Kitabı oku: «Baiern und Romanen»

Yazı tipi:

Albrecht Greule / Peter Wiesinger

Baiern und Romanen

Zum Verhältnis der frühmittelalterlichen Ethnien aus der Sicht der Namenforschung

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

[bad img format]

Umschlagabbildung: Ausschnitt aus der Tabula Peutingeriana. Wikimedia Commons, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Abusina_TabPeut.jpg

© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

www.narr.de • info@narr.de

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-7720-8659-5 (Print)

ISBN 978-3-7720-0212-0 (ePub)

Inhalt

  Vorwort

 A. Probleme um Baiern und Romanen im frühmittelalterlichen Donau- und Voralpenraum zwischen Lech und Enns1. Die Baiern der Frühzeit und ihre Erforschung1.1. Der Name der Baiern1.2. Theorien zur Herkunft der Baiern vom 19. bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts1.3. Die Herkunft der Baiern nach dem Forschungsstand der 1980er Jahre1.4. Die Stellung des Bairischen innerhalb der germanischen Sprachen1.5. Herkunft und Identitätsbildung der Baiern in neuer Sicht1.6. Zusammenfassung des neueren Forschungsstandes2. Die Integrierung antik-romanischer Gewässer- und Siedlungsnamen ins Bairisch-Althochdeutsche2.1. Allgemeine linguistische Voraussetzungen2.2. Die Bedeutung der Dialektaussprachen von Namen und die bairischen Dialekte2.3. Die Namenschichten im bairischen Dialektraum2.4. Vulgärlateinische und romanische Lautentwicklungen2.5. Germanische, bairisch-althochdeutsche und bairisch-frühmittelhochdeutsche Lautentwicklungen3. Die romanisch-deutschen Mischnamen und weitere auf Romanen Bezug nehmende deutsche Siedlungsnamen3.1. Die romanisch-deutschen Mischnamen3.2. Die Walchen-Namen3.3. Die Parschalken-Namen4. Die Integrierung der antik-romanischen Gewässer- und Siedlungsnamen im Donau- und Voralpenraum4.1. Allgemeine Überlegungen4.2. Methodisches4.3. Zum anfänglichen Siedlungsraum im Donau- und Voralpenraum4.4. Germanen und Romanen im bayerischen Nordwesten um Altmühl und Donau4.5. Baiern und Romanen in der bayerischen Mitte um Freising4.6. Baiern und Romanen im Salzburger Raum4.7. Baiern und Romanen im südlichen Oberbayern5. Baiern und Romanen – ein abschließendes Essay

  B. Antik-romanische Namentraditionen im Donau- und Voralpenraum zwischen Lech und Enns

  1. Die tradierten antik-romanischen Gewässernamen (Karte 1) 1.1. Bayern (Oberbayern, Niederbayern, Oberpfalz) 1.2. Oberösterreich 1.3. Salzburg (Stadt, Flachgau und Tennengau) (Karte 3)

 2. Die tradierten antik-romanischen Siedlungsnamen (Karte 2)2.1. Bayern (Oberbayern, Niederbayern, Oberpfalz)2.2. Oberösterreich2.2.1. Siedlungsnamen2.2.2. Waldname2.3. Salzburg (Stadt, Flachgau, Tennengau) (Karte 3)2.3.1. Siedlungsnamen2.3.2. Alm-, Berg- und Flurnamen

 3. Romanisch-deutsche Mischnamen (Karte 4)3.1. Bayern (Oberbayern, Niederbayern, Oberpfalz)3.2. Oberösterreich3.3. Salzburg (Stadt, Flachgau)

 4. Walchen-Namen (Karte 5)4.1. Bayern (Oberbayern)4.2. Oberösterreich4.3. Salzburg (Stadt, Flachgau)

  5. Parschalken-Namen (Karte 5) 5.1. Bayern (Oberbayern, Niederbayern) 5.2. Oberösterreich

  C. Auszuscheidende angeblich antik-romanische Gewässernamen und romanisch-deutsche Mischnamen in Altbayern

  D. Karten

  E. Verzeichnisse

  2. Literatur

Vorwort

Seit 15 Jahren werden die seit dem Frühmittelalter Deutsch redenden Baiern von den Archäologen zu Romanen erklärt. Als Beweis dafür dienen ihnen die aus der Spätantike ins Frühmittelalter tradierten und ins Bairisch-Althochdeutsche jener Zeit integrierten wenigen Gewässer- und Siedlungsnamen sowie deutsch gebildete romanisch-deutsche Mischnamen mit einem romanischen oder biblischen Personennamen und einem deutschen Grundwort. Ferner werden zum Beweis die wenigen deutschen, auf Romanen verweisenden Walchen-Namen und die aus einer bestimmten romanischen Rechtsordnung kommenden deutschen Parschalken-Namen herangezogen. In Bezug auf Herkunft, Bildung, Bedeutung und Lautentwicklung lassen sich jedoch besonders aus der Sicht der germanistischen Sprachwissenschaft, die sowohl die deutschen und die ins Deutsche integrierten fremdsprachigen Gewässer- und Siedlungsnamen erforscht als auch die Herkunft, Struktur und Entwicklung der deutschen Sprache und hier besonders des Bairischen untersucht, solche merkwürdigen Anschauungen in keinerlei Weise bestätigen. Ebenso wenig hält eine versuchte Herleitung des Namens der Baiern aus dem Lateinischen sprachwissenschaftlicher Prüfung stand.

Es ist daher die Aufgabe der germanistischen Sprachwissenschaft und Namenkunde, das aus der Spätantike aus dem Lateinischen und seiner Weiterentwicklung zum Romanischen stammende Namengut im bairischen Sprachraum, der von 13 v.Chr. bis 476 n.Chr. die Provinzen Raetia secunda und Noricum des römischen Weltreiches bildete, zusammenzustellen und mit den angemessenen sprachwissenschaftlichen Methoden kritisch zu untersuchen. Das geschieht vor allem im Hinblick auf die Zeit, wann die einzelnen Gewässer- und Siedlungsnamen in das Bairisch-Althochdeutsche vom 6. bis zur Mitte des 11. Jhs. und inselhaft auch noch in das sich anschließende Bairisch-Frühmittelhochdeutsche der 1. Hälfte des 12. Jhs. eingegliedert wurden. Daraus lässt sich schließen, wie lange an den betreffenden Orten das Romanische ungefähr weiterlebte, ehe es schließlich ganz dem Deutschen wich.

Da das Bairische nicht auf Altbayern mit Ober- und Niederbayern und der Oberpfalz beschränkt ist, sondern auch in Österreich von Tirol im Westen bis ins Burgenland im Osten sowie in Südtirol in Italien gesprochen wird und bis 1945/46 auch noch in der damaligen Tschechoslowakei das Egerland sowie Südböhmen und Südmähren einschloss, wird in der Wissenschaft dieser staatenübergreifende sprachliche Großraum Baiern mit ai geschrieben und so auch hier. Der anfängliche Siedlungs- und Sprachraum der Baiern im Frühmittelalter beschränkte sich aber auf das Donau- und Voralpenland zwischen dem Lech im Westen und der Enns im Osten und reichte bis zur Südgrenze Bayerns als natürlicher Grenze am Alpenrand und schloss noch den Salzburger Flachgau mit Inseln im südlich anschließenden Salzachtal bis zum Paß Lueg ein. Wir beschränken unsere Untersuchung daher auf diesen anfänglichen bairischen Siedlungsraum. Obwohl die Baiern von ihren Anfängen in der 2. Hälfte des 6. Jhs. an auch bis ins Tiroler Pustertal vorstießen, steht ihr dortiges frühes inselhaftes Auftreten hier nicht zur Debatte.

Das Buch ist ein Gemeinschaftswerk der germanistischen Sprachwissenschaftler und Namenforscher Albrecht Greule, Universität Regensburg, und Peter Wiesinger, Universität Wien. Die von den beiden Autoren jeweils verfassten und gekennzeichneten Kapitel wurden zwar wechselseitig gelesen, diskutiert und abgestimmt, doch verantwortet jeder Autor seinen Beitrag. Besonders zu danken haben wir dem Verleger, Herrn Dr. Gunter Narr, der sich spontan bereit erklärt hat, das Buch in sein Verlagsprogramm aufzunehmen, als er von dessen Entstehung erfahren hat. Ebenso gilt unser Dank Frau Dr. Valeska Lembke für die sorgfältige editorische Betreuung. Verschiedene Auskünfte zu einzelnen Siedlungsnamen und Orten verdanken wir Johann Auer, Dünzling; Josef Egginger, Winhöring; und Johann Schober, Adelkofen. Vor allem aber danken wir für zahlreiche urkundliche Siedlungsnamenbelege und Auskünfte Dr. Wolfgang Janka, Kommission für Bayerische Landesgeschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München. Unser aufrichtiger Dank gilt ferner Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Metzelton, Wien, der sich, als er vom Buch hörte, spontan bereit erklärte, es aus romanistischer Sicht zu lesen, und uns entsprechende, auch berücksichtigte Hinweise gab. Technische Hilfe verdanken wir Dipl. Ing. Dr. Michael Wiesinger, Graz. Die Zeichnung der Karten 1–5 besorgte im kartographischen Standard nach den Entwürfen beider Autoren Mag. Michael Schefbäck, Wien, dem wir nicht nur für die mustergültige Ausführung, sondern auch für viel Geduld herzlich danken.

Möge das Buch viele interessierte Leser erreichen und den Baiern beider beteiligten Länder vermitteln, wie die germanistische sprachwissenschaftliche und namenkundliche Fachwelt das wenige ins Deutsche übernommene antik-romanische Namenerbe beurteilt und interpretiert.

Regensburg und Wien, Albrecht Greule

im Dezember 2018 Peter Wiesinger

A. Probleme um Baiern und Romanen im frühmittelalterlichen Donau- und Voralpenraum zwischen Lech und Enns

Von Peter Wiesinger

1. Die Baiern der Frühzeit und ihre Erforschung
1.1. Der Name der Baiern

Im Gegensatz zu den Namen germanischer Stämme, die später zu Deutschen wurden, wie der Alemannen, Franken, Hessen, Thüringer und Sachsen, die bereits den Römern bekannt waren und in ihrem Schrifttum seit dem 1. Jh. n.Chr. überliefert sind, tritt der Name der Baiern1 erst zwei Generationen nach dem Untergang des römischen Weltreiches erstmals 551 in der Gotengeschichte „De origine actibusque Getarum“ des Jordanes auf. Da das Werk des Jordanes auf der verlorenen Gotengeschichte des Cassiodor basiert, der Kanzler des Gotenkönigs Theoderich (475-526) war, wird bereits dort um 525 die Nennung erfolgt sein. Obwohl Jordanes eine Kriegssituation von Theoderichs Vater Theudimir in Pannonien von 469/70 beschreibt, schildert er jedoch das Lageverhältnis der Stämme, wie es zu seiner Zeit im heutigen deutschen Süden und in der Mitte bestand. So heißt es (280, 9ff.)2:

Nam regio illa Suavorum ab oriente Baiovaros habet, ab occidente Francos, a meridie Burgundiones, a septemtrione Thoringos.

Jenes Land der Suawen hat nämlich im Osten die Baiowaren, im Westen die Franken, im Süden die Burgundionen, im Norden die Thüringer zu Nachbarn.

Da das Werk des Jordanes erst in Handschriften des 8.–12. Jhs. überliefert ist, schwanken die lateinischen Nennungen des Baiernnamens als Baibari, Baiobari, Baiovari, Baioarii, von denen Baiovari der zugrundeliegenden germanischen Namenform am nächsten kommt.

Erst eineinhalb Jahrzehnte nach Jordanes erfolgt 565 die nächste Nennung der Baiern. Sie bringt der Dichter und spätere Bischof von Poitiers Venantius Fortunatus in dem um 576 verfassten Vorwort zur Edition seiner Gedichte. Er brach im Spätsommer 565 von Ravenna aus über die Alpen zu einer Wallfahrt zum Grab des hl. Martin nach Tours in Gallien (Frankreich) auf und schreibt dazu (Pr. 4)3:

praesertim quod ego impos de Ravenna progrediens Padum, Atesim, Brintam, Plavem, Liquentiam Teliamentumque tranans, per Alpem Iuliam pendulus montanis anfractibus, Drauum Norico, Oenum Breonis, Liccam Baiuaria, Danuuium Alamania, Rhenum Germania transiens

zumal ich Dilettant, von Ravenna aufbrechend, den Po, die Etsch, die Brenta, den Piave, die Livenza und den Tagliamento durchschwamm, durch die Julischen Alpen auf schwankendem Steg, die Drau in Noricum, den Inn bei den Breonen, den Lech in Baiern, die Donau in Alemannien, den Rhein in Germanien durchschritt.

Als Variante zum Ländernamen Baiuaria (lies Baiwaria) ist auch Bauuaria (lies Bawaria) überliefert.

Im 4. Buch seines 575/76 gedichteten Versepos „De virtutibus Martini Turonensis“, der Vita des hl. Martin von Tours, nennt Venantius Fortunatus dann die umgekehrte Abfolge der Reiseroute (IV, 640ff.) mit dem Volksnamen:

Si tibi barbaricos conceditur ire per amnes,

Ut placide Rhenum transcendere passis et Histrum,

Pergis ad Augustam, quam Virdo et Licca fluentant.

Illic ossa sacrae venerabere martyris Afrae.

Si vacat ire viam, necque te Boioarius obstat,

Qua vicina sedent Breonium loca, perge per Alpem,

Ingrediens rapido qua gurgite volvitur Oenus.

Wenn du die Möglichkeit hast, die barbarischen Ströme zu queren,

also den Rhein und die Donau in Ruhe durchschreiten zu können,

machst du nach Augsburg dich auf, wo Wertach und Lech sich ergießen.

Dort verehr die Gebein der heiligen Blutzeugin Afra.

Steht es dir frei, von da weiterzuziehen, und stört dich kein Baier,

geh durch die Alpen, wo nah die Orte des Breonenstammes liegen.

und betritt sie, wo der Inn sich mit reißendem Gischt wälzt.

Der in lateinischen Varianten überlieferte Name der Baiern, im Nominativ Singular in antiker Tradition Boioarius bei Venantius Fortunatus und im Nominativ Plural variabel überliefert als Baibari, Baiobari, Baiovari, Baioarii bei Jordanes, basiert in der Zeit um 500 westgermanisch auf dem Singular *Baiawari aus (ur)germ. *Baiowarjaz und dem Plural *Baiawarja aus (ur)germ. *Baiowarjōz. Die gotischen Entsprechungen dieser Zeit wären *Baiawarjis und *Baiawarjōs.4 Es ist ein Determinativkompositum, dessen Grundwort sich zum Verbum (ur)germ. *warjan in got. warjan, altnord. verja; altsächs. und altengl. werian und ahd. wer(r)en in der Bedeutung ‚wehren, schützen, abhalten, verteidigen‘ stellt und als entsprechendes Substantiv (ur)germ. *warjaz in got. wair, altnord. ver; altsächs., altengl. und ahd. wer ‚Mann‘ lautet. Sein eigentlicher Sinn ist ‚Wehrmann, Schützer, Verteidiger‘, der Land und Leute vor Feinden schützt und Angreifer abwehrt. Das Bestimmungswort geht auf den Namen der keltischen Boier zurück, deren Siedlungsgebiet um Chr. Geb. Boiohaemum war, das 29/30 n.Chr. Velleius Paterculus in seiner „Römischen Geschichte“ (2, 109) festhält. 98 n.Chr. nennt Tacitus in seiner „Germania“ das Land dann Boihaemum (XXVIII Genitiv Boihaemi nomen). Der Name ist germanischer Herkunft und basiert auf germ. *Bai(o)haima, wobei sich der germanische Lautwandel von älterem o zu gemeingermanischem a um Chr. Geb. vollzog. Dabei ging betontes o einem unbetontem o voraus, das bald synkopiert wurde, was die beiden ältesten Überlieferungen spiegeln. Dieser Gebietsname lebt in Böhmen weiter, das bair.-mhd. Pēheim heißt und die ahd. Monophthongierung von germ. ai zu frühahd. ē vor h des 7./8. Jhs. aufweist. Dagegen ist im Stammesnamen der Diphthong bewahrt, so dass ihm kein ebenfalls Monophthongierung auslösendes w unmittelbar gefolgt sein kann. Es war vielmehr, wie die bei Jordanes überlieferten Varianten zeigen, mit dem Bindevokal -o- verschmolzen, so dass *Baioar entstand, dass dann im 8. Jh. der Lautverschiebung von B- zu P- unterlag und bair.-ahd. Peiar, Plural Peiara und abgeschwächt Peier, Peigir ergab. Insgesamt bedeutet der Baiernname also unmittelbar ‚Wehrmänner von/aus Baia‘, was immer unter Baia zu verstehen ist. Doch wird ihm in Verbindung mit Boiohaemum als angenommene Klammerform *Bai(o)[haim]warjōz kurzerhand die Bedeutung „Männer aus Böhmen“ beigelegt. Wenn auch jüngere lateinische Nennungen am o von Boi- festhalten, so handelt es sich um Schreibtradition des festverwurzelten Namens des keltischen Stammes, der den Römern als Eindringlingen in ihr Land seit dem 3. Jh. v.Chr. bekannt war. So heißt es z.B. nach Aussage des gegen 645 entstandenen 2. Teiles der „Vita Columbani“ des Jonas von Bobbio, als Eustasius († 618) sein Missionswerk bei den Baiern beginnen wollte, er zog ad Boias, qui nunc Baioarii vocantur (II, 8). So nennt die Baiern auch die frühestens Ende des 6. Jhs. entstandene Fränkische Völkertafel.

1.2. Theorien zur Herkunft der Baiern vom 19. bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts

Als der Sprachwissenschaftler und insbesondere Keltologe Kaspar Zeuß 1837 in seinem Buch „Die Deutschen und die Nachbarstämme“ erstmals den Namen der Baiern nach den Lautgesetzen der germanischen Sprachen richtig etymologisiert hatte,1 was bis heute linguistisch gegen so manche anderen Versuche allein zutreffend ist, stand für ihn fest, dass der Name der keltischen Boier auf die ihnen nachfolgenden Germanen übertragen worden ist und dass die Baiern aus Böhmen in ihre neuen Wohnsitze zu beiden Seiten der Donau eingewandert sind. In seinem folgenden Buch von 1839 „Die Herkunft der Baiern von den Markomannen gegen bisherige Mutmaßungen bewiesen“ wollte Zeuß gegenüber herrschenden anderen Meinungen seiner Zeit nachweisen, dass es die im böhmischen Becken siedelnden Markomannen waren, die um 500 nach Südwesten abzogen und in ihrem neuen Gebiet zu Baiern wurden. Damit war die sogenannte „Markomannentheorie“ geboren. Sie erwies sich allerdings, wie jüngere Forschungen zeigten, historisch als unhaltbar, denn die Markomannen waren um 80 n.Chr. den Quaden nach Südosten gefolgt und siedelten im 2. Jh. im heutigen Südmähren und nördlichen Niederösterreich, ehe sie 396 als römische Föderaten in Pannonien Wohnsitze erhielten und dann im 5. Jh. aus der Geschichte verschwanden. Aus der „Markomannentheorie“ aber entwickelte sich die sogenannte „Einwanderungs-“ oder „Landnahmetheorie“, die mit einem germanischen Einwanderungsstrom in ein so gut wie siedlungsleeres Land nach dem Abzug der romanischen Bevölkerung rechnete. Sie lebte bis über die Mitte des 20. Jhs. fort, wobei ein Herkunftsgebiet Baia in unterschiedlichen Gegenden außerhalb Böhmens über Pannonien bis ans Schwarze Meer festzumachen versucht wurde.2 Diese Ansichten können hier aber übergangen werden, weil sie für den Forschungsstand der 1980er Jahre bedeutungslos geworden waren. Daneben aber bestand die nun modifizierte Ansicht einer Einwanderung von Elbgermanen aus Böhmen fort.

