Kitabı oku: «Mann und Weib», sayfa 27
»Bringen Sie mich nach dem See«, sagte sie, mit einem kleinen bittenden Druck ihrer rosafarbenen Hand.
Geoffrey sah nach seiner Uhr. »Perry,« sagte er, »erwartet mich in zwanzig Minuten!«
»Wieder Perry?«
»Ja!«
Mrs. Glenarm schwang ihren Fächer mit einem plötzlichen Ausbruch der Wuth und zerbrach ihn, indem sie Geoffrey einen empfindlichen Schlag in’s Gesicht versetzte.«
»Da!« rief sie, mit dem Fuße stampfend, »mein armer Fächer zerbrochen, Sie Ungeheuer, Alles um Ihretwillen!«
Geoffrey sammelte ruhig die Bruchstücke des Fächers auf und steckte sie in die Tasche.
»Ich will nach London schreiben und Ihnen einen andern kommen lassen. Kommen Sie, kommen Sie, geben Sie mir einen Kuß und lassen Sie uns wieder gute Freunde sein!«
Er sah sich über die Schulter um, ob sie allein seien, dann hob er sie mit beiden Händen in die Höhe, obgleich sie nichts weniger als leicht war, hielt sie wie ein Kind hoch empor und gab ihr einen lauten, derben Kuß aus beide Wangen.
»Mit bestem Gruße von ihrem treu Ergebenen,« sagte er, brach in lautes Lachen aus und stellte sie wieder auf den Boden.
»Wie dürfen Sie sich so etwas unterstehen!« rief Mrs. Glenarm, »ich werde Mrs. Delamayn um ihren Schutz, bitten, wenn Sie mich aus diese Weise insultiren, und werde es Ihnen nicht vergeben, mein Herr.«
Während sie diese Worte der Entrüstung sprach, warf sie ihm einen Blick zu, der ihre Worte geradezu Lügen strafte. Im nächsten Augenblick lehnte sie sich an seinen Arm und betrachtete ihn zum tausendsten Male mit bewundernden Blicken, als eine, in ihrer Erfahrung von Männern, ganz neue Erscheinung.
»Wie roh Sie sind, Geoffrey,« sagte sie sanft.
Er lächelte über die unabsichtliche Anerkennung seiner Männlichkeit.
Sie sah das Lächeln und machte sofort einen neuen Versuch, die verhaßte Suprematie Perry’s zu bekämpfen.
»Lassen Sie ihn warten« flüsterte die Tochter Evas, entschlossen, Adam zu einem Bisse in den Apfel zu verlocken.
»Kommen Sie, Geoffrey, und lassen Sie dieses eine Mal Perr Perry sein, bringen Sie mich nach dem See.«
Geoffrey sah nach der Uhr. »Perry erwartet mich in einer Viertelstunde,« erwiderte er.
Mrs. Glenarm’s Entrüstung nahm eine neue Gestalt an, sie brach in Thränen aus.
Geoffrey sah sie einen Augenblick mit unverhohlenem Erstaunen an, faßte sie dann bei beiden Armen und schüttelte sie. »Hören Sie doch einmal«, sagte er ungeduldig, »können Sie mich einüben?«
»Ich würde es« gern thun, wenn ich es könnte.«
»Das kann mir nichts helfen. Können Sie mich soweit bringen, daß ich am Tage des Wettlaufs gerüstet bin, Ja oder nein?«
»Nein!«
»Dann trocknen Sie Ihre Thränen und lassen Sie Perry gewähren.«
»Mrs. Glenarm trocknete ihre Thränen und machte einen letzten Versuch, Geoffrey zurückzuhalten. »Ich kann mich so nicht blicken lassen«, sagte sie, »ich bin so aufgeregt, ich weiß nicht, was ich anfangen soll, kommen Sie mit in’s Haus und lassen Sie uns eine Tasse Thee trinken.«
Geoffrey schüttelte den Kopf. »Perry«, sagte er, »verbietet mir am Tage Thee zu trinken.«
»Sie hartherziges Ungeheuer«, rief Miß Glenarm.
»Soll ich den Wettlauf verlieren?« erwiderte Geoffrey.
»Ja!« Mit dieser Antwort verließ sie ihn endlich und eilte in das Haus»zurück.
Geoffrey ging auf der Terrasse auf und ab, überlegte einen Augenblick, stand dann still und blickte durch das Portal, durch welches sich die erzürnte Wittwe seinen Blicken entzogen hatte.
»Zehntausend Pfund jährlich« sagte er, indem er an seine Heirathsaussichten dachte, die er zu gefährden im Begriff stand, »und verflucht leicht verdient«, fügte er hinzu, indem er in’s Haus trat, um Glenarm zu beschwichtigen.
Die beleidigte Wittwe saß auf einem Sopha in einein einsamen Salon. Geoffrey setzte sich neben sie. Sie that, als wolle sie ihn nicht ansehen. »Seien Sie keine Närrin,« sagte er in einem einschmeichelnden Tone. Mrs. Glenarm hielt sich das Taschentuch vor die Augen. Geoffrey zog dasselbe ohne Umstände wieder weg. Mrs. Glenarm stand auf, um aus dem Zimmer zu gehen. Geoffrey hielt sie mit Gewalt zurück. Mrs. Glenarm drohte, die Dienstboten herbeizurufen. Geoffrey entgegnete: »Meinetwegen, ich mache mir nichts daraus, wenn das ganze Haus erfährt, daß ich Sie gern habe.« Mrs. Glenarm sah nach der Thür und flüsterte: »Still um Gottes willen!« Geoffrey legte ihren Arm in den seinigen und sagte: »Kommen Sie mit mir, ich habe Ihnen etwas zu sagen.« Mrs. Glenarm trat zurück und schüttelte den Kopf. Geoffrey legte seinen Arm um ihre Taille und schleppte sie mit sich zum Zimmer und zum Hause hinaus, nicht auf die Terrasse, sondern in der Richtung einer Tannenanpflanzung an der andern Seite des Hauses. Bei der Tannenanpflanzung angelangt, stand er still und hielt der beleidigten Wittwe einen warnenden Finger entgegen. »Sie sind grade die Art von Frau, die mir gefällt,« sagte er, »und es giebt keinen Mann, der so verliebt in Sie wäre, wie ich. Geben Sie es auf, mich mit Perry zu quälen und ich will Ihnen sagen, was ich für Sie thun will. Sie sollen sehen, wie ich einen Sprint mache.« Er trat einen Schritt zurück und heftete seine großen blauen Augen fest auf sie mit einem Blick, der sagte: »Ich gewähre Ihnen eine Gunst, die noch nie einer Frau zu Theil geworden ist.« Sofort gewann die Neugierde bei Mrs. Glenarm die Oberhand.
»Was ist ein Sprint?« fragte sie.
»Ein kurzes Rennen, um zu versuchen, wie rasch ich laufen kann. Es giebt keine lebende Seele in ganz England, außer Ihnen, der ich das sehen lassen würde! Bin ich noch ein Ungeheuer?«
Mrs. Glenarm war zum hundertsten Male wieder gewonnen. Sie sagte sanft: »O Geoffrey, wenn Sie doch immer so sein wollten wie jetzt.« Ihre Augen erhoben sich bewundernd zu den seinigen; aus freien Stücken ergriff sie wieder seinen Arm und drückte ihn sanft.
Geoffrey glaubte schon die zehntausend Pfund in seiner Tasche zu fühlen.
»Lieben Sie mich wieder?« flüsterte Mrs. Glenarm.
»Ob ich sie liebe!« antwortete der Held.
Der Friede war wieder hergestellt und die Beiden gingen mit einander weiter. Sie überschritten die Tannenanpflanzung und gelangten auf ein offenes, sanft gewelltes Terrain. Die letzte Erhöhung senkte sich allmälig in eine an der andern Seite von schützenden Bäumen begrenzte Ebene hinab. Unter den Bäumen befand sich ein freundliches, kleines, steinernes Haus, vor welchem ein geschniegeltes Männchen, die Hände auf dem Rücken, auf- und abging. Diese Ebene war das Uebungsfeld, das Haus der Aufenthaltsort und der geschniegelte kleine Mann, der Lehrer des Helden.
Wenn Mrs. Glenarm Perry haßte, war er allem Anschein nach in keiner Gefahr, sich in Mrs. Glenarm zu verlieben. Als Geoffrey sich mit seiner Begleiterin näherte, blieb der Lehrer stehen und starrte die Dame schweigend an. Die Dame ihrerseits nahm von dem Vorhandensein des Lehrers nicht die mindeste Notiz.
»Wie viel Uhr ist es?« fragte Geoffrey.
Perry sah nach einer Uhr, welche fünftel Secunden angab und antwortete Geoffrey, während er seinen Blick fortwährend fest auf Mrs. Glenarm gerichtet hielt: »Sie haben noch fünf Minuten!«
»Zeigen Sie mir, wo Sie laufen werden, ich bin voll Begierde es mit anzusehen«, sagte die Wittwe eifrig, indem sie Geoffrey’s Arm mit beiden Händen ergriff.
Geoffrey führte sie an einen in geringer Entfernung von dem Häuschen befindlichen Baum, an dem eine kleine Fahne befestigt war. Sie schlüpfte an seiner Seite in leichten Wellenbewegung hin, welche Perry’s Erbitterung auf ihren Höhepunkt zu bringen schienen.
»Stellen Sie sich dahin«, sagte Geoffrey, indem er sie an den kleinen Baum führte, »wenn ich an Ihnen vorüber komme« – er hielt inne und betrachtete sie mit dem Ausdruck gutmüthigen Mitleids. »Wie, zum Teufel, soll ich Ihnen die Sache begreiflich machen?« fuhr er fort. »Sehen Sie mal, wenn ich an Ihnen vorüber komme, so wird das in einer Bewegung sein, die Sie, wenn ich ein Pferd wäre, Galopp nennen würden. Schweigen Sie, ich bin noch nicht fertig. Sie müssen mir, wenn ich an Ihnen vorbeilaufe, nachsehen, bis dahin, wo die Ecke der Mauer des Häuschens sich mit den Bäumen schneidet. Wenn ich hinter der Mauer Ihren Blicken entrückt bin, so haben Sie mich meine tausend Fuß, von der Fahne an, durchlaufen sehen. Sie können sich glücklich preisen, Perry läßt mich heute einen langen Sprint machen. Sie haben verstanden, daß Sie hier stehen bleiben sollen? Gut, jetzt lassen Sie mich gehen und mein Renncostüm anziehen.«
»Werde ich Sie denn nicht wiedersehen, Geoffrey?«
»Habe ich Ihnen nicht eben gesagt, daß Sie mich laufen sehen werden?«
»Ja!«
»Aber nachher werde ich mit einem Schwamm abgewaschen, gerieben und muß in dem Häuschen ausruhen.«
»Aber Sie kommen doch heute Abend zu uns?«
Er nickte bejahend und ging von dannen.
Perry’s Gesicht trug einen unheilverkündenden Ausdruck, als Geoffrey an der Thür des Häuschen zu ihm trat.
»Ich habe Ihnen eine Frage zu stellen, Mr. Geoffrey« sagte der Lehrer, »wollen Sie mich haben oder nicht?«
»Gewiß will ich Sie haben.«
»Was habe ich Ihnen gesagt, als ich zuerst herkam?« fuhr Perry in strengem Tone fort. »Ich sagte Ihnen, ich wolle es nicht haben, daß irgend Jemand den Uebungen des von mir eingeübten Mannes zusähe. Vielleicht haben alle die Damen und Herren hier beschlossen, Sie zu sehen, ich aber habe beschlossen keinen Zuschauer zu dulden, ich will nicht, daß jemand Anders Ihnen bei Ihrer Arbeit aufpaßt, als ich, ich will nicht, daß jeder Fußbreit gesegneter Erde, die Sie durchlaufen, in den Zeitungen erscheint; kein Mensch außer uns Beiden soll wissen, was Sie vermögen und was Sie nicht vermögen. Habe ich Ihnen das gesagt, Mr. Delamaym oder nicht?«
»Gewiß, gewiß!«
»Habe ich Ihnen das gesagt?«
»Gewiß haben Sie mir das gesagt.«
»Nun, dann bringen Sie mir keine Frauenzimmer hierher, das ist entschieden gegen unsere Abrede und ich will es nicht dulden.«
Jedes andere lebende Wesen, das sich diesen Ton des Vorwurfes gegen Geoffrey erlaubt hätte, würde denselben wahrscheinlich zu bereuen gehabt haben. Aber in Perry#s Gegenwart fürchtete selbst Geoffrey seiner Laune freien Lauf zu lassen. Angesichts des bevorstehenden Wettlaufes durfte selbst der erste und ausgezeichnetste englische Athlet sich nicht einfallen lassen, mit dem ersten und ausgezeichnetsten Lehrer zu spaßen.
»Sie soll nicht wiederkommen,« sagte Geoffrey begütigend, »sie verläßt Swanhaven-odge in zwei Tagen.«
»Ich habe jeden Shilling, den ich besitze, auf Sie gewettet,« fuhr Perry fort, indem er wieder einen zärtlichen Ton annahm, »und ich kann Ihnen sagen, es war mir ein Stich in’s Herz, als ich Sie mit einem Frauenzimmer herkommen sah. Damit betrügt er die Leute, die auf ihn gewettet habest, sagte ich mir«
»Hören Sie auf,« erwiderte Geoffrey, »und helfen Sie mir, Ihr Geld zu gewinnen.« Er stieß die Thür des Häuschens auf, und der Athlet und der Lehrer verschwanden von der Scene.
Nachdem Mrs. Glenarm ein paar Minuten gewartet hatte, sah sie die beiden Männer sich ihr, von dem Häuschen her, wieder nähern. In dem enganliegenden, leichten, elastischem jeder Bewegung nachgehenden Costüm in dass Geoffrey jetzt gekleidet war, und das der gymnastischen Uebung, die er vorzunehmen im Begriff stand, völlig angemessen schien, zeigten sich seine körperlichen Vorzüge von der vortheilhaftesten Seite. Sein Kopf saß stolz und leicht auf seinem festen, weißen, entblößten Hals, die Bewegung seiner gewaltigen Brust, während er die frische Sommerluft in vollen Zügen einathmete, das Spiel seiner leichten feinen Hüften, der elastische Gang seiner starken, wohlgestalteten Beine, gewährten den Anblick des vollendetsten Typus männlicher Schönheit.
Mrs. Glenarm’s Augen verschlangen ihn in schweigender Bewunderung, er sah aus wie ein junger Gott, wie eine belebte Statue »O, Geoffrey!« rief sie sanft aus, während er an ihr vorüberkam.
Er gab ihr keine Antwort und sah sie nicht einmal an; er hatte etwas Anderes zu thun, als auf weibliches Geschwätz zu horchen. Er sammelte sich für die bevorstehende Anstrengung, seine Lippen waren geschlossen, seine Fäuste leicht geballt Perry stellte sich an seinen Posten, finster und schweigend mit der Uhr in der Hand. Geoffrey trat einige Schritte hinter die Fahne zurück, um einen hinreichenden Anlauf zu gewinnen, und wenn er an der Fahne vorbei käme, schon im vollsten Laufe zu sein.
»Also!« rief Perry.
Im nächsten Augenblick flog Geoffrey zu Mrs. Glenarm’s größten Erstaunen vorüber, wie ein von einem Bogen abgeschossener Pfeil. Seine Haltung war tadellos, sein Lauf bewahrte bei der größten Eile die unerläßlichen Bedingungen der Stärke und Festigkeit.
Weiter und weiter entfernte er sich von den Blicken, die seinem Laufe folgten, noch immer leicht über den Boden dahin fliegend, sich noch immer in gerader Linie haltend. Dann aber verschwand der Läufer plötzlich hinter der Mauer des Häuschens und die Uhr des Lehrers wanderte wieder in seine Tasche zurück.
In ihrem Eifer, das Resultat zu erfahren, vergaß Mrs. Glenarm ihre Eifersucht auf Perry »Wie lange hat er gebraucht?« fragte sie.
»Das möchte wohl Mancher noch außer Ihnen gern wissen,« antwortete Perry.
»O, Mr. Delamayn wird es mir schon sagen, Sie grober Mensch!«
»Das hängt davon ab, Madame, ob ich es ihm sage.« Mit diesen Worten eilte Perry in’s Häuschen zurück.
Kein Wort wurde zwischen Beiden gewechselt, während Perry den erschöpften Renner pflegte, bis dieser wieder zu Athem kam. Nachdem Geoffrey sorgfältig abgerieben und wieder mit seinen gewöhnlichen Kleidern angethan war, zog Perry einen bequemen Lehnstuhl aus einer Ecke herbei, in den Geoffrey mehr fiel, als daß er sich hineingesetzt hätte.
Perry fuhr zusammen und sah ihn aufmerksam an.
»Nun?« sagte Geoffrey »wie ist es damit, lang, kurz oder mittelmäßig?«
»Seht: gut!« sagte Perrh.
»Wie lange denn?«
»Wann, sagten Sie, daß die Dame abreisen würde, Mr. Delamayn?«
»In zwei Tagen.«
»Gut, ich werde Ihnen sagen, wie lange Sie gelaufen sind, wenn die Dame fort ist.«
Geoffrey machte keinen Versuch, auf eine sofortige Antwort zu dringen, sondern lächelte nur schwach. Nach einer Pause von weniger als zehn Minuten streckte er die Beine aus und schloß die Augen.
»Wollen Sie schlafen?« fragte Perry.
Geoffrey öffnete die Augen mit einiger Anstrengung wieder. »Nein,« sagte er. Kaum war die Antwort seinen Lippen entschlüpft, als er die Augen wieder schloß.
»Halloh!« sagte Perry vor sich hin, »das gefällt mir nicht,« und trat näher an den Stuhl heran. Geoffrey war eingeschlafen. Perry ließ einen langen, leisen Pfiff ertönen, beugte sich vorüber und legte zwei Finger sanft auf Geoffrey’s Puls. Der Schlag war langsam und schwach, unzweifelhaft der Puls eines erschöpften Menschen. Der Lehrer wechselte die Farbe und ging im Zimmer auf und ab. Er öffnete einen Schrank und nahm aus demselben sein Tagebuch über die Vorkommnisse der vergangenen Jahre. Die Notizen in Betrefs des letzten Males, wo er Geoffrey zu einem Wettlaufen vorbereitet hatte, waren von der genauesten Vollständigkeit. Er schlug den Bericht über die ersten Versuche, »eine Strecke von tausend Fuß zurückzulegen« auf. Die Zeitdauer war kaum ein bis zwei Secunden länger als heute, aber der Zustand nach dem Laufen war äußerst verschieden. Da stand es mir Perrh’s eigenen Worten: »Puls gut, der Mann vortrefflich gelaunt, bereit, wenn ich es zugelassen hätte, die Strecke noch einmal zu durchlaufen.« – Perry betrachtete sich denselben Mann, wie er heute, ein Jahr später, vor ihm saß, gänzlich erschöpft und auf seinem Stuhl fest eingeschlafen. Er nahm Feder, Tinte und Papier aus dem Schrank und schrieb zwei Briefe, deren beider Adressen er das Wort »vertraulich« hinzufügte. Der erste Brief war an einen Arzt, eine große Autorität bei den Renn-Lehrern der zweite an Perrys Agenten in London, den er als eine vertrauenswürdige Person kannte, gerichtet. Der Brief beauftragte den Agenten, indem er ihm die strengste Geheimhaltung zur Pflicht tauchte, auf Geoffrey’s Gegner beim Wettrennen eine gleich hohe Summe zu wetten, wie Perry aus Geoffrey selbst gewettet hatte. »Wenn Sie irgend etwas auf ihn gewettet haben,« schloß der Brief, »so machen Sie es wie ich, nehmen Sie sich in Acht und schweigen Sie. Da ist wieder Einer unbrauchbar geworden.« Und mit einem Blick auf den schlafenden Mann sagte er bei sich »Er wird den Wettlauf verlieren.«
Zwölftes Kapitel.
Die Saat der Zukunft; zweite Aussaat
Und was sagten die meisten Gäste über die Schwäne? Sie sagten: »o, wie viele Schwäne!« und das war Alles was»Leute sagen konnten, die von der Naturgeschichte der Wasservögel nichts wußten.
Und was sagten die Gäste von dem See? Einige sagten: »wie feierlich«, Andere, »Wie romantisch«, wieder Andere aber sagten gar nichts, aber dachten: »Ein trübseliger Anblick.« In diesem Falle traf die Meinung des Haufens wieder einmal das Richtige. Der See lag inmitten eines Tannenwaldes verborgen. Bis auf die Mitte, wo die Sonne das Wasser erreichen konnte, lag der See schwarz unter dem dunkeln Schatten der Bäume da. Die einzige Lichtung in der Tannenpflanzung befand sich an dem untern Ende des See’s; das einzige erkennbare Zeichen seiner Bewegung und seines Lebens war das geisterhafte Hingleiten der Schwäne über die todtenstille Oberfläche des Wassers. »Es war feierlich«, wie einige Ciäste sagten, »es war romantisch«, wie andere sagten, »es war trübselig«, wie andere dachten und nicht sagten.
Die längste Beschreibung würde nichts mehr zu sagen vermögen; enthalten wir uns deshalb jeder weiteren Schilderung. Nachdem die allgemeine Neugierde sich an dem Anblick der Schwäne und des See’s genug gethan hatte, wandten sich die Gäste wieder der Lichtung am untern Ende des See’s zu und bemerkten daselbst einen offenbar künstlichen Gegenstand, der sich in Gestalt eines großen, rothen, zwischen zwei der höchsten Bäume aufgehängten Vorhanges in die Scene eingedrängt hatte und die darüber hinausliegende Aussicht den Blicken entzog. Sie verlangten eine Erklärung des Vorhanges und erhielten von Julius Delamayn zur Antwort, daß das Geheimniß unmittelbar nach dem Eintreffen seiner Frau mit den im Hause zurückgebliebenen Gästen, enthüllt werden solle.
Nach dem Erscheinen von Mrs. Delamayn mit den Nachzüglern stellte sich die ganze Gesellschaft dicht am Ufer des See’s, dem Vorhange gerade gegenüber auf. Julius Delamayn winkte, indem er auf die seidenen Schnüre, die an beiden Enden des Vorhanges herabhingen, zeigte, zwei in der Gesellschaft befindliche kleine Mädchen, die Nichten seiner Frau, zu sich heran. Er bedeutete sie, an den Schnüren zu ziehen und aufzupassen, was es dann geben werde. Die kleinen Kinder zogen mit dem Eifer, den Kinder immer an den Tag legen, wenn es sich um etwas Geheimnißvolles handelt. Der Vorhang ging in der Mitte auseinander und ein lauter Ausruf allgemeinen Erstaunens und Entzückens begrüßte das sich den Blicken darbietende Schauspiel.
Am Ende einer Tannen-Allee breitete ein kühler, grüner Rasenplatz seinen Grasteppich inmitten der umgebenden Anpflanzungen aus. Jenseits des Rasens erhob sich der Boden und hier ließ auf dem ersten Abhang eine liebliche, kleine Fontaine, zwischen grauen alten Granitblöcken ihr Geplätscher vernehmen. Längs der rechten Seite des Rasens stand eine Reihe von Tischen, die mit weißen Servietten und mit Erfrischungen für die Gäste bedeckt waren; an der andern Seite war ein Musikcorps aufgestellt, das in dem Moment, wo der Vorhang auseinander gezogen wurde, seine Weisen zu spielen begann. Wenn das Auge sich von der Tannen-Allee zurückwandte fiel es wieder auf den See, auf dessen Wasser das Sonnenlicht spielte und das Gefieder der dahingleitenden Schwäne in seinem glänzenden Weiß sanft beleuchtete. Das war die reizende Ueberraschung, welche Julius Delamayn seinen Freunden bereitet hatte.
Nur in Momenten wie dieser oder wenn er mit seiner Frau im bescheidenen kleinen Musikzimmer Sonaten spielte, fühlte sich der älteste Sohn Lord Holchester’s äußerst glücklich. Er seufzte im Geheimen über die Pflichten, welche seine Stellung als Landedelmann ihm auferlegte, und er litt schwer unter einem der höchsten Privilegien seines Ranges und seiner Stellung, als unter einem socialen Märtyrerthum der grausamsten Art.
»Jetzt wollen wir zu Tisch gehen nud dann tanzen, das ist das Programm des heutigen Tages. Er ging zu Tisch voran mit den beiden ihm zunächst stehenden Damen, ohne sich im Mindesten darum zu kümmern, ob sie zu den vornehmsten der anwesenden Damen gehörten oder nicht. Zu Lady Lundie’s Erstaunen setzte er sich auch auf den dem Eingange zunächst belegenen Platze, ohne anscheinend irgend welchen Werth darauf zu legen, welchen Platz er bei seinem eigenen Feste einnehme.
Die Gäste folgten seinem Beispiel und setzten sich ebenfalls, ohne nach Vorsitz und Rang zu fragen, wohin es ihnen gefiel. Mrs. Delamayn die immer ein besonderes Interesse für Bräute empfand, nahm Blanche’s Arm. Lady Lundie setzte sich entschlossen an die andere Seite ihrer Wirthin, so daß die drei Damen dicht bei einander saßen.
Mrs. Delamayn that ihr Bestes, um Blanche zum Reden zu ermuntern und Blanche that ihr Möglichstes, die Ermunterung Mrs. Delamayn’s nicht vergeblich erscheinen zu lassen, aber doch gelang der Versuch von beiden Seiten nur kümmerlich, so daß Mrs. Delamayn sich des Gedankens nicht erwehren konnte, daß auf Blanche’s Gemüth etwas Unangenehmes laste, und den Versuch verzweifelnd aufgab, indem sie sich zu Lady Lundie wandte.
Mrs. Delamayn’s Vermuthung war nur zu begründet. Blanche’s Ausbruch schlechter Laune gegen ihre Freundin auf der Terrasse und Blanche’s gegenwärtiger Mangel an Munterkeit und guter Laune waren auf dieselbe Ursache zurückzuführen. Sie verbarg es vor ihrem Onkel und vor Arnold, aber sie war noch so besorgt und unglücklich über Anne wie je und noch immer entschlossen, Sir Patrick mochte sagen und thun was er wollte, die erste Gelegenheit, die Nachforschungen nach ihrer verlorenen Freundin zu erneuern, zu ergreifen.
Inzwischen nahm das Essen und Trinken seinen heitern Fortgang, das Musikcorps spielte seine lustigsten Melodien, und die Diener sorgten dafür, daß die Gläser immer gefüllt waren; an allen Tischen herrschte die ungezwungenste Heiterkeit. Die einzige Unterhaltung, bei welcher die Redenden nicht vollkommen mit einander harmonirten, war die neben Blanche, welche ihre Stiefmutter und Mrs. Delamayn führte.
Unter den Vorzügen Lady Lundie’s nahm die Fähigkeit, unangenehme Entdeckungen zu machen, nicht den letzten Platz ein. Bei der Collation auf dem Rasen verfehlte sie nicht zu bemerken, was alle Uebrigen mit Stillschweigen übergingen, nämlich die Abwesenheit des Schwagers der Wirthin von dem Feste, und noch merkwürdiger, das Verschwinden einer Dame, die für den Augenblick zu den aus längere Zeit weilenden Gästen des Hauses gehörte, mit einem Wort das Verschwinden Mrs. Glenarm’s.
»Irre ich mich«, bemerkte Lady Lundie, indem sie mit ihrer Lorgnette um den Tisch herumsah, »oder fehlt nicht ein Mitglied unserer Gesellschaft? Ich sehe Mr. Geoffrey Delamayn nicht.«
»Geoffrey versprach nachzukommen, aber er ist, wie Sie vielleicht bemerkt haben werden, nicht sehr gewissenhaft in der Erfüllung von Verpflichtungen dieser Art, er opfert Alles seiner Vorbereitung, wir sehen ihn jetzt nur selten.« Nach dieser Antwort versuchte es Mrs. Delamayn, den Gegenstand der Unterhaltung zu verlassen; Lady Lundie aber nahm zum zweiten Mal ihre Lorgnette und sah wieder um den Tisch herum. »Verzeihen Sie«, bemerkte Lady Lundie, aber ist es möglich, daß ich noch einen andern Gast vermiße? Ich sehe Mrs. Glenarm nicht! Sie muß aber doch hier sein. Mrs. Glenarm läßt sich doch nicht für ein Wettlaufen vorbereiten? Sehen Sie sie, ich sehe sie nicht, ich vermißte sie schon als wir auf die Terrasse hinauskamen und habe sie seitdem nicht wiedergesehen, ist das nicht sehr sonderbar liebe Mrs. Delamayn?«
»Unsere Gäste in Swanhaven Lodge haben volle Freiheit zu thun, was ihnen gefällt, Lady Lundie.« Mit diesen Worten hatte Mrs Delamayn, wie sie sich schmeichelte, der Unterhaltung über diesen Gegenstand ein Ende gemacht, aber Lady Lundie’s grenzenlose Neugierde ließ sich selbst durch die deutlichsten Winke nicht irre machen. Höchst wahrscheinlich von der ansteckenden Wirkung der Heiterkeit um sie her fortgerissen, entwickelte Lady Lundie eine ungewöhnliche Lebhaftigkeit.
Man sollte es nicht für möglich halten, aber es ist nichts desto weniger wahr, daß die majestätische Frau in diesem Augenblick lächelte.
»Darf man eine naheliegende Vermuthung aussprechen?« fragte Lady Lundie in einem scherzenden Ton, der von ihrer sonst so pomphaften Grandezza wunderlich genug alsstach. »Da haben wir auf der einen Seite Mr. Geoffrey Delamayn einen jungen, unverheiratheten Mann und auf der andern Seite haben wir Mrs. Glenarm, eine junge Wittwe. Der junge unverheirathete Mann ist von vornehmer Familie, die junge Wittwe ist reich und beide zu gleicher Zeit geheimnißvoll abwesend von derselben heitern Gesellschaft. O, Mrs. Delamayn, sollte ich mich irren, wenn ich annehme, daß auch Sie binnen Kurzem eine Hochzeit haben werden?«
Mrs. Delamayn’s Gesicht nahm einen etwas) verdrießlichen Ausdruck an. Sie war von ganzem Herzen auf die kleine Verschwörung eingegangen, die man angezettelt hatte, aus Geoffrey und Mrs. Glenarm ein Paar zu machen, aber sie hatte keine Lust, es einzugestehen, daß das rasche Entgegenkommen der Dame, trotz aller Versuche, diese Thatsache zu verbergen es offenbar gemacht hatte, daß die Verschwörung in zehn Tagen zu ihrem Ziele gelangt sei. »Ich bin nicht im Vertrauen der Dame und des Herrn, von dem Sie reden«, antwortete sie trocken.
Ein schwerer Körper ist schwer in Bewegung zu setzen, aber auch schwer wieder zur Ruhe zu bringen, wenn er einmal in Bewegung gebracht ist.
Die etwas schwerfällige Scherzhaftigkeit Lady Lundie’s gehorchte demselben Gesetz, sie beharrte bei ihrer ausgelassenen Heiterkeit. »O, was für eine diplomatische Antwort,« rief sie aus, »ich glaube aber doch, ich kann sie mir deuten. Mein Vögelchen hat mir gesagt, daß ich eine Mrs. Geoffrey Delamayn in London sehen werde und mich würde es wenigstens nicht überraschen, wenn ich in den Fall kommen sollte, Mrs. Glenarm zu gratuliren!«
»Wenn Sie darauf bestehen, sich von Ihrer Einbildungskraft fortreißen zu lassen, Lady Lundie, kann ich Sie nicht daran hindern, ich kann nur um die Erlaubniß bitten, meine Phantasie im Zaume halten zu dürfen.«
Dieses Mal begriff selbst Lady Lundie, daß es klüger sein würde, nichts weiter zu sagen. Sie lächelte und nickte verständnißinnig, höchst zufrieden mit dem von ihr an den Tag gelegten, außerordentlichen Scharfsinn. Wenn man sie in diesem Augenblicke gefragt hätte, wer die geistreichste Frau in England sei, so würde sie innerlich, unbedenklich die Antwort gegeben haben: »Lady Lundie von Windygates.«
Von dem Augenblicke an, wo die Unterhaltung neben ihr sich mit Geoffrey und Mrs. Glenarm zu beschäftigen angefangen hatte und während der kurzen Zeit, wo dieselbe sich um diesen Gegenstand drehte, wurde Blanche eines starken Geruchs nach geistigen Getränken inne, der sich, wie es ihr vorkam, von oben und hinter ihr, in ihrer Nähe verbreitete. Als sie fand, daß der Geruch stärker und stärker wurde, drehte sie sich um, sich zu überzeugen, ob etwa eine Fabrikation von Grog unerklärlicher Weise hinter ihrem Stuhl vorgenommen werde. In dem Augenblick, wo sie sich umdrehte, fielen ihre Augen auf ein Paar zitternder, gichtischer, alter Hände, die ihr eine reichlich mit Trüffeln versehene Geflügelpastete anboten.
»O, meine liebe junge Dame«, flüsterte ihr eine Stimme im Tone der Ueberredung in’s Ohr, »Sie sterben ja in einem Lande des Ueberflusses Hungers. Lassen Sie sich von mir rathen und nehmen Sie von dem besten Gericht, von dieser Geflügelpastete.«
Blanche sah auf; da stand er, der Mann mit dem schlauen Auge, dem väterlichen Wesen und der ungeheuren Nase, Bishopriggs, als wäre er in Spiritus aufbewahrt und – wartete bei dem Festmahle in Swanhaven Lodge auf. Blanche hatte ihn in jener denkwürdigen Gewitternacht, wo sie Anne im Gasthofe überrascht hatte, nur einen Augenblick gesehen, aber Augenblicke die in Bishopriggs Gesellschaft verbracht waren, prägten sich dem Gedächtniß tiefer ein, als in der Gesellschaft unbedeutender Menschen zugebrachte Stunden. Blanche erkannte ihn auf der Stelle wieder, erinnerte sich sofort, daß Sir Patrick bestimmt erklärt hatte, daß er im Besitz von Anne’s verlorenen Briefe sei, und zog alsbald den Schluß, daß sich ihr mit der Entdeckung Bishopriggs eine Chanee biete, Anne’s Spur zu verfolgen. Ihr erster Gedanke war, ihre Bekanntschaft mit ihm sofort wieder anzuknüpfem aber die auf sie gerichteten Blicke ihrer Nachbarn mahnten sie zu warten. Sie nahm ein wenig von der Pastete und sah Bishopriggs scharf in’s Auge.
Der discrete Mann ließ sich seinerseits durchaus nichts merken, verneigte sich respectvoll und ging mit seiner Schüssel weiter um den Tisch herum.
»Ich möchte wohl wissen ob er den Brief bei sich hat!«
Er hatte nicht nur den Brief bei sich, sondern mehr als das, er war gerade in diesem Augenblick damit beschäftigt, ein Mittel ausfindig zu machen, den Brief vortheilhaft zu verwerthen. Die häuslichen Einrichtungen in Swanhaven Lodge waren nicht der Art, daß eine große Dienerschaft vorhanden gewesen wäre. So oft Mr. Delamayn in den Fall kam, eine große Gesellschaft zu geben, war er in Betreff der Bedienung auf Aushülfe theils von Seiten seiner Freunde, theils aus dem Hauptgasthof in Kirtandrew angewiesen. Bishopriggs, der augenblicklich in Ermangelung einer besseren Stelle als ein überzähliger Kellner in dem dortigen Gasthofe diente, war einer von den Kellnern, die der Gasthof zur Aushülfe bei dem Gartenfeste hergeliehen hatte. Der Name des Herrn bei dem er an diesem Tage aufwarten sollte, hatte ihn sofort frappirt. Er hatte Erkundigungen eingezogen und hatte sich dann behufs weiterer Nachforschungen wieder mit dem Brief beschäftigt, den er von dem Boden des Gastzimmers in Craig-Fernie aufgenommen hatte. Der von Anne verlorene Briefbogen enthielt, wie sich der Leser erinnern wird, zwei Briefe, einen von ihr selbst und einen von Geoffrey unterschriebenen, und beide enthüllten Beziehungen zwischen den Schreibenden, die nicht für das Auge eines Fremden bestimmt waren. Bishopriggs hielt demnach für möglich, daß sich ihm, wenn er Augen und Ohren in Swanhaven Lodge offen hielt, eine Aussicht darbieten möchte, ein Geschäft mit der gestohlenen Correspondenz zu machen, und steckte den Brief, als er Kirkandrew verließ, in die Tasche.
