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Kitabı oku: «Mann und Weib», sayfa 22

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Drittes Kapitel.
Auf der Spur

Der Nachmittag verging. Die Dienerschaft in Windygates, die sich in Abwesenheit ihrer Herrin und deren Gesellschaft im Garten sonnte, wurde in dieser Beschäftigung für den Augenblick durch die unerwartete Rückkehr eines der Gäste gestört. Mr. Geoffrey Delamayn erschien allein wieder im Hause, ging direct in’s Rauchzimmer, ließ sich, nachdem er sich wieder eine Portion Ale hatte bringen lassen, in einem Lehnsessel nieder, nahm die Zeitung zur Hand und fing an zu rauchen. Bald war er des Lesens überdrüssig und überließ sich dem Nachdenken über das, was ihm während des letzten Theiles seines Spazierganges begegnet war.

Seine Aussichten hatten sich günstiger gestaltet, als er es sich in seinen kühnsten Erwartungen hatte träumen lassen. Er hatte sich gewappnet, nach dem, was in der Bibliothek vorgefallen war, dem Ausbruche eines ernstlichen Scandals im Hause entgegen zu treten und nun, da er zurückkam, war gar nichts vorhanden, was ihn hätte dazu veranlassen können. Die drei Personen – Sir Patrick, Arnold und Blanche —, die zum mindesten wissen mußten, daß Anne sich in einer ernsthaften Verlegenheit befand, bewahrten alle Drei das Geheimniß so sorgfältig, als ob sie fühlten, daß sein Interesse auf dem Spiel stehe und was noch merkwürdiger war, Anne selbst, weit entfernt davon einen Auftritt herbeizuführen, hatte sich vielmehr geflüchtet, ohne ein Wort zu äußern, das ihn bei irgend einem Menschen hätte compromittiren können. Was in aller Welt hatte das zu bedeuten? Er gab sich alle erdenkliche Mühe, sich die Sache in irgendeiner Weise zu erklären und fand wirklich eine Erklärung für das Schweigen Blanche’s, ihres Onkels und Arnold’s. Es war ziemlich klar, daß sie alle Drei übereingekommen sein mußten, Lady Lundie nichts davon wissen zu lassen, daß ihre weggelaufene Gouvernante wieder in’s Haus zurückgekehrt sei, aber Anne’s eigenes Schweigen war ihm völlig räthselhaft.

Er war ganz unfähig, sich eine Vorstellung davon zu machen, daß das Entsetzen darüber, sich als ein Hinderniß für Blanche’s Heirath betrachten zu müssen, bei Anne stark genug gewesen sein konnte, um das Gefühl des ihr selbst angethanen Unrechts in den Hintergrund zu drängen und sie, da sie sich nicht anders zu helfen wußte, mit dem Entschlusse fortzutreiben, nicht wieder zurückzukehren und niemals Jemanden Veranlassung zu bieten, sie als Arnold’s Weib zu betrachten. »Die Sache ist mir absolut unerklärlich!«

Das war das Endergebniß von Geoffrey’s Nachdenken. »Aber gleichviel, wenn es in ihrem Interesse liegt, zu schweigen, so liegt es nicht minder in dem meinigen und damit mag die Sache für jetzt ihr Bewenden haben.« Er legte seine Füße auf einen Stuhl und brannte sich, höchst zufrieden mit sich selbst, eine zweite Pfeife an. Keine Dazwischenkunft Anne’s, keine unangenehmen Fragen über sein Verhältniß zu ihr hatte er also von Arnold mehr zu befürchten. Er dachte an den Wortwechsel auf der Haide mit einer gewissen Befriedigung zurück und ließ seinem Freunde, obgleich er sich mit ihm veruneinigt hatte, Gerechtigkeit widerfahren. Wer hätte dem Burschen so viel Courage zugetraut, dachte er bei sich, als er sich seine zweite Pfeife anzündete.«

Nach Verlauf einer Stunde kehrte Sir Patrick von seiner Expedition zurück. Er war nachdenklich, aber durchaus nicht niedergeschlagen, allem Anscheine nach konnte seine Fahrt nach Craig-Fernie nicht erfolglos gewesen sein. Der alte Herr pfiff, vielleicht etwas abwesend, sein schottisches Lieblingslied und nahm seine Prise aus der Krücke seines elfenbeinenen Stockes wie gewöhnlich. Er ging in die Bibliothek und klingelte »Hat Jemand nach mir gefragt?« redete er den eintretenden Diener an.

