Kitabı oku: «Mann und Weib», sayfa 28
Er hatte Blanche sofort als eine Freundin der Dame im Gasthof zu Craig-Fernie erkannt und sich gesagt, daß man sie vielleicht in dieser Eigenschaft würde verwerthen können, überdies hatte er jedes Wort der Unterhaltung mit angehört, welche Lady Lundie und Mrs. Delamayn in Betreff Geoffrey’s und Mrs. Glenarm geführt hatten. Es hatte noch gute Weile, bis die Gäste sich zurückziehen und die Kellner entlassen werden würden. Bishopriggs hielt sich daher zu der Hoffnung berechtigt, daß er noch Grund haben werde, sich zu dem glücklichen Zufall, der ihn mit den Festlichkeiten in Swanhaven Lodge in Verbindung gebracht hatte, zu gratuliren.
Es war noch früh am Nachmittage, als die heitere Stimmung an einigen Stellen des Eßtisches nachzulassen begann. Die jüngeren Mitglieder der Gesellschaft, namentlich die Damen, wurden beim Erscheinen des Desserts unruhig. Einer nach dem andern warf sehr verlangende Blicke auf den elastischen Rasen der vor ihnen liegenden Waldwiese. Einer nach dem andern schlug gedankenlos mit den Fingern den Takt zu dem Walzer welchen die Musiker gerade spielten. Als Mrs. Delamayn diese Symptome der Ungeduld gewahr wurde, erhob sie sich vom Tisch, und ihr Mann entsandte eine Botschaft an das Musikcorps. Zehn Minuten später war die erste Quadrille auf dem Rasen im Gange, die Zuschauer waren malerisch gruppirt und die Diener und Kellner, deren man nicht mehr bedurfte, hatten sich zurückgezogen um nun auch ihrerseits den Freuden der Tafel obzuliegen. Die letzte Person, die sich noch am verlassenen Tische zu thun machte, war der ehrwürdige Bishopriggs. Er allein von allen Aufwärtern hatte es möglich gemacht, den Anschein des Aufwartens, mit der heimlichen Befriedigung seines persönlichen Bedürfnisses nach Erfrischungen zu verbinden. Anstatt mit den übrigen Kellnern der Mahlzeit der Diener zuzueilen, ging er um die Tische herum, anscheinend mit dem Wegräumen der Krumen, in der That aber mit dem Leeren der Weingläser beschäftigt. Ganz hingenommen von diesem Geschäft, bemerkte er nicht eher etwas von den herannahenden Schritten einer Dame, als bis er durch die hinter ihm ertönende Stimme derselben aufgeschreckt wurde. Er kehrte sich, so rasch es ihm möglich war, um und sah Miß Lundie vor sich.
»Ich möchte ein Glas frisches Wasser haben«, sagte Blanche, »wollen Sie so gut sein, mir eines von der Quelle zu holen?« und dabei deutete sie auf die am anderen Ende der Lichtung hervorsprudelnde Quelle.
Auf Bishopriggs Gesicht malte sich ein ungeheucheltes Entsetzen »Um Gotteswillen Fräulein« rief er aus, »Sie wollen doch Ihren Magen nicht mit kaltem Wasser beschweren, wenn Wein in Fülle vorhanden ist?«
Blanche warf ihm einen bedeutungssvollen Blick zu.
Langsame Fassungskraft gehörte nicht zu Bishopriggs Schwächen; er ergriff sofort ein Glas, zwinkerte mit seinem einen, sehenden Auge und ging Blanche voran nach der Quelle. Es hatte nichts Auffallendes, daß eine Dame ein Glas Quellwasser verlangte oder daß ein Diener es für sie schöpfte; Niemand nahm daher Anstoß daran und bei dem Spiel des Musikcorps konnte auch Niemand von dem, was an der Quelle gesprochen wurde, etwas hören.
»Erinnern Sie sich meiner von der Gewitternacht im Gasthofe zu Craig-Fernie her?« fragte Blanche.
Bishopriggs hatte gute Gründe, sich nicht zu rasch mit Blanche einzulassen. »Ich sage nicht, daß ich mich Ihrer nicht erinnern kann, Fräulein; welcher Mann möchte einer so hübschem jungen Dame, wie Sie es sind, eine solche Antwort geben.«
Um seinem Gedächtniß zu Hülfe zu kommen, zog Blanche ihre Börse aus der Tasche.
