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Kitabı oku: «Das Halsband der Königin Denkwürdigkeiten eines Arztes 2», sayfa 42

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Oliva verschlang dieses Billet. Sie fühlte das Fieber der Unabhängigkeit zu ihrer Wange, die Wollust der verbotenen Frucht zu ihrem Herzen emporsteigen.

Sie hatte bemerkt, daß der Graf, so oft er zu ihr eintrat, wobei er ihr bald ein Buch, bald einen Juwel brachte, seine Blendlaterne auf ein Arbeitstischen stellte und seinen Schlüssel auf die Laterne legte.

Sie hielt zum Voraus ein Stück geknetetes Wachs bereit, womit sie den Abdruck seines Schlüssels bei dem ersten Besuche Cagliostro's nahm.

Dieser wandte nicht ein einziges Mal den Kopf um; während sie diese Operation bewerkstelligte, schaute er auf dem Balcon die neu erschlossenen Blumen an. Oliva konnte also ohne Bangen ihr Vorhaben durchführen.

Als der Graf weggegangen war, ließ Oliva in einer Schachtel den Abdruck des Schlüssels hinab, den Jeanne mit einem kleinen Billet empfing.

Und schon am andern Tag gegen Mittag schleuderte die Armbrust, ein außerordentlich rasches Beförderungsmittel, das gegen die Korrespondenz mit dem Faden dasselbe war, was der Telegraph gegen den berittenen Curier ist, schleuderte, sagen wir, die Armbrust ein also abgefaßtes Billet:

»Meine Theuerste, heute Abend um elf Uhr, wenn der Graf weggegangen sein wird, kommen Sie herab; Sie ziehen die Riegel zurück und befinden sich in den Armen derjenigen, welche sich nennt Ihre zärtliche Freundin.«

Oliva bebte vor Freude stärker, als sie es je bei Gilberts zärtlichsten Billeten im Frühling der ersten Liebe und der ersten Rendezvous gethan.

Sie ging um elf Uhr hinab, ohne daß sie irgend einen Argwohn bei dem Grafen bemerkt hatte. Sie fand unten Jeanne, die sie zärtlich in die Arme schloß, in einen auf dem Boulevard stehenden Wagen steigen ließ, und ganz betäubt, ganz bebend, ganz berauscht, machte sie mit ihrer Freundin eine Spazierfahrt von zwei Stunden, während welcher Geheimnisse, Küsse, Entwürfe für die Zukunft ohne Unterlaß zwischen den zwei Gefährtinnen ausgetauscht wurden.

Jeanne rieth zuerst Oliva, nach Hause zurückzukehren, um keinen Verdacht bei ihrem Beschützer zu erregen. Sie hatte erfahren, daß dieser Beschützer Cagliostro war. Sie fürchtete den erhabenen Geist dieses Mannes und sah nur im tiefsten Geheimniß Sicherheit für ihre Pläne.

Oliva hatte sich ohne Rückhalt erschlossen; Beausire, die Policei, sie hatte Alles gestanden.

Jeanne gab sich für ein Fräulein aus, das ohne Wissen seiner Familie mit einem Geliebten lebe.

Die Eine wußte Alles, die Andere wußte gar nichts; so war die beschworene Freundschaft zwischen diesen zwei Frauen beschaffen.

Von diesem Tage an hatten sie weder die Armbrust, noch den Faden mehr nöthig. Jeanne hatte ihren Schlüssel. Sie ließ Oliva nach ihrer Laune herabkommen.

Ein feines Abendbrod, eine geheime Spazierfahrt waren die Köder, an denen sich Oliva immer fangen ließ.

»Entdeckt Herr von Cagliostro nichts?« fragte Jeanne zuweilen ängstlich.

»Er! wahrhaftig, wenn ich es ihm sagte, er würde es mir nicht glauben wollen,« erwiderte Oliva.

Acht Tage machten aus diesen nächtlichen Entweichungen eine Gewohnheit, ein Bedürfniß und mehr noch, ein Vergnügen. Nach Verlauf von acht Tagen fand sich der Name von Jeanne noch viel öfter auf Oliva's Lippen, als je die Namen Gilbert und Beausire.

LXIV.
Rendezvous

Kaum war Herr von Charny auf seinen Gütern angekommen, kaum hatte er sich nach den ersten Besuchen in seine Wohnung eingeschlossen, als ihm der Arzt verordnete, Niemand mehr zu empfangen und das Zimmer zu hüten, was mit einer solchen Strenge ausgeführt wurde, daß nicht ein einziger Bewohner des Cantons den Helden des Seetreffens mehr erblickte, welches so viel Lärmen durch ganz Frankreich gemacht hatte, während alle junge Mädchen ihn zu sehen suchten, weil er anerkannt tapfer war und man ihn schön nannte.

