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Kitabı oku: «Denkwürdigkeiten eines Fechtmeisters», sayfa 19
Dritter Band
XVII
Die folgenden Tage wurden dazu verwandt, um die Verwüstungen des blutigen Aufstandes, von dem die Mauern des Senatspalastes zeugten, die auf die letzte Spur verschwinden zu lassen. Am selben Abende oder während der Nacht waren die Hauptverschworenen festgenommen worden; es waren der Fürst Trubetzkoi, der Zeitungsschreiber Ryliew, der Fürst Odalindki, der Hauptmann Jakubowitsch, der Lieutenant Kokowski, die Unterhauptleute Tschepin, Rostoffski und Belujeff, ein anderer Belujeff, Generaladjutant des Herzogs Alexander den Würtemberg, endlich sechzig oder achtzig Andere, welche mehr oder minder durch Rath oder That schuldig, waren, Waninkoff, der, wie wir erzählt, sieh freiwillig überliefert, und der Obrist Bulatoff, der seinem Beispiele gefolgt war.
Durch ein sonderbarer Zusammentreffen war Pestel, in Folge von aus Taganrog ausgegangenen Befehlen im südlichen Ausland, an demselben Tag: festgenommen worden, an welchem der Aufruhr in St. Petersburg ausgebrochen war.
Serge und Apostel Murawieff, denen es gelungen war, sich zu flüchten und sechs Compagnieen von dem Tschernigoff’schen Regimente aufzuwiegeln wurden bei dem Dorfe Pulogoff, in dem Bezirke von Wasilkoff, durch den Generallieutenant Roth eingeholt. Nach einem verzweifelten Widerstande versuchte einer von ihnen sich durch einen Pistolenschuß den Kopf zu zerschmettern, fehlte sich aber; der andere wurde, nach dem er durch das Platzen einer Kartätsche gefährlich an der Seite und durch einen Säbelhieb am Kopfe verwundet worden war, gefangen genommen.
Alle Gefangenen, in welchem Winkel des Reiche sie auch festgenommen« worden waren, wurden nach St. Petersburg gebracht; hierauf wurde von dem Kaiser eine Untersuchungskommission ernannt, welche aus dem Kriegsminister Tatitscheff, den: Großfürsten Michael, dem Geheimrat Fürsten Galitzin, Golenitscheff-Kotusoff, welcher dem Grafen Miloradowitsch in den: Militair-Gouvernement von St. Petersburg gefolgt war, Tschernitscheff, Benkendorf, Lawascheff und Potagoff, alle vier Generaladjutanten, bestand, und die Untersuchung begann mit einer Unpartheilichkeit, von welcher die von uns so eben angeführten Namen die Bürgen waren.
Aber, wie es gewöhnlich in St. Petersburg, so geschah Alles in der Stille und im Dunkeln, und Nichts wurde außerhalb ruchbar. Noch mehr, und es klingt sehr sonderbar, am Tage, nachdem der Armee der officielle Bericht, bekannt gemacht worden war, daß alle Verräther festgenommen seien, war, als ob sie niemals gelebt hätten, oder als ob sie einsam und ohne Familie auf diese Welt gekommen waren, keine Rede mehr von ihnen. Nicht ein Haus hatte seine Fenster als Zeichen der Wittwenschaft geschlossen, nicht eine Stirn war mit: Betrübnis als Zeichen der Trauer verschleiert; Alles ging wieder seinen Gang, als ob Nichts vorgefallen wäre. Louise allein hatte jenen sonderbaren Schritt versucht, welchen wir erzählt, und der vielleicht kein Beispiel in den moscowitischen Erinnerungen hatte; und wie ich glaube, fühlte inzwischen Jeder in dem Grund seines Herzens, daß bald eines Morgens, gleich einer blutigen-Blume, irgend eine schreckliche Nachricht aufbrechen würde; denn die Verschwörung war auf frischer That ertappt, die Absichten der Verschwörer gingen auf Mord aus, und obgleich Jeder die natürliche Güte der Kaisers kannte, so fühlte man doch wohl, daß er seine Vergebung nicht über alle erstrecken könnte; das Blut verlangte Blut.
