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Kitabı oku: «Das Halsband der Königin Denkwürdigkeiten eines Arztes 2», sayfa 41

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»Arme Kleine!« sagte dieser, indem er einen keuschen Kuß auf Oliva's Stirn hauchte, »wie sie bange hat! Haben Sie keine so abscheuliche Meinung von mir, meine Tochter, Sie liefen Gefahr, ich habe Ihnen einen Dienst geleistet; ich hatte Ideen mit Ihnen, ich bin davon zurückgekommen, doch das ist das Ganze. Ich habe Ihnen nicht mehr Haß zu bezeigen, als Sie mir Dankbarkeit zu bieten haben. Ich habe für mich gehandelt, Sie haben für sich gehandelt, wir sind quitt.«

»Oh! mein Herr, wie viel Güte, welch ein edelmüthiger Mann sind Sie!«

Und Oliva legte zwei Arme statt eines einzigen auf Cagliostro's Schultern.

Doch dieser schaute sie mit seiner gewöhnlichen Ruhe an und sprach:

»Sie sehen wohl, Oliva, trügen Sie mir jetzt Ihre Liebe an, ich …«

»Nun?« fragte sie ganz roth.

»Trügen Sie mir jetzt Ihre anbetungswürdige Person an, ich würde sie zurückweisen, so sehr liebe ich es, nur wahre, reine und von allem Interesse freie Gefühle einzuflößen. Sie haben mich für interessirt gehalten. Sie sind in Abhängigkeit von mir gerathen. Sie halten sich für verbunden; ich möchte glauben, Sie seien mehr dankbar, als gefühlvoll, mehr erschrocken, als verliebt: bleiben wir, wie wir sind. Ich erfülle in dieser Hinsicht Ihren Wunsch. Ich komme allen Ihren zartsinnigen Rücksichten zuvor.«

Oliva ließ ihre Arme fallen und entfernte sich einige Schritte beschämt, gedemüthigt, bethört durch diese Großmuth Cagliostro's, worauf sie nicht gerechnet hatte.

»Es ist also,« sagte der Graf, »es ist also abgemacht, meine liebe Oliva, Sie werden mich als Freund behalten; Sie werden alles Zutrauen zu mir haben, Sie werden sich meines Hauses, meiner Börse, meines Kredits bedienen, und …«

»Und ich werde mir sagen, es gebe Menschen auf dieser Welt, welche weit erhaben über alle diejenigen sind, die ich kennen gelernt habe.«

Oliva sprach diese Worte mit einem Zauber und einer Würde, welche einen Zug in diese eherne Seele eingruben, deren Körper man einst Balsamo nannte.

»Jede Frau ist gut,« dachte er, »wenn man in ihr die Saite berührt hat, welche dem Herzen entspricht.«

Dann sich Oliva nähernd:

»Von diesem Abend an werden Sie den obersten Stock des Hauses bewohnen. Es ist dieß eine Wohnung, bestehend aus drei als Observatorium angebrachten Zimmern, über dem Boulevard und der Rue Saint-Claude. Die Fenster gehen auf Menilmontant und Belleville. Einige Personen werden Sie dort sehen können. Das sind friedliche Nachbarn, fürchten Sie dieselben nicht. Brave Leute ohne Verbindungen, ohne Argwohn über das, was Sie sein dürften. Lassen Sie sich von ihnen sehen, doch ohne daß Sie sich aussetzen, und besonders, ohne daß Sie sich jedem Vorübergehenden zeigen, denn die Rue Saint-Claude wird zuweilen von den Agenten des Herrn von Crosne durchforscht; dort werden Sie wenigstens Sonne haben.«

Oliva klatschte freudig in ihre Hände.

»Soll ich Sie dahin führen?« fragte Cagliostro.

»Diesen Abend?«

»Gewiß, diesen Abend. Ist Ihnen das lästig?«

Oliva schaute Cagliostro tief an. Eine unbestimmte Hoffnung kehrte in ihr Herz oder vielmehr in ihren eitlen und verdorbenen Kopf zurück.

»Gehen wir,« sagte sie.

Der Graf nahm im Vorzimmer eine Laterne, öffnete selbst mehrere Thüren, stieg, von Oliva gefolgt, eine Treppe hinauf und gelangte zum dritten Stock in die von ihm bezeichnete Wohnung. Sie fand dieselbe ganz ausgestattet, ganz blühend, ganz wohnlich.

»Man sollte glauben, ich wäre hier erwartet worden,« sagte sie.

»Nicht Sie,« erwiderte der Graf, »sondern ich, der ich die Aussicht von diesem Pavillon liebe und oft hier schlafe.«

Oliva's Blick nahm die falben, blitzenden Tinten an, welche oft die Augensterne der Katzen färben.

