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Kitabı oku: «Mann und Weib», sayfa 23

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Fünftes Kapitel.
Vorwärts

Blanche fand ihren Verlobten so aufmerksam wie immer gegen ihre leisesten Wünsche, aber nicht so gut aufgelegt wie gewöhnlich. Er entschuldigte seine Niederschlagenheit mit Ermüdung durch langes Auf- und Abgehen auf den Kreuzwegen. So lange noch irgend eine Hoffnung für eine Versöhnung mit Geoffrey vorhanden war, wollte er Blanche von Dem, was am Nachmittage vorgefallen war, nichts erzählen. Die Hoffnung wurde schwächer und schwächer, je weiter der Abend vorrückte Arnold schlug absichtlich einen Besuch im Billardzimmer vor und betheiligte sich mit Blanche an dem Spiel, um Geoffrey eine Gelegenheit zu geben, die wenigen freundlichen Worte zu sagen, deren es bedurft hätte, um sie wieder zu Freunden zu machen. Aber Geoffey sprach diese Worte nicht, er ignorirte beharrlich Arnold’s Anwesenheit im Zimmer. Am Spieltisch schien die Whistpartie kein Ende nehmen zu wollen Lady Lundie, Sir Patrick und der Arzt, waren alle alte, geübte, einander gewachsene Spieler.

Smith und Jones wurden abwechselnd als vierter Mann mit zum Spiel hingezogen, wie sie sonst anch den vierten Mann bei der Unterhaltung abzugeben pflegten; dieselbe sichere und bescheidene Mittelmäßigkeit characterisirte das Auftreten dieser beiden Herren in allen Angelegenheiten des Lebens.

Es wurde beinahe Mitternacht. In Windygates ging man spät zu Bett und stand spät auf. Unter diesem gastlichen Dache trieben keine zudringlichen Winke in Gestalt von Bettleuchtern, die mit tugendhafter Ostentation auf einem Seitentische prangten, den Gast aus sein Zimmer, keine widerwärtige Glocke läutete ihn am nächsten Morgen rücksichtslos aus seinem Schlafe und bestand darauf, daß er zu einer bestimmten Stunde frühstückte. Das Leben ist wahrhaftig schon ohnehin schwer genug, man braucht es nicht unnöthiger Weise durch die Grausamkeit des absoluten Regiments einer Glocke noch schwerer zu machen.

Es war ein Viertel nach zwölf Uhr, als Lady Lundie sich mit freundlicher Miene und der Bemerkung vom Whisttisch erhob: »Einer müsse wohl mit dem guten Beispiele des zu Bettgehens vorangehen.«

Sir Patrick und Smith, der Arzt und Jones beschlossen, noch einen Robber zu machen. Blanche zog sich zurück noch während Lady Lundie im Zimmer war, erschien aber wieder, sobald sie ihre Stiefmutter sicher in den Händen ihrer Kammerfrau wußte. Niemand folgte dem Beispiel der Frau vom Hause als Arnold; er verließ das Billardzimmer mit der traurigen Gewißheit, daß es zwischen ihm und Geoffrey vollkommen aus sei. Selbst Blanche’s Anziehungskraft war an diesem Abend nicht stark genug, ihn noch länger zurückzuhalten, er ging auf sein Zimmer.

Es war nach ein Uhr, als der letzte Robber zu Ende war; die Herren rechneten mit einander ab, der Arzt schlenderte in’s Billardzimmer und Smith und Jones folgten ihm dahin. Da endlich erschien Duncan mit dem Telegramm in der Hand. Blanche wandte das Auge von dem schönen, stillen Herbst-Mondlichte, das sie an’s Fenster gelockt hatte ab, und sah ihrem Onkel über die Schulter, während er das Telegramm öffnete. Sie las die erste Zeile und das war genug. Das ganze Gebäude von Hoffnungen, das sie auf dieses Stück Papier gebaut hatte, fiel in einem Moment zusammen.

Der Zug war von Kirkandrew zur gewöhnlichen Zeit in Edinburgh eingetroffen, jeder ankommende Passagier war von der Polizei beobachtet worden, aber es war keine Person unter ihnen gewesen, die der von Anne gegebenen Beschreibung entsprochen hätte. Sir Patrick wies auf die beiden letzten Sätze des Telegramms hin: »Erkundigungen sind nach Falkirk telegraphirt, wenn mit Erfolg, werden Sie benachrichtigt.« »Wir müssen das Beste hoffen, Blanche, offenbar vermuthen sie, daß sie an der Verbindungsstation der beiden Eisenbahnen ausgestiegen ist, um der Verfolgung durch den Telegraphen zu entgehen. Da hilft nun nichts, geh’ zu Bett liebes Kind, geh’ zu Bett!«

Blanche küßte ihren Onkel schweigend und ging fort, das fröhliche junge Gesicht hatte bei dieser Nachricht einen Ausdruck von hoffnungsloser Trauer angenommen, den der alte Herr noch nie an ihr beobachtet hatte. Der Abschiedsblick seiner Nichte lastete noch peinlich auf ihn« als er schon auf seinem Zimmer war und mit Hülfe des treuen Dieners seine Nachttoilette machte.

