren am Morgen zusammen in Windygates eingetroffen. Geoffrey war mit dem Nachtzuge in Gesellschaft seines Bruders von London gekommen. Arnold, der durch Feierlichkeiten denen er nicht hatte entgehen können, auf seinem Gute aufgehalten worden war, hatte den vorbei kommenden Zug am Morgen auf der seinem Gute zunächst liegenden Station benützt und war wieder in Windygates eintroffen, wie er es verlassen hatte, in Gesellschaft seines Freundes. Nach einer kurzen vorläufigen Begrüßung Blanches war Arnold wieder mit Geoffrey in der stillen Zurückgezogenheit der Bibliothek zusammen getroffen, um ihm den Rest seiner Mittheilungen über Anne zu erstatten. Nachdem er mit seinem Bericht über die Ereignisse in Craig-Fernie fertig war, verlangte ihn jetzt zu hören, was Geoffrey seinerseits zu sagen habe. Zu Arnold’s Erstaunen schickte sich Geoffrey an, die Bibliothek zu verlassen, ohne ein Wort zu äußern. Arnold hielt ihn ohne Umstände zurück.

»Nicht so rasch, Geoffrey!« sagte er, ich interessire mich für Miß Silvester ebenso gut, wie für Dich. Was denkst Du jetzt, wo Du wieder in Schottland bist, zu thun?«

Wenn Geoffrey die Wahrheit hätte sagen wollen, so hätte er ungefähr Folgendes mittheilen müssen: In dem Augenblicke wo er sich entschlossen hatte, die Rückreise in Gesellschaft seines Bruders anzutreten, hatte selbstverständlich auch der Entschluß, Anne zu verlassen, bei ihm festgestanden, aber weiter war er noch nicht gekommen. Wie er es anfangen sollte, das Mädchen, dass sich ihm hingegeben hatte, sitzen zu lassen, ohne sein schmachvolles Benehmen der Oeffentlichkeit preisgegeben zu sehen, darüber war er selbst noch völlig im Unklaren. Eine verworrene Vorstellung von einer Möglichkeit, Anne durch eine Heirath, die in der That gar keine Heirath sein sollte, zu beschwichtigen oder zu betrügen, war ihm während der Reise durch den Kopf gegangen. Er hatte gedacht, es müsse leicht sein in einem Lande, das wegen seiner lockeren Ehegesetze berüchtigt ist, eine solche Falle zu stellen, wenn er nur wüßte, wie! Und er hatte es für wahrscheinlich gehalten, daß sein wohlunterrichteter Bruder, der in Schottland lebte, leicht dahin zu bringen sein müßte, ihm ganz unschuldiger Weise mitzutheilen, was er zu wissen wünschte. Er hatte die Unterhaltung auf schottische Ehen im Allgemeinen gebracht, um das Terrain zu sondiren, aber Julius hatte sich mit der Frage nicht näher beschäftigt, wußte nichts davon und so hatte Geoffrey diesen Versuch wieder aufgeben müssen. Die nothwendige Folge dieses mißlungenen Versuches war, daß er jetzt in Schottland war, ohne irgend welche Aussicht zu seiner Erlösung zu haben, wenn ihm nicht ein glücklicher Zufall zu Hülfe kam. – So standen die Dinge und das hätte er Arnold antworten müssen, als dieser ihn fragte, was er jetzt zu thun gedenke. »Natürlich das, was sich gehört«, antwortete er ohne zu erröthen.

»Es freut mich, daß Du mit Dir selbst so im Reinen bist!« erwiderte Arnold, »an Deiner Stelle würde ich ganz rathlos sein. Ich dachte neulich bei mir, ob Du wohl, wie ich es unfehlbar gethan hätte, endlich auf den Ausweg verfallen würdest, Sir Patrick um Rath zu fragen.«

Geoffrey sah ihm scharf in’s Gesicht. »Sir Patrick um Rath fragen? Warum würdest Du das an meiner Stelle gethan haben?« »Weil ich nicht gewußt haben würde, wie ich es anfangen soll, mich mit ihr zu verheirathen, und da ich in Schottland bin, so würde ich mich, natürlich ohne Namen zu nennen, an Sir Patrick gewandt haben, weil er ohne Zweifel die Verhältnisse auf das Genaueste kennt.«

»Und wenn ich nun nicht so vollkommen mit mir im Reinen wäre, wie Du meinst«, sagte Geoffrey, »würdest Du mir rathen« . . . .