Von Zeit zu Zelt drang ein Strahl von Hoffnung gleich einem dunklen Schimmer durch diese Nacht, und gab einen neuen Beweis der nachsichtigen Stimmung des Kaisers. In dem ihm vorgelegten Verzeichnisse der Verschworenen hatte er einen für Rußland theuren Namen bemerkt; dieser Name war der Suwarows. In der That, der Enkel des rauhen Siegers von der Trebia befand sich unter der Zahl der Verschwörer. Als Nikolaus an ihn gelangte, hielt er inne; dann, nach einem Augenblicke des Schweigens, sagte er, als ob er mit sich selbst rede: Ein so so schöner Name darf nicht befleckt werden. Sich nun an den Großmeister der Polizei, der ihm das Verzeichnis überreicht, wendend, sagte-er: Ich will den Lieutenant Suwarow selbst verhören.
Am anderen Tage wurde der junge Mann vor den Kaiser geführt, den er erzürnt und drohend zu sehen erwartete, und den er im Gegentheile mit ruhiger und milder Stirn fand. Das war nicht Alles, auf das erste Wort des Czars war es dem Schuldigen leicht, zu sehen, aus welcher Absicht man ihn hatte kommen lassen. Alle mit einer väterlichen Sorgfalt vorbereiteten Fragen des Fürsten waren auf die Weise gestellt, daß der Angeklagte der Freisprechung nicht entgehen konnte. In der That, bei jeder der kiaiserlichen Fragen, auf welche er nur mit ja oder nein zu antworten hatte, wandte sich der Czar nach denjenigen um, die er zusammenberufen hatte, um diesem Auftritte beizuwohnen, indem er sagte: »Sehen Sie wohl, Sie; hören es, ich hatte es Ihnen ja gleich gesagt, daß ein Suwkarow kein Rebell sein könnte.« Und Suwarow hatte, aus dem Gefängnisse entlassen und an sein Regiment zurückgeschickt, nach Verlauf von einiger: Tagen sein Patent als Hauptmann erhalten.
Aber nicht alle Angeklagten nannten sich Suwarow, und obgleich ich mir alle Mühe gab, um meiner armen Landsmännin eine Hoffnung einzuflößen, die ich selbst nicht hatte, war doch der Schmerz Louisens wahrhaft erschreckend. Seit dem Tage der Gefangennehmung Waninkoffs hatte sie der Fleiß ihres früheren Lebens gänzlich verlassen, und, zurückgezogen in das kleine Zimmer, welches sie hinter, ihrem Laden sich vorbehalten, blieb sie darin, den Kopf auf ihre Hände gestützt, indem sie ihren Augen große Thränen entfallen ließ, und den Mund nur öffnete, um diejenigen, welche, wie ich Zutritt in dieser kleinen Zufluchtsstätte hatten, zu fragen; »Glauben Sie, daß sie ihn töten werden?« Dann sagte sie auf die Antwort, welche man ihr gab, und die sie gar nicht hörte: »Ach! Wenn ich nicht schwanger wäre!«
Inzwischen verfloß die Zeit, ohne daß irgend Etwas von dem den Angeklagten bevorstehenden Loose ruchbar wurde. Die Untersuchungskommission spann ihr Werk im Dunkeln; man fühlte, daß man auf die Entwickelung des blutigen Trauerspieles losschritt, aber Niemand vermogte zu sagen, weder was die Entwickelung sein, noch an welchen Tag sie statthaben würde.