»Nein, Sir Patrick!«

»Sind Briefe für mich gekommen?«

»Nein, Sir Patrick!«

»Gut!«

»Komm mit mir hinauf und hilf mir meinen Schlafrock und meine Pantoffeln anziehen.«

Nachdem der alte Herr anf seinem Zimmer mit Hülfe des Dieners diesen Toilettenwechsel bewerkstelligt hatte, fragte er weiter:

»Ist Miß Lundie zu Hause?«

»Nein, Sir Patrick! Die Herrschaften sind Alle mit Lady Lundie ausgefahren.«

»Gut! Bringe mir eine Tasse Caffee und wecke mich eine Stunde vor dem Mittagsessen, falls ich einschlafen sollte!«

Der Diener ging hinaus. Sir Patrick legte sich aufs Sopha.

»Ja, ja, ohne ein wenig Rückenschmerz und Steifheit in den Beinen, geht so etwas in unserem Alter nicht mehr ab, dem Pony wird wohl eben so zu Muthe sein, wie mir! Nun, versuchen wir es im Herzen jung zu bleiben!« Resignirt fing er wieder an, sein schottisches Lieblingslied zu pfeifen.

Da trat der Diener mit dem Caffee ein und dann herrschte im Zimmer eine Stille, die nur durch das leise Rauschen des Epheus am Fenster unterbrochen wurde.

Ein paar Minuten brachte Sir Patrick damit zu, seinen Caffee zu schlürfen und über seine letzten Erlebnisse nachzudenken, bis er in einen sanften Schlummer versank!

Kurze Zeit darauf kehrte die Gesellschaft von ihrer Ausfahrt nach den Ruinen zurück. Mit einziger Ausnahme der Frau vom Hause war die ganze Gesellschaft in einer gedrückten Stimmung. Smith und Jones waren völlig sprachlos. Nur Lady Lundie hatten die mittelalterlichen Ruinen heiter gestimmt. Sie hatte den Mann, der die Ruinen zeigte, um einen Schilling betrogen und war sehr zufrieden mit sich. Ihr Stimme war von einem melodischen Flötenton und ihr berühmtes Lächeln spielte huldvoller als je um ihre Lippen.

»Höchst interessant,« sagte Lady Lundie, indem sie mit anmuthiger Würde aus dem Wagen stieg, zu Geoffrey gewandt, der unter dem Porticus des Hauses auf- und abschlenderte. »Sie haben sehr viel verloren. Das nächste Mal, wenn Sie einen Spaziergang machen wollen, lassen Sie es mich wissen und Sie werden es nicht bereuen!«

Blanche, die sehr erschöpft und besorgt aussah, fragte, sobald sie in’s Haus»getreten war, den Diener nach Arnold und ihrem Onkel. Sir Patrick, lautete die Antwort, sei oben auf seinem Zimmer, Mr. Brinkworth sei noch nicht zurückgekehrt.

Es waren nur noch zwanzig Minuten bis zur Tischzeit und die Damen hatten in Windygates in voller Abendtoilette bei der Tafel zu erscheinen. Nichtsdestoweniger verweilte Blanche in der Vorhalle, in der Hoffnung, Arnold, noch ehe sie hinaufging, zusprechen. Ihre Hoffnung wurde nicht getäuscht. Gerade als es ein Viertel vor sieben schlug, trat Arnold in ebenso gedrückter Stimmung wie die Uebrigen ein.

»Haben Sie sie gefunden?« fragte Blanche.

»Nein,« antwortete Arnold, in vollkommen gutem Glauben. »Sie ist auf keinem der Kreuzwege davon gekommen, dafür stehe ich ein.«

Sie trennten sich, um Toilette zu machen. »Als die Gesellschaft sich vor Tische wieder in der Bibliothek versammelte, ging Blanche, sobald Sir Patrick in’s Zimmer trat, auf ihn zu. »Nachrichten, Onkel? Ich sterbe vor Verlangen nach Nachrichten.

»Ganz gute Nachrichten liebes Kind!«

»Hast Du Anne gefunden?«

»Das gerade nicht!«

»Hast Du in Craig-Fernie von ihr gehört?«

»Ich habe eine wichtige Entdeckung in Craig-Fernie gemacht.! Hier kommt Deine Stiefmutter, warte bis nach Tisch und Du sollst mehr hören als ich Dir jetzt sagen kann, bis dahin haben wir Vielleicht Nachrichten von der Station.«

Das Mittagessen war außer für Blanche noch für mindestens zwei Personen eine harte Geduldsprobe. Arnold, der Geoffrey gegenüber saß, ohne ein Wort mit ihm zu wechseln, empfand das veränderte Verhältniß zwischen sich und seinem bisherigen Freunde sehr peinlich. Sir Patrick, der die geschickte Hand Hester Dethridges bei jedem Gerichte vermißte, betrachtete das Mittagessen als eine verlorene Stunde in seinem Leben und war verdrießlich über die Heiterkeit seiner Schwägerin, die ihm unter den obwaltenden Umständen ganz unfaßbar war. Blanche folgt Lady Lundie in den Salon in ungeduldiger Erwartung des Augenblicks, wo die Herren sich von ihrem Wein trennen würden. Ihre Stiefmutter, die, als sie einen neuen Plan zu einer archäologischen Excursion für einen der nächsten Tage entwarf und Blanche’s Ohren taub fand, für ihre gelegentlichen Bemerkungen über, das alte Schottland, wie es vor fünfhundert Jahren war, jammerte mit satyrischer Emphase über die Abwesenheit einer intelligenten weiblichen Gesellschaft und streckte dann ihre majestätische Gestalt auf das Sopha aus, des Augenblicks harrend, wo eine ihrer würdigere Zuhörerschaft aus dem Eßzimmer kommen würde. Es dauerte nicht lange – so besänftigend wirkt auf uns nach einem guten Diner die Betrachtung mittelalterlicher Antiquitäten, unter dem Einfluß eines guten Gewissens – und Lady Lundie’s Augen schlossen sich und Lady Lundies Naslöchern entwand sich von Zeit zu Zeit ein Klang, tief wie das gelehrte Wissen Lady Lundie’s, regelmäßig wie ihre Lebensgewohnheiten, ein Klang, der die Vorstellung von Nachtmützen und Schlafzimmern zu erwecken pflegt, den die keines Rangunterschiedes achtende Natur, hoch- wie niedriggebornen Nasen gleichmäßig entlockt, der Klang – o Wahrheit, welche Ungeheuerlichkeiten zwingst Du uns auszusprechen —, der Klang des Schnarchens! – Als Blanche sah, daß sie endlich frei über sich verfügen könne, entfloh sie den melodischen Klängen, die jetzt im Salon ertönten, in unverhohlener Freude über den hörbaren Schlummer, den Lady Lundie genoß. Sie ging in die Bibliothek und blätterte in den dort aufliegenden Romanen ging wieder hinaus und sah von der Vorhalle aus in’s Eßzimmer hinein, ob denn die Herren niemals aufhören würden von Politik zu reden und Wein zu trinken; sie ging auf ihr Zimmer, wechselte ihre Ohrringe und schalt ihre Kammerjungfer, ging wieder hinunter und machte eine beunruhigende Entdeckung. In einem dunkeln Winkel der Vorhalle standen zwei Männer, die, den Hut in der Hand, mit dem Kellermeister flüsterten. Der Kellermeister ließ sie stehen und ging in’s Eßzimmer, kam wieder mit Sir Patrick heraus und winkte die beiden Männer heran. Sie traten aus der Dunkelheit hervor. Es waren der Bahnhof-Inspector Murdoch und der Kammerdiener Duncan. Nachrichten von Anne!

»O, Onkel, laß mich hier bleiben,« bat Blanche.

Sir Patrick zauderte. Es war bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge unmöglich vorauszusagen welch’ betrübende Nachrichten die beiden Männer vielleicht von dem vermißten Mädchen bringen konnten. Duncan’s Rückkehr in Begleitung des Bahnhof-Inspectors sah schlimm aus.

Blanche begriff sofort den Grund des Zauderns ihres Onkels, sie wurde bleich und Umfaßte seinen Arm. »Schick’ mich nicht fort,« flüsterte sie, »ich kann Alles ertragen, nur keinen Aufschub.«

»Heraus damit!« sagte Sir Patrick, indem er die Hände seiner Nichte festhielt »Habt ihr sie gefunden oder nicht?«

»Sie ist mit dem Zuge nach Norden gereist,« erwiderte der Bahnhofs-Inspector, »und wir wissen wohin!«

Sir Patrick athmete auf. Blanche’s Wangen rötheten sich wieder. Aus verschiedenen Gründen fühlten sich Beide gleich sehr erleichtert.

»Ich hatte Dir doch aufgetragen, ihr zu folgen?« sagte Sir Patrick zu Duncan, »Warum kommst Du wieder?«

»Ihr Diener ist nicht zu tadeln«, bemerkte der Bahnhofs-Inspector. »Die Dame ist in Kirkandrew eingestiegen!«

Sir Patrick war überrascht und sah den Bahnhofs-Inspector an. »Ja, ja, die nächste Station, der Marktflecken, unbegreiflich dumm von mir, das ist mir gar nicht eingefallen.«

»Ich habe mir die Freiheit genommen, Ihre Beschreibung der Dame nach Kirkandrew zu telegraphiren.«

»Mr. Murdoch, ich bekenne, daß Sie in diesem Falle der Umsichtigere gewesen sind. Nun?«

»Hier ist die Antwort, Sir Patrick.«

Sir Patrick und Blanche lasen zusammen das Telegramm.

Kirkandrew Zug nach Norden. Sieben Uhr vierzig Minuten Abends. Dame wie die Beschriebene kam. Reisesack in der Hand. Reiste allein zweiter Classe nach Edinburgh.«

»Edinburgh?« wiederholte Blanche, »o, Onkel in einer großen Stadt wie Edinburgh werden wir ihre Spur verlieren.«

»Wir werden sie finden, liebes Kind und Du sollst sehen, wie. Duncan schaffe mir Feder, Dinte und Papier. Mr. Murdoch, Sie gehen nach der Station zurück?«

»Ja, Sir Patrick!«

»Ich werde Ihnen ein Telegramm mitgeben, das ich Sie sofort nach Edinburgh zu befördern bitte.«

Er schrieb eine sorgfältig überlegte, telegraphische Depesche auf und adressirte dieselbe an den Sheriff von Mid-Lothian. »Der Sheriff ist mein Freund«, erklärte er seiner Nichte, »und ist eben jetzt in Edinburgh. Lange bevor der Zug dort anlangt, wird er diese Beschreibung der Person Miß Silvester’s mit meiner Bitte erhalten, alle ihre Bewegungen sorgfältig überwachen zu lassen. Er verfügt ganz und gar über die Polizei und wird die besten Leute mit der Sache beauftragen. Ich habe ihn um eine telesgraphische Antwort gebeten und bitte Sie, Herr Murdoch, einen besonderen Boten zur Beförderung dieser Antwort an der Station bereit zu halten.«

»Ich danke Ihnen, guten Abend!«

»Duncan, iß zu Abend und mache es Dir bequem; Blanche, liebes Kind, geh’ wieder nach dem Salon und erwarte uns gleich zum Thee, Du sollst noch heute Abend, ehe Du zu Bett gehst, wissen, wo Deine Freundin ist!«

Mit diesen tröstenden Worten kehrte er zu den Herren zurück. Zehn Minuten später erschienen sie im Salon und Lady Lundie, fest überzeugt, daß sie ihre Augen keinen Moment geschlossen habe, weilte mit ihren Gedanken wieder in Schottland, wie es vor fünfhundert Jahren war. Blanche ersah ihre Gelegenheit und nahm ihren Onkel bei Seite.

»Nun halte Dein Versprechen,« sagte sie, »Du hast also eine wichtige Entdeckung in Craig-Fernie gemacht, worin besteht sie?«

Sir Patricks Augen wandten sich nach Geoffrey um, der in einem Winkel des Zimmers, in einem Armsessel schlummerte; er schien nicht abgeneigt, mit der Neugierde seiner Nichte zu seinerzeit. »Kannst Du nach der Entdeckung, die wir schon gemeinschaftlich gemacht haben,« sagte er, »nicht warten, liebes Kind, bis wir das Telegramm bekommen?«

»Das ist mir vollkommen unmöglich Das Telegramm kann ja auch erst in ein Paar Stunden hier sein; inzwischen muß ich etwas haben, worüber ich nachdenken kann!« Sie setzte sich auf ein Sopha in dem Geoffrey’s Sessel gegenüberliegenden Winkel und wies auf den leeren Platz neben sich hin. Sir Patrick hatte sein Versprechen gegeben und mußte nun halten. Nach einem zweiten Blick aus Geoffrey nahm er den leeren Platz an der Seite seiner Nichte ein.

Viertes Kapitel.
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»Nun!« flüsterte Blanche, indem sie ihre Hand zutraulich auf den Arm ihres Onkels legte.

»Nun?« sagte Sir Patrick mit einem Blick, in welchem ein Funke seines satyrischen Humors erglänzte, »ich stehe im Begriff etwas sehr Unüberlegtes zu thun, einem Mädchen von achtzehn Jahren in einer sehr ernsten Angelegenheit mein Vertrauen zu schenken.«

»Das Mädchen wird sich Deines Vertrauens würdig zeigen, obgleich es erst achtzehn Jahre alt ist!«

»Ich muß die Gefahr laufen, liebes Kind! Deine genaue Bekanntschaft mit Miß Silvester kann mir bei dem nächsten Schritt, den ich zu thun gedenke, von größtem Nutzen sein, aber ich muß Dich vorher auf etwas aufmerksam machen, ich kann Dir nur um den Preis einer großen Ueberraschung für Dich mein Vertrauen schenken. Verstehst Du mich?«

»Ja, ja!«

»Wenn Du Dich nicht völlig beherrschen kannst, so machst Du es mir selbst vielleicht unmöglich, Miß Silvester in Zukunft von Nutzen zu sein. Vergiß das nicht und jetzt bereite Dich auf die Ueberraschung vor. Was habe ich Dir vor Tisch gesagt?«

»Du sagtest, Du habest eine Entdeckung in Craig-Fernie gemacht. Und was hast Du gefunden?«

»Ich habe herausgefunden, daß es eine Person giebt, die alles das, was Miß Silvester Dir und mir vorenthalten hat, weiß und diese Person befindet sich in unserer Nähe, befindet sich in diesem Zimmer.« Er ergriff Blanches Hand, die auf seinem Arm ruhte und drückte sie bedeutungsvoll.

Sie sah ihn an, indem sie einen Ausruf der Ueberraschung mühsam zurückhielt, zögerte, die Augen fest auf Sir Patricks Gesicht geheftet, einen Augenblick, und, entschlossen mit sich kämpfe und faßte sie sich wieder. »Zeige mir die Person!« Sie sprach diese Worte mit einer Selbstbeherrschung die ihr den völligen Beifall ihres Onkels sicherte. Blanche hatte für ein Mädchen ihres Alters Wunder gethan.

»Sieh’ Dich um!« sagte Sir Patrick, »und sage mir, was Du siehst.«

»Ich sehe Lady Lundie am andern Ende des Zimmers mit einer Karte von Perthshire und den schottischen Alterthümern vor sich auf dem Tisch und sehe, daß Alle außer Dir und mir ihr zuhören müssen!«

»Alle?«

Blanche sah sich sorgfältig im Zimmer um und bemerkte in der gegenüberliegenden Ecke des Zimmers Geoffrey, der in diesem Augenblick in seinem Armsessel fest eingeschlafen war. »Onkel, Du meinst doch nicht —?«

»Das ist der Mann!«

»Mr. Delamayn?«

»Mr. Delamayn weiß Alles!«

Blanche hielt ihres Onkels Arm mechanisch fest und betrachtete den Schlafenden, als ob ihre Augen sich nicht an ihm satt sehen könnten.

»Du erinnerst Dich«, nahm Sir Patrick wieder auf, »daß ich mit Mr. Delamayn damals eine Consultation in der Bibliothek hatte. Ich muß bekennen, liebes Kind, daß Du vollkommen recht hattest, als Du darin etwas Verdächtiges erblicktest, und ich muß mich jetzt vor Dir darüber rechtfertigen, daß ich Dich bis zu diesem Augenblick absichtlich völlig im Dunkeln gelassen habe.«

Nach diesen einleitenden Worten wiederholte er kurz die Begebenheiten des Tages und fügte dann in Gestalt eines Commentars die Schlüsse hinzu, zu welchen ihn diese Begebenheiten geführt hatten. Sir Patrick entschuldigte sich, daß er dieses Alles seiner Nichte vorenthalten habe, damit, daß er davor zurückgeschreckt sei, sie aufzuregen, bis er würde nachweisen können, daß sein Verdacht gegründet sei. Diesen Beweis könne er jetzt erbringen und er habe nun ohne Vorbehalt Blanche sein Vertrauen geschenkt. »So viel, liebes Kind«, fuhr Sir Patrick fort, »zu meiner Rechtfertigung. Jetzt weißt Du so viel wie ich wußte, als ich in Craig-Fernie ankam, und Du bist nun in der Lage den Werth der Entdeckungen, die ich im Gasthofe gemacht, zu würdigen! Hast Du mich bis hierher vollkommen verstanden?«

»Vollkommen!«

»Seht gut, ich fuhr also nach dem Wirthshaus und stelle Dir mich vor, wie ich mit Mrs. Inchbare in ihrem Wohnzimmer eingeschlossen conferirte. Ob mein Ruf darunter leiden wird vermag ich nicht zu sagen, aber auch Mrs. Inchbare’s Erscheinung schützt sie gegen jeden Verdacht. Das war ein schweres Geschäft, liebe Blanche. In meiner ganzen gerichtlichen Praxis ist mir nie ein so sauertöpfischer, schlauer und mißtrauischer Zeuge vorgekommen wie Mrs. Inchbare. Sie würde jeden Menschen, außer einen Advokaten aus der Fassung gebracht haben, aber wir Advokaten haben einen so klassischen Gleichmuth und können die Leute, wenn wir wollen, so herrlich quälen! Kurz mein Kind, Mrs. Inchbare war eine Katze und ich war ein Kater und wußte doch zuletzt mit meinen Klauen die Wahrheit aus ihr herausbringen. Das Ergebniß war wohl der Mühe werth, wie Du siehst. Mr. Delamayn hatte mir einige merkwürdige Umstände beschrieben, die sich in einem Gasthofe zwischen einer Dame und einem Herrn an eben jenem Tage, wo Miß Silvester aus dem Hause verschwand begeben. Und nun merke auf, der Name, den die Dame, nachdem der Herr sie allein in dem Gasthofe zurückgelassen hatte, auf das Drängen der Wirthin, sich ihr zu nennen, angab, war: Mrs. Silvester. Was sagst Du dazu?«

»Sagen? Ich bin außer mir, ich kann es nicht glauben!«

»Eine sehr überraschende Entdeckung, liebes Kind, das läßt sich nicht leugnen. Soll ich mit der Fortsetzung meines Berichts ein wenig warten, bis Du Dich wieder gefaßt hast?«

»Nein, nein, fahre fort, der Mr., der mit Anne war, wer ist er, doch nicht Mr. Delamayn?«

»Nicht Mr. Delamayn!« sagte Sir Patrick. »Wenn über nichts anderes, so habe ich doch darüber völlige Gewißheit erlangt!«

»Gewißheit? Das konnte ja gar nicht zweifelhaft sein. Mr. Delamayn fuhr ja am Tage des Gartenfestes nach London und Arnold begleitete ihn bis zur zweiten Station von hier.«

»Ganz richtig. Aber wie konnte ich wissen, was Mr. Delamayn gethan, nachdem Arnold ihn verlassen hatte? Gewißheit darüber, daß er nicht im Geheimen nach dem Gasthofe zurückgekehrt sei, konnte ich mir nur von Mrs. Inchbare verschaffen!«

»Und wie hast Du Dir diese Gewißheit verschafft?«

»Ich bat Mrs. Inchbare, mir den Herrn, der mit Miß Silvester im Gasthofe gewesen sei, zu beschreiben, und Mrs. Inchbare’s Beschreibung, unbestimmt wie sie ist, reicht doch, wie Du gleich hören sollst, hin, den Mann da, und dabei deutete Sir Patrick auf Geoffrey, der noch immer in seinem Lehnsessel schlafend da saß, von jedem Verdacht zu reinigen. »Er ist nicht der Mann, der Miß Silvester in Craig-Fernie für seine Frau ausgegeben hat. Er hat die Wahrheit gesagt, als er mir den Fall als den eines Freundes bezeichnete.«

»Aber wer ist der Freund«, wiederholte Blanche, »das möchte ich wissen.«

»Ich auch.«

»Erzähle mir genau, lieber Onkel, was Mrs. Inchbare sagte, ich habe mein ganzes Leben mit Anne zugebracht, es muß ein Mann sein, den ich schon einmal irgendwo gesehen habe!«

»Wenn Du herausfinden kannst, auf wen Mrs. Inchbare’s Beschreibung paßt, so bist Du viel klüger als ich. Höre, wie die Wirthin den Mann geschildert hat. Jung, von mittlerer Größe, dunkle Haare, Augen und Teint, angenehmes Temperament, angenehme Art zu reden. Mit Ausnahme des einen Epitheton »jung« paßt keine der erwähnten Bezeichnungen auf die Person des Mr. Delamayn. Soweit haben wir also an Mrs. Inchbare einen sichern Halt, aber wie wollen wir die Person herausfinden auf die die Beschreibung paßt? Es giebt doch mindestens fünfmalhunderttausend Männer in England, die jung, von mitteler Größe, dunkel, von angenehmen Temperament und angenehmer Art zu reden sind. So paßt die Beschreibung vollkommen auf einen der Diener hier.«

»Und auch auf Arnold paßt sie!« sagte Blanche, um noch schärfer zu betonen, wie unbestimmt die Beschreibung sei.

»Jawohl, auch auf Arnold«, wiederholte Sir Patrick der ihrer Meinung war.

Kaum hatten sie diese Worte gesprochen, als Arnold selbst erschien und, sich Sir Patrick mit einem Spiel Karten näherte.

In dem Moment, wo sie Beide die Wahrheit errathen hatten, ohne eine Ahnung davon zu haben, stand vor ihren Augen, die unfähig waren ihn zu erkennen, der Mann, der Anne Silvester im Gasthofe zu Craig-Fernie für seine Frau ausgegeben hatte. O, der unberechenbaren Laune des Zufalles, der unbarmherzigen Ironie des Schicksals. Alle Drei standen in diesem Augenblicke am Rande eines Abgrundes, Zwei von ihnen lächelnd über einen komischen Zufall, der Dritte ein Spiel Karten mischend.