»Das ist eine schlimme Geschichte, Duncan, ich mag es Miß Lundie nicht sagen, aber ich fürchte sehr, die Gouvernante hat uns getäuscht!«

»Sehr wahrscheinlich, Sir Patrick, das arme junge Fräulein sieht ganz betrübt darüber aus!«

»Das hast Du auch bemerkt, nicht wahr? Siehst Du, sie hat ihr ganzes Leben mit Miß Silvester zugebracht und sie sind immer die zärtlichsten Freundinnen gewesen; mich quält die Sache wegen meiner Nichte, Duncan, ich fürchte, diese Enttäuschung wird einen schlimmen Einfluß aus sie ausüben!«

»Sie ist ja jung, Sir Patrick!«

»Ja mein Freund, sie ist jung, aber junge Menschen haben, wenn etwas an ihnen ist, warme Herzen, die winterliche Kälte ist bei ihnen, noch nicht eingekehrt, Duncan, und sie empfinden leidenschaftlich.«

»Ich glaube, es sind doch gute Gründe zu der Hoffnung vorhanden, daß Miß Lundie die Sache leichter verwinden wird, als Sie glauben.«

»Was für Gründe?«

»Ein Mann in meiner Stellung darf kaum wagen über eine so delikate Sache, wie diese, seine Meinung grade heraus zu sagen, Sir Patrick.«

Sir Patrick brauste auf und erwiderte halb im Ernst, halb im Scherz: »Soll das ein Hieb gegen mich sein altes Brummeisen? Bin-ich nicht so gut Dein Freund wie Dein Herr? Bin ich der Mann, der irgend einen seiner Mitmenschen von sich entfernt hält? Ich verachte das Geschwätz des modernen Liberalismus, und dennoch habe ich mein Leben lang gegen die inhumane Trennung der Stände in England protestirt. Wir sind in dieser Beziehung, so sehr wir auch mit unseren nationalen Tugenden prahlen, das unchristlichste Volk der civilisirten Welt.«

»Wie belieben Sir Patrick?«

»Gott steh« mir bei, ich glaube gar, ich rede mitten in der Nacht Politik, das ist Deine Schuld, Duncan, warum wirfst Du mir meinen Stand vor? Weil ich meine Nachtmütze nicht bequem aufsetzen kann, ehe Du mir das Haar gebürstet hast? Ich habe nicht übel Lust über Dich herzufallen und Dir auch einmal das Haar zu bürsten. Ja, ja, ich bin besorgt wegen meiner Nichte, und das macht mich nervös und reizbar, das ist das Ganze. Nun lasse mich einmal hören, was Du in Betreff von Miß Lundie zu sagen hast, bürste mir aber das Haar dabei weiter und schwatze kein dummes Zeug!«

»Ich wollte mir erlauben Sie daran zu erinnern, Sir Patrick, daß Miß Lundie noch ein anderes Interesse im Leben hat, dem sie sich widmen könnte. Wenn diese Angelegenheit mit Miß Silvester ein schlechtes Ende nimmt – und ich muß bekennen, es fängt an auszusehen, als ob es das wolle – so würde ich an Ihrer Stelle die Heirath meiner Nichte beschleunigen und sehen, ob sie das nicht trösten würde.«

Sir Patrick zuckte unter der sanften Zucht der Haarbürste Duncan’s. Das ist sehr verständig gesprochen«, sagte der alte Herr. »Duncan, Du bist, was ich einen hellen Kopf nenne. Gut, wenn das Schlimmste zum Schlimmen kommt, ist Dein Rath wohl der Ueberlegung Werth, Du alter treuer Freund!«

Es war nicht das erste Mal, daß Duncan’s schlichter, guter Verstand seinem Herrn einen neuen Gedanken eingegeben hatte, aber noch nie im Leben hatte er solches Unheil angerichtet, unbewußt und unschuldiger Weise wie eben in diesem Augenblick. Es wurde die Veranlassung daß Sir Patrick mit der verhängnißvollen Idee zu Bett ging, die Heirath Blanche’s mit Arnold zu beschleunigen.