1.3. Die Herkunft der Baiern nach dem Forschungsstand der 1980er Jahre

Über die Frage der Ethnogenese der Baiern – der neue Terminus statt Stammesbildung – wurde in den 1980er Jahren von den beteiligten Disziplinen der germanistischen sprachwissenschaftlichen Namenkunde, der Archäologie und der Geschichtswissenschaft ein weitgehender Kompromiss erzielt. Die Ergebnisse wurden im Jubiläumsjahr 1988 in der großen Doppelausstellung des österreichischen Bundeslandes Salzburg und des Freistaates Bayern in Mattsee und Rosenheim „Die Bajuwaren“ mit dem auf den wesentlichen Zeitraum hinweisenden Untertitel „Von Severin bis Tassilo 488–788“ präsentiert und im Ausstellungskatalog zusammengefasst. Diese äußerst erfolgreiche Doppelausstellung sahen rund 270.000 Besucher, nicht weniger als 64.000 Kataloge wurden verkauft1 und die Medien Rundfunk, Fernsehen, Zeitungen und Journale vermittelten einer breiten Öffentlichkeit die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Gegenüber verschiedenen, immer wieder aufkommenden, jedoch linguistisch unhaltbaren, weil die lautgesetzlichen Entwicklungen des Germanischen nicht beachtenden Erklärungen des Baiernnamens2 ging man weiterhin von der linguistisch einzig richtigen, oben dargelegten Erklärung des Baiernnamens aus und verband sie mit der Bedeutung „Männer aus Böhmen“. Aber gegenüber der älteren „Landnahmetheorie“ änderte sich die Auffassung über die Ethnogenese. So hatte der Erlanger germanistische Sprachwissenschaftler Ernst Schwarz 1969 in seiner Abhandlung „Die Naristenfrage in namenkundlicher Sicht“ gezeigt, dass im anfänglichen bairischen Raum von Ober- und Niederbayern, Salzburg und Oberösterreich eine größere Anzahl von Gewässernamen und eine geringere von Ortsnamen indogermanisch-voreinzelsprachlicher oder keltischer Herkunft auftritt. Im selben Sinn einer romanischen Namenkontinuität ließ Schwarz ein Jahr später die Studie „Baiern und Walchen“ folgen. Die Tradierung all dieser Namen von den Römern und Romanen zu den Baiern war nur dann möglich, wenn Siedlungskontinuität und damit der Fortbestand zumindest einer geringen romanischen Bevölkerung in die bairische Frühzeit gegeben war, worauf auch noch die auf Romanen Bezug nehmenden romanisch-deutschen Mischnamen mit einem romanischen Personennamen sowie die wenigen deutschen Walchen- und Parschalken-Namen hinweisen. Es können also nicht, wie es aus der Vita Severini hervorgeht, wegen ständiger barbarischer Überfälle und Bedrängnisse nach dem Tod des Mönches Severin († 482) 488 alle Romanen nach Italien abgezogen sein, sondern es muss eine romanische Restbevölkerung geblieben sein.

Zu ähnlichen und weitergehenden Auffassungen gelangte auch die Archäologie. Besonders aussagekräftig erwiesen sich hier die neu entdeckten, zum Teil kontinuierlichen, vom 4. bis 7. Jh. belegten Gräberfelder im Bereich des Donaulimes von Neuburg über Regensburg bis Passau, wobei die zahlreichen Gräberfelder in Straubing mit dem nördlich davon gelegenen Friedenhain besonders aufschlussreiches Material lieferten. Hier zeigte sich nicht nur, dass bereits zur Römerzeit seit dem 4. Jh. Germanen als Föderaten angesiedelt wurden, sondern es gelang auch der archäologische Nachweis einer Verbindung mit Böhmen, wie sie dem Baiernnamen schon lange beigelegt worden war. Bereits 1963 hatte der tschechische Archäologe Bedřich Svoboda in seiner Studie „Zum Verhältnis frühgeschichtlicher Funde des 4. und 5. Jhs. aus Bayern und Böhmen“ auf archäologische Fundzusammenhänge aufmerksam gemacht. Nun verwiesen besonders Rainer Christlein († 1983) und dann Thomas Fischer anhand von Funden im Altmühl- und Donauraum auf eine Feinkeramik vom Typus Přešt’ovice ‒ Friedenhain, benannt nach den Hauptfundorten Přešt’ovice bei Pisek in Südböhmen und Friedenhain bei Straubing.3 Dabei handelt es sich um handgeformte dünnwandige Essschalen mit einer charakteristischen Verzierung in Form von Schrägriefen und Dellen auf dem Umbruch. Auf diese Weise konnte die langjährige Annahme einer Einwanderung von „Männern aus Böhmen“ nun archäologisch erhärtet werden. Dass diese Leute zwar namengebend, aber nur ein Teil der an der bairischen Ethnogenese beteiligten weiteren germanischen Gruppen waren, zeigten Untersuchungen weiterer Gräberfelder, besonders jener von Altenerding und München-Aubing mit Bestattungen seit der 2. Hälfte des 5. Jhs. Dort folgen in der Zeit um 500 „Gräber von Leuten verschiedenster Herkunft: Alamannen, Ostgoten, Leute aus Mitteldeutschland bzw. Böhmen und Germanen von der mittleren Donau (Langobarden)“.4 Diese zugewanderten Menschen unterschiedlicher Herkunft verschmelzen mit der verbliebenen romanischen Restbevölkerung schließlich zum Neustamm der Baiern, so dass sich die bairische Ethnogenese bodenständig im Voralpenraum südlich der Donau vollzog. Wie man sich diese Amalgamierung vorstellen kann, illustrierten in der Ausstellung von Mattsee gezeigte drei Abbildungen als Kreise, die man allerdings dem Ausstellungskatalog nicht beifügte. Der 1. Kreis zeigte für die Raetia secunda und Noricum in der 1. Hälfte des 5. Jhs. eine provinzialrömische Bevölkerung aus Romanen und Germanen als Föderaten und als dicker eindringender Pfeil den Einzug von namengebenden „Männern aus Böhmen“. Der 2. Kreis für das späte 5. und frühe 6. Jh. vermittelte in Segmenten die verschiedenen, um diese Zeit zugewanderten germanischen Bevölkerungsgruppen. Es waren zu den ca. 5 % verbliebenen Romanen ca. 25 % Alemannen, ca. 25 % Ostgoten, ca. 25 % Langobarden, ca. 10 % ostgermanische Gepiden, Heruler und Rugier und ca. 10 % Thüringer. Im 3. Kreis für das spätere 6. Jh. waren dann diese verschiedenen Gruppen zum Neustamm der Baiern verschmolzen.

In der Geschichtswissenschaft bildeten sich 1985/86 zwei unterschiedliche Standpunke. So sah 1985 der Wiener Historiker Herwig Wolfram in spekulativer Weise das Aufkommen des Baiernstammes bereits zur Zeit der Herrschaft des Königs der Ostgoten Theoderich im 1. Viertel des 6. Jhs. in Italien.5 Theoderich war es gelungen, seine Herrschaft über die Alpen in die Raetia secunda und nach Noricum auszudehnen, und er versuchte, sich gegen die von Westen andrängenden expansiven Franken und gegen die Thüringer im Norden durch Verträge abzusichern. Dabei ging es um das von ihm übernommene Machtvakuum und in der Raetia secunda und in Noricum, wo sich seit 488 nach dem Teilabzug der Romanen eine germanische Bevölkerung angesiedelt hatte. Sie erhielt nun den Namen Baiern, der wahrscheinlich in der um 525 entstandenen, doch verlorenen Gotengeschichte von Theoderichs Kanzler Cassiodor erstmals festgehalten wurde, aus der ihn dann 551 Jordanes in seine „Getica“ übernahm. So erscheinen die Baiern als „Findelkinder der Völkerwanderung“ im Rahmen der Gebietssicherungen gegenüber den nördlichen Thüringern, mit denen Theoderich 510 in engen Kontakt trat, indem er zu deren Bindung an ihn dem Thüringerkönig Hermanafrid seine Nichte Amalaberga zur Frau gab.6

Dagegen vertrat der Gießener Historiker Jörg Jarnut 1986 in seiner Studie „Die Agilolfinger und die Ethnogenese der Bayern“ einen positivistischen Standpunkt. Er geht davon aus, dass nach dem Tod Theodrichs 526 schon unter seiner Nachfolgerin Amalasvintha und erst recht nach ihrem Tod 535 die Gotenherrschaft zu schwächeln begann, so dass die expansive Politik der fränkischen Merowinger, die Theoderich noch einzudämmen verstand, neuerlich einsetzte. So gelang es ihnen, 531 das Reich der Thüringer zu stürzen und dann der Raetia secunda den ihnen nahestehenden Agilolfinger Garibald als Herzog aufzuzwingen. Obwohl Garibald erst um 555 bezeugt ist, sprechen Indizien bereits für einen viel früheren Beginn seiner Regentschaft. Das aber führte nicht nur zu einer Stammeswerdung der Baiern und Bildung eines eigenen Stammesherzogtums, sondern auch zum Aufgreifen des in den eigenen Reihen vorhandenen Namens. So korrespondieren zeitlich die Entstehung des Herzogtums und die Erstüberlieferung des Stammesnamens.

Durch das Zusammenwirken von Namenforschung, Archäologie und Geschichtswissenschaft wurde also in den 1980er Jahren eine schlüssige Erklärung der bairischen Stammesbildung und Frühgeschichte bis ins 6. Jh. erzielt. Diese Forschungsergebnisse hatten rund zwei Jahrzehnte Bestand.

1.4. Die Stellung des Bairischen innerhalb der germanischen Sprachen

Obwohl es sinnvoll gewesen wäre, im Rahmen der zum Forschungsstand der 1980er Jahre führenden Diskussion ergänzend die germanistische Sprachwissenschaft und die von Ernst Schwarz zuvor angesprochene Namenkunde einzubeziehen, war das nicht geschehen. Grund dafür war wahrscheinlich, dass die Diskussion über die Gliederung der germanischen Sprachen und die Stellung der deutschen Großraumdialekte bereits in den 1940er und 1950er Jahren stattgefunden und sich die Ergebnisse seither etabliert hatten. Wenn diese teilweise divergenten Diskussionen sich in erster Linie auch auf die stammesgeschichtlichen und sprachlichen Verhältnisse der germanischen Frühzeit bezogen und nicht unmittelbar das Bairische betrafen, so wurde es dennoch als ein wesentlicher Dialekt des Althochdeutschen mitberücksichtigt.

Die Untersuchungen eröffnete 1942 Friedrich Maurer in Freiburg im Breisgau mit seinem Buch „Nordgermanen und Alemannen“ mit dem spezifizierenden Untertitel „Studien zur germanischen und frühdeutschen Sprachgeschichte, Stammes- und Volkskunde“, das seine endgültige Fassung 1952 in der weitergeführten 3. Auflage erhielt. Auf Maurer folgte 1948 in Leipzig Theodor Frings mit seiner „Grundlegung einer Geschichte der deutschen Sprache“, die 1957 in erweiterter 3. Auflage erschien. Stimmten Maurer und Frings in der Beurteilung des Deutschen bezüglich seiner stammesgeschichtlichen und stammessprachlichen Grundlagen im Wesentlichen überein, so beurteilte der schon genannte Erlanger Germanist Ernst Schwarz in seinem Buch „Goten, Nordgermanen, Angelsachsen“ von 1951 als „Studien zur Ausgliederung der germanischen Sprachen“ die frühzeitliche Gliederung der Germanen und ihre sprachlichen Beziehungen als auch die Stellungen der Sprachen und ihrer Dialekte teilweise anders. Schließlich zog der Kieler Germanist Hans Kuhn 1955/56 in seiner Abhandlung „Zur Gliederung der germanischen Sprachen“ gewissermaßen ein Resümee. Er sah die frühzeitlichen germanischen Verhältnisse ähnlich wie Schwarz und wandte sich vehement gegen die Ansichten von Frings. Da es zu weit führen würde, die jeweiligen Standpunkte und Ergebnisse im Einzelnen auszuführen und sich in der Folgezeit in der deutschen Germanistik die Beurteilungen von Maurer durchgesetzt haben und bis heute gelten, beschränken wir uns auf sie.


Gliederung der germanischen Stämme und Sprachen (nach F. Maurer)

Maurer geht, wie die Tabelle zeigt, zunächst historisch vor, indem er für das 1. Jh. n.Chr. die von Tacitus überlieferten Kultverbände der Ingwäonen, Istwäonen und Irminonen als kontinentale westgermanische Stammesverbände der Nordseegermanen, Weser-Rhein-Germanen und Elbgermanen versteht, denen er die Illewionen als Nordgermanen in Skandinavien anschließt. Von den kontinentalen westgermanischen Gruppen dehnten sich während der Römerzeit die Weser-Rhein-Germanen bis nach Nordfrankreich und an den Atlantik nach Westen und die Elbgermanen bis an den süddeutschen römischen Limes nach Süden aus, während um die Mitte des 5. Jhs. die zunächst auf der jütischen Halbinsel siedelnden Angeln, ein Teil der Sachsen und die Jüten nach England abwanderten und dort das Angelsächsische (oder Altenglische) entstand. Von den skandinavischen Nordgermanen war ein Teil bereits um die Mitte des 1. Jahrtausends v.Chr. über die Ostsee in das gegenüber liegende Gebiet an der unteren Weichsel abgewandert, der die sogenannten älteren Oder-Weichsel-Germanen bildete, aus denen die Bastarnen und die Skiren hervorgingen, die dann um die Mitte des 3. Jhs. v.Chr. nach Südosten ans Schwarze Meer zogen. Ihnen folgten als weitere nordgermanische Abwanderer die von der Ostsee bis Schlesien siedelnden Rugier, Burgunden und Wandalen, ehe sich um Chr. Geb. an der unteren Weichsel die Goten niederließen, die insgesamt als jüngere Oder-Weichsel-Germanen zusammengefasst werden. Sie alle bildeten den eigenen Sprachzweig des Ostgermanischen. Während der Völkerwanderung drangen diese Stämme vom 3. bis 6. Jh. in die antike Welt ein und errichteten vorübergehende Reiche, die ebenso untergingen wie ihre Sprachen verschwanden. Lediglich das Gotische ist in der Bibelübersetzung des Bischofs Wulfila vom Ende des 4. Jhs. in einer Abschrift des 6. Jhs. aus dem Ostgotenreich in Italien als einziges ostgermanisches und zugleich überhaupt ältestes germanisches Textzeugnis in einem eigenen Alphabet überliefert.

Aus den westgermanischen Stammesverbänden, die sich nach Westen und Süden ausgebreitet hatten, gingen schließlich jene Stämme hervor, die die Träger der seit dem 8. Jh. überlieferten Sprachen und ihrer Dialekte wurden. Zu den Nordseegermanen gehören die Angelsachsen, Friesen und Sachsen mit Angelsächsisch (oder Altenglisch), Friesisch und Altsächsisch (oder Altniederdeutsch). Aus den Weser-Rhein-Germanen entstanden die verschiedenen Gruppen der Franken und die Hessen. Von ihren Dialekten ging das Westfränkische im Französischen auf und sind die einzelnen fränkischen Dialekte unterschiedlich überliefert, während vom Hessischen Textzeugnisse fehlen. Im Einzelnen steht das Niederfränkische in Kontakt mit dem Altsächsischen, teilte sich das Mittelfränkische später in das nördliche Ripuarische und das südliche Moselfränkische, dem nach Süden das Rheinfränkische und nach Osten das Ostfränkische folgt. Das jüngere Hessische wurde lange als nördliches Rheinfränkisch verstanden, ehe erkannt wurde, dass der Zentralraum mit dem Moselfränkischen korrespondiert.1 Am weitesten nach Süden drangen die Elbgermanen vor, die schließlich zu Alemannen im Südwesten und zu Baiern im Südosten wurden. Zu ihnen gehören auch die bis ins 6. Jh. selbständigen Thüringer, deren Herrschaftsgebiet 531 von den Franken erobert und aufgelöst wurde, sowie die über Südmähren und Pannonien 568 nach Italien gezogenen Langobarden, die dort bis 774 residierten. Letztere hinterließen keine Textzeugnisse, und ihre Sprache ging in den verschiedenen romanischen Idiomen auf. Die sprachlichen Beziehungen und Entwicklungen erlauben es, die auf die Weser-Rhein-Germanen und die Elbgermanen zurückgehenden Dialekte vom 8. bis zur Mitte des 11. Jhs. als Althochdeutsch zusammenzufassen. Über das Mittelhochdeutsche des 12. und 13. Jhs. bildeten sich durch Weiterentwicklungen die neuhochdeutschen Dialekte des Westmitteldeutschen mit Rheinfränkisch, Hessisch, Moselfränkisch und Ripuarisch und des Oberdeutschen mit Alemannisch, Bairisch und Ostfränkisch. Altsächsisch und das eine Zwischenstellung einnehmende Niederfränkische können zwar als Altniederdeutsch bezeichnet werden, doch ist man davon insofern abgekommen, als aus dem Niederfränkischen in Belgien und den Niederlanden das Niederländische als eigene Sprache hervorgegangen ist. Dazu gehörte auch das textlose, nur aus Orts- und Personennamen bekannte Westfränkische in der belgischen Wallonie und in Nordfrankreich, das in den altfranzösischen Idiomen jener Gebiete aufging.

Das Bairische ist also im Kreis der westgermanischen Sprachen und Dialekte elbgermanischer Herkunft und daher eng verwandt mit dem Alemannischen, wobei sich beide Dialekte seit althochdeutscher Zeit immer stärker auseinander entwickelt haben.2 Wenn das Bairische mit dem Alemannischen einige quasi „nordgermanische“ Erscheinungen teilt, so gehen diese auf frühe elbgermanisch-ostgermanische Kontakte im Odergebiet vor der Süd- bzw. Südostwanderung der einzelnen Stämme zurück. Sie werden, da nur die ostgermanische Sprache der Goten überliefert ist, vereinfachend, doch missverständlich als „elbgermanisch-gotische Kontakte“ bezeichnet. Tatsächlich bairisch-gotische Sprachkontakte ergaben sich, als die Ostgoten nach 490 unter Theoderich von Italien aus die Herrschaft über die Raetia secunda und Noricum übernahmen, wovon einige gotische Lehnwörter im Bairischen zeugen, wie die Wochentagsnamen Ergetag für Dienstag, Pfinztag für Donnerstag und das ahd. pherintag für Freitag.3 Im Gegensatz zu der in den 1980er Jahren fälschlich behaupteten, doch widerlegten angeblichen romanischen Prägung des Bairischen, worauf noch zurückzukommen sein wird, ist dieses von Anfang an eine völlig germanisch geprägte Sprache ohne jegliche konstitutive romanische Elemente. Wenn im Südbairischen des Alpenraumes von Tirol und Kärnten besonders im Wortschatz romanische Elemente auftreten, so sind sie das Ergebnis von Sprachkontakten einerseits als Substrate des ausgestorbenen Romanischen und andererseits als Lehnwörter aus den südlich angrenzenden alpenromanischen (ladinischen) Dialekten und dem Italienischen.4

Im Hinblick auf die bairische Ethnogenese ist aus sprachwissenschaftlicher Sicht jedenfalls festzuhalten, dass das Bairische elbgermanisch geprägt ist. Daraus ist zu folgern, dass der prägende Bevölkerungsanteil aus Elbgermanen bestand und daher gegenüber den anderen beteiligten Germanengruppen und den Restromanen den überwiegenden Teil ausgemacht haben muss. Wahrscheinlich war er wesentlich höher als jene gerade 60 %, die sich aus den obgenannten vermuteten Anteilen von ca. 25 % Alemannen, 25 % Langobarden und 10 % Thüringern ergeben, sonst hätte sich das Elbgermanische nicht zum Bairischen entwickelt und durchgesetzt.

1.5. Herkunft und Identitätsbildung der Baiern in neuer Sicht
1.5.1. Die Situation

Da in der Forschung wissenschaftliche Erkenntnisse und Standpunkte stets hinterfragt werden und vor allem eine nachrückende jüngere Generation gegenüber ihren Vorgängern nach trefflicheren Einsichten strebt, ja seit den gesellschaftlichen Umbrüchen von 1968 auch in der Wissenschaft Traditionen bewusst abgebrochen und neue Gegenpositionen aufgebaut werden, ist das dargestellte Bild von Herkunft, Name und Ethnogenese der Baiern nach der Jahrtausendwende sukzessive, besonders aber von Archäologen, doch teilweise auch von Historikern und Sprachwissenschaftlern abgebaut worden. Den neuen, noch heterogenen Forschungsstand von über 20 Jahren nach der Baiernausstellung von 1988 versuchen der Freiburger Archäologe Hubert Fehr und die Münchener Historikerin Irmtraut Heitmeier auf der Basis einer 2010 in Benediktbeuern veranstalteten Tagung in dem 2012 erschienenen umfänglichen Sammelband „Die Anfänge Bayerns“ mit dem spezifizierenden Untertitel „Von Raetien und Noricum zur frühmittelalterlichen Baiovaria“ darzustellen. Das nach wie vor große Interesse an diesen Fragen bewirkte 2014 dessen 2. Auflage. Die meisten neuen Thesen, die keinen Stein auf dem anderen lassen, wurden aber schon vorher vorgetragen.

1.5.2. Die Ansichten der Archäologen

Die Neuansätze eröffnete 2002 der Münchener Archäologe Arno Rettner mit seiner noch zurückhaltenden, doch deutlich fragenden Studie „402, 431, 476 – und dann?“ mit dem Untertitel „Archäologische Hinweise zum Fortleben romanischer Bevölkerung im frühmittelalterlichen Südbayern“. Neue Gräberfunde des 5. Jhs. einer sicher povinzialrömischen Bevölkerung ‒ kurz Romanen genannt ‒ führten dazu, bisher angenommene Anhaltspunkte für einen Rückzug von Romanen zeitlich immer mehr hinaufzuschieben. Damit bezog man sich freilich zunächst auf die Reduktion des römischen Militärs und der Verwaltung, indem man mit Truppenabzug 401/02 unter Stilicho und nach den Juthungenkämpfen des Aetius 429/31 rechnete, während man mit dem Ende des weströmischen Reiches 476 und damit dem Zusammenbruch der römischen Herrschaft überhaupt einen großen Weggang der Romanen annahm. Rettner aber zeigt, dass in den neu entdeckten Gräberfeldern von St. Ulrich und Afra in Augsburg, am Lorenzberg in Epfach am Lech – beide im alemannisch-schwäbischen Gebiet – sowie im bairischen Altenerding die romanische Bestattungsweise mit geringen Beigaben dominiert und germanisches Totenbrauchtum mit Waffenbeigaben bei Männern und etwa mit Amulettgehängen und als „Vierfibeltracht“ bei Frauen stark zurücktreten oder überhaupt fehlen. So stellt sich die Frage, ob es angemessen ist, von „Restromanen“ angesichts der Ethnogenese der Baiern zu reden.