Ein Wort drängte sich auf ihre Lippen, Cagliostro hielt es durch die Aeußerung zurück:

»Es wird Ihnen an nichts fehlen, Ihre Kammerjungfer wird in einer Viertelstunde bei Ihnen sein. Gute Nacht, Mademoiselle.«

Und er verschwand, nachdem er eine tiefe, durch ein freundliches Lächeln gemilderte Verbeugung gemacht hatte.

Die arme Gefangene sank, bestürzt, vernichtet, auf das in einem zierlichen Alkoven für sie bereit stehende Bett.

»Ich begreife durchaus nichts von dem, was mir widerfährt,« murmelte sie, mit den Augen dem wirklich für sie unbegreiflichen Manne folgend.

LXII.
Das Observatorium

Oliva legte sich nach dem Abgang der Kammerjungfer, welche Cagliostro ihr schickte, zu Bett.

Sie schlief wenig, die Gedanken aller Art, welche aus ihrer Unterredung mit dem Grafen entstanden, gaben ihr nur wache Träume, schlaftrunkene Beängstigungen; man ist nicht lange Zeit glücklich, wenn man zu reich und zu ruhig ist, nachdem man zu arm oder zu bewegt gewesen.

Oliva beklagte Beausire, sie bewunderte den Grafen, den sie nicht begriff, sie hielt ihn nicht für schüchtern, sie hatte ihn nicht im Verdacht der Unempfindlichkeit. Sie hatte gewaltig bange, von einem Sylphen während ihres Schlafes beunruhigt zu werden, und das geringste Geräusch des Bodens verursachte ihr die jeder Romanheldin, welche in dem Nordthurme schläft, bekannte Aufregung.

Mit dem Morgenroth entflohen die Schrecknisse, welche nicht ohne Reiz waren … Wir, die wir uns nicht fürchten, Herrn Beausire Argwohn einzuflößen, wir können wohl behaupten, daß Nicole die Stunde der vollkommenen Sicherheit nicht ohne einen Rest coketten Aergers erblickte. Eine unübersetzbare Nuance für jeden Pinsel, der nicht Watteau, für jede Feder, die nicht Marivaux oder Crebillon Sohn unterzeichnet hat.

Am Tag erlaubte sie sich zu schlafen, sie genoß dann die Wollust, in ihrem duftenden Zimmer die purpurnen Strahlen der aufgehenden Sonne einzusaugen, die Vögel auf der kleinen Terrasse hinlaufen zu sehen, wo ihre Flügel mit lieblichem Geräusch die Blätter der Rosenstöcke und die Blüthen des spanischen Jasmins streiften.

Und sie stand sehr spät auf, als zwei bis drei Stunden eines süßen Schlafes auf ihren Augenlidern gelastet hatten, als sie, gewiegt zwischen dem Lärmen der Straße und der weichen Lähmung der Ruhe, sich stark genug fühlte, um wieder die Bewegung zu suchen, zu stark, um müßig liegen zu bleiben.

Dann lief sie in allen Winkeln ihrer neuen Wohnung umher, wo der unbegreifliche Sylphe in seiner Unwissenheit nicht einmal eine Fallthüre hatte finden können, um mit einem Flügelschlag um das Bett zu gleiten, und doch hatten die Sylphen in jener Zeit, dem Grafen von Gabalis sei es gedankt, nichts von ihrem unschuldigen Rufe verloren.

Oliva erschaute die Reichthümer ihrer Wohnung in der Einfachheit des Unvorhergesehenen. Diese Weiberhaushaltung war Anfangs ein Männermobiliar gewesen. Man fand hier Alles, was das Leben theuer machen kann, man fand hier besonders den hellen Tag und die frische Luft, welche die Kerker in Gärten verwandeln würden, wenn je die Luft und das Licht in ein Gefängniß drängen.

Die kindliche, das heißt die vollkommene Freude schildern, mit der Oliva auf die Terrasse lief, sich auf die Platten, mitten unter die Blumen und Moose, legte, einer Natter ähnlich, welche aus ihrem Neste kommt, wir würden es sicherlich thun, hätten wir nicht ihr Erstaunen zu malen, so oft ihr eine Bewegung ein neues Schauspiel enthüllte.

Anfangs, wie wir gesagt, liegend, um nicht von Außen gesehen zu werden, betrachtete sie durch das Gitter des Balcons die Gipfel der Bäume auf den Boulevards, die Häuser des Quartier Popincourt, einen nebeligen Ocean, dessen ungleiche Wogen sich zu ihrer Rechten aufthürmten.

