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Kitabı oku: «Adams Söhne», sayfa 10
»Das war – ein seltsamer Abend«, sagte er endlich, mit Anstrengung, weil sein eigenes dumpfes Schweigen ihn wie etwas Schmachvolles, Knabenhaftes zu verdrießen begann. Riedau blieb steh’n, zeigte ihm die großen, weißen Zähne und nickte.
»Ein ganz seltsamer Abend!« wiederholte Berthold, da der andre nichts sagte.
»Es sind eigene Bursche«, fing nun Riedau an, sich wieder auf seine geräuschlose, wiegende Art in Bewegung setzend. »Sie wundern sich wohl sehr über diese blutige Gesellschaft; Sie scheinen den Weg, den die gehen wollen, noch nicht mitzugeh’n … Übrigens kenn’ ich eigentlich nur den Afinger; denn ich bin zwar ein halber Salzburger, aber – damals dacht’ ich noch nicht an so wilde Sachen!«
»Und warum denken Sie jetzt daran?« fragte Berthold. »Wenn Sie erlauben: wie sind Sie in diese Gesellschaft gekommen? Sie seh’n so ganz anders aus!«
Riedau stutzte einen Augenblick über diese naive Frage; er sah dem sonderbaren jungen Menschen forschend ins Gesicht. Wie beruhigt sagte er dann, mit einem zynisch offenherzigen Lächeln, das er seinem Herrn und Meister abgelernt hatte:
»Wie kommt man in diese und jene Gesellschaft, Herr Wittekind? Weil man denkt: die nützt dir; kann dir einmal nützen! – Wär’ ich Millionär, so säh’ mich Afinger schwerlich in seiner Stube; aber ich bin ›Paria‹, Herr, ich muss unterkriechen, muss mich von so einem hochnäsigen Schuft kujonieren lassen, apportieren wie ein Pudel, auf Befehl in ein Mausloch kriechen; das macht Galle, Herr. Und glauben Sie, es bleibt so? Riechen Sie denn nicht die große Revolution? Die Parias, die Millionen, die sind wild geworden; sie wollen sich diese Tretmühle nicht mehr gefallen lassen; vor den Pfaffen und vor der Hölle fürchten sie sich nicht mehr; in einem Augenblick der Wut, wenn die Bremsen zu dicht sitzen, dann schlagen sie los! Nun, und wenn das kommt – und es kommt gewiss – dann will ich nicht bei den Wenigen sein, sondern bei den Vielen; will nicht mit in die Erde gestampft werden, sondern oben bleiben!«
»Ah, so einer bist du?« dachte Berthold. »Und das sagst du mir?« —
Fast außer Fassung geraten durch diese Aufrichtigkeit, die ihn beleidigte, warf er einen sehr ernsten Blick auf den frivolen Gesellen. Der lächelte aber unbeirrt in seinen schwarzen Bart, als hätte er nur ausgesprochen, was alle Gescheiten denken.
»Sie wollen also nur bei den Siegern sein?« fragte Berthold, sich noch zurückhaltend.
»Nun, das will wohl jeder!« antwortete Riedau heiter, überlegen, sich ganz als Waldenburg der Zweite, als ›verfluchter Kerl‹ fühlend. »In diesem ›Kampf ums Dasein‹ wehrt man sich seiner Haut! – Aber ich bin kein Schwachkopf, lieber Herr: ich bilde mir nicht ein, dass diese große Sozial-Revolution die Welt umdrehen kann. Sie wird losbrechen wie ein Gewitter, und wie ein Gewitter vergeh’n; und dann wird die alte Kugel wieder weiterrollen, und die Kanonen und die Geheimräte werden wieder regieren – und es heißt dann nur: sieh wiederum zu, dass du oben bleibst! Das ist dann unsre Sache; die der Gescheiten, mein’ ich. Haben Sie keine Bange um mich; ich werd’ oben bleiben. Wenn Sie es gut mit sich meinen, machen Sie es auch so … Hier trennen sich unsre Wege: Sie zum Bahnhof, ich zu meinem Hotel. Morgen früh geht’s! ab. Es war mir ein Vergnügen, Herr Wittekind; glückliche Reise und gute Nacht!«
IX. Kapitel
Bei Eugen Dorsay schien kein Tag dem andern zu gleichen: nachdem er sich am ersten aufgeregt und phantastisch, am zweiten ruhig, gesellig, fast behaglich gezeigt hatte, blieb er am dritten menschenscheu in seinem Zimmer, im Bett, wollte niemand seh’n, mit niemand reden, auch mit Kathi nicht, die ihm das Frühstück brachte, und entzog sich dem Morgengang, der die andern in die Berge führte. Auch als sie zurückkamen, um die heißen Stunden wieder im Garten zu verbringen, lag er noch, wie der Wirt versicherte, und ließ sich nicht seh’n; und die mitleidige Kathi ging gedrückt und wie im Traum umher.
