Kitabı oku: «Deine Nase kann nichts dafür», sayfa 2
Von einer Krise zur nächsten leben
Es konnte auch sein, dass Birgit Schwarz ein anderes Phänomen zu mir geführt hatte. Das Phänomen, dass eine Veränderung oft weitere Veränderungen bedingt. Es gibt eine Art Domino-Effekt: Wenn das Leben sich ändert, möchte unser Ich nicht so bleiben, wie es war. Manche kaufen sich dann neue Kleider. Manche lassen ihr Gesicht oder ihren Busen operieren.
Doch Veränderungen führen nie zu Dauerzuständen. Das Leben ist im Prinzip eine Serie von Veränderungen. Wer sich aus den falschen Gründen zwischendurch unter das Messer legt, muss sich später die Frage stellen, was aus dem erzielten Ergebnis bei der nächsten Veränderung wird. Passt es dann auch noch zum Leben? Und was, wenn nicht?
Schon ganz junge Menschen haben Probleme mit Veränderungen. Dann nämlich, wenn sich ihr Äußeres von dem eines Kindes oder Jugendlichen zu dem eines Erwachsenen verändert. Schlecht wahrnehmbare Nasenlöcher können sich dann wie eine bedrohliche Entstellung anfühlen. Dieser Eindruck ist wahrscheinlich später auf einmal weg. Vergessen, eingebildet, nie dagewesen. Aber was, wenn so ein Jugendlicher Eltern hat, die ihm in dieser Phase eine Operation bezahlen? Weil es der einfachste Weg zu sein scheint, das Problem prompt zu lösen?
Manche Erwachsene lachen vielleicht über solche juvenilen Probleme. Bis sie graue Haare bekommen. Vor allem Männer versetzt das erste Anzeichen dafür, dass sie vielleicht doch nicht unsterblich sind, in Panik. Und auf einmal sind die grauen Haare weiß. Irgendwann ist für reife Menschen beides selbstverständlich, aber es ist natürlich, wenn dazwischen Panik liegt, die es eben zu überwinden gilt.
Soziale Veränderungen kommen ebenso verlässlich wie die körperlichen immer wieder, und es ist nun einmal so, dass nicht alle davon positiv sind. Wenn sich ein Mensch zwischendurch zum Beispiel abgelehnt, weggelegt und überflüssig fühlt, kann das auch dazu führen, dass er sich nicht mehr schön findet.
Wenn zum Beispiel der Job weg ist oder die Kinder aus dem Haus sind, fühlen wir uns zumindest vorübergehend nicht mehr gebraucht. Auf einmal besteht das Alter nicht mehr nur aus zwei Ziffern, die die Anzahl der Lebensjahre angeben. Es wird zu einem Maß, das auch unser Aussehen qualifiziert. Je höher die Zahl ist, desto unattraktiver fühlen wir uns.
Eine Schönheitsoperation in so einer Phase ist schon deshalb das falsche Mittel, weil die Zeit, unter der wir so sehr zu leiden meinen, in Wirklichkeit ein hervorragender Therapeut ist.
Es gibt eine Art von Unzufriedenheit mit unserem Äußeren, die sich durch ein einfaches Mittel beseitigen lässt. Durch Geduld.
Zeit hilft uns, jedes Tief zu überwinden, einfach, indem sie vergeht. Alltag und Normalität knabbern an der Krise, bis sie zerbröselt und mit ihr alle Nebenerscheinungen. Die Schönheitsoperation, die vorher der einzige Ausweg zu sein schien, ist plötzlich kein Thema mehr.
Dumm nur, wenn wir aus so einem Tief mit einem operierten Gesicht auftauchen, das uns bei jedem Blick in den Spiegel an die Krise erinnert.
»Ich denke, wir sollten noch warten«, sagte ich zu Birgit Schwarz.
Sie hob die Augenbrauen. »Warum?«
Ein stabiler, gesunder und vernünftiger Mensch wie sie, dachte ich, würde die schwierige Phase, in der sie sich gerade befand, gut überstehen. Womöglich würde sie sogar gestärkt aus ihr hervorgehen. Deshalb hielt ich das Warten für den richtigen Vorschlag.
»Es ist nie gut, eine Schönheitsoperation in einer turbulenten Lebensphase durchzuführen«, sagte ich.
Die bereits erwähnte Fünf-Jahres-Studie über die Langzeitverbesserung nach kosmetischen Eingriffen gibt auch hier zu denken. Sie zeigt einerseits, dass sich Selbstwertgefühl und Zufriedenheit mit dem eigenen Äußeren bessern, wenn die Indikation und der Zeitpunkt der Operation stimmen, dazu aber später mehr. Psychische Auffälligkeiten wie Depressionen nach einer Operation treten dann nur kurzfristig auf. Beides deckt sich mit meinen Erfahrungen.
Andererseits reagiert das Selbstwertgefühl, ein Hauptargument für eine Schönheitsoperation, langfristig gesehen nur träge bis gar nicht auf optische Veränderungen. Auch wenn Patienten mit ihrem neuen Äußeren zufrieden waren, steigt ihre Selbstachtung deshalb nicht nachhaltig. Ebenso wenig tritt die erhoffte grundlegende Veränderung der Lebensqualität ein, und auch depressive Symptome, die sie vor der Operation hatten, verschwinden eher nur kurzfristig.
Was zusammengefasst bedeutet, dass Operationen aus den richtigen Gründen, in der richtigen Situation und mit der richtigen Erwartungshaltung Sinn machen können. Doch in allen anderen Fällen ist Vorsicht geboten.
Für Birgit Schwarz schien mir eine weitere Erkenntnis der gleichen Studie noch wichtiger zu sein. Je länger sich Patienten mit ihrer Entscheidung für die Operation Zeit ließen, desto größer war die Zufriedenheitsrate danach. Wer sich dagegen spontan dazu entschloss oder dabei von anderen beeinflusst wurde, musste damit rechnen, dass er langfristig eher unzufrieden mit der Operation sein würde.
Nachdem ich ihr diese Dinge kurz dargelegt hatte, nickte Birgit Schwarz. »Wahrscheinlich haben Sie recht«, sagte sie.
Viele Patienten sind durchaus realitätsbezogen, was ihren Wunsch nach einem neuen Äußeren betrifft. Sie lassen sich von ihren Emotionen treiben und landen bei mir. Aber sie ahnen selbst, dass es tieferliegende Gründe für ihre Veränderungswünsche geben könnte, die sie sich ansehen sollten.
Ich passe meine Argumentation an meinen Eindruck an, den ich von dem Menschen, der vor mir sitzt, habe. Rundheraus lehne ich eine Operation nie ab. Sagen wir, fast nie. Die große rote Stopptafel taucht für mich immer dort auf, wo Patienten klar und eindeutig wollen, dass ich sie glücklich mache. »Da sollten Sie sich etwas anderes überlegen«, sage ich dann.
Was immer noch nicht heißt, dass ich am Ende nicht doch operiere. Würde ich alle Patientinnen wegschicken, die nicht nur wegen eines schöneren Busens, sondern auch auf der Suche nach Glück zu mir kommen, müsste ich meine Klinik schließen. Ganz abgesehen davon, dass ich sie mit einem Nein, wie gesagt, nicht von ihrem Vorhaben abhalten könnte. Auch in meiner Branche gibt es immer einen oder eine, der oder die weniger Skrupel hat und zum Skalpell greift, ohne lange zu fragen.
Bei Birgit Schwarz war ich mir allerdings sicher, dass sie, sollte sie sich doch noch für eine Operation entscheiden, zu mir zurückkommen würde. Sie stand auf, warf noch einen Blick auf den nüchternen Besprechungstisch und die wenigen Bilder an den Wänden, dann gaben wir uns die Hand und verabschiedeten uns.
Operation vergessen, Patient glücklich
Ich sah Birgit Schwarz nur einmal wieder. Durch Zufall, an einer Tankstelle an der Donau. Sie fuhr ein Cabrio und trug eine dazu passende weite Bluse, die keine Konturen erkennen ließ. Doch ich vermutete keine Sekunde lang, dass sie sich wider Erwarten doch noch anderswo operieren hatte lassen. Sie war guter Dinge und wirkte nicht verlegen, als sie mich sah, im Gegenteil. Sie schien sogar erfreut zu sein. Sie kam auf mich zu, und wir plauderten kurz, aber offen.
Sie war inzwischen in einer glücklichen Beziehung. Der Ex-Partner ihrer ehemaligen besten Freundin war Geschichte. Den neuen Mann musste sie kurz nach ihrem Besuch in meiner Klinik kennengelernt haben. Sie redete über ihn, als wären die beiden einander schon recht vertraut. Eine Schönheitsoperation war für sie jetzt wirklich kein Thema mehr. »Das war damals eine wirre Zeit«, sagte sie nur, und klang nun doch ein wenig verlegen. Es schien ihr peinlich zu sein, mich da irgendwie mit hineingezogen zu haben. Dann lächelte sie, gab mir die Hand, setzte sich ins Auto und rauschte ab.
Raphaëls und Aurelies Familiennase
Warum zwei Geschwister ihre Nasen nicht mochten und wieso ihr Vater daran schuld war.
Ich hätte den Notizzettel meiner Empfangsdamen nicht gebraucht, um den französischen Namen wiederzuerkennen. Mademoiselle Boulanger. Auf Deutsch wäre sie eine »Frau Bäcker« gewesen. Diesmal saß nicht Raphaël Boulanger vor mir, sondern seine um zwei Jahre jüngere Schwester Aurelie. Der Grund, warum sie zu mir kam, war aber derselbe. Es ging um ihre Nase.
Erst vor einem Jahr hatte ich die Nase ihres Bruders operiert. Raphaël, damals 26, hatte gerade sein Architekturstudium an der Akademie der Bildenden Künste am Wiener Schillerplatz abgeschlossen und auch bei seinem im wahrsten Sinne des Wortes hervorragendsten Gesichtsmerkmal gestalterisch eingreifen wollen.
Jetzt zeigte mir Aurelie Fotos von der operierten Nase ihres Bruders, mit dem sie nicht nur das Studium, sondern auch die Form der angeborenen Nase teilte. Sie wollte klarstellen, wie sie sich die Sache vorstellte.
»Ich möchte so eine Nase wie er«, sagte sie. »Nur weiblich.« Damit legte sie ein Foto auf den Tisch, das sie offenbar als Vorlage für mich aus dem Internet ausgedruckt hatte.
In solchen Momenten wird mir immer etwas mulmig. Exakte Vorstellungen von etwas zu haben, kann im Leben nützlich sein. Auf meinem Gebiet aber, in dem es um einen lebenden Körper und um organische Materie geht, ist es eine Katastrophe. Noch mehr fürchte ich mich nur vor Sätzen wie: Machen Sie es, wie Sie meinen. Ich vertraue Ihnen voll und ganz, Herr Doktor.
Ich schob Aurelie die Fotos wieder zurück und erklärte ihr, dass weder ich noch irgendein anderer Schönheitschirurg der Welt das Ergebnis einer Operation mit letzter Genauigkeit vorhersehen könne.
»Der Mensch«, sagte ich, »ist ein lebendiges Wesen, ein komplexes Kunstwerk der Natur, und er lässt sich nicht mit der gleichen Präzision gestalten wie eine Schule, ein Bürogebäude oder ein Wohnhaus.«
Aurelie sah mich mit einem Anflug von Enttäuschung an. Womit für mich gleich auch ein anderer Punkt geklärt war. Die Operation würde stattfinden, mit mir oder ohne mich. Die Fragen, die wir hier zu erörtern hatten, waren wohl bloß organisatorischer Natur.
Dies, obwohl Nasenoperationen zu den eher seltenen Eingriffen in der Schönheitschirurgie gehören. Laut Umfrageergebnissen, die jährlich die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie vorstellt, machen sie gerade einmal 4,4 Prozent aller Eingriffe aus. Hier das gesamte Ergebnis, publiziert im Februar 2018.

Ich sah mir Aurelie genauer an, was gar nicht nötig gewesen wäre. Ich hatte schon erkannt, wie sich die Nasen der Geschwister ähnelten. Schon bei Raphaël hatte ich arabische Gene in der Familie vermutet, nun war ich mir fast sicher. Die natürliche Nase der beiden war prägnant. Sie war leicht gebogen und hatte etwas breite Flügel.
Abgesehen von dieser Gemeinsamkeit war Aurelie das Gegenteil ihres Bruders. Sie war zierlich, während Raphaël groß und kräftig war. Außerdem wirkte sie umgänglich und weich, fast ein wenig passiv. Vielleicht hoffte sie ja, mit der gleichen Nase auch ein paar der energischeren Wesenszüge ihres Bruders abzubekommen.
Die angeborene Nase der beiden war keine Einheitsnase. Sie konnte Blicke auf sich ziehen und damit in gewisser Weise herausfordernd sein, das schon. Als klassisch schön empfindet eine Mehrheit der Betrachter ja nicht das Besondere, sondern das Durchschnittliche.
Die Nase als Spitze eines Eisbergs
Nasen sind immer schwierig. Dieser Körperteil ist einer der heikelsten. Nasen sind oft die Spitze eines Eisbergs aus psychischen Problemen. Nasenpatienten gelten deshalb als die schwierigsten, was Studien regelmäßig belegen. Im ungünstigsten Fall leiden sie an einer Dysmorphophobie. Das ist eine Störung, auf die ich später noch näher eingehe, bei der Menschen einen pathologischen Konflikt mit ihrem gesamten Äußeren auszutragen haben.
Speziell junge Männer, deren Nase keine Fehler hat, leiden häufig unter deren vermeintlicher Unzumutbarkeit. Das kann richtig krass werden. Die häufigsten Morde an Schönheitschirurgen verüben unzufriedene junge männliche Nasenpatienten. Sagt zumindest die Statistik.
Abgesehen von solchen Auswüchsen ist die Verzweiflung von Nasenpatienten verständlich. Denn sie tragen ihr Problem meist schon lange vor sich her, oft seit ihrer Kindheit. Sie neigen zu Kommunikationsproblemen, weil sie sich schon ebenso lange für ihre Nase schämen.
Viele entwickeln Vermeidungsstrategien und wenden viel Energie dafür auf, sich nur von vorne und nur im Notfall im Profil zu zeigen. Dabei fühlen sie sich ständig beobachtet. Ein unangenehmer Zustand, der sich tatsächlich in vielen Fällen nach einer Operation bessert.
Ich ließ mir Zeit und betrachtete Aurelies Nase. Sie war auffällig, aber bestimmt keine, die bei Selfies im Internet gleich Shitstorms hervorrufen.
Es gibt sie, diese Nasen, die den restlichen Auftritt eines Menschen dominieren. Doch genau wie schon bei Raphaëls angeborener Nase hätte ich jetzt auch die von Aurelie eher als interessant angesehen, als Charakternase, als eine besondere Nase, die für Persönlichkeit steht.
»Gefällt Ihnen die neue Nase Ihres Bruders so gut oder Ihre eigene so wenig?«
Sie lächelte »Eigentlich wollte ich meine Nase damals gleichzeitig mit ihm machen lassen«, sagte sie. »Dann dachte ich, ich warte erst mal ab und sehe, wie das ist.«
Das passte zu meiner ersten Einschätzung von Aurelie. Sie war keine, die voranstürmte, auch nicht zu zweit. Sie war eher eine Windschattenfahrerin, klug und, wie viele kluge Menschen, eher vorsichtig.
»Wie ist das genau mit Ihrer Nase?«, fragte ich. »Haben in Ihrer Familie auch andere so eine?«
»Väterlicherseits.« Sie nickte. »Da gibt es einige.«
»Und Ihr Vater selbst?«
»Der hat auch so eine.«
Hadern mit dem Familienerbe
Ich erzählte ihr, dass ich häufig mit dem Phänomen der Familiennase konfrontiert bin, und dass ich zwei Arten des Umgangs damit festgestellt habe. Die einen tragen ihre Charakternasen mit Stolz, als etwas, das sie verbindet, quasi wie ein Familienwappen. Die anderen kämpfen mit ihren Charakternasen und würden viel dafür geben, unauffällig auszusehen.
Da Aurelie, ganz anders als ihr Bruder, für dieses Thema nun doch einigermaßen offen zu sein schien, machte ich weiter. »Wissen Sie, was der Unterschied zwischen diesen beiden Familientypen ist?«, fragte ich.
Aurelie dachte nach. Sie schüttelte den Kopf, obwohl ich vermutete, dass sie schon einen Verdacht hatte.
»In den Familien, die stolz auf ihre besondere Nase sind, verstehen sich alle eher gut miteinander. Es gibt einen Zusammenhalt und so etwas wie eine gemeinsame Identität, für die die Nase dann auch stehen kann. In den Familien, die unter ihrer gemeinsamen Nase leiden, sind die Beziehungen eher durcheinander.”
Ich hatte den Eindruck, dass Aurelie nicht nur verstand, was ich sagte, es interessierte sie offenbar tatsächlich. Jedenfalls fühlte ich mich zum Fortfahren ermutigt und stellte die meiner Meinung nach entscheidende Frage.
»Verstehen Sie sich mit Ihrem Vater?«
»Ja«, sagte sie mit ernster Miene. »Wir können ganz gut miteinander.«
Das hatte ich nicht erwartet.
Schon von Raphaël wusste ich, dass der Vater der beiden ein harter Mann war. Er hatte eine gehobene Position bei den Vereinten Nationen inne, weshalb seine Kinder eine internationale Schule in Wien besucht hatten und mit einem breiten Horizont aufgewachsen waren. Geboren war er in einer französischen Industriestadt, aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen. Mit viel Fleiß hatte er sich nach oben gekämpft, was ihm allerdings nicht automatisch die Achtung und Liebe seiner Kinder gesichert hatte. Zumindest Raphaël hatte das wenig beeindruckt. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war so schwierig, dass er selbst in unseren nicht eben sehr persönlichen Gesprächen immer wieder giftige Seitenhiebe gegen ihn platziert hatte.
Aurelie schien meine Gedanken zu erraten.
»Mich hat er immer gut behandelt«, sagte sie. »Raphaël und meine Mutter können das nicht behaupten.«
»Ein Mann, der die eigene Mutter und den eigenen Bruder schlecht behandelt, ist keiner, dessen Wappen man gerne vor sich herträgt«, wandte ich ein.
Ich wusste, dass ich mich damit auf gefährliches Terrain wagte. Genau genommen stehen solche Bemerkungen einem Psychologen, aber keinem Arzt und Chirurgen ohne jeden Hauch einer nachweisbaren psychologischen Ausbildung zu. Doch Aurelies nun unverkennbares Interesse an dem Thema ermutigte mich.
»Worauf wollen Sie hinaus?«, fragte sie.
»Sie ahnen es.«
»Sie meinen, ich wäre bei einem Psychotherapeuten besser aufgehoben als bei einem Schönheitschirurgen?”
Das meinte ich.
Das meine ich allerdings bei vielen Frauen und Männern, die einen Schönheitschirurgen konsultieren. Für mich ist Wunschmedizin, also Schönheitsmedizin, Verantwortungsmedizin und aufgrund meiner Erfahrungen mit dem Zusammenhang zwischen Seele, Psyche und Einschätzung des eigenen Äußeren hielte ich es schon lange für gut, wenn in einer plastischen Ordination routinemäßig auch Psychologen anwesend wären. Wogegen natürlich vor allem die erwähnte Schnelllebigkeit unserer Zeit spricht. Menschen erwarten rasche Lösungen.
Dir gefällt deine Frisur nicht?
Du gehst zum Friseur.
Du bist unglücklich mit deinem Aussehen?
Du gehst zum Schönheitschirurgen. Und wenn der ein Problem damit hat, dann hat er den falschen Job.
Sich selbst lieben lernen?
Ja gerne. Aber das geht ja wohl mit einem korrigiertem Äußeren ganz von allein.
Wobei ich einschränke, dass auch Psychologen und Psychotherapeuten oft nur scheinbare Hilfe bieten. Auch sie vermeiden gerne den altmodischen Weg des Aufarbeitens bestimmter Probleme und lassen ihre Klienten lieber Ich-bin-ich-Affirmationen auswendig lernen.
Psychotherapeuten arbeiten bei Klienten, die ihr eigenes Äußeres ablehnen, oft nur das Ego heraus, was das Problem auf Dauer nicht löst. Wer versucht, seine Probleme mit einem künstlich gesteigerten Selbstwertgefühl zu überstrahlen, steht am Ende vor der gleichen Mauer, nur auf der anderen Seite.
Auf diese Weise fühlen sich Menschen vielleicht eine Weile unangreifbar. Doch eine nachhaltige Lösung bringt das nicht, denn irgendwann kommt zum Beispiel ihre Einsamkeit zurück. Jetzt allerdings nicht deshalb, weil sie sich selbst ablehnen, sondern weil sie ein Verhalten an den Tag legen, das alle anderen ablehnen und deshalb nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollen. Seit einer Weile arbeite ich deshalb mit Psychotherapeuten zusammen, denen ich vertraue, und von denen ich weiß, dass sie mir die Patienten gegebenenfalls auch wieder zurückschicken.
»Argumentieren Sie da nicht gegen Ihre eigenen Interessen?«, fragte Aurelie.
»Es gibt auch unter Schönheitschirurgen so etwas wie einen Ehrenkodex«, antwortete ich. »Er sieht unter anderem vor, Patienten ausreichend aufzuklären, wenn sie etwas wollen, das ihnen nichts bringt oder vielleicht sogar schadet.«
»Bei meinem Bruder galt der Ehrenkodex nicht?«
Ich zögerte. »Vielleicht habe ich die Situation damals noch nicht richtig überblickt.«
»Oder Sie haben die Situation richtig überblickt und wussten, dass Sie mit diesen Argumenten bei ihm abblitzen würden.«
Jetzt lächelte ich. »Er wäre einfach zu einem anderen Chirurgen gegangen«.
Aurelie nickte. »So ist mein Bruder. Etwas stur. Wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht er es durch. Er war ziemlich sauer, als ich damals nicht gleich zu Ihnen mitgekommen bin.« Sie machte eine kleine Pause. »Lassen Sie mich ein paar Tage über Ihren Vorschlag nachdenken.«
Mit einem Happy End kann ich bei dieser Geschichte nicht dienen. Dabei wäre es so schön gewesen. Aurelie hätte ihre offenbar komplexe und keinesfalls aussichtslose Beziehung zu ihrem Vater grundlegend überdacht und damit eine positive Dynamik in die ganze Familie gebracht. Sie hätte ihre spezielle Nase bis ans Ende ihrer Tage mit Stolz getragen, während der schon operierte Raphaël ein wenig bedrückt gewesen wäre, weil er diese Nase leichtfertig einer Art emotionalen Kurzsichtigkeit geopfert hatte.
In Wahrheit kam Aurelie zum nächsten Termin in Begleitung ihres Bruders, neben dem sie viel schwächer und unselbstständiger wirkte. Raphaël führte das Wort, es ging jetzt auch bei Aurelie endgültig nur noch um die Modalitäten des Eingriffs.
Bei der Operation ging alles gut. Raphaël und Aurelie sehen einander wieder ähnlich und sind so weit zufrieden damit. Ich bekam noch mit, dass der Vater der beiden ziemlich sauer war, dass seine Kinder sich sein »Wappen« wegoperieren hatten lassen. Etwas, das ich bei derartigen Familienkonstellationen immer wieder beobachte. Die genetische Quelle der Nase, in diesem Fall der Vater, betrachtet es als Verrat an ihm und an der Familie insgesamt, sie zu verändern.
Es mag romantisch und vielleicht etwas naiv klingen, aber ich bleibe trotzdem dabei. Das oben skizzierte Ende wäre mir als das glücklichere erschienen, auch wenn ich dabei nichts verdient hätte.
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