Bereits zwei Jahre später 2004 trug Arno Rettner seine neuen Ansichten über die Ethnogenese der Baiern unter dem provokanten Titel „Bauaria romana“ als „Neues zu den Anfängen Bayerns aus archäologischer und namenkundlicher Sicht“ vor und stellte damit die geltenden Ansichten auf beiden Gebieten in Frage. Archäologisch konstatiert Rettner in den Reihengräbern starke Unterschiede in Grabbeigaben im bayerischen Donauraum nördlich und südlich des römischen Limes in der Merowingerzeit besonders nach dem Tod Severins 482 und dem Rückzug der Romanen nach Italien 488 in Noricum. So fehlt etwa in Männergräbern südlich der Donau die nördliche Mitbestattung von Reitzubehör und Pferden und in Frauengräbern vielfach die nördliche Beigabe von Webschwertern, und in beiden Fällen sind Speisebeigaben im Süden geringer als im Norden. Daraus wird die unterschiedliche Nachwirkung romanischer bzw. germanischer Bestattungssitten und damit das Bestehen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen, vor allem ein hoher fortbestehender Anteil an Romanen im ehemals römischen Gebiet der Raetia secunda, gefolgert. Deshalb sucht Rettner nach weiteren Argumenten für romanische Kontinuitäten der Baiern in ihrem Siedlungsraum südlich der Donau. Dazu zieht er, obwohl kein Sprachwissenschaftler, die eingedeutschten Ortsnamen romanischer Herkunft als tradierte echte antik-romanische Bildungen und als romanisch-deutsche Mischnamen, das sind neue deutsche Bildungen mit romanischen Personennamen, heran. Bei Letzteren wird angenommen, dass die anfängliche Bewohnerschaft romanisch war und auch romanisch sprach und sich schließlich das deutsche Idiom der hinzugetretenen und zunehmenden deutschen Bewohnerschaft durchsetzte. Da Rettner dabei auf verschiedene ältere Arbeiten zurückgreift, nennt er auch solche Ortsnamen, für die eine früher versuchte romanische Etymologie sich nicht mehr halten lässt. Ebenso bedient sich Rettner der noch zu besprechenden, in den 1980er Jahren vom Klagenfurter Allgemeinen Sprachwissenschaftler und Romanisten Willi Mayerthaler vorgetragenen These, wonach das Bairische eine Kreolsprache mit romanischer Grundlage und germanisierter alemannischer Überformung sei, ohne aber die von der Germanistik bereits damals vorgetragene Kritik und Widerlegungen auch nur mit einem Wort zu erwähnen. So werden für Rettner die Baiern des 6. Jhs. zu „einer romanisch-germanischen Mischbevölkerung zwischen Alpen und Donau, die sich eben durch dieses Spezifikum … von den benachbarten Alamannen, Langobarden oder Franken abhob“.1

Mit der Zurückweisung der anhand der Keramik des Typus Přešt’ovice ‒ Friedenhain aufgezeigten archäologischen Zusammenhänge von Südböhmen und Bayern bezweifelt Rettner schließlich auch die germanische Etymologie des Baiernnamens und sucht nach einer romanischen. Er glaubt, sie in lautähnlichem lat. baiulare ‚Lasten tragen, schleppen‘ und lat. baiulus ‚Lastenträger‘ gefunden zu haben, und versteht die Baiern als Lastenträger von Waren aus Italien über die Alpen durch Bayern nach Germanien, wobei das anfängliche inlautende -l- dann verloren gegangen sei. Den Anlass zu dieser Etymologie bietet Rettner die Vita Severini, 29, 18ff., wo es heißt2:

… conductis plurimis comitibus, qui collo suo vestes captivis et pauperibus profuturas, quas Noricorum religiosa collatio profligaverat, baiularent.

Er hatte viele Kameraden geworben, die auf ihrem Nacken Kleidungsstücke schleppten, welche für Gefangene und Arme bestimmt und durch fromme Sammlung der Noriker aufgebracht worden waren.

Eine wohl als Nachdruck verleihende hinzugefügte jüngere bildliche Wiedergabe dieser Legende mit warenschleppenden Baiuli ‚Lastenträgern‘ findet sich auf dem Predellenbild des Polyptichons aus der Kirche SS. Severino e Sossio in Neapel von 1470 des Meisters von San Severino, das jetzt im Schloss Berchtesgaden aufbewahrt wird.

Zu seiner romanischen Etymologie befragte Rettner eine Anzahl germanistischer Sprachwissenschaftler, die jedoch eine solche lautgesetzlich nicht mögliche Bildung mit Recht ablehnte.3 So müsste im 5./6. Jh. eine romanische Entlehnung im Nominativ Plural germ. *Baiolowarjā und lat. *Baiolovarii bzw. mit Assimilierung *Baioloarjā bzw. *Baioloarii lauten, denn ein inlautendes -l- schwindet einfach nicht. Dagegen hält der Altphilologe und verdiente bayerische Namenforscher Wolf-Armin Frhr. von Reitzenstein in seiner Behandlung von diesbezüglichen Volksetymologien „Neue Etymologien des Baiern-Namens“ von 2005/06 eine romanische Herkunft des Baiernnamens für wahrscheinlich und bietet, angeregt durch Rettners Etymologie, eine daran anknüpfende eigene Version.4 Dabei geht er von der lateinischen Lesart Baibari bei Jordanes aus, die er unter den überlieferten Varianten für die ursprüngliche gotische Form des Namens hält, und sieht im Erstglied dieses Kompositums lat. baium ‚Last‘5 und im Zweitglied germ. bar von bëran ‚tragen‘ wie z.B. in ahd. eimbar ‚Eimer‘ als Lehnwort aus lat. amphora, das seinerseits aus gr. ἀμφορέος entlehnt ist und lat. ferō / gr. φέρω ‚tragen‘ enthält. Die ‚Lastträger‘ bedeutende Volksbezeichnung, die nichts mit den Boiern und Boi(o)haemum zu tun habe, sei als rom./germ. Mischbildung im Kauderwelsch des römischen Heeres mit Angehörigen aus vielen Sprachen entstanden und könnte anfänglich eine Spottbezeichnung gewesen sein. Bei romanischer Weiterentwicklung zu Baivari sei das Zweitglied dann wegen lautlicher Ähnlichkeit mit germ. *warja ‚Bewohner‘ zusammengefallen und so der überlieferte Baiernname entstanden. Auch diese Herleitung, die den Anschauungen der Archäologen folgt und den Zusammenhang des Baiernnamens mit den Boii und Boi(o)haemum beseitigen möchte, ist wie die anderen von Reitzenstein behandelten neuen Etymologien des Baiernnamens eine volksetymologische Konstruktion, die Bestandteile aus verschiedenen Sprachen miteinander verbindet und von deren Teilen wieder einen durch ein anderes Wort ersetzt, angebliche Vorgänge, die nicht nur im Ablauf unrealistisch erscheinen, sondern wofür es auch in der Lehnwortforschung keine Entsprechungen gibt. Außerdem widerspricht diese Konstruktion lautgesetzlichen Entwicklungen. Ein gotisches *Baiwarjos und ein spätwestgerm. *Baiwarjā des 5./6. Jhs. würde in der 2. Hälfte des 8. Jhs. zu bair.-ahd. *Bēore mit Monophthongierung von ai vor w zu ē führen. Reitzenstein hält an seiner nicht möglichen Etymologie weiterhin fest und wiederholt sie 2014 und 2017.6

Doch zurück zu Rettner, der in seinem Beitrag zum Sammelband von 2012 dann zwar einräumt, dass ab dem späten 5. Jh. mit verstärkter germanischer Zuwanderung in die Gebiete südlich der Donau zu rechnen ist,7 aber weiterhin an der Romanenthese festhält. Im Anhang korrigiert bzw. ergänzt Rettner auf Grund von Hinweisen und mehrfacher Kritik seine bisherigen Listen von Ortsnamen romanischer Herkunft und von romanisch-deutschen Mischnamen.

Auf dem von Rettner vorgezeichneten Weg schließen sich weitere Studien von Archäologen an. So beschäftigt sich 2012 der Münchener Archäologe Jürgen Haberstroh mit der Frage „Der Fall Friedenhain ‒ Přešt’ovice – ein Beitrag zur Ethnogenese der Baiovaren?“ Gerade diese an beiden Orten gefundene und übereinstimmende Feinkeramik schien ja die These einer Einwanderung zumindest eines Teiles der Baiern zu bestätigen. Sie wird aber nicht nur dadurch in Frage gestellt, dass diese Feinkeramik nur an wenigen südböhmischen Fundplätzen vorkommt, was die Einwanderung größerer Volksgruppen fraglich macht, sondern sie tritt in Variation sowohl im Barbaricum des 3.–6. Jhs. als auch überhaupt in ganz Süddeutschland auf und ist nicht an germanischen, sondern an römischen Mustern orientiert. Es lässt sich daher keinerlei Herkunftsthese an diese Feinkeramik knüpfen. Allerdings räumt Haberstroh ein, dass die Variationen sowohl im barbarischen als auch im römischen Gebiet auf Werkstattunterschiede zurückgehen. Dabei gelte es, einerseits die Spezifik der Keramik des Typus Přešt’ovice ‒ Friedenhain herauszuarbeiten und andererseits die Werkstattunterschiede im römischen wie im germanischen Gebiet festzustellen und gegeneinander abzugrenzen. Aber diesen langwierigen Untersuchungen scheinen sich die Archäologen gar nicht unterziehen zu müssen, denn die Einwanderungsthese der Baiern wird noch mit weiteren Argumenten abgelehnt.

Radikaler und polemischer verfährt der in Freiburg im Breisgau lehrende Archäologe Hubert Fehr. Er trug seine Kritik in dem ausführlichen Beitrag „Am Anfang war das Volk? Die Entstehung der bajuwarischen Identität als archäologisches und interdisziplinäres Problem“ auf der 2006 in Wien veranstalteten Internationalen Konferenz „Archäologie der Identität“ vor, deren Ergebnisse 2010 veröffentlicht wurden. Dabei löst der Terminus Identität bisheriges Ethnogenese und älteres Stammesbildung ab. Fehr sieht als Ausgangspunkt und Basis der bisherigen archäologischen Suche nach der Herkunft der Baiern die kaum jemals hinterfragte Annahme der Sprachwissenschaft, dass der Baiernname „Männer aus Böhmen“ bedeute und die Baiern daher aus Böhmen eingewandert seien. Das aber stellt Fehr von seinem positivistischen Standpunkt aus entschieden in Abrede, weil es dazu weder historische Nachrichten über eine germanische Einwanderung aus Böhmen in den Donauraum der Raetia secunda und von Noricum gebe, noch überhaupt über germanische Einwanderungen in ehemals römisches Gebiet. Mangels derartiger schriftlicher Quellen besitzen daher einzig und allein die archäologischen Funde als materielle Zeugnisse Quellenwert, so dass nur aus ihnen verbindliche Erkenntnisse gewonnen werden können. Aber der bislang angestellte Nachweis bairischer Einwanderung mit Hilfe der Keramik vom Typus Přešt’ovice ‒ Friedenhain versagt insofern, als es einerseits bloß geringe innerböhmische Fundplätze gibt und andererseits diesseits und jenseits des römischen Limes unterschiedliche Begräbnissitten gepflegt wurden. Während nämlich nördlich germanische Brandbestattung üblich war, herrschte auf römischem Boden seit der Mitte des 5. Jhs. Körperbestattung in Reihengräbern. Sie aber waren keine mitgebrachte Sitte, sondern eine Neuerung. Ebensowenig sind die Beigaben von Waffen und Fibeln ein bairisches Charakteristikum, sondern sie waren in weit größerem Umfang verbreitet und begegnen auch in alemannischen Reihengräbern in Württemberg und am Rhein sowie im westfränkischen Nordgallien. Deshalb dürfen sie nicht als Indiz für nördliche germanische Zuwanderung nach Bayern bewertet werden, sondern sind vielmehr als Angleichung an fränkisch-merowingische Bestattungssitten zu verstehen.8 Überhaupt möchte Fehr die Entstehung einer bairischen Identität im Anschluss an die obgenannte positivistische Ansicht des Historikers Jörg Jarnut erst im Zusammenhang mit der Bildung eines bairischen Herzogtums und der Einsetzung der Agilolfinger als Herzöge nach 536/37 sehen, nachdem 535 die Gotenregentin Amalasvintha ermordet worden war. Das aber korrespondiert mit der Erstnennung der Baiern in den historischen Quellen um 550/60. Somit betrachtet Fehr in seinem Beitrag „Friedhöfe der frühen Merowingerzeit in Baiern – Belege für die Einwanderung der Baiovaren und anderer Gemeinschaften?“ von 2012 die Einwanderungsthese polemisch als „Meistererzählung“, um nicht zu sagen als ein hübsch erfundenes Märchen.9

Zusammenfassend steht für die Archäologen trotz Unterschieden im Einzelnen viererlei fest:

 Eine schon lange postulierte Einwanderung der Baiern aus Böhmen in den bairischen Raum der Raetia secunda und von Noricum beruht auf der sprachwissenschaftlichen Interpretation des Baiernnamens als „Männer aus Böhmen“; doch gibt es weder für eine solche Einwanderung noch überhaupt für Einwanderungen von Germanen in ehemals römische Gebiete schriftliche Zeugnisse.

 Auch archäologisch lässt sich keine Einwanderung von Germanen aus Böhmen wie überhaupt aus Gebieten nördlich der Donau nachweisen, denn der dafür besonders herangezogene Beweis einer Feinkeramik des Typus Přešt’ovice ‒ Friedenhain stellt kein bairisches Charakteristikum dar und kommt seit dem 5. Jh. auch in weiteren merowingischen Gebieten vor, wenn es auch Werkstattunterschiede gibt. Ferner zeigen die als weiterer Beweis herangezogenen Beigabensitten in ihrer Verbreitung diesseits und jenseits des römischen Limes deutliche Unterschiede.10

 Der Neustamm der Baiern hat sich erst nach dem Tod der Gotenregentin Amalasvintha 535 und dem zerfallenden Gotenreich mit der Einsetzung des den fränkischen Merowingern nahestehenden Herzogs Garibald gebildet, wobei zeitliche Korrespondenz mit dem Auftreten des Baiernnamens seit 551 besteht.

 Die Entstehung des Neustammes der Baiern vollzog sich auf ehemals provinzialrömischem Gebiet südlich des Donaulimes mit der dort ansässigen romanischen Bevölkerung, was sich aus den dort auftretenden Ortsnamen romanischer Herkunft und aus den Mischnamen mit einem romanischen Personennamen ergibt.

Es liegt auf der Hand, dass diese teilweise mit Absolutheitsanspruch vorgetragenen Konzepte der Archäologie fachbegrenzt und daher einseitig sind, obwohl die anstehenden Fragen nur interdisziplinär gelöst werden können. So wird aus der Sicht der Sprachwissenschaft nicht gefragt, wie ohne angebliche germanische Zuwanderung und ohne Beteiligung einer ein germanisches Idiom sprechenden Bevölkerung sich dann ein Sprachwechsel vom Romanischen zum Germanischen vollzogen hat, wie die antik-romanischen Gewässer- und Ortsnamen in das sich entwickelnde Althochdeutsche integriert worden sind und wie sich romanisch-deutsche Mischnamen gebildet haben.

1.5.3. Die schon früher vorgetragene, doch widerlegte „Romanentheorie“ über die Herkunft der Baiern

Die besonders vom Archäologen Arno Rettner favorisierte Ansicht einer bairischen Ethnogenese bzw. Identitätsbildung auf provinzialrömischem Boden der Raetia secunda unter maßgeblicher Beteiligung der ansässigen romanischen Bevölkerung kann man als „Romanentheorie“ bezeichnen. Sie ist keineswegs neu, und ihr Vortrag vor mehr als 35 Jahren wurde von der germanistischen Sprachwissenschaft längst überzeugend widerlegt und zurückgewiesen. Dennoch muss sie vor allem im Hinblick auf eine zur Unterstützung herangezogene neue, gerade aus der Germanistik kommende, doch andere Intentionen verfolgende Studie von Wolfgang Haubrichs zu den vom 8. bis 10. Jh. aus dem bairischen Sprachraum überlieferten romanischen und biblischen Personennamen und mit solchen gebildeten deutschen Ortsnamen als romanisch-deutsche Mischnamen eingegangen werden.

Schon 1971 trug der Münchener Historiker Karl Bosl in seiner „Geschichte Bayerns“ die bis zur 7. und letzten Auflage 1990 unverändert beibehaltene „Romanentheorie“ zur Herkunft der Baiern vor.1 Danach gehen die Baiern auf die bodenständigen Keltoromanen zurück, die seit der Mitte des 6. Jhs. nach der Konstituierung des Neustammes der Baiern von Franken und Alemannen germanisiert wurden.2 Diese These unterstützten in den 1980er Jahren der Salzburger Slawist Otto Kronsteiner und der Klagenfurter Allgemeine Sprachwissenschaftler und Romanist Willi Mayerthaler in einer Reihe von Studien. Nachdem Kronsteiner 1981 an die Universität Salzburg berufen worden war, veröffentlichte er zunächst in Zeitungsartikeln die These, der Name der Baiern gehe als romanische Bildung auf den antik-romanischen Namen Ivaro der Salzach zurück, und die Stadt Salzburg sei der Mittelpunkt des Entstehungsraumes der Baiern gewesen, so dass der Stammesname der Baiern als Gaubezeichnung romanisch *Pago Ivaro gelautet habe, der über *Pagivaro bald zu *Paiovaro kontrahiert worden sei. Erst 1984, nachdem bereits auf Tagungen die Diskussion darüber aufgenommen worden war, äußerte sich Kronsteiner mit „Der altladinische PAG(O)IVARO als Kernzelle der bairischen Ethnogenese“ in einem wissenschaftlichen Organ dazu. Seiner Auffassung schloss sich 1983/84 Mayerthaler mit seinem ausholenden Beitrag „Woher stammt der Name der ‚Baiern‘?“ an.3 Außerdem erklärte Mayerthaler das Bairische zu einer romanisch-germanischen Kreolsprache, einer Mischsprache auf romanischer Grundlage mit germanisch-alemannischer Überformung, deren romanische Elemente bis in die gegenwärtigen Dialekte weiterbestünden und deutlich greifbar wären. Beide Protagonisten verteidigten ihre Theorien mit Vehemenz, Polemiken und Angriffen auf die Methodik der germanistischen Sprachwissenschaft, doch wurden ihre Auffassungen mehrfach widerlegt, was hier alles nicht näher ausgeführt werden muss. Von Entgegnungen seien u.a. besonders angeführt Ingo Reiffenstein 1986 „Baiern und der Pagus Iobaocensium“ und 1987 „Stammesbildung und Sprachgeschichte“ sowie 1987 Hellmut Rosenfeld „ Die Völkernamen Baiern und Böhmen, die althochdeutsche Lautverschiebung und W. Mayerthalers These ‚Baiern = Salzburger Rätoromanen‘“. Bereits 1981 hatten Ludwig Eichinger und Robert Hinderling mit „Die Herkunft der Baiern im Lichte der Ortsnamen“ Karl Bosls „Romanentheorie“ eine Absage erteilt. Trotzdem lieferten Eva und Willi Mayerthaler verspätet 1990 in gleichem Sinn die Studie „Aspects of Bavarian Syntax or ‚Every Language Has at Least Two Parents‘“ nach. Lange unbeachtet findet sie jüngst im Zusammenhang mit der erneut von Arno Rettner vorgetragenen „Romanentheorie“ Beachtung durch den Leiter des Bayerischen Wörterbuches in München, Anthony Rowley, in seiner widerlegenden Auseinandersetzung „Bavaria germanica oder Romania submersa“ von 2017.4 Darin zeigt Rowley, dass Mayerthalers These, die Syntax des Bairischen sei völlig romanisch geprägt, sich nicht aufrecht erhalten lässt, denn die weit über ein Dutzend angesprochenen syntaktischen Phänomene weisen im Deutschen eine weit über das Bairische hinausgehende Verbreitung auf und sind unabhängig voneinander sowohl im Romanischen wie im Germanischen polygenetisch entstanden, was das Bairische fälschlich als ein germanisches Idiom auf quasi romanischer Basis erscheinen lasse.

