Kitabı oku: «Mann und Weib», sayfa 26
Zehntes Kapitel.
Anne in den Zeitungen
Mrs. Karnegie war eine Frau von schwacher Intelligenz und heftigem Temperament, leicht beleidigt und meistens nicht leicht wieder zu beschwichtigen, aber ihr Charakter war, wie es bei uns Allen mehr oder weniger der Fall ist, aus sehr verschiedenen Elementen zusammengesetzt und sie hatte neben ihren mancherlei Fehlern auch ihre guten Eigenschaften. Saamenkörner guter Gefühle waren in den entferntesten Winkeln ihres Herzens verstreut und harrten nur der befruchtenden Gelegenheit, um aufzukeimen. Die Gelegenheit bot sich und übte ihren wohlthuenden Einfluß, als der Wagen Mr. Crum Clientin nach dem Hotel zurückbrachte. Das Aussehen der erschöpften und tief betrübten Frau, als sie langsam über den Vorplatz schritt, brachte alle besseren Seiten in Mrs. Karnegie’s Natur zur Entfaltung und sprach vornehmlich zu ihr: Eifersüchtig auf dieses gebrochene Geschöpf? Bist Du nicht auch Weib und Mutter und hörst Du hier nicht einen Aufruf an Eure gemeinschaftliche Weiblichkeit?
»Ich fürchte, Sie haben sich zu sehr angestrengt, Madame, soll ich Ihnen nicht eine Erfrischung hinaufschicken?«
»Schicken Sie mir Feder, Tinte und Papier, ich habe einen Brief zu schreiben und zwar sofort!«
Mrs. Karnegie’s Vorstellungen dagegen waren vergeblich. Mrs. Graham war bereit, Alles anzunehmen, was man ihr vorschlug, wenn man sie nur zuerst mit den Schreibmaterialien versehen wolle.
Mrs. Karnegie schickte dieselben hinauf und braute dann mit eigenen Händen ein Getränk aus Eiern und heißem Wein, für weiches das »Schöpfen-Hotel« berühmt war. In fünf Minuten war dasselbe bereitet und Miß Karnegie wurde von ihrer Mutter, die im Augenblick etwas: Anderes zu thun hatte, damit hinauf geschickt. Nach Verlauf einiger Minuten hörte man von dem oberen Vorplatz her einen« beunruhigenden Schrei. Mrs. Karnegie erkannte die Stimme ihrer Tochter und eilte nach dem Schlafzimmer.
»O Mama, sieh’ sie an, sieh sie an;« der Brief, von dem die ersten Zeilen geschrieben waren, lag auf dem Tisch, die Frau lag auf dem Sopha, das Taschentuch zwischen die Zähne geklemmt, mit schrecklich anzusehendem verzerrten Gesicht.
Mrs. Karnegie richtete sie ein wenig auf, untersuchte sie genau, wechselte dann plötzlich die Farbe und schickte ihre Tochter mit der Weisung hinaus, sofort einen Boten nach einem Arzte abzusenden.
Sobald sich Mrs. Karnegie mit der Leidenden allein befand, trug sie diese in ihr Bett. Als sie sie hinlegte, sank Anne’s linke Hand hilflos über das Bett herab. Mrs. Karnegie hielt das Wort der Theilnahme, das ihr auf den Lippen schwebte, plötzlich zurück, erfaßte die Hand und betrachtete mit einem streng forschenden Blick den dritten Finger derselben. An dem Finger steckte ein Ring. Mrs. Karnegie’s Gesicht nahm sofort wieder einen milderen Ausdruck an; das Wort des Mitleids, das sie noch eben zurückgehalten hatte, sprach sie nun aus. »Armes Kind»sagte die respektable Wirthin, indem sie sich an dem Schein genügen ließ. »Wo ist Ihr Mann, liebes Kind? Versuchen Sie, es mir zu sagen.«
In diesem Augenblick erschien der Arzt.
Die Zeit verfloß und Mr. Karnegie und seine Tochter, welche die Hotelgeschäfte weiter besorgt hatten, erhielten nach einiger Zeit eine Botschaft Von oben, die ein ungewöhnliches Ereigniß zu verkündigen schien.
Die Botschaft lautete dahin, Mr. Karnegie möge die Güte haben, sofort zu einer erfahrenen Wärterin, deren Namen und Adresse angegeben wurden, mit einer Empfehlung des Doktors zu schicken.
Die Wärterin wurde geholt und hinauf geschickt.
Wieder verfloß die Zeit, die Geschäfte des Hotels nahmen ihren Fortgang und es war bereits spät geworden, als Mrs. Karnegie endlich wieder hinter dem Schenktisch erschien.
Das Gesicht der Wirthin trug einen feierlich ernsten Ausdruck, ihr ganzes Wesen schien gedämpft. »Sehr, sehr krank,« lautete die einzige Antwort, die sie aus die Fragen ihrer Tochter gab.
Etwas später, als sie mit ihrem Gatten allein war, erzählte sie demselben genauer, was oben vorgegangen war.
»Ein todtgebornes Kind,« sagte Mrs. Karnegie in einem sanfteren Ton, als er ihr sonst geläufig war. »Und die arme Mutter liegt, so viel ich sehen kann, im Sterben.«
Etwas später kam der Doctor herunter.
»Ist sie todt?«
»Nein.«
»Wird sie am Leben bleiben?«
»Das kann ich unmöglich sagen.«
»Der Doctor kam noch zweimal im Laufe der Nacht. Beide Male hatte er auf alle Fragen nur die eine Antwort: »Wir müssen bis morgen warten.«
Am folgenden Tage erholte sich die Kranke ein wenig. Nachmittags fing sie an zu reden. Der Anblick fremder Gesichter an ihrem Bett schien sie nicht zu überraschen; sie phantasirte, verfiel dann wieder in einen Zustand völliger Bewußtlosigkeit und dann wieder in Fieberphantasien.
Der Doctor erklärte: »Dieser Zustand kann noch Wochen dauern, kann aber auch rasch mit einem plötzlichen Tode enden; es ist Zeit, daß Sie Schritte thun, um ihre Angehörigen zu ermitteln.«
Man erholte sich Raths bei Mr. Camp. Das erste, was er zu sehen verlangte, war der unvollendete Brief.
Der Brief war mit Tintenflecken bedeckt und von den wenigen geschriebenen Worten war mehr als eines unleserlich. Mit Mühe und Anstrengung brachte man die Anrede und hie und da einige Fragmente der auf dieselbe folgenden Zeilen heraus.
Der Brief begann: »Lieber Mr. Brinkworth.« Dann wurde die Handschrift allmählich immer schlechter, nur schwer konnte man die folgenden Worte entziffern. »Ich würde....schlecht vergelten … Blanche’s Interessen . . . . Um Gotteswillen! . . . . denken Sie nicht an mich....« Dann folgten noch einige völlig unleserliche Zeilen. Mit den in dem Brief vorkommenden Namen beschäftigte sich die Kranke, wie der Doctor und die Wärterin berichteten, auch in ihren Fieberphantasien. »Mr. Brinkworth« und »Blanche« – bei diesen beiden« Personen verweilten ihre Gedanken fortwährend. Das einzige, außer diesen Namen, von ihren Phantasien Verständliche, war der Brief, dessen sie beständig in Verbindung mit jenen beiden Personen gedachte. Sie versuchte es unablässig, den unvollendeten Brief auf die Post zu bringen, konnte aber nie hingelangen. Bisweilen lag die Post jenseits des Meeres, bisweilen auf dem Gipfel eines unersteiglichen Berges, ein anderes Mal war sie von riesigen Mauern rings umgeben; dann wieder hielt ein Mann sie grausam in dem Augenblick zurück, wo sie die Post erreicht hatte, und schleppte sie Tausende von Meilen weit weg; ein- oder zweimal nannte sie diesen Mann beim Namen. Die Umstehenden brachten heraus, daß der Name »Geoffrey«, war.
Da man weder in dem unvollendenten Briefe, noch in den verworrenen Reden, die ihr von Zeit zu Zeit entfuhren einen Aufschluß über ihre Person fand, so beschloß man, ihr Gepäck zu durchsuchen und die Kleider, die sie bei ihrem Eintreffen im Hotel getragen hatte, genau zu besichtigen. Ihr schwarzlederner Reisekoffer trug seine Neuheit an der Stirn. Beim Oeffnen desselben fand man darin die Adresse eines Glasgower Sattlers. Auch ihr Leinenzeug war neu und ungezeichnet; man fand noch die quittirte Rechnung über dasselbe. Die betreffenden Ladeninhaber, an die man sich in beiden Fällen wandte, sahen in ihren Büchern nach. Es ergab sich, daß die Dame sowohl den Koffer wie das Leinenzeug erst am Tage ihres Eintreffens im Hotel, gekauft hatte.
Demnächst öffnete man die schwarze Reisetasche. Man fand darin eine Summe von achzig bis neunzig Pfund in Banknoten, einige Toilettengegenstände, Nähmaterial und die Photographie einer jungen Dame, auf der die Worte standen: »Anne, von Blanche«, aber keine Briefe und Nichts, was auch nur entfernt auf die Spur der Person der Eigenthümerin hätte führen können. Dann untersuchte man die Tasche ihre Kleides; dieselbe enthielt eine Börse, eine leere Visitenkartentasche, und ein neues, ungezeichnetes Taschentuch.
Mr. Camp schüttelte den Kopf.
»Das Gepäck einer Dame«, sagte er, »das keine Briefe enthält, erweckt in mir die Vermuthung, daß die Dame ihre besonderen Gründe hat, ihre Bewegungen geheim zu halten. Ich argwöhnt, daß sie zu diesem Zweck ihre Briefe vernichtet und ihre Visitenkartentasche geleert hat.«
Der Bericht, den Mrs. Karnegie erstatten, nachdem sie das Leinenzeug, daß die sogenannte Mrs. Graham bei ihrem Eintreffen im Hotel getragen, untersucht hatte, bestätigte die Richtigkeit der Ansicht des Abdocaten. Aus jedem einzelnen Stück war das Namenzeichen ausgeschnitten. Mrs. Karnegie fing an zu zweifeln, ob der Ring, den sie an dem dritten Finger der linken Hand der Dame gesehen hatte, mit der Sanction des Gesetzes aufgesteckt sei.
Es blieb nur noch eine Möglichkeit, ihre Angehörigen aufzufinden, übrig. Herr Camp entwarf eine Anzeige, die man in die Glasgower Zeitungen einrücken lassen wollte. Wenn diese Zeitungen zufällig einem Mitglied ihrer Familie zu Gesicht kommen sollten, so würde die Familie sich höchst wahrscheinlich melden. Im entgegengesetzten Fall würde nichts zu thun übrig bleiben, als ihre Wiederherstellung oder ihren Tod abzuwarten und inzwischen ihr Geld zu versiegeln und in dem Geldschrank des Wirths zu verschließen.
Die Anzeige erschien. Man wartete drei Tage, aber es erfolgte nichts. Auch in dem Befinden der Kranken trat während dieser Zeit keine bemerkenswerthe Veränderung ein. Am Abend des dritten Tages erschien Mr. Camp und sagte: »Wir haben unser Bestes gethan, es bleibt uns jetzt nichts übrig, als zu warten.«
An demselben Abend herrschte in weiter Ferne, in Perthshire in Windygates-House, laute Freude. Blanche hatte endlich Arnold’s Bitten ein williges Ohr geliehen und hatte sich damit einverstanden erklärt, daß man ihr Hochzeitskleid in London bestelle.
Swanhaven Lodge
Elftes Kapitel.
Die Saat der Zukunft. Erste Aussaat
»Nicht so groß wie Windygates, aber behaglich, was Jones?«
»Und gemüthlich, Smith, ich bin ganz Ihrer Meinung.«
So lautete das von den beiden Herren Choristen ausgesprochene Urtheil über Mr. Julius Delamayn’s schottisches Landhaus Das Urtheil, das Smith und Jones hier fällten, war unstreitig richtig. Swanhaven Lodge war nicht halb so groß wie Windygates, aber es war zu der Zeit, wo der Grundstein von Windygates gelegt wurde, schon seit zweihundert Jahren bewohnt gewesen und hatte die Vorzüge ohne die Nachtheile seines Alters. Alte Häuser pflegen sich dem Character ihrer Bewohner anzupassen, wie sich alte Hüte den menschlichen Köpfen anpassen. Der Besucher von Swanhaven Lodge hatte beim Fortgehen eine Empfindung, als ob er seine Heimath verließe. Es gehörte zu den wenigen Häusern, die uns, außer unserem eigenen, sympathisch anmuthen. Der Garten war weder an Größe noch an Pracht entfernt mit dem von Windygates zu vergleichen. Aber der Park war schön, weniger sorgfältig angelegt, aber auch weniger monoton als ein gewöhnlicher englischer Park. Der See an der nördlichen Grenze des Gutes war berühmt wegen seiner Schwanenzucht und gehörte zu den Merkwürdigkeiten der Gegend, und die Geschichte des Hauses, die es mit mehr als einem berühmten schottischen Namen verknüpfte, hatte Julius Delamayn selbst geschrieben und illustrirt. Besucher von Swanhaven Lodge erhielten regelmäßig ein Exemplar des Buches, das der Verfasser für seine Freunde hatte drucken lassen. Einer unter zwanzig las es, die Uebrigen erklärten es für höchst »unterhaltend« und begnügten sich damit, die Bilder anzusehen.
Es war der letzte August und in Swanhaven Godge fand das von Mr. und Mrs Delamayn gegebene Gartenfest statt. Smith und Jones, die mit den übrigen Gästen von Windygates in Lady Lundie’s Gefolge erschienen waren, tauschten ihre Ansichten über die Vorzüge des Hauses auf einer Terrasse hinter dem Hause aus. Sie bildeten die Avantgarde der Besucher, die, zu Zweien und Dreien aus dem Empfangszimmer tretend, alle die Schwäne sehen wollten, bevor das Gartenfest seinen Anfang nähme. Julius Delamayn erschien mit dem ersten Detachement, rekrutirte unterwegs Smith und Jones und andere im Garten zerstreute Junggesellen und begab sich nach dem See. Ein Paar Minuten lang blieb die Terrasse leer. Dann erschienen an der Spitze eines zweiten Detachements der Gäste, zwei Damen unter dem alten steinernen Portal, welches dem Eingange an dieser Seite des Hauses zum Schutz diente. Die eine der beiden Dame war eine kleine, bescheidene, angenehme, sehr einfach gekleidete Frau; die andere gehörte zu dem großen und imponirenden Geschlecht der »schönen Frauen« und war prachtvoll gekleidet. Die erste war Mrs. Julius Delamayn, die zweite Lady Lundie.
»Herrlich, herrlich!« rief Lady Lundie, indem sie die alten von Schlingpflanzen umrahmten gothischen Fenster und die in Zwischenräumen aus der Mauer vorspringenden großartigen steinernen Strebepfeiler betrachtete, deren jeder an seiner Basis von einem Kranz von Blumen umgeben war. »Wie schade, daß dieser Genuß Sir Patrick entgeht.«
»Sagen Sie nicht, Lady Lundie, daß Sir Patrick durch Familienangelegenheiten veranlaßt worden sei, nach Edinburgh zu geben?«
»Ja wohl, Geschäfte, Mrs. Delamahn, die mir nichts weniger als angenehm sind. Alle meine Arrangements für den Herbst werden dadurch über den Haufen geworfen; meine Stieftochter wird sich schon nächste Woche verheirathen.«
»So bald schon? Und wer ist der glückliche Bräutigam, wenn ich fragen darf?«
»Mr. Arnold Brinkworth.«
»Der Name kommt mir bekannt vor.«
»Sie haben vermuthlich von ihm als den Erben des schottischen Gutes des verstorbenen Miß Brinkworth gehört?«
»Allerdings! Haben Sie Mr. Brinkworth auch mitgebracht?«
»Ich muß ihn, wie Sir Patrick bei Ihnen entschuldigen, beide sind vorgestern zusammen nach Editiburgh gereist. Die Advocaten haben sich verpflichtet, die Ehecontracte in drei bis vier Tagen in Ordnung zu bringen, wenn eine persönliche Conferenz vorher ermöglicht werden könnte; es betrifft einige formelle Fragen, glaube ich, die sich auf Besitztitel beziehen. Sir Patrick hielt es für den sichersten und raschesten Weg, Mr. Brinkworth mit sich uach Edinburgh zu nehmen, die Geschäfte heute zu erledigen und mit ihrer Rückreise zu warten, bis wir sie morgen auf unserm Wege nach Süden treffen.«
»Sie wollen Windygates bei diesem reisenden Wetter verlassen?«
»Seht ungern. Die Wahrheit ist, Mrs. Delamayn, daß ich durchaus von dem Willen meiner Stieftochter abhänge. Ihr Onkel hat als ihr Vormund volle Autorität über sie und der Gebrauch, den er davon macht, besteht darin, daß er ihr ganz ihren Willen läßt. Erst vorigen Freitag hat sie in die Festsetzung des Tages gewilligt und noch dazu diese späte Einwilligung an die Bedingung geknüpft, daß die Hochzeit in England stattzufinden habe. Reiner Eigensinn, aber was kann ich dabei thun? Sir Patrick fügt sich, Mr. Brinkworth fügt sich, und wenn ich bei der Hochzeit zugegen sein will, muß ich ihrem Beispiele folgen und mich gleichfalls fügen. Ich halte es für meine Pflicht zugegen zu sein und so bleibt mir nichts übrig, als mich zu opfern. Wir reisen morgen nach London.«
»Soll denn Miß Lundie’s Hochzeit in dieser Jahreszeit in London stattfinden?«
»Nein, wir gehen nur über London nach Sir Patrick’s Gut in Kent, das Gut, das zugleich mit dem Titel in seinen Besitz gelangte. An den Platz knüpft sich für mich die Erinnerung an die letzten Tage meines geliebten Gatten. Auch eine schwere Prüfung für mich. Die Hochzeit soll auf dem Schauplatz meines schmerzlichsten Verlustes gefeiert werden. Meine alte Wunde wird am nächsten Montag wieder frisch bluten müssen und das nur deshalb, weil meine Stieftochter eine Abneigung gegen Windygates gefaßt hat.«
»Heute über acht Tage wird also die Hochzeit sein?«
»Jawohl, heute über acht Tage, es waren Gründe vorhanden, die Sache zu beschleunigen, mit denen ich Sie nicht behelligen will. Keine Worte vermögen es auszudrücken, wie sehr ich wünsche, es wäre vorüber. Aber meine liebe Mrs. Delamayn, wie rücksichtsslos von mir, Sie mit meinen Familiensorgen zu belästigen, Sie sind so liebenswürdig und flößen mir so viel Vertrauen ein, das ist meine einzige Entschuldigung. Bitte, lassen Sie mich Sie nun aber nicht länger von Ihren Gästen zurückhalten, so schwer es mir auch wird, mich von diesem reizenden Punkt zu trennen.«
Wo ist Mrs. Glenarm?«
»Ich weiß es wirklich nicht, ich vermißte sie schon, als wir auf die Terrasse traten, Sie wird höchst wahrscheinlich nach dem See gegangen»sein.«
»Haben Sie Lust, sich auch den See anzusehen, Lady Lundie?«
»Ich« schwärme für die Schönheiten der Natur, Mrs Delamayn, besonders für See’n!«
»Wir haben Ihnen überdies etwas zu zeigen, wir haben eine eigenthümliche Schwanenzucht auf dem See; mein Mann ist mit einigen unserer Gäste vorangegangen und ich glaube man erwartet auch uns, sobald die übrigen Gäste unter der Führung meiner Schwester das Haus gesehen haben werden.«
»Und was für ein Haus, Mrs. Delamayn, historische Erinnerungen in jedem Winkel desselben. Nichts gewährt mir so großen Trost, als mich in die Vergangenheit zu flüchten. Wenn ich wieder weit entfernt von diesem lieblichen Orte bin, werde ich Swanhaven Lodge mit seinen verstorbenen Bewohnern bevölkern und mich in die Freuden und Sorgen vergangener Jahrhunderte versenken.«
Während Lady Lundie in dieser Weise ihre Absicht zu erkennen gab, die Bevölkerung vergangener Jahrhunderte zu vermehren, erschienen die letzten von den Gästen, die das alte Haus durchstöbert hatten, unter dem Portal. Unter diesen Nachzüglern befanden sich Blanche und eine Freundin ihres Alters, die sie in Swanhaven Lodge getroffen hatte. Die beiden Mädchen schlenderten Arm in Arm hinter den Uebrigen her und unterhielten sich vertraulich mit einander. Den Gegenstand ihrer Unterhaltung bildete, wie wir wohl kaum zu sagen brauchen, Blanche’s bevorstehende Hochzeit.
»Aber liebe Blanche, warum willst Du Dich nicht in Windygates verheirathen?«
»Ich hasse Windygates, Janet, es knüpfen sich für mich die traurigsten Erinnerungen an diesen Ort, frage mich nicht, worin sie bestehen. Ich lasse es mir auf’s Aeußerste angelegen sein, nicht an dieselben zu denken, ich sehne mich darnach, nichts mehr von Windygates zu sehen. Was meine Hochzeit anlangt, so habe ich es zur ausdrücklichen Bedingung gemacht, daß sie überhaupt nicht in Schottland stattfinden soll.«
»Was hat denn das arme Schottland gethan, um Deine gute Meinung zu verwirken, liebe Blanche?«
»Das arme Schottland, liebe Janet, ist ein Land, wo die Leute nicht wissen, ob sie verheirathet sind oder nicht. Ich weiß das Alles von meinem Onkel und ich kenne Jemand, der das unschuldige Opfer einer schottischen Heirath geworden ist.«
»Ach dummes Zeug, Blanche, Du denkst an weggelaufene Paare und machst Schottland verantwortlich für die Verlegenheiten von Leuten, die die Wahrheit nicht eingestehen dürfen.«
»Ich rede gar kein dummes Zeug, ich rede von der theuersten Freundin, die ich habe; ach wenn Du nur wüßtest!«
»Liebes Kind, vergiß nicht, daß ich eine Schottin bin; ich bleibe dabei, Du kannst Dich gerade so gut in Schottland wie in England verheirathen.«
»Ich hasse Schottland!«
Blanche?«
»Ich bin nie in meinem Leben so unglücklich gewesen wie in Schottland und ich habe kein Verlangen, es je wieder zu sehen. Ich bin entschlossen meine Hochzeit in England in dem lieben alten Hause zu feiern, wo ich meine ersten Mädchenjahre verlebt habe. Mein Onkel ist ganz einverstanden, er versteht mich und weiß meine Gefühle zu würdigen.«
»Willst Du damit sagen, daß ich Dich nicht verstehe und Deine Gefühle nicht zu würdigen weiß? Dann wäre es wohl besser, Blanche, daß ich Dich von meiner Gesellschaft befreite.«
»Wenn Du iu diesem Tone mit mir reden willst, ja!«
»Soll ich mein Vaterland verunglimpfen hören und kein Wort zu seiner Vertheidigung sagen?«
»Ach, Ihr Schotten macht so viel Aufhebens von Eurem Vaterlande.«
»Wir Schotten? Du bist ja selbst von schottischer Abkunft und Du solltest Dich schämen, so zu reden. Guten Morgen, Blanche! Ich wünsche Dir bessere Laune.«
Noch vor einer Minute waren die beiden jungen Damen wie Zwillingsrosen auf einem Stamm gewesen und jetzt trennten sie sich mit gerötheten Wangen, feindseligen Gefühlen und scharfen Worten; wie heiß ist die Gluth der Jugend und wie unendlich zerbrechlich sind weibliche Freundschaften!
Die Schaar der Gäste folgte Mrs. Delamayn an die Ufer des Sees. Einige Minuten später war die Terrasse völlig öde und leer. Dann trat ein einzelner Herr mit einer Blume im Munde, die Hände in den Taschen, langsam in’s Portal hinaus. Es war Geoffrey Delamayn.
Einen Augenblick später erschien eine Dame hinter ihm mit leisen Schritten, so daß er sie nicht hören konnte. Sie war prachtvoll nach der neuesten Pariser Mode gekleidet, auf ihrer Brust prangte als Broche ein großer Diamant von wundervoller Reinheit, der Fächer in ihrer Hand war ein Meisterstück der feinsten, indischen Arbeit. Sie sah aus wie das, was sie war, wie eine Person im Besitz von sehr vielem überflüssigen Gelde, der es aber an einem entsprechenden Ueberfluß an Geist mangelte war die kinderlose junge Wittwe des großen Eisenwerkbesitzers, Mrs. Glenarm. Die reiche Frau klopfte dem starken Mann kokett mit ihrem Fächer auf die Schulter. »O, Sie böser Junge«, sagte sie mit einer etwas gezierten Schalkhaftigkeit in Blick und Wesen, »finde ich Sie endlich hier?«
Geoffrey schlenderte, während die Dame ihm folgte, mit einer barbarischen Geringschätzung aller civilisirten Unterordnung unter das schöne Geschlecht, auf die Terrasse hinaus und sah auf seine Uhr. »Ich hatte ja gesagt, daß ich hierher kommen würde, wenn ich eine halbe Stunde für mich gehabt hätte«, murmelte er, indem er die Blume achtlos zwischen den Zähnen herumdrehte, »ich habe die halbe Stunde gehabt und da bin ich!«
»Kommen Sie denn, um die Gäste zu sehen oder um mich zu sehen?«
Geoffrey lächelte gnädig und drehte die Blume wieder zwischen den Zähnen herum: »natürlich um Sie zu sehen.«
Die Wittwe des Eisenwerkbesitzers ergriff seinen Arm und schaute zu ihm hinauf, wie nur eine junge Frau aufzublicken wagen kann, während das helle Sonnenlicht voll auf ihrem Gesicht spielte.
Die Durchschnittsansicht der Engländer über weibliche Schönheit kann, auf ihren einfachsten Ausdruck zurückgeführt, in die drei Worte, Jugend, Gesundheit und angenehme Fülle zusammengefaßt werden. Die feineren Reize eines intelligenten Ausdrucks klassischer Linien und anmuthiger Formen üben wenig Anziehungskraft auf die überwiegende Mehrheit der Männer in England. Nur dadurch kann man sich die erstaunliche Blindheit erklären, welche, um nur ein Beispiel anzuführen, von zehn Engländern, die Frankreich besuchen, neun bei ihrer Rückkehr behaupten läßt, daß sie weder in noch außerhalb Paris ein hübsches Frauenzimmer gesehn haben. Unser populärer Schönheitstypus entfaltet sich in seiner vollsten materiellen Erscheinung in dem Schaufenster jedes Ladens, in welchem eine illustrirte Zeitung verkauft wird. Dasselbe vollwangige Gesicht, mit demselben faden Lächeln ohne sonstigen Ausdruck, kehrt in allen Arten von Illustrationen Tag für Tag wieder. Wer zu wissen wünschte, wie Mrs. Glenarm aussah, brauchte nur auszugehen und vor irgend einem Buch- oder Zeitungsladen still zu stehen, um sie in der ersten besten Illustration, auf der eine junge Frau figurirt, zu sehen. Die einzige bemerkenswerthe Besonderheit in Mrs Glenarm’s gewöhnlicher und ganz materieller Schönheit, welche einen fein gebildeten Beobachter frappirt haben würde, war die vollkommene Mädchenhaftigkeit ihres Blickes und Wesens. Kein Fremder, der sich mit dieser vierundzwanzigjährigen Wittwe unterhalten hätte, würde es sich haben einfallen lassen, sie anders als »Mein Fräulein« anzureden.
»Gehen Sie so mit einer Blume um, die ich Ihnen gegeben habe? Sie zermalmen sie zwischen den Zähnen, wie ein Pferd! Sie Nichtsnutz!«
»Was das betrifft«, erwiderte Geoffrey, »bin ich ja wirklich mehr Pferd, als Mensch, ich werde bei einem Wettlauf rennen und das Publicum wettet schon auf mich, ganz wie auf ein Pferd.«
»Da hör’ nur Einer, er hat nichts im Kopf als Wetten. Sie große, schwere Maschine ich kann Sie nicht von der Stelle bringen, merken Sie nicht, daß ich wie alle übrigen Gäste nach dem See gehen möchte? Nein, ich lasse Sie nicht los, Sie sollen mich hin bringen!«
»Kann ich unmöglich, muß in einer halben Stunde wieder bei Perry sein.« Perry war der von London verschriebene Lehrer, der früher, als erwartet, eingetroffen und bereits seit drei Tagen in Funktion getreten war.
»Sprechen Sie mir nicht von Perry, diesem ordinären kleinen Patron, schicken Sie ihn weg. Sie wollen nicht? Sind Sie wirklich ein solcher Unmensch daß Sie lieber bei Perry als bei mir sein wollen?«
»Die Weiten stehen fünf gegen vier, liebes Kind, und das Wettlaufen nimmt in einem Monat seinen Anfang.«
»Nun, so gehen Sie in Gottes Namen zu Ihrem geliebten Perry, ich hasse Sie, ich hoffe nur, Sie verlieren beim Wettrennen. Bleiben Sie nur in Ihrem Häuschen und lassen Sie sich gar nicht wieder im Hause blicken und wohlgemerkt, lassen Sie es sich nicht einfallen, wieder zu mir »liebes Kind« zu sagen.
»Nicht einfallen lassen? Ich werde mir noch ganz andere Dinge einfallen lassen. Warten Sie nur noch eine Weile, bis das Wettrennen vorüber ist; dann werde ich es mir einfallen lassen, Sie zu heirathen!«
»Sie? Sie können so alt werden wie Methusalem, wenn Sie darauf warten wollen, daß ich Ihre Frau werde. Sollte Perry nicht eine Schwester haben? Fragen Sie ihn doch einmal, das wäre gerade die rechte Frau für Sie!«
Geoffrey drehte die Blume zwischen den Zähnen herum und sah aus, als ob er diesen Gedanken der Ueberlegung für werth halte.
»Gut!« sagte er, »wenn ich Ihnen damit einen Gefallen thue, will ich gehen und Perry fragen,« und damit ging er, als ob er seinen Vorsatz sogleich ausführen wolle.
Mrs. Glenarm erhob ihre reizende, kleine, von einem rosafarbenen Glacéhandschuh eng umschlossene Hand, legte dieselbe auf den wuchtigen Arm des Athleten und kniff seine eisernen Muskeln, den Stolz und Ruhm Englands, mit Zärtlichkeit. »Was Sie für ein Mann sind!« sagte sie, »in meinem Leben habe ich keinen solchen Mann wie Sie gesehen!« – Das ganze Geheimniß der Gewalt, die Geoffrey über sie übte, lag in diesen Worten. Sie waren wenig länger als zehn Tage in Swanhaven Lodge zusammen gewesen und in dieser kurzen Zeit hatte er Mrs. Glenarm’s Herz erobert. Am Tage vor dem Gartenfeste hatte er sie, in einem der wenigen müßigen Augenblicke, die Perry ihm gestatten, allein abgefaßt, ihren Arm ergriffen und sie gerade heraus gefragt, ob sie ihn heirathen wolle. Es fehlt nicht an Beispielen von Frauen – mit allem Respect sei es gesagt – die sich in zehn Tagen haben werben und gewinnen lassen, aber ein Beispiel von einer Frau, die das bereitwillig eingesteht, soll noch gefunden werden. Auch die Frau des Eisenwerkbesitzers verlangte die strengste Geheimhaltung, bevor sie ihr Jawort gab. Nachdem Geoffrey ihr sein Wort darauf gegeben hatte, zu schweigen, bis sie ihm erlaubt haben werde, zu reden, gab Mrs. Glenarm ihm ohne längeres Zaudern ihr Jawort, die sie – was wir nicht unerwähnt lassen wollen – im Laufe der letzten zwei Jahre wenigstens einem halben Dutzend Männern, die sämmtlich Geoffrey in Allem, außer in Schönheit und Körperkraft, überlegen waren, einen Korb gegeben hatte. Alles in der Welt hat seinen Grund und auch dieses hatte seinen guten Grund.
Wie entschieden auch moderne Philosophen in ihren Erörterungen, über das Verhältniß der beiden Geschlechter zu einander, es leugnen mögen, so ist es darum doch nicht weniger eine durch die ganze Geschichte des Menschengeschlechts bestätigte Wahrheit, daß es die natürliche Neigung jeder Frau ist, in ihrem Mann ihren Herrn zu finden. Seht Euch irgend eine Frau an, die nicht von einem Manne abhängt, und so gewiß Ihr die Sonne an einem wolkenlosen Himmel seht, so gewiß seht Ihr in das Gesicht einer nicht glücklichen Frau. Das Verlangen nach einem Herrn ist das beständige ihr selbst unbewußte Verlangen des Weibes, in dem Besitze eines Herrn findet es allein seine vollständige Ergänzung. In neunundneunzig unter hundert Fällen liegt dieser natürliche Trieb dem sonst unerklärlichen Opfer zu Grunde, das wir so oft von Frauen gebracht sehen, die sich aus freien Stücken an einen ihrer unwürdigen Mann wegwerfen und dieser natürliche Instinct lag auch der sonst unerklärlichen Leichtigkeit zu Grunde, mit welcher Mrs. Glenarm sich Geoffrey hingab. Bis zu der Zeit ihrer Begegnung mit diesem, hatte die junge Wittwe in ihrem Verkehr mit der Welt sich nur als einen privilegirten Tyrannen betrachtet und behandelt gesehen. In den kurzen sechs Monaten ihrer Ehe mit einem Manne, dessen Enkelin sie hätte sein können, brauchte sie nur den Finger auszustrecken, um den bereitwilligsten Gehorsam zu finden. Der verliebte, alte Mann war der willige Sclave jeder Laune seiner begehrlichen jungen Frau. Später, als die Gesellschaft die junge Wittwe ihrer Geburt, ihrer Schönheit und ihres Reichthums wegen dreifach willkommen hieß, war sie, wo sie auch immer erscheinen mochte, der Gegenstand derselben unterwürfigen Bewunderung der zahlreichen Freier, die sich wetteifernd um ihre Hand bewarben. Zum ersten Male in ihrem Leben begegnete sie in Geoffrey Delamayn einem Manne mit eignem Willen. Geoffrey’s augenblickliche Beschäftigung war besonders geeignet, die Frau in die Lage zu bringen, Einfluß auf den Willen des Mannes zu erproben. Während der Zeit, die seit seiner Rückkehr in seines Bruders Haus bis zu der Ankunft des Lehrers verflossen war, hatte Geoffrey schon angefangen, sich der physischen Disciplin, die zu seiner Vorbereitung auf den bevorstehenden Wettlauf erforderlich war, zu unterziehen. Er wußte aus eigener Erfahrung, welche Uebungen er vorzunehmen, welche Stunden er einzuhalten, welchen Versuchungen der Tafel er zu widerstehen habe. Wieder und wieder versuchte es Mrs. Glenarm ihn zu Uebertretungen seiner selbst vorgeschriebenen Disciplin zu verlocken, und wieder und wieder erwies sich der Einfluß, den sie bisher auf Männer auszuüben gewohnt war, unwirksam. Sie mochte sagen und thun was sie wollte, so vermochte sie diesen Mann nicht in seinen Entschlüssen wankend, zu machen. Als dann Perry eintraf, wurde Geoffrey’s trotziger Widerstand gegen jeden Versuch der reizenden, weiblichen Thränen der sich Jedermann sonst gebeugt hatte, unerschütterlicher als je. Mrs Glenarm wurde so eifersüchtig auf Perry als ob Perry ein Weib wäre. Sie wurde wüthend, brach in Thränen aus, ließ sich von andern Männern die Cour machen und drohte das Haus zu verlassen. Alles vergebens. Nicht ein einziges Mal versäumte Geoffrey eine mit Perry getroffene Verabredung, nicht ein einziges Mal trank oder aß er etwas, was sie ihm anbot, wenn Perry es verboten hatte. Es giebt keine menschliche Thätigkeit, die dem Einfluß des weiblichen Geschlechts so feindlich wäre, als die auf athletische Kraftausübung verwandte; es giebt keine Männer, die dem weiblichen Einfluß so völlig unzugänglich wären, als die Männer die ihr Leben mit der Ausbildung ihrer eigenen Körperkraft zubringen. Es kostete Geoffrey nicht die geringste Ueberwindung, Mrs. Glenarm Widerstand zu leisten, und eben dadurch nöthigte er ihr gelegentlich Bewunderung ab und errang sich, ohne darauf auszugehen, ihre Achtung. Sie hing an ihm wie an einem Helden, sie schreckte vor ihm zurück wie vor einer wilden Bestie, sie rang mit ihm, fügte sich ihm, verachtete und bewunderte ihn, Alles in einem Athem, und der Schlüssel zu dem Allen, verwirrt und widersprechend wie es schien, lag in einer einzigen, einfachen Thatsache. Mrs. Glenarm hatte ihren Herrn gefunden.
