Kitabı oku: «Mann und Weib», sayfa 25
Achtes Kapitel.
Erstickt
Es ist die Natur der Wahrheit, darnach zu streben, an’s Licht zu dringen. In mehr als einer Richtung rang die Wahrheit in der Zeit zwischen dem Tage; des Triumph? Sir Patricks und dem Hochzeitstage danach, durch das sie verhüllende Dunkel hindurch an’s Licht zu dringen und sich zu offenbaren. Es fehlte im Laufe dieser Zeit nicht an Zeichen einer im Geheimen wirkenden, verderblichen Thätigkeit. Es fehlte in Windygates-House nur an der prophetischen Gabe, diese Zeichen richtig zu deuten. An demselben Tage, an welchem Sir Patrick’s geschickte Behandlung seiner Schwägerin den Weg für die Beschleunigung der Hochzeit gebahnt hatte, erhoben sich Schwierigkeiten gegen dieses neue Arrangement von Seiten keiner geringeren Person, als Blanche selbst. Gegen Mittag hatte sie sich hinreichend erholt um Arnold in ihrem kleinen Wohnzimmer empfangen zu können; die Zusammenkunft war aber nur eine sehr kurze. Eine viertel Stunde später erschien Arnold mit einer Miene, in der sich die höchste Verzweiflung malte, vor Sir Patrick, der sich eben im Garten sonnte. Blanche hatte die Zumuthung, in einem Augenblick, wo Anne’s Verschwinden ihr das Herz gebrochen hatte, an ihre, Hochzeit auch nur zu denken, mit Entrüstung zurückgewiesen. »Sie haben mir doch erlaubt, davon zu sprechen, nicht wahr, Sir Patrick?« sagte Arnold.
Sir Patrick drehte sich ein wenig um, so daß die Sonne ihm noch besser auf den Rücken scheinen konnte und erwiderte dann Arnold, daß er allerdings nach seinem Siege über Lady Lundie, dazu seine Erlaubniß gegeben habe.
»Wenn ich das vorhergesehen hätte, würde ich mir lieber die Zunge ausgerissen haben, als der Hochzeit auch nur mit einer Sylbe zu gedenken! Was glauben Sie, daß sie that, als ich davon sprach? Sie brach in Thränen aus und hieß mich das Zimmer verlassen.«
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Es war ein lieblicher Morgen, ein kühler Wind milderte die Hitze des Tages, die Vögel sangen, der Garten bot den reizendsten Anblick dar. Sir Patrick fühlte sich äußerst behaglich. Die kleinen ermüdenden Quälereien dieses irdischen Daseins waren ihm in eine angenehme Ferne gerückt und er war fest entschlossen, sie sich in diesem Augenblicke nicht nahe kommen zu lassen.
»In einer Welt«, sagte der alte Herr, indem er sich die Sonne noch ein wenig mehr auf den Rücken scheinen ließ, »in einer Welt, die ein gütiger Schöpfer mit lieblichen Bildern, harmonischen Tönen und köstlichen Düften erfüllt hat, wissen die Menschen, welche ausdrücklich dazu geschaffen sind, sich dieser Genüsse zu erfreuen, nichts besseres zu thun, als sich selbstquälerisch zu Martern, sich allen Lebensgenuß zu verleiden, sich einander zu hassen und harte Worte zu sagen, bittere Thränen zu vergießen und sich schlaflos auf ihrem Lager zu wälzen. – Was soll das bedeuten, Arnold, und wie lange soll das noch so fortgehen?«
Der feine Zusammenhang zwischen Blanche’s Verblendung, mit der sie den Gedanken an ihre Hochzeit von sich wies, und der Verblendung der Menschheit gegen die Vortheile ihres Daseins, den der ehrwürdige Philosoph, der sich hier behaglich sonnte, so klar empfand, war für Arnold vollkommen unerfindlich. Er ließ daher Sir Patrick’s philosophische Expectorationen ganz auf sich beruhen und fragte, indem er wieder aus Blanche zurückkam, was er nun thun solle.
»Was thun Sie mit dem Feuer, wenn Sie es nicht löschen können!« fragte Sir Patrick, »Sie lassen es brennen, bis es ausgeht. Was thun Sie mit einem Weibe, das Sie nicht beschwichtigen können? Lassen Sie es auch brennen, bis es ausgeht.«
Arnold vermochte die in diesem vortrefflichen Rathe enthaltene Weisheit wiederum nicht zu erkennen. »Ich habe gehofft, Sie würden mir helfen, die Sache mit Blanche in Ordnung zu bringen?«
»Ich helfe Ihnen ja; lassen Sie Blanche in Ruhe, reden Sie das nächste Mal, wenn Sie sie sehen, nicht von der Heirath mit ihr. Wenn sie der Sache Erwähnung thut, so bitten Sie sie um Verzeihung und sagen ihr, Sie wollten sie mit der Frage durchaus nicht weiter drängen. Ich werde sie in ein paar Stunden sehen und werde genau denselben Ton anschlagen. Sie haben ihr die Idee mitgetheilt, lassen Sie dieser Idee nun Zeit, bei ihr zu reifen, geben Sie ihrem Kummer in Betreff Miß Silvester’s keine Nahrung, reizen Sie denselben nicht durch Widerspruch, und hüten Sie sich davor, Blanche in die Lage zu bringen, ihre Freundin zu verteidigen, überlassen Sie es der Zeit, sie dem Gatten, der ihrer harrt, allgemach näher und näher zu führen und nehmen Sie mein Wort darauf, die Zeit wird das Ihrige gethan haben, noch bevor die Ehecontracte ausgefertigt sein werden.«
Um die Zeit des zweiten Frühstücks sah Sir Patrick Blanche und brachte die Principien, die er vorhin aufgestellt hatte, nun selbst zur Anwendung. Noch ehe ihr Onkel sie verlassen, hatte sich ihre Aufregung wieder gelegt, ein wenig später hatte sie Arnold Alles verziehen und noch ein wenig später war sie, wie der alte Herr mit Genugthuung beobachtete, ungewöhnlich nachdenklich geworden rund sah Arnold von Zeit zu Zeit mit einem ganz neuen Interesse an, das sie scheu vor Arnold zu verbergen suchte.
Sir Patrick ging auf sein Zimmer, um sich zu Tisch anzukleiden in der behaglichen Ueberzeugung, daß endlich die Schwierigkeiten mit denen er sich zu plagen gehabt, beseitigt seien. Niemals in seinem Leben hatte sich Sir Patrick schwerer getäuscht. Das Geschäft der, Toilette war schon weit vorgeschritten, Duncan hatten eben den Spiegel in das rechte Licht gerückt und Duncan’s Herr war eben bei dem täglich wiederkehrenden kritischen Moment angelangt, in welchem es sich um die Erreichung der höchstmöglichen Vollkommenheit in dem Binden der weißen Cravattenschleife handelte, als ein Barbar der keine Ahnung von der hohen Bedeutung der Halsbekleidung eines Gentleman hatte, sich herausnahm, an die Stubenthür zu klopfen. Weder Herr noch Diener rührten sich, bis die Vollkommenheit der Cravattenschleife über jeden Unglückgsfall erhaben war. Dann warf Sir Patrick den letzten kritischen Blick in den Spiegel und athmete wieder freier, als er sah, daß die Schleife gelungen sei. »Ein wenig steif in der Ausführung, Duncan, aber in Betracht der Unterbrechung nicht übel!«
»Gewiß nicht, Sir Patrick!«
»Jetzt sieh’ zu, wer an der Thür ist.«
Duncan ging an die Thür und kehrte mit einem Telegramm in der Hand zu seinem Herrn zurück.
Sir Patrick fuhr bei dem Anblick dieser unwillkommenen Botschaft zusammen. »Unterzeichne den Empfangschein, Duncan, und öffne das Couvert.«
Ja, genau wie er erwartet hatte, Nachricht von Miß Silvester, eben an demselben Tage, wo er beschlossen hatte, jeden ferneren Versuch, ihre Spur zu verfolgen, aufzugeben. Das Telegramm lautete:
»Diesen Morgen Botschaft von Falkirk erhalten. Dame wie beschrieben verließ den Zug in Falkirk gestern Abend, ging diesen Morgen mit erstem Zuge weiter nach Glasgow. Ich erwarte weitere Instructionen.«
»Soll der Bote auf eine Antwort warten, Sir Patrick?«
»Nein, ich muß mir überlegen, was ich thun will; wenn ich es nothwendig finde, werde ich nach der Station schicken. Hier sind Nachrichten von Miß Silvester, Duncan«, fuhr Sir Patrick fort, nachdem der Bote sich entfernt hatte, »man hat ihre Spur bis Glasgow verfolgt.«
»Glasgow ist eine große Stadt, Sir Patrick.«
»Selbst toenn man von Edinburgh aus weiter telegraphirt und sie weiter beobachtet – was bisher nicht geschehen zu sein scheint – so kann sie uns doch in Glasgow wieder entgehen. Ich glaube, ich darf sagen, daß Niemand in der Welt weniger als ich davor zurückschreckt, eine Verantwortlichkeit zu übernehmen, aber ich gestehe, daß ich etwas darum gegeben hätte, wenn ich dieses Telegramm von uns hätte fernhalten können; es zwingt mich zu einer Entscheidung in der unangenehmsten Frage, die mir seit langer Zeit vorgelegen hat. Hilf mir meinen Rock anziehen, Duncun, ich muß nachdenken, ich muß nachdenken!«
Die Mittags-Gesellschaft, die sich an diesem Tage pünktlich bei dem Klange der Tischglocke versammelt hatte, mußte eine viertel Stunde auf das Erscheinen der Wirthin warten. Lady Lundie entschuldigte sich bei ihren Gästen, als sie endlich in die Bibliothek eintrat, damit, daß sie durch den Besuch von Nachbarn, die zu einer ungewöhnlich späten Stunde bei ihr vorgesprochen hätten, zurückgehalten worden sei. Mr. und Mrs. Julius Delamayn hatten sie, da sie gerade in der Nähe von Windygates waren, auf ihrem Heimwege mit einem Besuche beehrt und hatten Einladungskarten zu einem bevorstehenden Gartenfeste überbracht. Lady Lundie war entzückt von der neuen Bekanntschaft, sie hatten alle in Windygates anwesenden Gäste mit eingeladen; sie waren so angenehm und bequem gewesen, wie alte Freunde. Mrs. Dclamayn hatte von einer Dame, die augenblicklich ihr Gast war, Mrs. Glenarm, eine sehr freundliche Botschaft des Inhalts gebracht, daß sie sich ihrer Begegnung mit Lady Lundie in London, bei Lebzeiten des verstorbenen Sir Thomas erinnere und sich nach einer Erneuerung der Bekanntschaft sehne. Mr. Julius Delamayn hatte dann sehr amüsante Berichte von dem Treiben seines Bruders gegeben, der sich einen Lehrer von London habe konnnen lassen. Das ganze Haus sei nun fieberhaft gespannt auf das herrliche Schauspiel eines Athleten, der sich zu einem Wettlaufe vorbereite. Die Damen, Mrs. Glenarm an ihrer Spitze, seien emsig damit beschäftigt, die schwere und verwickelte Frage des menschlichen Rennens, die dabei in Betracht kommenden Muskeln, die dazu erforderlichen Vorbereitungen und die Geschichte der berühmtesten Helden des Wettlaufs zu studiren. Die sämmtlichen Gutsleute seien Geoffrey diesen Morgen behülflich gewesen, in einem entfernten Theile des Parkes – wo sich ein leeres Häuschen befinde, das mit allem, für die Aufnahme Geoffrey’s und seines Lehrers Erforderlichen, ausgestattet werden solle – eine englische Meile zum Behuf seiner Uebungen abzustecken. »Sie werden meinen Bruder«, hatte Julius gesagt, »bei dem Gartenfeste zum letzten Male sehen, nachher zieht er sich in athletische Einsamkeit zurück, um sich ausschließlich der Beobachtung des Schwindens seines für das Rennen überflüssigen Fleisches hinzugeben.« Während des ganzen Diners gab Lady Lundie ihrer vortrefflichen Laune durch überschwängliches Lob ihrer neuen Freunde einen für die Gäste etwas lästigen Ausdruck.
Sir Patrick seinerseits war seit Menschengedenken nicht so schweigsam gewesen, er sprach mit Anstrengung und hörte mit noch größerer Anstrengung zu, Ob er das in seiner Tasche befindliche Telegramm beantworten, ob er aus seinem Beschluß, Miß Silvester sich selbst zu überlassen, beharren solle oder nicht, das waren die Fragen, die mit derselben Regelmäßigkeit an ihn herantraten, wie die aus einander folgenden Gerichte.
Blanche, die sich nicht stark genug gefühlt hatte bei Tische zu erscheinen, kam nach Tisch in den Salon. Als sich auch Sir Patrick später mit den übrigen Herren zum Thee dort einfand, war er noch immer über den von ihm einzuschlagenden Weg in Betreff des Telegramms unschlüssig. Ein Blick auf Blanche’s betrübtes Gesicht und Blanche’s verändertes Wesen gab den Ausschlag. Was würde die Folge sein, wenn er durch Wiederaufnahme einer Verfolgung der Spur Miß Silvesters neue Hoffnungen bei Blanche erweckte und wenn er Anne’s Spur dann zum zweiten Mal verlöre? Er brauchte nur seine Nichte anzusehen, um sich diese Frage zu beantworten; gab es eine Erwägung, die es rechtfertigen konnte, wenn er Blanche’s Aufmerksamkeit wieder auf die Erinnerung an die Freundin, die sie verlassen hatte, lenkte, und das in einem Augenblick wo sie eben im Begriff stand, sich dem anziehenden Gedanken an ihre Hochzeit zuzuwenden? Nichts hätte das rechtfertigen können und nichts solle ihn bewegen, das zu thun. Auf Grund dieses von seinem Standpunkte gewiß verständigen Raisonnemens beschloß Sir Patrich keine weiteren Instructionen an seinen Freund in Edinburgh ergehen zu lassen. Darnach befahl er Duncan, das strengste Schweigen in Betreff der Ankunft des Telegramms zu beobachten und verbrannte es, um jede Gefahr zu beseitigen, mit eigener Hand auf seinem Zimmer.
Als Sir Patrick am nächsten Morgen zum Fenster hinaus blickte, sah er, wie die beiden jungen Leute, die ihren Morgenspaziergang machten, eben über den offenen Rasen zwischen den beiden mit Gebüsch bestandenen Wegen dahinschritten. Arnold hielt Blanche umschlungen und sie unterhielten sich vertraulich. »Sie fängt schon an sich zu fügen«, dachtes der alte Herr, als sich die Beiden wieder in den zweiten Gebüschweg verloren und sich so seinen Blicken entzogen. »Dem Himmel sei Dank! Endlich fangen die Dinge an glatt zu gehen!«
Unter den Bildern, mit denen Sir Patricks Schlafzimmer geschmückt war, befand sich eine von der Höhe aus aufgenommene Ansicht eines Wasserfalles in den Hochlanden. Wenn er in diesem Augenblick, wo er vom Fenster zurücktrat, einen Blick auf die Landschaft geworfen hätte, so würde er gesehen haben, daß ein Fluß, der in einem Augenblick sanft und glatt dahinfließt, im nächsten Augenblicke im wildesten Laufe daher brausen kann, und würde sich vielleicht nicht ohne böse Ahnungen erinnert haben, daß man von Alters her den Lauf eines Stromes treffend mit dem Laufe des menschlichen Lebens verglichen hat!
Glasgow
Neuntes Kapitel.
Anne consultirt Advocaten
An dem Tage, wo Sir Patrick das zweite Telegramm von Edinburgh erhielt, wurden vier respectable Bewohner der Stadt Glasgow durch das Erscheinen eines interessanten Gegenstandes an dem monotonen Horizont ihres täglichen Lebens in Aufruhr versetzt. Die Personen, welche in dieser Weise aufgeregt wurden, waren Mr. und Mrs. Karnegie, Besitzer des »Schöpfen-Hotels«, und die Herren Camp und Crum, Beide Advocaten.
Es war noch früh am Tage, als eine Dame in einem Fiaker, von der Eisenbahn vor dem »Schöpfen-Hotel« anlangte; ihr Gepäck bestand aus einem schwarzen Koffer und einer abgenutzten ledernen Reisetasche. Der Name auf dem Koffer, wie er auf einem frischen Gepäck zettel geschrieben stand, war ein in Schottland und England sehr wohltönender, einer großen Anzahl von Damen gemeinsamer: Mrs Graham.
Mrs. Graham bat den in der Thür des Hotels stehenden Wirth, ihr ein Schlafzimmer anzuweisen, und wurde alsbald dem dienstthuenden Hausmädchen übergeben.
Als Mr. Karnegie in den Raum hinter dem Schenktisch, wo die Rechnungen geführt wurden, zurückkehrte, überraschte er seine Frau durch schnellere Bewegungen und ein heitereres Aussehen, als sie bei ihm gewöhnlich waren. Mr. Karnegie, der sich den schwarzen Koffer auf dem Vorplatz betrachtet hatte, meldete, daß eben eine Mrs. Graham angekommen und auf der Stelle als Bewohnerin des Zimmers No. 17. zu buchen sei. Da seine Frau ihm in wenig verbindlicher Weise zu wissen that, daß diese Mittheilung durchaus nicht genüge, um das Interesse, welches eine völlig Fremde bei ihm erregt zu haben scheute, zu erklären, rückte Mr. Karnegie mit der Sprache heraus und berichtete, daß Mrs. Graham die hübscheste Frau sei, die er seit langer Zeit gesehen habe, und daß er fürchte, es stehe mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten.
Bei dieser Antwort wurden Mrs. Karnegie’s Augen bebeutend größer und ihre Wangen bedeutend rother. Sie erhob sich von ihrem Stuhl und erklärte, es werde wohl eben so gut sein, wenn sie die Einführung Mrs. Graham’s in ihr Zimmer selbst überwache und sich selbst überzeuge, ob Mrs. Graham ein passender Gast für das »Schöpfen-Hotel« sei.
Darauf that Mr. Karnegie was er immer that, er stimmte seiner Frau bei.
Mrs. Karnegie entfernte sich auf kurze Zeit. Bei ihrer Rückkehr richteten sich ihre Augen mit einem tigerartigen Ausdruck auf ihren Gatten; sie beorderte Thee und eine leichte Erfrischung auf No. 17 und wandte sich, nachdem sie das gethan hatte, ohne daß sie irgend wie zu einer beleidigenden Bemerkung gereizt worden wäre, gegen Mr. Karnegie mit den Worten: »Karnegie, Du bist ein Narr!«
Karnegie fragte: »Warum liebes Kind?«
Mrs Karnegie schnalzte mit den Fingern und sagte: »Das gebe ich für ihr hübsches Gesicht, wenn Du die hübsch findest, weißt Du nicht, was eine hübsche Frau ist!«
Mr. Karnegie stimmte seiner Frau bei. Dann sagten Beide nichts weiter und der Kellner erschien mit seinem Theebret am Schenktisch. Nachdem Mrs. Karnegie das Theebret hatte fortbringen lassen, ohne ihre gewöhnliche Untersuchung mit demselben anzustellen, setzte sie sich plötzlich heftig nieder und sagte zu ihrem Gatten, der inzwischen kein Wort geäußert hatte: »Sprich mir nicht von ihrer schlechten Gesundheit. Das gebe ich für ihre schlechte Gesundheit, Sie hat Kummer!«
Mr. Karnegie sagte: »In der That?s«
Mrs. Karnegie erwiderte: »Wenn ich etwas gesagt habe, so betrachte ich es als eine Beleidigung, wenn jemand Anderes fragt, ob es sich in der That so verhält.«
Mr. Karnegie stimmte seiner Frau bei.
Es entstand eine neue Pause. Mrs. Karnegie schrieb mit dem Ausdruck der Entrüstung eine Rechnung aus. Mr. Karnegie sah sie erstaunt an. Mrs. Karnegie fragte ihn möglich, »Warum er seine Zeit damit vergeude, sie anzusehen, da er doch binnen Kurzem wieder Mrs. Graham ansehen könne.«
Darauf versuchte Mr. Karnegie die Sache dadurch gütlich beizulegen, daß er inzwischen seine eigenen Stiefel ansah.
Mrs. Karnegie fragte nun, ob sie nach einer zwanzigjährigen Ehe vielleicht einer Antwort von ihrem eigenen Manne würdig wäre. Wenn er sie mit der einfachsten Höflichkeit, mehr erwarte sie nicht, behandelt hätte, so würde sie ihm noch weiter mitgetheilt haben, daß Mrs. Graham im Begriff stehe auszugehen; vielleicht hätte sie sich auch bewogen gefunden zu erwähnen, daß Mrs. Graham eine sehr merkwürdige Frage geschäftlicher Natur an sie, während sie oben war, gerichtet habe. Wie die Dinge aber nun standen, wären Mrs. Karnegie’s Lippen geschlossen und Mr. Karnegie würde nicht leugnen können, daß er eine solche Behandlung reichlich verdient habe.
Mr. Karnegie stimmte seiner Frau bei.
Eine halbe Stunde später kam Mrs. Graham die Treppe herunter und man holte einen Fiaker für sie herbei.
Mr. Karnegie hielt sich in Furcht vor den Folgen, die ein anderes Verhalten nach sich ziehen konnte, in einem Winkel. Mrs. Karnegie folgte ihm in den Winkel und fragte, wie er sich unterstehen könne, sich so zu benehmen und wie er es wagen könne, nach zwanzigjähriger Ehe zu glauben, daß seine Frau eifersüchtig sei. »Geh’, Du Dummkopf, und hilf Mrs. Graham in den Wagen.« – Mr. Karnegie gehorchte. An dem Wagenfenster fragte er, wohin er den Kutscher dirigiren solle. – Die Antwort lautete: »nach dem Bureau des Advocaten Mr. Camp.«
Die Voraussetzung daß Mrs. Graham eine Fremde in Glasgow sei und die Thatsache, daß Mr. Camp Mr. Karnegies Advocat war, legten diesem den Schluß nahe, daß Mrs. Graham’s merkwürdige an seine Frau gerichtete Frage, sich auf ein Rechtsgeschäft und auf die Empfehlung einer vertrauenswürdigen Person, die im Stande sei, das Geschäft für sie abzuschließem bezogen habe.
An den Schenktisch zurückgekehrt, fand Mr. Karnegie seine älteste Tochter mit der Beaufsichtigung der Bücher und Rechnungen und der Kellner beschäftigt. Mrs. Karitegie hatte sich auf ihre Zimmer zurückgezogen, mit Recht über das abscheuliche Benehmen, mit dem Mr. Karnegie, Mrs. Graham vor ihren eigenen Augen in den Wagen geholfen hatte, entrüstet.
»Es ist die alte Geschichte, Papa!« bemerkte Miß Karnegie vollkommen ruhig. »Natürlich hatte Mama Dich aufgefordert, es zu thun und erklärte dann Du habest sie vor allen Kellnern, beleidigt; ich begreife nicht wie Du das aushältst.«
Mr. Karnegie blickte auf seine Stiefel und sagte: »Ich begreife es auch nicht, liebes Kind!«
Miß Karnegie sagte: »Du willst doch nicht wieder zu Mama gehen.«
Mr. Karnegie blickte wieder von seinen Stiefeln auf und sagte: »ich muß, liebes Kind!«
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»Mr. Camp saß in seinem Arbeitscabinet in seine Akten vertieft. Zahlreich, wie diese Documente waren, schienen sie Mr. Camp doch noch nicht zu befriedigen. Er zog die Klingel und beorderte weitere Papiere. Der Schreiber erschien mit einem neuen Convolut von Papieren und überbrachte gleichzeitig die Botschaft: »Eure, von dem »Schöpfen-Hotel« empfohlene Dame wünsche Mr. Camp in Geschäften zu sprechen.« Mr. Camp sah nach seiner Uhr, die in einem kleinen Uhrgehäuse auf dem Tische, vor seinen Augen, die kostbare Zeit angab und sagte: »Führen Sie die Dame in zehn Minuten herein.« Nach zehn Minuten erschien die Dame, sie setzte sich auf den für Clienten bereit gehaltenen Stuhl und lüftete den Schleier. Denselben Eindruck, den ihr Anblick auf Karnegie hervorgebracht hatte, empfing jetzt auch Mr. Camp. Zum ersten Male seit langen Jahren fühlte er ein persönliches Interesse an einer ihm vollkommen Fremden. Vielleicht war es etwas in ihrem Wesen, aber was es auch sein mochte, es fesselte ihn und machte ihn zu seiner eigenen Ueberraschung außerordentlich begierig zu hören, was sie ihm zu sagen habe. Die Dame berichtete mit einer leisen, sanften, von einer stillen Trauer umflorten Stimme, daß sie sich eine Auskunft über eine Frage des schottischen Eherechts zu erbitten komme und daß ihr eigener Seelenfrieden und das Glück einer ihr sehr theuren Person gleich sehr von der Meinung abhingen, welche Mr. Camp, nachdem er in den Besitz der nöthigen Thatsachen gelangt sein werde, abgeben könne. Dann schritt sie dazu, die Thatsachen, ohne Namen zu nennen, anzugeben, indem sie bis auf die kleinsten Umstände genau dieselbe Folge von Ereignissen mittheilte, welche Geoffrey Delamayn bereits an Sir Patrick mitgetheilt hatte, mit dem einzigen Unterschiede, daß sie offen bekannte, selbst die Person zu sein, welche zu erfahren wünsche, ob sie nach schottischem Recht jetzt als eine verheirathete Frau zu betrachten sei oder nicht.
Die Meinung, welche Mr. Camp, nachdem er gewisse Fragen gethan und beantwortet erhalten hatte, abgab, wich von der Meinung, die Sir Patrick in Windygates ausgesprochen hatte, ab; auch er citirte den Ausspruch des berühmten Richters Lord Deafe, aber er zog seinen eigenen Schluß daraus. »In Schottland bewirkt die Uebereinstimmung beider Theile den Abschluß einer Ehe«, sagte er, »und diese Uebereinftimmung kann durch Schlüsse bewiesen werden. Ich finde genügende Veranlassung zu einem Schluß auf Uebereinstimmung in den mir von ihnen mitgetheilten Umständen und erkläre: »Sie sind eine verheirathete Frau!«
Die Wirkung, die dieser Ausspruch auf die Dame hervorbrachte, war so beunruhigend, daß Mr. Camp sich veranlaßt fand, eine Botschaft an seine Frau hinauf zu senden. In Folge dessen erschien Mrs. Camp, zum ersten Male in ihrem Leben während der Geschäftsstunden, in dem Arbeits-Cabinet ihres»Gatten. Als Mrs. Camps Dienste die Dame einigermaßen wieder zu sich gebracht hatten, stellte sich auch Mr. Camp mit einem Worte berufsmäßiger Tröstung ein. Wie Sir Patrick, so anerkannte auch er die seandalöse, durch die Verwirrung und Unsicherheit des schottischen Eherechts hervorgerufene Verschiedenheit der Ansichten. Wie Sir Patrich so erklärte auch er es für vollkommen möglich, daß ein anderer Advocat zu einem ganz anderen Schluß gelangen könne. »Gehen Sie«, sagte er, indem er ihr seine Karte mit einer geschriebenen Zeile gab, »zu meinem Collegen Crum und sagen Sie, daß ich Sie schicke!«
Die Dame sagte Mr. und Mes. Camp ihren verbindlichsten Dank und begab sich direct nach Mr. Crum’s Bureau. Mr. Crum war der ältere und härtere der beiden Advocaten und doch war auch er nicht unempfindlich für den Reiz, den diese Frau mehr oder weniger auf jeden Mann, der mit ihr in Berührung kam, ausübte. Er hörte ihr mit einer Geduld zu, die selten bei ihm war, stellte ihr seine Fragen mit einer sanften Freundlichkeit, die noch seltener bei ihm war, und sprach, als er sich im Besitz der Thatsachen befand, eine der Ansicht seines Collegen gerade entgegengesetzte Meinung aus. »Das ist keine Heirath, Madame«, erklärte er positiv, »Indicien, aus denen vielleicht Schlüsse auf eine Heirath gezogen werden können, wenn Sie beabsichtigen, einen Anspruch auf den Mann geltend zu machen, das beabsichtigen Sie aber, »wenn ich recht verstanden habe, nicht.«
Der Trost, den die Dame bei dein Ausspruch dieser Meinung empfand, überwältigte sie beinahe. Einige Minuten lang war sie unfähig, zu reden.
Mr. Crum that, was er in seinem ganzen Leben noch nicht gethan hatte, er klopfte seiner Clientin auf die Schulter und, noch unerhörter, er gestattete dieser Clientin, ihn um seine Zeit zu bringen.
»Warten Sie ruhig, bis Sie sich gefaßt haben«, sagte Mr. Crum, indem er einen Paragraphen des Gesetzes der Humanität zur Anwendung brachte. Die Dame gewann wieder Fassung.
»Ich muß noch einige Fragen an Sie richten«, sagte Mr. Crum, indem er sich nun wieder dem Gesetz des Landes zuwandte.
Die Dame verneigte sich und hörte seine Fragen an.
»Ich weiß bereits, daß Sie keinen Anspruch an den Herrn erheben wollen; ich möchte jetzt wissen, ob der Herr einen Anspruch an Sie erheben wird?«
Die Antwort auf diese Frage lautete ganz positiv; der Herr habe nicht einmal eine Ahnung von der Lage, in der er sich befinde, und noch mehr, er sei verlobt mit der theuersten Freundin, die sie auf der Welt habe.
Mr. Crum machte große Augen, dachte nach und that in möglichst delicater Weise eine andere Frage.
»Würde es nicht allzu peinlich für Sie sein, mir zu sagen, wie der Herr in die fatale Situation gekommen ist, in der er sich jetzt befindet?«
Die Dame gestand, daß es ihr unbeschreiblich peinlich sein würde, die Frage zu beantworten.
Mr. Crum versuchte es, ihr in Gestalt einer Frage die Antwort an die Hand zu geben. »Würde es Ihnen auch peinlich sein, die Umstände der Zusammenkunft – im Interesse des künftigen Glückes des Mannes – einer discreten Person, am besten einem Juristen mitzutheilen, der Ihnen nicht, wie, ich, völlig fremd wäre?«
Die Dame erklärte sich bereit, unter diesen Umständen, um ihrer Freundin willen, jedes noch so schmerzliche Opfer zu bringen.
Mr. Crum dachte noch eine Weile nach und gab dann seinen Rath dahin: »Bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge brauche ich Ihnen nur den ersten Schritt anzugeben, den Sie unter den obwaltenden Umständen zu thun haben. Benachrichtigen Sie auf der Stelle den Herrn mündlich oder schriftlich von der Lage, in der er sich befindet, und autorisiren Sie ihn, den Fall einer Ihnen Beiden bekannten Person vorzulegen, die competent ist, darüber zu entscheiden, was Sie zunächst zu thun haben. Habe ich Sie recht verstanden, daß Sie eine dazu qualificirte Person kennen?«
Die Dame bejahte diese Frage.
Mr. Crum fragte, ob bereits»ein Tag für die Hochzeit des Herrn festgesetzt sei.
Die Dame antwortete, daß sie selbst diese Frage bei der letzten Gelegenheit, wo sie die Verlobte des Herrn gesehen, an diese gerichtet und von ihr erfahren habe, daß die Hochzeit an einem später festzusetzenden Tage Ende Herbst stattfinden solle.
»Das ist ein glücklicher Umstand«, sagte Mr. Gram. »Sie haben also noch Zeit, und die Zeit ist hier von großer Wichtigkeit, sehen Sie sich wohl vor, daß Sie sie nicht ungenützt verstreichen lassen.«
Die Dame erklärte, sie wolle in ihr Hotel zurückkehren, um noch mit der Abendpost an den Herrn zu schreiben, ihn über die Lage, in der er sich befinde, aufzuklären und ihn zu autorisiren, die Angelegenheit einem ihnen Beiden befreundeten, competenten und vertrauenswürdigen Mann zu übergeben. Als sie aufstand, um das Zimmer zu verlassen, ergriff sie ein Schwindel und ein plötzlicher Schmerz, der sie tödtlich erbleichen machte und sie zwang, sich wieder niederzusetzen.
Mr. Crum war unverheirathet, hatte aber eine Haushälterin und bot der Dame an, diese kommen zu lassen. Die Dame machte eine abwehrende Bewegung, sie trank etwas Wasser und bekämpfte ihren Schmerz.
»Es thut mir leid, daß ich Sie beunruhigt habe«, sagte sie. »Es ist nichts, es geht mir schon besser.« Mr. Crum gab ihr den Arm und führte sie an den Wagen; sie sah so bleich und schwach aus, daß er sich erbot, seine Haushälterin mitzuschicken, und bemerkte, es seien nur fünf Minuten nach dem Hotel zu fahren. Die Dame dankte und fuhr allein fort.
»Der Brief!« sagte sie, als sie allein war, »wenn ich nur noch so lange lebe, um den Brief zu schreiben.«