»Er ist wie ein Chamäleon«, sagte Wittekind, ihn zugleich im Stillen bedauernd.
»Wie ein launenhaftes Frauenzimmer!« brummte Saltner.
Sie setzten sich unter einen dichtbelaubten Kastanienbaum, der im Gärtchen neben dem Felsen stand; auch dieser war hier von jungem Holz bedeckt und schattendunkel, die schwarze Erde des Abhangs atmete noch einen letzten Rest von kühler Feuchtigkeit aus.
»Nun, was tun wir heut’?« fragte der Alte, sich mit väterlicher Freundlichkeit zu Berthold wendend.
»Kämpfen wir wieder am Schachbrett – oder wollen Sie weiterträumen?«
Berthold errötete. Der kluge Alte hatte es nur zu gut getroffen: wie er auch durch gesprächige Munterkeit darüber zu täuschen gesucht hatte, er war mit sich beschäftigt und in sich versunken. Ihn verfolgten die Gestalten und die Gespräche von gestern; ein bitterer Nachgeschmack belästigte, eine Unklarheit der Gefühle verwirrte ihn, und vollends mit Riedau wusste er sich gar nicht abzufinden. Dieser fuchsartige, geistig geringe, seelenrohe Gesell’, so tief unter Berthold stehend, wie kam er dazu, ihn mit seinem beleidigenden Vertrauen zu überschütten, seine niedrige, freche Denkart ihm so preiszugeben? Sah er ihn für ein Nichts an, zu dem man so offen spricht wie zu seinen Wänden? Oder hänselte er ihn nur, eine Komödie spielend? Oder führte er ihn nur aufs Eis, und nahm eine Maske vor, um Bertholds eigene wahre Meinung zu erforschen? Oder gibt es so redselige und eitle Menschen, die es einfach nicht lassen können, zuweilen ihr Innerstes auszuschwatzen, sich an ihrem Ich zu berauschen? – Beklommen fühlte der Jüngling, wie wenig er noch die Welt verstand und die Menschen kannte. Und er wollte doch die Menschen führen und die Welt verbessern! – —
Um seinen peinlichen, nebelnden Gedanken zu entrinnen, zog er ein kleines Buch aus der Tasche, das ihm gelegen kam, sein Reise- und Wanderbüchlein, in braunes Leder gebunden, und legte es auf den Tisch.
»Ich weiß etwas Besseres, glaub’ ich, das mir eben einfällt«, sagte er zu Saltner, ohne auf das Wort vom ›Weiterträumen‹ zu erwidern. »Aus diesem Buch möchte ich den Herren vorlesen, wenn es ihnen recht ist; – ich lese gern vor«, setzte er mit einem treuherzig selbstverspottenden Lächeln hinzu. »Iwan Turgenjews ›Senilia‹ oder ›Gedichte in Prosa‹; erst in München hab’ ich sie kennengelernt, und so mitgenommen. Ein gutes Reisebuch; so voll Gedanken und voll Poesie. Hören Sie nur gleich das Erste: ›Das Dorf‹. Oder soll ich nicht?«
Er blickte Saltner und seinen Vater an. Beide nickten ihm lächelnd zu. Er begann zu lesen. Eine jugendliche Befangenheit legte sich ihm plötzlich auf die Stimme, sie ward trocken, klanglos; doch auf einen verwundert fragenden Ton des Vaters fasste er sich zusammen, und seine klare, wohllautende Stimme kämpfte sich ins Freie. Er las mit Empfindung, noch nicht mit Kunstverstand; bald zu hastig, die Worte überstürzend, die Bilder oder Gedanken gleichsam ineinanderschiebend, bald, um sich zu verbessern, geriet er in eine breite, getragene Melodie, in eine Art von Gesang, der sich auf den Sinn der Worte wie ein Schleier legte. Arbeitete er sich aus diesem goldenen Strom mit redlichem Eifer heraus, so kam er wie auf trockenen, harten Acker, in den Realismus, die Sachlichkeit, den Vortrag nüchtern zerhackend und zerstampfend. Diesen Fehler fühlte er am stärksten, und vor Verdruss hätte er fast weinen mögen; er hielt aber aus und fand sich zu den zarten, innigen Tönen zurück, die die Dichtung verlangte. Sein sanft gerötetes Gesicht hatte sich belebt und verklärt, Wittekind betrachtete ihn mit väterlicher Lust, und auch der Alte, beide Ellbogen aufgestützt, die Hände an den Wangen, die Brauen in langsamer, stetiger Bewegung, sah dem jungen ›Heiligen‹ beständig auf die schön bewegten Lippen und in die sprechenden Augen. —
›Das Dorf‹ war zu Ende; plötzlich hörten sie über sich eine laute Stimme, die einige wortlose Töne ausstieß; unklar, ob Beifall oder Widerspruch.