Von Sonne übergossen, das Ohr auf das Geräusch der allerdings etwas spärlich auf dem Boulevard rollenden Wagen gespannt, blieb sie auf diese Art sehr glücklich zwei Stunden lang. Sie frühstückte sogar Chocolade, die ihre Kammerjungfer ihr vorsetzte, und las eine Zeitung, ehe sie daran dachte, auf die Straße zu schauen.

Das war ein gefährliches Vergnügen.

Die Leithunde des Herrn von Crosne, diese menschlichen Hunde, welche mit weit geöffneten Nasen jagen, konnten sie sehen. Welch ein furchtbares Erwachen nach einem so süßen Schlafe!

Doch diese horizontale Lage konnte nicht fortwähren, so gut sie war. Nicole erhob sich auf einen Ellenbogen.

Und nun sah sie die Nußbäume von Menilmontant, die großen Bäume des Friedhofs, die Myriaden Häuser von allen Farben, welche am Abhang des Berges von Charonne bis zu den Chaumont-Hügeln unter grünem Gesträuche oder auf gypshaltigen, mit Heidekraut und Disteln bekleideten Abstürzen emporragten.

Da und dort auf den Wegen, schmalen am Halse der Bergchen wogenden Bändern, auf den Fußpfaden der Weingärten, auf den weißen Straßen, traten kleine lebende Wesen hervor, Bauern auf ihren Eseln trabend, Kinder über das auszugätende Feld hingebückt, Winzerinnen, die Traube für die Sonne entblößend. Die Ländlichkeit entzückte Nicole, die immer nach der schönen Gegend von Taverney geseufzt hatte, seitdem sie diese Gegend verlassen, um sich nach dem ersehnten Paris zu begeben.

Endlich aber war sie des Landes satt, und da sie eine bequeme sichere Stellung in ihren Blumen genommen hatte, da sie zu sehen verstand, ohne daß sie Gefahr lief, gesehen zu werden, so senkte sie ihre Blicke von dem Berge nach dem Thal, vom entfernten Horizont zu den Häusern gegenüber.

Ueberall, das heißt in dem Raume, den drei Häuser umfassen können, fand Oliva die Fenster geschlossen oder wenig ansprechend. Hier drei Stockwerke bewohnt von alten Rentiers, welche Käfige außen anhingen oder Katzen innen fütterten; dort vier Stockwerke, von denen nur der Auvergnat, der oberste Bewohner, in Sehweite kam … die anderen Miethleute schienen abwesend, irgendwohin nach dem Lande verreist. Endlich, ein wenig zur Linken, im dritten Hause, gelbe seidene Vorhänge, Blumen, und gleichsam um dieses Wohlbehagen zu möbliren, ein weicher Lehnstuhl, der am Fenster seinen Träumer oder seine Träumerin zu erwarten schien.

Oliva glaubte in diesem Zimmer, dessen schwarze Dunkelheit die Sonne hervorhob, etwas wie einen mit regelmäßigen Bewegungen wandelnden Schatten zu bemerken.

Sie beschränkte hierauf ihre Ungeduld, verbarg sich noch besser, als bis jetzt, rief ihre Kammerjungfer und knüpfte mit ihr ein Gespräch an, um Abwechslung in die Vergnügungen der Einsamkeit durch die Gesellschaft eines denkenden und besonders sprechenden Geschöpfes zu bringen.

Doch die Kammerjungfer war gegen alle Ueberlieferungen zurückhaltend. Sie wollte wohl ihrer Gebieterin Belleville, Charonne und den Père-Lachaise erklären. Sie sagte die Namen der Kirchen Saint-Ambroise und Saint-Laurent; sie bezeichnete in krummer Linie das Boulevard und seine Neigung zum rechten Ufer der Seine; als aber die Frage auf die Nachbarn fiel, fand die Kammerjungfer kein Wort. Sie kannte dieselben ebenso wenig als ihre Gebieterin.

Das helldunkle Zimmer mit den gelben seidenen Vorhängen wurde Oliva nicht erklärt. Nichts über den wandelnden Schatten, nichts über den Lehnstuhl.

Hatte Oliva nicht die Befriedigung, ihre Nachbarin zum Voraus zu kennen, so konnte sie sich wenigstens versprechen, ihre Bekanntschaft auf eigene Faust zu machen. Sie schickte also ihre allzu verschwiegene Dienerin weg, um sich ohne Zeugen ihrer Forschung hinzugeben.

Die Gelegenheit ließ nicht auf sich warten. Die Nachbarn fingen an ihre Thüren zu öffnen, ihre Siesta nach dem Mahle zu halten, sich zum Spaziergange auf der Place Royale oder auf dem Chemin Vert anzukleiden.

Oliva zählte sie. Es waren sechs, gut assortirt in ihrer Unähnlichkeit, wie es sich für Leute geziemt, die sich die Rue Saint-Claude zur Wohnstätte gewählt haben.