Es ist daher von der „Romanentheorie“, wonach die Baiern germanisierte Romanen und das Bairische auf romanischer Sprachbasis entstanden sei und von Anfang an entsprechende romanische Strukturen und Substrate aufweise, zur Gänze abzulassen.5

1.5.4. Romanische und biblische Personennamen im bairischen Raum

Wenn seitens der Archäologie die „Romanentheorie“ erneut aufgegriffen wird, so spielt dabei besonders für Hubert Fehr die Abhandlung des Saarbrücker germanistischen Sprachwissenschaftlers Wolfgang Haubrichs „Baiern, Romanen und andere“ als „Sprachen, Namen, Gruppen südlich der Donau und in den östlichen Alpen während des frühen Mittelalters“ von 2006 eine maßgebliche Rolle, noch dazu wo im Titel Baiern und Romanen gemeinsam exponiert aufscheinen. Aber nichts liegt Haubrichs ferner, als eine romanische Herkunft der Baiern anzunehmen. Vielmehr arbeitet er sehr deutlich und unmissverständlich heraus, dass Bairisch, Alemannisch, Langobardisch und, soweit man dies aus den wenigen überlieferten Personennamen erschließen kann, auch das Thüringische elbgermanischer Herkunft mit vielen sprachlichen Gemeinsamkeiten sind. Innerhalb dieses elbgermanischen Sprachverbandes, der nach den Anfangsbuchstaben als BLA(T)-Gruppe zusammengefasst werden kann, aber weist gerade das althochdeutsche Bairische in gewissen Wortschatzbereichen wie etwa dem Rechtswortschatz Eigenständigkeit auf und unterscheidet sich so vom engverwandten althochdeutschen Alemannischen.

Dennoch ist es Haubrichs ein besonderes Anliegen, anhand der klösterlichen Quellen des 8.–10. Jhs. die überlieferten romanischen und biblischen Personennamen und die mit ihnen gebildeten Ortsnamen zusammenzustellen und auf das Miteinander von Romanen und Baiern in der frühmittelalterlichen Zeit nachdrücklich hinzuweisen. Dabei kann Haubrichs auf seine Erkenntnisse in den westmitteldeutschen Kontakträumen von Romanen und Franken insbesondere in Lothringen und im Moselland zurückgreifen. Am Namenmaterial des bairischen Raumes zeigt sich, dass die romanischen Personennamen die romanischen Lautentwicklungen des 6./7. Jhs. aufweisen wie im Konsonantismus die intervokalische Inlautlenierung von lat. t – p – k zu stimmhaftem d – v – g, z.B. Senator > Senadur, Lupo > Luvo, Jacobo > Jago(b), und die Palatalisierung von -ti- / -di- vor Vokal zu <z, ci> / [-tßi-/-dsi-], z.B. Antiocho > Anciogo, Constantio > Custanzo, Laurentia > Laurenza, Claudia > Clauza, sowie im Vokalismus die Monophthongierung von au > o, z.B. Aurelian(o) > Orilan, Paulo > Polo.

Umgekehrt weisen romanische Personennamen bairisch-althochdeutsche Lautentwicklungen des 8. Jhs. auf. So vollziehen sie etwa im Konsonantismus die jüngeren Akte der Zweiten Lautverschiebung von rom. d – b – g zu bair.-ahd. t – p – k mit, z.B. Duro > Turo, Indo > Into, Beronician(o) > Peronzan, Habentio > Hapizo, Gaio > Keio, und im Vokalismus den i-Umlaut von a > e vor i oder Palatalkonsonanten der Folgesilbe, z.B. David > Tevid, Daniel > Tenil, Aletio > Elizo, Tapetio >Tepizo, und die Assimilierung von ai > ei, z.B. Maiol(o) > Meiol, Maioran(o) > Meioran, Gaio > Keio.1 Gerade hier aber fragt sich, ob angesichts solcher bairisch-althochdeutscher Lautentwicklungen Träger solcher romanischer Personennamen noch als echte Romanen und damit auch als Sprecher des Romanischen betrachtet werden können, oder ob sie sprachlich mit ihren bereits bairisch lautenden Namen romanischer Herkunft nicht schon zum Bairisch-Althochdeutschen übergegangen sind. Eine verbindliche Entscheidung lässt sich diesbezüglich nicht treffen, und Haubrichs ist vorsichtig genug, dies auch klar zu verstehen zu geben.

Ähnlich liegen die Probleme bei den mit einem romanischen PN und einem deutschen Grundwort oder einer deutschen Ableitung gebildeten Ortsnamen, den sogenannten „Mischnamen“, wie z.B. Marzling bei Freising mit Marcello (804-07 Marzilinga) und mit Vidal < Vitalis gebildetem Figlsdorf bei Nagelstadt (850 Fitalesdorf). Stillschweigend wird hier angenommen, dass die Träger romanischer Personennamen automatisch auch Sprecher des Romanischen waren und solche Ortsnamen bei Hervorhebung des romanischen Elements trotz deutscher Bildung als „romanische Ortsnamen“ betrachtet werden. Trotz erst jüngerer urkundlicher Erstüberlieferungen kann zwar bei einigen Mischnamen anhand lautlicher Merkmale eine frühe Bildungszeit festgestellt werden, aber es bleibt dabei offen, ob der Personenname damals noch romanisch war oder, wie die Personennamenüberlieferungen zeigen, bereits ins Bairisch-Althochdeutsche integriert war. Diese Problematik erhöht sich, wenn statt „Mischname“ in neuerer Terminologie von „Hybridname“ bzw. „Hybridbildung“ gesprochen wird. Hier wird nämlich vorausgesetzt, dass zunächst eine genuine romanische Namenbildung vorliegt, die dann später deutsch überformt wurde, so dass die überlieferten deutschen Ortsnamen nicht primäre Bildungen, sondern erst sekundäre, eben hybride Neubildungen sind. Es mag solche Fälle gegeben haben. So lässt z.B. der Name Abersee für den Wolfgangsee in Oberösterreich mit dem rom. Personennamen Abriano in seiner ältesten lateinischen Überlieferung von 788 Abriani lacum vermuten, dass dieser lateinischen Form eine romanische Form zugrunde liegt, aber bereits 829 heißt der See in integrierter Weise bair.-ahd. Aparinesseo. Trotz der lateinischen Kontexte weisen jedoch die Überlieferungen der Mischnamen seit dem 8. Jh. eindeutig bairisch-althochdeutsche Bildungen auf, z.B. Aising (Stadtteil von Rosenheim) 778/83 Agusing mit dem PN Agusius und Königsdorf bei Bad Tölz 776-88 Chumitzdorf mit dem PN Comitius.

Auf ein bei Mischnamen bis jetzt nicht beachtetes Problem macht Albrecht Greule aufmerksam. Bei den einfach als „romanisch“ bezeichneten Personennamen handelt es sich nämlich zum größeren Teil um biblische Namen und um Heiligennamen (Hagionyme), wobei die Romanen (im Gegensatz zu den Baiern) von Anfang an getaufte Christen waren. In solchen Fällen könnten zumindest einzelne Personennamen nicht unmittelbar auf „Romanische Ortsgründer“ als deren Träger zurückgehen, sondern auch auf Kapellen oder kleine Kirchen, die solchen Heiligen geweiht waren. Eine solche Möglichkeit könnte z.B. die Orte Jailing, Jaibling, Jasberg, † Jausberg mit Jacobus als Apostelname oder die zahlreichen Orte mit Irs-/Irsch- betreffen, denen Ursus zugrunde liegt, wobei der hl. Ursus ein Angehöriger der Thebaischen Legion war und um 303 in Solothurn in der Schweiz das Martyrium erlitt. Auch ein Namenwechsel von einem germanischen zu einem biblischen oder Heiligennamen wäre möglich, denn im christlichen Irland und England erhielten des öfteren Geistliche neue solche Namen, ein Brauch, den irische und angelsächsische Missionare des 7. und 8. Jhs. mitgebracht haben könnten. Nach solchen umbenannten Geistlichen und Mönchen könnten diesen oder ihrem Kloster gehörende Orte mit Mischnamen benannt worden sein. Immerhin tragen von den 50 im bairischen Raum hier behandelten Mischnamen nicht weniger als 31 biblische Namen oder Heiligennamen, was nicht weniger als 62 % ausmacht.

1.5.5. Neueste Theorien zur Herkunft der Baiern und der Bedeutung ihres Namens

Vor allem die Neuansätze der Archäologen zur Klärung von Herkunft und Name der Baiern veranlassten auch die germanische Altertumskunde und die auffallend zurückhaltenden Historiker sich mit den neu aufgeworfenen Meinungen jeweils aus ihrer Sicht zu befassen. Es sind dies der Zürcher Altgermanist und germanische Altertumsforscher Ludwig Rübekeil und die Münchener Historikerin Irmtraut Heitmeier.

1.5.5.1. Die Baiern aus Sicht der gegenwärtigen germanischen Altertumskunde

Nicht im Hinblick auf die Herkunft der Baiern, sondern die sprachliche Bildung des auch diesen Namen betreffenden germanischen Namentypus und seine Bedeutung untersuchte Ludwig Rübekeil 2002 in seinem Buch „Diachrone Studien zur Kontaktzone zwischen Kelten und Germanen“. Es ist der schon oben erläuterte Namentypus germ. *-warjōz / lat. -varii ‚Wehrmänner, wehrhafte Mannschaft, Schützer, Verteidiger‘. Überliefert wird eine Reihe solcher Namen für germanische Gruppen vom 1. bis zum Beginn des 8. Jhs. von römischen Schriftstellern und in frühmittelalterlichen Quellen, wobei Velleius Paterculus und Tacitus am Beginn stehen. Die meisten dieser als Komposita gebildeten Namen weisen als Bestimmungswörter einen Landschafts-, Fluss- oder Ortsnamen auf wie Am(p)sivarii (Tacitus, Annalen 13, 55 u.ö.) den Flussnamen Ems, lat. Amisia (Tacitus, Annalen 1, 6 u.ö.), die zwischen Rhein und Ems siedeln, wo zur Zeit Kaiser Justinians im 6. Jh. Stephanos Byzantios noch eine gleichnamige Stadt Ἂμισ(σ)α kennt; oder Angrivarii (Tacitus, Germania 33; Annalen 2, 8) mit germ. *angraz in altsächs. und ahd. angar ‚Grasland, Wiese, Anger‘, wonach die Landschaft Engern beiderseits der Weser in Westfalen benannt ist. Wie diese beiden Namen so betreffen auch alle weiteren Namen Germanengruppen in Grenzgebieten gegen die Römer von den Angrivaren am Rhein im Westen bis zu den Baioaren an der Donau im Osten, wobei sie im Westen gehäuft auftreten und frühe Verteidiger der germanischen Gebiete gegen die expansiven Römer waren, die schon um die Zeitenwende versuchten, die Gebiete östlich des Rheins zu erobern und die Weser zur Nordostgrenze ihres Imperiums zu machen.

Für die Baioarii ergibt sich in diesen Zusammenhängen überzeugend ebenfalls ein Landschaftsname als Bestimmungswort.1 Er entspricht, wie gleichfalls schon oben ausgeführt, dem von Tacitus überlieferten Landschaftsnamen lat. Boi(o)haemum / germ. *Bai(o)haima, der im Stammesnamen durchaus zu Baia verkürzt sein kann, denn nur in diesem Sinn reiht sich dieser in die germanische Gruppe der -varii-Namen ein. Bezüglich der Bedeutung liegt auf der Hand, dass sich das Bestimmungswort nicht auf Böhmen in seinem heutigen Umfang beziehen kann, denn die germanischen Namenträger können dort angesichts der Entfernung von der Donau als römischer Grenze keine Verteidiger ihres Landes gegen die Römer gewesen sein. Als Lösung bietet sich für Rübekeil an, dass der Landschaftsname vom böhmischen Kerngebiet bis gegen die Donau insbesondere nach Westen bis gegen die Raetia secunda ausgedehnt war, so dass die Bewohner der Gebiete nördlich der Donau „Wehrmänner“ gegen die Römer sein konnten. Man kann dann weiters annehmen, dass nach dem Zusammenbruch der Römerherrschaft der Name mit dem verstärkten Eindringen der Germanen aus dem Vorland über die Donau in die ehemaligen römischen Provinzgebiete sich schließlich dort etablierte und zum Namen des Neustammes der Baiern wurde.

1.5.5.2. War Bayern ein ursprüngliches „Boierland?“

Unter dem Einfluss der mit Nachdruck vorgetragenen Thesen der Archäologen, die Baiern seien aus ansässigen Romanen der Raetia secunda hervorgegangen und auch ihr Name habe, wie Arno Rettner linguistisch allerdings unhaltbar meint, eine lateinische Grundlage, versucht nun Ludwig Rübekeil in seinem Beitrag „Der Name Boiovarii und seine typologische Nachbarschaft“ zum Sammelband von 2012 sich soweit wie möglich den Ansichten der Archäologen anzuschließen. Was er als germanistischer Sprachwissenschaftler freilich nicht aufgeben kann und unverändert beibehält, ist die lautgesetzlich unumstößliche germanische Etymologie des Baiernnamens. So setzt Rübekeil nun beim Bestimmungswort des Kompositums an und räumt ein, dass damit auch wie im Ausnahmefall der Chattuarii ein Einwohnername gemeint sein könnte. In diesem Sinn rechnet er nun gemeinsam mit den Archäologen damit, dass bei der Identitätsbildung der Baiern im ehemals provinzialrömischen Raum der Raetia secunda südlich der Donau als Bestimmungswort von Baioarii unmittelbar der Name der Boier herangezogen wurde. Als Grundlage dafür gelten ihm die Namen der Römerkastelle Boiodurum und Boitro in Passau sowie ein in Manching bei Ingolstadt überliefertes boios, das er als Personenname auffasst.

Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass der heutige nieder- und oberbayerische Raum der Raetia secunda jemals mit dem Namen der Boier verbunden war, wofür es auch keine unmittelbaren Zeugnisse gibt. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die angezogenen Römerorte an der Peripherie sowohl des Römerreiches von Süden aus als auch vom Boierland Böhmen von Norden her lagen. Die Halbinsel von Passau, gebildet von Inn und Donau mit der von Norden in die Donau mündenden Ilz, war seit der Mitte des 5. Jhs. v.Chr. von Kelten besiedelt und ein Kreuzungspunkt der Handelswege in alle vier Himmelsrichtungen, die sich in römischer Zeit fortsetzten. Auf ihr lag ein keltisches Oppidum, dessen Name Ptolomaios um die Mitte des 2. Jhs. v.Chr. als Βοιόδουρον bezeugt und dessen Name dann die Römer nach dem Itinerarium Antonini als Boiodurum auf das von ihnen am Ende des 1. Jhs. n.Chr. auf dem rechten Innufer errichtete Kastell und einen sich anschließenden Vicus übertrugen und das bis ins 3. Jh. bestand, ehe es zerstört wurde.1 Während der Ort für die Kelten wohl ein Handelszentrum war und Brückenfunktion für den Warentransport hauptsächlich vom Süden in das Landesinnere in Böhmen im Norden hatte, diente das Kastell den Römern zur Bewachung und Sicherung der Limesstraße an der Donau gegen die Germanen. Die Notitia dignitatum überliefert dann für die 2. Hälfte des 3. Jhs. neben Batavis/Passau ein neuerrichtetes kleines Kastell Boiodoro stromaufwärts ebenfalls am rechten Innufer. Die Vita Severini von 511 nennt es dann Boi(o)-tro, und in seinen Mauern hatte Severin um 470 ein kleines Kloster errichtet. Sein Name lebt im Ortsnamen Beiderwies und im dort vorbei fließenden Beiderwiesbach weiter. Was das auf einem Scherben einer bauchigen Flasche aus dem keltischen Oppidum von Manching bei Ingolststadt des 1. Jhs. v.Chr. eingravierte boios betrifft, so ist es mehrdeutig und nicht, wie Rübekeil annimmt, als Personenname gesichert.2

Obwohl nicht bekannt ist, welche keltischen Stämme zur Zeit der römischen Eroberungen im Alpenvorland um die Zeitenwende westlich des Inns siedelten, während sich östlich des Inns das keltische Königreich Noricum befand, spricht nichts dafür, dass es die keltischen Boier gewesen wären. Hätte das heutige Nieder- und Oberbayern damals einen mit dem Namen der Boier verbundenen Gebietsnamen getragen oder wären dort die Boier beheimatet gewesen, so hätten ihn die Römer gewiss wie jenen des benachbarten Noricum übernommen, was jedoch nicht geschah. Auf die offenbar namenlose Gegend dehnten sie daher vom Bodensee her den Namen der Räter nach Nordosten bis zur Donau aus. Das keltische Boioduron/Passau war zweifellos ein unterhaltener südlicher Außenposten der Boier als Handelsort. Wenn seinen Namen die Römer fortsetzten, kann dies ebensowenig wie die Gravur von Manching als Beweis für ein einstiges „Boierland“ Bayern dienen.3 Während Rübekeils Erkenntnis, der germanische Baiernname gehört zu einer germanischen Namengruppe im germanisch/römischen Grenzland und bezeichnet germanische Wehrmänner, die das germanische Land vor Übergriffen der Römer schützen und verteidigen und die daher im germanischen Gebiet nördlich des Römerreiches und des Donaulimes beheimatet waren, weiterführt, geht Rübekeils Versuch, sich der Meinung der Archäologen anzuschließen, in die Irre.

1.5.5.3. Die Baiern in neuer historischer Sicht

Auffallend reserviert verhalten sich die Mittelalterhistoriker gegenüber den neuen Ansichten zur Identitätsbildung der Baiern. So nennt der Erlanger Frühmittelalterforscher Guido M. Berndt in seiner Besprechung des Sammelbandes „Die Anfänge Bayerns“ von Fehr/Heitmeier bloß die Themen der einzelnen Beiträge, wenn er hinsichtlich der Romanentheorie der Archäologen zur Herkunft der Baiern auch gewisse Auffassungsunterschiede zwischen ihren Vertretern Arno Rettner, Hubert Fehr und Jürgen Haberstroh erkennen möchte.1 Ausführlich befasst sich zwar der Wiener Mittelalterhistoriker Herwig Wolfram in seinem Rezensionsaufsatz „Die Anfänge Bayerns im Zwielicht“ mit einzelnen Beiträgen, geht aber mit keinem Wort weder auf die Romanentheorie der Archäologen noch auf die noch vorzustellende Norikertheorie der Historikerin Irmtraut Heitmeier ein. Dass für Wolfram aber der Name der Baiern mit den Boiern und Böhmen zu tun hat, wird deutlich an der mit brieflicher Unterstützung von Wolfgang Haubrichs (Saarbrücken) und Hermann Reichert (Wien) ausführlich dargelegten Analyse der Slawenbezeichnung Beovinidi in der „Historia Langobardorum Codicis Gothani“. Diese entstand 807/10 in Oberitalien im Zusammenhang mit dem Frankenkönig Pippin von Italien, nachdem dieser 806/07 die Mauren von Korsika vertrieben und zuvor 798 an einem verwüstenden Feldzug gegen die böhmischen Slawen teilgenommen hatte. In den gegen 860 abgeschlossenen sogenannten „Annales Xantenses“, die Gerward, der ehemalige Pfalzbibliothekar Ludwigs des Frommen in den Jahren 814-30, anlegte, werden sie Beuwinitha geschrieben. Dieses ist niederfränkisch und entspricht der Herkunft Gerwards vom Niederrhein oder aus Friesland, wo germ. ai zu ē monophthongiert und der stimmhafte Spirant germ. đ als th beibehalten wird. Das aber bestätigt das Erstglied des Baiernnamens germ. *Baiowarjōz, der in Verbindung mit den Beovinidi auf Böhmen bezogen werden kann und somit als Klammerform *Baio[haima]warjōz zu verstehen ist, so dass der Name der Baiern „ursprünglich tatsächlich ‚Leute aus Böhmen’ bedeutet“.2 Wenn die Schreibung Beovinidi auch im Codex Gothanus auftritt, so ist zu bedenken, dass er dem fränkischen Umkreis König Pippins angehört und in diesem Namen wohl auch dort fränkisches ē für germ. ai galt.3 Damit hält Wolfram an der von der Sprachwissenschaft vorgetragenen Erklärung des Baiernnamens fest und erteilt somit indirekt sowohl der Romanentheorie als auch der Norikertheorie eine Absage. Wenn ich recht sehe, haben die verschiedenen Beiträge von Arno Rettner und Hubert Fehr zur Herkunft der Baiern auch sonst bei Historikern kein Echo ausgelöst. Dafür beschreitet nun Irmtraut Heitmeier in ihrem umfänglichen Beitrag zum Sammelband „Die spätantiken Wurzeln der bairischen Noricum-Tradition“ als „Überlegungen zur Genese des Herzogtums“ völlig neue, kühne Wege.

Heitmeier betont, dass man hinsichtlich der Entstehung des Herzogtums und der Herkunft der Baiern immer nur aus gegenwärtiger Sicht Bayern und damit bezüglich der Frühzeit bloß die westliche Raetia secunda im Blick habe, jedoch das zugehörige, östlich gelegene Noricum ausblendet. Es gibt aber vom Frühmittelalter bis ins 12. Jh. eine Tradition, die Bayern mit Noricum in Zusammenhang bringt. Ihr geht Heitmeier nach, um daraus neue Einblicke sowohl in die Frage nach der Herkunft der Baiern als auch der Entstehung des Herzogtums zu gewinnen.

