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Kitabı oku: «Das Halsband der Königin Denkwürdigkeiten eines Arztes 2», sayfa 51
LXXXI.
Saint-Denis
Die Königin war allein und in Verzweiflung. So viele Schläge trafen sie zugleich, daß sie nicht mehr wußte, von welcher Seite der heftigste Schmerz kam.
Nachdem sie eine Stunde in diesem Zustand des Zweifels und der Niedergeschlagenheit geblieben war, sagte sie sich, es sei Zeit, einen Ausgang zu suchen. Die Gefahr wuchs. Stolz auf einen über falschen Anschein davon getragenen Sieg, würde sich der König beeilen, das Gerücht zu verbreiten. Es könnte geschehen, daß dieses Gerücht auswärts so aufgenommen würde, daß der ganze Vortheil des begangenen Betrugs verloren ginge.
Dieser Betrug, ach! wie sehr machte sich ihn die Königin zum Vorwurf! wie gern hätte sie das entflogene Wort wieder zurückgenommen, wie gern hätte sie selbst Andrée das chimärische Glück entzogen, das diese vielleicht ausschlagen würde!
Hier erhob sich in der That eine andere Schwierigkeit. Der Name Andrée hatte Alles vor dem König gerettet. Aber wer konnte für diesen launenhaften, unabhängigen, eigenwilligen Geist stehen, den man Fräulein von Taverney nannte? wer konnte darauf zählen, daß diese stolze Person sich ihrer Freiheit, ihrer Zukunft zu Gunsten einer Königin entäußern würde, welche wenige Tage zuvor als Feindin von ihr geschieden war?
Was würde dann geschehen? weigerte sich Andrée, und dieß war wahrscheinlich, so stürzte das ganze Lügengerüste ein. Die Königin wurde eine Intrigantin von mittelmäßigem Geiste, Charny ein flacher Cicisbeo, und in eine Anklage verwandelt, nahm die Verleumdung die Verhältnisse eines unzweifelhaften Ehebruchs an.
Marie Antoinette fühlte, wie ihr Verstand bei diesen Betrachtungen sich verwirrte; sie hätte beinahe der Möglichkeit derselben nachgegeben; sie senkte ihren brennenden Kopf in ihre Hände und wartete.
Wem sich anvertrauen? Wer war denn die Freundin der Königin? Frau von Lamballe? Oh! die reine Vernunft, die kalte, unbeugsame Vernunft! Warum diese jungfräuliche Einbildungskraft versuchen, welche überdieß die Hofdamen nicht verstehen würden? Waren diese nicht knechtische Schmeichlerinnen der Wohlfahrt, zitternd bei dem Hauche der Ungnade, vielleicht geneigt, eine Lection ihrer Königin zu geben, während sie eines Beistands bedurfte?
Es blieb nur Fräulein von Taverney selbst. Das war ein Diamantherz, dessen Beschlüsse das Glas zerschneiden konnten, dessen unbesiegbare Festigkeit, dessen tiefe Reinheit aber allein mit den großen Schmerzen einer Königin zu sympathisiren vermochten.
Marie Antoinette würde also Andrée aufsuchen. Sie würde derselben ihr Unglück auseinandersetzen und sie anflehen, sie möge sich aufopfern. Ohne Zweifel würde sich Andrée weigern, denn sie gehörte nicht zu denjenigen, welche sich Unterwürfigkeit einflößen lassen; doch allmälig durch ihre Bitten besänftigt, würde sie nachgeben. Wer weiß übrigens, ob man nicht einen Aufschub bewirken könnte? ob der König nicht, beschwichtigt durch die scheinbare Einwilligung der beiden Verlobten, am Ende vergäße? Eine Reise würde dann Alles in's Reine bringen. Charny und Andrée könnten sich auf einige Zeit, bis die Hyder der Verleumdung keinen Hunger mehr hätte, entfernen und hernach aussprengen, sie haben sich gültig ihr Wort zurückgegeben, dann würde Niemand errathen, daß dieses Heirathsproject ein Spiel gewesen.
So wäre die Freiheit von Fräulein von Taverney nicht gefährdet worden; Charny würde die seinige ebenso wenig verlieren. Es gäbe für die Königin nicht mehr den gräßlichen Gewissensbiß, zwei Existenzen der Selbstsucht ihrer Ehre geopfert zu haben, und doch wäre diese Ehre, welche die Ehre ihres Gemahls und ihrer Kinder in sich schloß, nicht angegriffen: sie würde sie unbefleckt an die zukünftige Königin von Frankreich übertragen.
Dieß waren ihre Betrachtungen.
So glaubte sie Alles zum Voraus ausgeglichen zu haben, Wohlanstand und Privatinteressen. Man mußte wohl mit dieser Festigkeit der Logik in Gegenwart einer so furchtbaren Gefahr calculiren. Man mußte sich wohl mit allen Beweisstücken gegen eine Gegnerin bewaffnen, welche so schwer zu bekämpfen war, wie Fräulein von Taverney, wenn sie auf ihren Stolz und nicht auf ihr Herz hörte.
Als sie vorbereitet war, entschloß sie sich, auszugehen. Wie gern hätte sie Charny ermahnt, keinen falschen Schritt zu machen! aber sie wurde davon durch die Idee abgehalten, daß ohne Zweifel Spione sie belauerten; Alles werde auf ihrer Seite in einem solchen Augenblick schlecht ausgelegt; und sie hatte den geraden Sinn, die Ergebenheit und Entschlossenheit Charny's genugsam erprobt, um überzeugt zu sein, er würde Alles gutheißen, was sie zu thun für geeignet erachtete.
Es wurde drei Uhr. Mittagsmahl in großer Ceremonie, Vorstellungen, Besuche. Die Königin empfing alle Welt mit einem heitern Gesicht und einer Freundlichkeit, die ihrem wohlbekannten Stolze nichts benahm. Sie war sogar bemüht, gegen diejenigen, welche sie als ihre Feinde betrachtete, eine Festigkeit zu zeigen, die gewöhnlich den Schuldigen wenig ansteht.
Nie war der Andrang so groß bei Hofe gewesen; nie hatte die Neugierde so tief in den Zügen einer in Gefahr schwebenden Königin gewühlt. Marie Antoinette bot Allem Trotz, schmetterte ihre Feinde nieder, berauschte ihre Freunde, verwandelte die Gleichgültigen in Eifrige, die Giftigen in Enthusiasten, und erschien so schön und so groß, daß der König hierüber öffentlich seine Glückwünsche gegen sie aussprach.
Dann, als Alles wohl beendigt war, legte sie ihr erzwungenes Lächeln nieder und kehrte zu ihren Erinnerungen, das heißt zu ihrem Schmerz, allein, ganz allein in der Welt, zurück; sie wechselte ihre Toilette, nahm einen grauen Hut mit blauen Bändern und Blumen, ein Kleid von mauergrauer Seide, stieg in ihren Wagen und ließ sich, ohne Leibwachen, nur mit einer einzigen Dame nach Saint-Denis führen.
Es war die Stunde, wo die Nonnen, in ihre Zellen zurückgekehrt, vom bescheidenen Geräusch des klösterlichen Speisesaals zum Stillschweigen der Mediationen übergingen, denen sie sich vor dem Abendgebet hingaben.
Die Königin ließ Fräulein Andrée von Taverney in's Sprechzimmer rufen.
Knieend, in ihr Nachtgewand von weißer Wolle gehüllt, betrachtete Andrée aus ihren Fenstern den Mond, der hinter den großen Linden aufging, und in dieser Poesie der beginnenden Nacht fand sie das Thema zu all den inbrünstigen, leidenschaftlichen Gebeten, die sie zur Erleichterung ihrer Seele an Gott sandte.
Sie trank mit langen Zügen den unheilbaren Schmerz der freiwilligen Abwesenheit. Diese Marter ist nur starken Seelen bekannt: sie ist zugleich eine Qual und ein Vergnügen. Sie gleicht, was das Leiden betrifft, allen gewöhnlichen Schmerzen. Sie läuft auf eine Wollust aus, welche nur diejenigen fühlen können, die das Glück dem Stolz zu opfern wissen.
Andrée hatte aus freien Stücken den Hof verlassen; aus freien Stücken hatte sie mit Allem gebrochen, was ihre Liebe unterhalten konnte. Stolz wie Cleopatra, hatte sie nicht einmal die Idee ertragen können, Herr von Charny habe an eine andere Frau gedacht, und wäre diese Frau die Königin selbst.
Kein Beweis für sie von dieser für eine Andere glühenden Liebe. Sicherlich hatte die eifersüchtige Andrée aus diesem Beweise die ganze Überzeugung gezogen, die ein Herz bluten machen kann. Hatte sie aber nicht Herrn von Charny gleichgültig an ihr vorübergehen sehen? Hatte sie nicht die Königin im Verdacht gehabt, sie nehme für sich, freilich unschuldig, die Huldigungen Charny's in Anspruch, den sie so sehr bevorzugte?
Wozu sollte es fortan nützen, in Versailles zu bleiben? Um Complimente zu erbetteln? um die Nachlese mit lächelnden Mienen zu halten? um von Zeit zu Zeit mit einem angebotenen Arm. mit einer berührten Hand abgespeist zu werden, wenn die Königin auf der Promenade ihr die Artigkeiten Charny's leihen würde, weil die Königin in diesem Augenblick nicht im Stande war, sie für sich zu behalten?
Nein, keine feige Schwäche, kein Vergleich für diese stoische Seele. Das Leben mit der Liebe und der Bevorzugung, das Kloster mit der Liebe und dem verwundeten Stolz.
»Nie! nie!« wiederholte sich die stolze Andrée, »derjenige welchen ich im Schatten liebe, ist für mich nur eine Wolke, ein Porträt, eine Erinnerung; dieser verletzt mich nie, er lächelt immer mir zu, er lächelt nur mir zu.«
Darum hatte sie so viele Nächte in Schmerzen, aber frei zugebracht; darum zog Andrée, glücklich zu weinen, wenn sie sich schwach fand, zu verfluchen, wenn sie sich exaltirte, die freiwillige Abwesenheit, welche ihr die Unversehrtheit ihrer Liebe und ihrer Würde ließ, der Fähigkeit vor, einen Mann wiederzusehen, den sie haßte, weil sie gezwungen war, ihn zu lieben.
Und überdieß bereiteten diese stummen Beschauungen der reinen Liebe, diese göttlichen Entzückungen des einsamen Traumes der unbändigen Andrée weit mehr Lebensfreude als die leuchtenden Feste in Versailles, die Nothwendigkeit, sich vor Nebenbuhlerinnen zu beugen, und die Furcht, das in ihrem Herzen eingeschlossene Geheimniß an das Tageslicht entschlüpfen zu lassen.
Am Abend des St. Ludwigstages suchte also die Königin Andrée in Saint-Denis auf, und sie fand sie träumerisch.
Man meldete Andrée wirklich, die Königin sei soeben angekommen, das Capitel empfange sie im großen Sprechzimmer, und Ihre Majestät habe nach dem ersten Komplimente gefragt, ob man Fräulein von Taverney sprechen könnte.
Eine seltsame Erscheinung! es bedurfte für Andrée, ein durch die Liebe erweichtes Herz, nicht mehr, daß sie diesem Wohlgeruch entgegensprang, der von Versailles zu ihr kam, einem Wohlgeruch, den sie am Tage vorher verflucht, einem Wohlgeruch, der in demselben Maße kostbarer wurde, in dem er sich mehr entfernte, kostbar wie Alles, was sich verdunstet, wie Alles, was sich vergißt, kostbar wie die Liebe.
»Die Königin!« murmelte Andrée, »die Königin in Saint-Denis! Die Königin, die mich ruft!«
»Geschwind, beeilen Sie sich,« erwiderte man ihr.
Sie beeilte sich in der That, sie warf auf ihre Schultern die lange Mante der Nonnen, befestigte um ihren weiten Rock den wollenen Gürtel, und folgte, ohne einen Blick in ihren kleinen Spiegel zu thun, der Pförtnerin, welche sie geholt hatte.
Doch kaum hatte sie hundert Schritte gemacht, als sie sich gedemüthigt fühlte, daß sie so viel Freuden empfunden.
»Warum,« sagte sie, »warum hat mein Herz gebebt? In welcher Hinsicht berührt es Andrée von Taverney, daß die Königin von Frankreich das Kloster Saint-Denis besucht? Ist es Stolz, was ich empfinde? Die Königin ist nicht meinetwegen hier. Ist es Glück? ich liebe die Königin nicht mehr. Ruhig doch, schlimme Nonne, die weder Gott noch der Welt gehört; sei wenigstens bemüht, Dir selbst zu gehören.«
Andrée schalt sich so, während sie die große Treppe hinabging, und Herrin ihres Willens, tilgte sie auf ihren Wangen die flüchtige Röte der Hast, mäßigte die Raschheit ihrer Bewegungen. Doch um hiezu zu gelangen, brauchte sie mehr Zeit, die letzten sechs Stufen vollends hinabzugehen, als sie zu den dreißig ersten gebraucht hatte.
Als sie hinter den Chor zum Ceremonien-Sprechzimmer kam, in welchem der Glanz der Kronleuchter und der Wachskerzen unter den geschäftigen Händen einiger Laienschwestern zunahm, war Andrée kalt und bleich.
Als sie ihren Namen von der Pförtnerin aussprechen hörte, als sie Marie Antoinette auf dem äbtlichen Stuhle sitzen sah, während zu ihrer Seite die edelsten Stirnen sich beeiferten und beugten, wurde Andrée von einem Herzklopfen erfaßt, das ihren Gang mehrere Secunden hemmte.
»Ah! kommen Sie doch, daß ich mit Ihnen reden kann, mein Fräulein,« sagte die Königin halb lächelnd.
Andrée näherte sich und beugte den Kopf.
»Sie erlauben, Madame,« sprach die Königin, sich gegen die Superiorin umwendend.
Diese antwortete durch eine Verneigung und verließ das Sprechzimmer, gefolgt von allen ihren Nonnen.
Die Königin blieb allein mit Andrée, deren Herz so gewaltig schlug, daß man es ohne das langsamere Geräusch der Unruhe einer alten Uhr hätte hören können.
LXXXII.
Ein todtes Herz
Die Königin begann das Gespräch, das war in Ordnung.
»Ah! mein Fräulein, wissen Sie, daß Sie als Nonne einen seltsamen Eindruck auf mich machen?«
Andrée antwortete nicht.
»Eine alte Gefährtin,« fuhr die Königin fort, »schon für die Welt, in der wir Andere noch leben, verloren zu sehen, ist wie ein ernster Rath, den uns das Grab gibt. Sind Sie nicht meiner Ansicht, mein Fräulein?«
»Madame,« erwiderte Andrée, »wer würde sich erlauben, Eurer Majestät Rathschläge zu geben? Der Tod selbst wird die Königin nicht eher, als an dem Tage benachrichtigen, wo er sie abholt. In der That, wie sollte er es anders machen?«
»Warum?«
»Madame, weil eine Königin durch die Natur ihrer Erhabenheit dazu bestimmt ist, in dieser Welt nur die unvermeidlichen Notwendigkeiten zu erdulden. Alles was ihr Leben verbessern kann, hat sie; Alles was bei Anderen ihre Laufbahn verschönern helfen kann, nimmt eine Königin Anderen.«
Die Königin machte eine Bewegung des Erstaunens.
»Und das ist ein Recht,« fügte Andrée hastig bei; »die Andern sind für eine Königin eine Schaar von Unterthanen, deren Leben, Ehre und Güter den Fürsten gehören. Leben, Ehre und Güter, moralische oder materielle, sind also das Eigenthum der Königinnen.«
»Das sind Lehren, die mich in Erstaunen setzen,« sprach Marie Antoinette langsam. »Sie machen aus einer Souveränin in diesem Land irgend eine Wehrwölfin der Mährchen, die das Vermögen und das Glück einfacher Bürger verschlingt. Bin ich diese Frau, Andrée? Haben Sie sich im Ernste über mich zu beklagen gehabt, als Sie bei Hofe waren?«
»Eure Majestät hatte die Güte, diese Frage an mich zu richten, als ich sie verließ,« erwiderte Andrée; »ich antwortete, wie heute: Nein, Madame.«
»Aber oft,« fuhr die Königin fort, »verletzt uns ein Verdruß, der nicht persönlich ist. Habe ich einem der Ihrigen geschadet und folglich die harten Worte verdient, die Sie soeben zu mir gesprochen? Andrée, die Einsamkeit, die Sie sich gewählt, ist ein Asyl gegen alle schlimmen Leidenschaften der Welt. Gott lehrt uns Sanftmuth, Mäßigung, Vergessen der Beleidigungen, Tugenden, deren reinstes Muster er ist. Muß ich, während ich als Freundin herbeieile, Vorwürfe oder die verschleierte Leidenschaftlichkeit einer unversöhnlichen Feindin treffen?«
Andrée schlug die Augen auf, erstaunt über diese Leutseligkeit, an welche Marie Antoinette ihre Diener nicht gewöhnt hatte. Sie war hochmüthig und schroff, wenn sie auf Widerstand stieß.
Die Worte, welche Andrée gesprochen, anzuhören, ohne sich zu erhitzen, war eine Anstrengung der Geduld und der Freundschaft, welche die heißblütige Einsiedlerin merkbar rührte.
»Eure Majestät weiß wohl, daß die Taverney nicht ihre Feinde sein können,« sagte sie leiser.
»Ich begreife,« sprach die Königin; »Sie verzeihen mir nicht, daß ich kalt gegen Ihren Bruder war, und er selbst klagt mich vielleicht des Leichtsinns, der Launenhaftigkeit sogar an.«
»Mein Bruder ist ein zu ehrerbietiger Unterthan, um die Königin anzuklagen,« entgegnete Andrée, die ihre Starrheit zu behaupten sich bemühte.
Die Königin sah wohl, daß sie sich verdächtig machen würde, wenn sie die Dosis Honig, welche den Cerberus bändigen sollte, vermehrte. Sie hielt mitten in ihren Zuvorkommenheiten inne und sagte:
»Es ist immerhin gewiß, daß ich, als ich nach Saint-Denis kam, um mit Madame zu sprechen, Sie sehen und Ihnen die Versicherung geben wollte, ich sei von nahe wie von fern Ihre Freundin.«
Andrée fühlte diese Nuance; sie befürchtete, diejenige, welche ihr schmeichelte, beleidigt zu haben; sie befürchtete noch viel mehr, ihre schmerzliche Wunde vor dem stets hellsehenden Auge einer Frau enthüllt zu haben.
»Eure Majestät überschüttet mich mit Ehre und Freude,« sagte sie traurig.
»Sprechen Sie nicht so, Andrée,« erwiderte die Königin, indem sie ihr die Hand drückte; »Sie zerreißen mir das Herz. Wie! es soll nicht gesagt werden, eine elende Königin könne eine Freundin haben, könne über eine Seele verfügen, könne mit Vertrauen ihre Augen auf reizenden Augen, wie die Ihrigen, ruhen lassen, ohne im Grunde dieser Augen Interesse oder Groll zu vermuthen! Ja, ja, Andrée, beneiden Sie diese Königinnen, diese Herrinnen der Güter, der Ehre und des Lebens Aller. Oh! ja, sie sind Königinnen! oh! ja, sie besitzen das Gold und das Blut ihrer Völker, doch das Herz! nie! nie! Sie können es nicht nehmen, und man muß es ihnen schenken.«
»Ich versichere Sie, Madame,« sprach Andrée, erschüttert durch diese warme Anrede, »ich habe Eure Majestät so sehr geliebt, als ich je in dieser Welt lieben werde.«
So sprechend erröthete sie und neigte das Haupt.
»Sie … haben mich … geliebt!« rief die Königin, diese Worte auffangend, »Sie lieben mich nicht mehr?«
»Oh! Madame!«
»Ich verlange nichts von Ihnen, Andrée … Verflucht sei das Kloster, das so schnell die Erinnerung in gewissen Herzen vertilgt!«
»Klagen Sie mein Herz nicht an,« rief Andrée lebhaft »es ist todt!«
»Ihr Herz ist todt! Sie Andrée, wie können Sie bei Ihrer Jugend und Schönheit sagen, Ihr Herz sei todt! Ah! spielen Sie nicht mit diesen unseligen Worten! Das Herz ist nicht todt bei derjenigen, welche dieses Lächeln, diese Schönheit bewahrt; sagen Sie das nicht, Andrée.«
»Ich wiederhole Ihnen, Madame, nichts bei Hofe, nichts in der Welt ist mehr für mich. Hier lebe ich wie das Gras und die Pflanze; ich habe Freuden, die nur ich allein verstehe; darum habe ich, als ich Sie vorhin glänzend und fürstlich wiederfand, ich, die schüchterne und dunkle Nonne, nicht sogleich begriffen: meine Augen haben sich, geblendet durch Ihren Glanz, geschlossen; ich flehe Sie an, mir zu verzeihen: es ist kein sehr großes Verbrechen, dieses Vergessen der stolzen Eitelkeiten der Welt; mein Beichtvater wünscht mir jeden Tag Glück hiezu; ich flehe Sie an, seien Sie nicht strenger, als er.«
»Wie! Sie gefallen sich im Kloster?«
»Ich umfasse mit Wonne das Leben der Einsamkeit.«
»Es ist nichts mehr da, was Sie gebieterisch zu den Freuden der Welt hinzieht?«
»Nichts.«
»Mein Gott!« dachte voll Angst die Königin, »sollte ich scheitern?«
Und ein tödtlicher Schauer durchlief ihre Adern.
»Wir wollen sie in Versuchung führen,« sagte sie zu sich selbst; »scheitert dieses Mittel, so nehme ich meine Zuflucht zu den Bitten. Oh! sie zu diesem Ende bitten, sie bitten, Herrn von Charny anzunehmen … gütiger Himmel! muß ich so unglücklich sein!«
»Andrée,« sagte Marie Antoinette, ihre Aufregung beherrschend, »Sie haben Ihre Zufriedenheit in Worten ausgesprochen, die mir die Hoffnung rauben, welche ich gefaßt hatte.«
»Welche Hoffnung, Madame?«
»Sprechen wir nicht mehr davon, wenn Sie entschieden sind, wie Sie soeben geschienen haben … Ach! das war für mich ein Schatten von Vergnügen, er ist entflohen! Ist nicht Alles ein Schatten für mich? Denken wir nicht mehr daran.«
»Ah! Madame, gerade weil Sie hieraus eine Befriedigung ziehen sollen, sprechen Sie.«
»Wozu soll es nützen? Sie haben sich von der Welt zurückgezogen, nicht wahr?«
»Ja, Madame.«
»Sehr gern?«
»Oh! ganz mit meinem freien Willen.«
»Und Sie wünschen sich Glück zu dem, was Sie gethan?«
»Mehr als je.«
»Sie sehen wohl, daß es überflüssig ist, mich sprechen zu lassen. Gott ist jedoch mein Zeuge, daß ich einen Augenblick glaubte, ich würde Sie glücklich machen.«
»Mich?«
»Ja, Sie Undankbare, die Sie mich anklagten! Doch heute haben Sie andere Freuden erschaut, Sie kennen besser als ich Ihren Geschmack und Beruf. Ich verzichte …«
»Ah! Madame, erweisen Sie mir die Ehre, mir etwas Näheres zu sagen.«
»Oh! das ist sehr einfach, ich wollte sie an den Hof zurückführen.«
»Oh!« rief Andrée mit einem Lächeln voll Bitterkeit, »ich! an den Hof zurückkehren … mein Gott! … nein! nein! Madame, nie, so schwer es mich ankommt, ungehorsam gegen Eure Majestät zu sein.«
Die Königin schauerte, ihr Herz füllte sich mit einem unaussprechlichen Schmerz; sie scheiterte, das mächtige Fahrzeug, an einem Atom von Granit.
»Sie schlagen es aus?« murmelte sie.
Und um ihre Angst zu verbergen, verschloß sie ihr Gesicht in ihren Händen.
Andrée hielt sie für niedergebeugt, sie warf sich vor ihr auf die Kniee, als wollte sie durch ihre Ehrfurcht die Wunde lindern, die sie der Freundschaft oder dem Stolze geschlagen.
»Madame,« sagte sie, »was hätten Sie aus mir gemacht, aus einer so traurigen, nichtsbedeutenden, armen, ja verfluchten Person, die jeder flieht, weil ich nicht einmal den Frauen die gewöhnliche Unruhe der Rivalitäten, den Männern die gewöhnliche Sympathie der Verschiedenheit der Geschlechter einzuflößen gewußt habe … Ah! Madame und theure Gebieterin, lassen Sie diese Nonne, sie wird nicht einmal mehr von Gott angenommen, der sie für noch zu mangelhaft hält, während er doch die Schwachen an Körper und Herz aufnimmt. Ueberlassen Sie mich meinem Elend, meiner Vereinzelung: lassen Sie mich.«
»Ah!« erwiderte die Königin aufschauend, »der Stand, den ich Ihnen vorschlagen wollte, bietet allen Demüthigungen, über die Sie sich beklagen, Trotz! Die Heirath, um die es sich handelt, würde Sie zu einer der vornehmsten Frauen Frankreichs machen.«
»Eine Heirath!« stammelte Andrée erstaunt.
»Sie schlagen es aus,« sprach die Königin, immer mehr entmuthigt.
»Oh! ja, ich schlage es aus!«
Da ging die Königin in den Ton der Bitte über und sagte:
»Andrée …«
»Ich schlage es aus, Madame, ich schlage es aus!«
Marie Antoinette bereitete sich nun mit einer ungeheuren Herzensangst vor, das Flehen zu beginnen. Andrée stellte sich ihr in den Weg in dem Augenblick, wo sie unentschlossen, zitternd, verwirrt aufstand, ohne auch nur das erste Wort ihrer Rede festzuhalten.
»Madame,« sagte sie, die Königin an ihrem Kleide zurückhaltend, denn sie glaubte sie weggehen zu sehen, »haben Sie die hohe Gnade, mir den Mann zu nennen, der mich zur Gefährtin annehmen würde; ich habe so sehr in meinem Leben durch die Demüthigung gelitten, daß der Name dieses edelmüthigen Mannes …«
Und sie lächelte mit einer stechenden Ironie und fuhr dann fort:
»Der Balsam sein wird, den ich fortan auf alle Wunden meines Stolzes legen werde.«
Die Königin zögerte, doch es war für sie eine Nothwendigkeit, die Sache bis zum Ende zu treiben.
»Herr von Charny,« sprach sie mit traurigem, gleichgültigem Tone.
»Herr von Charny!« rief Andrée mit einem furchtbaren Ausbruch, »Herr Olivier von Charny!«
»Herr Olivier, ja,« erwiderte die Königin, indem sie das Mädchen ganz verwunderungsvoll anschaute.
»Der Neffe des Herrn von Suffren?« fuhr Andrée fort, deren Wangen sich mit Purpur übergossen, deren Augen glänzten wie Sterne.
»Der Neffe des Herrn von Suffren,« antwortete die Königin, immer mehr ergriffen von der Veränderung, die in Andrée's Zügen vorging.
»Wie, Madame, mit Herrn Olivier wollen Sie mich verheirathen?«
»Mit ihm selbst.«
»Und … er willigt ein?«
»Er bittet um Ihre Hand.«
»Oh! ich gebe sie ihm, ich gebe sie ihm,« rief Andrée entzückt, toll. »Mich hat er also geliebt! … mich liebt er, wie ich ihn liebte?«
Die Königin wich leichenbleich und zitternd mit einem dumpfen Seufzer zurück; sie war nahe daran, vernichtet in einen Lehnstuhl zu fallen, während die wahnsinnige Andrée ihre Kniee, ihr Kleid küßte und abwechselnd ihre Hände mit Thränen befeuchtete und mit glühenden Küssen versengte.
»Wann gehen wir?« sagte sie endlich, als sie auf die erstickten Schreie und die Seufzer Worte folgen lassen konnte.
»Kommen Sie,« murmelte die Königin, welche ihr Leben entfliehen fühlte und ihre Ehre retten wollte, ehe sie starb.
Sie stand auf, stützte sich auf Andrée, deren brennende Lippen ihre eiskalten Wangen suchten, und während das Mädchen Anstalten zu ihrer Abreise traf, sprach die unglückliche Fürstin, die Frau, welche das Leben und die Ehre von dreißig Millionen Unterthanen besaß, unter Schluchzen:
»Mein Gott! ist es nun genug der Leiden für ein einziges Herz!«
»Und dennoch muß ich Dir danken, mein Gott!« fügte sie bei; »denn Du rettest meine Kinder vor der Schande, Du gibst mir das Recht, unter meinem königlichen Mantel zu sterben! …«