»Aber nein! Aber nein!« rief es dann; nun erkannten sie Dorsays Stimme. »So ist’s nichts! Das ist kein Schwung, kein Vortrag! Das ist keine Kunst!«
Sie sahen alle drei überrascht hinauf, durch das Jungholz spähend, konnten aber den unerwarteten Kritiker nicht entdecken. Einige dürre Zweige knackten oben auf dem Fels; Dorsay schien dort zu geh’n. Bald darauf hörten sie ihn wieder, nun in pathetischem, träumerischem, dann leidenschaftlichem Vortrag; er deklamierte einen von Macbeths Monologen in die Luft hinaus. Als sie aufstanden und auf den Rasen traten, sahen sie ihn oben vor dem unbewohnten Alpenhäuschen steh’n; mit unbedecktem Kopf ohne Weste, Hemd und Halstuch geöffnet, das geringelte Haar in phantastischer Verwirrung. Er war bleich, aber die ganze Erscheinung, mit ihren dramatischen Bewegungen, dem brennenden Blick und der wilden, rücksichtslosen Beredsamkeit, hatte etwas sonderbar Berückendes. Kathi kam aus der Küche des Wirtshauses gelaufen, und hob vor Staunen die Arme; der Wirt und die alte Sali folgten, Vorübergehende blieben auf der Landstraße stehen und traten an den Garten.
Dorsay deklamierte unbekümmert fort, bis er den Monolog beendet hatte. Darauf schlug er selber in die Hände, als klatsche er sich Beifall, und brach in ein schallendes Gelächter aus.
»So muss man’s machen! Versteh’n Sie!« rief er zu Berthold hinunter, den er mit den andern dort steh’n sah; lachte wieder laut auf, und lief auf dem Felsen am Geländer entlang, bis er es überkletterte und an dem bewachsenen, minder steilen Teil des Abhangs zwischen den jungen Bäumen hurtig hinunterstieg. Er kam zuletzt fast ins Rollen, aber an den Stämmen und Ästen sich haltend glitt er behutsamer weiter. Unten angelangt, neben dem Kastanienbaum, begrüßte er die Herren mit aufgeregter Heiterkeit, indem er sich verneigte; schloss das Hemd, schlang das Halstuch zusammen, und legte sich mit theatralischer Grazie eine Hand auf die Brust.
»So spielte Herr Dorsay, ›der große Mime‹«, sagte er – seine Lustigkeit klang erzwungen, verwildert – »als er noch die Bretter mit seinen schwebenden Fußtritten beehrte! – Ich war auf den alten Fels oder ›Palfen‹ da hinaufgestiegen, um einmal zu seh’n, wie die Welt dort aussieht; da hörte ich hier Herrn Berthold Wittekind säuseln, und die Opposition fuhr mir in die Kehle. Herr, das Feuer fehlt! Das Dramatische, die Farbe – kurz, dasjenige, welches. Sie haben eine schöne Stimme, auch eine ›schöne Seele‹, aber noch keine Kunst!«
»Wie sollt’ ich auch«, sagte Berthold, der stark errötet war. »Ich spreche, wie ich’s verstehe; gelernt hab ich’s nicht. Zeigen Sie uns Ihre Kunst, ich wäre Ihnen dankbar.«
»Ja, noch etwas Shakespeare, wenn es Ihnen recht ist!« sagte Wittekind.
Saltner betrachtete den schlanken jungen Mann von oben bis unten:
»Sie waren auf den Brettern?« fragte er.