Bishopriggs vertiefte sich in den Anblick der Landschaft und des Wassers, das er als Getränk so gründlich verachtete. »Da läufst Du hin«, sagte er, das Flüßchen anredend, das aus der Quelle entsprang, »deiner eignen Vernichtung in dem See da entgegen eilend; in deinem jetzigen Zustande ist, soviel ich weiß, wenig Gutes an Dir. Du sollst ein Bild des menschlichen Lebens sein, sagen sie, das ist aber nicht wahr. Du bist gar nichts, bis du durch Feuer erwärmt, durch Zucker versüßt und durch Whisky gekräftigt bist und dann bist du Toddy und in dieser Gestalt hat das menschliche Leben allerdings einige Beziehungen zu dir.«
»Seit ich den Gasthof verlassen habe«, fuhr Blanche fort, »habe ich mehr von Ihnen gehört, als Sie vielleicht vermuthen; und bei diesen Worten öffnete sie ihre Börse.
Bishopiggs war ganz Ohr.
»Sie waren sehr freundlich gegen eine Dame in Craig-Fernie«, fuhr sie ernst fort, »ich weiß, daß Sie Ihre Stelle im Gasthofe eingebüßt haben, weil Sie sich zu ausschließlich dieser Dame widmeten, und diese Dame ist meine theuerste Freundin, Mr. Bishopriggs; ich möchte Ihnen dafür danken und Sie bitten, dies von mir anzunehmen.« Das ganze Herz des Mädchens lag in ihrer Stimme und ihren Augen, während sie ihre Börse in die gichtische und gierige Hand des alten Bishoprigg’s leerte.
Ein junges Mädchen mit einer wohlgefüllten Börse ist eine in der ganzen Welt nicht oft vorkommende Erscheinung. In der Regel haben sie, sie mögen übrigens noch so reich seist, all ihr Geld ausgegeben oder doch ihre Börse auf dem Toilettentisch liegen lassen. Blanche’s Börse enthielt einen Sovereign und sechs oder sieben Schillinge in Silber. Als Taschengeld für eine reiche Erbin war dies nicht eben viel, aber als ein Trinkgeld für Bishopriggs war es splendid. Der alte Spitzbube steckte das Geld mit der einen Hand in die Tasche und wischte sich die Thränen der Rührung, die er nicht vergossen hatte, mit der anderen aus den Augen. »Werft Euer Brod in’s Wasser und Ihr werdet es nach vielen Tagen wieder finden!« rief Bishopriggs, das eine Auge fromm gen Himmel gerichtet. »Ja, ja! sagte ich nicht, als ich zuerst jene arme Dame sah, ich fühle wie ein Vater für sie? Es ist wahrhaft merkwürdig, zu sehen, wie die guten Handlungen eines Menschen, ihm schon in dieser Erdenwelt vergolten werden. Wenn ich jemals die Stimme natürlicher Zuneigung in meiner Brust habe reden hören«, fuhr Bishopriggs fort, indem er sein Auge lauernd auf Blanche gerichtet hielt, »so hat sie sich mit Posaunenton in mir vernehmen lassen, als jenes reizende Wesen mich zuerst anredete. Hat sie selbst Ihnen von den geringfügigen Diensten erzählt, die ich ihr zu der Zeit leistete, wo ich in der Sklaverei des Hotels stand?"
»Ja, sie hat es mir selbst erzählt.«
»Dürfte ich es wagen, zu fragen, wo sie sich gegenwärtig aufhält?«
»Das weiß ich nicht, Mr. Bishopriggs, und gerade das macht mich unglücklicher als ich sagen kann. Sie ist fort, und ich weiß nicht wohin!«
»O, o, das ist schlimm und das Ding von einem Ehemann der da einen Tag auf ihrer Schleppe herumtrat und am nächsten Morgen mit Sonnenaufgang sich davon machte, sind sie beide zusammen fortgegangen?«
»Ich weiß nichts von ihm«, erwiderte Blanche, »ich habe ihn nicht gesehen, aber Sie haben ihn gesehen, erzählen Sie mir doch, wie er aussah.«
»Er war ein armseliger schwacher Patron, verstand sich nicht auf ein gutes Glas Sherry, freigebig mit Geld war er, das ist Alles, was man von ihm sagen kann!«
Als Blanche sah, daß es unmöglich sei, von dem Alten irgend eine deutliche Schilderung des Mannes, der mit Anne im Gasthofe gewesen war, zu erhalten, rückte sie dem Hauptgegenstande ihrer Besprechung mit Bishopriggs näher. In ihrer ängstlichen Besorgniß, keinc Zeit zu verlieren, brachte sie ohne Weiteres das Gespräch auf das delicate und kitzliche Thema des verlorenen Briefes. »Ich habe Ihnen noch etwas Anderes zu sagen«, fing sie wieder an, »Meine Freundin hat etwas verloren, während sie im Gasthofe war.«
Die Wolken des Zweifels schwanden von Bishopriggs Gemüth. Die Freundin der Dame wußte also von dem verlornen Brief und noch besser, die Freundin der Dame sah aus, als wolle sie den Brief gern haben.
