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Kitabı oku: «Das Halsband der Königin Denkwürdigkeiten eines Arztes 2», sayfa 40

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LX.
Der Empfangschein Böhmers und die Verschreibung der Königin

Das Resultat dieses nächtlichen Besuchs bei dem Pamphletschreiber Reteau von Villette erschien erst am andern Tag, und zwar auf folgende Weise:

Um sieben Uhr Morgens übersandte Frau von La Mothe der Königin einen Brief, der den Empfangschein der Juweliere enthielt. Dieses wichtige Aktenstück war also abgefaßt:

»Wir, die Unterzeichneten, anerkennen, das ursprünglich an die Königin gegen eine Summe von sechszehnmal hunderttausend Livres verkaufte Diamanten-Halsband wieder in Besitz genommen zu haben, da die Diamanten Ihrer Majestät nicht anstanden, welche uns für unsere Bemühungen und Auslagen durch die Überlassung einer in unsere Hände bezahlten Summe von zweimal hundert und fünfzigtausend Livres entschädigt hat.

Unterz. Böhmer und Bossange

Nunmehr über die Angelegenheit, welche sie lange gequält hatte, beruhigt, schloß die Königin den Schein in ihr Arbeitstischchen ein und dachte nicht mehr daran.

Aber in einem seltsamen Widerspruch mit diesem Schein, erhielten die Juweliere Böhmer und Bossange zwei Tage nachher einen Besuch vom Cardinal von Rohan, der einige Bangigkeit über die Bezahlung der zwischen den Verkäufern und der Königin festgesetzten ersten Rate gehegt hatte.

Herr von Rohan fand Böhmer in seinem Hause auf dem Quai de l'Ecole. Seit dem Morgen, der Verfallzeit der ersten Rate, mußte, wenn Verzug oder Weigerung stattgefunden hätte, Lärm im Lager der Juweliere sein.

Aber das Haus Böhmer athmete ganz im Gegentheil Ruhe, und Herr von Rohan fühlte sich glücklich, als er ein gutes Gesicht bei den Dienern, einen runden Rücken und einen wedelnden Schwanz bei dem Hunde des Juweliers fand. Böhmer empfing seinen vornehmen Kunden mit der freudigen Miene der Befriedigung.

»Nun!« sagte Herr von Rohan, »es ist heute Zahlungstermin. Die Königin hat also bezahlt?«

»Monseigneur, nein,« antwortete Böhmer. »Ihre Majestät konnte kein Geld geben. Sie wissen, daß Herr von Calonne vom König abgewiesen wurde; die ganze Welt spricht davon.«

»Ja, die ganze Welt spricht davon, Böhmer, und gerade diese Abweisung ist es, was mich hierher führt.«

»Doch Ihre Majestät ist vortrefflich und vom besten Willen. Da sie nicht bezahlen konnte, so hat sie die Schuld garantirt, und wir verlangen nicht mehr.«

»Ah! desto besser!« rief der Cardinal, »die Schuld garantirt, sagen Sie? Das ist sehr gut, doch … wie?«

»Auf die einfachste und zarteste Weise,« erwiderte der Juwelier, »auf eine ganz königliche Weise.«

»Durch die Vermittelung der geistreichen Gräfin vielleicht?«

»Nein, Monseigneur, nein. Frau von La Mothe ist nicht einmal erschienen, und das hat Herrn Bossange und mir ungemein geschmeichelt.«

»Nicht erschienen! die Gräfin ist nicht erschienen? Glauben Sie mir, daß sie bei dieser Sache ein Wort mitzusprechen hat, Herr Böhmer. Jede gute Eingebung muß von der Gräfin kommen. Sie begreifen, ich will damit Ihrer Majestät nicht zu nahe treten.«

»Monseigneur wird beurtheilen, ob Ihre Majestät zart und gut gegen uns gewesen ist. Es hatten sich Gerüchte über die Weigerung des Königs in Betreff der Anweisung der fünfmal hunderttausend Livres verbreitet; wir schrieben an Frau von La Mothe.«

»Wann?«

»Gestern, Monseigneur«

»Was antwortete sie?«

»Eure Eminenz weiß nichts davon?« fragte Böhmer mit einer unmerklichen Nuance ehrerbietiger Vertraulichkeit.

»Nein, seit drei Tagen habe ich nicht die Ehre gehabt, die Frau Gräfin zu sehen,« erwiderte der Prinz als wahrer Prinz.

»Wohl! Frau von La Mothe erwiderte mir die zwei Worte: »»Warten Sie.««

»Schriftlich?«

»Nein, Monseigneur, mündlich. In unserem Briefe baten wir Frau von La Mothe, Sie um eine Audienz zu ersuchen und die Königin darauf aufmerksam zu machen, daß der Zahlungstermin herannahe.«

»Das Wort: Warten Sie, war ganz natürlich,« sagte der Cardinal.