Schon um 790 erzählt Paulus Diaconus in seiner „Langobardengeschichte“ nach einer Quelle aus der Zeit um 600, dass der Langobardenkönig Authari nach heimlicher Brautschau „von den Grenzen der Noriker“ (de Noricorum finibus) nach Italien zurückgekehrt sei, und erklärt deren Gebiet folgendermaßen (III, 30):

Noricorum siquidem provincia, quam Baiovariorum populus inhabitat, habet ab oriente Pannoniam, ab occidente Suaviam, a meridie Italiam, ab aquilonis vero parte Danuvii fluenta

Die Provinz der Noriker freilich, die das Volk der Baiovaren bewohnt, grenzt im Osten an Pannonien, im Westen an Suavien, im Süden an Italien, im Norden aber an einen Teil des Donauflusses.

An jüngeren derartigen Gleichsetzungen von Baiern mit Noricum sei die gleichlautende Promulgation zweier Freisinger Traditionen von 825 und 846 genannt, die mit den Worten beginnt (Tr. Freis., Nr. 521, 678):

Notum cunctis fidelibus in Noricana provincia …

Bekannt gemacht sei allen Getreuen in der norischen Provinz …

Beide Traditionen betreffen Besitzübertragungen im Umkreis von Mainburg rund 25 km nördlich von Freising und somit mitten im Herzen Bayerns bzw. in der einstigen Raetia secunda.

Solche westliche Ausweitungen der Territorialbezeichnung Noricum überraschen, wenn man bedenkt, dass seit der mittleren römischen Kaiserzeit der Inn nicht nur die Provinzgrenze der Raetia secunda und von Noricum bildete, sondern zugleich auch Zollgrenze zwischen dem westlichen Gallischen und dem östlichen Illyrischen Zollbezirk war. Obwohl die Reichsteilung von 395 in eine Westhälfte mit Rom und eine Osthälfte mit Konstantinopel/Byzanz zeitweise aufgehoben wurde, wirkte die westliche Zuweisung der Raetia secunda zu Italien und die östliche von Noricum und Pannonien zu Konstantinopel/Byzanz dennoch nach. Sie kam 476 nach der Absetzung des letzten weströmischen Kaisers Romulus August(ul)us insofern zum Tragen, als der oströmische Kaiser Zenon I. (476–491) sich nicht nur als Kaiser des Gesamtreiches betrachtete, sondern besonderes Interesse haben musste, an der Westflanke seines unmittelbar östlichen Herrschaftsbereiches in Noricum nach dem Zusammenbruch der weströmischen Herrschaft durch ständige Germaneneinfälle und dann durch den Abzug der romanischen Bevölkerung nach Italien wieder Ordnung und militärische Absicherung herzustellen. Wenn man bedenkt, dass sich die an der Reichsgrenze auftretenden Germanengruppen mit dem Grundwort -warjōz / -varii ‚Wehrmänner, Schützer, Verteidiger‘, nämlich ihres eigenen Grenzgebietes, bezeichnen und sich im Baiernnamen Baiowarjōz / Baiovarii das Erstglied auf Böhmen bezieht, dann lässt sich folgender Schluss ziehen.

Unter Berücksichtigung des militärischen Aspektes dieser Bezeichnung kann man annehmen, dass solche germanischen Verbände zur Verteidigung eines Gebietes eingesetzt wurden. Dabei mussten die germanischen Soldaten weder in das römische Heer eingegliedert werden, noch als Föderaten Aufnahme finden, sondern diese Gruppen übten in einem vertraglich festgelegten Gebiet selbst Befehlsgewalt aus, so dass sie faktisch im Besitz des Territoriums waren. Im Fall von Ufernoricum wäre vorstellbar, dass ein Teilverband der aus Böhmen abziehenden Elbgermanen, die später im Osten unter dem Namen der Langobarden in Mähren und dem östlichen Niederösterreich und dann in Pannonien reüssierten, sich nach Südwesten orientierte, die Donau überschritt und vom oströmischen Kaiser auf dem Reichsboden von Ufernoricum unter Vertrag genommen wurde, um diesen byzantinischen Grenzraum abzusichern. Damit aber war Ufernoricum fest in germanischer Hand und haftete der Name Baiowarjōz / Baiovarii somit auf dem Gebiet östlich des Inns, das heute das voralpine Ober-und Niederösterreich ausmacht. Als nach dem Tod der Gotin Amalasvintha 535 die Langobarden in Pannonien mit Byzanz im Osten und den expansiven fränkischen Merowingern im Westen politisch zusammenwirkten, behielten die Baiern in Ufernoricum die Oberhand, und der von den Franken eingesetzte neue Herzog „Garibald muss es gewesen sein, dem es gelang, die Gebiete westlich und östlich des Inns im Sinne des späteren bairischen Herzogtums zu verbinden“.4 Damit aber kam es, was Heitmeier nicht mehr weiter verfolgt, sichtlich auch zur Ausweitung des germanischen Baiernnamens vom stärkeren östlichen Gebietsteil auf den schwächeren westlichen, so dass mit der Raetia secunda ein bairisches Gesamtgebiet als neues Herzogtum entstand. Dabei wurde in Fortsetzung der antiken Namentradition das westliche Gebiet teilweise auch mit dem östlichen lateinischen Namen Noricum bezeichnet.5

Dieser zweifellos spekulative kombinierende Gedankenbau wird wahrscheinlich bei positivistisch ausgerichteten, vorwiegend mit überlieferten Fakten arbeitenden Historikern wenig Anklang finden. Trotzdem lässt sich eine solch mögliche östliche Herkunft der Baiern aus Ufernoricum, die man als Norikertheorie bezeichnen kann, mit namenkundlichen Argumenten stützen, die Heitmeier jedoch nicht in Betracht zieht. Sie betrifft Niederösterreich und damit das östliche Gebiet von Ufernoricum östlich der Enns, während Oberösterreich westlich dieses Flusses und der Salzburger Flachgau allgemein als altbairisches Land gelten.

Im niederösterreichischen Alpenvorland zwischen dem Wienerwald im Osten als alter Grenze von Noricum und Pannonien und der Enns im Westen, die sich um 700 als Grenze der westlichen deutschen Baiern gegenüber den im Osten auf Grund der Herkunft der Ortsnamen dominierenden Slawen herausgebildet hat, gibt es sowohl Gewässernamen antik-romanischer Herkunft, deren Integrierung ins Bair.-Ahd. mit den frühen, bis längstens 650 wirksamen älteren Akten der Zweiten Lautverschiebung erfolgt ist, was bei den integrierten Gewässer- und Ortsnamen slawischer Herkunft gänzlich fehlt, als auch solche Gewässernamen, deren Lauterscheinungen ebenfalls ohne slawische Vermittlung unmittelbar ins Bair.-Ahd. übernommen und weiterentwickelt worden sind. Ohne dass dies hier näher ausgeführt werden kann, handelt es sich bei der ersten Gruppe um die folgenden antik-romanischen Gewässernamen6:

Erlauf, rechter Nebenfluss der Donau bei Pöchlarn

D: 'ɒlɒf

U: antik Arlape, classis Arlapensis, fälschlich Arelate; 832, 853 Erlafa/Erlaffa, 979 Erlaffa.

E: Die antike Benennung Arlapa ist ein Kompositum mit dem im deutschen Süden seltenen Grundwort idg. *apā ‚Wasser‘ und als Bestimmungswort einer Ableitung von idg. *er-/or- (uridg. *h3er-)7 ‚in Bewegung setzen‘ in gr. ὄρνυμι ‚antreiben, losstürzen‘ als l-Ableitung *or-lo/-lā (uridg. *h3r-lo, fem. *h3r-lā) ‚losstürzend‘, so dass der GewN „losstürzendes Wasser“ bedeutet. Wie es zu bair.-ahd. Ërlaffa mit bair.-ahd. ë kam, ist bisher nicht überzeugend geklärt worden, hängt jedenfalls nicht mit bair.-ahd. erila ‚Erle‘ mit Primärumlauts-e zusammen.8

Zehnbach, sehr kleines rechtes Seitenbächlein und Ort südlich von Pöggstall am Oberlauf der Erlauf

D: 'dsenֽbǭx

U: 1363, 1367, 1375 Zenpach

E: Bair.-ahd. *Zennepah wird zurückgeführt auf lat./rom. *Tania, wohl idg.-vspr. *Tanā zu idg. *tā-/tǝ- (uridg. *teh2-, Präsens *t--h2- ‚benetze, tauche etwas ein‘).9

Loich, rechter Seitenbach am Oberlauf der Pielach und Ort

D: lōįx

U: 1307, 1317 Levch; 1380, 1419, 1432 Leuch.

E: Ursprünglich wohl der keltische Name der dann slaw. benannten Pielach (831 Belaa, 811 Bielaha, 1072 Pielaha, 1130 Piela; slaw. Běla ‚die Weiße‘) als lat./rom. *Leuca, kelt. *Leukā (vgl. gr. λευκός ‚weiß‘).

Zur zweiten Gruppe gehören:

Url, großer linker Nebenfluss der Ybbs bei Amstetten und kleiner rechter bei Waidhofen

D: 'ūɒ-l

U: 863 Hurulam; 903, 906 Urulam; 984, 10. JhII, 1094-1100 Urula

E: Bair.-ahd. Urula aus lat./rom. *Urla wird einerseits auf Grund des gekrümmten Laufes erklärt als idg.-vspr. *Urlā (vgl. osk. uruvú ‚Krümmung, Biegung‘, lat. urvum ‚gekrümmte Pflugschar‘) und andererseits gestellt zu uridg. *h2er- ‚feucht sein‘ jeweils mit -l-Erweiterung. Integriert als bair.-ahd. Urula mit anlautendem U- und Stützvokal -u-, was bei slaw. Vermittlung *Wurula aus slaw. *Vъr(ъ)la und heute *Wurl ergeben hätte.

Traisen, rechter Nebenfluss der Donau bei Traismauer

D: drǭɒsn

U: antik Tragisam(um); 828 Dreisma, 895 Treismae, 10. JhII Traisma.

E: Kelt. *Tragisamā mit kelt. trag- zu uridg. dhre/gh- ‚schleppen, ziehen‘ (vgl. gall. vertragus ‚schnellfüßiger Hund‘) als s-Stamm *trages- und Superlativsuffix *-is-ṃmā im Sinne von „sehr schnell fließender Fluss“ mit rom. Kontraktion von -agi- zu -ai-, das bei slaw. Vermittlung durch -a- substituiert worden wäre und heute *Trasen ergeben würde.

Ferner kann hier trotz seiner nicht eindeutigen Integrierung der Bergname Kollmitzberg angeschlossen werden:

? Kollmitzberg, von Westen her weithin sichtbarer Berg rechts an der Donau bei Amstetten, der sich rund 200 m über die Ebene erhebt.

D: 'khōįmɒs ֽ bęɒg

U: 1135 Chalmunze, 1151 Chalmŏnze

E: Lat./rom. *Calamontia, wohl idg.-vspr. *Kalamontā mit idg. *kel-/kol- (uridg. *kelH-) ‚aufragen, hochragen‘ und *m-t-/mnio- ‚Berg, Gebirge‘ im Sinne von „hoch aufragender Berg“, was dem Erscheinungsbild entspricht. Wenn die Lautfolge -tia bereits assibiliert war, so erfolgte bei früher spätgerm. Übernahme Substituierung von [tsa] durch [ta] und dann frühe Zweite Lautverschiebung zu -z-. Im Zweitglied wurde -o- vor -nt- zu -u- gehoben und dann in der 2. Hälfte des 8. Jhs. zu [ü] umgelautet und anlautendes K- zu Ch- lautverschoben.

Was mögliche frühe bair.-ahd. Siedlungsnamen betrifft,10 gelten die -ing- und die -heim-Namen als die ältesten, auch stark verbreiteten Bildungstypen. Während sich die -heim-Namen, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, auf den oberösterreichischen Raum beschränken, sind die -ing-Namen im niederösterreichischen Alpenvorland bis um Wien im Osten stark verbreitet. Werden die -ing-Namen als „Pioniernamen“ betrachtet, indem von den darin genannten Personen angenommen wird, dass sie mit ihren Leuten den Grund und Boden in Besitz nahmen, so werden die -heim-Namen als jünger angesehen, indem sie bereits den Ansitz und damit eine gewisse Beheimatung im Neuland ausdrücken.

Unter diesen Aspekten stellte sich in der Forschung um 1980 die Frage, wie die divergenten Ansichten einer bairischen Besiedlung Niederösterreichs seitens der Geschichtswissenschaft, der Archäologie und der Sprachwissenschaft in Einklang gebracht werden können. Vor allem die Archäologie rechnete wegen einer bairischen Fundleere im 6. und 7. Jh. mit einer sukzessiven bairischen Besiedlung erst ab 976, als die Markgrafschaft Österreich der Babenberger errichtet worden war. Dem aber widersprachen die Ergebnisse der Sprachwissenschaft mit der Integrierung der Gewässernamen mit den ältesten Akten der Lautverschiebung bis spätestens gegen 650 und weiterer Integrierungen, auch von Gewässer- und Ortsnamen slawischer Herkunft in der 2. Hälfte des 8. Jhs. und im 9. Jh. So wurde ein Kompromiss dahingehend gefunden, dass schon spätestens seit dem 7. Jh. frühe bairische Verkehrskontakte in den Osten bestanden, zumal die Ennsgrenze gegen die Slavia sich erst um 700 ausbildete, was nicht nur frühe, sondern auch spätere Integrierungen von Gewässernamen ermöglichte, zumal Gewässer mit ihrem festen Verlauf Orientierungshilfen in der Landschaft boten und dies besonders im 7. Jh. bei geringer Besiedlung. Eine breite bairische Besiedlung setzte erst ab 976 ein, die im rund letzten Dreivierteljahrhundert der ahd. Zeit die damals noch aktiven zahlreichen -ing-Namen als Ausdruck der Inbesitznahme des neuen Territoriums im allerdings von Slawen bewohnten Land mit sich brachte. Die damals ebenfalls noch aktiven -heim-Namen fanden aber unter solchen Gegebenheiten keinen rechten Platz. Erst im 11. Jh. folgten dann als Ausbausiedlung die vielen -dorf-Namen.

Gegenüber diesen Auffassungen lassen sich jedoch anhand ihres Lautstandes 3 -ing-Namen im westlichen Niederösterreich wegen ihres, durch das -i- des Suffixes ausgelösten Primärumlautes von a zu e näher datieren. Sie müssen bereits vor der 2. Hälfte des 8. Jhs. entstanden sein, denn in dieser Zeit war der Primärumlaut wirksam. Es handelt sich um folgende Orte:

Empfing, Dorf, Gem. Stephanshart, PB Amstetten

D: 'empfiŋ

U: 1260-86 Emphinge, 1368 Empfing, 1411 Empfing in Steffensharter pharr

E: Mit dem bair.-ahd. PN Ampho

L: Wiesinger (1985), S. 355; Ernst (1989), S. 143; Schuster I (1989), S. 581.

Sölling, Dorf, Gem. Purgstall a. d. Erlauf, PB Scheibbs

D: 'söliŋ

U: 1108-16 predium … Selingin dictum, 1375 Sêling, 1392 Soling, 1402 Sling

E: Mit bair.-ahd. PN Salo11

L: Wiesinger (1985), S. 355; Ernst (1989), S. 180; Schuster III (1994), S. 2911.

Hösing, Weiler, Gem. Hürm, PB Melk

D: 'hēsiŋ

U: 1319 Hesyng in Chulber pharr, 1425 Hossing; 1430, 1455 Hesing

E: Mit dem bair.-ahd. PN Haso

L: Wiesinger (1985), S. 355; Ernst (1989), S. 156; Schuster II (1990), S. 308.12

Da in Niederösterreich Baiern aus dem Westen vorgedrungen sind, besteht bei Orten mit -ing-Namen auch die Möglichkeit der Namenübertragung aus dem Altsiedelland. Das wäre hier nur möglich bei Empfing als Dorf bei Traunstein, Oberbayern (1178-82 Otto filius Ottonis de Amphingen, 12. JhII Otto de Emphingen)13 sowie bei Sölling als Dorf in Büchlberg nördlich Passau, und als Einzelhof bei Waldkirchen, Lkr. Freyung-Grafenau, Niederbayern (1308 Vlreich von Selling, 1310 Jacob der Amman von Selling),14 Selling als Weiler von Cham, Oberpfalz (ca. 1180 Hiltebrandus de Sellingen, 12. JhII Hilprandi de Sellingen, 1393 zu Selling), Sölling als Zerstreute Häuser bei Steinerkirchen a. d. Traun, PB Wels-Land, Oberösterreich (1299 Selling, 1467 Seelling) und bei Sölling als Weiler von Oberlebing bei Allerheiligen i. Mühlkreis, PB Perg, Oberösterreich (13. JhE datz Seling; 1421, 1512, 1559 Selling). Da aber das niederösterreichische Sölling unmittelbar an der Erlauf gegenüber von Zehnbach und Empfing vor dem Kollmitzberg liegt, ist angesichts von deren früher bair.-ahd. Integrierung autochthone Entstehung und Benennung dieser beiden Orte sehr wahrscheinlich. Hösing, das keine Entsprechung im Altsiedelland hat, liegt westlich der Pielach, die ursprünglich Loich hieß, und damit ebenfalls in der Nähe eines früh aufgegriffenen Flussnamens. Somit legen diese drei Orte nahe, dass es spätestens vor der Mitte des 8. Jhs. in Niederösterreich neben zahlreichen slawischen Siedlungen zumindest vereinzelt auch bairisch-deutsche Niederlassungen gab und nicht nur Gewässernamen frühe bairische Zeugnisse darstellen.

Die Annahme von Irmtraut Heitmeier, die Identitätsbildung der Baiern sei im ausgehenden 5. Jh. als militärische Schutztruppe unter oströmisch-byzantinischer Oberhoheit in Noricum von einer elbgermanischen, von den südostwärts ziehenden Langobarden sich abspaltenden Gruppe ausgegangen, kann also aus der Sicht der Namenkunde anhand der Gegebenheiten in Niederösterreich Unterstützung erfahren. Umgekehrt könnte mit Hilfe einer solchen von den Langobarden abzweigenden elbgermanischen Gruppe die frühe Integrierung lautverschobener antiker und einiger anderer Gewässernamen erklärt werden, denn auch bei den Langobarden gibt es die älteren Akte der Zweiten Lautverschiebung, die bei germ. t seit ihrem Auftreten in Italien am ausgeprägtesten vorhanden ist.15 Einer solchen neuen Auffassung von der Ethnogenese der Baiern schließt sich jedoch nicht die weitere Geschichtswissenschaft (Herwig Wolfram) und auch nicht die Archäologie an. Letztere kann weiterhin keinerlei langobardisch geprägte Funde im niederösterreichischen Donauraum westlich des Wienerwaldes, von Einzelstücken bei St. Pölten und Krems abgesehen, feststellen. Solche treten vielmehr zahlreich im Osten nördlich der Donau im Weinviertel und Marchfeld und südlich des Flusses im Umkreis der Leitha und im nördlichen Burgenland auf, wo sich ja die Langobarden um 500 niedergelassen hatten, ehe sie nach Pannonien weiterzogen.16

1.6. Zusammenfassung des neueren Forschungsstandes

Der aktuelle Forschungsstand zur Herkunft und zum Namen der Baiern seitens der daran beteiligten Disziplinen der Archäologie, der Sprachwissenschaft und der Geschichtswissenschaft bietet ein heterogenes Bild, wobei man vor allem eine gegenseitige Berücksichtigung der Fachmeinungen und eine echte Diskussion vermisst. Dabei wird das in den 1970-80er Jahren erzielte, weitgehend übereinstimmende Bild, wie es 1988 die Baiernausstellung in Mattsee und Rosenheim zusammenfassend darlegte, großteils, wenn auch nicht von allen Disziplinen und ihren einzelnen Forschern, in Frage gestellt und werden neue Ansichten vorgetragen. Im Einzelnen ist festzuhalten:

 Die Archäologie stellt eine Einwanderung elbgermanischer Gruppen in die Raetia secunda, das heutige Bayern, was in erster Linie anhand des übereinstimmenden Keramiktypus von Přešt’ovice – Friedenhain nachzuweisen versucht worden war, völlig in Frage, weil diese Keramik, wenn auch in Variation überall verbreitet sei. Während man damals in den Reihengräbern zu beiden Seiten des Limes trotz nördlicher Brandbestattung und südlicher Körperbestattung Übereinstimmungen in den Beigabensitten erkannte, wird nun die Verschiedenheit hervorgehoben.

 Daraus wird nun seitens der Archäologie der Schluss gezogen, die Identitätsbildung der Baiern – der neue Terminus statt bisherigem Ethnogenese – sei auf dem römischen Boden der Raetia secunda durch die bodenständige romanische Bevölkerung und ohne zugewanderte germanische Gruppen von jenseits des Limes erfolgt, wofür es auch keinerlei schriftliche Zeugnisse gibt. Die Frage, wieso sich dann nicht das Romanische etabliert, sondern die germanisch-deutsche Sprache durchgesetzt hat, wird weder gestellt noch erwogen.