»Wir sind endlich mit den schottischen Alterthümern fertig«, sagte Arnold, »und wir wollen Whist spielen, Sir Patrick, nehmen Sie eine Karte?«

»Zu bald nach Tisch für mich, lieber Junge, spielt den ersten Robber ohne mich und dann fordert mich wieder auf.« Beiläufig fügte er hinzu: »Bis nach Kirkandrew hat man Miß Silvester’s Spur verfolgt. Wie kommt es, daß Sie sie nicht haben vorüber kommen sehen?«

»Sie kann nicht bei mir vorüber gekommen sein, sonst hätte ich sie gesehen!« – Nachdem er sich so gerechtfertigt hatte, wurde er von den Whistspielern am andern Ende des Zimmers, die ungeduldig auf seine Karten warteten, zurückgerufen.

»Wovon sprachen wir noch, als er uns unterbrach?« fragte Sir Patrick.

»Von dem Mann, Onkel, der mit Miß Silvester im Gasthofe war.«

»Es ist unnütz, dem weiter nachzuforschen liebes Kind, so lange wir dafür keinen bessern Anhalt haben, als Mrs. Inchbare’s Beschreibung.«

Blanche sah wieder nach dem schlafenden Geoffrey hinüber. »Und er weiß es!« sagte sie, »es ist zum Tollwerden, dies Unthier zu sehen, wie es im Lehnstuhl da schnarcht.«

Sir Patrick warnte sie mit erhobenem Finger.

Ehe sie ein Wort weiter hatten wechseln können, wurden sie durch eine neue Unterbrechung zum Schweigen gebracht. Die Whist-Partie bestand aus Lady Lundie und dem Arzt die als Partner gegen Smith und Jones spielten. Arnold saß hinter dem Arzt und ließ sich eine Lection im Spiel geben. Nummer Eins, Zwei, Drei, die so für ihre Unterhaltung auf sich selbst angewiesen waren, dachten sehr natürlich an’s Billard und näherten sich, als sie entdeckten, daß Geoffrey in der Ecke eingeschlafen sei, seinem Sessel, um ihn mit der vollkommen hinreichenden Entschuldigung einer »Poule« in seinem Schlafe zu stören.

Geoffrey ermunterte sich, rieb sich die Augen und sagte noch schlaftrunken »Gut ich komme.« Im Aufstehen warf er einen Blick nach der gegenüberligenden Ecke, wo Sir Patrick und seine Nichte saßen. Blanche’s Selbstbeherrschung war, so sehr sie sich bemühte, dieselbe zu behaupten, doch nicht stark genug, sie zu verhindern, ihre Augen mit einem Ausdruck auf Geoffrey zu richten, der das peinliche Interesse, das sie an ihm nahm, verrieth. Er war von Etwas in dem Blick, mit dem das junge Mädchen ihn ansah, von Neuem frappirt und stand still. »Ich bitte um Verzeihung, wünschen Sie mich zu sprechen?«

Blanche athmete tief, ihr Onkel kam ihr zu Hülfe. »Miß Lundie und ich hoffen, daß Sie gut geschlafen haben«, sagte Sir Patrick scherzend, das ist Alles!«

»So?! Weiter nichts«, erwiderte Geoffrey, noch immer Blanche ansehend, »ich bitte nochmals um Verzeihung, verwünscht lange Spaziergänge und verwünscht langes Mittagessen – und die Folgen davon: – ein Nachmittagsschlaf!«

Sir Patrick faßte ihn scharf in’s Auge. Es war klar, daß es ihn wirklich in Verwirrung versetzt hatte, sich mit besonderer Aufmerksamkeit von Blanche betrachtet zu sehen.

»Ich komme mit Euch in’s Billardzimmer«, sagte er leichthin und folgte seinen Kameraden zum Zimmer hinaus, wie gewöhnlich, ohne auf eine Antwort zu warten.

»Nimm Dich in Acht!« sagte Sir Patrick zu seiner Nichte, »der Mensch ist scharfsichtiger als er aussieht, wir machen einen groben Fehler, wenn wir ihm gleich im Beginn Veranlassung geben, auf seiner Huth zu sein.«

»Es soll nicht wieder geschehen«, erwiderte Blanche, »aber zu denken, daß dieser Mensch Anne’s Vertrauen besitzt und daß ich es nicht besitze!«

»Seines Freundes Vertrauen wolltest Du sagen, liebes Kind, und wenn wir es nur vermeiden, seinen Argwohn zu erregen, wer weiß was er noch thun und sagen wird, um uns über die Person seines Freundes aufzuklären.«

»Aber er geht morgen wieder zu seinem Bruder zurück! Das hat er selbst bei Tische gesagt.«

»Um so besser, so kommt er nicht wieder in den Fall, sonderbare Dinge in dem Gesichte einer jungen Dame zu lesen. Seines Bruders Haus ist nicht weit von hier und ich bin sein juristischer Rathgeber. Nach meinen Erfahrungen ist er mit seinen Consultationen mit mir noch nicht zu Ende und wird mich das nächste Mal etwas mehr wissen iassen. Soviel über unsere Chance, durch Mr. Delamayn auf die rechte Spur geführt zu werden, wenn wir auf keine andere Weise dahin gelangen können. Das ist aber nicht unsre einzige Chance, das vergiß nicht, ich habe Dir noch etwas über Bishopriggs und den verlorenen Brief zu erzählen.«

»Ist der Brief gefunden?«

»Nein, davon habe ich mich überzeugt, ich habe unter meinen Augen darnach suchen lassen, der Brief ist gestohlen, Blanche, und Bishopriggs hat ihn. Ich habe Mrs. Inchbare ein Billet an ihn übergeben. Der alte Spitzbube wird schon jetzt von den Besuchern des Gasthofes vermißt, grade wie ich Dir vorhergesagt habe; seine Prinzipalin empfindet es schwer, daß sie so thöricht gewesen ist, ihre schlechte Laune an ihrem Oberkellner auszulassen, sie giebt natürlich Miß Silvester die ganze Schuld an dem Streite. Bishopriggs vernachlässigte alle Gäste, um Miß Silvester zu bedienen. Bishopriggs wurde unverschämt, als ihm darüber Vorstellungen gemacht wurden, und Miß Silvester ermunterte ihn und so weiter. Die Sache wird so verlaufen, daß jetzt, wo Miß Silvester fort ist, Bishopriggs vor Ende des Herbstes wieder nach Craig-Fernie zurückkommt. Wir segeln mit der Fluth und gutem Winde, liebes Kind, komm und lerne Whist spielen.« Er stand auf, um nach den Kartentisch zu gehen. Blanche hielt ihn zurück.

»Du hast mir Eines noch nicht gesagt«, bemerkte sie, wer der Mann auch gewesen sein mag, ist Anne verheirathet?«

»Wer der Mann auch sein mag, jedenfalls thäte er besser, keinen Versuch zu machen, eine Andere zu heirathen!«

So that die Nichte unbewußt die Frage und so gab der Onkel unbewußt die Antwort, die das ganze künftige Glück oder Weh Blanches in sich faßte. »Der Mann«, in wie leichtern Tone sie Beide von dem Manne sprachen! Wird sich denn nichts ereignen, um den leisesten Argwohn in ihrem oder in Arnold’s Gemüth zu erwecken, daß Arnold selbst der Mann war?

»Du willst also damit sagen, daß sie verheirathet ist?« fragte Blanche!«

»Ich gehe nicht so weit.«

»Also meinst Du, daß sie nicht verheirathet ist?«

»So weit gehe ich auch nicht!«

»O, Ihr Juristen!«

»Es ist zum Toll werden, nicht wahr, liebes Kind? Ich kann Dir als Jurist sagen, daß sie nach meiner Ansicht gute Gründe hat, dabei zu beharren, wenn sie ihre Rechte als Frau jenes Mannes geltend machen will. Das wollte ich mit meiner Antwort sagen und bevor wir mehr wissen, ist das Alles, was ich sagen kann.«

»Und wann sollen wir mehr erfahren, wann bekommen wir das Telegramm?«

»Erst in einigen Stunden. Nun komm und lerne Whist spielen.«

»Ich möchte lieber mit Arnold sprechen, Onkel, wenn Du nichts dagegen hast.«

»Durchaus nicht, aber sprich nicht mit ihm von Dem, was ich Dir heute Abend gesagt habe, vergiß nicht, daß er und Mr. Delamayn alte Kameraden sind; er möchte seinem Freunde erzählen, was sein Freund besser nicht weiß. Ist es nicht traurig, daß ich Deinem jungen Gemüthe solche Lehren der Doppelzüngigkeit einimpfen muß? Ein weiser Mann hat einmal gesagt, je älter Jemand wird, desto schlechter wird er. Der weise Mann, liebes Kind, hatte mich dabei im Sinne und hatte vollkommen Recht.«

Er milderte den Schmerz über dieses Bekenntniß durch eine Prise und trat an den Whisttisch, um zu warten, bis der Robber zu Ende sei und er seinen Platz am Spieltisch würde einnehmen können.

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06 aralık 2019
Hacim:
930 s. 1 illüstrasyon
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