Charny war indessen nicht so krank an Körper, als man glaubte. Er hatte nur ein Uebel im Herzen und im Kopf, und guter Gott! welch ein Uebel … einen scharfen und unablässigen, unbarmherzigen Schmerz, den Schmerz einer Erinnerung, welcher brannte, ein Sehnsuchtsschmerz, welcher zerriß.

Die Liebe ist nur ein Heimweh: der Abwesende beweint ein ideales Paradies, statt ein materielles Vaterland zu beweinen.

Herr von Charny hielt es nicht drei Tage aus. Wüthend, alle seine Träume durch die Unmöglichkeit entkräftet, durch den Raum vernichtet zu sehen, ließ er die von uns erwähnte Verordnung des Arztes den ganzen Canton durchlaufen; dann übertrug Olivier die Bewachung seiner Thüren einem erprobten Diener und ritt in der Nacht auf einem sehr sanften und sehr raschen Pferde fort. Nach acht Stunden war er in Versailles, wo er durch die Vermittelung seines Kammerdieners ein kleines Haus hinter dem Park miethete.

Dieses Haus, das seit dem tragischen Tod eines adeligen Jägermeisters, der sich den Hals abgeschnitten, verlassen war, sagte Charny vortrefflich zu, denn er wollte sich hier mehr verbergen, als auf seinen Gütern.

Es war anständig ausgestattet, hatte zwei Thüren, von denen die eine auf eine öde Straße, die andere auf die Rundallee des Parkes ging, und von den Fenstern gegen Süden konnte Charny in die Hagenbuchenalleen schauen, denn die Fenster, deren Läden sich umgeben von Weinreben und Epheu öffneten, waren nur Thüren eines für Jeden, der in den königlichen Park hätte springen wollen, etwas erhabenen Erdgeschosses.

Diese damals schon sehr seltene Nachbarschaft war das Privilegium, das man einem Jagdaufseher gegeben hatte, damit er ohne Mühe das Damwild und die Fasanen Seiner Majestät bewachen konnte.

Man stellte sich, wenn man nur diese heiter von einem kräftigen Grün umrahmten Fenster sah, den schwermüthigen Jägermeister vor, wie er sich an einem Herbstabend mit den Ellbogen auf das mittlere Fenster stützte, während die Hirschkühe ihre schlanken Beine auf dem dürren Laub krachen ließen und auf dem von Bäumen umschlossenen Rasen unter einem falben Strahl der untergehenden Sonne spielten.

Diese Einsamkeit gefiel Charny vor allem Anderen. Ob dieß Liebe für die Landschaft war, werden wir bald sehen.

Sobald er eingerichtet, sobald Alles gut verschlossen war und sein Bedienter die ehrerbietige Neugierde der Nachbarschaft getilgt hatte, fing Charny, vergessen wie er vergaß, ein Leben an, das schon in der Idee Jeden beben machen wird, welcher in seinem Erdenwallen geliebt oder von Liebe sprechen gehört hat.

In weniger als vierzehn Tagen kannte er alle Gewohnheiten des Schlosses, wie der Wachen, er kannte die Stunden, zu denen der Vogel aus den Lachen trinkt, zu denen der scheue Damhirsch den scheuen Kopf vorstreckend vorüberzieht. Er wußte die guten Augenblicke der Stille, die Stunden der Spaziergänge der Königin oder ihrer Damen, den Augenblick der Runden; er lebte mit einem Wort von fern mit denjenigen, welche in diesem Trianon, dem Tempel seiner wahnsinnigen Anbetungen, lebten.

Da die Jahreszeit schön war, da die milden, duftenden Nächte seinen Augen mehr Freiheit und seiner Seele mehr unbestimmte Träumerei gaben, so brachte er einen Theil derselben unter den Jasminen seines Fensters zu, lauschte auf die entfernten Geräusche, welche vom Palast kamen, und folgte durch die Oeffnungen im Blätterwerk dem Spiel der bis zur Stunde des Schlafengehens in Bewegung gesetzten Lichter.