»Ja, ja!« sagte er, mit allem erforderlichen Anschein von Sorglosigkeit. Das ist wahrscheinlich genug, von der Wirthin abwärts geht es ja im Hotel, seit ich fort bin, alles darüber und drunter. Was hat sie denn verloren?«
»Einen Brief.«
Bishopriggs Auge nahm wieder den Ausdruck lauernder Beobachtung an. Es war für ihn, von seinem Standpunkte aus, eine sehr ernste Frage, ob sich an das Verschwinden des Briefes ein Verdacht des Diebstahls knüpfte.
»Wenn Sie »verloren« sagen, meinen Sie damit gestohlen?«
Blanche war scharfsinnig genug, sofort zu begreifen, daß es nothwendig sei, ihn über diesen Punkt zu beruhigen. »O nein!« antwortete sie, »nicht gestohlen, nur verloren; haben Sie etwas davon gehört?«
»Wie so sollte ich davon gehört haben?« Er sah Blanche scharf an und entdeckte ein augenblickliches Zaudern in ihren Blicken. »Bitte, sagen Sie mir das, liebes Fräulein,« fuhr er fort, indem er vorsichtig der entscheidenden Frage näher trat. »Wenn Sie nach Nachrichten über den verlorenen Brief Ihrer Freundin forschen was bestimmt Sie, sich deshalb an mich zu wenden?«
Diese Worte waren entscheidend. Es ist kaum zu viel gesagt, daß Blanche’s Zukunft von ihrer Antwort auf diese Frage abhing. Wenn sie so viel Geld bei sich gehabt hätte und wenn sie gerade heraus gesagt hätte: »Sie haben den Brief, Mr Bishopriggs, ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß kein Mensch Sie weiter darnach fragen soll und ich biete Ihnen zehn Pfund für den Brief«, so würde der Handel aller Wahrscheinlichkeit nach abgeschlossen und in diesem Fall der ganze Lauf der künftigen Ereignisse verändert worden sein. Aber Blanche hatte kein Geld mehr bei sich und in dem Kreise der Gäste von Swanhaven Lodge war Niemand, an den sie sich, ohne sich arger Mißdeutungen auszusetzen, mit der Bitte hätte wenden können, ihr aus der Stelle zehn Pfund im Geheimen zu leihen. Unter dem Drang der gebieterischen Nothwendigkeit gab Blanche alle Hoffnung auf, gegenwärtig an Bishopriggs pecuniäres Interesse zu appelliren, der einzige Weg, ihren Zweck zu erreichen, den sie vor sich sah, war, sich mit dem Einfluß von Sir Patrick’s Namen zu waffnen. Ein Mann an ihrer Stelle würde es für reine Tollheit gehalten haben, so etwas zu wagen, aber Blanche, die sich schon eine unüberlegte Handlung vorzuwerfen hatte, stürzte sich wie ein echtes Weib kopfüber in eine andere Unvorsichtigkeit. Derselbe unüberlegte Eifer, ihren Zweck zu erreichen, der sie dazu gedrängt hatte, Geoffrey, bevor er Windygates verließ, zu befragen, trieb sie fest, ebenso unüberlegt die Verhandlung mit Bishopriggs, den geschickten und erfahrenen Händen Sir Patricks zu entwinden. Die sehnsüchtige schwesterliche Liebe in ihr dürstete nach einer Spur von Anne, ihr Herz flüsterte ihr zu: »wage es!« und – Blanche wagte es. »Sir Patrick hat mich veranlaßt, zu Ihnen zu gehen«, sagte sie.
Die eben geöffnete Hand Bishopriggs, die bereit war den Brief herauszugeben und die Belohnung dafür zu empfangen, schloß sich auf der Stelle wieder, als Blanche diese Worte aussprach.
»Sir Patrick?« wiederholte er, »o, o, also Sir Patrick haben Sie von der Sache erzählt, so? Das ist ein Herr, der das Gras wachsen hört. Was hat denn Sir Patrick gesagt?«
Blanche bemerkte die Veränderung in Bishopriggs Ton und nahm sich nun, als es zu spät war, auf das Aeußerste zusammen, ihm in vorsichtigen Ausdrücken zu antworten. Sir Patrick«, sagte sie, meinte, Sie könnten den Brief vielleicht gefunden und sich der Sache nicht eher wieder erinnert haben, als bis Sie den Gasthof verlassen hätten.«
Bishopriggs ließ die persönlichen Erfahrungen, die er seiner Zeit an seinem alten Herrn gemacht hatte, im Geiste die Revue passiren und gelangte dabei zu dem vollkommen richtigen Schluß, daß Sir Patricks Ansicht über seine Beziehungen zu dem verschwundenen Briefe, keineswegs so unschuldiger Natur sei, wie Blanche ihm glauben machen wollte. »Der schlaue, alte Fuchs«, dachte er bei sich, »kennt mich besser.«
»Nun?« fragte Blanche ungeduldig, »hatte Sir Patrick Recht?«
»Recht?« erwiderte Bishopriggs rasch, »er ist so weit von der Wahrheit entfernt, wie Sie von Amerika!«
»Sie wissen nichts von dem Briefe?«
»Von dem Brief?« erwiderte er, »was Sie mir darüber sagen ist das Erste, was ich höre?«
Blanche sank der Muth. Hatte sie selbst ihren Zweck vereitelt und zum zweiten Male Sir Patrick den Boden unter den Füßen weggezogen, das war doch nicht möglich! Hier war doch gewiß noch Aussicht vorhanden, daß der Mann vermocht werden konnte, ihrem Onkel das Vertrauen zu schenken, das er zu vorsichtig war einer Fremden zu gewähren. Das einzig Richtige, was ihr nach ihrer Ueberzeugung jetzt noch zu thun übrig blieb, war, den Weg für die Geltendmachung von Sir Patricks überlegenen Einfluß und Sir Patricks überlegene Geschicklichkeit zu bahnen. Mit diesem Zweck im Auge nahm sie die Unterhaltung wieder auf.
»Es thut mir leid, daß Sir Patrick sich in seiner Annahme geirrt hat«, fing sie wieder an. »Meine Freundin wünschte, als ich sie zuletzt sprach, sehnlichst wieder in den Besitz des Briefes zu gelangen, und ich hoffte, von Ihnen etwas darüber hören zu können. Ganz abgesehen davon wünscht Sir Patricks, Sie zu sprechen, und ich benutze diese Gelegenheit, es Ihnen zu sagen. Er hat in dem Gasthof von Craig-Fernie einen Brief für Sie zurückgelassen.«
»Der Brief wird lange genug zu warten haben, wenn er wartet bis ich wieder nach dem Hotel gehe«, erwiderte Bishopriggs.
»In diesem Fall,« entgegnete Blanche rasch, »thäten Sie besser, mir eine Adresse anzugeben, unter welcher Sir Patrick Ihnen schreiben kann. Sie wollen doch nicht, daß ich ihm sage, daß ich Sie hier gesehen habe und daß Sie sich weigerten, mit ihm in Verbindung zu treten.«
»Wie können Sie das auch nur denken, mein Fräulein!« rief Bishopriggs eifrig. »Wenn es etwas giebt, woran ich es um keinen Preis fehlen lassen möchte, so ist es die ehrfurchtsvolle Bereitwilligkeit, Sir Patrick in Allem zu dienen. Ich nehme mir die Freiheit, mein Fräulein, Sie mit dieser kleinen Karte zu belästigen. Es ist traurig genug für mich, in meinem Alter noch nirgends wieder fest etablirt zu sein, aber hier kann Sir Patrick, wenn er meiner bedarf, jederzeit von mir hören.« Dabei reichte er Blanche eine kleine schmutzige Karte, auf der der Name und die Adresse eines Fleischers in Edinburgh stand. »Samuel Bishopriggs«, fuhr er in geschmeidigem Tone fort, »Adresse David Dow, Fleischer Cowgate, Edinburgh. Das ist jetzt mein Patmos, mein Fräulein.«
Blanche fühlte sich, als sie die Karte aus Bishoprigg’s Händen entgegennahm, unaussprechlich erleichtert. Wenn sie sich zum zweiten Mal erlaubt hatte, Sir Patrick’s Stelle zu übernehmen und es ihr wieder nicht gelungen war, ihre Unvorsichtigkeit durch das Resultat zu rechtfertigen, so hatte sie doch dieses Mal die Sache wenigstens dadurch wieder gut gemacht, daß sie ein Mittel aufgefunden hatte, Bishopriggs mit ihrem Onkel in Verbindung zu setzen.
»Sie werden von Sir Patrick hören«, sagte sie, nickte ihm freundlich zu und ging wieder zu den Gästen zurück.
Ich werde von Sir Patrick hören? So, werde ich?« wiederholte Bishopriggs, als er allein war. »Sir Patrick muß nicht weniger als ein Wunder verrichten, wenn er Samuel Bishopriggs in Cowgate in Edinburgh findet.« Er lächelte selbst vergnügt über seine Schlauheit und zog sich an eine einsame Stelle in der Tannenanpflanzung zurück, wo er den gestohlenen Brief einer genauen Prüfung unterziehen konnte, ohne fürchten zu müssen, von irgend einem lebenden Wesen beobachtet zu werden.
Noch einmal hatte die Wahrheit vor dem Hochzeitstage an’s Licht zu dringen gestrebt und noch einmal hatte Blanche unschuldigerweise der Dunkelheit geholfen, die Wahrheit dem Lichte vorzuenthalten.
Dreizehntes Kapitel.
Die Saat der Zukunft; dritte Aussaat
Nachdem Bishopriggs die Correspondenz zwischen Geoffrey und Anne aufs Neue aufmerksam durchgelesen hatte, legte er sich behaglich unter einen Baum und beschäftigte sich damit, über seine gegenwärtige Lage nachzudenken. Die vortheilhafte Verwerthung des Briefes bei Blanche, gehörte nicht mehr zu den vorhandenen Möglichkeiten. Was die Verhandlung mit Sir Patrick anlangte, so beschloß Bishopriggs sich ebenso fern von Cowgate in Edinburgh wie von Mrs. Inchbare’s Gasthof zu halten, so lange noch die leiseste Hoffnung für ihn vorhanden war, seinen Zweck auf andere Weise zu erreichen. Er wußte, daß kein Mensch den Brief so sicher und unter so erbärmlich billigen Bedingungen von ihm herauszupressen im Stande sein würde, wie sein alter Herr »Ich will mich nicht unter Sir Patricks Daumen bringen,« dachte Bishopriggs, »bis ich es erst mit allen Uebrigen versucht habe.« Wer aber waren die übrigen Personen, die ihm unter diesen Umständen zur Verfügung standen? Er brauchte sich nur der Unterhaltung zwischen Lady Lundie und Mrs. Delamayn, die er bei Tisch mit angehört hatte, zu erinnern, um zunächst zu der Entdeckung wenigstens einer Person zu gelangen, die direct dabei interessirt war, in den Besitz seines Briefes zu kommen. Mr. Geoffrey Delamayn war im Begriff, sich mit einer Dame Namens Mrs. Glenarm zu verheirathen und dieser selbe Mr. Geoffrey Delamayn hatte vor noch nicht vierzehn Tagen, eine für ihn höchst compromittirende Correspondenz mit einer Dame geführt, die sich Anne Silvester unterschrieb.
Welcher Art auch die Stellung dieses Herrn zu den beiden Damen sein mochte, so war es augenscheinlich von höchstem Interesse für denselben, in den Besitz dieses Briefes zu gelangen. Es war also klar, daß das erste, was Bishopriggs zu thun hatte, darin bestand, auf Mittel bedacht zu sein, sich eine persönliche Zusammenkunft mit Geoffrey Delamayn zu verschaffen. Wenn eine solche Zusammenkunft auch zu nichts anderem führte, so würde sie ihm doch ebenfalls zu der Lösung einer wichtigen Frage verhelfen. Die Dame, der Bishopriggs in Craig-Fernie aufgewartet hatte, konnte sehr wohl Anne Silvester sein; war in diesem Fall Mr. Geoffrey Delamayn der Herr, der als ihr Mann im Gasthof gegolten hatte?
Bishopriggs stellte sich mit der größtmöglichen Raschheit wieder auf seine gichtischen Füße und humpelte davon, um die nöthigen Erkundigungen in Betreff der Person des Mr. Delamayn einzuziehen und zwar nicht bei den männlichen Aufwärtern, die darauf bestehen würden, daß er sich zu ihnen geselle, sondern bei den weiblichen Dienstboten, die zur Aufsicht über das leere Hans zurückgelassen waren. Hier wies man ihn alsbald nach dem Häuschen im Walde, machte ihn aber darauf aufmerksam, daß Mr. Geoffrey Delamahy’s Lehrer Niemandem gestatte, den Uebungen seines Patrons zuzusehen und daß man ihn, sobald er sich blicken ließe, ohne Weiteres sofort wieder wegschicken würde. Dieser Mahnung zur Vorsicht wohl eingedenk, machte Bishopriggs, um zu dem Häuschen zu gelangen, einen Umweg, so daß er, unter dem Schutz der hinter dem Häuschen liegenden Bäume, an die Rückseite desselben gelangte. Ein Blick ans Mr. Geoffrey Delamayn war zunächst Alles, was er wollte; wenn er das erlangt hatte, so mochten sie ihn in Gottes Namen wieder wegschicken. Er stand noch zaudernd unter den hinter dem Häuschen liegenden Bäumen, als er eine laute, befehlende Stimme von der vorderen Seite des Hauses her vernahm: »Nun Mr. Geoffrey, es ist Zeit!« Eine andere Stimme antwortete, »Gut!« und nach einer Pause erschien Geoffrey Delamayn auf dem freien Platz und ging auf die Stelle los, von der aus er gewohnt war, seine abgemessene Meile zu laufen. Bishopriggs, der ein paar Schritte weiter vorgegangen war, um sich seinen Mann etwas genauer anzusehen, wurde auf der Stelle von den scharfen Augen des Lehrers entdeckt.
»Halloh!« rief Perry, »was wollen Sie hier?«
Bishopriggs öffnete den Mund, um seine Entschuldigung auszusprechen.
»Wer zum Teufel seid Ihr?« schrie Geoffrey.
Der Lehrer« beantwortete die Frage aus seiner eigenen Erfahrung: »ein Spion, Herr, um Sie bei Ihrer Arbeit zu beobachten.«
Geoffrey erhob seine gewaltige Faust und sprang einen Schritt vorwärts.
Perry aber hielt seinen Patron zurück. »Das dürfen Sie nicht thun, der Mann ist zu alt; seien Sie unbesorgt, der kommt nicht wieder, Sie haben ihm einen furchtbaren Schrecken eingejagt.« Und das war vollkommen wahr. Der Schreck, den Bishopriggs bei dem Anblick von Geoffrey’s Faust empfand, gab ihm die Spannkraft der Jugend wieder. Er lief zum ersten Mal seit zwanzig Jahren und stand, von seinen lahmen Füßen gemahnt, erst wieder still, um Athem zu schöpfen, als er außer Sicht des Häuschens wieder unter den Bäumen angelangt war. Er setzte sich nieder, um auszuruhen und sich zu erholen, mit der tröstlichen Ueberzeugung, daß er wenigstens in einer Beziehung seinen Zweck erreicht habe. Der wüthende Wilde mit den funkensprühenden Augen und der Vernichtung drohenden Faust war ihm vollkommen fremd, mit anderen Worten, er war nicht der Mann, der sich für den Gatten der Dame im Gasthofe zu Craig-Fernie ausgegeben hatte. Aber ebenso gewiß war es, daß er der Mann war, der in die compromittirende Correspondenz, die Bishopriggs in Händen hatte, verwickelt war. Indessen erschien der Versuch, das Interesse, das dieser Mann haben mußte, in den Besitz des Briefes zu gelangen, zu seinem Vortheil auszubauen, nach der eben von Bishopriggs gemachten Erfahrung, vollkommen unvereinbar mit der hohen Achtung, die er für seine eigene Sicherheit empfand. Es blieb ihm also nichts übrig, als eine Unterhandlung mit der einzigen augenblicklich für ihn erreichbaren Person zu eröffnen, die noch außer Geoffrey bei der Sache interessirt war, und diese Person gehörte glücklicherweise zum schwächern Geschlecht. Mrs. Glenarm war in Swanhaven Lodge, sie hatte ein directes Interesse daran, die Frage eines frühern Anspruches eines andern Frauenzimmers an Mr. Geoffrey Delamayn aufgeklärt zu sehen, und sie konnte das nur, indem sie sich in den Besitz der betreffenden Correspondenz setzte. »Gelobt sei Gott für alle seine Gnade,« sagte Bishopriggs, indem er wieder aufstand, »ich kann jetzt zwei Hebel ansetzen und ich glaube, die Dame ist ein angenehmer Hebel, wir wollen erst mit ihr versuchen.« Sofort machte er sich wieder auf den Weg nach dem See, um unter den dort anwesenden Gästen nach Mrs. Glenarm zu suchen.
Die animirte Stimmung der Gesellschaft hatte ihren Höhepunkt erreicht, als Bishopriggs wieder auf dem Schauplatz erschien, und die Zahl der Gäste hatte sich während seiner Abwesenheit gerade um die eine Person vermehrt, der sich zu nähern jetzt sein Hauptzweck war. Mit demüthiger Ergebenheit ließ er sich einen Vorwurf wegen seiner langen Abwesenheit von dem ersten Aufwärter gefallen, beobachtete aber mit seinem einen sehenden Auge fortwährend scharf und machte sich mit dem Umherreichen von Eis und kalten Getränken zu thun. Während er so beschäftigt war, wurde seine Aufmerksamkeit auf zwei Personen gelenkt, die in sehr verschiedener Weise offenbar zu den distinguirtesten unter den anwesenden Gästen gehörten. Die eine war ein lebhaftem aufgeregter, alter Herr, der die unleugbare Thatsache seiner sehr gereiften Jahre hartnäckig, wie ein von der Zeit in Umlauf gesetztes verleumderisches Gerücht behandeln. Er war auf das sorgfältigste geschnürt und wattirt, seine Haare, feine Zähne waren Triumphe der Kunst. Wenn er sich nicht, wie es am meisten der Fall war, mit den jüngsten unter den anwesenden Damen beschäftigte, so bewegte er sich ausschließlich im Kreise der jüngsten Herren. Er versäumte keinen Tanz; zwei Mal kam er dabei der Länge nach auf dem Rasen zu liegen, ließ sich aber dadurch nicht irre machen und tanzte sofort wieder den nächsten Walzer mit einer andern jungen Dame, als ob nichts vorgefallen wäre. Auf seine Frage, wer dieser alte, feurige Herr sei, erfuhr Bishopriggs, daß es ein bei seinen Untergebenen unter dem Namen, »der Tartar« bekannter Marine-Offizier außer Diensten sei, der mit seinem wirklichen Namen »Capitain Newenden« heiße und der letzte männliche Repräsentant einer der ältesten Familien England’s sei. Die zweite Person, die bei dem Ball auf der Waldwiese eine hervorragende Rolle zu spielen schien, war eine Dame. Für Bishoprigg’s Auge war sie ein Wunder von Schönheit, und trug an Seide, Spitzen und Edelsteinen ein kleines Vermögen mit sich herum. Keine der anwesenden Damen war der Gegenstand so ausgesuchter Aufmerksamkeiten von Seiten der Herren, wie dieses bezaubernde Wesen. Sie saß da und fächelte sich mit einem Meisterwerk der Kunst, welches aus einer kleinen Insel von Battist inmitten eines Oceans von Spitzen bestand und die Prätention hatte, ein Taschentuch zu sein. Sie war von einem kleinen Hofstaat von Bewunderern umgeben, die auf ihren leisesten Wink hin eilten, etwas für sie fortzutragen oder herbeizuholen wie gut dressirte Hunde. Bald brachten sie ihr Erfrischungen, die sie nur verlangt hatte, um sie gleich darauf zurück zugeben; bald gaben sie ihr Auskunft über das, was unter den Tänzern vorging, eine Auskunft, nach der sie eifrig verlangt hatte, als sie ihre Boten entsandte, ander sie aber nicht das leiseste Interesse mehr nahm, sobald die Boten zurückkamen. Die ganze Gesellschaft erging sich in den überschwänglichsten Ausdrücken der Theilnahme, wenn sie, um die Ursache ihrer Abwesenheit vom Diner befragt, antwortete: »Ach, meine Nerven,« und Alle erklärten, wenn sie dann ihre Bedenken äußerte, ob sie Recht gethan habe, überall noch in der Gesellschaft zu erscheinen: »Was würden wir ohne Sie angefangen haben?« Auf seine fernere Frage, wer diese bevorzugte Dame sei, erfuhr Bishopriggs, daß sie die Nichte des unwiderstehlichen alten Herrn, das heißt keine geringere sei, als die von ihm so ungeduldig gesuchte Mrs. Glenarm. Trotz seiner außerordentlichen Zuversichtlichkeit war Bishopriggs doch in Verlegenheit, als er sich die Frage verlegen mußte, was er zunächst zu thun habe. Unter den gegenwärtigen Umständen, Unterhandlungen mit Mrs. Glenarm zu eröffnen, war für einen Mann in seiner Stellung durchaus unmöglich. Aber abgesehen davon, war auch die Aussicht; sich in Zukunft dieser Dame in Gewinn bringender Weise zu nähern, gelinde gesagt, von nicht geringen Schwierigkeiten umgeben. Angenommen, er fände ein Mittel, sie über Geoffrey’s Stellung aufzuklären, was würde sie, nachdem sie seine Warnung erhalten hätte, voraussichtlich thun? Sie würde sich aller Wahrscheinlichkeit nach, an einen der beiden Männer wenden, die ihr am Nächsten standen. Wenn sie sich direct an den Mann wandte, der von ihm beschuldigt wurde, sich mit ihr verheirathen zu wollen, während er bereits mit einem andern Frauenzimmer verlobt war, so würde sich Bishopriggs dem Besitzer der fürchterlichen Faust gegenüber finden, die ihm selbst bei einer entfernten und vorübergehenden Begegnung gerechten Schrecken eingejagt hatte. Wenn sie andererseits ihr Interesse in die Hände ihres Onkels legte, so brauchte Bishopriggs sich den Capitain nur anzusehen, um sich über seine Chance klar zu werden, einem Mann Bedingungen aufzuerlegen, der trotz seiner sechzig Jahre die Welt mit jugendlichen Blicken herausforderte, die Spuren der Zeit an ihm zu entdecken. Was war diesen großen Schwierigkeiten gegenüber zu thun? Das Einzige was ihm zu thun übrig blieb, war, sich Mrs. Glenarm unter dem Schutze der Anonymität zu nähern. In dieser Ueberzeugung beschloß Bishopriggs sich von den Dienstboten Gewißheit darüber zu verschaffen, wohin die Dame sich, von Swanhaven Lodge aus, zunächst zu begeben beabsichtige und nachdem er das erfahren haben würde, sie in anonymem durch die Post beförderten Warnungen auf welche eine Antwort in dem Annoncentheil einer Zeitung erbeten würde, zu reizen. Auf diese Weise würde er seinen Zweck, sie zu beunruhigen, vollkommen erreichen, ohne selbst die mindeste Gefahr zu laufen.
Mrs Glenarm ließ es sich nicht träumen, als ihr einfiel, einen mit Erfrischungen an ihr vorübergehenden Diener anzuhalten, daß der armselige, alte Bursche, während sie ein Glas Limonade von seinem Präsentirbret nahm, darauf bedacht war, vor Ablauf der Woche in der doppelten Eigenschaft »eines Freundes der es gut mit ihr meine« und »eines wahren Freundes« mit ihr in Correspondenz zu treten.
Der Abend rückte vor, immer länger wurden die Schatten der Bäume, immer schwärzer wurde das Wasser des See’s und immer gespenstischer glitten die Schwäne über dasselbe dahin.
Die älteren Gäste dachten daran, nach Hause zu fahren, die jüngeren fingen – mit Ausnahme von Capitain Newenden – an, des Tanzens müde zu werden; allmälig übten die Reize des Hauses, seine comfortablen Räume mit ihrem Kerzenlicht und die dort gereichten Getränke, Thee und Kaffee, wieder ihre Macht aus. Einer nach dem Andern, verließen die Gäste die Waldwiese und endlich konnten die armen Musikanten ihren so lange angestrengten Lungen und Fingern wieder Ruhe gönnen.
Lady Lundie mit ihrer Gesellschaft war die Erste, die nach ihrem Wagen verlangte und sich empfahl, indem sie den am nächsten Tage bevorstehenden Aufbruch des ganzen Hanshaltes von Windygates, als Entschuldigungsgrund dafür geltend machte, daß sie mit dem Beispiel des Rückzugs vorangehe.
Eine Stunde später waren die auf längere Zeit zum Besuch in Swanhaven Lodge Weilenden, die einzigen noch übrigen Gäste. Nachdem die Gesellschaft fort war, wurden die gemietheten Kellner von Kirkandrew bezahlt und entlassen.
Auf der Rückfahrt rief das Schweigen Bishopriggs einiges Erstaunen bei seinen Collegen hervor.
»Ich habe an meine eigenen Angelegenheiten zu denken,« lautete die einzige Antwort, mit der er den ihm gemachten Vorstellungen begegnete. Die eigenen Angelegenheiten«, auf die er anspielte, begriffen unter andern Veränderungen seines Planes, auch seine Abreise von Kirkandrew am nächsten Tage, mit Hinterlassung der für vorkommende Fälle bestimmten Adresse bei seinem Freunde in Cowgate, Edinburgh, in sich. Sein nächster Bestimmungsort, den er aber vor Jedermann geheim zu halten gedachte, war Perth.
Die Umgegend dieser Stadt war, nach der Versicherung ihres eigenen Kammermädchens, der Theil von Schottland, nach welchem sich die reiche Wittwe, in zwei Tagen von Swanhaven Lodge aus, zu begeben beabsichtigte. In Perth kannte Bishopriggs mehr als ein Haus, in welchem er darauf rechnen konnte, vorübergehende Beschäftigung zu finden, und von Perth aus wollte er seine ersten anonymen Mittheilungen an Mrs. Glenarm gelangen lassen.
Der Rest des Abends verging sehr ruhig in Swanhaven Lodge. Die Hausgenossen waren nach den Aufregungen des Tages schläfrig und abgespannt. Mrs. Glenarm zog sich zeitig auf ihre Zimmer zurück. Um elf Uhr Abends war Julius Delamayn die einzige noch wachende Person im Hause. Man glaubte ihn in seinem Arbeitszimmer damit beschäftigt, eine Adresse an seine Wähler, in Gemäßheit der ihm von London aus von seinem Vater zugegangenen Instructionen zu entwerfen. In Wahrheit aber spielte er fest, wo ihn Niemand verrathen konnte, im Musikzimmer Etuden auf seiner geliebten Violine.
