Kitabı oku: «Zipper und sein Vater: Historischer Roman»

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musaicumbooks@okpublishing.info
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-272-2700-6
Inhaltsverzeichnis
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
XXI
Brief des Autors an Arnold Zipper
I
Inhaltsverzeichnis
Ich hatte keinen Vater – das heißt: ich habe meinen Vater nie gekannt –, Zipper aber besaß einen. Das verlieh meinem Freund ein besonderes Ansehen, als wenn er einen Papagei oder einen Bernhardiner gehabt hätte. Wenn Arnold sagte: »Ich gehe mit meinem Vater morgen auf den Kobenzl«, so wünschte ich mir, auch einen Vater zu haben. Man konnte ihn bei der Hand nehmen, seine Unterschrift nachahmen, man konnte von ihm Rügen, Strafen, Belohnungen, Prügel erhalten. Manchmal wollte ich meine Mutter veranlassen, noch einmal zu heiraten; denn selbst ein Stiefvater kam mir begehrenswert vor. Die Lage der Dinge ließ es aber nicht zu.
Der junge Zipper protzte immer mit seinem Vater. Dies hatte ihm der Vater gekauft, jenes verboten. Dies hatte er ihm versprochen, jenes versagt. Mit dem Lehrer wollte der Vater sprechen, einen Hauslehrer wollte er bestellen, Arnold eine Uhr zur Konfirmation kaufen und ihm ein eigenes Zimmer einrichten. Selbst wenn der Vater dem Sohn eine Unannehmlichkeit zufügte, so war es, als hätte Arnold sie selbst gewünscht. Der Vater war ein mächtiger, aber zugleich auch ein dienstbarer Geist.
Manchmal kam ich mit Arnolds Vater zusammen. Eine Viertelstunde lang behandelte er mich wie seinen eigenen Sohn. Er sagte mir zum Beispiel: »Mach den Kragen zu, es geht ein Nordwest, man kann Halsweh kriegen.« Oder: »Zeig mir mal deine Hand her, du hast dich ja verletzt, wir wollen drüben in die Apotheke gehen und etwas draufstreichen.« Oder: »Sag deiner Mutter, sie soll dich zum Friseur schicken. Im Hochsommer trägt man keine langen Haare.« Oder: »Kannst du schon schwimmen? Ein junger Mann muß schwimmen können!« Dann war es, als hätte mir der junge Zipper den alten geliehen. Ich war meinem Freund dankbar, hatte aber zugleich das peinliche Gefühl, daß ich ihm seinen Vater zurückgeben müsse, wie ich ihm den »Robinson« zurückgeben mußte. Geliehene Sachen waren schließlich nicht eigene.
Immerhin durfte ich zuweilen Zippers Vater längere Zeit behalten, wenn auch nur, um ihn mit Arnold zu teilen. Wir gingen gelegentlich alle drei zu besonderen Anlässen, wir bestiegen bedeutende Türme, besichtigten Menagerien, Mißgeburten, Liliputaner, Tanagratheater und den Schnelläufer, der in zehn Minuten die lange Lastenstraße zurücklegte. Damals behauptete Zipper, es wären eigentlich elf Minuten und fünfundvierzig Sekunden gewesen. Denn er nahm es mit der Zeit genau. Er besaß eine Uhr, von der mein Freund mit Recht sagte, sie wäre ein Chronometer. Es war eine große goldene Uhr mit Deckel. Das Zifferblatt bestand aus lila Emaille. Die schwarzen römischen Ziffern hatten goldene Ränder. Ein unscheinbarer, kaum sichtbarer Haken neben dem Bügel brachte ein Läutewerk in Bewegung. Eine klare, kleine, silberne Glocke schlug die eben verflossene Stunde und Viertelstunde. »Diese Uhr«, so sagte Zippers Vater, »kann ein Blinder ebensogut benützen wie ein Sehender. Die Minuten«, fügte er witzig hinzu, »muß er sich freilich dazudenken. Diese Uhr ist noch nie beim Uhrmacher gewesen. Sie geht schon einundvierzig Jahre Tag und Nacht. Ich habe sie einmal unter ungewöhnlichen Umständen in Monte Carlo erworben.«
Diese »ungewöhnlichen Umstände« gaben dem jungen Zipper und mir nicht wenig zu denken. Der Vater, mit dem wir bei hellichtem Tage zusammenkamen, der ein Mensch war wie andere Menschen, mit einem schwarzen runden Hut und einem Stock mit Elfenbeingriff – der übrigens auch seine Geschichte hatte –, dieser Vater hatte irgendwann und gerade in Monte Carlo unter ungewöhnlichen Umständen etwas erlebt. Wir sahen mit Ehrfurcht, wie der alte Zipper die astronomische Uhr der Sternwarte mit seiner Uhr verglich, den Stand der Sonne um Mittag kontrollierte, die elektrischen Zeitmesser in der Stadt. Manchmal, wenn er am Tisch saß und alle schweigsam aßen, schob er den Riegel an der Uhr, und die Tischgenossen lauschten verwundert dem rätselhaften Klang.
Zippers Vater liebte Überraschungen. Er gebrauchte sogenannte Juxgegenstände, falsche Zündholzschachteln, aus denen kleine Mäuschen sprangen, Zigaretten, die explodierten, und kleine Gummiblasen, die unter dem dünnen Tischtuch gespensterten. Er kümmerte sich um viele kleine Dinge, die Erwachsene gewöhnlich verachten. Er hatte aber auch Interesse für wichtigere Gegenstände, für Geographie, Geschichte, Naturwissenschaften zum Beispiel. Die alten Sprachen achtete er gering, auf die modernen legte er das größte Gewicht »Englisch und Französisch«, so sagte er, »muß heutzutage jeder junge Mann lernen. Hätte ich eine bessere Jugend gehabt, ich wäre direkt polyglott geworden. Latein lasse ich mir noch gefallen. Eventuell braucht man’s, wenn man Mediziner oder Pharmazeut wird. Aber Griechisch? Eine tote Sprache! Homer kann man auch in der Übersetzung lesen. Die griechischen Philosophen sind längst überholt. Am liebsten hätte ich Arnold in die Realschule gegeben. Aber die Mutter! Dabei behauptet sie, daß sie ihren Sohn liebt. Liebt ihn und läßt ihn griechische Grammatik lernen!«
Es gab noch mehr Meinungsverschiedenheiten zwischen dem alten Zipper und seiner Frau. Sie hatte Respekt vor Lehrern, Priestern, dem Hof und den Generalen. Er war ein Leugner ewiger Wahrheiten, ein Rebell und ein Rationalist. Er verehrte ausnahmsweise Genies, Goethe, Friedrich den Großen und Napoleon, verschiedene Erfinder, Nordpolfahrer und besonders Edison. Er hatte Respekt vor der Wissenschaft und nur vor denjenigen unter ihren Jüngern, die ihm durch den Tod oder durch eine bedeutende geographische Entfernung entrückt waren. Seiner Hochachtung vor der Medizin entsprach sein Mißtrauen gegen Ärzte. Er behauptete, niemals krank gewesen zu sein. Er bedurfte ebensowenig eines Arztes wie seine Uhr eines Uhrmachers. Dennoch befand er sich manchmal in einem Zustand, den er Ruhebedürfnis nannte. Dann erklärte er, daß der gesunde Mensch – und gerade der gesunde – von Zeit zu Zeit ein Bedürfnis nach Ruhe und sogar erhöhter Temperatur habe. Er hatte mehrere Methoden, die Temperatur zu messen. Kein anderer konnte so gut wie er das Quecksilber im Fieberthermometer hinuntertreiben. Seine Heilungsmethoden waren merkwürdig und in der Medizin unbekannt. Sie hätten eher für seine Neigung zum Aberglauben zeugen können, sie widersprachen seinem einzigen Glauben: dem an die Vernunft. Er aß Zwiebeln, wenn er Kopfweh hatte, legte Spinngewebe auf offene Wunden und heilte Gicht durch Wassertreten.