Die Situation in Windygates fing jetzt, wo allem Anschein nach jede Spur von Anne verloren war, an, kritisch zu werden. Die einzige Chance für eine Entdeckung von Arnold’s Lage beruhte aus der Möglichkeit, daß ein Zufall im Verlauf der Zeit die Wahrheit enthüllen möchte.

So standen die Dinge als Sir Patrick beschloß, wenn im Laufe der Woche nichts vorfallen sollte, was geeignet wäre Blanche#s Besorgnisse zu heben, die Hochzeit, die ursprünglich auf das Ende des Herbstes festgesetzt war, in der ersten Hälfte des kommenden Monats feiern zu lassen.

Der nächste Morgen wurde denkwürdig dadurch, daß Blanche an demselben eine unvorsichtige Handlung beging, welche noch eine von den Chancen der Entdeckung, die vor dem Eintreffen der Edinburgher Depesche vorhanden gewesen war, vernichtete. Sie hatte eine schlaflose Nacht gehabt, sie war körperlich und geistig fieberhaft erregt gewesen und hatte die ganze Nacht an nichts als an Anne denken können. Bei Tagesanbruch vermochte sie diese innere Unruhe nicht länger zu ertragen, sie hatte die Herrschaft über sich verloren, ihre natürlichen Impulse leiteten sie widerstandslos; sie stand mit dem Entschluß auf, Geoffrey nicht aus dem Hause zu lassen, ohne einen Versuch gemacht zu haben, aus ihm herauszubringen, was er über Anne wußte. Sie beging nichts Geringeres, als einen offenen Verrath an Sir Patrick, wenn sie auf diese Weise auf ihre eigene Verantwortlichkeit handelte; sie wußte, daß es Unrecht sei, sie schämte sich ihres Thuns, aber der Dämon der die Frauen gerade in den kritischen Momenten ihres Lebens beherrscht, hatte von ihr Besitz ergriffen und sie that es.

Geoffrey hatte seine Arrangements so getroffen, daß er in der Frühe allein frühstücken, die wenigen Meilen nach seines Bruders Haus zu Fuß zurücklegen und sein Gepäck im Laufe des Tages von einem Diener abholen lassen wollte; er hatte bereits seinen Hut aufgesetzt und stand in der Vorhalle, in seiner Tasche nach seinem zweiten Ich, seiner Tabackspfeife, suchend, als Blanche plötzlich aus idem Morgenzimmer trat und sich zwischen ihn und die Hausthür stellte.

»Schon so früh auf – wie?« sagte Geoffrey. »Ich bin im Begriff zu meinem Bruder zu gehen!«

Sie antwortete nichts. »Er sah ihr schärfer in’s Gesicht; die Augen des Mädchens suchten in den seinigen zu lesen und sie ging dabei mit einer Offenheit zu Werke, welche es selbst für seine Denkungsart unmöglich machte, ihrem Versuche ihn zurückzuhalten, schlechte Motive unterzulegen.

»Haben Sie einen Auftrag für mich?« fragte er.

Jetzt antwortete sie. »Nein, ich habe Sie etwas zu fragen.«

Er lächelte freundlich und öffnete seinen Tabacksbeutel; er war nach seiner Nachtruhe frisch und stark, gesund und schön und in der besten Laune.

»Nun»sagte er, »was steht zu Ihren Diensten?«

»Sie legte ihm absichtlich, um ihn zu überraschen, ihre Frage ohne ein einleitendes Wort vor. »Mr. Delamayn«, sagte sie, »wissen Sie, wo Anne Silvester sich in diesem Augenblick befindet?«

Er war eben im Begriff seine Pfeife zu stopfen und verschüttete dabei etwas Taback auf den Boden. Anstatt sofort zu antworten, las er erst den verschütteten Taback auf und erwiderte dann mit verdrossener Sicherheit kurz: »Nein!«

»Wissen Sie nichts von ihr?«

Er beschäftigte sich beharrlich mit dem Stopfen seiner Pfeife. »Nein, nichts!«

»Auf Ihr Ehrenwort als Gentleman?«

»Auf mein Ehrenwort als Gentleman.« Er steckte seinen Tabacksbeutel wieder in die Tasche, der Ausdruck seines schönen Gesichtes war so hart wie Stein, seine klaren blauen Augen schienen eine Welt von Mädchen herausfordern zu wollen, in seinen Gedanken zu lesen. »Sind Sie zu Ende, Miß Lundie?« fragte er, indem er plötzlich in den Ton und die Manieren einer scherzhaften Höflichkeit überging.