»Sir Patrick um Rath zu fragen? Ganz gewiß. Er hat sein Leben mit dem Studium und der Anwendung der schottischen Gesetze zugebracht«, sagte Arnold »hast Du das nicht gewußt?«

»Nein!«

»Dann lasse Dir von mir rathen und consultire ihn. Du brauchst ihm ja keinen Namen zu nennen. Du sagst es sei der Fall eines Freundes!«

Die Idee erschien Geoffrey ebenso neu wie gut. Mit verlangenden Blicken sah er nach der Thür. Begierig, Sir Patrick auf der Stelle zu seinem Mitschuldigen zu machen, versuchte er es zum zweiten Mal, die Bibliothek zu verlassen, aber wieder vergebens.

Arnold hatte noch andere unangenehme Fragen zu thun und noch mehr unerbetenen Rath zu ertheilen. »Wo willst Du Miß Silvester treffen? fuhr er fort. »Du kannst nicht als ihr Gatte im Hotel erscheinen, das habe ich unmöglich gemacht. Also, wo anders willst Du sie treffen, sie ist ganz allein. Das arme Mädchen muß es überdrüssig sein, noch länger auf Dich zu warten, kannst Du es nicht einrichten, noch heute mit ihr zusammen zu treffen?«

Geoffrey, der Arnold, so lange er sprach, angestarrt hatte, brach jetzt in Lachen aus. Eine uneigennützige Besorgniß für das Wohlergehen einer anderen Person war eine jener feinen Empfindungen, zu deren Verständniß ihn seine Muskelerziehung nicht befähigt hatte. – »Höre einmal, mein alter Junge!« platzte er heraus, »Du scheinst Dich ja ganz außerordentlich für Miß Silvester zu interessiren. Du bist Doch nicht gar in sie verliebt?«

»Komm, komm«, sagte Arnold ernsthaft, »Weder sie noch ich haben es um Dich verdient, das Du Dich in dieser Weise über uns lustig machst. Sie und ich haben beide in Deinem Interesse ein Opfer gebracht.«

Geoffrey wurde wieder ernster. Sein Gelteimniß war in Arnold’s Händen und der Maßstab für seine Schätzung von Arnold’s Charakter war, ihm selbst unbewußt, sein eigener Charakter. »Schon gut, schon gut!« sagte er in einem einlenkenden und entschuldigenden Tone, »ich habe ja nur Spaß gemacht!«

»«ache so viel Spaß, wie Du willst, wenn Du sie erst geheirathet haben wirst, bis dahin scheint mir die Sache sehr ernst!« Er hielt inne, dachte einen Augenblick nach und legte die Hand feierlich auf Geoffrey’s Arm. »Vergiß nicht«, nahm er wieder auf, »Du darfst gegen keine Seele etwas davon verlauten lassen, daß ich im Gasthofe gewesen bin!«

»Ich habe Dir ja schon einmal versprochen zu schweigen, was willst Du noch mehr?«

»Ich bin besorgt, Geoffrey! Vergiß nicht, daß ich in Craig-Fernie war, als Blanche dahin kam. Das arme Mädchen hat mir Alles haarklein erzählt, was dort vorgefallen ist, in der festen Ueberzeugung, daß ich damals meilenweit von ihr entfernt gewesen sei. Ich schwöre Dir, ich konnte ihr nicht in’s Gesicht sehen; was würde sie denken, wenn sie die Wahrheit erführe. Ich bitte Dich dringend, nimm Dich in Acht!«

Geoffrey fing an ungeduldig zu werden. »Das haben wir ja schon Alles auf dem Wege hierher miteinander besprochen, wozu denn Alles noch einmal wiederkäuen?«

»Du hast ganz »Recht«, sagte Arnold gutmüthig, »aber mein Gemüth ist diesen Morgen umdüstert, ich habe böse Ahnungen, ich weiß selbst nicht warum!«