Bald genügte ihm das Fenster nicht mehr. Er war zu entfernt von diesem Geräusch und diesen Lichtern. Sicher, zu dieser Stunde Niemand zu begegnen, nicht Hunden, nicht Wachen, sprang er von seinem Hause auf den Rasen hinab und suchte die köstliche, die gefährliche Wollust, bis an den Saum des Gehölzes zu gehen, auf die Grenze, welche den dichten Schatten vom glänzenden Mondschein trennt, um von da die Silhouetten zu befragen, welche schwarz und bleich hinter den weißen Vorhängen der Königin hinzogen.

Auf diese Art sah er sie alle Tage, ohne daß sie es wußte.

Er erkannte sie auf eine Viertelmeile, wenn sie, mit ihren Damen oder mit einem ihr befreundeten Cavalier wandelnd, mit ihrem chinesischen Sonnenschirm spielte, der ihren großen, mit Blumen verzierten Hut beschützte.

Kein Gang, keine Haltung konnte ihn täuschen. Er wußte alle Kleider der Königin auswendig und errieth mitten unter den Blättern den großen grünen Ueberwurf mit schwarzen moirirten Bändern, den sie durch eine keusch verführerische Körperbewegung wogen ließ.

Und wenn die Erscheinung verschwunden war, wenn der Abend, die Spaziergänger vertreibend, ihm gestattet hatte, bis zu den Statuen des Säulenganges die letzten Schwingungen dieses geliebten Schattens zu belauern, kam Charny zu seinem Fenster zurück, betrachtete von fern durch eine Oeffnung, die er im Walde zu machen gewußt hatte, das glänzende Licht an den Fenstern der Königin, hernach das Verschwinden dieses Lichtes, dann lebte er von der Erinnerung und der Hoffnung, wie er von der Bewegung und der Bewunderung gelebt hatte.

Eines Abends, als er nach Hause zurückgekehrt war, als er zwei Stunden mit seinem letzten Lebewohl an die abwesenden Schatten zugebracht hatte, als der von den Sternen fallende Thau seine weißen Perlen auf den Epheublättern zu destilliren anfing, war Charny im Begriff, sein Fenster zu verlassen und sich zu Bette zu begeben; da klirrte das Geräusch eines Schlosses schüchtern an sein Ohr, er kehrte auf seinen Beobachtungsposten zurück und horchte.

Die Stunde war vorgerückt, es schlug Mitternacht in den von Versailles entferntesten Kirchspielen. Charny wunderte sich, daß er ein Geräusch hörte, an das er nicht gewöhnt war.

Dieses widerspenstige Schloß war das eines Pförtchens vom Park, ungefähr fünf und zwanzig Schritte vom Hause Oliviers, das nie geöffnet wurde, außer etwa an großen Jagdtagen, um die Wildpretkörbe durchzulassen.

Charny bemerkte, daß diejenigen, welche öffneten, nicht sprachen; sie schlossen wieder und traten in die Allee, die sich unter den Fenstern seines Hauses vorbeizog.

Die Baumstämme und die hängenden Weinreben verkleideten Mauern und Läden stark genug dadurch, daß man sie im Vorübergehen nicht genau erblickte.

Ueberdieß bückten die Gehenden ihre Köpfe und beschleunigten ihre Schritte. Charny sah sie verworren im Schatten. Nur erkannte er am Rauschen der flatternden Röcke zwei Frauen, deren seidene Mantillen an den Zweigen hinstreiften.

Diese Frauen wurden, indem sie sich um die große, dem Fenster Charny's gegenüber liegende Allee wandten, vom freisten Mondstrahl umhüllt, und Charny hätte beinahe einen Schrei freudigen Erstaunens ausgestoßen, als er die Haltung und den Kopfputz von Marie Antoinette, sowie den untern Theil ihres Gesichtes trotz des düsteren Reflexes vom Hutschild erkannte. Sie hielt eine schöne Rose in der Hand.

Mit bebendem Herzen glitt Charny von seinem Fenster herab in den Park. Er lief auf dem Grase, um kein Geräusch zu machen, verbarg sich dabei hinter den dicksten Bäumen, und folgte mit dem Blick den zwei Frauen, welche jede Minute langsamer gingen.

Was solle er thun? Die Königin hatte eine Begleiterin; sie lief keine Gefahr. Oh! warum war sie nicht allein! er hätte den Foltern getrotzt, um sich ihr zu nähern und auf den Knieen zu ihr zu lagen: Ich liebe Sie! Oh! warum war sie nicht von einer ungeheuren Gefahr bedroht! er hätte sein Leben hingeworfen, um dieses kostbare Leben zu retten.

Während er, tausend tolle Zärtlichkeiten träumend, an dieß Alles dachte, standen die zwei Wandlerinnen plötzlich stille: die Eine, die Kleinere, sagte ein paar Worte zu ihrer Gefährtin und verließ sie.