Ohne auf diese Frage zu antworten, trat Dorsay hinter einen Stuhl, der nahe am Felsen stand, blickte einige Augenblicke sinnend vor sich nieder, und begann Hamlets Monolog ›Sein oder Nichtsein‹ zu sprechen. Es hörte sich sonderbar an, dieses schwermütige, nach innen gekehrte Denken, in diesem sonnigen Licht, im Freien, vor so verschiedenartigen Horchern; denn auch der Wirt stand noch draußen, mit geöffnetem Mund, einige Bauern traten, sehr verwundert glotzend, ins ›Salettl‹; nur die alte Sali zeigte ihre breite Rückseite und schlurfte in die Küche zurück. Dorsay schien nichts zu seh’n, ganz Träumer, ganz Dänenprinz. Es war eine etwas hohle, düstere Feierlichkeit, mit der er sich in die Leiden dieses Lebens vertiefte; lebhaft gefühlt, aber in Manier getaucht; sein R schnarrte stark, seine Stimme stieg auf der ganzen Tonleiter auf und ab, nicht ohne pathetische Wirkung, aber wie nach einem eingelernten rhetorischen Gesetz. Der alte Saltner schüttelte leise den Kopf; ganz verzaubert stand Kathi da, an das Haus gelehnt, regungslos. Ihre Wangen glühten. Sie verzehrte Eugen mit den Augen, verschlang ihn mit den Ohren. Als er dann nach diesem Monolog, rasch hinüberspringend, auch noch den andern sprach, in dem sich Hamlet nach dem Pyrrhus-Vortrag des Schauspielers entladet, verging das staunende Mädchen vollends in Verzückung. Fast ohne zu blinzeln, heftete sie die braunen Augen wie gefangen auf den bleichen Sprecher; ihr linker Fuß, ein wenig vorgetreten, bewegte sich unbewusst, und seine Spitze ging, den Rhythmus der Verse begleitend, leise auf und nieder. Nachdem Dorsay geendet hatte, stand sie noch eine Weile still, holte Atem und schien vor Glück zu seufzen. Endlich schlich sie, von dem Wirt gerufen, hinter ihm her ins Haus. Wittekind und Berthold klatschten Beifall und dankten dem jungen Künstler mit herzlich anerkennenden Worten; Saltner, die Hand im Bart, nickte ihm zu. Eine innere Unruhe ließ Dorsay offenbar nicht los; er fing an zu summen, ohne etwas zu erwidern, und ging im Gärtchen umher.
»Ja, ja, es gibt viele Hamlets!« sagte er plötzlich, sich wendend. »Ich bin auch so einer … Wie dieser Hamlet sich heruntermacht, das ist wundervoll; – sehr wahr, sehr wahr; – helfen tut’s aber nicht! – — Ist kein Brief für mich gekommen?« fragte er dann, da der Wirt herzutrat.
Der Wirt schüttelte den Kopf: es sei nichts gekommen.
Dorsay sah vor sich nieder und schwieg. Nach einer Weile blickte er wieder auf, starrte umher, zog die Lider zusammen:
» Dieser ewige Sonnenschein!« sagte er und seufzte. »Zu viel Licht!«
Er schüttelte den Kopf und ging gegen das Haus.
Im Vorbeigehen murmelte er dem Wirt etwas zu; dann verschwand er in die Küche und stieg die Treppe hinauf.
»Was hat er Ihnen gesagt?« fragte Wittekind.
»Er will oben essen, auf seinem Zimmer«, antwortete der Wirt, der die Achseln hob. »Mir scheint, diesem Herrn ist auch nicht wohl in seiner Haut!«
Die Männer erwiderten nichts. Dorsay kam nicht wieder. Nach diesem flüchtigen, phantastischen Auftauchen ließ er sich nicht mehr seh’n; er lag auf seinem Bett, wie Kathi trübselig berichtete, und schickte auch sein Mittagsmahl fast unberührt zurück.