Zwei Begebenheiten kamen dazwischen, welche den Einwohnern von St. Petersburg zum Mindesten vorübergehend die Katastrophe vom Monat December vergessen halfen, die eine war die von Frankreich abgeschickte, und von dem Herzoge von Ragusa geleitete außerordentliche Gesandtschaft; die andere die Ankunft der Leiche der Kaiserin Elisabeth. Sie hatte Wort gehalten, und Alexander nur um vier Monate überlebt. Die Gesandtschaft langte in den ersten Tagen des Mai an, und der Sarg in den ersten Tagen den Juni. Ich war von der ersten Feierlichkeit durch einen Brief einer meiner früheren Schüler, der mit ihr als Attaché gekommen war, unterrichtet worden, und den der anderen durch einen von der Festung abgefeuerten Kanonenschuß. Da die Freundschaft, welche ich für Louisen hegte, und die Theilnahme, welche mir der Graf einflößte, mich jeden Augenblick aufmerksam auf das hielten, was vorging, so glaubte ich, das der Kanonenschuß etwas ganz Anderes verkündete, und ging rasch hinab, um mich zu erkundigen, was es Neues gäbe. In diesem Augenblicke ließ sich ein zweiter Schuß hören, und da ich alle Welt nach der Seite der Newa zu rennen sah, so machte ich mich, wie die Anderen, an das Laufen. Unterwegs erfuhr ich, wovon die Rede wäre.
Als ich auf dem Kai anlangte, war derselbe schon so mit Menschen besetzt, daß ich einsah, wenn ich da bliebe, würde es mir unmöglich sein, Etwas zu sehen. Ich miethete dem zu Folge eine Barke, und in der Mitte des Flusses, wo ich anhielt, schickte ich mich an, den Zug vorüberkommen zu sehen, der, um nach der Festung zu gelangen, über die unermeßliche Schiffsbrücke gehen mußte, welche sich von dem Marsfelde bis nach der Citadelle erstreckte. Seit einigen Augenblicken hatten sich alle Glocken der Stadt mit dem Geschütz vereinigt, und läuteten nach allen Kräften.
Die erste Person, welche erschien, war ein Ceremonienmeister zu Pferde, welcher zum Zeichen: der Trauer eine weiße und schwarze Schärpe trug. Hinter ihn: marschierte eine Campagnie Preobrajenskigarden, dann ein kaiserlicher Stallmeister, dann ein Hofmarschall, dessen Trauer durch einen großen über die Augen herabgeschlagenen Hut und einen schwarzen Mantel, der seine beiden Schultern einhüllte, angedeutet war. Hierauf kamen die Pauckenschläger und die Trompeter der Rittergarden und der Garden zu Pferde, gefolgt von vierzig Lakeien, vier Läufern, acht Kammerdienern und vier Hofofficieren. Zwanzig Pagen schritten hinter ihnen, begleitet von ihrem Gouverneur, welcher die erste Abtheilung schloß.
Nun kamen zweiundsechzig Fahnen mit den Wappen der verschiedenen Provinzen des Reiches, jede von einem Officier getragen, welchen zwei andere Officiere als Beistände begleiteten, und in Mitte dieser Banner erhob sich die schwarzseidene Fahne mit dem Wappen von Rußland, welcher ein Wappenherold in einer schwarzen Rüstung, ein entblößtes Schwert in der Hand, dessen Spitze auf den Boden gesenkt war, folgte. Hinter dem Wappenherold ritten zwölf von einem Officier angeführte Husaren von, Garde vor einer Parade-Equipage her, über welcher sich die kiaiserliche Krone befand, und die mit acht reich aufgeschirrten Pferden bespannt war. Acht Stallknechte gingen zur Seite der Pferde; vier Bediente hielten sich zur Seite der Schläge, und vier Stallknechte zu Pferde ritten hinterher. So war dieses eine Erscheinung, welche zum letzten Male die irdische Pracht in Mitte der Trauerattribute des Todes ausmachte.
Der Zug der sogleich sein Traueransehen wieder annahm, zeigt nun eine Masse von schwarzen Mänteln ohne Abzeichnung und von Trauerflören, welche vor dem Wappen des Großherzogthumes Baden, Schleswig-Holstein, Taurien, Sibirien, Finnland, Astrachan, Kasan, Polen, Nowgorod, Kiew, Wladimir und Moskau hergingen; diese Wappen wurden, wie die ersten, jedes von einem Officier getragen, und zur Rechten und zur Linken von zwei anderen Officiren begleitet; hierauf kam das großes Wappenschild des Reiches, vor welchem vier Generäle vorausritten, und das von zwei Generalmajoren, zwei Obristen und zwei Stabsofficieren getragen wurde.
Nach den Repräsentanten der kaiserlichen Macht, und nach denen der Armee, kamen, geführt von dem Zeremonienmeister, die Abgeordneten der verschiedenen Körperschaften der Bürgerschaft, der Kaufleute und der Kutscher, jede von ihnen unter Vorrausritt einer kleinen Standarte, auf welchen sie bestand, ausgeübte Gewerbe gemalt oder gestickt waren.
Die verschiedenen Compagnien, als die Russische-Amerikanische Compagnie, die Oekenomische Gesellschaft, die Gesellschaft der Gefängnisse, die Philantropische Gesellschaft, die verschiedenen Anqestellten der öffentlichen kaiserlichen Bibliothek, der Universität von St. Petersburg, der Akademie der Künste, der Akademie der Wissenschaften, kamen nach ihrer Reihe; hierauf die Generäle, die Generaladjutanten, die Adjutanten des Kaisers, die Staatssecretäre, die Senatoren, die Minister, und die Mitglieder des Reichsrathes, endlich die Zöglinge aller der Gewerbeshäuser und Schulen, welchen die verblichenene Kaiserin einen besonderen Schutz gewährte. Zwei in Trauer gekleidete Waffenherolde, denen auf Kissen von Goldbrokat die fremden Orden, die Orden von Rußland und die Kaiserliche Krone vorausgetragen wurden, folgten ihnen.
Drei Heiligenbilder, das eine von dem Beichtvater der Kaiserin, die beiden anderen von Archidiaconen und Priestern gehalten, kamen nachher, und waren unmittelbar vor dem Leichenwagen gefolgt, auf welchem der Körper der Kaiserin lag. Die Stäbe des Baldachins waren von vier Kammerherren gehalten, eben so die Schnüre und die Quasten des Leichentuches, und an beiden Seiten des Leichenwagens gingen, mit langen Schleiern bedeckt, die Damen des heiligen Katharinen-Ordens und die Ehrenfräulein, welche der Kaiserin auf ihrer letzten Reise gefolgt waren, und die getreu bis zum Tode, sie zu ihrer letzten Wohnung geleiteten. Die höchsten Beamten führten die Pferde des Wagens, und sechzig, Kerzen in den Händen haltende, Pagen hüllten ihn in eine Feuerlinie.
Endlich kam der Kaiser Nikolaus, gehüllt in einen Trauermantel, und einen niedergekrämpften Hut tragend; zu seiner Rechten befand sich der Großfürst Michael, und in einer kleinen Entfernung hinter ihm der Chef des Generalstabes, der Kriegsminister, der Generalquartiermeister, der Diensthabende General und mehrere andere Generäle. Vier und zwanzig Fahnenjunker marschierten in ehrfurchtsvoller Entfernung von dem Kaiser, längs den Brüstungen der Brücke hin, indem sie in ihrer doppelten Linie den Trauerwagen einschlossen, in welchem sich die Kaiserin und der junge Großfürst Alexander, der Thronerbe, befanden. Nun kam der Herzog von Würtemberg, seine beiden Söhne und seine Tochter in zu Fuße mit den beiden Königinnen von Imireta und der Regentin von Mingrelien. Nach diesen kamen alle früher bei dem Dienste der verstorbenen Kaiserin angestellten Frauen; endlich schloß eine Compagnie von dem Regimente Semenowski den Zug.