 Eine Bestätigung dieser „Romanentheorie“ von der Herkunft der Baiern sieht die Archäologie einerseits in der Tradierung und Integrierung antik-romanischer Gewässer- und insbesondere Siedlungsnamen in der Raetia secunda und andererseits in den auf das Fortleben von Romanen verweisenden deutschen Walchen- und Parschalken-Namen als auch in den zahlreichen deutsch gebildeten Mischnamen mit einem romanischen Personennamen und einer deutschen Ableitung oder häufiger als Kompositum mit einem deutschen Grundwort.

 Seitens eines Teils der Vertreter der Namenkunde wird dargelegt, dass vor allem im voralpinen Raum der Raetia secunda des heutigen Ober- und Niederbayerns im Gegensatz zu Ufernoricum des heutigen Ober- und Niederösterreichs, von der Umgebung Salzburgs abgesehen, die Romanen über das Ende des weströmischen Reiches 476 hinaus zahlreich weiterlebten, was aus den vom 8.–10. Jh. überlieferten romanischen Personennamen gefolgert wird, wenn sich an diesen auch zunehmend bair.-ahd. Lauterscheinungen als Ausdruck ihrer Integrierung abzeichnen. Das lässt allerdings bezweifeln, ob die Träger solcher angepasster Personennamen romanischer Herkunft noch wirklich Romanen waren und romanisch sprachen.

 Beides – archäologische Beurteilungen sowie tradierte antik-romanische Gewässer- und Siedlungsnamen und romanische Personennamen – führt dazu, dass seitens der Archäologie und im Anschluss vereinzelt auch von einem Namenforscher versucht wird, den Namen der Baiern aus dem Romanischen abzuleiten. Das aber scheitert an der Nichtberücksichtigung der von der germanistischen Sprachwissenschaft längst erkannten gesetzlichen und nicht willkürlichen Wortbildung und ebensolchen Lautentwicklungen, so dass sich derartige konstruierte Herleitungen als unwissenschaftliche Volksetymologien erweisen.

 Die germanistische Sprachwissenschaft sieht keine andere Möglichkeit als an der schon im 19. Jh. richtig vorgetragenen lautgesetzlichen Etymologie des Baiernnamens als (ur)germ. Sg. *Baiowarjaz / Pl. *Baiowarjōz (lat. Baiovarius / Baiovarii), zu Beginn des 6. Jhs. westgerm. *Baiawari / *Baiawarja festzuhalten, wenn das Bestimmungswort Bai- dieses gereihten Kompositums teilweise auch anders zu interpretieren versucht wurde als vom größeren Teil der Linguisten und Historiker in Verbindung mit dem auf die Boier zurückgehenden Namen Böhmens als lat. Boi(o)haemum / germ. *Baihaim / bair.-ahd. und mhd. Pēheim. Davon leitet sich die „Böhmentheorie“ der Herkunft der Baiern aus Böhmen – freilich nicht im Sinn der Grenzen des ehemaligen Königreiches Böhmen bzw. des heutigen Tschechiens – ab.

 Unter Beibehaltung der germanistischen Herleitung des Baiernnamens von Böhmen wird seitens der Geschichtswissenschaft nun zur Erklärung der Herkunft der Baiern die zu beobachtende teilweise Bezeichnung von Bayern und damit der einstigen Raetia secunda als Noricum vom 8.–12. Jh. eingebracht. Daraus wird gefolgert, dass die Ethnogenese der Baiern in Ufernoricum, dem heutigen Nieder- und Oberösterreich, erfolgt ist, indem eine elbgermanische, von den südostwärts ziehenden Langobarden abzweigende Gruppe angesichts der Zughörigkeit von Noricum zur oströmisch-byzantinischen Reichshälfte nach der Auflösung Westroms 476 vom oströmischen Kaiser unter Vertrag genommen wurde, um die Westflanke seines Reiches als Wehrmänner gegen die ständigen Germaneneinfälle abzusichern. Diese Wehrmänner wurden mit dem Namen ihres Herkunftsgebietes als germ. *Baiowarjōz / lat. Baiovarii bezeichnet. Mit der Bildung des bairischen Herzogtums und der Einsetzung von Herzog Garibald nach 535 von Westen her durch die Franken war es seine Aufgabe, beide Gebietsteile zu vereinigen, und damit dehnte sich der Baiernname und mit ihm die Gebietsbezeichnung Noricum nach Westen in die ehemalige Raetia secunda aus.

 Bezüglich der Herkunft des Baiernnamens und der Identitätsbildung der Baiern stehen sich die „Böhmen-“, die „Romanen-“ und die „Norikertheorie“ gegenüber, die in allen drei beteiligten Disziplinen, der Sprachwissenschaft, der Archäologie und der Geschichtswissenschaft, jeweils Vertreter haben.

Angesichts der heutigen Hervorhebung, ja Überbetonung des zweifellos über das Ende des Römerreiches 476 hinaus gebietsweise unterschiedlich langen Weiterlebens von Romanen im Alpenvorland der Raetia secunda und im westlichen Noricum vom oberbayerischen Lech bis zur oberösterreichischen Enns als des Entstehungsraumes der Baiern und ihres frühmittelalterlichen Herzogtums halten wir es für angebracht, die als Beweis für die Kontinuität herangezogenen Gewässer- und Siedlungsnamen antik-romanischer Herkunft systematisch zusammenzustellen und ebenso auf Stichhaltigkeit zu überprüfen wie die deutsch gebildeten Mischnamen mit einem als romanisch angesehenen Personennamen. Wann der Großteil dieser Gewässer- und Siedlungsnamen antik-romanischer Herkunft und Etymologie spätestens ins Bairisch-Althochdeutsche oder sogar erst ins Mittelhochdeutsche integriert wurde, lässt sich größtenteils mit Hilfe der Chronologie der zeitlich unterschiedlich eingetretenen und verschieden lange wirksamen germanischen, bairisch-alt- und mittelhochdeutschen Lautwandlungen und Lautsubstitutionen von den ersten Jahrhunderten n.Chr. bis ins 12. Jh. datieren. Spätestens ab dem Beginn eines einschlägigen Lautwandels muss ein davon betroffener Name integriert worden sein. Auf diese Weise wird sich ein annäherndes Bild ergeben, wann in welchen Kleinräumen die Baiern auftraten und die antik-romanischen Namen in ihre Sprache aufnahmen und sie sich dann in dieser fortentwickelten. Um nicht den Eindruck zu erwecken, die germanistische Sprachwissenschaft arbeite quasi mit Zaubermitteln, die vor allem Fachfremde meist nicht nachzuvollziehen vermögen, werden die angewandten sprachhistorischen Kriterien und die ungefähren Datierungen wenigstens in Umrissen einführend dargelegt. Obwohl es bis jetzt zwar derartige gebietsweise Untersuchungen gibt, behandeln wir zum ersten Mal den gesamten anstehenden Raum systematisch und zusammenhängend, wodurch wir ein geschlossenes Raumbild vermitteln, das wir auch auf entsprechenden Karten mit der Angabe der Datierungskriterien visualisieren.

2. Die Integrierung antik-romanischer Gewässer- und Siedlungsnamen ins Bairisch-Althochdeutsche
2.1. Allgemeine linguistische Voraussetzungen

Da nur wenige Gewässer- und Siedlungsnamen in antiken Geschichtswerken, Geographien, Landkarten, Ortsverzeichnissen und Inschriften überliefert sind, aber wesentlich mehr Namen nur mündlich tradiert wurden, ist es die Aufgabe der sprachwissenschaftlichen Namenkunde, mit Hilfe der historischen Grammatik und insbesondere der historischen Lautlehre des Germanischen und des Deutschen aus den jüngeren schriftlichen Erstnennungen vor allem in Urkunden, Traditionsbüchern, Urbaren, Chroniken und Heiligenviten von der althochdeutschen bis in die spätmittelhochdeutsche Zeit des 8. bis 14. Jhs. und auch unter Beiziehung der Ausgangssprachen Lateinisch und Romanisch die zugrunde liegenden Namensformen und ihre lautlichen Entwicklungen zu rekonstruieren. Da sich die Lautentwicklungen mündlich vollziehen, aber sich in der schriftlichen Überlieferung der Namen oftmals Schreibtraditionen gegen die herrschende Aussprache eingestellt haben, müssen bei der Rekonstruktion auch die geradlinig entwickelten örtlichen Dialektaussprachen der Namen miteinbezogen werden. Die angewandte Methodik basiert auf den von der historischen Sprachwissenschaft der Ausgangs- und der Entlehnsprache ermittelten regulären Lautgesetzen, nach denen sich die Lautentwicklungen gerichtet und nicht willkürlich vollziehen.

Treten zwei Gruppen mit verschiedenen Sprachen miteinander in Kontakt, so werden Wörter als Bezeichnungen von Sachen und Namen von einer Sprache in die andere entlehnt. Das geschieht in der Weise, dass bei gleichem Lautinventar beider beteiligten Sprachen eine Gleichsetzung von Vokalen und Konsonanten erfolgt. Verfügt aber die Entlehnsprache nicht über Laute der Ausgangssprache, so tritt Lautsubstitution mit dem nächstähnlichen Laut ein. Hinsichtlich der Flexion werden die entlehnten Wörter und Namen dem morphologischen System der Entlehnsprache angepasst. Ebenso können unterschiedliche Akzentuierungen angeglichen werden wie im Fall des Lateinischen und Romanischen mit Paenultimabetonung gegenüber dem Germanischen und Althochdeutschen mit Initialakzent.

Mit Hilfe der an den Namen erkennbaren lautgesetzlichen Entwicklungen lässt sich auch die Zeit der Integrierung annähernd bestimmen. Annähernd deswegen, weil sich ein Lautwandel vom Eintritt bis zur festen Etablierung und dem Auslaufen seiner Produktivität über einen kürzeren oder längeren Zeitraum erstreckt und schriftlich erst festgehalten wird, wenn er eine deutlich wahrnehmbare neue Lautgestalt angenommen hat. Die Integrierungen erstreckten sich durch rund 1100 Jahre und begannen besonders an der Donau teilweise schon um Chr. Geb. und in den folgenden ersten Jahrhunderten n.Chr. ins Germanische und ab dem ausgehenden 6. Jh. in das Frühalthochdeutsche und dauerten über das Normal- und Spätalthochdeutsche des 8. bis 11. Jhs. bis ins Frühmittelhochdeutsche des 12. Jhs. Ist ein Wort oder ein Name einmal entlehnt und lautlich und formal integriert worden, so vollzieht er seine Weiterentwicklungen wie ein Erbwort. So ist heute nicht mehr erkennbar, dass z.B. Bezeichnungen wie Mauer, Ziegel, Fenster frühe Lehnwörter aus dem Lateinischen sind, die die Germanen verbunden mit den Sachen im Kontakt mit den Römern am Rhein in den ersten Jahrhunderten n.Chr. aufgegriffen haben. Da die Übernahme von Namen mündlich erfolgte, lässt sich daraus schließen, dass Romanen mindestens bis zum Zeitpunkt der Integrierung an den jeweiligen Orten oder Gewässern lebten und dort ihre Sprache gebrauchten. Hier ist allerdings insofern Vorsicht geboten, als ein integrierter Name erst jüngere Lautmerkmale aufweisen kann, so dass seine Aufnahme bereits längere Zeit zurück liegen kann, ohne dass dies an den Lautverhältnissen ablesbar wäre. Wenn z.B. die Stadtnamen Wels und Linz in Oberösterreich auf Grund ihrer Lautmerkmale bereits ins Germanische der ersten nachchristlichen Jahrhunderte entlehnt und integriert worden sind, dann ist völlig unwahrscheinlich, dass der Name des Flusses Traun, an dem die beiden Städte liegen, erst im 8. Jh. ins Althochdeutsche übernommen wurde, wie man aus dem beobachtbaren jüngeren Akt der Zweiten Lautverschiebung schließen könnte. Man muss also die Integrierung der Namen über die linguistischen Feststellungen hinaus auch in räumlichen, zum Teil auch historischen Zusammenhängen sehen.

Aus diesen einleitenden Feststellungen ist zu ersehen, dass die lautgesetzliche Rekonstruktion der Ausgangsformen antik-romanischer Namen und ihre Integrierungs- und Weiterentwicklungsprozesse nur mit Hilfe der historischen Sprachwissenschaft sowohl der Ausgangssprachen als auch der Entlehnsprache und damit bloß von der linguistischen Fachwissenschaft adäquat geklärt werden kann. Damit aber sind öfters unternommene Erklärungsversuche von Laien, die nicht über das erforderliche linguistische Fachwissen und Rüstzeug verfügen und die die lautgesetzlichen Entwicklungsprozesse nicht beachten, zum Scheitern verurteilt. Sie bleiben daher unwissenschaftliche und unverbindliche Volksetymologien, wie es anhand der oben dargelegten neuen Erklärungen des Baiernnamens zu sehen war. Zugegeben sei, dass auch von der Sprachwissenschaft durchgeführte, lautgesetzlich abgesicherte Rekonstruktionen und Erklärungen unterschiedlich ausfallen können. Sie haben ihre Ursache meist darin, dass mehrere Ansätze möglich erscheinen und die Wahrscheinlichkeit unterschiedlich beurteilt wird.

2.2. Die Bedeutung der Dialektaussprachen von Namen und die bairischen Dialekte

Wie oben angesprochen, kommt wegen der mündlichen Entwicklung der Namen den rezenten örtlichen Dialektaussprachen von Siedlungsnamen bei der Rekonstruktion ihrer älteren Vorstufen und der Ausgangsformen über die schriftliche Überlieferung hinaus eine nicht unwesentliche Bedeutung zu. Das gilt auch für Gewässernamen, wobei längere Flüsse oftmals mehrere Dialektgebiete durchfließen und dementsprechend auch mehrere unterschiedliche Dialektaussprachen aufweisen können.

Der bairisch Dialektraum1 erstreckte sich zur Zeit seiner größten Ausdehnung bis 1945 zum Ende des Zweiten Weltkrieges von der Salurner Klause in Südtirol im Süden bis Markneukirchen im südlichen Vogtland im Norden und vom Lech in Bayern und dem Arlberg in Österreich im Westen bis an die Ostgrenze des Burgenlandes mit einigen kleinen westungarischen Randgebieten im Osten. Nur im Westen und Nordwesten grenzt das Bairische an deutsche Dialektregionen: das Alemannische und seinen Teildialekt Schwäbisch, das Ostfränkische und das Obersächsische. Dagegen umgeben das Bairische im Süden, Osten und Nordosten die Fremdsprachen Italienisch und Ladinisch, Slowenisch, Ungarisch, Slowakisch und Tschechisch. Die Binnengliederung des Bairischen auf Grund unterschiedlicher Lautentwicklungen weist eine Süd-Nord gelagerte Dreiteilung in Süd-, Mittel- und Nordbairisch auf. Zum Südbairischen gehören Tirol ohne das Unterland, Kärnten, der Salzburger Lungau, das Mur- und älter auch noch das Mürztal der Obersteiermark und die Südsteiermark sowie die Südspitze des Burgenlandes. Das Mittelbairische umfasst Ober- und Niederbayern, den Salzburger Flachgau, Oberösterreich und Niederösterreich ohne dessen Südosten und bis 1945 Südböhmen und Südmähren. Im Westen des Süd- und des Mittelbairischen hat sich in Westtirol und am Lechrain in Oberbayern ein alemannisch-bairisches Übergangsgebiet aufgebaut. Zwischen das Süd- und das Mittelbairische schiebt sich vom Südrand Oberbayerns und dem Tiroler Unterland über das südliche Salzburg, das steirische Ennstal, jünger das Mürztal und die Oststeiermark bis in das südöstliche Niederösterreich und das Burgenland als Übergangsgebiet das Südmittelbairische. Das Nordbairische setzt bereits südlich der Donau um Vohburg – Straubing ein und erfüllt die Oberpfalz und bis 1945 das Egerland, wobei der Nürnberger Raum im Westen zum Ostfränkischen überleitet. Im Osten hat sich im Bayerischen Wald und bis 1945 im westlichen Böhmerwald das Übergangsgebiet des Nordmittelbairischen gebildet.

Da wir unseren Untersuchungsraum auf den Bereich zwischen dem Lech im Westen und der Enns im Osten mit Ober- und Niederbayern, dem Salzburger Flach- und Tennengau bis zum Paß Lueg und der Donau als Nordgrenze beschränken und damit den frühen Siedlungsraum der Baiern erfassen, ergeben sich bezüglich der Dialektlautungen der Siedlungs- und Gewässernamen folgende Verhältnisse. Ihr größter Teil gehört dem Mittelbairischen mit allerdings verschiedenen Kleinräumen an. Südmittelbairisches findet sich am Südrand von Oberbayern und im Salzburger Tennengau. Nordbairisches tritt ab Vohburg – Straubing bis zur Donau auf. Es muss aber eingeräumt werden, dass vom heutigen Rückgang der alten bodenständigen Dialekte zugunsten der von der Schriftsprache abhängigen Umgangssprache auch die Namen betroffen sind, indem ihre Dialektaussprachen in Bayern mehr als in Österreich durch umgangssprachliche, an den amtlichen Schreibungen orientierte Lautungen ersetzt werden. Wir geben soweit wie mögliche die alten „echten“ Dialektaussprachen wieder und vermerken, wo jene nicht mehr vorhanden sind, die geneuerten umgangssprachlichen Lautungen.

Die in den Namenartikeln unter D gebotenen Transkriptionen der Dialektaussprachen erfolgen in dem an der Schriftsprache orientierten, in der Dialektologie häufig angewandten, etwas modifizierten sogenannten „Teuthonista-System“. Im Vokalismus werden in der Vertikalen geschlossene und mit untergesetztem Häkchen bezeichnete offene Vokale in den dreigliedrigen Hoch- und Mittelzungenvokalreihen unterschieden. Der Tiefzungenvokalbereich umfasst vorderes helles a und hinteres dunkles å („bayerisches“ a). So ergibt sich folgendes Vokalviereck:


palatal palatal velar
ungerundet gerundet gerundet
i ü u
į ų
e ö o
ę ǫ
a å

Auf zentralisierte velopalatale Aussprache vorderer und palatovelare hinterer Vokale wird zwar hingewiesen, sie bleiben aber unbezeichnet. Nasalierte Vokale werden bei Nasalschwund mit hochgestelltem n wiedergegeben. Die Vokallänge drückt ein übergesetzter Strich aus. Der abgeschwächte a-Laut in unbetonten Silben und in fallenden Diphthongen wird mit ɒ bezeichnet. Steigende Diphthonge sind ei – öü – ou, ęi – ü – ǫu, aį – a/ǫi – aų; fallende iɒ – uɒ, įɒ – ųɒ, eɒ – oɒ, ęɒ – ǫɒ. Gehören zwei aufeinander treffende Vokale zwei Silben an, so trennt sie ein Bindestrich -.

Im Konsonantismus werden bei Plosiven und Frikativen stimmlose Lenes und stimmlose Fortes unterschieden. Ihren drei Artikulationsbereichen dental, labial und velar sind auch die Nasale zugeordnet. Die palatoalveolaren Frikative werden mit š und  bezeichnet. Der Hauchlaut (Spirant) ist h. Anlautendes k wird vor Vokalen als kh aspiriert, im Südmittelbairischen auch vor Konsonant. Halbvokale sind stimmhaftes j und labiodentales oder leicht bilabiales stimmhaftes w. Der Liquid l weist nicht nur anlautend vor Vokalen, sondern auch vor Konsonanten unterschiedliche Artikulationen auf, was unbezeichnet bleibt. Vor Konsonanten und im Auslaut ist er nur im Südmittelbairischen noch teilweise erhalten, wird aber ansonsten vokalisiert. Der Liquid r wird im Anlaut vor Vokalen und mit vorangehendem Konsonant meistens als leicht gerolltes vorderes Zungenspitzen-r, teilweise und besonders bei der jüngeren Generation aber auch als hinteres Zäpfchen-r gebildet. Für die Plosive, Frikative und Nasale ergibt sich folgendes System, wobei die Lenes stimmlos sind:


dental labial velar
Plosive Lenes d b g
Fortes t p k
Frikative Lenes s, š v x
Fortes ß,  f χ
Nasale n m ŋ

2.3. Die Namenschichten im bairischen Dialektraum

Im oben beschriebenen bairischen Dialektraum treten nach Herkunft, Alter und Sprache insgesamt 8 Schichten von Gewässer- und Siedlungsnamen auf. Zu ihnen kommen als 9. Kleingruppe jüngere slowenische, tschechische und kroatische Namen hinzu. Es sind dies:

1 Nichtindogermanische Namen

2 Indogermanisch-voreinzelsprachliche Namen

3 Keltische Namen

4 Lateinische und romanische Namen

5 Germanische Namen

6 Bairisch-deutsche Namen

7 Slawische Namen

8 Ungarische Namen

9 Slowenische, tschechische und kroatische Namen

Die Namen der Schichten 1–4 können als Antik-romanische Namen zusammengefasst werden, denn sie gingen mit der Einverleibung von Raetien und Noricum als Provinzen in das Imperium romanum 15 v.Chr. schließlich in das Lateinische und das daraus weiterentwickelte Romanische ein und wurden aus diesem entweder schon früh ins Germanische oder erst später ins Bairisch-Frühalthochdeutsche integriert. Wegen des heute gleichzeitigen Nebeneinanders von Gewässer- und Siedlungsnamen aus verschiedenen Sprachen und zeitlichen Perioden geben wir jeweils kurze Übersichten über alle Namenschichten. Dabei steht das mit Ortsnamenbüchern systematisch aufgearbeitete Österreich gegenüber dem nur teilweise erforschten Bayern im Vordergrund.1 Die Verbreitung von Siedlungsnamen antik-romanischer Herkunft in Österreich – für Bayern gibt es leider keine Karten – zeigt Karte 6.

2.3.1. Nichtindogermanische Namen

In Tirol gibt es sehr wenige indogermanisch nicht erklärbare Siedlungsnamen wie die bereits antik bezeugten Vipitenum – Wipptal und Veldidena – Wilten und das erst 930/31 erstmals genannte Sûates – Schwaz. Sie könnten vielleicht rätischer Herkunft sein, zumal aus dem Inn- und dem Etschtal rätische Inschriften stammen. Sowohl die Herkunft der Räter als auch ihre Sprache sind nicht geklärt. Feststeht jedoch, dass die rätische mit der etruskischen Sprache verwandt ist und diese mit der Sprache frühantiker Inschriften der Kleinasien vorgelagerten griechischen Insel Lesbos korrespondiert. Wahrscheinlich sind die wohl aus Lydien in Kleinasien kommenden Etrusker um 1000 v.Chr. in Mittelitalien eingewandert, deren Kultur von 800–50 v.Chr. blühte, ehe sie in der römischen Kultur aufging. Ob die Räter ein selbständiges oder ein von den Etruskern abgezweigtes Volk waren, ist ebenfalls strittig. Im Anschluss an antike Quellen wird teilweise vermutet, dass nordetruskische Stämme im 5. Jh. v.Chr. aus der Poebene in die Alpen flohen und sich dort ansiedelten, als die Kelten in die Poebene eindrangen. Infolge der römischen Alpenfeldzüge von Drusus und Tiberius 15–13 v.Chr. wurden auch Raetien und die Räter dem Römerreich eingegliedert und wich das Rätische allmählich dem Lateinischen.

2.3.2. Indogermanisch-voreinzelsprachliche Namen

Die älteste greifbare Namenschicht in Europa sind die Indogermanisch-voreinzelsprachlichen Namen. Sie sind hauptsächlich von Frankreich über Mitteleuropa, Skandinavien, die baltischen Länder, den Balkan und Russland bis gegen den Ural verbreitet und geringer in England und den Mittelmeerländern Spanien, Italien und Griechenland. Als Gewässernamentypen weisen sie wiederkehrende bestimmte Lexeme und Morpheme auf und wurden von Hans Krahe als „Alteuropäische Hydronymie“ zusammengefasst und beschrieben.1 Ihre Entstehung liegt zeitlich vor der Ausbildung der idg. Einzelsprachen wahrscheinlich in der Zeit von ca. 4000–1500 v.Chr., als sich die Indogermanen wahrscheinlich von ihrem anfänglichen Siedlungsbereich zwischen Schwarzem Meer, Kaspischem Meer und südlichem Ural allmählich nach Westen ausbreiteten. Da aber nicht alle feststellbaren Gewässernamen idg. Herkunft sich dem Typus der „Alteuropäischen Hydronymie“ einordnen und es außerdem Siedlungsnamen idg. Herkunft gibt, empfiehlt sich als umfänglichere Bezeichnung „indogermanisch-voreinzelsprachlich“ (abgekürzt idg.-vspr.).

Im bairischen Raum gehören zu dieser überall auftretenden Namenschicht im Bereich des Nordtiroler Inntales Gewässer- und Siedlungsnamen, die auf die dort namentlich bekannten Stämme der Breonen, Genaunen und Fokunaten zurückgehen. Sie nennt das Tropaeum Alpium in La Turbie über Monaco in Südfrankreich, das 7/6 v.Chr. als Siegesdenkmal errichtet wurde, nachdem 15–13 v.Chr. Drusus und Tiberius 46 Alpenstämme besiegt und ihre Gebiete in Raetien und Noricum dem Imperium romanum bis zur Donau als neue Provinzen einverleibt hatten. Dass ihre idg. Sprache um Chr. Geb. bereits etwas unterschiedliche lautliche und vom rekonstruierten Indogermanischen abweichende, weiterentwickelte Merkmale aufwies, liegt auf der Hand und lässt sich an den Namen aufzeigen.2 Im Einzelnen aber kann man nicht bestimmen, wann die der idg.-vspr. Schicht angehörigen Namen entstanden sind. Sie waren aber im bairischen Raum zumindest vor dem 5. Jh. v. Chr. vorhanden, als die nächstjüngere Namenschicht aufkam. Ebenso schwierig ist die Beantwortung der Frage, wie lange sich idg.-vspr. Idiome und ihre Namen erhalten haben. Teilweise lässt sich zeigen, dass diese Namen zunächst in das nachfolgende Keltische integriert wurden, ehe sie während der 500jährigen Römerzeit ins Lateinische aufgenommen und über ihre Weiterentwicklung im Romanischen ins Bairisch-Althochdeutsche gelangten. Wenn sich der Romane Quartinus aus dem Südtiroler Eisacktal 827/28 anlässlich von Schenkungen an das Kloster Innichen als Angehöriger der nationis Noricorum et Pregnariorum nennt, dann handelt es sich gewiss nicht mehr um das Fortleben der indogermanischen Sprache der Breonen und der keltischen der Noriker, sondern um ein tradiertes Bewusstsein ehemaliger Zugehörigkeiten.3

In der bayerischen und österreichischen Namensforschung wurden bis gegen 2000 die idg.-vspr. Namen mit Hilfe jener Form des Indogermanischen bestimmt und rekonstruiert, wie sie jahrzehntelang praktiziert und im „Indogermanischen etymologischen Wörterbuch“ (IEW) von Julius Pokorny 1959 dargestellt wurde. Aber in der Indogermanistik hat sich die von Ferdinand de Saussure schon 1879 vermutete und zunächst anhand des Hethitischen nachgewiesene Laryngaltheorie immer mehr behauptet und nun durchgesetzt. Sie zeigt gewissermaßen ein Urindogermanisch auf, doch kann man nicht unmittelbar sagen, dass die bisher angenommene Form mit bereits weiter entwickelten Lautungen ohne Laryngale ein allgemeiner jüngerer Zustand gewesen wäre. Da die Forschungen im Fluss sind, werden bei den hier behandelten idg.-vspr. Namen als Kompromiss teilweise die bisherigen Etymologien und Ansätze geboten und die laryngalen Ansätze nach dem LIV von 2001 und dem NIL von 2008 in Klammern als „uridg.“ hinzugefügt oder bereits nur die laryngalen Formen angegeben.

2.3.3. Keltische Namen

In archäologischer Sicht wird die ältere eisenzeitliche Hallstattkultur von ca. 800–450 v.Chr., die sich von Ostfrankreich über die Schweiz, Süddeutschland, Böhmen, Österreich, die Westslowakei und Ungarn bis Slowenien erstreckte, von einem Teil der Forscher ebenso als keltisch betrachtet, wie die sich anschließende jüngere eisenzeitliche Blütezeit der La Tène-Kultur bzw. jüngeren Hallstattkultur von ca. 450–50 v.Chr. Jedenfalls erfolgte um 450 v.Chr. in den bayerischen und österreichischen Raum eine starke westliche Zuwanderung aus Ostfrankreich und Südwestdeutschland, die zur raschen Assimilierung der älteren hallstattzeitlichen Bevölkerung führte. Zwar ist die ethnische und sprachliche Zugehörigkeit der älteren Hallstattkultur umstritten, doch wird mehrheitlich angenommen, dass es sich dabei um jene idg. Sprachträger handelt, auf die die idg.-vspr. Namen zurückgehen, und dass erst die Träger der La Téne- bzw. jüngeren Hallstattkultur Kelten waren.

Das Festlandkeltische ist von sehr wenigen Inschriften abgesehen in erster Linie durch Gewässer- und Siedlungsnamen und antik überlieferte Personennamen bekannt, die im Vergleich zum fortlebenden und weiterentwickelten Inselkeltischen in England, Schottland und Irland bestimmte frühe Gemeinsamkeiten aufweisen und sich dadurch als eigene westidg. Sprache zu erkennen geben. Dazu gehören u.a. die Monophthongierung von idg. ei zu ē (*reinos > gall. Rēnos, lat. Rēnus ‚Rhein‘), die Vokalisierung der silbischen Liquide  und  vor Plosiven zu ri und li (*bhgh- > brig ‚Berg‘ in Brigantia ‚Bregenz‘) und der Schwund von anlautendem p- (*pen-/pon-/p- ‚Schlamm, Sumpf, Wasser‘ > gall. anam, lat. Anisa, -us, -is ‚Enns‘). Die Rekonstruktion keltischer Namen erfolgt unter Mitberücksichtigung von aus Gallien überlieferten einzelnen Wörtern (gall.) und der Einbeziehung der inselkeltischen Sprachen und da besonders ihrer überlieferten älteren Sprachstufen. Wenn aber Namen nicht eindeutige keltische Lauterscheinungen aufweisen, bleibt fraglich, ob sie keltischer oder schon idg.-vspr. Herkunft sind. Das lässt sich auch dann nicht sicher erschließen, wenn das zugrundeliegende idg. Lexem neben anderen idg. Sprachen auch im Keltischen vorkommt.

Da die Kelten eine nachrückende Bevölkerung waren, haben sie die Vorbevölkerung und deren idg.-vspr. Namen zum Teil abgedrängt. Das lässt sich an einzelnen Gewässernamen in Niederösterreich zeigen, wo die Oberläufe von Flüssen im Bergland einen älteren idg.-vspr. Namen tragen, während die Unterläufe in der Ebene keltisch benannt sind, z.B. Naters (slawisiert < *Natirā) – Loich (< *Leukā, heute slaw. Pielach), Dürnitz (slawisiert < *Durinā) – Traisen (< *Tragisamā). Die Kelten haben aber neben Neubenennungen auch angetroffene idg.-vspr. Namen, insbesondere Gewässernamen aufgegriffen und in ihre Sprache integriert. Das wird wahrscheinlich beim Inn (gr. Ἔνος) als eines großen und langen rechten Nebenflusses der Donau bei Passau der Fall gewesen sein. Zwar gibt es mir. en ‚Wasser‘, doch ist seine Herkunft fraglich und nahe liegender, idg.-vspr. Bildung mit idg. *pen- ‚Schlamm, Sumpf, Wasser‘ und p-Verlust bei Keltisierung anzunehmen. Da die keltische Kultur in Raetien und Noricum rasch nach der Einverleibung dieser Gebiete als Provinzen ins Imperium romanum 15. v. Chr. der römischen Kultur wich, gingen die keltischen Namen wie die zum Teil keltisierten idg.-vspr. Namen ins Lateinische über und entwickelten sich teilweise ins Romanische weiter, ehe sie ins Bairisch-Althochdeutsche integriert wurden.

2.3.4. Lateinische und romanische Namen

Nachdem Julius Caesar im Gallischen Krieg 58–51 v.Chr. im Nordwesten die römische Herrschaft auf Gallien und die linksrheinischen Gebiete ausgedehnt hatte, setzten Drusus und Tiberius die nördliche Ausweitung des Imperium romanum fort, indem sie im Nordosten 15–13 v.Chr. die Kelten von Raetien und Noricum unterwarfen und anschließend 12–9 v.Chr. Pannonien dem Römerreich einverleibten. Neben der Stationierung römischen Militärs siedelte sich allmählich römische Bevölkerung an und fasste die römische Kultur Fuß. Damit setzte sich auch die lateinische Sprache durch und verdrängte sowohl das Keltische wie auch weitere noch existente Reste der vorangegangenen Sprachen. Einerseits übernahmen die Römer das bisherige Namengut wie etwa keltisches Lentia ‚Linz‘ und wohl keltisiertes idg.-vspr. Ovilavis ‚Wels‘ und gaben neuen Orten lateinische Namen wie Batava ‚Passau‘. Erst recht gründeten die nach dem Zusammenbruch des Römerreiches fortlebenden Romanen neue Orte und benannten sie mit romanischen Namen, wie der Salzburger Raum deutlich zeigt, so etwa Vicone ‚Vigaun‘, Monticolo ‚Muntigl‘ oder Plagina/Plaina ‚Plain‘.

Zwar war die lateinische Schriftsprache seit dem 1. Jh. v.Chr. und besonders der augusteischen Zeit von ihren Schriftstellern und Dichtern wie Cicero, Sallust, Livius, Vergil, Horaz und Ovid geprägt, aber daneben gab es nicht nur landschaftliche Varietäten, sondern es entwickelte sich gleichzeitig auch das von der Schriftsprache abweichende mündliche Vulgärlatein, wie etwa Inschriften aus Pompei zeigen. In der rund 500jährigen Römerzeit bis zum Ende des weströmischen Reiches 476 entwickelte sich das Vulgärlatein zum Romanischen weiter. Zwar lassen sich anhand der verschiedenen romanischen Sprachen die gebietsweise unterschiedlichen Weiterentwicklungen aufzeigen, aber trotz der Verwilderung der Schriftsprache vom 6.–8. Jh. ist es schwierig und dies besonders für den anstehenden Raum der Romania submersa von Raetien, Noricum und Pannonien, anhand des am Südrand noch fortlebenden alpenromanischen Rätoromanischen, Ladinischen und Friulanischen festzustellen, wann sich die einzelnen Weiterentwicklungen vollzogen haben. Beobachtungen und Datierungen etwa in den Zentralräumen Italien und Frankreich lassen sich nicht unmittelbar auf die nördlichen Randgebiete übertragen. Aber anhand der ins Germanische und dann ins Bairisch-Althochdeutsche integrierten Namen von den ersten nachchristlichen Jahrhunderten bis ins beginnende 12. Jh. kann man vor allem bei unterschiedlichem Lautstand und den zeitlich verschiedenartigen Lautsubstitutionen Einsichten in die romanischen Entwicklungsabläufe gewinnen und sie datieren. So zeigt sich, dass z.B. Kuchl bei Hallein in Salzburg als 930 ad Chuchulam mit inlautendem <ch>/[χ] den älteren Akt der Zweiten Lautverschiebung von lat. Cuculle, wie es im 4. Jh. die Tabula Peutingeriana und als Cucullis 511 die Vita Severini überliefern, vollzogen hat. Auf derselben Form beruht hier aber auch der Almname Gugelan aus rom. Cugulanu mit romanischer Inlautlenierung von lat. <c>/[k] zu rom. [g]. Da die Lautverschiebung bis längstens 650 produktiv war, kann die Inlautlenierung erst danach frühestens ab etwa 625 eingetreten sein. Das aber widerspricht der romanistischen Datierung der Inlautlenierung vom 4.–6. Jh. Sie hat sich also im Alpenraum als nördliches romanisches Randgebiet sichtlich erst viel später vollzogen als in den Zentralräumen und lässt sich anhand der Ortsnamenintegrate datieren.

Wie diese beiden Beispiele zeigen, profitieren nicht nur die beiden beteiligten linguistischen Disziplinen der Romanistik und der Germanistik aus den sprachlichen Kontaktphänomenen für die Erhellung ihrer Sprachgeschichten, sondern es ist anhand der Datierungen auch möglich, zu ermitteln, in welchen Gebieten und bis ungefähr in welche Zeiten das Romanische dort erhalten blieb. Das aber soll erst später ausführlich behandelt werden. Auch die im Süden des Voralpenraumes auftretenden deutschen Walchen- und Parschalken-Namen spiegeln das dichtere Fortleben von Romanen in der bairischen Umgebung der Frühzeit. Ähnlich verhält es sich mit den mit einem romanischen Personennamen deutsch gebildeten Mischnamen, wo man besonders bei früher urkundlicher Bezeugung annehmen kann, dass ein Romane der Ortsgründer war, doch die deutschsprachigen Baiern die Romanen an Zahl übertroffen haben werden.

Unter den verschieden gebildeten lateinischen und romanischen Siedlungsnamen treten die Praediennamen auf lat. -ācum hervor, die als Typus 15 % der gesamten tradierten lat./rom. Siedlungsnamen ausmachen.

2.3.5. Germanische Namen

Die ersten kriegerischen Begegnungen zwischen Römern und Germanen ereigneten sich im Gallischen Krieg von Julius Caesar 58–51 v.Chr. am Niederrhein. Immer wieder versuchten die Römer die germanischen Gebiete bis zur Elbe zu erobern, doch mussten sie diese Absicht nach der vernichtenden und sehr verlustreichen Varus-Schlacht 9 n.Chr. zurückstellen. Aber es gelang ihnen, zu den linksrheinischen Gebieten am Oberrhein die rechtsrheinischen Bereiche hinzuzugewinnen und im heutigen Südwestdeutschland die Provinz Germania superior zu errichten und sie mit dem Germanisch-Rätischen Limes von Rheinbrohl bis Lorch/Rems und in Fortsetzung bis Eining/Donau gegen das freie Germanien zu begrenzen und mit Kastellen abzusichern. Entlang der Donau folgte dann der Norische oder Donaulimes bis Vindobona/Wien und in Fortsetzung ebenfalls entlang des Flusses der Pannonische Limes. Während der Germanisch-Rätische Limes als feste Grenzsicherung zu Beginn des 2. Jhs. n.Chr. entstand, errichtete man an der Donau schon um die Mitte des 1. Jhs. erste Kastelle, vertraute aber weitgehend der natürlichen Begrenzung durch den mächtigen Fluss, bis 167 n.Chr. die plündernden und brandschatzenden Markomannen einfielen und es 172 unter Kaiser Marc Aurel zu den Markomannenkriegen kam. Sein Sohn und Nachfolger Commodus (180–192 n.Chr.) begann den Wiederaufbau der zerstörten Grenzsicherungen, die dann verstärkt, ausgebaut und erweitert wurden.

Obwohl der Bayerische Wald und die Wälder des oberösterreichischen Mühl- und des niederösterreichischen Waldviertels den elbgermanischen Stämmen wenig Siedlungsmöglichkeiten boten, gab es Durchzugsstraßen, auf denen Warentransporte in beiden Richtungen erfolgten. So erhielten einige Flüsse nördlich der Donau in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten germanische Namen wie die Mühlbäche im Mühlviertel, während solche Gewässernamen im niederösterreichischen Wald- und Weinviertel wie Thaya, Pulkau und Zaya erst über slawische Vermittlung ins Deutsche gelangten. Obwohl im 5. Jh. im niederösterreichischen Weinviertel bis um Krems/Donau die ostgermanischen Rugier die Nachbarn der Römer waren, lassen sich ihnen weder Gewässer- noch Siedlungsnamen zuordnen.

2.3.6. Bairisch-deutsche Namen

Wie im 1. Teil dieser Untersuchung zu ersehen war, treten die Baiern als eigener spätgermanischer Stamm zwar im 6. Jh. auf, aber Siedlungsnamen sind in ihren Wohngebieten erst seit der 2. Hälfte des 8. Jhs. urkundlich überliefert. In ihrer Frühzeit haben die Baiern jedoch schon antik-romanische Gewässer- und Siedlungsnamen übernommen, wie aus den Lautungen der Integrate mit den älteren Akten der Zweiten Lautverschiebung zu ersehen ist, die bis längstens 650 wirksam waren. In positivistischer Weise hat Gertrud Diepolder die im bairischen Herzogtum bis zum Ende des 8. Jhs. urkundlich überlieferten Siedlungsnamen der Agilolfingerzeit von Augsburg am Lech bis Linz an der Donau einschließlich von ganz Salzburg und von Tirol zusammengestellt, um einen Überblick über die anfänglichen Siedlungen der Baiern zu gewinnen.1 Sie belaufen sich auf rund 580 Namen, die nur einen Bruchteil der anzunehmenden tatsächlichen Siedlungen und ihrer Namen ausmachen. Aber bei Kartographierung ergeben sich bereits deutlich die anfänglichen Siedlungsräume, die in etwa auch mit den bislang erfassten Reihengräberfeldern korrespondieren.2 Sie liegen im Norden an der Donau von Regensburg bis Passau, um die Kleine Laber von Mallersdorf bis Straubing sowie an der unteren Isar und Vils von Dingolfing und Reisbach bis zur Donau. Im Westen zeichnet sich ein großes Areal vom Staffelsee im Süden über Landsberg – München bis Pfaffenhofen, Freising und Mainburg im Norden ab. Im Süden von Oberbayern setzt sich diese Siedlungszone nach Osten bis Ebersberg und Rosenheim sowie ins Tiroler Unterinntal fort. Eine nördlich folgende Zone tritt von Erding ostwärts bis Mühldorf und Altötting am Inn auf, wo sich die Gebiete am unteren Inn und an der Rott anschließen. Ein dichter südöstlicher Bereich erstreckt sich von Traunstein – Trostberg – Burghausen an der Salzach bis in den Salzburger Flachgau, das Gebiet um die Stadt Salzburg und in das Salzachtal bis zum Paß Lueg. Dagegen ist das Vorkommen von früh urkundlich bezeugten Ortsnamen in Oberösterreich am Inn und im Innviertel sowie entlang der alten Römerstraße von Linz über Wels und Vöcklabruck im Traun- und Hausruckviertel bis Salzburg gering.