Als am Nachmittag Wittekinds und Saltner aufbrachen, um über das Salzachtal hinüber zu den Marmorbrüchen von Adnet zu geh’n, ließ er hinunter melden, dass er ruhen wolle. Die drei wanderten fort, Dorsay blieb im Zimmer. Kathi schlich zuweilen auf die Straße hinaus, um zu seinem Fenster hinaufzuseh’n; es war immer geschlossen, der Vorhang herabgelassen. Sie horchte auch von Zeit zu Zeit auf den Zehen an seiner Tür; drinnen war es still, nur ein schwaches, flüchtiges Seufzen glaubte sie wohl zu hören. So verging der Tag, die Sonne sank hinter die Berge. Das Feuer im Kalkofen am Wald ward röter, scheinender, da das Licht draußen schwand. Aus den rauschenden Schluchten kühlte es herüber. Dorsay lag noch immer, in allen Kleidern auf sein Bett gestreckt; er hielt die Augen zugedrückt, ohne zu schlafen: so sah er den Tag nicht, der, wenn auch verdämmernd, noch durch den Vorhang hereinschien. —
Endlich öffnete er sie einmal, da er in seiner Nähe leise seufzen hörte. Verwundert sah er, dass Kathi vor ihm stand; das arme Kind war langsam, geräuschlos durch die Tür geschlüpft und herangetreten, und schaute ihn mit so bangem Mitleid an, dass es ihm durchs Herz ging. Sie war bleich, mehr als gestern; ein buntes Tüchlein hatte sie um den Kopf gebunden, das ihr gar rührend zu Gesichte stand, wie einem Verwundeten. Die Arme aufeinander gelegt, den Kopf etwas zur Seite gesenkt, blickte sie wie eine stumme Frage auf ihn nieder.
Er bemühte sich zu lächeln.
»Was wollen Sie denn, Kathi?«
»Ich? Was ich will? – Essen sollen Sie.«
»Ich hab’ keinen Hunger, Kathi.«
»Aber schon heute Mittag haben Sie nichts gegessen«, sagte das Mädchen betrübt; »und nun wird es Nacht, und Sie sagen: ich hab’ keinen Hunger. Ach, sagen Sie mir doch, ich bitt’ Sie gar schön: was haben Sie denn? Was ist Ihnen?«
»Mir ist gut, mein Herz«, antwortete er, wieder mit einer Art von Lächeln. »Was ich brauche, das hab’ ich: da steht’s!« – Er deutete auf das Tischchen neben seinem Bett, auf das Fläschchen, aus dem er vor einer Weile wieder ›Lebensbalsam‹ geschöpft hatte. »Aber Sie? Was soll das Tuch da um Ihren Kopf?«
»Ach, reden Sie doch nicht von mir«, sagte sie und nahm es ab. »Damit hat die alte Sali mich hinaufgeschickt —.«
»Wo hinauf?«
»In meine Kammer.«
»Warum?«
»Weil ich – Kopfweh habe«, entgegnete Kathi zögernd. »Ich soll nicht mehr aufwarten, sie will’s tun. Nur ein paar Gäste sind drunten.«
»Wovon haben Sie Kopfweh, Kathi?«
Sie antwortete nicht. Dorsay nahm sie bei der Hand; sie zuckte. Er wiederholte seine Frage und sah ihr weich ins Gesicht. Als sie das bemerkte, stiegen ihr zwei große Tropfen langsam in die Augen; blieben da ruhig steh’n, nachdem sie sie bis zu den Wimpern gefüllt hatten, – wie große Tautropfen an Blumenblättern hängen. So füllen sich auch Kinder-Augen, die nicht weinen wollen, denen das Brünnlein doch, das so leicht erregte, sachte überquillt.
»Ach, fragen Sie doch nicht«, flüsterte sie endlich. »Wollen Sie nichts essen?«
Er richtete sich auf und setzte sich auf das Bett, ihre Hand noch haltend. Die andre Hand legte er sich vor die Augen.
»Nein, ich will nicht essen«, erwiderte er. »Aber geh’n Sie fort.«
»Warum soll ich fortgeh’n?«
»Warum? – Nun – weil Sie da unten – —«
»Ich war ja nicht mehr unten. War in meiner Kammer.«
»Nun, so geh’n Sie wieder in Ihre Kammer, Kathi —«
»Warum?«
Er stand auf.
»Weil Sie – — weil Sie hier in der Höhle des Löwen sind; versteh’n Sie mich, Kathi. Was machen Sie für ein törichtes, zutrauliches Gesicht. Sie sind hier schlecht aufgehoben, Kind. Sie – sind mir viel zu gut; und ich Ihnen auch. Was sind Sie für ein dummes Mädel, dass Sie vor mir keine Furcht haben … Gehen Sie doch fort!«
Sie blieb lächelnd stehen und schüttelte den Kopf.