Blanche sah, daß die Sache hoffnungslos sei und daß sie durch ihr unüberlegtes Handeln ihr eigenes Interesse gefährdet habe. Vorwurfsvoll traten ihr jetzt, wo es zu spät war, die warnenden Worte Sir Patricks vor die Seele: »Wir begehen einen großen Fehler, wenn wir ihn gleich im Beginn in die Lage setzen, auf feiner Huth zu sein.« Es blieb ihr nichts übrig, als zu antworten: »Ja, ich bin zu Ende.«

»Jetzt ist die Reihe an mir«, sagte Geoffrey, »Sie wünschen zu wissen, wo Miß Silvester ist, warum fragen Sie mich das?«

Blanche that Alles, was sie konnte, um den von ihr begangenen Fehler wieder gut zu machen. Sie hielt Geoffrey soweit entfernt von der Wahrheit, wie er sie davon entfernt gehalten hatte. »Ich habe zufällig erfahren«, erwiderte sie, »das Miß Silvester den Ort, an dem sie sich bisher aufgehalten hatte, ungefähr um die Zeit, als Sie gestern spazieren gingen, verlassen hat und ich dachte, Sie wären ihr vielleicht begegnet!«

»O, deshalb fragen Sie mich – deshalb?« erwiderte Geoffrey lächelnd.

Dieses Lächeln war Blanche ein Stich in’s Herz. Sie machte eine letzte Anstrengung, sich zu beherrschen, bevor ihre Entrüstung die Oberhand gewann. »Ich habe nichts mehr zu sagen, Mr. Delamayn!« Mit diesen Worten kehrte sie ihm den Rücken und ging wieder in’s Morgenzimmer.

Geoffrey stieg die Haustreppe hinunter, indem er sich seine Pfeife anzündete. Er war nicht im Mindesten um eine Erklärung des Vorgefallenen verlegen, er nahm ohne Weiteres an, daß Arnold eine niedrige Rache für sein Benehmen vom vorigen Tage an ihm geübt und das ganze Geheimniß seiner Sendung nach Craig-Fernie an Blanche verrathen habe. Die Sache würde demnächst ohne Zweifel Sir Patrick zu Ohren kommen und Sir Patrick würde dann die erste Person sein, die Arnold über seine Stellung zu Anne aufklären würde; desto besser! Sir Patrick würde ein vortrefflicher Zeuge sein, auf den man sich berufen könne, wenn der Scandal ausbrechen sollte und wenn die Zeit gekommen sein würde, Anne’s Ansprüche an ihn, als die einer unverschämten Betrügerin, die bereits mit einem andern Manne verheirathet sei, zurückzuweisen. Er rauchte ruhig weiter und ging leichten und festen Schrittes seines Weges zu seinem Bruder.

Blanche blieb allein in dem Morgenzimmer zurück. Die Aussicht, durch das, was Geoffrey bei seiner nächsten Consultation Sir Patricks demselben vielleicht mittheilen würde, hinter die Wahrheit zu kommen, hatte sie in diesem Augenblick selbst vernichtet. In der Verzweiflung setzte sie sich an’s Fenster; von hier aus schweifte ihr Blick über die kleine Seitenterrasse, die Annes Lieblingsspaziergang in Windygates gewesen war. Mit müden Augen und wundem Herzen blickte das arme Kind auf den traulichen Platz und fragte sich mit einer bittern Reue, die zu spät kam, ob sie nicht selbst die letzte Chance, Anne zu finden, vernichtet habe. Ruhig blieb sie am Fenster sitzen, bis die Morgenstunden verflossen waren und der Postbote kam. Noch bevor der Diener den Briefbeutel in Empfang nehmen konnte, war sie schon in der Halle, um denselben entgegen zu nehmen; durfte sie hoffen, daß der Beutel Nachrichten von Anne enthielt?« »Sie durchsuchte die Briefe und ihr Blick fiel plötzlich auf einen an sie adressirten Brief, er trug das Postzeichen von Kirkandrew und war von Anne’s Hand adressirt. Sie riß den Brief auf und las wie folgt: »Ich habe Dich für immer verlassen, Blanche, Gott segne und belohne Dich, und Gott mache Dich zu einer glücklichen Frau. So grausam ich Dir auch erscheinen mag, geliebte Freundin, bin ich Dir doch nie eine so treue Schwester gewesen, wie in diesem Augenblick. Ich kann Dir nur so viel und darf Dir nicht mehr sagen; vergieb mir und vergiß mich, von heute an scheiden sich unsere Lebenswege für immer! – — —«