»Gemüth?« erwiderte Geoffrey im Tone tiefster Geringschätzung. Dein Fleisch ist es! Weiter nichts, Du bist vierzig Pfund zu schwer. Zum Teufel mit dem Gemüth; ein gesunder Mensch weiß gar nicht, daß er ein Gemüth hat. Mach’ Dir Bewegung mit den Hanteln oder laufe im Ueberrock bergauf; schwitze es ’raus, schwitze es ’raus!« – Mit diesem vortrefflichen Rath drehte er sich um und machte zum dritten Male den Versuch, das Zimmer zu verlassen. Aber das Schicksal schien beschlossen zu haben, ihn diesen Morgen in der Bibliothek gefangen zu halten. Dieses Mal war es ein Diener, der ihm mit einem Brief in den Weg trat: der Bote warte auf Antwort. Geoffrey sah den Brief an, die Adresse war von seinem Bruder, den er vor etwa drei Stunden an der Station verlassen hatte, was konnte er ihm schon jetzt mitzutheilen haben? Er öffnete den Brief; Julius meldete ihm, daß das Schicksal sich bereits günstig für ihn zu gestalten anfange. Zu Hause angelangt, habe er sofort Nachrichten über Mrs. Glenarm vorgefunden. Während seiner Abwesenheit hatte Mrs. Glenarm seine Frau besucht, war von dieser zu einem längeren Besuche eingeladen worden und hatte versprochen, der Einladung nächster Tage Folge zu leisten. »Nächster Tage«, schrieb Julius, »kann morgen heißen. Entschuldige Dich bei Lady Lundie und sieh Dich vor, daß Du sie nicht verletzest. Sage ihr, daß Familienrücksichten, die Du ihr bald mittheilen zu können hofftest, Dich nöthigtem nochmals an ihre Nachsicht zu appelliren, sei morgen hier und hilf uns Mrs. Glenarm aufnehmen. »Geoffrey war betroffen, als er sich plötzlich der gebieterischen Nothwendigkeit gegenüber sah, einen definitiven Entschluß zu fassen. Anne kannte den Landsitz seines Bruders. Wie, wenn sie in der Unmöglichkeit ihn anderswo zu finden, plötzlich in dem Hause seines Bruders erschiene und ihre Rechte auf ihn in Gegenwart von Mrs. Glenarm geltend machte? Er gab Befehl, daß der Bote warten solle, bis er eine Antwort geschrieben haben werde.

»Von Craig-Fernie?« fragte Arnold, indem er auf den Brief seines Freundes hinwies.

Geoffrey sah ihn finster an. Er hatte eben die Lippen geöffnet, um diese unbequeme Frage nicht allzu freundlich zu beantworten, als eine, von draußen Arnald rufende Stimme, das Erscheinen einer dritten Person in der Bibliothek ankündigte und die beiden Herren mahnte, daß es mit ihrer vertraulichen Unterhaltung zu Ende sei.

Neuntes Kapitel.
Noch näher dran!

Blanche trat durch eine der Balconthüren leise in die Bibliothek ein. »Was machen Sie hier?« fragte sie Arnold.

»Nichts! Ich wollte eben in den Garten gehen um nach Ihnen zu sehen!«

»Im Garten ist es heute Morgen unerträglich!« Bei diesen Worten fächelte sie sich mit dem Taschentuch und bemerkte Geoffrey’s Gegenwart im Zimmer mit einem Ausdruck sehr schlecht verhehlter Ungeduld. »Warte Du nur, bis ich seine Frau bin!« dachte sie, »wenn Du nicht viel schlauer bist, als ich es Dir zutraue, wirst Du dann nicht viel von Deinem Freunde zu sehen bekommen!«

»Es ist heute ein wenig gar zu warm, nicht war!« sagte Geoffrey, der ihre Blicke auf sich geheftet fühlte und doch etwas sagen zu müssen glaubte. Als er sich dieser Pflicht entledigt hatte, ging er ohne eine Antwort abzuwarten von dannen und setzte sich mit seinem Brief an einen der in der Bibliothek stehenden Schreibtische.