II
Inhaltsverzeichnis
Die Familie Zipper wohnte in dem Viertel der kleinen Bürger, in dem die Wohnungen aus zu engen Zimmern bestehen, dünne Wände haben und nutzlosen Zierat enthalten.
Es gab einen außerordentlich noblen Raum in der Wohnung Zippers. Er lag hinter dem Schlafzimmer. Man hätte ihn auch vom Flur aus erreichen können. Dort aber war die Tür geschlossen. Sie öffnete sich nur einmal im Jahr, zu Ostern, wenn des alten Zippers Bruder aus Brasilien zu Besuch kam. Für uns, den jungen Zipper und mich, war das vornehme Zimmer, das man Salon nannte, am Sonntagnachmittag zugänglich, wenn wir versprachen, uns ruhig zu verhalten und »nichts zu zerbrechen«. Denn viel Zerbrechliches war dort angesammelt. Ich erinnere mich an ein gläsernes blaßblaues Tintenfaß mit silbernem Deckel, ein kleines Streusandfäßchen von gleicher Farbe und einen Federhalter aus blauem Glas. Es war eine Garnitur. Sie stand in der Mitte der rubinroten schweren Trinkgläser auf der Kommode, der silbernen Becher und der neusilbernen Obstbestecke. In den Gläsern, die immer ein wenig verstaubt waren, lagen Perlmutterknöpfe und Kinderringe aus weichem Silber, Krawattenhalter und hölzerne Nadeletuis, Agraffen, mit gläsernen Brillanten besetzt, schwarzer, biegsamer und klebriger Flitter, der jedesmal von dem schwarzen Prachtkleid der Frau Zipper abfiel und den sie sammelte, um ihn gelegentlich wieder anzunähen.
Immer lag der Salon im Halbdunkel. Schwere, rote Vorhänge gestatteten der Sonne nur einen spärlichen Zutritt, kaum daß es einem Strahl manchmal gelang, sich einen schmalen Weg zu bahnen und eine dünne silberne Staubsäule vom Fenster zum runden Tisch zu ziehen. Mottenkugeln rochen scharf aus den ewig geschlossenen Schränken. Eine dumpfe Feuchtigkeit gemahnte an herbstliche Felder, Allerseelen, Weihrauch in kühlen Kapellen. An der Wand hingen Porträts von den Großeltern und Eltern der Frau Zipper. Der alte Zipper besaß keine Bilder von seinen Ahnen. Denn er stammte aus einer Familie, die »einfach« war und die sich nie hatte porträtieren lassen. Er selbst aber schien der Ahnherr eines respektvollen Geschlechtes werden zu wollen. Er ließ sich oft photographieren und alle seine Bilder vergrößern. Er hängte sie an die Wände des Salons. Da sah man Herrn Zipper mit Hut und Stock, auf einer Gartenbank, Jasmin im Hintergrund. Dort: am Schreibtisch, in einem dicken Buch lesend. Rechts hing das Bild, das Herrn Zipper in der Uniform eines Feldwebels – eines Rechnungsfeldwebels – der Infanterie darstellte. Links: Herr Zipper im Zylinder mit weißen Handschuhen, wie er eben von einer Hochzeit oder von einem Begräbnis kam. Hier war er noch junger Bräutigam, einen Blumenstrauß in weißer Tüte in der Hand. Dort ein bereits ernster Vater, Arnold, den Kleinen, auf den Knien.
Noch öfter als der alte war der junge Zipper photographiert. Arnold, wie er sechs Monate alt war, splitternackt, lächelnd, auf einem Bärenfell; Arnold als Einjähriger auf dem Arm der Mutter; Arnold als Vierjähriger in den ersten langen Hosen; Arnold als Sechsjähriger mit dem ersten Schulranzen, mit Schiefertafel und baumelndem Schwamm; Arnold als Siebenjähriger mit dem ersten Schulzeugnis; Arnold als Achtjähriger mit gekreuzten Beinen, zu Füßen seines Lehrers, umgeben von seinen Schulkameraden; Arnold im spanischen Nationalkostüm und als Radfahrer; als kleiner Reiter im Hippodrom und als Chauffeur im Vergnügungspark; Arnold auf einem Esel und auf dem Kutschbock; Arnold am Klavier und mit der Geige; Arnold mit Pfeil und Bogen und Arnold mit Säbel; Arnold als kleiner Dragoner und als kleiner Matrose; Arnold in allen Altern, allen Kleidungen, allen Lagen; Arnold, Arnold, Arnold …
Weshalb, fragte ich, ist nicht Arnolds Bruder, der ältere, den man Cäsar nannte, photographiert? Er hieß Cäsar, nach dem früh verstorbenen Bruder seiner Mutter. Es schien, daß dieser Name den Knaben beschwerte, ihm Aufgaben stellte, für die er nicht geboren war. Er mußte entweder ein Genie sein oder ein Hund. Wer war imstande, mit solch einem Namen seinen Eltern Freude zu bereiten?
Nein! Er bereitete ihnen keine Freude, wenigstens nicht dem Vater. Man sah Cäsar selten zu Hause. Er trieb sich in den Straßen herum, man traf ihn vor dem Eingang zum Zirkus Cavalli, vor den Kinos in den Vorstädten und in der kleinen Gasse, in der jedes Haus ein Bordell war. Und er war im ganzen vierzehn Jahre alt. Ich erinnere mich deutlich an sein rotes grobes Gesicht, in das die Züge roh und provisorisch eingezeichnet waren, an seine kurze, von vielen Runzeln zerknitterte Stirn, die aussah, als wollte sie falsche Sorgen vortäuschen, an den merkwürdigen Gegensatz zwischen dem ungläubigen Mund, der an eine traurige alte Sichel erinnerte, und den hellen, grünen, bestialisch und irrsinnig glänzenden Augen. Als er fünfzehn Jahre alt war, schlief er mit allen Dienstmädchen der Nachbarschaft, ein schwarzer Bart sproßte aus allen Winkeln seines Gesichts, seine Augenbrauen wuchsen an der Nasenwurzel zusammen. Er »wollte nicht lernen«. Der alte Zipper »nahm ihn« aus dem Gymnasium und »gab ihn« in die Realschule. Hier geriet er mit einem Mitschüler in Streit, zerschlug ihm das Nasenbein, ohrfeigte einen Lehrer, der vermitteln wollte. Da »nahm« der alte Zipper Cäsar aus der Realschule und »steckte« ihn in die Bürgerschule. Hier gab es mehrere Cäsars, die Lehrer hüteten sich vor Schlägen. Cäsar Zipper erregte nicht besonderes Aufsehen, er blieb je zwei Jahre in jeder Klasse, aber es half ihm nichts. Als er die Schule verließ, konnte er gerade lesen und schreiben.
Es war, als gehörte Cäsar nicht zur Familie Zipper. Vor allem traf man ihn niemals zu Hause, es sei denn während der Mahlzeiten. Da saß er am Ende des Tisches, die Tür, die zur Küche führte, im Rücken, gegenüber dem alten Zipper, der dem ungeratenen Sohn zwischen je zwei Gängen wütende, verachtende Blicke zuwarf. Cäsar erwiderte sie nicht. Cäsar sah immer auf den Teller, knurrte leise, klopfte mit den Absätzen auf den Fußboden, trommelte mit den Fingern auf den Sessel und wußte, daß die Raserei in seinem Vater stieg. Ja, er schien mit Vergnügen zu hören, wie es in dem alten Zipper kochte. Noch hielt der an sich. Schon aber nahte die Mehlspeise, mit der Zipper niemals zufrieden war, und plötzlich explodierte er. Er schleuderte das Salzfaß gegen Cäsar, der es schon längst erwartet hatte und mit dem geübten Griff eines gewandten Menschen auffing und wieder auf den Tisch stellte. Dann hörte man ein Sesselrücken, der alte Zipper erhob sich. Er stand gebückt, die Serviette in der Linken, mit der Rechten griff er hinter den Rücken, er suchte die Lehne des Stuhls. Einen Augenblick lang sah man seine Hand, wie sie die leere Luft krallte. Ich sehe noch deutlich diese rechte Hand, sie sah aus wie ein Tier, eine behaarte Spinne etwa, die blind nach einer nicht vorhandenen Beute greifen will, sie war schrecklich, diese Hand, schrecklicher als das Gesicht des Alten, das zu harmlos war, um auch nur einen Augenblick schrecklich sein zu können.
In dieser Sekunde hatte Cäsar bereits die Tür, die zur Küche führte, mit der Linken geöffnet. Schon hörte man das Brodeln der Töpfe vom Herd, schon roch man die Düfte der Speisen, man hörte, wie sich draußen die Frau Zipper schneuzte und räusperte. Die Klinke in der Linken, die Rechte vor sich als ein Schild, streckte Cäsar dem Vater eine rote lange Zunge heraus. Die Zunge war etwas Schamloses, Nacktes, gleichsam auch der weißen Haut Beraubtes. Sie streckte sich dem Vater entgegen wie eine Wunde und wie eine Flamme. Dabei kam ein düsteres Knurren aus dem Innern Cäsars, wie ein kleines Erdbeben. Im nächsten Augenblick war er verschwunden.
Einige Male in der Woche – und sooft mich der alte Zipper zu einer Mahlzeit einlud – wiederholte sich diese Szene. Arnold kannte schon alle ihre Phasen, er interessierte sich nicht mehr für sie. Ja, es schien, daß er sie mit einer besonderen Zufriedenheit an sich vorüberziehen ließ, ich sah manchmal, wie er ein perfides Lächeln zu verbergen suchte und dennoch offenbarte, während des kurzen, wortlosen, nur von furchtbaren Bewegungen und unmenschlichen Lauten begleiteten Sturms, der zwischen dem Vater und dem Bruder wütete. Ich erinnere mich nicht, gesehen zu haben, daß Cäsar oder der alte Zipper jemals ihre Mehlspeise zu Ende gegessen hätten. Immer blieben einige häßliche Reste in ihren Tellern. Trümmer, die ein Unwetter zurückläßt.
Aber wie der Sonnenschein dem Sturm folgt, so begann der alte Zipper sofort zu scherzen, nachdem sein mißratener Sohn verschwunden war. Noch standen die Reste der unterbrochenen Mahlzeit vor ihm. Er schien sie nicht zu sehen. Schon sprach er vom Nachmittag und was wir eigentlich heute zu machen gedächten. Ob wir schon mit unsern Arbeiten fertig wären. Ob wir schon das neue Karussell gesehen hätten, das ein Italiener in der letzten Woche errichtet habe, neben den vielen, die es schon gebe. Ob wir schon wüßten, daß Andreas’ Puppentheater heute ein neues Programm habe. Ob wir schon in der Zeitung gelesen hätten, daß die Sommerferien in diesem Jahr nicht wie gewöhnlich Ende Juni, sondern schon Mitte dieses Monats beginnen würden.
Denn das waren, wie schon einmal erwähnt, die Sorgen des alten Zipper. Manchmal ging er zum Kleiderschrank, öffnete ihn langsam wie einen Altar und entnahm ihm die Geige im schwarzen Geigenkasten, der an einen Sarg erinnerte. Die Jugend und die Hoffnungen Zippers lagen in ihm begraben, neben der Geige. Denn der alte Zipper hatte einmal ein Musiker werden wollen. Er wäre es beinahe geworden. Er besaß, wie er sagte, ein »unheimliches Gehör«, und ohne Lehrer, ohne Noten, »ohne Anfangsgründe« hatte er zu spielen angefangen, eines schönen Tages, »von einem Geist gesegnet«. Er spielte in der folgenden Zeit »alles, was er hörte«. Er spielte »Menuetts und Walzer«. Er ging zu »allen neuen Operetten«, er spielte am nächsten Tag ihre Schlager – »nach dem Gehör«. Heute konnte er nur noch ein Stück spielen, nämlich: »Weißt du, Mutterl« – ein Lied, das den alten Zipper gar nicht traurig machte und mich zum Weinen rührte. Im Gegenteil: je verzückter, melancholischer und jenseitiger Zippers Gesicht wurde, desto lustiger war seine Seele. Er dehnte die Töne ins Unermeßliche, er zog sie wie Gummi, seine Geige wehklagte, jammerte, heulte, ob es nötig war oder nicht, und wo es ihm gerade gefiel, schaltete er ein Tremolo ein. Es wurde mir kalt im Rücken, Zippers Vater aber verriet seine fröhliche Laune durch die muntere Art, in der er mit dem Fuß den Takt schlug, durch die zufriedenen Pausen, die er einschaltete, wo sie nicht vorgeschrieben waren, und in denen er einen selbstgefälligen Blick um sich warf wie ein Künstler, der irgendein fernes, nur ihm selbst vernehmbares Bravoklatschen hört.
Auf jeden Fall war es die Musik, die der alte Zipper am meisten von allen Künsten, ja, von allen geistigen Erscheinungen und Formen des Lebens verehrte. Sie ersetzte ihm den Glauben an Gott, den er leugnete. Sie ersetzte ihm vielleicht die Liebe, die er nicht genoß, das Glück, das ihn floh. Kein Wunder, daß er gewünscht hatte, wenigstens aus einem seiner Söhne einen Musiker zu machen. Mit einer gewissen Hoffnung hatte er wahrgenommen, daß Cäsar unwillig und schwer lernte und eine Abneigung vor Büchern bewies, also einen »schlechten Kopf« hatte. Aha, dachte der alte Zipper, das wird ein Musiker! Cäsar Zipper war ein Name, wie geschaffen für einen Künstler. Cäsar ein Virtuose, Arnold ein Gelehrter! Aber es erwies sich, daß Cäsar auch in der Musik keine Fortschritte machte, daß er nach drei Jahren eines kostspieligen Studiums bei den besten Lehrern der Stadt noch immer die Tonleiter kratzte. »Nicht einmal einen Walzer kann er!« klagte der alte Zipper. »Wenn schon kein Künstler aus ihm wird, man kann es ja nicht von jedem verlangen, so soll er wenigstens in Gesellschaft spielen können, wenn man gerade tanzen will. Ein junger Mann muß sich angenehm und beliebt machen können!« Cäsar aber machte sich keineswegs beliebt.
Eines Tages kehrte der alte Zipper von seinem täglichen Vormittagsspaziergang um eine Stunde früher heim als gewöhnlich. Was war geschehen? Es war einer der heitersten Frühlingstage, Ostern nahte heran, man erwartete den Bruder aus Brasilien, und die ganze Wohnung Zippers befand sich in jener freudigen Erregung, die unvorhergesehene Geldausgaben, eine Wäscherin im Haus und die Erwartung eines Fremden verursachen. Die Sonne schien, und die Spatzen lärmten. Der alte Zipper aber durchmaß mit festen Schritten und den Kopf gesenkt ein Zimmer nach dem anderen. Was war geschehen?
Er hatte unterwegs den Musikprofessor Cäsars getroffen. Er hatte erfahren, daß sein »elender Sohn« seit Monaten nicht mehr »zur Lektion« erschienen war; daß er wahrscheinlich das Honorar, das man ihm jeden Monat für den Lehrer mitgab, verschwendet hatte. Als Cäsar ahnungslos heimkam, nahm ihm der Vater die Geige ab, erhob sie und zertrümmerte sie auf dem widerstandsfähigen Schädel seines Sohnes, ohne ein Wort zu sagen.
Die Reste der Geige sammelte der alte Zipper sorgfältig vom Boden auf, umschnürte sie mit einem kräftigen Bindfaden und legte sie in einen Sack.
»Bis zu meinem Tode!« schwur der alte Zipper, »werde ich diese zerbrochene Geige bewahren.« Sie lag in der feuerfesten Kasse von Eisner und Co. neben der Versicherungspolice und dem Trauungsschein.
III
Inhaltsverzeichnis
Wenn ich heute an den alten Zipper zurückdenke, so wundere ich mich darüber, daß ich damals seine große Trauer nicht bemerkt habe. Ihm selbst kam sie nie zum Bewußtsein. Er hatte etwas von einem traurigen Clown. Aber ich fand ihn lustig, wie Kinder einen Clown immer lustig finden. Der alte Zipper mit seinem dünnen, hellen, teefarbenen Schifferbart, der sein breites, rundes Gesicht einfaßte und gleichsam ein überflüssiger Luxus war, wie ein Rahmen um ein gleichgültiges Bild, der alte Zipper mit seinen braunen, gutmütigen, immer todernsten Augen, der alte Zipper mit seinem ewigen runden steifen Hut, den er aufsetzte, wenn er zum offenen Fenster ging, wenn er sich nur einen Schritt vom Haus entfernte, um eine Zeitung zu kaufen, der alte Zipper mit seinem schwarzen Stock aus »echtem Mahagoni«, dieser alte Zipper verbreitet heute, sooft ich ihn in meine Erinnerung zurückrufe, eine große Schwermut. Er macht mich traurig, jetzt, in diesen Stunden, da ich von ihm erzähle. Er hatte viel Kummer in seinem Leben und wahrscheinlich keinen Schmerz. Aber eben deshalb ist er so traurig, traurig wie ein aufgeräumtes Zimmer, traurig wie eine Sonnenuhr im Schatten, traurig wie ein ausrangierter Waggon auf einem rostigen Gleis.
Es gab dennoch einen Menschen, dem er, der Sanfte, der Harmlose, großes Leid zufügte, sicherlich ohne es zu wissen. Es gab nämlich noch Frau Zipper.
Sie paßten nicht zueinander, nein, sie paßten nicht zueinander. Aber, wie es so ist, man dachte niemals daran, daß sie zueinander nicht paßten. Es geht uns gewöhnlich so, wenn wir ältere Ehepaare betrachten. Sie stellen ein Fait accompli dar, es ist nicht mehr an ihrer Gemeinsamkeit zu zweifeln. Sie haben schon Kinder, große Kinder. Nichts mehr ist übriggeblieben von den Widerständen, die sie in der ersten Zeit ihrer Ehe gegeneinander zu Felde geführt haben wie Waffen. Beide haben ihre Schärfen abgewetzt, ihre Munition verbraucht. Sie sind zwei alte Feinde, die aus Mangel an Kampfmitteln einen Waffenstillstand schließen, der aussieht wie ein Bündnis. Und man weiß nichts mehr von ihrer alten Feindschaft.
Aber in den Augenblicken, die wir fremde Beobachter nicht kennen, gebrauchen sie noch gegeneinander die übriggebliebenen Reste der Waffen, oder sie verwenden andere Geräte, Geräte des Friedens, zum häuslichen Kampf. Sie haben noch aus der Zeit, als ihre Feindschaft jung gewesen, verschiedene Mittel des Hasses, die sich nicht abnützen: ein Lächeln, das gerade dort einsetzt, wenn es den andern schmerzt; ein Wort, das an eine längstvergangene wüste Szene erinnert und das, wieder hervorgeholt, vernarbte Wunden aufreißt; eine Art, einander anzuschauen, die beide erstarren läßt; plötzliche Bewegungen, die ihre umnebelte, eingeschlafene Feindschaft jäh erwecken, wie abgeschossene Raketen eine dunkle Situation im Krieg erhellen und seine ganze Schrecklichkeit.
So war es mit dem Ehepaar Zipper. Das Angesicht der Frau Zipper wird mir immer in Erinnerung bleiben. Es lag hinter einem feuchten Schleier. Es war, als lägen ihre Tränen, immer bereit, vergossen zu werden, schon über ihrem Augapfel. Sie trug lange blaue Schürzen, die sie einer Krankenschwester zweiter Klasse ähnlich machten. Auf sanften Pantoffeln ging sie durchs Leben. Niemals sprach sie mit lauter Stimme. Oft seufzte sie und schneuzte sich. Wenn sie ihr Taschentuch vors Gesicht führte, sah man ihre Hände, trockene harte Hände, an denen die Finger unverhältnismäßig stark waren, wie künstlich angesetzt an eine viel zu schwache Hand. Zog sie manchmal, an Festtagen, ihr schwarzes Flitterkleid an, so sah sie noch gelber aus als gewöhnlich, sie hatte etwas Erfrorenes, als hätte man sie aus einem Eiskasten genommen. Steif – nicht vor Stolz, sondern vor Ergebenheit, Ohnmacht, Unglück und Trauer –, steif saß sie in einem Sessel. Ihr schütteres farbloses Haar hatte sie in die weite hohe Stirn hineingekämmt, es war eine Art erzwungener Verschönerung, eine Maßnahme gegen den Willen der Frau Zipper, als hätte man sie frisiert, während sie in einer tiefen Ohnmacht lag, und als hätte sie nicht einen Moment lang in den Spiegel gesehen. Nur der Mund der Frau Zipper, der heute eingefallen war und verbissen aussah, verriet, wenn sie ihn zu einem seltenen Lächeln öffnete, einen längst erstorbenen Reiz, eine verschwundene, schöne, runde Fülle, und im Kinn erschien noch für den Bruchteil einer Sekunde ein sanftes Grübchen – nein! kein Grübchen mehr! – sondern eine Erinnerung an ein Grübchen. Ihr Lächeln, ihr seltenes Lächeln, war wie eine sanfte, verstohlene Totenfeier für ihre Jugend. In ihren blassen feuchten Augen entzündete sich ein schwaches fernes Licht, das schnell wieder erlosch, wie das Blinkfeuer eines sehr weiten Leuchtturmes.
Niemals lächelte sie in Anwesenheit ihres Mannes. Niemals beteiligte sie sich an seinen kleinen Späßen, niemals ging sie auf ein Gespräch ein, das er manchmal anzuknüpfen versuchte. Auf seine Fragen antwortete sie mit ja oder nein. Wie mußte sie ihn hassen, verachten vielleicht! Er mochte ihren Haß hinter ihrer Stille fühlen, wie man glattes, scharfes Eis unter der Schneedecke spürt. Sie reizte ihn. Weil er nicht klug war, begann er, sie zu verspotten. Sooft Cäsar nach einem Sturm verschwunden war, trat sie mit einem Seufzer aus der Küche. Dann geschah es, daß der alte Zipper mit einer frohlockenden Stimme sagte: »Hat dir dein lieber Sohn gesagt, wohin er sich begeben hat?« Zwar hatten die Zippers ein Dienstmädchen, aber der Alte wollte keine »fremden Gesichter beim Essen sehn«. Deshalb mußte die Frau Zipper selbst die Speisen von der Küchentür zum Tisch bringen. Wenn sie die Suppenterrine in die Mitte des Tisches stellte, sagte Zipper: »Etwas näher, Madame, bitte, spielen wir doch nicht Versailles!« Manchmal sagte er: »Die Serviette ist schon mindestens zwei Wochen alt! Ein anderer muß sie benützt haben! Hier sind Spuren von Eiern, und ich esse keine Eier. Seit Jahren keine Eier!«
An den Tagen, an denen ich eingeladen war, schien ihm ganz besonders an einer Konversation gelegen zu sein. Er versuchte um jeden Preis, das Schweigen seiner Frau zu brechen. Ja, er zwang sich sogar, ihr eine Freundlichkeit zu sagen. An ihr aber glitt selbst seine Güte ab, wie ein Tropfen Öl an vereistem Glas. Wenn Cäsar oder Arnold einen Fettfleck auf ihre Kleider machten, unachtsam waren, ein Glas Wasser verschütteten, so sagte der alte Zipper zu seiner Frau: »Sieh her, wie sich deine Kinder schon wieder benehmen.« Seit einem Jahrzehnt trank er nach jedem Essen einen Tee. Es mußte ein ganz besonderer Tee sein, das Glas nicht zu voll, damit Zipper es am oberen Rand fassen konnte, ohne sich die Finger zu verbrühen. War aber der Rand zu breit gelassen, so sagte er witzig: »Was kostet ein ganzes Glas, Madame?« War der Tee zu hell, so schickte er ihn zurück, damit er länger aufgebrüht werde. War er zu dunkel, so verlangte er warmes Wasser. Er bekam es in einer metallenen Kanne, deren Henkel so heiß war, daß er ihn mit einem Taschentuch anfassen mußte; und obwohl er wußte, jedenfalls aus Erfahrung wissen mußte, daß der Henkel nicht zu fassen war, griff er doch immer mit nackten Fingern nach ihm, fuhr erschrocken zurück, schüttelte die Hand in der Luft wie einen weißen Vogel und durchbohrte seine Frau dabei mit jenem Blick, mit dem man einen bedenkt, der uns auf ein Hühnerauge getreten ist. Niemals vergaß der alte Zipper, sich über den Tee, seine Zubereitung, die verschiedenen Arten, seine Heilkraft, seine Schädlichkeit zu verbreiten. Mindestens sechzehnmal habe ich selbst aus seinem Munde gehört, wie er sich einmal einen Teerausch angetrunken hatte. »Es war allerdings«, schloß Zipper seine Erzählung, »kein Tee wie dieser hier!« Und dabei sah er seine Frau an.
Wenn ich mir heute das Bild der Frau Zipper zurückrufe, sehe ich, daß sie in einem Nebel gelebt hat, in einer Art von grauem trübem Heiligenschein, wie er für Märtyrer paßt, die für lächerliche Zwecke und aus lächerlichen Gründen Schmerz und Pein erdulden. Ich weiß nicht, ob sie ihre Kinder geliebt
hat. Vielleicht waren sie ihr gleichgültig oder verhaßt, wie der Vater. Sie schien mir mehr für den Schmerz dazusein als für die Liebe. Was die Kinder betrifft, so kam Arnold erst spät dazu, seine Mutter zu lieben. Vorläufig hielt er sich mehr an den Vater, der ihm ja mehr Spaß bereitete. Die Erziehung hatte der alte Zipper allein übernommen, obwohl er seine Söhne häufig ihre Kinder nannte. Es waren Söhne, und er hatte beschlossen, aus ihnen »Menschen zu machen«.
Er begann mit der »Erziehung zur Männlichkeit«. Die spartanischen Methoden imponierten ihm, aber Athen nicht weniger. Von Sparta und Athen wußte er nur, was er, ein Autodidakt, unter der Hand an Wissen errafft hatte. Er kannte überhaupt die Geschichte aus Anekdoten, die Welt aus dem Photoplastikon, das Leben aus dem Briefkasten der Zeitung. Was er nicht wußte, erfuhr er aus dem Lexikon oder am Mittwoch von der Redaktion. Viele Fragen beschäftigten ihn im Laufe eines Tages. Ihn interessierte die Entfernung der Erde vom Mond, vom Mond zur Sonne, von der Sonne zum Mars. Ihn interessierten die Milchstraße, der Brand von Moskau, der Krieg in der Krim, die letzte Choleraepidemie in Wien, ein System, Geld in Monte Carlo zu gewinnen, die Schädlichkeit der Fliegen, die Wirkung eines Sonnenbrands, die Höhe des Gaurisankars, der erste Aeroplan, das Privatleben des Grafen Zeppelin, die erste Aufführung der »Räuber«, die letzten Indianer in Bolivien. Er hatte den ewig ungestillten Wissensdurst des einfachen Mannes, der sich hinaufgearbeitet hat und der an dem Irrtum leidet, Wissen sei Bildung, Bildung mache stark und Stärke erfolgreich. Er schwor auf Hygiene. Er selbst tauchte seine Kinder jeden Tag in kaltes Wasser. Als sie drei Jahre alt waren, kaufte er ihnen kleine Fahrräder. Cäsar hatte sich schon mit acht Jahren selbständig gemacht. Arnold aber bekam immer neue, immer größere Fahrräder. Er bekam Roller, Schlittschuhe, Schlitten und Skis, Tennisrackets und Säbel zum Fechten. Als Fünfjähriger lernte Arnold tanzen. Er lernte Nationaltänze. Er tanzte Mazurka, Krakowiak, Kasatschok, Csárdás, er lernte mit Kastagnetten klappern. Der alte Zipper ließ bei einer Wohltätigkeitsvorstellung Arnold als Tänzer auftreten. Der Alte saß in der ersten Reihe. Für den halben Saal hatte er Freikarten verteilt. Weite Verwandte, gleichgültige Bekannte schleppte er herbei. Dann ließ er Arnold auf der Bühne photographieren. Er selbst kam heraus und verneigte sich, nachdem er fünf Minuten vorher geklatscht hatte.
Er führte Arnold jeden Sonntag ins Hippodrom und lehrte ihn reiten. Er nahm einen »Lehrer für dramatische Kunst«, Arnold lernte deklamieren. Bestimmte Verse mußte Arnold immer wieder seinem Vater vorsprechen. Der Alte hatte einen besonderen literarischen Geschmack. Er liebte ein Gedicht von Rudolf Baumbach: »Die Reise ins Paradies«. Obwohl er den Kaiser verachtete, hörte er doch gerne das Gedicht eines zeitgenössischen Lyrikers, der zum Thema seiner Dichtung den Tag des Kaisers gewählt hatte. Jede Strophe behandelte je eine Stunde dieses Tages und die Arbeit, die der Monarch in dieser Stunde verrichtete. Der alte Zipper liebte: »An der Quelle saß der Knabe«, »Habe nun, ach, Philosophie«, »Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht«, »Durch diese hohle Gasse muß er kommen«, »Der Gott, der Eisen wachsen ließ« und die »Lorelei«. All das rezitierte Arnold »fließend«, wie der alte Zipper zu sagen liebte. Denn auf den Fluß kam es ihm an.
Blieb aber Arnold einmal irgendwo stecken, so legte der alte Zipper die Hände auf seine Stirn und fragte: »Was soll aus dir werden?« Dieselbe Frage erfolgte, wenn Arnold vom Rad oder vom Pferd fiel. Was sollte aus ihm werden?! Nach dem Wunsch des Vaters alles mögliche: ein Zirkuskünstler und ein Schauspieler; ein Gelehrter und ein Dichter; ein Erfinder und ein Kavalier; ein Diplomat und ein Zauberer; ein Glücksritter und ein Komponist; ein Don Juan und ein Musikant; ein Abenteurer und ein Ministerpräsident. Alles konnte Arnold werden; alles, was der alte Zipper nicht geworden war.
IV
Inhaltsverzeichnis
Weshalb war aus dem alten Zipper nichts geworden – wenigstens seiner Meinung nach nichts geworden? – Weil er den größten Teil der Energie, die ihm Gott mitgegeben hatte, dazu hatte verwenden müssen, um aus einem Proletarier ein Bürger zu werden. Denn das ist der Weg der kleinen Menschen. Als Zipper, der Sohn eines Tischlers, jung war, sollte er auch ein Tischler werden. Er wurde Lehrling. Er verfertigte Tische aus Eichenholz, Schränke, Wiegen, Koffer und Särge. Schließlich kam er zu einem großen Tischler in die Lehre nach Wien.
In der kleinen Stadt ist es, als wäre man von Geburt an für irgendeinen Beruf, irgendeine Sendung, irgendein Geschäft bestimmt. Der ist Gemeindepolizist und jener Totengräber. Der ist Uhrmacher, und jener handelt mit Nahrungsmitteln. Der ist ein reicher Kaufmann und jener ein armer Glasermeister. Schon der Vater des Reichen war reich, und der Großvater des Reichen war es auch schon. Die ältesten Menschen der Stadt können sich nicht erinnern, daß irgendein Vorfahre des Reichen arm gewesen wäre. Der Sohn eines Tischlers wird niemals ein Totengräber. Der Sohn eines Delikatessenhändlers wird niemals ein Flurwächter. Zipper, der Sohn eines Tischlers, wäre ein Tischler geblieben, wenn er nicht in die große Stadt gekommen wäre.
Er steckte nicht mehr ganz in seinem Beruf. Er ragte mit einem Teil seiner Strebsamkeit über die Grenzen hinaus, die seinem Leben gezogen waren. Schließlich lag ihm die Strebsamkeit im Blut. Ein wenig flatterhaft war er auch. Er arbeitete nicht mehr in einer einfachen Werkstatt mit drei Gesellen, wie zu Hause, bei seinem Vater, sondern in einer großen Sargfabrik mit dreihundert Arbeitern, die keine Tischler waren. Jeden Tag wurden genau siebzig Särge fertiggestellt. Wo viele Menschen leben, sterben auch viele. Es war ein trauriges Geschäft. Im Anfang dachte Zipper fortwährend an den Tod. Er aber war dem Leben zugeneigt.
Er wechselte den Beruf, aber er blieb beim Holz. Er kam zu einem Instrumentenmacher in die Lehre. Er lernte Violinböden herstellen, Stege und Bodengriffe. Bei dieser Gelegenheit entdeckte er seine musikalische Begabung. Er gedachte nicht so lange zu warten, bis er eine ganze Geige hätte verfertigen können. Er hoffte auf ein außergewöhnliches Glück, zumal da er sich in ein Mädchen verliebt hatte, dessen Eltern, wohlhabende Delikatessenhändler, ihre Tochter nur einem wohlhabenden Manne zu geben gewillt waren. Er spielte in der Lotterie und gewann. Hierauf besuchte er die Eltern seiner Geliebten und sprach davon, eine Musikalienhandlung zu eröffnen. Er verlobte sich. Eine kleine Musikalienhandlung paßte ihm nicht, er wollte mit einer großen anfangen. Dazu mußte man mehr Geld haben, als er gewonnen hatte. Weil er an sein Glück glaubte, auch einige Abenteuer zu bestehen gedachte, ging er zur Bahn und fuhr nach Monte Carlo. Und dort ereigneten sich jene außergewöhnlichen Umstände, unter denen er seinen Chronometer erstanden hatte.
Er verlor den größten Teil seines Geldes, kam zurück, heiratete. Es reichte nicht einmal mehr für eine kleine Musikalienhandlung. Er bekam durch die Vermittlung seines Schwiegervaters ein Papiergeschäft in Kommission. Wie weit war er da vom Eichenholz entfernt! Er mußte den ganzen Tag zu den großen Firmen der inneren Stadt gehen, um Bestellungen auf Drucksorten aufzunehmen. Indessen saß seine junge Frau in einem kleinen Delikatessenladen und verkaufte Heringe auf Kredit. Nachdem Zipper sich, wie es heißt, »eingearbeitet« hatte, gab seine Frau die Heringe auf. Man konnte bei dem Papiergeschäft nie reich werden, aber lange am Leben bleiben. Allmählich war Zipper seine Beschäftigung lieb geworden. Sie war keine Arbeit. Sie gestattete ihm, langsam durch die lebendigsten Straßen der Stadt zu gehen, mit den Direktoren der größten Geschäfte zu sprechen, bei der und jener Gelegenheit manches zu erfahren, wonach ihn zu wissen dürstete. Er schaffte sich Verbindungen, an denen ihm viel gelegen war. Theaterkassierern, Varieté-Agenten, Zirkusdirektoren kam er immer näher. Kleinen Menschen machte er gelegentlich kleine Geschenke, zum Beispiel Visitkarten. Wo andere zahlen mußten, stand ihm der Zutritt frei. Wo andere warteten, drang er als erster vor. Und selbst wo man, ohne zu warten, vordringen konnte, war es ihm lieb, so zu tun, als könnte nur er zuerst darankommen.
Seinem Beruf entsprechend wechselte seine Kleidung. Eine bestimmte Delikatesse in der Wahl seiner Stoffe und seiner Hemden und seiner Krawatten schien ihm angeboren. Daß er von Zeit zu Zeit in Modeschriften einen Blick warf, glaubte er seiner Karriere schuldig zu sein. Sie zu machen, war er fest entschlossen. Doch war auf dem Weg eines alltäglichen Papierhandels freilich kein großer Reichtum zu erwarten. Infolgedessen unterbreitete Zipper, in seinem »Auftreten« unterstützt durch die elegante Note seiner Kleidung, verschiedenen einflußreichen Persönlichkeiten »Projekte«. Seine Vorschläge bezogen sich auf die Verbesserung der Straßenbahnbremsen, auf die Hebung des Fremdenverkehrs, auf eine neue Organisation des Reklamewesens. Manche Einfälle gebar sein Kopf. Ständig ging er mit Plänen schwanger. Allmählich, da kein einziger gedieh, wurde er traurig, wie ein Gärtner, der kraftlosen Samen gesät und dem der Sommer und der Herbst ohne Gabe vorbeiziehn. Er gab immer weniger auf seine Haltung acht. Verschiedene Methoden, eleganter zu erscheinen, als er in Wirklichkeit sein konnte, behielt er noch bei. Er trug weiße Krawatten zu einem schwarzen Anzug. Er sah einem Herrenreiter ähnlich, einem Lakaien, einem Fischer am Sonntag, einem Kapitän, der nach langen Jahren zum erstenmal wieder festen Boden betritt, einem Manager in einem Zirkus, weiß Gott noch wem. Als ihm die Haare auszugehen begannen, erfand und mischte er allerhand Salben, sie zu bewahren. Durch eine Verbindung von Terpentin, Chinin, Schwefel und Salz gelang es ihm, ein Haarmittel herzustellen, das er selbst mit Erfolg verwendete und dessen Geheimnis er einem Friseur verkaufte – um den Preis eines Gratisabonnements für zwei Jahre, Haarschneiden einmal im Monat inbegriffen. Denn es ging dem alten Zipper keineswegs um einen Verdienst, sondern um die Möglichkeit, sich sogar in puncto Rasieren und Haarschneiden von andern Männern zu unterscheiden, die ihren Barbier mit barer Münze bezahlten.
Es war sein Ehrgeiz, »Protektionen« zu haben. Meist gelang es ihm, die Gunst derjenigen Persönlichkeiten zu gewinnen, die man überhaupt im Leben nicht braucht. Da er sich aber einbildete, man müsse Freundlichkeit erhalten, verlor er viel Zeit – die ihm allerdings immer zur Verfügung stand. Er kannte die Rayoninspektoren der Polizei, einige Männer von der Feuerwehr, er hatte seine Beziehungen auf den verschiedensten Bahnhöfen, er grüßte Zollbeamte, Magistratssekretäre, Gerichtsadjunkten, Männer, die Steuern einkassierten, Sollizitatoren, Notare. Ja, auch den Henker kannte er. Er rühmte sich seiner Fähigkeit, Hinrichtungen beiwohnen zu können, ließ es aber niemals darauf ankommen – ich vermute, daß ihn sein weiches Herz nicht gehen ließ. Doch gelang es ihm immer, bei Unglücksfällen, Bränden, Volksversammlungen, Verhaftungen, Demonstrationen, Umzügen, offiziellen Feiern und andern Gelegenheiten dort durchzukommen, wo es verboten war. Er, der sich aus dem Kaiser nichts machte und abfällige Witze über ihn sogar im Kaffeehaus vorbrachte, marschierte am Vorabend des kaiserlichen Geburtstages an der Seite der Fackelträger und der Veteranenmusik.
Wenn eine hohe Persönlichkeit begraben wurde, hinderte ihn seine Ungläubigkeit nicht, in einer Reihe mit den nächsten Leidtragenden in der Kirche zu sitzen. Jeden Sommer, wenn der Kaiser nach Ischl fuhr, befand sich der alte Zipper unter Generälen, Bürgermeistern und fast neben dem Stationschef – den er kannte – auf dem Bahnsteig. Längst nachdem er wegen starker Krampfadern von der Teilnahme an Manövern befreit war, ging er in die Dörfer, in denen sie stattfanden. Alle Bewegungen der Truppen kannte er. Dank einer Beziehung zu einem Portier des Parlaments, saß er, wenn es tagte, neben der Journalistenloge. Bedeutenden Prozessen wohnte er bei, Eintrittskarten hatte er für alle Angehörigen zur Verfügung.
Indessen gingen leider seine Geschäfte immer schlechter. Denn er bemühte sich weniger um die Kunden, die ihm Aufträge erteilten und bei denen er verdienen konnte, als um jene, die ihm für gleichgültige Gelegenheiten kleine Vorteile verschafften. Andern wieder machte er Geschenke, er lieferte ihnen Drucksorten umsonst. »Man muß sich revanchieren!« sagte der alte Zipper. Es ging abwärts mit seinen Geschäften. Seine Frau blieb dem Greißler schuldig, das Klavier war erst zur Hälfte bezahlt, die Monatsrechnung für das Lexikon, Darwin, Haeckel und Schillers gesammelte Werke blieb liegen, der Ratenagent kam und drohte mit der Pfändung. Aber Zipper lächelte: ihn pfänden? Gab es im ganzen Bezirk einen Steuereinnehmer, der Zipper pfänden würde?
V
Inhaltsverzeichnis
Eines Abends, es war Sommer, neun Uhr, knapp nach dem Abendessen, just um die Stunde, in der die Bewohner des Viertels ihre Wohnungen verlassen (die Frauen ohne Hüte, die Kinder an der Hand, die Hunde ohne Leine und die Männer ohne Weste), um in den nächsten kleinen Park zu gehen oder auf den Kai, da sagte Zipper plötzlich zu seiner Frau:
»Ich habe heute den Salon vermietet.«
An diesem Abend ging die Familie Zipper nicht mehr an die Luft. Alle, die im Zimmer waren – auch ich, der ich gekommen war, meinen Freund abzuholen –, dachten, der alte Zipper sei verrückt geworden. Die Frau Zipper stand auf, trat hinter die Lehne ihres Sessels, wie hinter eine Schanze, um sich zu verteidigen. Als sie sah, daß ihr Mann ruhig saß, blieb auch sie bewegungslos stehen. Sie sah ihn gerade an, sie schien am schnellsten von uns zu begreifen. Auf einmal begann sie den Kopf zu schütteln, es war, als bekräftige sie etwas, was sie nur für sich gedacht hatte, als bejahte sie irgendeinem Unsichtbaren eine Frage, die er, nur ihr hörbar, gestellt hatte. Ja, ja, ja, ja, sagte fortwährend ihr armer Kopf, und ihre knochigen harten Hände lagen regungslos auf der Stuhllehne. Ja, ja, ja, ja, nickte ihr Kopf, und nichts sonst bewegte sich im Zimmer. Arnold saß ruhig da, Cäsar war schon fortgegangen, ich kauerte auf der Ecke eines Sofas, am Kopfende des Tisches saß der alte Zipper, und ihm gegenüber stand seine Frau und nickte mit dem Kopf.
»Was nickst du so?« sagte Zipper. – Sie antwortete nicht – das heißt: ihr Mund antwortete nicht, aber ihr blasses feuchtes Auge antwortete, es ließ eine Träne fallen. Ich erinnere mich, wie sie glänzte, diese Träne auf dem gelben Gesicht.
»Da läßt sich mein Freund, der Sekretär Wandl«, begann Zipper, »von seiner Frau scheiden. Das heißt, ich meine: nur von Tisch und Bett. Er sucht eine Wohnung. Wo soll er hin? ›Kommen Sie zu mir!‹ sag ich ihm. ›Ich hab einen Salon frei, ein Bett kann ich Ihnen nicht geben, aber jetzt werden Sie doch froh sein, eine Zeitlang kein Bett zu sehen, glaub ich, was?‹ Darauf lacht er natürlich. Von dem Preis –«
»Ja, was zahlt er?« unterbrach ihn die Frau Zipper. Es war zum erstenmal, daß ich die Frau Zipper ihren Mann unterbrechen hörte. Sie dachte an die unbezahlten Rechnungen, die arme Frau, und sie war schon über das Unglück getröstet, das ihr Mann eben verkündigte. Sie sah schon die Kehrseite dieses Unglücks, es fing an, einer Hoffnung ähnlich zu sehen.
Da sagte Zipper: »Von dem Preis haben wir natürlich nicht gesprochen.«
Dieses »natürlich« habe ich damals nicht begriffen. Warum war es Zipper so natürlich, nicht vom Preis zu sprechen? Ach, was war er doch für ein nobler Mann, der alte Zipper!…
Jetzt kam aus dem Auge der Frau Zipper die zweite Träne. Still und glänzend kam sie, rollte langsam und lautlos in die Stille und verlor sich bei den Lippen.
Dann nahm der Abend seinen Lauf. Frau Zipper begab sich in die Küche, Arnold und ich arbeiteten an einer mathematischen Aufgabe, Herr Zipper las die Zeitung. Die alte Wanduhr, die in dem vermieteten Salon hing, schlug die Stunden, das Fenster war offen, man hörte Stimmen plaudernder Menschen und von Zeit zu Zeit einen Hund bellen, ein Kind schreien, eine schwere Fliege um die Lampe summen. Alles war so, wie es jeden Abend hätte sein können. Aber es war außer all dem noch etwas da, der Atem eines Fremden, der Flügelschlag eines unbekannten Fluches, das unhörbare Signal einer Entscheidung. Wir waren alle zerschmettert, als hätten wir soeben erfahren, daß in dieser Nacht die Welt untergehen würde. Was schien mir denn so schrecklich an der Tatsache, daß die Zippers den Salon vermieten würden? War es, weil ich so oft in jenem kühlen, modrigen Zimmer gespielt hatte? War es mir lieb geworden? Ging es mir verloren, ein Stückchen Heimat? Sah ich den schmalen Sonnenstreifen schwinden, die Staubsäule vom Tisch zum Fenster? Dachte ich mit Wehmut an die blaue gläserne Garnitur?
Es war, als wäre jemand gestorben. Der alte Zipper raschelte mit der Zeitung – und jedesmal, wenn er ein Blatt umwandte, ergriff mich ein Schrecken. Arnold zeichnete mechanisch, er konnte nichts begreifen. Wir wollen lachen und können nicht. Plötzlich sehen wir uns an und senken wieder die Köpfe über den Heften. Aus der Küche kommt ein Schluchzen. Wahrscheinlich weint Frau Zipper. Arnold geht hinaus und kommt wieder nach zwei Minuten. Er sagt gar nichts. »Wo warst du?« fragt der Herr Zipper. »Draußen!« sagt Arnold.
Schließlich erhob sich der Herr Zipper, ging, die Hände auf dem Rücken verschränkt, ein paarmal durch das Zimmer, setzte sich wieder, faltete die Zeitung zusammen, fuhr mit der flachen Hand über sie hin, um sie geradezubügeln, sah auf seinen Chronometer und sagte:
»Es ist elf Uhr und siebzehn Minuten.«
Da ging ich nach Hause.
VI
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Der Postsekretär Wandl zog in den Salon. Man ließ alles dort stehen, wie es gestanden war. Man öffnete, wie sonst nur vor Ostern, wenn Zippers Bruder aus Brasilien kommen sollte, die Tür vom Flur zum Salon. Das Klavier blieb. Wenn der Postsekretär Wandl nicht zu Hause war, durfte Arnold üben. Er war ein gutmütiger Mann, der Sekretär Wandl. Er zahlte, ohne daß man es gefordert hätte, einen anständigen Preis. Die Frau Zipper bezahlte das Lexikon, Darwin, Schiller, Haeckel und den Greißler für drei Monate. Es gab wieder Emmentaler, jeden Abend, Salami und Bier. Wie vor vielen Jahren ging Zipper wieder am Nachmittag ins Kaffeehaus.
Es war ein lärmendes Kaffeehaus, wo die meisten Gäste Karten spielten. Der Rauch der Zigaretten und Zigarren stand kalt über ihren Köpfen, kalt, schwer und fest, in Knäueln, Klumpen und Blöcken. Die Männer saßen in Hemdärmeln, die Kellner standen hinter ihnen, sahen zu, wie sie spielten. Man mischte Karten mit zauberhafter Geschwindigkeit. Man warf sie auf die Tische, sie klatschten auf, als wären sie ins Wasser gefallen. Die Spieler riefen einander harte Worte zu, eine rätselhafte Art fremder Zauberflüche, es sah aus, als stritten sie heftig, indessen sie lachten. Kreide lief kreischend über trockene Täfelchen. Nasse Schwämmchen lagen auf Schalen, merkwürdige Tiere. Vom anderen Ende des Saales kam ein leises Klappern von Billardkugeln herüber.
Der Raum war halb dunkel. Es war das Dämmerlicht einer Grotte, eines Verschwörerhauses, eines Freimaurersaals. Er erregte meine Phantasie. Trat man aus dem Kaffeehaus in das helle Sonnenlicht, so war es, als wäre man mitten aus einem Traum geweckt worden. Saß man drinnen, so hatte die Zeit aufgehört. Über der Kasse hing zwar eine Uhr, sie tickte sogar, wurde jeden Abend vom Oberkellner Franz aufgezogen, aber sie hatte keine Zeiger. Was konnte schrecklicher sein als diese Uhr? Sie ging und ging, in ihrem verborgenen Innern lief die Zeit ihren regelmäßigen Lauf, aber man sah es nicht. Man wußte nur, daß Stunden schwinden, aber wie viele, das wußte man nicht. Die Menschen, die dort saßen, sahen trotzdem jedesmal auf die Uhr, sie bildeten sich wahrscheinlich ein, jetzt wüßten sie die Stunde. Das Ticken, das sie hörten, beruhigte sie offenbar.
Dort saß Zipper und spielte Sechsundsechzig, jeden Nachmittag, von drei bis sechs Uhr. Er spielte und verlor. Er verlor keine großen Summen, aber er verlor immerhin so viel, daß er anfing, billigere Zigarren zu rauchen und schließlich eine Pfeife mit dem billigsten Tabak. – »Eine Pfeife«, erklärte er damals, »ist viel gesünder als eine Zigarre, von der Zigarette ganz zu schweigen. Man sieht vor allem, was man raucht. – Für manche Menschen riecht es vielleicht nicht angenehm«, sagte er noch, wenn seine Frau am Tisch war. Manchmal aber brachte er eine Zigarre nach Haus, eine Trabucco, vielleicht hatte sie ihm jemand geschenkt. Sie steckte einzig und einsam in seinem Zigarrenetui, das ganz schlaff und welk geworden war, mit hängenden Backen. Sie war außerdem noch in ein Stück Zeitungspapier eingewickelt. Am Abend rauchte sie Zipper, tat drei Züge, sah sie an, tat noch einen Zug, legte sie vor sich hin, drehte sie, betrachtete sie von allen Seiten, tat, als suchte er an ihr nach irgendeiner Wunde, steckte sie wieder in den Mund und schwieg. Den Stummel steckte er sorgfältig in seine gelbe alte Bernsteinspitze und rauchte ihn so lange, bis ein kleines armseliges Stummelchen zurückblieb. Dieses holte er mit einem Bleistift heraus, reinigte es von der Asche, zerkrümelte es und schüttete es in seinen Tabaksbeutel.
Es ging ihm immer schlechter, dem alten Zipper. Aber je trauriger es mit seinen Einnahmen aussah, desto mehr gesellschaftliche Ehren häufte er an.
Jetzt gehörte er schon drei Wohltätigkeitsvereinen und mehreren Geselligkeitsklubs, und in jedem hatte er irgendein Amt. Hier war er Kassierer und dort Obmann und dort Vizepräsident und dort Sekretär. Ein paar Abende im Monat mußte er für Versammlungen, Feiern, Generalrapporte »opfern« – wie er sagte. Je schäbiger, älter, farbloser sein schwarzer Anzug wurde, je grauer und schmutziger seine weiße Krawatte, desto häufiger zog er sich festlich an.
Manchmal hatte er seine großen Tage. Da mußte er Reden halten. Zwei Wochen vorher setzte er eine Rede auf, und zwei Wochen lang lernte er sie auswendig. Es kamen in jeder Rede dieselben Wendungen vor, aber der alte Zipper war so fest davon überzeugt, daß er immer wieder besonders originelle Gedanken niedergeschrieben hatte, daß er sich verpflichtet fühlte, sie zu vergessen. Er ging hin und her im Zimmer, in dem alle saßen, und lernte laut, eindringlich und feierlich. Frau Zipper mußte ihn abhören. Obwohl sie die Rede längst auswendig wußte, nahm sie das Manuskript zur Hand und folgte mit dem Zeigefinger jeder Zeile. »Pause!« sagte sie, sooft Zipper allzuschnell von einem Gedankengang zum andern hastete.
Meine verehrten Anwesenden! – so begann jede Rede. Und Zipper memorierte auch die Ansprache jedesmal. Wir alle konnten die Rede schon auswendig, außer Cäsar, dessen Kopf widerstandsfähig war gegen jeden Eindruck. Wir alle konnten die Rede schon, es gab Stunden, in denen sie ganz selbständig und obwohl ich mich gegen sie wehrte, in meinem Gehirn abrollte, wie von einer Spule ein Faden, der kein Ende nimmt.
Frau Zipper und Arnold gingen zu den großen Abenden Zippers, manchmal nahm er auch mich mit. Man saß in dem Gesellschaftsraum eines Kaffeehauses, im Untergeschoß, von ferne hörte man aus der heiteren Oberwelt das Klirren der Tassen, das Stimmengewirr der Gäste, ein paar Takte einer Musik. Sooft die Tür aufging, drang der reiche Lärm mit ganzer Kraft in den tiefen Raum, es war, wie wenn man sich mitten in der Straße die Ohren zuhielte und sie wieder für einen Augenblick offen ließe, um sie dann wieder zu verdecken. Man ahnte, daß dort oben schöne, lebendige, kräftige Dinge sich abspielten. Hier aber saß Frau Zipper bleich im schwarzen Flitterkleid, dicke Herren und dicke Damen neben und hinter ihr, Arnold stand im Hintergrund des Saals, etwas blaß und zitternd, und auf dem Podium stand, grell beleuchtet, der Herr Zipper, den Zylinder in der Hand, und im Innern des Zylinders lag das Manuskript seiner Rede. Er konnte sie immer noch nicht. Frau Zipper flüsterte lautlos vor sich hin, jedes Wort der Rede, noch ehe es ihr Mann ausgesprochen hatte.
Sie flüsterte und bebte.
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