Sir Patrick, der zur gewöhnlichen Stunde zum Frühstück gekommen war, hatte Blanche, die sonst um diese Zeit am Frühstückstische erschien, um ihm Gesellschaft zu leisten, vermißt; das Zimmer war leer, die übrigen Gäste des Hauses waren mit ihrem Frühstück bereits fertig. Sir Patrick liebte es nicht, dasselbe allein einzunehmen; er schickte Duncan mit einer Botschaft an Blanche’s Kammerjungfer. Die Kammerjungfer erschien: »Miß Blanche sei nicht im Stande, ihr Zimmer zu verlassen, sie lasse ihren Onkel bestens grüßen und ihn bitten, den beifolgenden Brief zu lesen.« – Sir Patrick öffnete den Brief und las, was Anne an Blanche geschrieben hatte. Er wartete ein wenig und dachte mit offenbar peinlichen Empfindungen über das nach, was er eben gelesen hatte, dann öffnete er seine eigenen Briefe und überflog rasch die Unterschriften. Es war kein Brief darunter von seinem Freunde, dem Sheriff von Edingburgh und keine Mittheilung von der Eisenbahn in Gestalt eines Telegrammes. Er hatte sich in der Nacht entschlossen, bis zu Ende der Woche zu warten, bevor er in der Angelegenheit von Blanche’s Heirath einen Schritt thäte. Die Ereignisse des Morgens bestimmten ihn, keinen Tag länger zu säumen. Duncan kam und blieb im Frühstückszimmer, um seinem Herrn den Kaffee zu serviren. Sir Patrick schickte ihn mit einer zweiten Botschaft fort. »Weißt Du, wo Lady Lundie ist?«

»Ja, Sir Patrick!«

»Meine Empfehlung an Lady Lundie, wenn sie nicht anderweitig beschäftigt wäre, würde es mir angenehm sein, sie in einer Stunde allein sprechen zu können.«

Sechstes Kapitel.
Aufgegeben

Sir Patrick verbrachte eine unbehagliche Frühstücksstunde, Blanche’s Abwesenheit war ihm verdrießlich und Anne Silvester’s Brief gab ihm zu denken. Er las die kurzen Zeilen wieder und wieder. Der wahre Sinn des Briefes konnte nur der sein, daß Anne entschlossen war, sich durch ihre Flucht für das Glück Blanches zu Opfern. Um demselben nicht im Wege zu stehen, hatte sie sich für immer von Blanche getrennt. Was bedeutete das und wie ließ es sich mit Anne’s Lage vereinigen, wie Mrs. Inchbare während seines Besuches in Craig-Fernie sie ihm geschildert hatte? Der ganze Scharfsinn und die ganze Erfahrung Sir Patrick’s reichten nicht hin, ihm auch nur den Schatten einer Antwort auf diese Frage« an die Hand zu geben. Während er noch über den Brief nachdachte, traten der Arzt und Arnold zusammen in’s Frühstückszimmer.

»Haben Sie schon von Blanche gehört?« fragte Arnold aufgeregt.

»Sie ist in keiner Gefahr, Sir Patrick, das Schlimmste ist vorüber«, fiel der Arzt ein, noch bevor Sir Patrick sich an ihn wenden konnte. »Das Interesse, das Herr Brinkworth an der jungen Dame nimmt läßt ihn die Sache ein wenig übertreiben. Ich habe auf Lady Lundies Bitte Miß Blanche besucht und ich kann Sie versichern, daß augenblicklich nicht die geringste Ursache zur Besorgniß vorhanden ist; Miß Lundie hat einen nervösen Anfall gehabt, der dem einfachsten Hausmittel gewichen ist. Die einzige Sorge, die Ihnen aus diesem Zustande erwächst, betrifft ihre künftige Behandlung, ihr Gemüth ist offenbar von einem Schmerz afficirt, den zu lindern und zu beseitigen nicht meine, sondern die Sache ihrer Freunde ist. Wenn Sie ihre Gedanken von dem peinlichen Gegenstand, der sie beschäftigt, welcher Art er auch immer sein möge, ablenken, so thun Sie Alles was nöthig ist.«

Mit diesen Worten ergriff der Arzt eins auf dem Tisch liegendes Zeitungsblatt und schlenderte damit in den Garten, indem er Sir Patrick und Arnold allein zurückließ.

»Haben Sie das gehört?« sagte Sir Patrick.

»Glauben Sie, daß er Recht hat?« fragte Arnold.