»Sir Patrick hat vollkommen Recht mit seinem Urtheil über die jungen Leute von heutzutage«, sagte Blanche zu Arnold gewandt. »Da fragt mich Der da etwas und wartet nicht einmal auf meine Antwort und da draußen im Garten sind drei Andere, die sich seit drei Stunden von nichts unterhalten, als von Pferde-Stammbäumen und von menschlichen Muskeln. Wenn wir erst verheirathet sein werden, lieber Arnold bitte, führen Sie nur keinen von Ihren Freunden bei uns ein, der nicht mindestens sechzig Jahre alt ist. Was wollen wir bis zum Frühstück anfangen? Hier bei den Büchern ist es schön kühl und ruhig, ich möchte etwas mild’ Anregendes vornehmen und habe absolut nichts zu thun. Lesen Sie mir doch etwas Poesie vor!«

»In seiner Gegenwart?« fragte Arnold, indem er auf den personificirten Gegensatz zu aller Poesie, mit andern Worten auf den am andern Ende des Zimmers sitzenden und ihm den Rücken zukehrenden Geoffrey hindeutete.

»Ach was! erwiderte Blanche, »wer wird sich an diesen Grobian kehren.«

»Ei, Ei!« sagte Arnold, »Sie sind ja diesen Morgen so scharf wie Sir Patrick; was wollen Sie erst von mir sagen, wenn wir verheirathet sind, wenn Sie so von meinem Freund sprechen!«

Blanche legte verstohlen ihre Hand in die Arnolds und drückte sie ausdrucksvoll »Gegen Sie werde ich immer freundlich sein«, flüsterte sie mit einem Blick, der eine Welt voll schöner Versprechungen in sich faßte.

Arnold gab den Blick zurück. Geoffrey war ihnen offenbar im Wege. Ihre zärtlichen Blicke begegneten sich; warum konnte auch dieser große unbequeme Mensch seine Briefe nicht anderswo schreiben, als hier? Mit einen: schwachen Seufzer sank Blanche resignirt in einen bequemen Lehnsessel und verlangte erröthend in einem sanften zitternden Tone nach »etwas Poesie.«

»Was für Poesie soll ich Ihnen vorlesen?« fragte Arnold.

»Was Sie wollen«, erwiderte Blanche, »ich muß durchaus etwas Poesie hören, ich weiß nich! warum!«

Arnold trat sofort an das nächste Bücherbret und nahm den ersten besten Band herunter, den seine Hand erfaßte; es war ein solider, in braunes Leder gebundener Quartband.

»Nun!« fragte Manche, »was haben Sie da?«

Arnold öffnete den Band und las den Titel genau so, wie er dastand: »Das verlorene Paradies. Ein Gedicht, von John Milton.«

»Ich habe noch nie etwas von Milton gelesen«, sagte Blanche, »Sie?«

»Nein!«

Wieder eine Sympathie zwischen uns; Jeder wohlerzogene Mensch sollte Milton kennen. Lassen Sie uns wohlerzogene Menschen sein und fangen Sie, bitte, an!«

»Von vorn?« .

»Natürlich! Aber warten Sie, Sie müssen nicht so weit von mir weg sitzen, Sie müssen so sitzen, daß ich Sie sehen kann. Ich kann nicht aufmerksam sein, wenn ich die Leute, die mir vorlesen, nicht ansehen kann.« Er setzte sich auf einen Schemel zu Blanche’s Füßen und öffnete das erste Buch des »Verlorenen Paradieses.« Seine Weise, Verse zu lesen war die kindlichste von der Welt. Beim Vorlesen von Versen denken ja die Meisten nur an den Klang und nur Wenige an den Sinn. Arnold gehörte zu den Ersteren. Am Ende eines jeden Verses machte er unerbittlich Halt und eilte diesem Halte unabänderlich mit so großer Geschwindigkeit zu, wie es die, doch nicht zu umgehenden Worte nur irgend zulassen wollten. Er fing an:

»Vom ersten Ungehorsam von der Fruncht

»Des untersagten Baum’s, von dem Genuß

»Der uns den Tod und jeglich Weh’ beschied

»Und Eden raubte, bis ein höh’rer Mensch

»Den Sitz des Segens wied’ rum uns gewinnt

»Sing’, o Du Himmelsmuse. – —«

»Wie schön!« sagte Blanche, ist es nicht eine wahre Schande, Milton in der Bibliothek stehen und nie etwas davon gelesen zu haben? Arnold, wir müssen ganze Vormittage Milton lesen! Es ist wahr, es wird zwar etwas lange dauern, aber wir sind Beide noch jung und, wer weiß, vielleicht leben wir lange genug, um ihn zu Ende zu bringen. Wissen Sie was, lieber Arnold? Wenn ich Sie recht ansehe, kommt es mir vor, als wären Sie nicht in der besten Laune nach Windygates zurückgekommen.«