Oliva brachte einen Theil des Tages damit zu, daß sie ihre Geberden betrachtete und ihre Gewohnheiten studirte. Sie ließ Alle die Revue passiren, mit Ausnahme des erwähnten Schattens, der, ohne sein Gesicht zu zeigen, sich in den Lehnstuhl beim Fenster begraben hatte und in eine unbewegliche Träumerei versunken war.

Es war eine Frau. Sie hatte ihren Kopf ihrer Haarkünstlerin überlassen, welche in anderthalb Stunden auf dem Schädel und den Schläfen eines von jenen babylonischen Gebäuden errichtete, in welche Mineralien und Vegetabilien kamen, und worein auch Thiere gekommen wären, hätte sich Leonard darein gemischt und hätte eine Frau jener Zeit eingewilligt, aus ihrem Kopfe eine Arche Noä mit ihren Bewohnern zu machen.

Dann als die Frau frisirt, gepudert, weiß an Putz und Spitzen war, quartirte sie sich wieder in ihren Lehnstuhl ein, den Kopf von Kissen getragen, welche hart genug waren, daß dieser Theil das Gleichgewicht des ganzen Körpers hielt und dem Monumente des Haares unberührt zu bleiben gestattete, ohne eine Angst vor Erdbeben, welche die Grundlage erschüttern konnten.

Diese unbewegliche Frau glich jenen indischen auf ihre Sitze gekeilten Göttern, denn in Folge der Starrheit des Gedankens rollte das Auge allein in seiner Höhle. Eine Schildwache und ein thätiger Diener verrichteten nach den Bedürfnissen des Körpers oder den Launen des Geistes allein den Dienst des Idols.

Oliva bemerkte, wie hübsch diese Dame in ihrer Frisur war, wie sehr ihr Fuß, auf den Rand des Fensters gestellt und in einem kleinen Pantoffel von rosa Atlas geschaukelt, zart und sinnreich war. Sie bewunderte die Rundung des Armes und des Busens, der den Schnürleib und das Morgengewand zurückstieß.

Was ihr aber ganz besonders auffiel, das war die Tiefe des stets auf ein unsichtbares, unbestimmtes Ziel gespannten Gedankens, eines so gebieterischen Gedankens, daß er den Leib zu gänzlicher Unbeweglichkeit verurtheilte, daß er ihn durch seinen Willen vernichtete.

Diese Frau, welche wir erkannt haben, während Oliva sie nicht zu erkennen vermochte, ahnte nicht, daß man sie sehen konnte. Ihren Fenstern gegenüber hatte sich nie ein Fenster geöffnet. Das Hotel des Herrn von Cagliostro hatte nie, trotz der Blumen, welche Nicole gefunden, trotz der Vögel, die sie hatte fliegen sehen, irgend Jemand sein Geheimniß entdeckt, und abgesehen von den Malern, die es wiederhergestellt, hatte sich nie ein lebendes Wesen am Fenster sehen lassen.

Um die Erscheinung zu erklären, welcher Cagliostro's angebliches Wohnen im Pavillon widerspricht, wird ein Wort genügen. Der Graf hatte diese Wohnung am Abend bereiten lassen, als hätte er sie für sich selbst einrichten heißen. Er hatte sich so zu sagen selbst belogen, so gut waren seine Befehle vollzogen worden.

Die Dame mit der schönen Frisur blieb also in ihren Gedanken begraben; Oliva bildete sich ein, so träumend, träume die hübsche Person von ihren durchkreuzten Liebschaften.

Sympathie in der Schönheit, Sympathie in der Einsamkeit, im Alter, in der Langweile, wie viele Bande, um zwei Seelen mit einander zu verknüpfen, die einander vielleicht in Folge der geheimnißvollen, unwiderstehlichen und unübersetzbaren Combination der Geschicke suchten!

Seitdem Oliva diese nachdenkliche Einsiedlerin gesehen hatte, konnte sie ihr Auge nicht mehr von ihr losmachen.

Es lag eine Art von moralischer Reinheit in dieser Anziehung der Frau zur Frau. Diese Zartheiten sind gewöhnlicher, als man im Allgemeinen glaubt, unter den unglücklichen Geschöpfen, für welche der Körper der Hauptagent in den Functionen des Lebens geworden ist.

Arme Verbannte aus dem geistigen Paradies, sehnen sie sich nach den verlorenen Gärten und den lächelnden Engeln zurück, die sich unter den mystischen Schatten verbergen.

Oliva glaubte eine Schwester ihrer Seele in der schönen Klausnerin zu sehen. Sie baute einen Roman ähnlich ihrem eigenen auf, denn sie bildete sich in ihrer Naivetät ein, man könne nicht hübsch, elegant sein und in der Rue Saint-Claude verloren wohnen, ohne ein großes Unglück im Grunde seines Lebens oder eine schwere Bangigkeit im Grunde seines Herzens zu haben.