»Recht? Glauben Sie, daß Jemand durch falsche Diagnosen seine Berühmtheit erlangen könnte? Sie gehören der neuen Generation an, mein lieber Arnold. Ihr könnt alle einen berühmten Mann anstarren, ohne einen Schatten von Ehrfurcht vor seinem Ruhm zu haben. Wenn Shakespeare heute wieder erstünde und sich in einer Unterhaltung über dramatische Poesie ausspräche, so würde der erste Beste, der ihm bei Tische gegenüber säße, mit seiner abweichenden Ansicht so wenig zurückhalten, als wenn er mir oder Ihnen gegenüber säße, von Ehrfurcht ist bei uns keine Rede mehr, die gegenwärtige Generation hat sie zu Grabe getragen, ohne einen Gedenkstein auf das Grab zu setzen. Soviel davon, jetzt lassen Sie uns wieder auf Blanche zurückkommen. Ich vermuthen Sie wissen, was der peinliche Gegenstand ist, der auf ihrem Gemüthe lastet. Miß Silvester hat unsere Bemühungen ihre Spur zu verfolgen, zu Schanden gemacht Blanche hat gestern Abend aus einer Depesche der Edinburgher Polizei erfahren, daß wir unsern Zweck verfehlt haben und hat heute Morgen diesen Brief erhalten,« dabei schob er Arnold Anne’s Brief über den Frühstückstisch zu.

Arnold las den Brief und gab ihn ohne ein Wort zu sagen Sir Patrick zurück.

Mit dem Streit, den Arnold auf der Haide mit Geoffrey gehabt hatte, zusammengehalten ließ der Brief keine andere Erklärung für ihn zu, als daß Geoffrey Anne verlassen habe.

»Nun?« fragte Sir Patrick, »verstehen Sie, was das bedeutet?«

»Ich begreife jetzt Blanche’s Verzweiflung«, lautete Arnold’s ganze Antwort. Es war klar, daß ein weiterer Aufschluß, den er hätte geben können, selbst wenn er sich dazu für berechtigt gehalten hätte, Sir Patrick unter den gegenwärtigen Umständen für die Verfolgung Anne’s doch nicht von dem geringsten Nutzen gewesen sein würde. Unglücklicher Weise lag keine Versuchung für Arnold vor, das Schweigen, das er bis jetzt beobachtet hatte, zu brechen und selbst wenn eine solche Versuchung an ihn herangetreten wäre, würde er ihr unfehlbar widerstanden haben, denn niemals war seine Widerstandsfähigkeit so stark gewesen, wie eben jetzt. Zu den beiden wichtigen Motiven, die bis jetzt seine Zunge gefesselt hatten, der Achtung für Anne’s Ruf und dem Widerstreben, Blanche etwas über die Täuschung mitzutheilen, die er in dem Wirthshaus gegen sie zu üben genöthigt gewesen war, zu diesen beiden gewichtigen Motiven kam jetzt noch ein drittes hinzu. Ein Vertrauensbruch gegen Geoffrey mußte jetzt, nachdem ihn dieser persönlich beleidigt hatte, nur um so nichtswürdiger erscheinen. Der gemeinen Rache, deren sich dieser falsche Freund von ihm versah, war eine so edle Natur wie Arnold völlig unfähig. Niemals waren seine Lippen fester geschlossen; als in diesem Augenblick, wo seine ganze Zukunft davon abhing, daß Sir Patrick erfuhr, welche Rolle Arnold bei den früheren Ereignissen in Craig-Fernie gespielt hatte.

»Ja, ja«, nahm Sir Patrick wieder auf, »Blanche’s Trauer ist begreiflich genug, aber nach diesem Bericht scheint es fast, als wenn meine Nichte das Verschwinden des unglücklichen Mädchens zu verantworten hätte. Können Sie mir erklären, was Blanche damit zu thun hat?«

»Ich? Blanche selbst ist ganz außer Stande, sich die Sache zu erklären, wie sollte ich es können!«

Diese seine Antwort war vollkommen aufrichtig gemeint. Arnold hatte die, unbestimmte Besorgniß, die Anne über die Lage empfunden, in die sie und Arnold sich unschuldiger Weise im Gasthof versetzt fanden, seinerseits nicht getheilt. Er hatte nicht Acht darauf gegeben, ihre Bedenken nicht einmal verstanden. Die ganz natürliche Folge davon war, daß nicht der leiseste Verdacht des Beweggrundes, von welchem geleitet Anne handelte, jetzt in ihm aufstieg.

Sir Patrick steckte den Brief in seine Brieftasche und gab jeden ferneren Versuch, sich denselben zu erklären verzweifelt auf. »Genug und mehr als zuviel, im Dunkeln getappt«, sagte er, »nur Eines ist mir nachdem was mir diesen Morgen mit Blanche erlebt haben, klar: wir müssen uns die Situation, in die Miß Silvester uns gebracht hat, gefallen lassen. Von diesem Augenblicke an werde ich jeden weiteren Versuch ihre Spur zu verfolgen, aufgeben.«

»Das wird eine schreckliche Enttäuschung für Blanche sein, Sir Patrick.«

»Das leugne ich nicht, wir müssen das eben ertragen.«

»Wenn Sie überzeugt sind, daß nichts weiter geschehen kann, so müssen wir das allerdings.«

»Ich bin nichts weniger als fest überzeugt, lieber Arnold. Es giebt noch zwei Chancen, Aufschluß über die Sache zu erlangen, die ganz unabhängig von Allem sind, was Miß Silvester thun kann, uns im Dunkeln zu halten.«

»Warum wollen wir denn diese Chancen nicht versuchen, Sir Patrick? Es ist doch hart, Miß Silvester jetzt, wo sie sich in einer so traurigen Lage befindet, fallen zu lassen.«

»Wir können ihr nicht gegen ihren eigenen Willen helfen«, antwortete Sir Patrick, »und wir dürfen nach dem nervösen Anfall, den Blanche diesen Morgen gehabt hat, nicht die Gefahr laufen, sie der Aufregung einer ferneren Ungewißheit auszusetzen. Bei dieser ganzen Angelegenheit habe ich das Interesse meiner Nichte im Auge gehabt, und wenn ich jetzt meinen Plan ändere und es ablehne, Blanche durch neue Versuche, die möglicherweise wieder fehlschlagen können, noch mehr aufzuregen, so findet dies seinen Grund darin, daß ich auch jetzt nur ihr Interesse im Auge habe; das ist mein einziges Motiv. Wie viele Schwächen ich auch haben mag, die Ambition, mich als geheimer Polizei-Agent auszuzeichnen, gehört nicht dazu. Vom Standpunkt der Polizei aus ist der Fall durchaus kein verzweifelter, aber ich gebe ihn nichtsdestoweniger um Blanche’s willen auf. Anstatt sie zu ermuntern, diesem melancholischen Gegenstande noch weiter nachzuhängen, müssen wir die, uns von unserem ärztlichen Freund an die Hand gegebenen Mittel, zur Anwendung zu bringen suchen.«

»Wie wolle« wir das anfangen?« fragte Arnold.

Ein leiser Anflug von Humor zeigte sich bei diesen Worten wieder auf Sir Patricks Gesicht. »Bietet sich ihr bei dem Gedanken an die Zukunft nichts, was sie angenehmer beschäftigen könnte, als der Verlust ihrer Freundin?« fragte er. »Sie, mein junger Freund, sind bei dem Mittel, mit dem wir Blanche heilen wollen, persönlich interessirt, Sie sind eine der Medicinen die wir ihr verschreiben müssen; können Sie nicht errathen, was ich meine?«

Arnold sprang auf und strahlte vor Freude.

»Vielleicht haben Sie etwas dagegen, daß die Sache so eilig betrieben wird«, bemerkte Sir Patrick.

»Ich etwas dagegen? Wenn Blanche nur will, ich bin bereit, sie gleich jetzt, sobald sie herunter kommt, in die Kirche zu führen.«

»Ich danke Ihnen, Mr. Arnold Brinkworth«, erwiderte Sir Patrick trocken, »mögen Sie immer so bereit sein die Gelegenheit beim Schopfe zu ergreifen. Setzen Sie sich wieder und seien Sie vernünftig. Das äußerst Mögliche, wenn Blanche will, wie Sie es nennen, und wenn wir die Advokaten dahin bringen können, das Nöthige zu besorgen, wäre, daß Sie sich in drei Wochen oder in einem Monate verheirathen!«

»Was haben denn die Advocaten dabei zu thun?«

»Mein lieber Freund, wir haben es hier nicht mit einer Romanheirath, sondern mit der unromantischsten Angelegenheit von der Welt zu thun. handelt sich hier um einen jungen Mann und eine junge Dame, die beide reich sind, die nach ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihrem Charakter zu einander passen, und von denen der Eine mündig ist und die Andere sich mit der vollen Zustimmung ihres Vormundes verheirathet. Was folgt aus diesem ganz prosaischen Zustand der Dinge? Natürlich Advocaten und Contracte.«

»Lassen Sie uns in die Bibliothek gehen, Sir Patrick, und ich will den Contract bald genug aufsetzen. Ich brauche nur ein Stückchen Papier und einen Tropfen Dinte:

»Hiemit vermache ich mein ganzes Vermögen bis auf den letzten Heller meiner lieben Blanche.«