»Wir warteten also, Monseigneur, und gestern Abend erhielten wir von der Königin, durch einen sehr geheimnisvollen Courier, einen Brief.«

»Einen Brief! an Sie, Böhmer?«

»Oder vielmehr eine Verschreibung in guter Form, Monseigneur.«

»Lassen Sie sehen.«

»Oh! ich würde sie Ihnen zeigen, hätten wir, mein Associé und ich, nicht geschworen, sie Niemand sehen zu lassen.«

»Und warum?«

»Weil diese Behutsamkeit uns von der Königin selbst auferlegt worden ist; beurtheilen Sie, Ihre Majestät empfiehlt Geheimhaltung.«

»Ah! das ist etwas Anders; Sie sind sehr glücklich, meine Herren Juweliere, daß Sie Briefe von der Königin besitzen.«

»Für dreizehnmal hundert und fünfzigtausend Livres, Monseigneur,« sagte kichernd der Juwelier, »kann man allerlei haben …«

»Zehn Millionen, hundert Millionen bezahlen gewisse Dinge nicht,« erwiderte der Kardinal mit strengem Tone; »Sie haben also gute Garantie?«

»So gut als möglich, Monseigneur.«

»Die Königin hat die Schuld anerkannt?«

»In gebührender Form.«

»Und macht sich verbindlich zu bezahlen …«

»In drei Monaten fünfmal hunderttausend Livres; den Rest in einem halben Jahr.«

»Und … die Interessen?«

»Oh! Monseigneur, ein Wort Ihrer Majestät verbürgt uns dieselben. »»Machen wir,«« fügt Ihre Majestät voll Güte bei, »»machen wir diese Angelegenheit unter uns ab;«« unter uns, Eure Eminenz begreift die Empfehlung: »»Sie werden keinen Anlaß haben, es zu bereuen.«« Und sie unterzeichnet. Von nun an, sehen Sie, ist das für mich und meinen Associé eine Ehrensache.«

»Ich bin nun quitt gegen Sie, Herr Böhmer,« sagte der Cardinal entzückt; »bald ein anderes Geschäft.«

»Wenn uns Eure Eminenz mit Ihrem Vertrauen beehren wird …«

»Doch bemerken Sie abermals hierin die Hand dieser liebenswürdigen Gräfin …«

»Wir sind Frau von La Mothe sehr dankbar, Monseigneur, und Herr Bossange und ich haben beschlossen, für diese Güte erkenntlich zu sein, wenn uns die vollständige Bezahlung des Halsbandes wieder zu baarem Gelde verholfen haben wird.«

»St! st!« machte der Cardinal, »Sie haben mich nicht begriffen.«

Und er kehrte zu seinem Wagen zurück, geleitet von den Ehrfurchtsbezeigungen des ganzen Hauses.

Man kann nun die Larve aufheben. Für Niemand ist der Schleier auf der Bildsäule geblieben. Was Jeanne von La Mothe gegen ihre Wohlthäterin gethan, hat Jedermann begriffen, als er sie die Feder des Pamphletschreibers Reteau von Villette entlehnen sah. Keine Unruhe bei den Juwelieren, keine Bedenklichkeiten bei bei Königin, keine Zweifel bei dem Cardinal mehr. Drei Monate sind der Ergründung des Betrugs und Verbrechens vergönnt; in diesen drei Monaten werden die unseligen Früchte hinreichend gereift sein, daß die ruchlose Hand sie pflücken kann,

Jeanne kehrte zu Herrn von Rohan zurück, und dieser fragte sie, wie die Königin es angestellt habe, um auf solche Art den Forderungen der Juweliere zu entsprechen.

Frau von La Mothe erwiderte, die Königin habe den Juwelieren eine vertrauliche Mittheilung gemacht; Geheimhaltung sei empfohlen worden; eine Königin welche bezahle, habe schon genug nöthig, sich zu verbergen, aber sie sei hiezu noch weit mehr gezwungen, wenn sie Credit verlange.

Der Cardinal gab ihr Recht, und zu gleicher Zeit fragte er, ob man sich noch seiner guten Absichten erinnere.

Jeanne entwarf ein solches Gemälde von der Dankbarkeit der Königin, daß Herr von Rohan viel mehr als Liebhaber, denn als Unterthan, viel mehr in seinem Stolze, als in seiner Ergebenheit begeistert war.

Indem Jeanne diese Unterredung zu ihrem Ziele führte, hatte sie beschlossen, friedlich nach Hause zurückzukehren, sich mit einem Edelsteinhändler zu besprechen, für hunderttausend Thaler Diamanten zu verkaufen und damit nach England oder Rußland zu entweichen, freien Ländern, wo sie mit dieser Summe fünf bis sechs Jahre reich leben würde, nach deren Ablauf sie, ohne beunruhigt werden zu können, den Rest der Diamanten vortheilhaft einzeln verkaufen würde.

Doch es gelang nicht alles nach ihren Wünschen. Bei den ersten Diamanten, die sie zwei Kenner sehen ließ, erschreckten das Erstaunen und das zurückhaltende Benehmen dieser Argusse die Verkäuferin. Der Eine bot verächtliche Summen, der Andere gerieth in Extase über die Steine und sagte, er habe nie ähnliche gesehen, außer in dem Halsband Böhmers.

Jeanne hielt inne. Sie begriff, daß die Unvorsichtigkeit in einem solchen Fall der Ruin, daß der Ruin der Schandpfahl und lebenslängliches Gefängnis war. Sie verschloß die Diamanten in das tiefste ihrer Verstecke und faßte den Entschluß, sich mit so soliden Vertheidigungs-, mit so scharfen Angriffswaffen zu versehen, daß im Falle eines Krieges diejenigen, welche sich im Kampfe zeigen würden, zum Voraus verloren wären.

Zwischen dem Verlangen des Cardinals, der immer zu erfahren suchen, zwischen den Indiscretionen der Königin, die immer sich rühmen würde, daß sie ausgeschlagen habe, laviren, war eine furchtbare Gefahr. Ein Wort zwischen der Königin und dem Cardinal, und Alles war entdeckt. Jeanne tröstete sich wieder dadurch, daß sie bedachte, verliebt in die Königin, habe der Cardinal, wie alle Verliebte, eine Binde auf der Stirne und würde folglich in alle Fallen stürzen, die ihm die List unter einem Schatten von Liebe stellen würde.

Doch diese Falle mußte eine geschickte Hand so legen, daß die zwei Interessirten darin gefangen wurden. Entdeckte die Königin den Diebstahl, so durfte sie es nicht wagen, sich zu beklagen; entdeckte der Cardinal den Betrug, so mußte er sich verloren fühlen. Es war ein Meisterstreich, gegen zwei Gegner zu spielen, welche zum Voraus die ganze Gallerie für sich hatten.

Jeanne wich nicht zurück. Sie gehörte zu jenen unerschrockenen Naturen, welche das Böse bis zum Heldenmuth, das Gute bis zum Schlimmen treiben. Ein einziger Gedanke beschäftigte sie von diesem Augenblick an, der, eine Zusammenkunft des Cardinals mit der Königin zu verhindern.

So lange sie, Jeanne, zwischen ihnen stand, war nichts verloren; wechselten sie hinter ihr ein Wort, so richtete dieses Wort bei Jeanne das Glück der Zukunft zu Grunde, dessen Gerüste auf der Harmlosigkeit der Vergangenheit errichtet war.

»Sie werden sich nicht mehr sehen,« sagte sie. «Nie mehr.«

»Aber,« warf sie ein, »der Cardinal wird die Königin wiedersehen wollen; er wird Versuche zu diesem Ende machen.«

»Warten wir nicht, bis er es versucht,« dachte die Schlaue; »geben wir ihm einen Gedanken ein. Er wolle sie sehen, er bitte sie darum; er compromittire sich, indem er darum bittet.

»Ja, doch wenn nur er compromittirt ist?«

Dieser Gedanke versetzte sie in eine schmerzliche Verlegenheit.

»Wäre er allein compromittirt, so hätte die Königin ihre Zuflucht; sie spricht so laut, die Königin; sie weiß so gut den Betrügern eine Larve abzureißen.

»Was ist zu thun? Damit die Königin nicht anschuldigen kann, muß sie den Mund nicht öffnen können; um diesen edlen und muthigen Mund zu schließen, muß man die Federn desselben durch die Initiative einer Anklage niederdrücken.

»Vor einem Gerichte seinen Diener eines Diebstahls zu bezüchtigen, wagt derjenige nicht, der durch seinen Diener eines Verbrechens, so entehrend als der Diebstahl, überwiesen werden kann. Wird Herr Rohan in Beziehung auf die Königin compromittirt, so ist es beinahe sicher, daß die Königin in Beziehung auf Herrn von Rohan compromittirt werden wird.

»Doch der Zufall nähere einander diese zwei Personen nicht, in deren Interesse es liegt, das Geheimniß zu entdecken.«

Jeanne wich Anfangs vor der Unermeßlichkeit des Felsen zurück, den sie über ihrem Haupte aufgehängt hatte. So keuchend, erschrocken, angstvoll, unter der Drohung eines solchen Sturzes leben!

Ja, doch wie dieser Angst entgehen? Durch die Verbannung, durch die Flucht! durch die Ueberschaffung der Diamanten vom Halsband der Königin in ein fremdes Land!

Entfliehen! ein Leichtes. Eine gute Chaise bringt die Sache in zehn Stunden zu Wege; die Zeit, welche die Königin zu einem guten Schlafe braucht; der Zwischenraum, den der Cardinal zwischen ein Abendbrod mit seinen Freunden und sein Aufstehen am andern Tag legt. Die Landstraße entrolle sich vor Jeanne, sie biete ihr endloses Pflaster den brennenden Füßen der Rosse, das genügt. Jeanne wird in zehn Stunden frei und unversehrt sein.

Doch welches Aergerniß! welche Schmach! Verschwunden, obgleich frei; in Sicherheit, obgleich geächtet; Jeanne ist keine Frau von Stand mehr, sie ist eine Diebin, eine dem Gerichte Entwichene, welche von der Justiz nicht erreicht, aber bezeichnet, in Folge der weiten Entfernung nicht vom Eisen des Henkers gebrandmarkt, aber von der öffentlichen Meinung zermalmt wird.

Nein. Sie wird nicht fliehen. Der Gipfel der Verwegenheit und der Gipfel der Gewandtheit sind wie jene zwei Spitzen des Atlas, die den Zwillingen der Erde gleichen. Der eine führt zum andern, der eine hat denselben Werth, wie der andere. Wer den einen sieht, sieht den andern.

Jeanne beschloß, Verwegenheit zum Wahlspruch zu nehmen und zu bleiben. Sie beschloß dieß besonders, als sie die Möglichkeit gesehen hatte, zwischen dem Cardinal und der Königin eine Solidarität der Angst für den Tag zu schaffen, wo der Eine oder die Andere wahrnehmen wollte, es sei ein Diebstahl innerhalb ihrer innigen Freundschaft begangen worden.

Jeanne hatte sich gefragt, wie viel in zwei Jahren die Gunst der Königin und die Liebe des Cardinals eintragen würden; sie hatte den Ertrag dieser beiden glücklichen Umstände zu sechsmal hunderttausend Livres geschätzt, worauf Ueberdruß, Ungnade und Vernachlässigung sühnend an die Stelle der Günstingschaft und des lustigen Lebens treten würden.

»Ich gewinne bei meinem Plan sieben bis achtmal hunderttausend Livres,« sagte die Gräfin zu sich selbst.

Man wird sehen, wie diese tiefe Seele den gekrümmten Weg zurücklegte, der zur Schande für sie, zur Verzweiflung für die Andern auslaufen sollte.

»In Paris bleiben,« faßte die Gräfin zusammen, »festen Fußes dem ganzen Spiele der zwei Personen beiwohnen, sie nur die meinen Interessen nützliche Rolle spielen lassen; unter den guten Augenblicken einen für die Flucht günstigen Augenblick wählen, mag dieß ein von der Königin gegebener Auftrag oder eine Ungnade sein, die man im Flug auffangen würde.

»Den Cardinal verhindern, sich je mit Marie Antoinette zu unterreden.

»Das ist hauptsächlich die Schwierigkeit, da Herr von Rohan verliebt ist, da er Prinz ist, da er mehrere Male im Jahr das Recht des Eintritts bei der Königin hat, und die Königin, cokett, huldigungssüchtig, überdieß dankbar gegen den Cardinal, nicht entfliehen wird, wenn man sie aufsucht.

»Das Mittel, diese zwei erhabenen Personen zu trennen, wird der Zufall liefern. Man wird die Ereignisse unterstützen.

»Nichts wäre so gut, so geschickt, als bei der Königin den Stolz anzustacheln, der die Keuschheit krönt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß eine etwas lebhafte Dringlichkeit des Cardinals die zarte und empfindliche Frau verletzt. Naturen wie die Königin lieben die Huldigungen, fürchten aber die Angriffe und weisen sie zurück.

»Ja, das Mittel ist unfehlbar. Indem man Herrn von Rohan räth, sich frei zu erklären, wird man im Geiste der Königin eine Regung des Ekels, des Widerwillens hervorrufen, welche, nicht den Fürsten von der Fürstin, sondern den Mann von der Frau, das Männchen vom Weibchen auf immer trennen wird. Aus diesem Grunde wird man Waffen gegen den Cardinal ergriffen haben, dessen Manöver man insgesammt am großen Tage der Feindseligkeiten lähmt.

»Gut. Doch ich wiederhole, wenn man den Cardinal der Königin zuwider macht, wirkt man nur auf den Cardinal; man läßt die Tugend der Königin strahlen, das heißt, man befreit die Fürstin, und man gibt ihr jene Freiheit der Sprache, welche jede Anklage erleichtert und ihr das Gewicht des Ansehens verleiht.

»Was man braucht, ist ein Beweis gegen Herrn von Rohan und die Königin; es ist ein zweischneidiges Schwert, das rechts und links verwundet, das verwundet, indem es aus der Scheide geht, das verwundet, indem es die Scheide selbst zerschneidet.

»Was man braucht, ist eine Anklage, welche die Königin erbleichen, den Cardinal erröthen machen muß, eine Anklage, der man Glauben verschaffen muß, so daß Jeanne, die Vertraute der zwei Hauptschuldigen, von allem Verdachte reingewaschen wird. Was man braucht, ist eine Combination, hinter der Jeanne, zu rechter Zeit und geeigneten Ortes verschanzt, sagen kann: Klagt mich nicht an, ober ich klage Euch an; richtet mich nicht zu Grunde, oder ich richte Euch zu Grunde. Laßt mir das Geld, ich werde Euch die Ehre lassen.

»Das lohnt der Mühe, daß man sich besinnt,« dachte die treulose Gräfin, »und ich werde mich besinnen. Meine Zeit wird mir von heute an bezahlt.«

In der That, Frau von La Mothe versenkte sich in gute Polster, rückte näher zu ihrem, von einer milden Sonne beschienen Fenster und suchte in Gegenwart Gottes mit der Fackel Gottes.

LXI.
Die Gefangene

Während dieser geistigen Erregungen der Gräfin, während ihrer Träumerei, ereignete sich eine Scene anderer Art in der Rue Saint-Claude, dem von Jeanne bewohnten Hause gegenüber.

Herr von Cagliostro hatte, wie man sich erinnert, in das ehemalige Hotel Balsamo's die flüchtige, von der Policei des Herrn von Crosne verfolgte Oliva einquartirt.

Sehr in Angst, hatte Mlle. Oliva mit Freuden die Gelegenheit, zugleich der Policei und Beausire zu entfliehen, angenommen; sie lebte also zurückgezogen, verborgen, zitternd in der geheimnißvollen Wohnung, welche so viele furchtbare Dramen, ach! furchtbarer, als das tragikomische Abenteuer von Mlle. Nicole Legay, beherbergt hatte.

Cagliostro hatte jede Fürsorge, jede Zuvorkommenheit für sie gehabt; es kam der jungen Frau süß vor, von diesem vornehmen Herrn beschützt zu werden, der nichts verlangte, aber viel zu hoffen schien.

Und was hoffte er? das fragte sich die Klausnerin vergebens.

Für Mlle. Oliva war Herr von Cagliostro, der Beausire gebändigt und über die Policeiagenten gesiegt hatte, ein rettender Gott. Er war auch ein sehr verliebter Liebhaber, da er respectirte.

Denn die Eitelkeit Oliva's erlaubte ihr nicht, zu glauben, Cagliostro habe eine andere Absicht mit ihr, als sie eines Tages zu seiner Geliebten zu machen.

Es ist eine Tugend bei den Frauen, welche keine mehr haben, zu glauben, man könne sie ehrfurchtsvoll lieben. Das Herz ist sehr verwelkt, sehr dürr, sehr todt, das nicht mehr auf die Liebe zählt, und auf die Achtung, welche der Liebe folgt.

Oliva baute Luftschlösser in der Tiefe ihrer Behausung in der Rue Saint-Claude, chimärische Schlösser, worin, man muß es gestehen, der arme Beausire selten seinen Platz fand.

Wenn sie am Morgen, geschmückt mit allen Annehmlichkeiten, womit Cagliostro ihr Ankleidecabinet ausgestattet hatte, die vornehme Dame spielte und die Nüancen der Rolle von Celimene durchging, lebte sie nur für die Stunde des Tags, zu der Cagliostro zweimal in der Woche kam, um sich zu erkundigen, ob sie das Leben leicht ertrage.

In ihrem schönen Salon, inmitten eines wirklichen Luxus und eines verständigen Luxus, gestand dann die kleine Creatur berauscht sich selbst, Alles in ihrem vergangenen Leben sei Täuschung, Irrthum gewesen; im Widerspruch mit der Behauptung des Moralisten, daß die Tugend das Glück macht, sei es das Glück, was unfehlbar die Tugend mache.

Leider fehlte es bei der Zusammensetzung dieses Glücks an einem für seine Dauer unerläßlichen Element.

Oliva war glücklich, aber Oliva langweilte sich.

Bücher, Gemälde, musikalische Instrumente hatten sie nicht hinreichend zerstreut. Die Bücher waren nicht frei genug, oder die, welche es waren, hatte sie zu schnell gelesen. Die Gemälde sind immer dasselbe, wenn man sie einmal angeschaut hat – Oliva urtheilt, und nicht wir – und die musikalischen Instrumente haben nur einen Schrei und nie eine Stimme für die unwissende Hand, die bei ihnen ansucht.

Es ist nicht zu leugnen, Oliva langweilte sich bald schrecklich bei ihrem Glück, und oft sehnte sie sich unter Thränen nach jenen guten, kleinen, am Fenster in der Rue Dauphine zugebrachten Morgen zurück, da sie die Straße mit ihren Blicken magnetisirte, so daß alle Vorübergehenden ihre Köpfe erhoben.

Und welche liebliche Spaziergänge im Quartier Saint-Germain, als, indem der zierliche Pantoffel auf seinen Absätzen um zwei Zoll einen Fuß von wollüstiger Biegung erhöhte, jeder Schritt der Wandlerin ein Triumph war und den Bewunderern einen kleinen Schrei der Angst, wenn er ausglitschte, oder des Verlangens, wenn sich nach dem Fuß das Bein zeigte, entriß.

Das dachte die eingeschlossene Nicole. Allerdings waren die Agenten des Herrn Policei-Lieutenants furchtbare Leute; allerdings hatte das Hospital, wo die Weiber in einer schmutzigen Gefangenschaft ersticken, nicht den Werth der ephemeren und glänzenden Einkerkerung der Rue Saint-Claude. Doch wozu würde es dienen, Frau zu sein und das Recht der Frauen zu haben, wenn man sich nicht zuweilen gegen das Gute empörte, um es in Böses zu verwandeln, oder wenigstens in Träume?

Und dann wird bald Alles schwarz für denjenigen, welcher sich langweilt. Nicole bedauerte die Abwesenheit Beausire's, nachdem sie den Verlust ihrer Freiheit beklagt hatte. Gestehen wir, daß nichts in der Welt die Frauen ändert, seit der Zeit, wo die Töchter Judä am Vorabend einer Liebesheirath ihre Jungfrauschaft auf den Bergen beweinten.

Wir sind zu einem Tage der Trauer, der Gereiztheit gelangt, an welchem Oliva, seit zwei Wochen jeder Gesellschaft, jedes Anblicks beraubt, in die traurigste Periode des Uebels der Langweile eintrat.

Nachdem sie Alles erschöpft, da sie es weder wagte, an's Fenster zu treten, noch auszugehen, fing sie an den Appetit des Magens zu verlieren, aber nicht den der Einbildungskraft, der im Gegentheil in demselben Maße sich verdoppelte, in welchem der andere abnahm.

In diesem Augenblick moralischer Aufregung erhielt sie einen an diesem Tage unerwarteten Besuch von Cagliostro.

Er trat, wie dieß seine Gewohnheit war, durch die hintere Thüre des Hotel ein, ging durch den neu angelegten Garten in die Höfe und klopfte an die Läden von Oliva's Wohnung.

Vier Schläge, in bestimmten Zwischenräumen gethan, waren das verabredete Zeichen, daß die junge Frau die Riegel zurückzog, welche sie als Sicherheit zwischen ihr und einem mit Schlüsseln versehenen Besuch fordern zu müssen geglaubt hatte.

Oliva dachte, die Vorsichtsmaßregeln seien nicht unnöthig, um eine Tugend zu bewahren, die sie bei gewissen Gelegenheiten lästig fand.

Bei dem von Cagliostro gegebenen Signal öffnete sie die Riegel mit einer Geschwindigkeit, welche für ihr Bedürfniß einer Unterredung zeugte.

Lebhaft wie eine Pariser Grisette, eilte sie den Schritten des edlen Kerkermeisters entgegen, ergriff seine Hände, mehr um ihn zu kneipen, als um ihn zu liebkosen, und rief mit einer gereizten, heisern, abgestoßenen Stimme:

»Mein Herr, ich langweile mich; erfahren Sie das.«

Cagliostro schaute sie mit einer leichten Kopfbewegung an.

»Sie langweilen sich,« sagte er, während er die Thüre wieder schloß, »ach! meine Liebe, das ist ein garstiges Uebel.«

»Ich mißfalle mir hier. Ich sterbe hier.«

»Wahrhaftig!«

»Ja, ich habe schlimme Gedanken.«

»La! la!« machte der Graf, indem er sie besänftigte, wie man einen Pudel besänftigt; »wenn Sie sich nicht behaglich bei mir fühlen, so grollen Sie mir darum nicht zu sehr. Bewahren Sie all Ihren Zorn für den Herrn Policei-Lieutenant, der Ihr Feind ist.«

»Sie bringen mich in Verzweiflung mit ihrer Kaltblütigkeit,« sagte Oliva. »Ein guter Zorn, ein Aufbrausen ist mir lieber, als eine solche Gelassenheit; Sie finden das Mittel, mich zu beruhigen, und das macht mich toll vor Wuth.«

»Gestehen Sie, daß Sie ungerecht sind,« erwiderte Cagliostro, indem er sich fern von ihr mit jener Affectation von Achtung oder von Gleichgültigkeit niedersetzte, die ihm so gut bei Oliva gelang.

»Sie sprechen sehr nach Ihrem Gefallen, Sie,« sagte Oliva, »Sie gehen, Sie kommen, Sie athmen, Ihr Leben besteht aus einer Anzahl von Vergnügungen, die Sie sich wählen; ich vegetire in dem Raum, den Sie begrenzt haben; ich athme nicht, ich zittere. Ich erkläre Ihnen, mein Herr, daß mir Ihr Beistand unnütz ist, wenn er mich nicht am Sterben hindert.«

»Sterben! Sie!« versetzte lächelnd der Graf, »gehen Sie doch!«

»Ich sage Ihnen, daß Sie sich sehr schlecht gegen mich benehmen; Sie vergessen, daß ich tief, leidenschaftlich Einen liebe.«

»Herrn Beausire?«

»Ja, Beausire. Ich liebe ihn, sage ich Ihnen. Ich denke, ich habe es Ihnen nie verborgen. Sie konnten sich nicht einbilden, ich würde meinen theuren Beausire vergessen?«

»Ich habe es so wenig gedacht, daß ich Alles aufbot, um Nachricht von ihm zu erhalten, und ich bringe Ihnen welche.«

»Ah!« machte Olivia.

»Herr von Beausire,« fuhr Cagliostro fort, »ist ein reizender Junge.«

»Bei Gott!« rief Oliva, welche nicht sah, wohin man sie führte.

»Jung und hübsch.«

»Nicht wahr?«

»Voll Einbildungkraft.«

»Voll Feuer … Ein wenig brutal gegen mich. Doch … wer gut liebt, züchtigt gut.«

»Sie sprechen goldene Worte. Sie haben ebenso viel Gemüth als Geist, ebenso viel Geist als Schönheit, und ich, der ich das weiß, der ich mich für jede Liebe in der Welt interessire – das ist eine Manie – ich habe daran gedacht, Sie Beausire näher zu bringen.«

»Das war vor einem Monat nicht Ihre Idee,« sagte Oliva mit einem gezwungenen Lächeln.

»Hören Sie doch, mein liebes Kind, jeder galante Mann, der eine hübsche Person sieht, sucht ihr zu gefallen, wenn er frei ist, wie ich es bin. Sie werden jedoch gestehen, daß wenn ich Ihnen ein Bischen den Hof machte, dieß nicht lange gedauert hat, nicht so?«

»Das ist wahr,« erwiderte Oliva in demselben Ton, »höchstens eine Viertelstunde.«

»Es war sehr natürlich, daß ich abließ, da ich sah, wie sehr Sie Herrn von Beausire liebten.«

»Oh! spotten Sie meiner nicht.«

»Nein, auf Ehre; Sie haben mir sehr widerstanden.«

»Oh! nicht wahr?« rief Oliva, entzückt, auf frischer That des Widerstandes ertappt worden zu sein. »Ja, gestehen Sie, daß ich widerstanden habe.«

»Das war die Folge Ihrer Liebe,« bemerkte Cagliostro phlegmatisch.

»Doch die Ihrige,« entgegnete Oliva, »sie war nicht sehr zähe.«

»Ich bin weder alt, noch häßlich, noch dumm, noch arm genug, um die Weigerungen oder die Chancen einer Niederlage zu ertragen, Mademoiselle; Sie hätten stets Herrn von Beausire mir vorgezogen, das habe ich gefühlt und ich habe mich gefügt.«

»Ah! nein, nein!« rief die Cokette. »Das herrliche Bündniß, das Sie mir vorgeschlagen, Sie wissen wohl, das Recht, mir den Arm zu geben, mich zu besuchen, mir in allen Ehren den Hof zu machen, war das nicht ein kleiner Rest von Hoffnung?«

Und indem sie diese Worte sprach, versenkte die Treulose mit ihren zu lange müßig gewesenen Augen den Besuch, der sich in der Falle gefangen hatte.

»Ich muß es bekennen,« erwiderte Cagliostro, »Sie sind von einem Scharfsinn, dem nichts widersteht.«

Und er stellte sich, als schlüge er die Augen nieder, um nicht von dem doppelten Flammenstrom verzehrt zu werden, der aus den Blicken Oliva's hervorsprang.

»Kommen wir auf Beausire zurück,« sagte sie, gereizt durch die Unbeweglichkeit des Grafen; »was macht er, wo ist er, der theure Freund?«

Da schaute Cagliostro sie mit einem Reste von Schüchternheit an und erwiderte:

»Ich sagte, ich habe Sie mit ihm vereinigen wollen.«

»Nein, Sie sagten das nicht,« murmelte sie mit Verachtung; »doch da Sie es mir sagen, so nehme ich es für gesagt an. Fahren Sie fort. Warum haben Sie ihn nicht gebracht? Das wäre liebreich gewesen. Er ist frei, er …«

»Weil,« antwortete Cagliostro, ohne sich vor dieser Ironie zu scheuen, »weil Herr von Beausire, der ist wie Sie, der zu viel Geist besitzt, auch einen kleinen Handel mit der Policei auf den Hals bekommen hat.«

»Auch!« rief Oliva erbleichend, denn dießmal erkannte sie das Gepräge der Wahrheit.

»Auch,« wiederholte Cagliostro artig.

»Was hat er gemacht?« stammelte die junge Frau.

»Einen reizenden Schelmenstreich, ein äußerst geistreiches Stückchen, ich nenne das einen drolligen Einfall; aber die verdrießlichen Leute, Herr von Crosne zum Beispiel, Sie wissen, wie schwerfällig er ist, dieser Herr von Crosne; nun! sie nennen das einen Diebstahl.«

»Ein Diebstahl!« rief Oliva erschrocken; »mein Gott!«

»Ah! ein hübscher Diebstahl! das beweist, wie viel Neigung dieser arme Beausire für schöne Dinge hat.«

»Mein Herr … mein Herr … er ist verhaftet?«

»Nein, doch er ist signalisirt.«

»Sie schwören mir, daß er nicht verhaftet ist, daß er keine Gefahr läuft?«

»Ich kann Ihnen wohl schwören, daß er nicht verhaftet ist; was aber den zweiten Punkt betrifft, da bekommen Sie mein Wort nicht. Sie fühlen, mein liebes Kind, daß man, wenn man signalisirt ist, verfolgt oder wenigstens aufgesucht wird, und daß Herr von Beausire mit seiner Gestalt, mit seiner Haltung, mit all seinen wohlbekannten Eigenschaften, wenn er sich zeigte, sogleich von den Leithunden des Herrn von Crosne gewittert würde. Bedenken Sie ein wenig, welchen Netzzug Herr von Crosne machen würde … Sie durch Herrn von Beausire, und Herrn von Beausire durch Sie festnehmen …«

»Oh! ja, ja, er muß sich verbergen! Armer Junge! Ich will mich auch verbergen. Lassen Sie mich aus Frankreich fliehen, mein Herr. Suchen Sie mir diesen Dienst zu leisten; denn sehen Sie, eingeschlossen, erstickt, würde ich hier nicht dem Verlangen widerstehen, eines Tages eine Unvorsichtigkeit zu begehen.«

»Was nennen Sie Unvorsichtigkeit, meine Liebe?«

»Mich zeigen, mir ein wenig Luft schaffen.«

»Uebertreiben Sie nicht, meine Freundin. Sie sind schon ganz bleich, und Sie werden am Ende Ihre schöne Gesundheit verlieren. Herr von Beausire würde Sie nicht mehr lieben. Nein, nehmen Sie so viel Luft, als Sie wollen, machen Sie sich das Vergnügen, einige menschliche Gestalten vorübergehen zu sehen.«

»Oh!« rief Oliva, »nun sind Sie gegen mich aufgebracht, und Sie werden mich auch verlassen. Ich bin Ihnen vielleicht beschwerlich?«

»Mir! sind Sie toll? Warum sollten Sie mir beschwerlich sein?« sprach der Graf mit einem eisigen Ernst.

»Weil … ein Mann, der Geschmack für eine Frau hat, ein so bedeutender Mann wie Sie, ein so schöner Herr wie Sie, berechtigt ist, in Zorn zu gerathen, sogar Ekel zu bekommen, wenn eine Tolle, wie ich, ihn abweist. Oh! verlassen Sie mich nicht, richten Sie mich nicht zu Grunde, fassen Sie keinen Haß gegen mich, mein Herr!« rief die junge Frau.

Und eben so erschrocken, als sie cokett gewesen war, schlang sie ihren Arm um Cagliostro's Hals.

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04 aralık 2019
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