Die Königin blieb allein; man sah die andere Dame ihren Gang gegen ein Ziel beschleunigen, das Charny noch nicht errieth. Die Königin, welche mit ihrem kleinen Fuß auf den Sand klopfte, lehnte sich an einen Baum an und hüllte sich so in ihre Mantille, daß sie sogar den Kopf mit der Caputze bedeckte, welche einen Augenblick zuvor in weiten seidenen Falten auf ihren Schultern wogte.

Als Charny sie allein und so träumerisch sah, machte er einen Sprung, als wollte er ihr zu Füßen fallen.

Doch er überlegte, daß wenigstens dreißig Schritte ihn von ihr trennten, daß sie ihn, ehe er diese dreißig Schritte zurückgelegt, sehen und, wenn sie ihn nicht erkannte, Angst bekommen, daß sie schreien oder entfliehen würde, daß ihr Geschrei zuerst ihre Gefährtin und dann einige Wachen herbeiziehen müßte; daß man den Park durchsuchen, mindestens den Indiscreten, vielleicht aber auch den Zufluchtsort entdecken würde, und daß es dann um das Geheimniß, um das Glück und die Liebe geschehen wäre.

Er wußte sich zurückzuhalten und that wohl daran. Denn kaum hatte er diesen unwiderstehlichen Ausbruch bewältigt, als die Gefährtin der Königin wiedererschien und nicht allein zurückkam.

Charny sah zwei Schritte hinter ihr einen Mann von schöner Gestalt, begraben unter einem breiten Hut, verloren unter einem weiten Mantel, gehen.

Dieser Mann, der Herrn von Charny vor Haß und Eifersucht zittern machte, schritt nicht wie ein Triumphator einher. Er schwankte, schleppte den Fuß mit Zögern und schien tappend in der Nacht zu gehen, als hätte er nicht die Gefährtin der Königin zur Führerin und die Königin selbst, weiß und aufrecht unter ihrem Baume stehend, zum Ziel gehabt.

Sobald er Marie Antoinette erblickte, wurde das Zittern das Charny an ihm bemerkt hatte, nur noch stärker. Der Unbekannte zog seinen Hut ab und fegte damit gleichsam den Boden. Er schritt weiter. Charny sah ihn in den dichten Schatten eintreten; er verbeugte sich tief und zu wiederholten Malen.

Charny's Staunen hatte sich indessen in starre Verwunderung verwandelt. Von der Verwunderung sollte er bald zu einer andern Gemüthsbewegung übergehen. Was wollte die Königin im Park zu einer so vorgerückten Stunde? Was wollte dieser Mann? Warum hatte er verborgen gewartet? Warum hatte ihn die Königin durch ihre Begleiterin holen lassen, statt selbst zu ihm zu gehen?

Charny hätte beinahe den Kopf verloren. Er erinnerte sich indessen, daß sich die Königin mit geheimnißvoller Politik beschäftigte, daß sie oft Intriguen mit den deutschen Höfen anknüpfte, Verbindungen, auf welche der König eifersüchtig war und die er streng verbot.

Vielleicht war dieser mysteriöse Cavalier ein Curier aus Berlin oder Schönbrunn, ein adeliger Herr, der eine geheime Botschaft überbrachte, eine jener deutschen Figuren, wie Ludwig XVI keine mehr in Versailles sehen wollte, seitdem der Kaiser Joseph II. sich erlaubt hatte, in Frankreich einen Cursus der Philosophie und der kritischen Politik zum Nutzen seines Schwagers, des allerchristlichsten Königs, zu halten.

Der Eisbinde ähnlich, welche der Arzt auf eine vom Fieber glühende Stirne legt, erquickte diese Idee Olivier, den armen Olivier, gab ihm den Verstand wieder und beschwichtigte das Delirium seines ersten Zornes. Die Königin beobachtete übrigens eine Haltung voll Anstand und sogar voll Würde.

Drei Schritte entfernt stehend, unruhig, aufmerksam, lauernd, wie die Freundinnen oder die Duennen bei Watteau'schen parties carrées, störte die Begleiterin durch ihre diensteifrige Angst Herrn von Charny in seinem ganz keuschen Visiren. Doch es ist ebenso gefährlich, bei politischen Rendezvous ertappt zu werden, als es beschämend ist, bei Liebesrendezvous ertappt zu werden. Und nichts gleicht mehr einem Verliebten, als ein Verschwörer. Beide haben denselben Mantel, dieselbe Empfindlichkeit des Ohrs, dieselbe Unsicherheit der Beine.

Charny hatte nicht viel Zeit, diesen Betrachtungen nachzuhängen. Die Begleiterin verließ ihre Stellung und durchbrach das Gespräch. Der Cavalier machte eine Bewegung, als wollte er sich niederwerfen; er erhielt ohne Zweifel seinen Abschied nach der Audienz.

Charny versteckte sich hinter einem dicken Baum. Sicherlich mußte die Gruppe, indem sie sich trennte, theilweise an ihm vorüberkommen. Seinen Athem zurückhalten, die Gnomen und Sylphen bitten, daß sie alle Echos der Erde und des Himmels unterdrücken möchten, dieß war das Einzige, was ihm zu thun übrig blieb.

In diesem Augenblick glaubte er einen Gegenstand von heller Nuance an der königlichen Mantille hinabgleiten zu sehen; der Cavalier verbeugte sich lebhaft bis zum Grase, erhob sich dann wieder mit einer ehrfurchtsvollen Bewegung und entfloh, denn die Geschwindigkeit seines Abgangs ließ sich unmöglich anders bezeichnen.

Doch er wurde in seinem Laufe von der Begleiterin der Königin aufgehalten, die ihn mit einem kurzen Schrei zurückrief und ihm, als er angehalten hatte, mit halber Stimme das Wort zuwarf:

»Warten Sie!«

Es war ein sehr gehorsamer Kavalier, denn er blieb auf der Stelle stehen und wartete.

Charny sah nun die zwei Frauen, Arm in Arm, zwei Schritte von seinem Verstecke vorübergehen; die durch den Rock der Königin bewegte Luft machte die Pflanzenstiele des Rasens beinahe unter Charny's Händen wogen.

Er fühlte den Wohlgeruch, den er bei der Königin anzubeten gewohnt war: Eisenkraut und Reseda vermischt – eine doppelte Trunkenheit für seine Sinne und seine Erinnerung.

Die Frauen gingen vorüber und verschwanden.

Dann, nach einigen Minuten, kam der Unbekannte, um den sich der junge Mann während des ganzen Ganges der Königin bis zur Thüre nicht mehr bekümmert hatte: er küßte mit Leidenschaft, mit Wahnsinn eine ganz frische, balsamische Rose, welche sicherlich diejenige war, deren Schönheit Charny bemerkt hatte, als die Königin in den Park eintrat, und die er so eben den Händen seiner Fürstin hatte entfallen sehen.

Eine Rose, ein Kuß auf diese Rose! Handelte es sich um Botschaft und Staatsgeheimnisse?

Charny wäre beinahe von Sinnen gekommen. Er war im Begriff, auf diesen Menschen loszustürzen und ihm die Blume zu entreißen, als die Begleiterin der Königin wiedererschien und dem Unbekannten zurief:

»Kommen Sie, Monseigneur.«

Charny glaubte, ein Prinz von Geblüt sei gegenwärtig, und lehnte sich an einen Baum, um nicht halb todt auf den Rasen zu sinken.

Der Unbekannte eilte auf die Seite, woher die Stimme kam, und verschwand mit der Dame.

LXV.
Die Hand der Königin

Als Charny, von diesem furchtbaren Schlag ganz zermalmt, in seine Wohnung zurückgekehrt war, fand er keine Kräfte mehr gegen das neue Unglück, das ihn traf.

So hatte ihn die Vorsehung nach Versailles zurückgeführt, ihm dieses kostbare Versteck gegeben, einzig und allein, um seiner Eifersucht zu dienen und ihn auf die Spur eines Verbrechens zu leiten, das die Königin mit Hintansetzung aller ehelichen Redlichkeit, aller königlichen Würde, aller Liebestreue beging.

Es ließ sich nicht bezweifeln, der auf solche Art im Park empfangene Mann war ein neuer Liebhaber. Im Fieber der Nacht, im Delirium seiner Verzweiflung suchte sich Charny vergebens zu überreden, der Mann, der die Rose erhalten, sei ein Botschafter, und die Rose sei nur ein Pfand geheimer Uebereinkunft, bestimmt, einen allzu gefährdenden Brief zu ersetzen.

Nichts konnte gegen den Verdacht die Oberhand gewinnen. Es blieb dem armen Olivier nichts mehr übrig, als sein eigenes Benehmen zu prüfen und sich zu fragen, warum er sich in Gegenwart eines solchen Unglücks so durchaus leidend verhalten habe.

Mit ein wenig Nachdenken war nichts leichter, als den Instinct zu begreifen, der diese Passivität geboten hatte.

In den heftigsten Crisen des Lebens springt die Handlung augenblicklich aus dem Grunde der menschlichen Natur hervor, und dieser Instinct, der den Impuls gegeben hat, ist nichts Anderes, als eine Zusammensetzung der Gewohnheit und der Ueberlegung auf ihren höchsten Grad von Geschwindigkeit und Bequemlichkeit getrieben. Hatte Charny nicht gehandelt, so war dieß der Fall, weil ihn die Angelegenheiten der Fürstin nichts angingen, weil er, seine Neugierde zeigend, seine Liebe zeigte, weil er die Königin compromittirend, sich selbst verrieth, und der beiderseitige Verrath eine schlechte Stellung bei Verräthern ist, die man überweisen will.

Hatte er nicht gehandelt, so war dieß der Fall, weil er, um einen mit dem königlichen Vertrauen geehrten Mann anzugehen, Gefahr laufen mußte, in einen gehässigen, widerlichen Streit, in eine Art von Hinterhalt zu gerathen, was die Königin nie verziehen hätte.

Das Wort Monseigneur, das die gefällige Begleiterin zuletzt hingeschleudert, war ferner gleichsam eine heilsame, wenn auch späte Warnung, welche Charny, indem sie ihm gerade in seiner größten Wuth die Augen öffnete, gerettet hatte. Was wäre aus ihm geworden, wenn er, den Degen gegen diesen Mann in der Hand, ihn hätte Monseigneur nennen hören? Und welches Gewicht bekam nicht sein Fehler, indem er von einer so großen Höhe herabfiel?

Dieß waren die Gedanken, welche Charny während der ganzen Nacht und der ersten Hälfte des folgenden Tages in Anspruch nahmen. Sobald die Mittagsstunde geschlagen hatte, war der vorhergehende Tag nichts mehr für ihn. Es blieb nur noch die fieberhafte, verzehrende Erwartung der kommenden Nacht, während welcher vielleicht andere Offenbarungen erscheinen konnten.

Mit welcher Bangigkeit stellte sich der arme Charny an das Fenster, das der einzige Aufenthalt, der unüberschreitbare Rahmen seines Lebens geworden war! Betrachtete man ihn unter den Weinranken, hinter den im Laden angebrachten Löchern, denn er befürchtete, sehen zu lassen, daß dieses Haus bewohnt war, betrachtete man ihn in diesem Viereck von Eichenholz und grünem Laubwerk, hätte man nicht glauben sollen, er wäre eines von den alten Porträts, verborgen unter den Vorhängen, welche den Ahnen in den alten Herrenhäusern die fromme Sorge der Familien zuwirft?

Der Abend kam und brachte unserem glühenden Späher die düsteren Wünsche und die tollen Gedanken.

Die gewöhnlichen Geräusche schienen ihm neue Bedeutungen zu haben. Er erblickte in der Ferne die Königin, welche mit einigen Fackeln, die man ihr vorantrug, über die Freitreppe schritt. Die Haltung der Königin kam ihm nachdenkend, unsicher, ganz bewegt von der Aufregung der Nacht vor.

Allmälig erloschen alle Lichter vom Dienste. Der Park füllte sich mit Stillschweigen und Kühle. Sollte man nicht glauben, die Bäume, welche sich bei Tage anstrengen, zu strotzen, um den Blicken zu gefallen und die Vorübergehenden zu liebkosen, arbeiten in der Nacht, wenn Niemand sie sieht und Niemand sie berührt, an der Wiederherstellung ihrer Frische, ihrer Wohlgerüche und ihrer Geschmeidigkeit? Die Bäume und die Pflanzen schlafen in der That wie wir.

Charny hatte die Stunde des Rendezvous der Königin wohl behalten. Es schlug Mitternacht.

Charny's Herz wäre bald in seiner Brust gebrochen. Er drückte sein Fleisch an das Geländer des Fensters, um die Schläge zu ersticken, welche laut und geräuschvoll wurden. »Bald,« sagte er zu sich selbst, »bald wird die Thüre sich öffnen, werden die Riegel klirren.«

Nichts störte den Frieden des Gehölzes.

Charny wunderte sich dann, daß er zum ersten Mal daran dachte, zwei Tage hinter einander fallen dieselben Ereignisse nicht vor; nichts sei verbindlich in dieser Liebe, außer die Liebe selbst, und diejenigen seien sehr unklug, welche, so starke Gewohnheiten annehmend, nicht zwei Tage hinbringen könnten, ohne sich zu sehen.

»Ein gewagtes Geheimniß,« dachte Charny, »wenn sich die Tollheit darein mischt.«

Ja, es war eine unbestreitbare Wahrheit, die Königin würde am zweiten Tag die Unvorsichtigkeit vom vorhergehenden nicht wiederholen.

Plötzlich klirrten die Riegel und die kleine Thüre wurde geöffnet.

Todesblässe überströmte Oliviers Wangen, als er die zwei Damen in der Kleidung der vorhergehenden Nacht erblickte.

»Wie muß sie verliebt sein!« murmelte er.

Die zwei Damen machten dasselbe Manöver, das sie an Tage vorher gemacht hatten, und gingen rasch unter Charny's Fenstern vorüber.

Er sprang wie am vorhergehenden Tage hinab, so bald sie fern genug waren, daß sie ihn nicht mehr hören konnten, und während er hinter jedem ein wenig dicken Baum ging, schwur er sich, klug, stark, unempfindlich zu sein; nicht zu vergessen, daß er der Unterthan war und sie die Königin; er ein Mann, das heißt zur Ehrfurcht verbunden, sie eine Frau, das heißt berechtigt, Rücksichten zu verlangen.

Und da er seinem ungestümen, stets zum Ausbruch geneigten Character mißtraute, so warf er seinen Degen hinter einen Holderbusch, der einen Kastanienbaum umgab.

Mittlerweile waren die zwei Damen zu demselben Ort wie am Tage zuvor gelangt. Ebenfalls wie am vorhergehenden Tage, erkannte Charny die Königin, und diese umhüllte ihre Stirne mit ihrer Caputze, während die diensteifrige Freundin den Unbekannten, den man Monseigneur nannte, aus seinem Versteck holte.

Dieses Versteck, was war es? das fragte sich Charny. Wohl lag in der Richtung, welche die Gefällige nahm, der Saal der Apollo-Bäder, beschützt von den hohen Hagebuchen und dem Schatten seiner marmornen Piaster; doch wie konnte sich der Unbekannte hier verbergen? wo kam er herein?

Charny erinnerte sich, daß auf dieser Seite des Parks eine kleine Thüre vorhanden war, ähnlich der, welche die Damen öffneten, um zum Rendezvous zu kommen. Der Unbekannte hatte ohne Zweifel einen Schlüssel zu dieser Thüre. Er schlüpfte hier durch bis zu den Apollo-Bädern und wartete, bis man ihn holte.

Alles war auf diese Art festgestellt; dann entfloh Monseigneur durch dieselbe Thüre nach seiner Unterredung mit der Königin.

Charny erblickte nach einigen Minuten den Mantel und den Hut, wie er es am Tage vorher gesehen hatte.

Dießmal ging der Unbekannte auf die Königin nicht mehr mit der ehrfurchtsvollen Zurückhaltung zu; er kam mit großen Schritten, ohne daß er zu laufen wagte, doch fehlte nicht viel dazu.

An ihren großen Baum angelehnt, setzte sich die Königin auf den Mantel, den dieser moderne Raleigh für sie ausbreitete, und während die wachsame Freundin, wie am Tage vorher, lauerte, kniete der verliebte Herr auf das Moos nieder und fing an mit einer leidenschaftlichen Geschwindigkeit zu reden.

Einer verliebten Schwermuth preisgegeben, neigte die Königin das Haupt. Charny hörte die Worte des Cavaliers nicht, aber die Melodie. Die Rede hatte das Gepräge der Poesie und Liebe. Jede der Betonungen ließ sich in eine glühende Betheurung übersetzen.

Die Königin antwortete nichts. Der Unbekannte verdoppelte indessen die Liebkosung seiner Reden; zuweilen kam es Charny, dem unglückseligen Charny, vor, als sollte das Wort, in jenes harmonische Schauern gehüllt, verständlich werden, und dann wäre er vor Wuth und Eifersucht gestorben. Doch nichts, nichts. In dem Augenblick, wo die Stimme sich aufklärte, zwang eine bezeichnende Geberde der horchenden Begleiterin den leidenschaftlichen Redner, den Klang seiner Elegie zu dämpfen.

Die Königin beobachtete ein hartnäckiges Stillschweigen.

Bitten auf Bitten häufend, was Charny aus der vibrirenden Melodie seiner Tonbiegungen errieth, erhielt der Andere nur die süße Einwilligung des Stillschweigens, eine ungenügende Gunst für die glühenden Lippen, welche die Liebe zu trinken angefangen haben.

Doch plötzlich entschlüpften der Königin ein paar Worte. Man muß es wenigstens glauben. Sehr unterdrückte, sehr erstickte Worte, da der Unbekannte allein sie vernommen hatte; doch kaum hatte er sie vernommen, als er im Uebermaß seines Entzückens, so daß er sich selbst hörbar machte, ausrief:

»Dank, o meinen Dank, süße Majestät! Morgen also?«

Die Königin verbarg ihr schon so gut verborgenes Gesicht vollends gänzlich.

Charny fühlte einen eisigen Schweiß, den Todesschweiß, langsam in schweren Tropfen von seinen Schläfen herabfließen.

Der Unbekannte hatte die beiden Hände der Königin gegen sich ausstrecken sehen. Er nahm sie in die seinigen und drückte einen so langen und zärtlichen Kuß darauf, daß Charny während seiner Dauer den Schmerz aller Martern kennen lernte, welche die wilde Menschheit den höllischen Barbareien gestohlen hat.

Als dieser Kuß gegeben war, erhob sich die Königin rasch und ergriff den Arm ihrer Gefährtin.

Beide entflohen, wie am Tage vorher, an Charny vorüber.

Der Unbekannte entfloh ebenfalls, und Charny, der den Boden nicht hatte verlassen können, an den ihn die Lähmung eines unsäglichen Schmerzes gefesselt hielt, vernahm unbestimmt das gleichzeitige Geräusch zweier Thüren, die man wieder schloß.

Wir werden es nicht versuchen, die Lage zu schildern, in der sich Charny nach dieser gräßlichen Entdeckung befand.

Die Nacht verging für ihn in wüthenden Gängen durch den Park, durch die Alleen, denen er in Verzweiflung ihre strafbare Mitschuld zum Vorwurf machte.

Einige Stunden lang wahnsinnig, fand Charny seine Vernunft erst wieder, als er in seinem blinden Lauf an den Degen stieß, den er weggeworfen hatte, um nicht in Versuchung zu gerathen, sich desselben zu bedienen.

Diese Klinge, die ihm zwischen die Beine kam und seinen Fall verursachte, rief ihn plötzlich zum Gefühl seiner Stärke wie seiner Würde zurück. Ein Mann, der einen Degen in seiner Faust fühlt, kann, wenn er noch wahnwitzig ist, nur entweder sich selbst oder seinen Beleidiger damit durchbohren; er hat kein Recht mehr, schwach oder furchtsam zu sein.

Charny wurde wieder, was er immer war, ein starker Geist, ein kräftiger Körper. Er unterbrach seine wahnsinnigen Läufe, bei denen er an die Bäume anrannte, und ging gerade und schweigsam in die noch von den Tritten der zwei Frauen und des Unbekannten durchfurchte Allee.

Er wollte den Platz besuchen, wo die Königin gesessen hatte. Die noch niedergedrückten Moose enthüllten ihm sein Unglück und das Glück eines Andern. Statt zu seufzen, statt die Dünste des Zorns abermals in sein Gehirn aufsteigen zu lassen, dachte Olivier über die Natur dieser verborgenen Liebe und über den Rang der Person nach, die dieselbe einflößte.

Er untersuchte die Tritte dieses vornehmen Herrn mit derselben Aufmerksamkeit, womit er bei Untersuchung der Fährte eines wilden Thieres zu Werke gegangen wäre. Er erkannte die Thüre hinter den Apollo-Bädern, Er sah, indem er die Mauerkappe erkletterte, Eindrücke von Pferdehufen und eine Verheerung im Grase.

»Er kommt von dort her! Er kommt nicht von Versailles, sondern von Paris,« dachte Olivier. »Er kommt allein, und morgen wird er wieder kommen, da man ihm gesagt hat: Morgen.

»Bis dahin will ich schweigend, nicht mehr die Thränen, die meinem Auge entfließen, sondern das Blut, das in Wellen aus meinem Herzen strömt, verschlucken.

»Morgen wird der letzte Tag meines Lebens sein, sonst bin ich ein Feigling und habe nie geliebt.

»Sachte, sachte,« sprach er, indem er sanft an sein Herz klopfte, wie der Reiter seinem Pferde, das in Hitze geräth, auf den Hals klopft, »Ruhe, Stärke, da die Prüfung noch nicht beendigt ist.«

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Litres'teki yayın tarihi:
04 aralık 2019
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1015 s. 9 illüstrasyon
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