»Wenn Sie selber so reden«, sagte sie – doch mit leise zitternder Stimme – »so hat’s keine Gefahr!«
»So hat’s keine Gefahr?«—
Er trat auf sie zu, dass sie scheu zurückwich, und fast rau fuhr er sie an:
»Du einfältiges Ding, was weißt du? Kennst denn du die Männer? Hast du eine Ahnung, du, was für Lumpenvolk, was für Banditen wir sind, wenn uns die Lust übermannt, wenn so ein süßes Gewächs wie du uns zu nahe kommt, wenn wir das Glück einmal in den Armen haben? – Mach’ mich nicht toll, sag’ ich dir, mach, dass du hinauskommst. Wir sind alles, was gut ist, wenn wir euch nicht sehen, wenn wir unter uns sind; aber ihr – ihr – ihr macht uns toll, macht uns schlecht! Lügner und Betrüger werden wir um euch, treulos, ruchlos, herzlos – schwören falsch, verraten, verderben, alles ist uns gleich – und gegen die Besten von euch sind wir am schlechtesten … Darum will ich dich nicht mehr seh’n! Mach’ dich fort! Zeig’ mir nicht mehr diese Kindertränen, dieses fromme, gute, liebe Gesicht, diese roten Lippen – — geh’ dort aus der Tür!«
Die arme Kathi stand wie erstarrt, sie rührte kein Glied; nur ein Schauder nach dem andern rieselte über ihre Haut. Sie sah ihn an: ob wirklich er, er so zu ihr gesprochen; so wild, so schrecklich – so gut … ›Er ist unglücklich‹, dachte sie. ›Das macht ihn so wild!‹ – Weiter konnte sie nichts denken; so sonderbar sauste und rauschte es in ihrem brennenden Kopf. ›Er ist unglücklich!‹ sagte sie sich wieder, und vor Mitleid hingen die Arme an ihr herab.
»Nun, warum gehst du nicht?« fuhr er nach einer Weile wieder auf. »Du sollst mir nicht trau’n! Ich bring’ allen Unglück! Allen! Ich will kein Unglück mehr anrichten – verstehst du. Lass’ mich doch allein!«
»Ich fürcht’ mich nicht«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »Es ist nur so traurig. Wie müssen Sie unglücklich sein. Und ich steh’ so da; und ich darf Sie nicht einmal fragen, was Ihnen fehlt!«
Er hörte halb abgewandt zu, ihre weiche, schmelzende Stimme tat es ihm an; es kam ihm dasselbe Gefühl wie in den Knabenjahren, wenn er die Sonntagsmorgenglocken hörte. Den Blick noch am Boden, drehte er sich herum; dann hob er die geröteten Lider, und mit den glühenden Augen sah er das Mädchen gerührt, weich, zärtlich, verzehrend an, alles zugleich. Er legte ihr beide Hände auf die Schultern, schüttelte sie langsam, seufzte und lächelte.
Bei diesem Lächeln entwichen ihre Augen; sie blickte vor sich hinab. Auf einmal fühlte sie dann die Wärme seines Gesichts; ganz nah, gegen ihre Wange, hörte sie ihn gedämpft und halb flüsternd reden:
»Kind! Was mir fehlt? Nun ja, ich bin unglücklich … Was ist da zu machen? Niemand nimmt mir das ab, auch die Kathi nicht. Gute, gute Kathi … Diesen Tropfen da muss ich dir aus dem Auge küssen … Wie deine Lippen glüh’n. Wie Mohnblumen. Ach, und man lebt doch nur einmal! Ist nur einmal jung! Und wie bin ich dir gut … Wie ein Kornfeld im Sonnenschein, so duftet deine Wange. Warum soll man nicht glücklich sein? Lass’ uns glücklich sein, Kathi…«
Das Mädchen war still. Sie fühlte jedes Wort auf ihrer Wange; sie sah die rote Flamme des Kalkofens, die wie eine untergehende Sonne durch den Vorhang schien; weiter sah sie nichts. Nun hob er aber sanft ihren Kopf, und behielt ihn zwischen seinen Händen; sie musste seine Augen, sein Lächeln, seine kleinen, blitzenden Zähne seh’n; so hatten die auch diese Nacht in ihrem Traum geblitzt.
»O Kathi! Kathi!« flüsterte er, und küsste ihre Stirn. »Wie gut du lächelst; wie süß. Wie sanft und schön deine Augen brennen. Unsre Jugend, Kathi! Liebe! Wonne! Glück!«—
Er küsste ihr Kinn, ihre Wange; endlich ihren Mund.
Zitternd ließ sie’s gescheh’n. ›Glück‹, dachte sie. ›Ja, ihn glücklich machen…‹
Wie ein Blatt, das vom Baum auf das weiche Moos fällt, sank sie ihm an die Brust.