»So? daß ich nicht wüßte.«

»Ich aber weiß; es ist Sympathie mit mir, ich bin auch ganz Verdrießlich!«

»Sie?«

»Ja! Seit ich Anne in Craig-Fernie gesehen habe, werde ich mehr und mehr besorgt um sie. Sie werden mich nach dem, was ich Jhnen heute Morgen gesagt habe, verstehen!«

Arnold heftete schleunigst den Blick wieder auf Milton. Er empfand diese abermalige Anspielung auf die Ereignisse in Craig-Fernie als einen neuen Vorwurf gegen sich wegen seines Benehmens im Gasthofe. Er versuchte es durch Hinweisen auf Geoffrey, Blanche zum Schweigen zu bringen: »Vergessen Sie nicht«, flüsterte er ihr zu, »daß noch Jemand hier im Zimmer ist!«

Blanche zuckte verächtlich die Achseln. »Was geht uns Der an! Was weiß Der von Anne! Was kümmert sie ihn?«

Jetzt gab es nur ein Mittel, Blanche von dem Gespräch über diesen delikaten Gegenstand abzubringen. Arnold fing in seiner überstürzenden Weise zu lesen an, zwei Zeilen weiter, als er eben vorher aufgehört hatte, diesmal noch ausschließlicher nach dem Klang und mit noch weniger Rücksicht aus den Sinn:

»Belehrt, wie aus dem Chaos im Beginne —

Der Himmel und die Erde sich erhob,

Wenn Zion’s Hügel – — – — – —«

Bei »Zion’s Hügel« unterbrach ihn Blanche wieder. »Warten Sie einen Augenblick, Arnold; ich kann es wirklich nicht aushalten, Milton in dieser Weise hinunter zu schlingen, überdies habe ich Ihnen etwas zu sagen!

Habe ich Ihnen schon mittgetheilt, daß ich meinen Onkel wegen Anne consultirt habe!«

»Ich glaube nicht!«

»Vorhin im Zimmer bin ich seiner habhaft geworden und habe ihm Alles gesagt, was ich Ihnen erzählt habe; ich zeigte ihm Anne’s Brief und fragte ihn, was er dazu meine. Er ließ sich ziemlich viel Zeit und nahm viele Prisen Taback, ehe er sich entschloß, mir seine Meinung zu sagen, die dahin ging: »ich könne leicht mit meinem Verdacht, daß Anne’s Gatte ein abscheulicher Mensch sein müsse, Recht haben. Einmal sei schon sein Verstecken vor mir, gerade wie ich es aufgefaßt hatte, ein sehr verdächtiger Umstand, und dann gar das plötzliche Auslöschen der Lichter, als ich in’s Zimmer trat! – Mrs. Inchbare und ich glaubten, es sei der Wind gewesen, aber Sir Patrick glaubt, der elende Mensch selbst habe das gethan, um mich zu verhindern, ihn, als ich in’s Zimmer trat, zu sehen und jetzt bin ich fest überzeugt, daß Sir Patrick Recht hat. Was meinen Sie dazu?«

»Ich glaube wir thäten besser, weiter zu lesen, sagte Arnold, den Kopf noch immer über das Buch gebeugt, »wir vergessen ja Milton ganz!«

»Ach! Sie sind langweilig mit Ihrem Milton. Die letzten Paar Verse waren nicht so schön wie die ersten; kommt etwas von Liebe im »verlorenen Paradies vor?«

»Vielleicht finden wir etwas der Art, wenn wir weiter lesen!«

»Dann fahren Sie fort, machen Sie aber rasch!«

Arnold machte so rasch, daß er es gar nicht bemerkte, daß er, anstatt weiter zu lesen, wieder zurückging und die schon gelesenen Verse noch einmal vorlas:

»Belehrt wie aus dem Chaos im Beginne

»Der Himmel und die Erde sich erhob

»Wenn Zion’s Hügel – — – — – —«

»Das haben Sie ja schon einmal gelesen!«

»Das glaube ich nicht!«

»Ach! ganz gewiß! Ich erinnere mich, als Sie »Zionshügel« lasen, sofort an Methodisten gedacht zu haben. Wie sollte ich an Methodisten gedacht haben, wenn Sie nicht »Zionshügel« gelesen hätten?«

»Ich will es mit der nächsten Seite versuchen, die kann ich noch nicht gelesen haben, denn ich habe noch gar nicht umgeschlagen.«

»Blanche warf sich in den Sessel zurück und bedeckte sich, voll Resignation, das Gesicht mit ihrem Taschentuch »Die dummen Fliegen!« sagte sie zur Entschuldigung. Ich will nicht schlafen, versuchen Sie es mit der nächsten Seite.«

Arnold fuhr fort:

»O sage mir zuerst (es birgt der Himmel

»Und auch die tiefste Hölle nichts vor Dir) —

»Was unser erstes Aelternpaar, so glücklich —

»Vom Himmel so beseeligt, einst bewog – — – —«

Da plötzlich riß sich Blanche das Schnupftuch vom Gesicht und setzte sich kerzengrade auf. »Bitte machen Sie das Buch zu, ich kann es nicht länger aushalten. Hören Sie auf, hören Sie auf!«

»Was ist Ihnen denn?«

»Dieser glückliche Zustand«, sagte Blanche, »was soll dieser glückliche Zustand bedeuten, natürlich heirathen! Und bei Heirathen muß ich wieder an Anne denken. Ich will Nichts weiter hören. Das verlorene Paradies ist traurig! Machen Sie das Buch zu. – Also meine nächste Frage an Sir Patrick war natürlich, was er wohl glaube, daß Anne’s Mann gethan habe; der Elende müsse sich ja auf irgend eine Weise schlecht benommen haben; aber auf welche Weise? Hatte das etwas mit ihrer Heirath zu thun? – Mein Onkel dachte wieder nach; er hielt das für durchaus möglich. Geheime Heirathen sagte er, seien etwas sehr Gefährliches namentlich in Schottland und er fragte mich, ob sie sich in Schottland geheirathet hätten. Das wußte ich nicht. Ich antwortete nur: »Und wenn Sie es hätten, was dann?« In diesem Fall, erwiderte Sir Patrick, wäre es sehr leicht möglich, daß Miß Silvester nicht ohne Besorgniß wegen ihrer Heirath wäre. Sie zweifelt vielleicht gar und möglicherweise mit Recht, ob ihre Heirath überall eine wirkliche Heirath ist!«

Arnold fuhr zusammen und sah sich nach Geoffrey um, der ihnen noch immer, am Schreibtisch sitzend, den Rücken zukehrte. Trotz ihrer irrthümlichen Auffassung von Anne’s Situation in Craig-Fernie, waren Blanche und Sir Patrick doch dahin gelangt über die Frage zu discutiren, bei welcher Geoffrey und Miß Silvester besonders interessirt waren: die Frage der Eheschließung in Schottland. Es war für Arnold unmöglich, Geoffrey in Blanche’s Gegenwart zu sagen, daß er gut thun würde, auf Sir Patricks Meinung selbst, in ihrer Vermittlung durch die zweite Hand zu hören. Vielleicht aber hatten die Worte ihren Weg bis zu ihm gefunden, vielleicht horchte er schon aus eigenem Antriebe.

In der That horchte Geoffrey. Blanche’s Worte waren in sein Ohr gedrungen, während er über seinem halbvollendeten Briefe an seinen Bruder brütete. Er wartete, die Feder in der Hand haltend, ohne sich zu rühren, ob sie nicht noch mehr sagen würde. Blanche fuhr fort, indem sie Arnold, der noch immer ihr zu Füßen saß, mit den Fingern durch die Haare fuhr. »Es war mir auf der Stelle klar, daß Sir Patrick das Richtige getroffen habe und das sagte ich ihm auch. Er lachte und meinte, ich dürfe nicht so vorschnelle, Schlüsse ziehen, wir tappten ja noch völlig im Dunkeln und alle die traurigen Dinge, die ich ihm aus dem Gasthofe mitgetheilt, konnten sich möglicherweise ganz anders erklären lassen. Er würde fortgefahren haben in seiner bekannten Manier, den ganzen Morgen haarsträubende Erklärungen zu machen, wenn ich ihm nicht Einhalt gethan hätte. Ich war vollkommen logisch; ich sagte ihm, ich hätte Anne gesehen und er nicht und das sei ein großer Unterschied und fügte hinzu: »Alles, was mich in dem Benehmen der armen Freundin irre führte und erschreckte, ist jetzt erklärt. – Das Gesetz soll und muß diesen Menschen erreichen, Onkel, und wenn ich die Kosten tragen sollte.« Es war mir so ernst mit der Sache, daß ich wohl ein wenig bewegt ausgesehen haben mag und, was meinen Sie, daß der alte Mann that? Er nahm mich auf seinen Schooß und küßte mich und sagte im freundlichsten Tone, daß er sich, wenn ich ihm versprechen wolle, nicht mehr zu weinen, für den Augenblick zu meiner Ansicht bekennen und – warten Sie, das Beste kommt noch, – mir, sobald ich mich beruhigt haben werde, die Sache in einem ganz neuen Lichte darstellen wolle. Sie können sich denken, wie rasch ich meine Thränen trocknete und wie vollkommen beruhigt ich auf der Stelle aussah. »Nehmen wir es als ausgemacht an, fing Sir Patrick wieder an, daß dieser unbekannte Mann wirklich, wie Du und ich glauben, den Versuch gemacht hat, Miß Silvester zu hintergehen. Aber selbst wenn das der Fall, so ist es doch, wie ich Dich versichern kann, gar nicht unwahrscheinlich, daß er bei seinem Versuch, sie hinter’s Licht zu führen, ohne eine Ahnung davon zu haben, dahin gelangt ist, sich selber hinter’s Licht zu führen«

Geoffrey horchte scharf auf; die Feder entfiel seiner Hand: jetzt kam es! Das Licht, das sein Bruder über die Sache zu verbreiten nicht im Stande gewesen war, fing plötzlich an ihm aufzugehen.

Blanche fuhr fort: »Die Sache interessirte mich so und machte einen solchen Eindruck auf mich, daß ich kein Wort vergessen habe. »Ich darf Deinen armen kleinen Kopf«, fuhr mein Onkel fort, »nicht mit schottischem Recht quälen, ich will die Sache einfach machen. Es giebt in Schottland sogenannte unregelmäßige aber erlaubte Heirathen; eine abscheuliche Einrichtung, die aber in unserm Fall das Gute hat, daß es außerordentlich schwer für einen Mann in Schottland ist, sich das Ansehen zu geben, als ob er heirathen wolle, wenn er es nicht wirklich zu thun beabsichtigt. Auf der andern Seite kann es außerordentlich leicht in Schottland geschehen, daß ein Mann dazu kommt, verheirathet zu sein, ohne selbst die leiseste Ahnung davon zu haben.« Das waren genau seine Worte. Wir wollen uns nicht in Schottland verheirathen.«

Geoffrey erbleichte. Wenn das richtig war, so konnte er sich leicht selbst in der Falle gefangen haben, die er Anne gestellt hatte.

Blanche fuhr in ihrer Erzählung fort und Geoffrey horchte weiter zu.

»Mein Onkel fragte mich, ob ich ihn, verstanden habe. Die Sache war vollkommen klar; natürlich hatte ich ihn völlig verstanden.

»Nun gut«, fuhr Sir Patrick fort, »jetzt die Nutzanwendung »Nehmen wir also wieder an, daß wir auf der richtigen Fährte sind, so ist es sehr wohl denkbar, daß Miß Silvester sich, ohne wirklichen Grund, mit Besorgnissen wegen ihrer Heirath quält. Wenn der Unsichtbare Mann in Craig-Fernie so weit gegangen ist, ich sage nicht, sie zu heirathen, sondern nur sie glauben zu machen, daß er sie heirathen wolle – und wenn er das in Schottland gethan hat, – so sind die Chancen zehn gegen eins (wenn auch weder er noch sie eine Ahnung davon haben), daß er sie in der That bereits geheirathet hat. Wieder meines Onkels eigene Worte. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß ich eine halbe Stunde nach dieser Unterhaltung mit meinem Onkel, den Inhalt derselben Anne in einem Briefe nach Craig-Fernie übermittelt habe.«

Geoffrey’s dumpf starrende Augen fingen plötzlich an zu glänzen, ein höllisches Licht war ihm aufgegangen, ein teuflischer Gedanke war ihm durch den Kopf gefahren. Verstohlen blickte er nach dem Manne, dessen Leben er einst gerettet hatte und der ihm zum Dank dafür mit voller Ergebenheit in einer schwierigen Situation einen wichtigen Dienst leistete. Ein widerwärtiger Ausdruck von lauernder Schlauheit zuckte um seinen Mund und in seinen Augen. Arnold Brinkworth hatte sich im Gasthofe zu Craig-Fernie das Ansehen gegeben als ob er mit Anne verheirathet sei!

»Bei Gott im Himmel, das ist ein Ausweg, an den ich noch nicht gedacht habe!«

Mit diesem Gedanken machte er sich daran, seinen Brief an Julius zu vollenden.

Zum ersten Mal in seinem Leben war er heftig aufgeregt und das von seinen eigenen Gedanken. Er hatte an Julius unter dem Eindruck der gebieterischen Nothwendigkeit geschrieben, Zeit zu gewinnen, um Anne zu überreden, Schottland zu verlassen, bevor er es wagte, sich um Mrs. Glenarm’s Hand zu bewerben. Sein Brief enthielt eine Menge plumper Entschuldigungen, zu dem Zweck, es zu erklären, wenn sich seine Ankunft auf dem Gute seines Bruders noch verzögern sollte.

»Nein«, sagte er sich, als er das Geschriebene wieder überlas, »ich weiß noch nicht, was ich schreiben will, so geht es nicht!«

Er blickte sich wieder nach Arnold um und zerriß dabei leise den Brief.

Inzwischen war Blanche noch immer mit ihrer Erzählung nicht zu Ende. Als Arnold einen Gang in den Garten vorschlug, sagte sie: »Nein, ich habe Ihnen noch etwas zu sagen und zwar etwas, das Sie persönlich interessirt.«

Arnold ergab sich darein weiter zuzuhören und was schlimmer war, wenn es durchaus nöthig werden sollte, ihr in der Eigenschaft eines ganz Unbetheiligten zu antworten, der den Gasthof zu Craig-Fernie niemals betreten hätte.

»Nun«, fuhr Blanche fort: »Und was glauben Sie, daß aus meinem Briefe an Anne geworden ist?«

»Nun was denn?«

»Ich habe nichts wieder darüber gehört.«

»Wirklich nicht?«

»Absolut nichts. Ich weiß, daß sie den Brief gestern bekommen hat und ich hätte diesen Morgen Antwort erhalten müssen.«

»Vielleicht hat sie keine Antwort für erforderlich gehalten.«

»Das ist mir aus bekannten Gründen unmöglich; überdies habe ich sie in meinem gestrigen Brief flehentlich gebeten, mir, wenn auch nur in einer Zeile zu sagen, ob Sir Patrick und ich mit unserer Vermuthung über den Grund ihres Kummers Recht haben oder nicht, und jetzt ist es gleich Mittag und ich bin noch ohne Antwort. Was soll ich daraus schließen?«

»Das weiß ich wahrhaftig nicht!«

»Halten Sie es für möglich, daß wir schließlich doch nicht auf der rechten Fährte sind? Sollte der Mann, der die Lichter ausgeblasen hat, nichtswürdiger sein, als wir glauben? Der Gedanke ist so fürchterlich daß ich fest entschlossen bin ihn nicht länger zu ertragen. Wenn ich bis morgen keine Antwort habe, so rechne ich auf Ihren Beistand.«

Arnold war sehr betroffen. Offenbar drohte ein Netz von neuen Verwicklungen sich über ihn auszuspannen. Ruhig und auf das Schlimmste gefaßt, wartete er das Weitere ab. Blanche beugte sich vorüber und flüsterte ihm zu: »Was ich Ihnen jetzt sage, ist ein Geheimniß. Wenn das Geschöpf da am Schreibtisch auch schwerlich für etwas Anderes in der Welt Sinn hat als für Ruderschläge und Pferdegetrappel, so darf er das doch nicht hören. Vielleicht kommt Anne im Geheimen heute zu mir während sie Alle beim Frühstück sind; wenn sie nicht kommt und ich nichts von ihr höre, so müssen wir das Geheimniß ihres Unglücks aufklären und Sie müssen mir helfen!«

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
930 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain