Kitabı oku: «Ein Kerl wie Samt und Seide»
Will Berthold
Ein Kerl wie Samt und Seide
Roman
SAGA Egmont
Ein Kerl wie Samt und Seide
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
Copyright © 2017 by Will Berthold Nachlass,
represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de).
Originally published 1984 by Hestia Verlag, Germany.
All rights reserved
ISBN: 9788711726945
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
»Vielleicht gelingt es mir wieder einmal, nachts zu schlafen. Womöglich kann ich wieder einmal richtig lachen. Vielleicht schmeckt mir das Essen wieder, und ich brauche nicht mehr den dummen Snob zu spielen. Es kann auch sein, daß mir das Trinken wieder Spaß macht, weil ich dabei nicht mehr die Vergangenheit ertränken muß. Vielleicht kommt auch einmal wieder die Situation, da ich eine Frau begehre. Aber zuvor heißt es Tabula rasa. Es ist die Voraussetzung, daß ich wieder atmen, daß ich weiterleben kann.«
Peter Maletta, S. 69/70
1. Teil
Take Off
Sie nannten den ungeschlachten Master-Sergeant aus Chicago ›Pigskin‹. Schweineschwarte; der übergewichtige Aufseher der Areale 9–12 in Münchens Alabama-Depot – bullig, schlagflüssig, lautstark – glich einem Schlächtergesellen, der sein Handwerk nur ausüben konnte, wenn er betrunken war.
Die Männer, die unter seiner Fuchtel schufteten, zweifelten nicht daran, daß sich Schweineschwarte bald zu Tode gesoffen haben würde, doch bis dahin mußten sie ihn weiterhin über sich ergehen lassen – viele von ihnen durchaus zu Recht, aber manche auch nur als Opfer pauschaler Vergangenheitsbewältigung. Zwei Monate nach der Stunde Null – Anfang Juli 45 – huschte für die Deutschen in ihrem besetzten Land die Zeit dahin wie eine hinkende Ratte.
Seitdem Hitlers Nachfolger Großadmiral Dönitz und die anderen Mitglieder der Reichsregierung am 23. Mai auf dem Passagierschiff Patria bei der Festnahme durch die Engländer die Hosen heruntergelassen hatten wie gemeine Soldaten bei der Schwanzparade, war die deutsche Geschichte in eine Epoche eingetreten, in der gehungert und gelogen, gehängt und gebetet, geträumt und gehurt, geschwiegen und verraten wurde.
Anfang Juli 1945 herrschte in Europa eine Hitzewelle. Schon am frühen Morgen wurden Rekordtemperaturen gemessen. Der Asphalt warf Blasen. Der durstige Master-Sergeant hatte schon am Vormittag seinen üblichen Alkoholpegel weit überschritten; in diesem Stadium war er unberechenbar.
Auch die anderen US-Soldaten wirkten heute verärgert, weil Französinnen in einer Titelgeschichte ihrer Armee-Zeitung Stars and stripes sie übereinstimmend als lausige Liebhaber denunziert hatten. Über vier Millionen US-Soldaten standen noch in Europa, die meisten in Deutschland. Nach der Abkürzung auf ihren Tornistern G(ovemment) I(ssue) ›Regierungs-Ausgabe‹ nannte man sie GIs, und tatsächlich gab der US-Steuerzahler eine Menge für die bestversorgte Armee der Welt aus. Täglich liefen Frachter aus Übersee Bremerhaven an, eine Enklave, die den Waffenbrüdern von den Engländern überlassen worden war. Auf notdürftig geflickten Schienensträngen, vorbei an geborstenen Stellhäusern, rollte pausenlos ein Strom von Zügen durch eine Trümmerlandschaft von Norden nach Süden. Stotternd, ächzend, schwerbewacht, und doch gelegentlich ausgeplündert, erreichten die Wagen schließlich das Alabama- und das benachbarte Indiana-Depot, wo die Güter gestapelt, verwaltet und an die US-Einheiten in Süddeutschland, Oberitalien und Österreich weitergereicht wurden.
Die Belegschaft der gigantischen Nachschubzentrale, ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Amerikanern und Polen, Deutschen und Staatenlosen, arbeitete täglich in zwei Schichten, am längsten die Männer, die unter automatischen Arrest‹ fielen; sie wurden jeden Morgen aus dem Internierungslager Moosburg angekarrt. Kreisleiter, Ortsgruppenführer, Denunzianten, Regierungsräte, Schullehrer, Ärzte und Bankangestellte nahmen in Areal 9, einem verrotteten Schuppen des Heereszeugamts, in dem vermutlich schon für den 70er-Krieg die Trompeten von Lunéville verwahrt worden waren, unter Anleitung von Master-Sergeant Pigskin Dosen mit Tomato-Juice aus den Kartons und schichteten sie aufeinander. Tausende, Zehntausende, Hunderttausende von Büchsen Tomatensaft, kleine, große und mittlere, nur Tomatensaft, von früh bis abends, jeden Tag, kujoniert von Schweineschwarte und seiner Gilde.
Kein Wunder, daß sie mit der Zeit nur noch rot sahen.
Die ordinärsten Arbeiten waren den Männern aus den Internierten-Lagern Vorbehalten; daneben gab es auch Facharbeiter, die für einen Schlag Maisbrei, eine Scheibe Spam, ordinärer amerikanischer Büchsenwurst, und zwei Kartoffeln arbeiteten, die sie gratis und ohne Lebensmittelmarken erhielten. Im Gegensatz zu den Internierten schliefen sie zu Hause und die Amis waren zu ihnen etwas freundlicher, solange sie die Magazinarbeiter nicht beim Klauen erwischten.
Unter den Bewachern gab es üble Typen und ganz besonders üble. Es gab natürlich auch menschliche – sogar in der Überzahl –, aber die traten wenig in Erscheinung, wenn Pigskin, der Bulle mit dem schlagflüssigen Gesicht, in der Nähe war.
Ein internierter Oberlehrer, kräftig und mittelgroß, wurde von Hitze und Durst geplagt, er fühlte sich einen Moment lang unbewacht, schnitt einen Karton auf, griff sich eine Dose, bohrte ein Loch hinein und setzte die Büchse an den Mund. Er trank in gierigen Schlucken und merkte nicht, daß er nicht mehr allein war. Die weichen Gummisohlen der Armeestiefel dämpften selbst noch Zwei-Zentner-zwanzig-Lebendgewicht. Der Mundräuber verschluckte sich, hustete, setzte wieder an, bis er merkte, daß sich ihm eine Hand auf die Schulter legte.
Ertappt fuhr er herum und starrte in Pigskins Purple-Face.
»Dirty bastard!« fluchte der Master-Sergeant. Es sah aus, als wollte er den Dieb gleich an Ort und Stelle zusammendreschen, aber dann überlegte er es sich anders und pfiff die ihm unterstellten Magazinarbeiter zusammen, um eine subtilere Methode vorzuführen.
Er reihte auf einem Tisch 15 Dosen mit Tomatensaft nebeneinander, sauber ausgerichtet, penibel abgezählt.
»Go on you crook and drink them all!« forderte Pigskin den Verstörten auf, die Büchsen auszutrinken.
Ob des Befehls, so viel zu trinken wie er wollte, verspürte der Schulmeister im ersten Moment törichte Erleichterung. Der Master-Sergeant öffnete eine Büchse und drückte sie dem Ex-Oberlehrer und Ortsgruppenleiter in die Hand.
»Cheers«, sagte er. Sein aufgedunsenes Gesicht wirkte hämisch; es war durchlaufen von einem Spinnengewebe roter Äderchen. Seine Augen wirkten stumpf und glanzlos, gelbgeränderte Säuferaugen. Seine Zunge leckte die Unterlippe, als der Mann aus dem Internierungslager mit dem Trinken begann, längst nicht mehr so gierig wie zuvor.
Er wollte absetzen, aber sein Peiniger schüttelte den Kopf.
»Be a good sport«, forderte er den Drangsalierten mit perfider Jovialität auf.
»The next one!« befahl er, als der Mann die erste Saftkonserve geschafft hatte.
Seine Arbeitskollegen standen herum. Ihre Gesichter ließen erkennen, daß sie ihm nur zu gerne beim Austrinken der aufgereihten Dosen geholfen hätten, aber Pigskin würde es nie erlauben, deshalb schluckten sie nur trocken mit.
Bei der dritten Büchse ließ der gefeuerte Oberlehrer die erste Mühsal erkennen; bei der vierten schoß ihm der Tomatensaft wieder zu den Nasenlöchern heraus. Er hustete und prustete, während der Master-Sergeant wie zufällig mit seinem Gummiknüppel spielte.
»Go on, son of a bitch!« sagte er, nicht unfreundlich, und der 50jährige mit den nassen Augen, der keinen Durst mehr hatte, mußte weitermachen.
Er schnaufte heftig: »Ich – ich kann nicht mehr«, stöhnte er, »unmöglich –«
»Shut up and drink!« erwiderte Master-Sergeant Pigskin.
Dem Internierten traten die Augen aus den Höhlen, ängstlich, großaufgerissen. Sein Gesicht quoll auf wie Hefeteig, er setzte ab, er würgte. Er stemmte sich gegen den Brechreiz, aber sein Magen war stärker, die rote Brühe schoß über die Speiseröhre wieder nach oben. Ein paar Sekunden hielt sich der Zwangsverpflichtete die Hände vor den Mund.
Dann kotzte er die rote Brühe heraus, auf den Boden, seinem Peiniger vor die Füße.
»Scum of the earth«, tobte der Angetrunkene: »Du Abschaum der Welt.« Seine Lippen platzten auseinander wie eine faule Frucht: »Don’t be a sissy!« Er schwankte auf unsicheren Beinen: »The next one!« befahl er mit meckernder Stimme und wies auf die weiteren elf Büchsen: »That’ll teach you a lesson!«
Der Oberlehrer a. D. war am Ende. Er konnte nicht mehr. Der Master-Sergeant ließ jetzt die falsche Jovialität fallen; er holte die ›Smith and Wesson‹ aus der Tasche, entsicherte sie, fuchtelte mit der Pistole herum, Finger am Druckpunkt.
Hastig griff sich der Internierte die fünfte Dose. Während er zu trinken versuchte, schoß gleichzeitig vom Magen her die Flüssigkeit hoch. Er begriff, daß ihn Schweineschwarte weiterschinden würde, daß er Tomatensaft trinken müßte, und trinken und trinken, bis der ganze Schuppen besudelt wäre.
Sein Entsetzen schlug von einer Sekunde auf die andere in Haß um. Sein Zorn explodierte wie eine Stichflamme.
Der untersetzte, kräftige Mann zog den Kopf an, als er sich mit einem Satz auf Pigskin stürzte und ihn rammte. Der Master-Sergeant fiel um. Der Internierte lag über ihm, entriß ihm die Pistole und kam wieder auf die Beine.
»Du Dreckskerl!« keuchte er und griff nach der ersten Büchse, schleuderte sie, ohne zu treffen, nach dem Amerikaner. »Du Schweinehund!« Die nächste erfaßte den Master-Sergeant am Kinn, die dritte an der Schläfe.
»Mach’ keinen Quatsch!« rief Horst Schöller, einer der Internierten, dem Ex-Oberlehrer zu, aber das Bangen um seinen Kumpel wurde von der Schadenfreude überlagert, und der Mann war auch nicht mehr zu bremsen.
Die anderen standen stumm herum mit hängenden Armen. Einige stahlen sich aus dem Schuppen, um später nicht als Zeugen für eine Steinigung mit Konservenbüchsen belangt zu werden. Andere waren unvorsichtiger: Sonst eher kriecherisch, hatte sich ihre Wut auf Schweineschwarte angehäuft. So verfolgten sie, ohne einzugreifen, wie bei einem von ihnen der Damm gebrochen war.
Immer wieder von Büchsen getroffen, rappelte sich der Master-Sergeant wimmernd hoch. Er war allein. Er hatte keine Chance gegen den Rasenden mit der Pistole. Um Hilfe brüllend, wetzte er aus dem Schuppen, von einem Amokläufer verfolgt.
Der Bulle keuchte und heulte; er flitzte in Richtung West-Ausgang. Niemand kam Schweineschwarte zu Hilfe. Selbst die Polen mit den Blauhelmen gönnten ihm die Abreibung. Dutzende von Zeugen standen herum und beobachteten die Verfolgung amüsiert, als versuchte hier nur ein herausgefressener Bauer zur Volksbelustigung auf der Dorfstraße die entlaufene Sau wieder einzufangen.
Erst als der rabiate Safttrinker im Laufen die ›Smith and Wesson‹ abdrückte, begriff der Master-Sergeant, daß er um sein Leben lief. Der Verfolger fuchtelte mit den Armen. Schwer zu sagen, ob er gezielt feuerte.
Hinter dem nächsten Stapel warf sich Pigskin plötzlich in Dekkung. Der Verfolger sah es zu spät und fiel über ihn. Beide waren ineinander verkeilt, versuchten gleichzeitig nach oben zu kommen. Während des erbitterten Handgemenges richtete sich die Maschinenpistole eines Militär-Polizisten auf den Internierten.
»Nein!« keuchte der genötigte Amokläufer, als er dem Tod in die Mündung sah: »Nein!«
Es war zu spät.
Ein Feuerstoß wuchtete in seinen Körper. Der Mann machte noch rudernde Bewegungen mit den Armen, aber es waren bereits postmortale Zuckungen, auch wenn seine linke Hand die Pistole immer noch festhielt. Aus dem zerfetzten Hemd quoll Blut. Der Stoff saugte sich damit voll, vermengte sich mit den Flecken des Tomato-Juice – zweierlei Rot, doch das dunklere war endgültig.
Der MP rief einen Arzt herbei, obwohl er wußte, daß hier nichts mehr zu machen war; er zuckte die Schultern. Ein klarer Fall von Notwehr. Keiner machte ein Aufhebens davon, einer weniger von den 75000, die von der Besatzungsmacht zur Zeit unter automatischem Arrest gehalten und in Lagern zusammengepfercht wurden.
Die Arbeit im Alabama-Depot ruhte einen Moment. Lagerarbeiter, polnische Hilfspolizisten und GIs standen um den Zusammengeschossenen herum. Sogar die Posten am Westtor waren einen Augenblick lang abgelenkt und sahen den Besucher, der behende aus einem Jeep sprang und an der Außenmauer der Schleißheimer Straße auf sie zukam, erst im letzten Moment, einen großen, schlanken Mann mit lässigen Bewegungen. Er war offensichtlich kein Amerikaner, aber, seltsam unberührt von der Zeit, sah er auch nicht wie ein Deutscher des Jahres 45 aus. Obwohl er eine demobilisierte Wehrmachtshose und eine gefärbte US-Windjacke trug, wirkte er flott, fast adrett. Er hatte braune Augen, die offensichtlich gewohnt waren, in weite Fernen zu sehen, und dunkle Haare. Seine unzeitgemäße Lässigkeit hatte etwas Aufreizendes; irgendwie wirkte der Mann hintergründig und zielstrebig. Viel Energie und viel Verstand.
Er wies einem der beiden Posten die schriftliche Genehmigung der Militär-Regierung vor, das Alabama-Lager zu betreten und hier mit einem Internierten namens Horst Schöller zu sprechen.
»No«, sagte der DP und schüttelte den Kopf. »Off limits.« »Look it through«, forderte ihn der Mann in der Windbluse auf, wies erneut die Autorisierung vor, dabei zog er ein Päckchen Chesterfield aus der Tasche und zündete sich eine Zigarette an, sicher hatte er auch eine Erlaubnis, amerikanische Glimmstäbchen zu besitzen.
Der linke DP – Displaced Persons nannte man die Millionenschar ausländischer Zwangsarbeiter, die nach dem Zusammenbruch nicht mehr in ihre kommunistische Heimat zurückwollten oder konnten – zögerte; er war nicht auf den Kopf gefallen: Wenn ein Deutscher in dieser Zeit in einem Jeep der Besatzungsmacht vorfuhr, ein halbes Päckchen Zigaretten in der Tasche hatte, ihm der Hunger nicht aus den Augen sah und er am Eingang zum US-Sperrgebiet nicht den Rücken krumm machte, dann mußte er wohl verdammt gute Beziehungen zum Military Government haben.
Nach einigem Hin und Her kam ein US-MP und las die Ermächtigung: »To whom it may concern?«
»Mr. Peter Maletta is allowed …«
»Wait a minute«, sagte der Militär-Polizist und rief einen deutschen Dolmetscher herbei.
»Can I help you?« fragte der Interpreter. »Are you German?«
»Ich bin Deutscher«, erwiderte der Besucher und präsentierte sein Permit, das der Dolmetscher mit übertriebener Gründlichkeit las.
»Sie können sich ausweisen?«
Der Reisepaß, den Peter Maletta vorwies, war längst abgelaufen, und doch eine Rarität. Der Dolmetscher betrachtete das Paßbild genau; provisorische Personal-Papiere des Jahres 45 waren im allgemeinen mit Fingerabdrücken unterschrieben.
»Ich komme im Auftrag von –«
»Leider momentan recht ungelegen, Herr Maletta«, unterbrach ihn der Dolmetscher. »Es hat hier gerade einen – einen Zwischenfall gegeben. Solange er nicht geklärt ist, darf niemand das Gelände betreten oder verlassen.« Er betrachtete den Mann in der Windbluse wieder und stellte fest, daß er entschlossen wirkte, wie einer, der auf ein Ziel fixiert ist und kein Mittel auslassen würde, es zu erreichen.
»Dann möchte ich mit Lieutenant-Colonel Williams – oder mit Colonel Rice sprechen.«
»Warum nicht gleich mit General Patton?« spottete der Dolmetscher: »Oder mit dem lieben Gott.«
Er ging in das Wachhäuschen und telefonierte, erschrocken über seine Dreistigkeit, denn zwischen dem lieben Gott und General George S. Patton jr. schien es zur Zeit tatsächlich kaum Unterschiede zu geben.
Maletta mußte zur Seite springen. In forciertem Tempo verließen vier Jeeps hintereinander das Westtor. Die Polen hatten kein Recht, US-Soldaten zu filzen, dafür war die Militär-Polizei zuständig, aber der Sergeant mit der blauen MP-Armbinde, dem weißen Koppel und dem weißen Helm winkte sie lässig durch. In jedem Wagen saß nur der Fahrer; an jedem Wagen waren vier Kanister aufgeschnallt. Keine Frage, daß sie gefüllt waren. Keine Frage, daß sie nach der Rückkehr leer wären, wiewohl die Fahrtstrecke nur ein paar Meilen betragen würde. Das Verfahren war gängig und einleuchtend, ob man es nun fifty-fifty oder halbe-halbe nannte. Die Alabama-Soldaten hatten die altrömische Devise: ›Divide et impera‹ in die Praxis übersetzt: Teile mit der MP und füll’ dir die Tasche.
Der Dolmetscher kam zurück: »At three o’clock«, rief er dem Ungebetenen zu und wies drei Finger vor, als verstünde der Mann ihn sonst nicht.
Peter Maletta nickte. Daß man ihn zweieinhalb Stunden warten ließ, war natürlich eine Schikane, aber sie verärgerte ihn nicht. Er hatte einen langen Weg hinter sich und vermutlich einen noch längeren vor sich, aber keine Hürde würde jemals seinen Hindernislauf aufhalten, eine offene Rechnung mußte saldiert werden.
Er ging auf seinen Jeep zu, um einzusteigen. Dann überlegte er es sich anders und schlenderte mit seinem saloppen, fast ein wenig tänzelnden Gang zu Fuß weiter. Er ging in nördlicher Richtung, in der Art eines Müßiggängers, der sich bei diesem prächtigen Wetter die Beine vertritt, einer, der einen Gönner bei der Militärregierung hat oder ein Schieber ist, oder auch nur ein Mann, dessen Frau mit einem Ami-Offizier schlief, auch wenn er so aussah, als würde er letzteres selbst besorgen.
Die Sonne stand jetzt im Zenit. Sie hing über ganz Deutschland; die Schönwetterbrücke wölbte sich vom Atlantik bis zum Ural. Die Sonne schien in Hamburg wie in Breslau, in Dresden wie in Berlin. Sonne gab es gratis und reichlich; sie verlangte keinen Bezugsschein; man mußte um sie nicht Schlange stehen und man brauchte sich auch nicht nach ihr zu bücken. Der helle Schein spiegelte sich auf den weißen Helmen der Militär-Polizisten, lockte die Alten aus den Ruinenkellern, er flirrte vor den Augen der Sowjetsoldaten, die Radfahren lernten und Uhren klauten. Die Sonne lachte den Menschen hinter Stacheldraht, erhellte trostlose Flüchtlingsbaracken, verklärte die eingefallenen, vergreisten Gesichter unterernährter Großstadtkinder und erreichte auch noch die Zellen von Landsberg mit den Rotjacken, die im Morgengrauen gehängt würden.
Maletta schlenderte an der riesigen Außenmauer des Alabama-Depots zwischen der Schleißheimer und der Knorrstraße entlang, ein Mann, den die Vorstellung von dem schwerbewachten Schlaraffenland innerhalb der Umzäunung nicht überforderte.
Münchens Norden war zum Wilden Westen der bayerischen Landeshauptstadt geworden. In der Nähe überfüllter riesiger Kasernen der Isar-Metropole lagen als erste Station beim Ausgang die 338 Einfamilienhäuschen der Siedlung am hart und die 221 der Kaltherberge, und die 559, nicht selten töchterreichen Familien, waren seit ihrem Einzug daran gewöhnt, an die 20000 Soldaten über sich ergehen zu lassen. Die Uniformen hatten zwar gewechselt, aber die Bedürfnisse waren ebenso gleich geblieben wie die Einschußlöcher am Gasthof Stuka. Schon vor dem Krieg hatte es hier die ersten Toten der deutschen Wiederaufrüstung gegeben: Zehn Soldaten waren bei Wirtshausschlägereien um die Siedlungsmädchen erstochen, erschossen und erschlagen worden, ohne daß die Öffentlichkeit darüber informiert worden wäre.
Stuka war in Kasernennähe das einzige Tanzlokal gewesen, frequentiert von den Fliegern des Horstes Schleißheim, von Soldaten der ›Leibstandarte Adolf Hitler‹ und von Flakartilleristen. Jetzt war die Kneipe der einzige deutsche Stuka, der noch flog, freilich nicht mehr mit Hitlers arischen Prätorianern, sondern vorwiegend mit reinrassigen US-Neger-Soldaten. Es gab wiederum Tote und – neue Einschußlöcher.
Peter Maletta hatte nach einer Stunde fast das ganze Sperrgelände umgangen, war wieder an der Schleißheimer Straße angekommen und fragte sich, wie er weitere 90 Minuten totschlagen könnte. Er blieb einen Moment lang stehen, orientierte sich, überquerte die Straße und ging dann auf den Pulverturm zu; auf dieser Höhe das einzige Gebäude auf der linken Straßenseite.
Er öffnete die Tür der Gaststube.
Der Mief traf ihn wie ein Fausthieb. Der Rauch beizte seine Augen und machte ihn einen Moment lang blind. Der Raum war überfüllt mit Gästen, die sich vor der Sonne drückten. Mit seinen blanken, massiven Holztischen, seinen furnierten Wänden und den Brettern an der Decke, wirkte die Gaststätte wie eine nachgebaute Almhütte. Auf der Wand stand der alberne Sinnspruch:
Auf der alm da gibt’s koa sünd.
Gleich daneben drohte der Provost-Marshall der Militär-Polizei:
Vulgarity will not be tolerated
Es war ein Witz, daß hier, auf dieser Pseudo-Alm, wo man wohl jede Sünde handelte, vor Gewöhnlichkeit gewarnt wurde.
»Getaway!« rief ein gedrungener GI, der an einem Tisch mit grell verschminkten Mädchen saß, dem Mann im militanten Zivil zu.
»Wirf ihn raus, Charly, bevor es Ärger gibt«, sagte die rote Ria zu dem Kellner.
Maletta dachte nicht daran, abzuhauen, und der Kellner, ein fixer Junge in einer schmuddeligen Servierjacke, trat ihm in der Mitte des Raumes entgegen.
»Mann o Mann«, sagte er: »Haste dir wohl verloofen? Wat biste nu’, ’n Selbstmörder oder ’n Schwuler?«
»Weder noch«, erwiderte der Adrette: »Vielleicht ein Landsmann von Ihnen.«
»Hau bloß ab, Mann!« forderte ihn Charly auf. »Hier is’ vielleicht wat los. Und auf Männer sind die hier nicht scharf, auf deutsche schon gar nicht! Gotta sister, Mister?« imitierte er dann die Amis und lieferte seine hausgemachte Übersetzung gleich nach: »Hast’ ’ne Schwester, Bester?«
»Keine Sister, aber Zaster«, entgegnete Maletta.
»Das is’ ’ne Basis«, erwiderte Charly und wies auf den einzigen Tisch, an dem noch ein Stuhl frei war. »Aber ich garantier’ für nischt«, setzte er hinzu.
Maletta griff sich den Stuhl, wiewohl er spüren mußte, daß die gespannte Atmosphäre den Pulverturm jeden Moment in die Luft jagen konnte. Etwa zwanzig weiße GIs saßen auf der linken, ein Dutzend Farbige auf der rechten Seite des Gastraums, zu wenig Neger-Soldaten für die sich anbahnende Schlägerei um die sechs oder sieben deutschen Mädchen, und das waren zu wenig ›Fräuleins‹ für die Weißen wie für die Schwarzen. Vielleicht würden sie auch die Finger von ihren Girlfriends lassen und gemeinsam den Deutschen vertrimmen, der hier nichts zu suchen und wenig zu bieten hatte.
Die rote Ria ließ den Ankömmling nicht aus den Augen, während der gedrungene Ami an ihrer Bluse herumfummelte. Offensichtlich gefielen ihr seine dunklen Augen, die halblangen, dunkelbraunen Haare, sein provozierendes Lächeln und diese Vorzeige-Zähne.
»’n Deutscher«, stellte die fade Blondine neben ihr fest. »Den kannst du vergessen.«
»Er schaut gut aus«, entgegnete die Freundin. »Der läßt bestimmt nichts anbrennen.«
»Quatsch«, konterte eine Brünette, eine Art Busen-Königin: »Der ist längst abgebrannt; deutsche Männer haben jetzt den Arsch tief unten.«
»Trotzdem schaut er gut aus«, versetzte die rote Ria hartnäckig und klopfte dem Ami neben ihr auf die Finger. »Schluß jetzt, Jimmy«, sagte sie.
Nach den derzeitig gültigen ›Army-Regulations‹ hätte Jimmy wegen Übertretung des Fraternisation-Verbots mit Deutschen 65 Dollar Strafe bezahlen müssen. Überall im Kasernengebiet wurde auf Plakaten scharfes Durchgreifen angedroht, fällig bei jedem außerdienstlichen Gespräch mit einem der Besetzten, ob Frau, ob Mann, ob Kind, ob Greis. Die Deutschen waren für die Besetzer Aussätzige, aber die GIs pfiffen auf die Infektion.
Jimmy raunte Ria etwas ins Ohr.
Das Mädchen schüttelte den Kopf: »Nein, Jimmy«, sagte sie dann, »aus Liebe tut’s weh.«
Der alte Nuttenspruch war dem Mann am Nebentisch nicht neu, auch Amerikaner kannte der Mitt-Dreißiger seit langem. In Vorkriegsqualität, er unterschätzte sie nicht. Es war müßig zu fragen, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er anno 1941 in Lima bei seiner US-Freundin geblieben wäre. Sie hatte ihn darum gebeten, hatte geweint, ihn angefleht, nicht wegzufahren, und Maletta hatte tatsächlich gezögert, den Weg angeblicher Vernunft zu beschreiten. Und diese Scheißvernunft hatte es ihm heimgezahlt, mit Wucherzinsen.
»Wat willste denn nun haben?« fragte der Kellner.
»Was hast du zu bieten?«
»Alles, wat du willst. Hier geht’s nach dem Motto: Haste wat, kriegste wat, und nicht nur für den Ranzen und die Gurgel«, prahlte Charly.
Im Pulverturm war alles zu haben, was es sonst nicht mehr gab: Schuhe, Stoffe und sogar Glühbirnen, die nach der jüngsten Anordnung der Stadtverwaltung, um sie vor Diebstahl zu schützen, allabendlich von den Beamten aus der Fassung geschraubt und im Schreibtisch verwahrt werden mußten; sie waren ein begehrter Schwarzmarkt-Artikel. Die Mangelware wurde mit einer Reichsmark pro Watt gehandelt.
Maletta bestellte Coca mit Rum. »Habt ihr auch ein Telefon?« fragte er dann.
»Ham wa, Junge, ham wa.«
Der Gast stand auf, entschlossen Captain Freetown anzurufen, um eventuelle Schwierigkeiten im Alabama-Depot von vornherein auszuschalten. Doch dann setzte er sich wieder, er hatte es sich anders überlegt. Maletta haderte mit sich, weil er einen Gönner so hemmungslos ausnutzte: Er fuhr seinen Jeep, rauchte seine Zigaretten, trank seinen Whisky und saß privat mit an seinem Tisch, obwohl sich Deutsche und Alliierte in dieser Zeit nur dienstlich begegnen und nicht unter einem Dach wohnen durften. Deshalb hauste Maletta auch in der Chauffeur-Wohnung über der Garage der beschlagnahmten Villa in München-Bogenhausen. Damit es keine Schwierigkeiten gäbe, wurde er offiziell als Fahrer des Captains Freetown angestellt, was mitunter dazu führte, daß der Theater-Officer des Military Government of Bavaria zu Fuß ging, während sein Driver in eigener Sache spazierenfuhr.
Eine Zeit-Arabeske wuchs sich zur Besatzungs-Burleske aus und es kotzte Maletta an, die Großzügigkeit dieses Offiziers so auszubeuten; aber wenn er an den Mann dachte, hinter dem er her war und den er finden und vernichten mußte, verloren sich alle Skrupel, und Maletta sagte sich, daß er keine andere Wahl hätte.
Halblaute Musik wurde in den Raum gespült; sie wurde ausgestrahlt von Radio münchen, einem Sender der Militär-Regierung. Sie hatte es schwer, sich gegen den Lärm durchzusetzen. Zeitungen gab es – von Mitteilungsblättern der Militär-Regierung abgesehen – noch nicht.
Die Musik brach ab. Ein Nachrichtensprecher machte nun schon zum dritten Mal darauf aufmerksam, daß Briefmarken mit dem Konterfei Hitlers künftig nicht mehr verwendet werden dürften; bislang hatten Postbenutzer zwangsläufig die Rückseite des Führers ablecken müssen.
»Vorsicht, Pigskin!« rief die rote Ria, als der Master-Sergeant in der Tür stand. »Wieder voll wie eine Haubitze.«
»Oversext and underfuckt«, gab die abgestandene Blondine lebendige Sprachschöpfung von sich.
Charly flitzte dem Bullen entgegen; Schweineschwarte verlangte Schnaps. Der Kellner holte die Pulle aus dem Hosensack und goß ihm den Fusel ein, während der Mann mit dem Zwei-Zentnerzwanzig-Lebendgewicht die farbigen GIs wie ein Plantagenbesitzer seine Sklaven musterte und sich dann suchend und drohend nach einer Gelegenheit unter den ›Fräuleins‹ umsah. Die höfliche deutsche Standard-Anrede war bereits in der ersten Besatzungszeit, in der Mehrzahl gebraucht, zu einem Qualitätsbegriff für Lotter-Liebe geworden. Die Gunst ging nach Brot und nach Cigarettes, Chewinggum, Candies und Chocolates. Menschen in Millionenzahl, die Bertolt Brecht nicht gelesen hatten, überlebten das Überleben nach der Devise: »Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.«
Der Master-Sergeant rollte wie eine Kugel an den Tisch mit den Mädchen. Er sah auf die Uhr, grinste, holte ein unangebrochenes Päckchen Chesterfields aus der Tasche, legte es auf den Tisch, packte noch ein Päckchen Kaugummi dazu und einen Riegel Schokolade. Mit einer Hand mußte sich der Master-Sergeant zwar an einer Stuhllehne festhalten, aber nach dem Ärger in Arsenal 9 hatte er eine Entspannung nötig.
»That’s all for a quicky«, sagte er zu der Schwarzhaarigen mit der Zahnlücke.
»Quicky?« fragte sie ihre prallbusige Begleiterin.
»Ein Schnellfick, dumme Gans«, erklärte die GI-Kundige.
»Let’s go«, sagte Schweineschwarte.
»Der gibt dir noch mehr, wenn du auf Draht bist«, riet die Freundin.
Die Zahnlücke stand auf, stapfte aus dem Raum und Pigskin wankte mit geschulterter MP hinter ihr her, auf die grüne Wiese zu, gleich hinter dem Haus, um hier die Waffe beiseite und seinen Einkauf aufs Kreuz zu legen.
»Wo ein Wille, da ein Gebüsch«, blödelte ihnen die rote Ria nach.
»Da staunste, Landsmann«, sagte Charly grinsend zu Maletta: »Wo gevögelt wird, da fallen Zähne.« Er lachte halblaut: »Biste wirklich aus Berlin, Junge?«
Maletta nickte fahrig und stand auf, er hatte genug vom Fusel, von den Fräuleins und auch von Charly, er zahlte und ging nach draußen. Einen Moment blieb er stehen und sah auf die Wiese hinter dem Haus, auf der sie paarweise herumlagen und es miteinander trieben, offensichtlich so häufig, daß die Kinder längst nicht mehr kiebitzten, es sei denn, daß sie sich heranschlichen, um den Soldaten während ihrer ›Quickies‹ Zigaretten aus der Uniformjacke zu stibitzen.
Die Mädchen des Tages und der Wiese waren kaum hübsch, doch fleißig; die Freier hatten sich ihre Gespielinnen nach Soldatenart schöngesoffen, und wenn sie trotz des schwarzgebrannten Fusels nicht attraktiver geworden waren, wäre es ihnen auch gleichgültig. Es ist keine amerikanische Eigenart, sagte sich Maletta, der ähnliche Szenen in russischen Katen erlebt hatte, in französischen Scheunen und in italienischen Eselställen. Ob Sieger oder Besiegte, irgendwie gleichen die Uniformierten einander. Ob GI oder Landser, es gilt: Soldaten – Kameraden. Und Non-Fraternisation bedeutet noch lange nicht Non-Copulation, weder für diesen Besatzungs-Falstaff noch für die anderen Befreier.