»Ich unterschreibe das, klebe eine Oblate auf den Bogen und drücke mit dem Finger auf die Oblate, schreibe noch darunter: »»Ich erkläre das Vorstehende für meinen letzten Willen««, und die Sache ist gethan.«

»Glauben Sie wirklich? Sie sind ein geborener Gesetzgeber, Sie schaffen und codificiren Ihr eigenes System in einem Athem. Moses-Justinjan-Mahomed, geben Sie mir Ihren Arm. Es ist doch in dem, was Sie eben gesagt haben, ein Atom von Verstand. Ihre Aufforderung, mit Ihnen in die Bibliothek zu gehen, ist ein der Erwägung werther Vorschlag. Haben Sie zufällig unter anderen Ueberflüssigkeiten des Lebens auch so etwas wie einen Advokaten an der Hand?«

»Ich habe deren zwei, einen in London und einen in Edinburgh.«

»Wir wollen den Nächstwohnenden nehmen, weil wir eilig sind. Wer ist Ihr Advokat in Edinburgh? Pringle in Pittstreet? Sie können keinen besseren haben. Setzen Sie sich hin und schreiben Sie ihm. Sie haben mir das Resüme Ihres Heirathscontracts, mit der Kürze eines alten Römers gegeben. Ich werde mich doch wahrhaftig nicht von einem Dilettanten in der Abdovokatur überflügeln lassen. Hören Sie nun auch mein Resümé: Sie sind gerecht und großmüthig gegen Blanche, Blanche ist gerecht und großmüthig gegen Sie, und Sie Beide vereinigen sich, gerecht und großmüthig gegen Ihre Kinder zu sein. Das ist das Muster eines Ehecontractes und so müssen Ihre Instructionen an Pringle in Pittstreet lauten. Können Sie allein mit dem Brief zu Stande kommen? Nein, natürlich nicht; nun, strengen Sie sich ein wenig an, legen Sie sich die in Betracht kommenden Punkte der Reihe nach zurecht! Sie wollen sich verheirathen. Sie sagen mit wem, Sie fügen hinzu, daß ich der Vormund der Dame bin, Sie nennen den Namen und die Adresse meines Advocaten in Edinburg, Sie schreiben Ihre Instructionen klar und in möglichster Kürze nieder und überlassen die Details Ihrem juristischen Rathgeber, Sie verweisen die Advokaten auf einander, Sie bitten, daß die Entwürfe der Contracte so rasch wie möglich ausgefertigt werden und geben als Ihre Adresse Windygates-House an. Das sind die Hauptpunkte. Können Sie damit zu Stande kommen? O, über die junge Generation, o, über die Fortschritte, die wir in diesem erleuchteten Zeitalter machen! Sehen Sie, Sie können Blanche heirathen und sie glücklich machen und die Bevölkerung vermehren und das Alles, ohne einen guten Brief schreiben zu können. Da kann man wirklich nur wie der Gelehrte Bevoriskius, als er zum Fenster hinaus sah und sich die Zärtlichkeit der Sperlinge betrachtete, sagen: Wie gnädig ist der Himmel gegen seine Geschöpfe. – Nehmen Sie nur die Feder zur Hand, ich will Ihnen dictiren.«

Das geschah, und Sir Patrick überlas den Brief, genehmigte ihn und warf ihn selbst in den Briefkasten. Hierauf verbot er Arnold auf das Strengste, ohne seine ausdrückliche Genehmigung, mit seiner Nichte von der Heirath zu sprechen.

»Es muß noch Jemand anders, außer Blanche und mir seine Zustimmung geben«, sagte er.

»Lady Lundie?«

»Allerdings. Genau genommen bin ich der Einzige, der gefragt zu werden braucht, aber meine Schwägerin ist Blanche’s Stiefmutter, sie ist für den Fall meines Todes zur Vormünderin ernannt und hat ein Recht der Conrtoisie, wenn nicht ein gesetzliches Recht befragt zu werden. Möchten Sie es selbst thun?«

Arnold machte ein klägliches Gesicht und sah Sir Patrick in trübseliger Verzweiflung an.

»Was, Sie können nicht einmal mit einer so nachgiebigen Dame, wie Lady Lundie, reden? Sie sind vielleicht ein sehr brauchbarer Mensch zur See gewesen, aber auf dem Lande ist mir nie ein hülfloseres Wesen vorgekommen; machen Sie, daß Sie in den Garten zu den anderen Sperlingen hinauskommen; Jemand muß Lady Lundie gegenübertreten und wenn Sie es nicht wollen, muß ich es schon für Sie thun.«

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
930 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
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