Als sie ihre romantische Fabel gut aus Erz und Diamanten geschmiedet hatte, ließ sich Oliva, wie alle exzeptionellen Naturen, durch ihre Feerei entführen, sie nahm Flügel, um im Raum ihrer Gefährtin entgegen zu eilen, der sie, in ihrer Ungeduld, hätte Flügel wie die ihrigen wachsen sehen mögen.

Doch die Dame mit dem Monument rührte sich nicht, sie schien auf ihrem Stuhle zu schlummern. Zwei Stunden waren vergangen, ohne daß sie um einen Grad aus ihrer Linie gewichen war.

Oliva war in Verzweiflung. Sie wäre Adonis oder Beausire nicht den vierten Theil so weit entgegengekommen wie der Unbekannten.

Der Sache überdrüssig und von der Zärtlichkeit zum Haß übergehend, öffnete und schloß sie zehnmal ihr Fenster; zehnmal scheuchte sie die Vögel aus dem Blätterwerk auf, und machte gefährdende telegraphische Geberden, welche das stumpfste der Werkzeuge des Herrn von Crosne, wenn es über das Boulevard oder am Ende der Rue Saint-Claude gegangen wäre, unfehlbar gesehen und zum Gegenstand einer scharfen Aufmerksamkeit gemacht hätte.

Endlich machte Nicole sich selbst weiß, die Dame mit den schönen Flechten habe alle ihre Geberden wohl gesehen, alle ihre Signale wohl begriffen, aber sie verachte dieselben; sie sei eitel oder einfältig; einfältig! mit so feinen, geistreichen Augen, mit einem so beweglichen Fuß, einer so unruhigen Hand! Unmöglich!

Eitel, ja; eitel, wie es in dieser Zeit eine Frau vom hohen Adel gegenüber einer Bürgerlichen sein konnte.

Oliva, welche in der Physiognomie der jungen Frau alle Merkmale der Aristocratie erkannte, schloß, sie sei hoffärtig und folglich unmöglich zu bewegen.

Sie verzichtete.

Mit einem reizenden Schmollen den Rücken wendend, setzte sie sich wieder in die Sonne, diesmal in die untergehende Sonne, um in die Gesellschaft ihrer Blumen zurückzukehren, gefälliger Gespielinnen, welche auch adelig, auch zierlich, auch gepudert, auch cokett wie die vornehmsten Damen, sich doch berühren, einathmen lassen und in Wohlgeruch, in Kühle und in bebenden Berührungen den Freundschafts- oder Liebeskuß erwidern.

Nicole bedachte nicht, daß diese vermeintlich hochmüthige Dame Jeanne von Valois, Gräfin von La Mothe war, die seit dem vorhergehenden Tag eine Idee suchte.

Daß diese Idee zum Zweck hatte, ein Zusammentreffen zwischen Marie Antoinette und dem Cardinal von Rohan zu verhindern.

Daß ein noch größeres Interesse heischte, daß der Cardinal, während er die Königin nicht mehr unter vier Augen sah, fest glaubte, er sehe sie noch immer, folglich mit dieser Vision sich begnügte und aufhörte, den wirklichen Anblick zu verlangen.

Ernste Gedanken, sehr triftige Entschuldigungen für eine solche Vertieftheit einer jungen Frau, daß sie zwei tödtliche Stunden hindurch den Kopf nicht bewegte.

Hätte Nicole dieß Alles gewußt, sie würde sich nicht aus Zorn unter ihre Blumen geflüchtet haben.

Sie hätte nicht, indem sie sich hineinsetzte, vom Balcon einen Topf mit Eschwurz gestoßen, der mit einem furchtbaren Lärmen in die öde Straße hinabfiel.

Erschrocken schaute Oliva schnell, welchen Schaden sie wohl angerichtet habe.

Die in Gedanken versunkene Dame erwachte bei dem Geräusch, sah den Topf auf dem Pflaster und stieg von der Wirkung zur Ursache auf, das heißt ihre Augen stiegen vom Pflaster der Straße zu der Terrasse des Hauses auf.

Und sie sah Oliva.

Als sie dieselbe sah, stieß sie einen heftigen Schrei aus, einen Schrei des Schreckens, einen Schrei, der mit einer raschen Bewegung ihres ganzen, kurz zuvor noch so steifen und eisigen Körpers endigte.

Die Augen Oliva's und dieser Dame begegneten sich endlich, befragten sich, durchdrangen einander.