Von den rund 580 Namen sind zwar jene rund 50 Namen romanischer Herkunft und die rund 10 romanisch-deutschen Mischnamen sowie jene rund 20 Namen im Alpenraum abzuziehen, aber es verbleiben dann immer noch rund 500 deutsche Namen. Unter ihnen treten jene hervor, die während der althochdeutschen Zeit bis zum Ende des 10. Jhs. produktive Siedlungsnamentypen bilden. Es sind dies 110 -ing-, 52 -bach-, 44 -dorf-, 29 -hausen-, 18 -aha-, 14 -berg(-), 10 -heim-, 7 -stat-/-stetten- und 4 -hofen-Namen. Während für Bayern leider sowohl systematische Zusammenstellungen aller dieser Namentypen und ihrer Kartographierung fehlen, gibt es sie für Österreich und insbesondere für Oberösterreich als den östlichen Teil des altbairischen Siedlungsraumes. Sie seien nach Bildung, Alter und Verbreitung unter Einbeziehung des Salzburger Flachgaues im Folgenden kurz charakterisiert.3

Als ältester und häufigster Siedlungsnamentypus der ahd. Zeit erweisen sich die aus dem Germanischen ererbten -ing-Namen. Sie sind allergrößtenteils von Personennamen abgeleitet und drücken Zugehörigkeit im Sinne von „die zu … gehörigen Leute“ aus, so dass die genannte Person als Ortsgründer und Grundherr anzusehen ist und der meist im lokativischen Dativ Plural festgewordene ahd. Siedlungsname auf -ingun, das über mhd. -ingen zu nhd. -ing wird, „bei den Leuten des …“ bedeutet. Da die echten -ing- Namen4 bis um die Jahrtausendwende produktiv waren, wird anhand ihrer urkundlichen Erstüberlieferung eine ungefähre Trennung in eine ältere anfängliche Schicht und eine jüngere der ersten Welle der Ausbausiedlung des 9. und 10. Jhs. versucht. Das trifft wahrscheinlich insofern zu, als zu den Besitznamen mit einem Personen- oder Standesnamen der älteren Gruppe bei der jüngeren auch Lagenamen mit einer appellativischen Lageangabe hinzu treten. Die Verbreitung der älteren und jüngeren Siedlungsnamen auf -ing in Österreich – für Bayern gibt es leider keine Übersichten – zeigt Karte 8.

In Oberösterreich und Salzburg erstrecken sich die -ing-Namen von der Donau im Norden einschließlich der geographisch zum Süden gehörigen Ebenen des Ottensheimer Beckens und des Machlandes bis vor das Bergland vor der Stadt Salzburg und bis zur Nordspitze der Salzkammergutseen. Im Osten reichen sie bis etwa zur Krems als Westgrenze des slawischen Siedlungsgebietes. Ausgespart bleiben im Innviertel der Weilhart und der Kobernaußerwald im Süden und der Esternberg im Norden und im Hausruckviertel das Bergland des Hausrucks. So siedelten die Baiern in den fruchtbaren ebenen Gunstlandschaften.

Alle weiteren ahd. Namentypen sind Komposita als Besitznamen mit einem im Genitiv gefügten Personen- oder Standesnamen, Lagenamen mit einem gereihten Appellativ und Artnamen mit einem gefügten oder gereihten Adjektiv.5

Fast ebenso häufig wie die echten -ing-Namen sind in Oberösterreich und Salzburg die -heim-Namen, die ebenfalls germanisches Erbe verkörpern, aber gegen die Ränder weniger weit reichen als jene. Ihre Produktivität ist jünger, und sie gehören größeren Teils der ersten Welle der Ausbausiedlung des 9. und 10. Jhs. an. Sind die -ing-Namen „Pioniernamen“, die die Besitzergreifung ausdrücken, was am Ende des 10. Jhs. in Niederösterreich nach der Errichtung der Babenberger Markgrafschaft und der deutschen Besiedlung der slawischen Gebiete besonders deutlich wird, so bedeutet das Grundwort -heim ‚Heim, Ansitz‘, so dass der Name in einem Gebiet gewählt wird, in dem man sich bereits beheimatet fühlt, was in Niederösterreich nicht der Fall ist, so dass dort die -heim-Namen so gut wie fehlen und nur vereinzelt vorkommen.6 Zwar weisen auch sie als Bestimmungswort mehrheitlich einen Personen- oder Standesnamen auf, aber häufig gibt es bereits Lage- und Artnamen. Die Verbreitung der -heim-Namen in Österreich – für Bayern gibt es leider keine Übersicht – zeigt Karte 9.

Mit den -heim-Namen korrespondieren die -hausen-Namen, die ahd. hūs ‚Haus‘ im lokativischen Plural verwenden und wieder als Besitz- und geringer als Lage- und Artnamen begegnen. Gegenüber den -heim-Namen kehren sie zwar die Gebäude hervor, beinhalten im übertragenen Sinn aber auch die Abstammung (vgl. z.B. das Herzogshaus, Haus Habsburg), so dass sie im räumlichen Sinn ähnlich den -heim-Namen auch den Ansitz im beheimateten Gebiet ausdrücken. Daher kommen in Oberösterreich und Salzburg die -hausen-Namen dort gehäuft vor, wo die -heim-Namen zurücktreten wie im südlichen Innviertel und anschließenden nördlichen Flachgau.

Von den weiteren Siedlungsnamentypen der ahd. Zeit begegnen die -stat-/-stetten-Namen und die -hofen-Namen nur geringfügig. Ursprüngliche Flurnamen waren die -wang-Namen für abschüssiges trockenes Gelände, die dann in mhd. Zeit von gleichbedeutendem līte – Leite abgelöst wurden. Die anfängliche bair.-ahd. Bezeichnung für Fließgewässer war aha – Ache, zu dem Bach in Konkurrenz trat und es ablöste, so dass es auf das anfängliche bairische Siedelland von Oberösterreich und Salzburg beschränkt bleibt. Wenn aber in der bayerischen Statistik die -bach-Namen sehr zahlreich auftreten, so muss man bedenken, dass sie in erster Linie Fließgewässer an sich bezeichnen, die wegen ihrer Nutzung als Fischgewässer im Besitz von Grundherren waren und an denen erst allmählich Siedlungen entstanden. Ähnliches gilt für die Bezeichnung von Anhöhen mit Berg. Als Siedlungsnamen wurden beide Namentypen erst gegen Ende des 10. Jhs. in der 2. Welle der Ausbausiedlung produktiv, als das Ackerbaugelände weitgehend genutzt und besiedelt war und es notwendig wurde, trockene Stellen auf Anhöhen und an Bächen zu wählen. Produktiver Haupttypus der 2. Welle der Ausbausiedlung aber sind die -dorf-Namen, obwohl es sie bereits in der Frühzeit gibt. Da ahd. dorf anfänglich ‚eingefriedetes Landstück mit Gehöft‘ bedeutete, entwickelte sich daraus bald ‚Ansiedlung mit mehrerer Gehöften‘, eben ‚Dorf‘. Die -dorf-Namen lösten ab der 2. Hälfte des 10. Jhs. die -ing-Namen ab und werden wie diese fast ausschließlich mit einem Personen- oder Standesnamen gefügt. Mit ihnen wurden neu angelegte Kleinsiedlungen auf noch freiem Gelände in den Gunstlandschaften benannt.

Gehört bereits die 2. Welle der Ausbauzeit zum größeren Teil in das 11./12. Jh. und damit sprachlich in die spätahd./frühmhd. Zeit, so sei hier die 3. Welle der Ausbausiedlung des 12. und 13. Jhs. und damit sprachlich der mhd. Zeit nur der Vollständigkeit halber genannt. Sie ist angesichts der ständig zunehmenden Bevölkerung geprägt durch die Rodungen von Waldgelände zur Gewinnung neuen Siedelbodens. Ihre Namentypen sind die nur allgemein auf Rodung verweisenden -reit-Namen (mit den Varianten -rad, -roit, -red/-röd und südbairisch [-]raut), die die Arten des Rodens bezeichnenden -schlag, -schwand/-schwend und -sang-Namen sowie im niederösterreichischen Waldviertel die elliptischen Genitivischen Ortsnamen.

2.3.7. Slawische Namen

Nachdem 568 die Langobarden Pannonien geräumt hatten und nach Italien abgewandert waren, konnten aus dem Osten die zunächst den Awaren tributpflichtigen Slawen nachrücken. Sie drangen in die nach Osten offenen Täler der Drau und der Mur ins Alpengebiet bis ins Osttiroler Pustertal und in den Salzburger Lungau flussaufwärts vor und kamen über das Paltental ins obersteirische Ennstal und Ausseerland und von dort über den Pötschenpass ins südoberösterreichische Salzkammergut um Bad Ischl. Donauaufwärts besetzten sie Niederösterreich und gelangten von dort flussaufwärts ins untere Enns- und Steyrtal des oberösterreichischen Traunviertels, wo sie sich mit flussabwärts vom obersteirischen Ennstal über den Pyhrnpass vorstoßenden südlichen Slawen vermischten. Im Wein-, Wald- und Mühlviertel sowie im Bayerischen Wald nördlich der Donau können sich Slawen von südlich der Donau und von Mähren und Böhmen von Norden her begegnet sein. In der nördlichen Oberpfalz ab etwa Weiden und in Oberfranken um Bayreuth und Bamberg kamen Slawen sowohl aus Böhmen von Osten her als auch aus den sorbischen Gebieten an der Saale aus dem Norden. Verblieben in Niederösterreich, wie bereits beschrieben, geringe frühe elbgermanische oder bairische Siedlungen erhalten, was aus einigen lautverschobenen und einigen weiteren tradierten antik-romanischen Gewässernamen hervorgeht, so wurden sie zu östlichen Sprachinseln und bildete sich gegen 700 an der Enns die Ostgrenze des geschlossenen bairischen Siedlungsraumes gegen die Slawen. Im alpinen Pustertal kam es 591 zu heftigen, sehr verlustreichen Kämpfen zwischen Baiern und Slawen, und es gelang dort den Baiern, ein weiteres Vordringen der Slawen nach Westen aufzuhalten, so dass Assling westlich von Lienz der äußerste Ort slawischer Ansiedlung mit einem slawischen Namen wurde. Die Verbreitung der Siedlungsnamen slawischer Herkunft in Österreich zeigt Karte 7.

Die Sprach- und Namenkontakte der Baiern und Slawen begannen erst, als die älteren Akte der Zweiten Lautverschiebung spätestens gegen 650 abgeschlossen waren, denn ins Bairisch-Althochdeutsche integrierte slawische Namen zeigen in den Grenzbereichen erst bair.-ahd. Lauterscheinungen ab dem beginnenden 8. Jh. wie die damals einsetzende jüngere Lautverschiebung von d zu t. Umgekehrt weisen slawische Namenformen noch urslawische Lautverhältnisse auf, wie Palten aus urslaw. *baltā ‚Sumpf‘ ohne die erst um 800 einsetzende slawische Liquidenmetathese zu slaw. blato, was dann bei Integrierung ins Bair.-Ahd. im 9. Jh. zu Vlat- führt. Die mit dem stetigen Vordringen der Baiern in die slawischen Gebiete verbundene Integrierung der slaw. Gewässer- und Siedlungsnamen erfolgte im Donauraum von der 2. Hälfte des 8. Jhs. bis ins 11. Jh. und damit früher als im Alpenraum, wo sie sich hauptsächlich vom 10. bis 12. Jh. mit Restgebieten bis ins 14. Jh. vollzog. Während das rekonstruierte Slawische im 9. und 10. Jh. den Zustand des Altkirchenslawischen zeigt, beginnen sich ab etwa der Jahrtausendwende die jüngeren, zu den slawischen Einzelsprachen führenden Entwicklungen anzubahnen. In Südkärnten hat sich das Slowenische und mit ihm ein Nebeneinander slowenisch/deutscher Doppelformen der Ortsnamen bis heute erhalten.

Was den Sprachwechsel der Slawen zum Deutschen betrifft, wird angenommen, dass er sich im Gefolge der Integrierung der slawischen Gewässer- und Siedlungsnamen vollzog. Aus namenkundlicher Sicht erfolgte starke bairische Einsiedlung in den niederösterreichischen Donauraum im auslaufenden 10. Jh. noch mit -ing-Namen, nachdem 976 die Markgrafschaft der Babenberger errichtet worden war. Im gesamten slawischen Bereich treten in großem und dichtem Vorkommen die jünger produktiven -dorf-Namen als Besitznamen auf. Zwar dominieren dabei deutsche Personennamen, doch kommen als Mischnamen auch slawische vor, so dass es nicht nur deutsche, sondern auch slawische Ortsgründer gab und mit ihnen noch die slawische Sprache teilweise lebendig gewesen sein wird.

2.3.8. Ungarische Namen

Das Ungarische (oder Magyarische) gehört mit dem Finnischen zu der aus Sibirien kommenden finnisch-ugrischen, nichtindogermanischen Sprachfamilie. Ungarische (oder magyarische) Namen finden sich im Burgenland, das nach dem Ersten Weltkrieg 1921 als das südöstlichste Bundesland zu Österreich gelangte, weil es ein mehrheitlich von Deutschen neben Kroaten und Ungarn bewohntes westliches Randgebiet des Königreiches Ungarn war.

Die Ungarn (oder Magyaren) des Frühmittelalters waren zunächst nomadische Reiterstämme wahrscheinlich aus dem nördlichen Uralgebiet, die sich im 9. Jh. im Karpathenbecken und um 900 in Pannonien aufhielten, von wo aus sie im 9. und 10. Jh. plündernd und raubend Mitteleuropa überzogen, ehe sie 955 auf dem Lechfeld bei Augsburg empfindlich geschlagen und unter Annahme des Christentums endgültig in Pannonien sesshaft wurden. Die Leitha als ungarische Westgrenze bildete sich erst im 12. Jh. mit dem Vorrücken der Babenberger ins Wiener Becken, während im Süden die Lafnitz die Ostgrenze der Karantanischen Mark seit der Karolingerzeit war. Die deutsche Einsiedlung in die nur dünn besiedelten westungarischen Grenzgebiete begann im 11. Jh. und erfolgte hauptsächlich im 12. und 13. Jh. von Niederösterreich und der Steiermark her und führte zur Integrierung der wenigen ungarischen Gewässer- und Siedlungsnamen ins Mittelhochdeutsche. Eine ehemalige ungarische Grenzwächtersiedlung erhielt sich bis heute als ungarische Sprachinsel im Mittelburgenland in der Warth mit den Orten Ober- und Unterwarth und Siget.

2.3.9. Slowenische, tschechische und kroatische Namen

Im Slowenisch gebliebenen zweisprachigen Gebiet Südkärntens gibt es nicht nur Siedlungsnamen, die in die slawische Frühzeit zurückgehen, sondern auch einzelne erst später, zum Teil bis ins 19. Jh. entstandene bereits slowenische Namen. In einer Reihe von Orten gelten heute amtlich zweisprachige deutsch/slowenische Namen, doch weichen die Dialektformen teilweise von den Schreibformen ab. Sie werden allerdings meist im Zusammenhang mit den slawischen Namen mitbehandelt.

Ebenso behandelt werden die wenigen Siedlungsnamen bereits alttschechischer Herkunft im oberösterreichischen Mühlviertel, die im Rahmen des hochmittelalterlichen Siedlungsausbaues entstanden sind, der sich vor allem in den deutschen Rodungsnamen abzeichnet.

Schließlich bilden eine besondere Namengruppe die kroatischen Siedlungsnamen im Burgenland und im südlichen niederösterreichischen Marchfeld nördlich der Donau. Sie gehen zurück auf Kroaten besonders von den Adriainseln, die nach dem Türkenkrieg von 1529 von der Mitte des 16. bis gegen die Mitte des 18. Jhs. von ungarischen Magnaten und österreichischen Adeligen angeworben und in den entvölkerten Landstrichen angesiedelt wurden. Nicht nur hat sich im Burgenland die kroatische Sprache bei der zweisprachigen Bevölkerung bis heute erhalten, sondern es bestehen auch amtliche zweisprachige Ortsbenennungen.

2.3.10. Zusammenfassung

Der Übersichtlichkeit halber haben wir im Hinblick auf die Gegenwart mit dem gleichzeitigen Nebeneinander von Gewässer- und Siedlungsnamen aus verschiedenen Sprachen und zeitlich sehr unterschiedlichen Perioden im bairischen Sprachraum insbesondere von Österreich, wo gegenüber Bayern eine systematische Aufarbeitung der Siedlungsnamen vor allem in Ortsnamenbüchern für die einzelnen Bundesländer erfolgt ist, alle auftretenden 9 Namenschichten kurz dargestellt. Für die hier vorliegende spezielle Untersuchung kommen davon aber nur die ersten 4 Namenschichten der nichtindogermanischen, der indogermanisch-voreinzelsprachlichen, der keltischen und der lateinischen und romanischen Namen in Betracht, die als antik-romanische Namen zusammengefasst werden können, weil sie letztlich, gegendweise verschieden, vom Lateinischen an über das daraus weiterentwickelte Romanische von den ersten nachchristlichen Jahrhunderten bis in den Beginn des 12. Jhs. ins Bairisch-Althochdeutsche bzw. Mittelhochdeutsche integriert worden sind. Das wird im Folgenden auszuführen sein, wobei im zu behandelnden Voralpenraum vom Lech bis zur Enns keine, die allerälteste Schicht bildenden nichtindogermanischen Namen vorhanden sind.

Was die Verbreitung der Siedlungsnamen antik-romanischer und slawischer Herkunft im Verhältnis zum Auftreten der bairisch-deutschen -ing- und -heim-Namen als den beiden ältesten deutschen Siedlungsnamentypen betrifft, so zeigen diese für Österreich – für Bayern gibt es leider keine Aufarbeitung – die Karten 6–9.1 Danach erfüllen die Siedlungsnamen antik-romanischer Herkunft in dichtem Vorkommen Nord-, Süd- und Osttirol und die Insel um die Stadt Salzburg und treten wesentlich geringer noch im Salzburger Pinzgau und Pongau sowie im südlichen Oberösterreich auf (Karte 6). Ihnen stehen gegenüber die Siedlungsnamen slawischer Herkunft (Karte 7). Sie sind verbreitet in Osttirol, dem Salzburger Lungau und Ennspongau und im südlichen und östlichen Oberösterreich mit dem Salzkammergut um Bad Goisern und Bad Ischl sowie dem östliche Traunviertel um die Steyr und untere Enns als den einstigen westlichen slawischen Grenzräumen. Östlich davon gehören ganz Kärnten, die Steiermark, das Burgenland und Niederösterreich zum früheren slawischen Siedlungsraum. Im Vergleich zu den Siedlungsnamen antik-romanischer Herkunft erweist sich Osttirol als ein Überschneidungsgebiet von älteren romanischen und jüngeren slawischen Siedlungsnamen, wobei Assling im Pustertal den westlichsten Grenzpunkt slawischen Vordringens markiert. Im Vergleich zur Verbreitung der romanischen und slawischen Siedlungsnamen zeigt Karte 9 mit den bairisch-deutschen -heim-Namen das ursprüngliche germanisch-deutsche Siedlungsgebiet. Es umfasst den Salzburger Flachgau nördlich der Stadt Salzburg und Oberösterreich südlich der Donau, doch mit dem Ottensheimer Becken und dem Machland unmittelbar nördlich des Flusses sowie ohne den einst slawischen Südosten, Osten und Norden des Landes. Gegenüber den -heim-Namen sind die -ing-Namen, wie Karte 8 zeigt, in Oberösterreich etwas weiter gegen die Ränder verbreitet und erfüllen vor allem das niederösterreichische Alpenvorland von der Enns bis Wien. Diese Verbreitungsunterschiede gehen auf die unterschiedlichen Nameninhalte zurück. Während die -heim-Namen den Ansitz als Heimstatt ausdrücken, spiegeln die -ing-Namen die Besitzergreifung von Siedlungsboden. Als „Pioniernamen“ wurden sie daher nach der Errichtung der babenbergischen Markgrafschaft an der Donau in Niederösterreich 976 im letzten Viertel des 10. Jhs. von den nach Osten ziehenden bairischen Siedlern vergeben. Diese Eigenschaft zeigen die -ing-Namen auch in Oberösterreich, indem sie in den Randgebieten als der ältere Namentyp weiter reichen als die jüngeren -heim-Namen.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
455 s. 10 illüstrasyon
ISBN:
9783772002120
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar