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Kitabı oku: «Das Halsband der Königin Denkwürdigkeiten eines Arztes 2», sayfa 29
Andrée erwartete voll Angst die Antwort des jungen Mannes; sie zitterte, er würde mit der liebevollen Tröstung antworten, um welche die Königin anzusuchen schien.
Charny aber wischte, ganz im Gegentheil, mit seinem Sacktuch die Stirne ab, suchte einen Stützpunkt auf der Lehne eines Fauteuil und erbleichte.
Die Königin schaute ihn an.
»Ist es nicht zu warm hier?« fragte sie.
Frau von La Mothe öffnete das Fenster mit ihrer kleinen Hand, welche an der Stange rüttelte, wie es nur die kräftige Faust eines Mannes gethan hätte. Charny schlürfte die Luft nur mit Wonne ein.
»Der Herr ist an den Seewind gewöhnt, er wird in den Boudoirs von Versailles ersticken.«
»Das ist es nicht, Madame, aber ich habe um zwei Uhr einen Dienst, und wenn mir Eure Majestät nicht zu bleiben befiehlt …«
»Nein, mein Herr,« sagte die Königin, »wir wissen, was ein Befehl ist, nicht wahr, Andrée?«
Dann wandte sie sich gegen Charny um und fügte mit leicht gereiztem Tone bei:
»Sie sind frei, mein Herr.«
Und sie entließ den jungen Mann mit einer Geberde.
Charny verbeugte sich wie ein Mensch, der Eile hat, und verschwand hinter dem Thürvorhang.
Nach einigen Secunden hörte man im Vorzimmer etwas wie eine Klage und wie ein Geräusch, das mehrere Personen machen, die sich drängen.
Die Königin war nahe an der Thüre – ob nun aus Zufall, oder daß sie Charny nachschauen wollte, dessen hastiger Abgang ihr seltsam vorgekommen war.
Sie hob den Thürvorhang auf, stieß einen schwachen Schrei aus und war im Begriff, hinauszustürzen.
Doch Andrée, die sie nicht aus dem Auge verloren hatte, befand sich zwischen ihr und der Thüre.
»Oh! Madame!« rief sie.
Die Königin schaute Andrée starr an, doch diese hielt den Blick fest aus.
Frau von La Mothe streckte den Kopf vor.
Zwischen der Königin und Andrée war ein unbedeutender Zwischenraum, und durch diesen Zwischenraum konnte sie den ohnmächtigen Charny sehen, dem die Diener und die Wachen Hilfe leisteten.
Als die Königin die Bewegung der Frau von La Mothe sah, machte sie rasch wieder die Thüre zu.
Doch zu spät; Frau von La Mothe hatte gesehen.
Mit gefalteter Stirne und nachdenklicher Haltung setzte sich Marie Antoinette wieder in ihren Lehnstuhl; sie war der düsteren Beklemmung preisgegeben, welche auf jede heftige Gemüthsbewegung folgt. Sie schien gar nicht zu ahnen, daß um sie her Leute lebten.
Andrée, obgleich sie stehen geblieben war und sich an eine Wand angelehnt hatte, schien nicht minder zerstreut, als die Königin.
Es herrschte einen Augenblick tiefes Stillschweigen.
»Das ist doch seltsam,« sprach laut und plötzlich die Königin, deren Wort ihre erstaunten Gefährtinnen beben machte, so unerwartet war dieses Wort: «Herr von Charny scheint noch zu zweifeln …«
»Woran zu zweifeln, Madame? fragte Andrée.
»An meiner Anwesenheit im Schlosse in jener Ballnacht.«
»Oh! Madame!«
»Nicht wahr, Gräfin?« sagte die Königin, »habe ich nicht Recht, Herr von Charny zweifelt noch?«
»Trotz des Wortes Seiner Majestät, oh! Madame, das ist unmöglich!« erwiderte Andrée.
»Man kann denken, der König sei mir aus Eitelkeit zu Hilfe gekommen. Oh! er glaubt nicht! nein, er glaubt nicht! das ist leicht zu sehen.«
Andrée biß sich auf die Lippen.
»Mein Bruder ist nicht so ungläubig, als Herr von Charny,« sagte sie; »er schien wohl zu glauben.«
»Oh! das wäre schlimm,« fuhr die Königin fort, welche die Erwiderung Andrée's nicht gehört hatte. »In diesem Falle hätte der junge Mann kein so redliches, reines Herz, wie ich dachte.«
Dann schlug sie zornig in ihre Hände und rief:
»Aber warum sollte er am Ende glauben, wenn er gesehen hat? Der Herr Graf von Artois hat auch gesehen, Herr Philipp hat auch gesehen, er sagt es wenigstens; alle Welt hat gesehen, und es bedurfte des Wortes meines Gemahls, daß man glaubte, oder daß man sich vielmehr den Anschein gab, als glaubte man. Oh! hinter Allem dem steckt etwas, was ich aufklären muß, da Niemand daran denkt. Nicht wahr, Andrée, ich muß den Grund von Allem dem suchen und entdecken?«
»Eure Majestät hat Recht,« sagte Andrée, »und ich bin fest überzeugt, daß Frau von La Mothe auch meiner Ansicht ist und denkt, Eure Majestät müsse suchen, bis sie findet. Nicht wahr, Madame?«
Unversehens überfallen, bebte Frau von La Mothe und antwortete nicht.
»Denn man sagt auch, man habe mich bei Mesmer gesehen,« sprach die Königin.
»Eure Majestät war dort,« sagte hastig und mit einem Lächeln Frau von La Mothe.
»Gut,« erwiderte die Königin, »aber ich habe dort nicht gethan, was das Pamphlet sagt. Und dann hat man mich im Opernhause gesehen, und da war ich nicht.«
Marie Antoinette dachte nach; dann rief sie plötzlich:
»Oh! ich habe die Wahrheit.«
»Die Wahrheit?« stammelte die Gräfin.
»Oh! desto besser!« sagte Andrée.
»Man lasse Herrn von Crosne kommen!« rief die Königin freudig der eintretenden Frau von Misery zu.
XXXVIII.
Herr von Crosne
Herr von Crosne, der ein sehr höflicher Mann war, befand sich in höchster Verlegenheit seit der Erklärung des Königs und der Königin.
Es ist nichts so Leichtes um die vollkommene Kenntniß aller Geheimnisse einer Frau, besonders wenn diese Frau die Königin ist und man den Auftrag hat, die Interessen der Krone zu wahren und über einem Rufe zu wachen.
Herr von Crosne fühlte, daß er das ganze Gewicht des Zornes einer Frau und der Entrüstung einer Königin tragen sollte; doch er war muthig in seiner Pflicht verschanzt, und seine wohlbekannte Höflichkeit mußte ihm als Panzer dienen, um die ersten Streiche zu schwächen.
Er trat gemächlich, mit einem Lächeln auf den Lippen ein.
Die Königin lächelte nicht.
»Oh! Herr von Crosne,« sagte sie, »nun ist die Reihe der Erklärungen an uns.«
»Ich bin zu den Befehlen Eurer Majestät.«
»Sie müssen die Ursache von Allem dem, was mir begegnet, wissen, Herr Policei-Lieutenant.«
Herr von Crosne schaute mit einer etwas ängstlichen Miene umher.
»Seien Sie unbesorgt,« fuhr die Königin fort, »Sie kennen vollkommen diese zwei Damen; Sie kennen die ganze Welt.«
»So ungefähr,« erwiderte der Beamte; »ich kenne die Personen, ich kenne die Wirkungen, aber ich kenne die Ursachen dessen nicht, wovon Eure Majestät spricht.«
»Ich werde also das Mißvergnügen haben, sie Ihnen zu offenbaren,« sagte die Königin, ärgerlich über diese Ruhe des Policei-Lieutenant. »Es ist klar, daß ich Ihnen mein Geheimniß, wie dieß gewöhnlich der Brauch ist, leise oder beiseit mittheilen könnte; aber ich bin dahin gekommen, mein Herr, daß ich immer den hellen Tag und die volle Stimme vorziehe. Wohl denn! ich schreibe die Wirkungen, Sie nennen das so, ich schreibe die Wirkungen, über die ich mich beklage, dem schlechten Benehmen einer Person zu, die mir gleicht, und die sich überall, wo Sie selbst oder Ihre Agenten mich zu sehen glauben, zur Schau stellt.«
»Eine Ähnlichkeit!« rief Herr von Crosne, zu sehr beschäftigt, den Angriff der Königin auszuhalten, um die vorübergehende Unruhe Jeanne's und den Ausruf Andrée's zu bemerken.
»Würden Sie diese Annahme für unmöglich halten, Herr Policei-Lieutenant? Würden Sie lieber glauben, ich täusche mich oder ich hintergehe Sie?«
»Madame, ich sage das nicht; wie groß aber auch die Ähnlichkeit zwischen jener Frau und Eurer Majestät sein mag, so besteht doch noch ein solcher Unterschied, daß kein geübtes Auge sich täuschen kann.«
»Man kann sich täuschen, mein Herr, da man sich täuscht.«
»Und ich würde Eurer Majestät ein Beispiel liefern,« sagte Andrée.
»Als wir mit meinem Vater in Taverney-Maison-Rouge wohnten, hatten wir ein Dienstmädchen, das durch eine seltsame Bizarrerie …«
»Mir glich.«
»Ja, Eure Majestät, es war zum Täuschen.«
»Und was ist aus diesem Mädchen geworden?«
»Wir wußten nicht, in welchem Grade der Geist Eurer Majestät edel und erhaben ist; mein Vater fürchtete, diese Aehnlichkeit könnte der Königin mißfallen, und als wir in Trianon waren, verbargen wir das Mädchen vor den Augen des ganzen Hofes.«
»Sie sehen wohl, Herr von Crosne. Ah! ah! das interessirt Sie.«
»Ungemein, Madame.«
»Hernach, meine liebe Andrée?«
»Dieses Mädchen, ein unruhiger, ehrgeiziger Geist, langweilte sich, daß es so abgeschlossen war; es machte ohne Zweifel eine schlechte Bekanntschaft, und eines Abends, bei meinem Schlafengehen, war ich erstaunt, die Dienerin nicht mehr zu sehen. Man suchte sie. Nichts! Sie war verschwunden.«
»Sie hatte Sie wohl ein wenig bestohlen, meine Liebe?«
»Nein, Madame, ich besaß nichts.«
Jeanne hatte diesem Gespräch mit einer leicht begreiflichen Aufmerksamkeit zugehört.
»Sie wußten dieß Alles also nicht, Herr von Crosne?« fragte die Königin.
»Nein, Madame.«
»Es gibt also eine Frau, deren Aehnlichkeit mit mir auffallend ist; und Sie wissen es nicht? Ein Ereigniß dieser Art kommt im Königreich vor, es veranlaßt ernste Unordnungen, und Sie sind nicht zuerst von diesem Ereigniß unterrichtet? Ah! mein Herr, gestehen Sie, die Policei ist sehr schlecht bestellt.«
»Ich versichere Sie, nein, Madame,« erwiderte der Beamte. »Es steht dem großen Haufen frei, die Functionen eines Policei-Lieutenant bis zu den Functionen eines Gottes zu erheben. Aber Eure Majestät, die hoch über mir in dem irdischen Olymp thront, weiß wohl, daß die Beamten des Königs nur Menschen sind; ich befehle den Ereignissen nicht. Es gibt so seltsame Ereignisse, daß der menschliche Geist kaum genügt, um sie zu begreifen.«
»Mein Herr, wenn ein Mensch alle möglichen Gewalten erhalten hat, um bis in die Gedanken von seines Gleichen einzudringen, wenn er nebst den Agenten Spione bezahlt, wenn er mittelst seiner Spione Alles sehen kann, sogar die Geberden, die ich vor dem Spiegel mache, wenn dieser Mann nicht der Herr der Ereignisse ist …«
»Madame, als Eure Majestät die Nacht außer ihrer Wohnung zubrachte, habe ich es erfahren. War meine Policei gut bestellt? Ja, nicht wahr? An diesem Tage hat Eure Majestät diese Dame hier, in der Rue Saint-Claude, im Marais, besucht. Das geht mich nichts an. Als Sie bei der Mesmerschen Kufe erschienen, waren Sie, glaube ich, wohl dahin gegangen; meine Policei war gut bestellt, da meine Agenten Sie gesehen haben. Als Sie in's Opernhaus gingen …«
Die Königin hob lebhaft den Kopf empor.
»Lassen Sie mich sprechen, Madame. Ich sah Sie, wie der Herr Graf von Artois Sie gesehen hat. Täuschte sich der Schwager in den Zügen der Schwägerin, so wird sich noch viel mehr ein Agent täuschen, der einen kleinen Thaler per Tag bezieht. Der Agent hat Sie zu sehen geglaubt, er hat es gesagt. Werden Sie auch behaupten, meine Agenten haben nicht gut die Sache des Zeitungsschreibers Reteau verfolgt, der von Herrn von Charny so schön gestriegelt worden ist?«
»Von Herrn von Charny?« riefen gleichzeitig Andrée und die Königin.
»Das Ereigniß ist nicht alt, Madame, und die Stockschläge sind noch warm auf den Schultern des Zeitungsschreibers. Das ist eines der Abenteuer, die den Triumph des Herrn von Sartines, meines Vorgängers, bildeten, wenn er sie dem seligen König oder der Favoritin in seiner geistreichen Weise erzählte.«
»Herr von Charny hat sich mit diesem Elenden eingelassen?«
»Ich habe es nur durch meine so verleumdete Policei erfahren, und Sie werden zugeben, daß es einigen Scharfsinnes für diese Policei bedurfte, um das Duell zu entdecken, das auf diese Angelegenheit folgte.«
»Ein Duell des Herrn von Charny! Herr von Charny hat sich geschlagen!« rief die Königin.
»Mit dem Zeitungsschreiber?« fragte hastig Andrée.
»Oh! nein, meine Damen; der so geschlagene Zeitungsschreiber hätte Herrn von Charny den Degenstich nicht gegeben, in Folge dessen es ihm in Ihrem Vorzimmer übel geworden ist.«
»Verwundet! er ist verwundet!« rief die Königin. »Verwundet! wann? wie? Ganz gewiß, Sie irren sich, Herr von Crosne.«
»Oh! Madame, Eure Majestät findet mich oft genug schlecht unterrichtet, um mir dießmal zuzugeben, daß ich es nicht bin.«
»So eben war er hier.«
»Ich weiß es wohl.«
»Oh! ich habe wohl gesehen, daß er litt,« sagte Andrée.
Diese Worte sprach sie auf eine Weise, daß die Königin die Feindseligkeit bemerkte und sich rasch umwandte.
Der Blick der Königin war ein Gegenstoß, den Andrée kräftig aushielt.
»Was sagen Sie?« sprach Marie Antoinette. »Sie bemerkten, daß Herr von Charny litt, und Sie haben es nicht gesagt?«
Andrée antwortete nicht. Jeanne wollte der Günstlingin, aus der man sich eine Freundin machen mußte, zu Hilfe kommen und sprach:
»Ich habe auch zu bemerken geglaubt, daß sich Herr von Charny nur mit Mühe während der Zeit, die Ihre Majestät mit ihm zu reden die Gnade hatte, aufrecht hielt.«
»Nur mit Mühe, ja,« sagte die stolze Andrée, die der Gräfin nicht einmal mit dem Blick dankte.
Herr von Crosne, er, den man befragte, schlürfte mit Wohlbehagen seine Beobachtungen über die drei Frauen ein, von denen keine, Jeanne ausgenommen, daran dachte, daß sie vor einem Policei-Lieutenant saß.
Endlich fragte die Königin:
»Mein Herr, mit wem und warum hat sich Herr von Charny geschlagen?«
Während dieser Zeit konnte Andrée wieder Haltung gewinnen.
»Mit einem Edelmanne, der … Aber, mein Gott! Madame, das ist jetzt sehr unnütz. Die zwei Gegner leben zu dieser Stunde im besten Einvernehmen, da sie so eben noch vor Eurer Majestät mit einander sprachen.«
»Vor mir … hier?«
»Hier … von wo der Sieger vor ungefähr zwanzig Minuten zuerst weggegangen ist.«
»Herr von Taverney!« rief die Königin mit einem Blitze der Wuth in den Augen.
»Mein Bruder!« murmelte Andrée, die es sich zum Vorwurfe machte, daß sie selbstsüchtig genug gewesen, um nicht Alles zu begreifen.
»Ich glaube in der That, daß Herr von Taverney es war, mit dem sich Herr von Charny geschlagen hat,« sagte Herr von Crosne.
Die Königin schlug heftig die Hände an einander, was bei ihr das Anzeichen ihres heißesten Zornes war.
»Das ist unschicklich … unschicklich,« sagte sie. »Wie! … man bringt die Sitten von America nach Versailles … Oh! nein, darein werde ich mich nicht fügen.«
Andrée neigte das Haupt, Herr von Crosne ebenfalls.
»Weil man mit Herrn Lafayette und Herrn Wasington,« die Königin affectirte, diesen Namen auf französische Art auszusprechen, »weil man mit diesen Herren herumgelaufen ist, will man meinen Hof in einen Turnierplatz des sechszehnten Jahrhunderts verwandeln; nein, abermals nein! Andrée, Sie mußen wissen, daß sich Ihr Bruder geschlagen hat!«
»Ich erfahre es so eben,« erwiderte Andrée.
»Warum hat er sich geschlagen?«
»Wir hätten dieß Herrn von Charny fragen können, der sich mit ihm geschlagen hat,« versetzte Andrée bleich und mit leuchtenden Augen.
»Ich frage nicht,« entgegnete die Königin hochmüthig, »ich frage nicht, was Herr von Charny gethan hat, sondern was Herr Philipp von Taverney gethan?«
»Hat sich mein Bruder geschlagen, so konnte das nicht gegen den Dienst Eurer Majestät sein,« erwiderte das Mädchen mit langsamer Betonung jedes Wortes.
»Wollen Sie damit sagen, Herr von Charny habe sich nicht für meinen Dienst geschlagen, mein Fräulein?«
»Ich habe die Ehre, Eurer Majestät zu bemerken,« sagte Andrée mit demselben Tone, »daß ich mit der Königin nur von meinem Bruder, und von keinem Andern rede.«
Marie Antoinette hielt sich ruhig. Damit ihr das gelang, bedurfte sie der ganzen Stärke, deren sie fähig war.
Sie stand auf, ging im Zimmer auf und ab, stellte sich, als schaute sie in den Spiegel, nahm einen Band aus einem lackirten Fachkasten, durchlief sieben bis acht Zeilen und warf ihn dann weg.
»Ich danke Ihnen, mein Herr,« sagte sie zu dem Beamten, »Sie haben mich überzeugt. Mein Kopf war ein wenig in Verwirrung durch alle diese Muthmaßungen, durch alle diese Berichte. Ja, die Policei ist sehr gut bestellt, mein Herr, doch ich bitte Sie, denken Sie an die Aehnlichkeit, von der ich gesprochen, nicht wahr? Adieu!«
Sie reichte ihm die Hand mit einer erhabenen Anmuth, und er entfernte sich doppelt glücklich und zehnfach unterrichtet.
Andrée fühlte die Nuance des Wortes: Adieu; sie machte eine lange und feierliche Verbeugung.
Die Königin sagte ihr nachlässig, aber ohne scheinbaren Groll, guten Tag.
Jeanne verbeugte sich wie vor einem heiligen Altar und schickte sich an, Abschied zu nehmen.
Frau von Misery trat ein.
»Madame,« sagte sie zur Königin, »hat Eure Majestät nicht den Herren Böhmer und Bossange Audienz bewilligt?«
»Ah! es ist wahr, meine gute Misery, es ist wahr. Sie mögen eintreten. Bleiben Sie noch, Frau von La Mothe; der König soll einen vollständigeren Frieden mit Ihnen schließen.«
Indem sie dieses sagte, belauerte die Königin in einem Spiegel den Ausdruck des Gesichtes von Andrée, welche langsam auf die Thüre des großen Cabinets zuging.
Durch diese Begünstigung der Neuangekommenen wollte sie vielleicht ihre Eifersucht reizen.
Andrée verschwand unter den Flügeln des Thürvorhangs; sie hatte weder eine Miene verzogen, noch gebebt.
»Stahl! Stahl!« rief die Königin seufzend. »Ja, Stahl, alle diese Taverney, aber auch Gold.«
»Ah! guten Morgen, meine Herren Juweliere. Was bringen Sie mir Neues? Sie wissen wohl, daß ich kein Geld habe.«
XXXIX.
Die Versucherin
Frau von La Mothe hatte ihren Posten wieder eingenommen: sie stand als bescheidene Frau auf der Seite und war aufmerksam wie eine Frau, der man zu bleiben und zuzuhören erlaubt hat.
Die Herren Böhmer und Bossange erschienen in Galakleidern in der Audienz der Souveränin. Sie vervielfältigten ihre Verbeugungen bis zum Lehnstuhl von Marie Antoinette.
»Juweliere kommen nur hierher, um von Juwelen zu sprechen,« sagte sie plötzlich. »Sie haben es schlecht getroffen, meine Herren.«
Herr Böhmer nahm das Wort, er war der Redner der Association.
»Madame,« sprach er, »wir kommen nicht hierher, um Waaren anzubieten, denn wir müßten befürchten, unbescheiden zu sein.«
»Oh!« versetzte die Königin, die es schon bereute, zu viel Muth gezeigt zu haben. »Man kann Juwelen sehen, ohne sie zu kaufen.«
»Allerdings, Madame.« fuhr Böhmer fort, der den Faden seiner Phrase suchte, »doch wir kommen, um eine Pflicht zu erfüllen, und das hat uns ermuthigt.«
»Eine Pflicht?« versetzte die Königin erstaunt.
»Es handelt sich abermals um das schöne Halsband von Diamanten, das Eure Majestät nicht zu nehmen geruhte.«
»Ah … gut … das Halsband … Hiebei sind wir also wieder!« rief die Königin lachend.
Böhmer blieb ernst.
»Es war in der That schön!« fuhr Marie Antoinette fort.
»So schön, Madame,« sagte Bossange schüchtern, »daß Eure Majestät allein würdig war, es zu tragen.«
»Was mich tröstete,« sprach Marie Antoinette mit einem leichten Seufzer, der Frau von La Mothe nicht entging, »was mich tröstete, war der Umstand, daß es anderthalb Millionen kostete; nicht wahr, Herr Böhmer?«
»Ja. Eure Majestät.«
»Und daß,« fuhr die Königin fort, »und daß es in der liebenswürdigen Zeit, in der wir leben, wo die Herzen der Völker erkaltet sind, wie die Sonne Gottes, keinen Fürsten mehr gibt, der fünfzehnmal hunderttausend Livres für ein Halsband bezahlen kann.«
»Fünfzehnmal hunderttausend Livres!« wiederholte Frau von La Mothe wie ein treues Echo.
»So daß Niemand haben wird, was ich nicht kaufen konnte, nicht kaufen durfte, meine Herren … Sie werden mir antworten, die Stücke davon seien gut. Das ist wahr, doch ich werde Niemand um zwei oder drei Diamanten beneiden; ich würde um sechzig beneiden.«
Die Königin rieb sich die Hände mit einer Art von Befriedigung, woran das Verlangen, die Herren Böhmer und Bossange zu ärgern, einigen Theil hatte.
»Das ist es gerade, worin sich Eure Majestät irrt,« sprach Böhmer, »und dieser Art ist auch die Pflicht, die wir bei ihr zu erfüllen gekommen sind: das Halsband ist verkauft.«
»Verkauft!« rief die Königin, sich umwendend.
»Verkauft!« sagte Frau von La Mothe, der die Bewegung ihrer Beschützerin Unruhe über ihre angebliche Verleugnung einflößte.
»An wen denn?« fragte die Königin.
»Ah! Madame, das ist ein Staatsgeheimniß.«
»Ein Staatsgeheimniß! gut, wir können darüber lachen,« rief freudig Marie Antoinette. »Was man nicht sagt, das kann man oft nicht sagen, nicht wahr, Böhmer?«
»Madame …«
»Oh! die Staatsgeheimnisse … damit sind wir Leute vertraut. Nehmen Sie sich in Acht, Herr Böhmer, wenn Sie mir das Ihrige nicht anvertrauen, so lasse ich es Ihnen durch einen Agenten des Herrn von Crosne stehlen.«
Und sie lachte treuherzig und offenbarte unverschleiert ihre Ansicht über das vorgebliche Geheimniß, das Böhmer und Bossange abhielt, den Käufer des Halsbandes zu nennen.
»Gegen Eure Majestät benimmt man sich nicht, wie gegen andere Kunden,« erwiderte Böhmer ernst; »wir sind gekommen, um Eurer Majestät zu sagen, das Halsband sei verkauft, weil es wirklich verkauft ist, und wir mußten den Namen des Käufers verschweigen, weil der Kauf in der That geheim in Folge der Reise eines incognito abgeschickten Botschafters geschehen ist.«
Bei dem Worte Botschafter wurde die Königin von einem neuen Anfall von Heiterkeit ergriffen. Sie wandte sich gegen Frau von La Mothe um und sagte zu ihr:
»Was ich an Böhmer bewundere, ist seine Fähigkeit Alles das zu glauben, was er mir so eben gesagt hat. Ah! Böhmer, nennen Sie mir nur das Land, aus dem dieser Botschafter kommt! … Nein, das ist zu viel!« rief sie lachend … »Den ersten Buchstaben seines Namens, nicht mehr.«
»Es ist der Herr Gesandte von Portugal,« antwortete Böhmer, die Stimme dämpfend, als wollte er sein Geheimniß wenigstens vor den Ohren von Frau La Mothe beschützen.
Bei dieser so entschiedenen, so scharf ausgesprochenen Erwiderung hielt die Königin plötzlich inne. »Ein Gesandter von Portugal!« sagte sie, »es gibt keinen hier, Böhmer.«
»Er ist ausdrücklich gekommen, Madame.«
»Zu Ihnen … incognito?«
»Ja, Madame.«
»Wer ist es denn?«
»Herr von Suza.«
Die Königin erwiderte nichts. Sie wiegte einen Augenblick ihren Kopf; dann sagte sie wie eine Frau, die ihren Entschluß gefaßt hat:
»Nun! desto besser für Ihre Majestät die Königin von Portugal; die Diamanten sind schön. Sprechen wir nicht mehr davon.«
»Im Gegentheil, Madame; Eure Majestät wird die Gnade haben, mir zu gestatten, daß ich davon spreche …«
»Uns zu gestatten,« sagte Böhmer,« seinen Associé anschauend.
Bossange verbeugte sich.
»Kennen Sie diese Diamanten, Gräfin?« rief die Königin mit einem Blick auf Jeanne.
»Nein, Madame.«
»Schöne Diamanten! … Es ist Schade, daß diese Herren sie nicht mitgebracht haben.«
»Hier sind sie,« erwiderte Böhmer voll Eifer.
Und er zog aus dem Grunde seines Hutes, den unter dem Arm trug, das kleine platte Etui, das den Schmuck enthielt.
»Sehen Sie, Gräfin, Sie sind ein Weib, das wird Sie ergötzen,« sagte die Königin.
Und sie entfernte sich ein wenig von dem Sèvres-Tischchen, auf welchem Böhmer mit Kunst das Halsband so ausgebreitet hatte, daß das Tageslicht, auf die Steine fallend, das Feuer aus einer größeren Anzahl von Facetten hervorspringen ließ.
Jeanne stieß einen Schrei der Bewunderung aus. Man konnte in der That nichts Schöneres sehen; man hätte glauben sollen, es wäre eine Zunge von Feuern, bald grün und roth, bald weiß wie das Licht selbst. Böhmer ließ das Etui Schwingungen machen und die Wunder dieser flüssigen Flamme rieseln.
»Bewunderungswürdig! bewunderungswürdig!« rief Jeanne im Wahnwitz begeisterter Bewunderung.
»Fünfzehnmal hunderttausend Livres, die in meiner hohlen Hand Platz hätten,« sprach die Königin, ein philosophisches Phlegma heuchelnd, wie Herr Rousseau von Genf unter solchen Umständen es entwickelt haben würde.
Jeanne sah aber in dieser Verachtung etwas Anderes, als die Verachtung selbst, denn sie verlor die Hoffnung nicht, die Königin zu überreden, und nach einer langen prüfenden Beschauung sagte sie:
»Der Herr Juwelier hat Recht, es gibt auf der Welt nur Eine Königin, welche würdig ist, dieses Halsband zu tragen, und das ist Eure Majestät.«
»Meine Majestät wird es aber nicht tragen,« entgegnete die Königin.
»Wir durften es nicht aus Frankreich lassen, ohne unser ganzes Bedauern Eurer Majestät zu Füßen zu legen. Es ist ein Juwel, den ganz Europa jetzt kennt. Daß in Folge der Weigerung der Königin von Frankreich irgend eine andere Fürstin sich damit schmücke, wird uns unser Nationalstolz nur dann erlauben, wenn Sie, Madame, ihn noch einmal entschieden und unwiderruflich zurückgewiesen haben.«
»Meine abschlägige Antwort ist ausgesprochen, sie ist öffentlich geworden,« sagte die Königin. »Man hat mich zu sehr gelobt, als daß ich es bereuen sollte.«
»Oh! Madame,« erwiderte Böhmer, »hat es das Volk schön gefunden, daß Eure Majestät ein Schiff einem Halsband vorzog, so würde es der Adel, der französisch ist, auch nicht befremdend gefunden haben, wenn die Königin von Frankreich ein Halsband kaufte, nachdem sie ein Schiff gekauft.«
»Sprechen wir nicht mehr hievon,« sagte Marie Antoinette, indem sie einen letzten Blick auf das Etui warf. Jeanne seufzte, um den Seufzer der Königin zu unterstützen.
»Ah! Sie seufzen, Gräfin! Wenn Sie an meiner Stelle wären, würden Sie es machen wie ich.«
»Ich weiß nicht,« murmelte Jeanne.
»Haben Sie wohl angeschaut?« fragte die Königin hastig.
»Ich würde immer anschauen, Madame.«
»Lassen Sie diese Neugierige, meine Herren, sie bewundert. Das benimmt den Diamanten nichts: sie sind leider immer fünfzehnmal hunderttausend Livres werth.«
Das Wort leider schien der Gräfin eine günstige Gelegenheit.
Die Königin bedauerte, folglich hatte sie Lust gehabt. Hatte sie Lust gehabt, so mußte sie noch ein Verlangen tragen, da sie nicht befriedigt worden.
»Fünfzehnmal hunderttausend Livres, die an Ihrem Halse allen Frauen, und wären sie Cleopatra, wären sie Venus, den tödtlichsten Neid einflößen würden.«
Und sie nahm das königliche Halsband aus dem Etui und befestigte es so geschickt, so zauberhaft auf der Atlashaut von Marie Antoinette, daß diese sich in einem Augenblick von Phosphor und einem Schimmer von allen Farben des Regenbogens überströmt fand.
Marie Antoinette näherte sich rasch dem Spiegel: sie blendete.
Ihr Hals, so geschmeidig und zart wie der von Johanna Gray, dieser Hals, so zierlich wie ein Lilienstengel, bestimmt, wie die Blumen Virgils unter dem Eisen zu fallen, erhob sich anmuthig, umgeben von seinen goldenen, gekräuselten Locken aus dem Schooße dieser leuchtenden Woge.
Jeanne hatte es gewagt, die Schultern der Königin zu entblößen, so daß-die letzten Reihen des Halsbandes auf ihre perlmutterartige Brust fielen. Die Königin war strahlend, die Frau war herrlich. Liebende oder Unterthanen, Alles hätte sich niedergeworfen.
Marie Antoinette vergaß sich dergestalt, daß sie sich selbst bewunderte. Dann wollte sie, von Furcht ergriffen, das Halsband von ihren Schultern reißen und sprach:
»Genug, genug!«
»Es hat Eure Majestät berührt,« rief Böhmer, »es kann Niemand mehr anstehen.«
»Unmöglich,« entgegnete fest die Königin. »Meine Herren, ich habe ein wenig mit den Diamanten gespielt; aber es wäre ein Fehler, wenn ich das Spiel weiter fortsetzte.«
»Eure Majestät hat jede erforderliche Zeit, um sich an diesen Gedanken zu gewöhnen,« flüsterte Böhmer der Königin zu; »wir kommen morgen wieder.«
»Spät bezahlen bleibt immer bezahlen. Und dann warum spät bezahlen? Sie haben Eile. Man bezahlt Sie ohne Zweifel vortheilhafter?«
»Ja, Eure Majestät, baar,« erwiderte der Kaufmann, der wieder Kaufmann geworden.
»Nehmen Sie, nehmen Sie!« rief die Königin, »die Diamanten in das Etui! Geschwind, geschwind!«
»Eure Majestät vergißt vielleicht, daß ein solches Kleinod Geld ist, und daß in hundert Jahren das Halsband immer so viel werth sein wird, als es heute werth ist.«
»Geben Sie mir fünfzehnmal hunderttausend Livres, Gräfin, und wir werden sehen,« sagte die Königin mit einem gezwungenen Lächeln.
»Wenn ich sie hätte!« rief Jeanne, »oh! …«
Sie schwieg; die langen Sätze haben oft nicht den Werth eines glücklichen Schweigens.
Böhmer und Bossange mochten immerhin eine Viertelstunde brauchen, um ihre Diamanten einzulegen und zu verschließen, die Königin rührte sich nicht.
Man sah an ihrer gezwungenen Miene, an ihrem Stillschweigen, daß der Eindruck lebhaft, der Kampf peinlich gewesen.
Ihrer Gewohnheit gemäß, wenn sie ärgerlich war, streckte sie die Hand nach einem Buche aus und blätterte ein wenig darin, ohne zu lesen.
Die Juweliere nahmen Abschied und fragten noch einmal:
»Eure Majestät hat es ausgeschlagen?«
»Ja … und abermals ja,« seufzte die Königin, die dießmal für Jedermann seufzte.
Sie entfernten sich.
Jeanne sah, daß der Fuß von Marie Antoinette sich über dem Sammetpolster, auf dem noch sein Eindruck bezeichnet war, bewegte.
»Sie leidet,« dachte die unbewegliche Gräfin.
Plötzlich stand die Königin auf und ging einmal im Zimmer auf und ab, dann blieb sie vor Jeanne, deren Blick sie blendete, stehen und sprach:
»Gräfin, es scheint, der König kommt nicht mehr. Unsere kleine Bittschrift ist auf eine nächste Audienz verschoben.«
Jeanne verneigte sich ehrerbietig und wich bis zur Thüre zurück.
»Doch ich werde an Sie denken,« fügte die Königin wohlwollend bei.
Jeanne drückte ihre Lippen auf die Hand der Königin, als ob sie ihr Herz darauf legte, ging hinaus und ließ Marie Antoinette ganz belagert und bestürmt von Verdruß und Schwindel zurück.
»Der Verdruß der Ohnmacht, der Schwindel des Verlangens,« sagte Jeanne zu sich selbst. »Und sie ist Königin! Oh! nein, sie ist Weib!«
Die Gräfin verschwand.