Jeanne rief zuerst:

»Die Königin!«

Dann murmelte sie, indem sie die Hände und die Stirne faltete, ohne daß sie sich zu rühren wagte, damit die seltsame Erscheinung nicht entfliehen möchte:

»Oh! ich suchte ein Mittel, hier ist es.«

In diesem Augenblick hörte Oliva Geräusch hinter sich, und sie wandte sich rasch um.

Der Graf war in ihrem Zimmer; er hatte die gegenseitige Erkennung bemerkt.

»Sie haben sich gesehen!« sagte er.

Oliva verließ hastig den Balcon.

LXIII.
Die zwei Nachbarinnen

Von dem Augenblick an, wo die Frauen sich gesehen hatten, stellte sich Oliva, schon bezaubert durch die Anmuth ihrer Nachbarin, nicht mehr, als verachte sie dieselbe, und indem sie sich vorsichtig unter ihren Blumen umwandte, erwiderte sie mit einem Lächeln jedes Lächeln, das man an sie richtete.

Cagliostro hatte bei seinem Besuch nicht unterlassen, ihr die größte Umsicht zu empfehlen.

»Besonders halten Sie nicht zur Nachbarschaft,« hatte er gesagt.

Dieses Wort war wie ein böser Hagel auf das Haupt Oliva's gefallen, die sich bereits mit den Geberden und Grüßen der Nachbarin beschäftigte.

Nicht zur Nachbarschaft halten hieß den Rücken dieser reizenden Frau zuwenden, deren Augen so glänzend und so sanft waren, bei der jede Bewegung eine Verführung enthielt; es hieß auf einen telegraphischen Notenwechsel über den Regen und das schöne Wetter verzichten, es hieß mit einer Freundin brechen. Denn die Einbildungskraft Oliva's lief dergestalt, daß Jeanne bereits ein interessanter und theurer Gegenstand für sie war.

Die Duckmäuserin antwortete ihrem Beschützer, sie würde sich wohl hüten, ihm ungehorsam zu sein, und nichts unternehmen, um mit der Nachbarschaft in Verbindung zu treten. Doch er war nicht so bald weggegangen, als sie sich so auf dem Balcon einrichtete, daß sie die ganze Aufmerksamkeit ihrer Nachbarin in Anspruch nahm.

Dieser, man kann es wohl glauben, war nichts lieber; denn die ersten Avancen, die man ihr machte, erwiderte sie mit Grüßen und mit Kußhänden.

Oliva entsprach nach besten Kräften diesen liebenswürdigen Zuvorkommenheiten; sie bemerkte, daß die Unbekannte das Fenster nicht mehr verließ, und daß sie, immer aufmerksam, um entweder ein Lebewohl zu senden, wenn sie wegging, oder einen guten Morgen, wenn sie zurückkam, alle ihre Liebesfähigkeiten auf den Balcon Oliva's concentrirt zu haben schien.

Auf einen solchen Zustand der Dinge mußte rasch ein Annäherungsversuch folgen.

Man vernehme, was geschah.

Als Cagliostro zwei Tage nachher zu Oliva kam, beklagte er sich über einen Besuch, der im Hotel von einer unbekannten Person gemacht worden sei.

»Wie so?« fragte Oliva, ein wenig erröthend.

»Ja,« erwiderte der Graf, »eine sehr hübsche, junge, elegante Dame ist erschienen und hat mit einem Bedienten gesprochen, den sie durch ihr beharrliches Läuten herbeigezogen. Sie fragte diesen Menschen, wer die junge Person sein möchte, die den Pavillon des dritten Stockes, Ihre Wohnung, meine Theure, inne hätte. Diese Frau bezeichnete sicherlich Sie. Sie wollte Sie sehen. Sie kennt Sie also; sie hat Absichten auf Sie; Sie sind also entdeckt. Nehmen Sie sich in Acht, die Policei hat weibliche Spione, wie männliche Agenten, und ich sage Ihnen zum Voraus, daß ich es Herrn von Crosne nicht abschlagen kann, Sie herauszugeben, wenn er Sie von mir fordert.«

Statt zu erschrecken, erkannte Oliva schnell das Bild ihrer Nachbarin, sie wußte ihr unendlich Dank für ihre Zuvorkommenheit, und entschlossen, ihr dieß durch alle in ihrer Gewalt stehenden Mittel zu beweisen, verstellte sie sich vor dem Grafen.

»Sie zittern nicht?« sagte Cagliostro.

»Niemand hat mich gesehen,« erwiderte Nicole.

»Also wollte man nicht Sie besuchen?«

»Ich denke nicht.«

»Doch um zu errathen, daß eine Frau in diesem Pavillon … Ah! nehmen Sie sich in Acht, nehmen Sie sich in Acht.«

»Ei! Herr Graf,« entgegnete Oliva, »wie könnte ich fürchten? Hat man mich gesehen, was ich nicht glaube, so wird man mich nicht mehr sehen, und wenn man mich sähe, so wäre es von fern, denn nicht wahr, das Haus ist undurchdringlich?«

»Undurchdringlich, ganz richtig,« erwiderte der Graf, »denn wenn man nicht die Mauern erklettert, was nicht sehr bequem ist, oder die Eingangsthüre mit einem Schlüssel, wie der meinige, öffnet, was nicht leicht ist, insofern ich ihn nicht von mir lasse …«

Bei diesen Worten zeigte er den Schlüssel, der ihm zum Eintritt durch die hintere Thüre diente.

»Da ich aber,« fuhr er fort, »da ich kein Interesse dabei habe, Sie in's Verderben zu stürzen, so werde ich den Schlüssel Niemand leihen, und da Ihnen kein Vortheil daraus erwüchse, wenn Sie Herrn von Crosne in die Hände fielen, so werden Sie Ihre Mauern nicht erklettern lassen. Sie sind also gewarnt, mein liebes Kind, richten Sie Ihre Sache so ein, wie es Ihnen beliebt.«

Oliva ergoß sich in Betheurungen aller Art und beeilte sich, den Grafen zur Thüre hinauszubringen, was ihr nicht schwer wurde, da er nicht auf längerem Bleiben bestand.

Am andern Morgen war sie von sechs Uhr an auf dem Balcon; sie athmete die reine Luft der benachbarten Hügel ein und schoß neugierige Blicke nach den geschlossenen Fenstern ihrer artigen Freundin.

Diese, die gewöhnlich erst gegen elf Uhr erwachte, zeigte sich, sobald Oliva erschien. Es war sogar, als lauerte sie hinter den Vorhängen auf die Gelegenheit, sich sehen zu lassen.

Die zwei Frauen grüßten sich, und Jeanne legte sich vor ihr Fenster hinaus und schaute nach allen Seiten, ob sie Jemand hören könnte.

Niemand erschien. Nicht nur die Straße, sondern auch die Fenster der Häuser waren verlassen.

Sie hielt nun ihre beiden Hände in Form eines Sprachrohrs vor ihren Mund und sagte mit einer vibrirenden und getragenen Betonung, welche kein Schreien ist, aber weiter geht, als der Schall der Stimme, zu Oliva:

»Ich wollte Sie besuchen, Madame.«

»St!« machte Oliva, indem sie erschrocken zurückwich.

Und sie legte einen Finger auf ihre Lippen.

Jeanne tauchte ihrerseits hinter ihre Vorhänge, im Glauben, es sei eine indiscrete Person zugegen; doch sogleich erschien sie wieder, beruhigt durch Nicole's Lächeln.

»Man kann Sie also nicht besuchen?« fragte sie.

»Leider nein!« antwortete Oliva mit der Geberde.

»Warten Sie,« sagte Jeanne. »Kann man Briefe an Sie richten?«

»Oh! nein,« rief Oliva erschrocken.

Jeanne dachte einige Augenblicke nach.

Oliva, um ihr für ihre zarte Theilnahme zu danken, sandte ihr einen reizenden Kuß zu, den Jeanne doppelt zurückgab, worauf sie ihr Fenster schloß und ausging.

Oliva sagte sich, ihre Freundin habe ein neues Mittel gefunden, das Schaffen ihrer Einbildungskraft habe sich in ihrem letzten Blicke geoffenbart.

Jeanne kehrte in der That nach zwei Stunden zurück; die Sonne strahlte in ihrer ganzen Kraft; das Pflaster der Straße glühte wie der Sand Spaniens während des Fuego.

Oliva sah ihre Nachbarin an ihrem Fenster mit einer Armbrust erscheinen. Jeanne bedeutete ihr lachend durch ein Zeichen, sie möge auf die Seite treten.

Oliva gehorchte wie ihre Gefährtin lachend, und flüchtete sich hinter ihren Laden.

Jeanne zielte sorgfältig und schoß eine kleine bleierne Kugel ab, welche leider, statt über den Balcon zu fliegen, an einer der eisernen Stangen anprallte und auf die Straße fiel.

Oliva stieß einen Schrei des Verdrusses aus. Jeanne zuckte zornig die Achseln, suchte einen Moment ihr Wurfgeschoß auf der Straße und verschwand dann auf einige Minuten.

Oliva schaute, vorgebeugt, vom Balcon hinab; eine Art von Lumpensammler ging rechts und links suchend vorüber: sah er die Kugel in der Gosse oder sah er sie nicht? Oliva wußte es nicht; sie verbarg sich, um selbst nicht gesehen zu werden.

Jeanne's zweiter Versuch war glücklicher.

Ihre Armbrust schleuderte getreu über den Balcon in Nicole's Zimmer eine zweite Kugel, um welche ein in folgenden Worten abgefaßtes Billet gewickelt war:

»Sie interessiren mich, schönste Dame. Ich finde Sie reizend und liebe Sie schon vom bloßen Sehen. Sie sind also eine Gefangene? Wissen Sie, daß ich einen vergeblichen Versuch gemacht habe Sie zu besuchen? Wird der Zauberer, der Sie mit scharfen Augen bewacht, je mich Ihnen nähern lassen, damit ich Ihnen sagen kann, welche Sympathie ich für ein armes Opfer der Männertyrannei empfinde?

»Ich habe, wie Sie, die Einbildungskraft, um meinen Freundschaften zu dienen. Wollen Sie meine Freundin sein? Es scheint, Sie können nicht ausgehen; doch Sie können ohne Zweifel schreiben, und da ich ausgehe, wann ich will, warten Sie, bis ich unter Ihrem Balcon vorüberkomme, und werfen Sie mir Ihre Antwort zu.

»Würde das Spiel mit der Armbrust gefährlich und man entdeckte es, so wählen wir ein Mittel, leichter zu correspondiren. Lassen Sie von Ihrem Balcon in der Abenddämmerung einen Knäuel Bindfaden herabhängen; befestigen Sie Ihr Billet daran, ich werde dann das meinige daran knüpfen, das Sie hinaufziehen können, ohne gesehen zu werden.

»Bedenken Sie, daß ich, wenn Ihre Augen keine Lügner sind, ein wenig auf die Zuneigung zähle, die Sie mir eingeflößt haben, und daß wir Beide das Weltall besiegen werden, Ihre Freundin.«

»P.S. Haben Sie Jemand mein erstes Billet aufheben sehen?«

Jeanne unterzeichnete nicht; sie hatte sogar ihre Handschrift gänzlich verstellt.

Oliva bebte vor Freude, als sie dieses Billet erhielt. Sie antwortete mit folgenden Zeilen:

»Ich liebe Sie, wie Sie mich lieben. Ich bin in der That ein Opfer der Männerbosheit. Doch derjenige, welcher mich hier zurückhält, ist ein Beschützer und kein Tyrann. Er besucht mich insgeheim einmal des Tags. Ich erkläre Ihnen dieß Alles später. Das Heraufziehen des Billets am Ende eines Fadens ist mir lieber, als die Armbrust.«

»Ach! nein, ich kann nicht ausgehen; ich bin unter Schloß und Riegel, doch das ist zu meinem Besten. Oh! wie viele Dinge hätte ich Ihnen zu sagen, wäre ich je so glücklich, mit Ihnen zu plaudern! Es gibt so viele Einzelnheiten, die man nicht schreiben kann.«

»Ihr erstes Billet ist von Niemand aufgehoben worden außer vielleicht von einem schmutzigen Lumpensammler, der vorüberging, doch solche Leute können nicht lesen, und für sie ist Blei Blei«

Ihre Freundin

Oliva Legay.«

Oliva unterzeichnete unbedenklich.

Sie machte der Gräfin das Zeichen des Abwickelns eines Fadens. Sie wartete dann bis der Abend kam, und ließ den Knäuel auf die Straße hinabrollen.

Jeanne war unter dem Balcon, ergriff den Faden und nahm das Billet ab, lauter Bewegungen, welche ihre Correspondentin an dem Faden, der als Leiter diente, bemerkte; dann kehrte sie in ihr Haus zurück, um zu lesen.

Nach einer halben Stunde knüpfte sie an die beglückende Schnur ein Billet folgenden Inhalts:

»Man thut Alles, was man will … Sie werden nicht unablässig bewacht, da ich Sie immer allein sehe … Sie müssen also alle Freiheit haben, die Leute zu empfangen, oder vielmehr selbst auszugehen. Wie wird Ihr Haus geschlossen? mit einem Schlüssel? Wer hat diesen Schlüssel? nicht wahr, der Mann, der Sie besucht? Bewacht er diesen Schlüssel so hartnäckig, daß Sie ihn nicht entwenden oder einen Abdruck davon nehmen können? … Es handelt sich nicht darum, Böses zu thun, sondern Ihnen einige Stunden der Freiheit, süße Spaziergänge am Arm einer Freundin zu verschaffen, die Sie über all Ihr Unglück trösten und Ihnen mehr geben wird, als Sie verloren haben. Es handelt sich sogar, wenn Sie durchaus wollen, um vollständige Freiheit. Wir wollen diesen Gegenstand bei der ersten Zusammenkunft, die wir haben werden, in allen seinen Einzelnheiten verhandeln.«

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04 aralık 2019
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