Der Zug brauchte ohngefähr anderthalb Stunden, um über die Brücke zu kommen, so langsam ging er, und so beträchtlich war er. Hierauf verschwand dieser ganze lange Faden in der Festung, wohin sich das Volk drängte, um derjenigen die letzte Ehre erweisen zu sehen, die es fünfundzwanzig Jahre als eine Vermittlerin zwischen der Erde und dem Himmel betrachtet hatte.
Ich fand Louisen bei meiner Rückkehr: sehr aufgeregt. Wie ich, hatte sie nicht gewußt, daß die Begräbnißceremonie statthaben sollte, und bei dem ersten Kanonenschusse, bei dem ersten Läuten der Glocken hatte sie gezittert, ob das nicht das Signal zur Hinrichtung sein mögte.
Inzwischen hatte mich der, stets dieselbe Güte für mich bewahrende Herr von Gorgoli oft beruhigt, indem er mir sagte, daß das Urtheil einige Tage zuvor bekannt sein werde, und daß wir demnach immer Zeit haben werden, um einige Schritte bei dem Kaiser zu thun, im Falle das Urtheil tödtlich für unseren armen Waninkoff sein sollte. In der That, die Zeitung von St. Petersburg vom 14. Juli erschien, und enthielt den von dem hohen Gerichtshofe an den Kaiser gerichteten Rapport. Derselbe theilte die verschiedenen Grade der Theilnahme an der Verschwörung in drei Arten des Verbrechens, deren Zweck war das Reich zu erschüttern, das Fundamentalgesetz des Staates umzustoßen und die bestehende Ordnung umzustürzen.
Sechs und dreißig Angeklagte waren von dem Hofe zur Todesstrafe, und die Uebrigen zu den Bergwerken und zur Verbannung verurtheilt. Waninkoff war unter der Zahl der zum Tode Verdammten. Aber nach der Gerechtigkeit kam die Gnade; die Todesstrafe war für ein und dreißig der Verurtheilten in ewige Verbannung verwandelt, und Waninkoff befand sich unter der Zahl Derjenigen, welche eine Verwandlung der Strafe erlangt hatten.
Nur fünf der Schuldigsten sollten hingerichtet werden; dar waren Ryliew, Bestujeff, Michel Serge, Murawieff und Pestel.
Ich stürzte, mein Journal in der Hand, rennend wie ein Narraus dem Hause, und wollte Jedermann, dem ich begegnete, aufhalten, um ihm meine Freude mitzutheilen; so kam ich athemlos bei Louisen an. Ich fand sie in Theatern schwimmend, dasselbe Journal in der Hand; als sie mich erblickte, warf sie sich in meine Arme, ohne daß sie etwas Anderes zu sagen vermochte, als die Worte: Er ist gerettet! Gott segne den Kaiser!
In unserer Selbstsucht hatten wir die Unglücklichen vergessen, welche sterben sollten, und die auch eine Familie, Geliebte, Freunde hatten. Die erste Regung Louisens war gewesen, an die Mutter und an die Schwestern Waninkoffs zu denken; wie man sich erinnern wird, kannte sie dieselben daher, daß sie sie bei ihrer lebten Reise nach St. Petersburg gesehen hatte; Die unglücklichen Frauen wußten noch nicht, daß ihr Sohn und ihr Bruder nicht sterben würde, war unter solchen Umständen Alles ist, denn man kehrt aus den Bergwerken zurück, man kommt wieder aus Sibirien, aber der einmal geschlossene Stein des Grabes erhebt sich nicht mehr.
Nun hatte Louise einen Gedanken, der nur in Schwestern oder Müttern aufsteigt; sie berechnete, daß die diese glückliche Nachricht enthaltende Zeitung erst durch die Abendpost von St. Petersburg abginge, und dem zu Folge um zwölf Stunden später in Moskau eintreffen würde, und sie frug mich demnach, ob ich nicht einen Boten wüßte, der auf der Stelle abzureisen bereit sei, um mit Extrapost diese Zeitung der Mutter Waninkoffs zu überbringen. Ich hatte einen Russischen Kammerdiener, und dem zu Folge nicht verdächtig, umsichtig und sicher; ich bot ihn an, er wurde angenommen. Er handelte sich nur noch um einen Paß. Nach Verlauf einer halben Stunde hatte ich ihn durch die immer thätige und wohlwollend Verwendung der Herrn von Gorgoli erlangt, und Gregor reisete als Ueberbringer dieser glückseligen Neuigkeit mit Tausend Rubel für seine Reisekosten versehen ab.
Er kam um vierzehn Stunden früher, als die Post an; vierzehn Stunden früher, als sie es wissen sollten, erfuhren eine Mutter und zwei Schwestern, daß sie noch einen Sohn und einen Bruder hätten.
Gregor lehrte mit einem jener Briefe zurück, die man mit einer, einem Engelssittige entzogenen Feder schreibt; die alte Gräfin nannte Louisen ihre Tochter, die jungen Mädchen nannten sie ihre Schwester. Sie baten inständigst, daß an dem Tage, wo die Hinrichtung Statt hätte, und wo die Gefangenen nach der Verbannung abgehen würden, ihnen nochmals ein Eilbote gesandt werden möchte. Ich sagte demnach Gregor, sich bereit zu halten, von einem Tage zum anderen wieder abzureisen. Solche Reisen waren zu vortheilhaft, als daß er es ausschlug. Die Mutter Waninkoffs hatte ihm Tausend Rubel gegeben, so daß dem armen Teufel von seiner ersten Sendung ein kleines Vermögen übrig geblieben war, das er wohl bei seiner zweiten zu verdoppeln hoffte.
Wir erwarteten den Tag der Hinrichtung; er war nicht im Voraus bestimmt worden, Niemand wußte ihn demnach, und jeden Morgen erwachte die Stadt in der Meinung, zu erfahren, daß Alles für die fünf Verurtheilten beendigt wäre; der Gedanke einer Todesstrafe machte übrigens um so mehr Eindruck, als seit sechzig Jahren Niemand in St. Petersburg hingerichtet worden war.
Die Tage verrannen, und man war über die Zeit erstaunt, welche das Urtheil von seiner Ausführung trennte. Die Zeit war nöthig gewesen, um aus Deutschland zwei Scharfrichter kommen zu lassen.
Endlich sah ich am 23. Juli Abends einen jungen Franzosen, meinen früheren Schüler, bei mir eintreten, welcher wie ich bemerkt, Attaché bei der Gesandtschaft des Marschall Marmont war, und den ich oft gebeten hatte, mich von den Neuigkeiten in Kenntniß zu setzen, welche er vermöge seiner diplomatischen Stellung früher als ich erfahren konnte. Er eilte herbei, um mir zu sagen, daß der Marschall und sein Gefolge so eben von Herrn de la Ferrounays die Einladung erhalten hätten, sich am folgenden Tage, Morgens vier Uhr nach der Französischen Gesandtschaft zu begeben, deren Fenster, wie man weiß, nach der Festung gingen. Es unterlag keinen: Zweifel, daß dieses geschah, um der Hinrichtung beizuwohnen.
Ich eilte zu Louisen, um ihr diese Nachricht zu melden, und nun ergriffen sie alle ihre Besorgnisse wieder. War es wohl kein Irrthum, daß sich der Name Waninkoffs unter denen der Verbannten befände, anstatt unter den Namen der zum Tode Verurteilten zu stehen? War diese Verwandlung der Strafe nicht etwa eine falsche Nachricht, die man verbreitet hatte, damit die Hinrichtung einen geringeren Eindruck auf die Bevölkerung der Hauptstadt hervorbringen möchte, und würde der folgende Tag nicht durch den Anblick von sechs und dreißig Leichnamen, anstatt fünfen enttäuscht sein? Wie man sieht, so war Louise gleich allen Unglücklichen erfinderisch, sich zu quälen; ich beruhigte sie inzwischen. Ich hatte aus hoher Quelle gewußt, daß Alles so beschlossen sei, als es die officielle Zeitung gemeldet, und man hatte sogar hinzugefügt, daß die Theilnahme, welche Louise dem Kaiser und der Kaiserin an dem Tage eingeflößt, wo sie ihnen auf der Aussicht knieend die Bittschrift überreicht, der Verwandelung der Strafe, welche die Verurtheilten erlangt, keinesweges fremd sei.
Ich verließ Louisen, die mir das Versprechen abnahm, bald wieder zu kommen, einen Augenblick, um einen Gang nach der Seite der Festung zu machen, in der Absicht, um zu sehen, ob irgend einige Todeszurüstungen das schreckliche Drama andeuteten, dessen Schauplatz dieser Ort am folgenden Tage sein sollte. Ich sah nur die Mitglieder des Gerichts, welche aus der Festung kamen; aber das war genug. Die Gerichtsschreiber hatten den Angeklagten ihr Urtheil verkündigt. Es waltete demnach kein Zweifel mehr ob, die Vollstreckung war für den folgenden Morgen bestimmt.
Wir sandten Gregor sogleich nach Moskau mit einem neuen Briefe Louisens an die Mutter Waninkoffs ab. Auf diese Weise waren es nicht zwölf Stunden, welche wir nett der Nachricht daraus waren, sondern vier und zwanzig Stunden.
Gegen Mitternacht hat mich Louise, sie nach der Seite der Festung zu zu begleiten; da sie Waninkoff nicht: sehen konnte, so wollte: sie zum Mindesten in dem Augenblicke, wo sie im Begriffe stand, von ihm getrennt zu werden, die ihn einschließenden Mauern wiedersehen.
Wir fanden die Dreieinigkeitsbrücke bewacht, Niemand kannte sie betreten. Das war ein neuer Beweis, das Nichts in den Verfügungen des Gerichts geändert sei. Nun richteten wir von einer Seite der Newa bis zur anderen die Augen nach der Festung, weiche wir während dieser schönen nordischen Nacht eben so deutlich erblickten, als in einer unserer abendländischen Dämmerungen. Nach Verlauf eines Augenblickes sahen wir Lichter auf dem Walle herum irren, dann Schatten vorüber kommen, welche fremdartige Lasten trugen. Das waren die das Schaffot aufschlagenden Scharfrichter.
Wie waren die Einzigen, welche sich aus dem Kai aufhielte; Niemand ahnte, oder schien das zu ahnen, was sich vorbereitete. Verspätete Wagen fuhren mit ihren beiden Lichtern, die gleich Drachenaugen flammten, rasch vorüber. Einige; Nachen glitten über die Newa, und verschwanden nach und nach, die einen schweigend, die andern lärmend, sei es nun in den Kanälen, oder in den Armen des Flusses. Ein einziger blieb unbeweglich und wie vor Anker; kein Geräusch, weder freudiges, noch klagendes, drang aus ihm. Vielleicht enthielt er irgend eine Mutter, irgend eine Schwester oder irgend eine Frau, die, gleich uns, wartete.
Um zwei Uhr Morgens wurden wir durch eine Patruoille genöthigt, uns zu entfernen.
Wir kehrten in Louisens Wohnung zurück. Es war nicht mehr lange zu warten, da die Hinrichtung, wie ich bemerkt, um vier Uhr Statt haben sollte. Ich blieb nach anderthalb Stunden bei ihr, dann ging ich wieder fort.
Die Straßen, von St. Petersburg waren, einige Moujicks abgerechnet, die durchaus nicht zu wissen schienen, was vorgehen sollte, gänzlich öde. Kann! begann ein schwacher Tagesschimmer zu erscheinen, und ein leichter, sich von dem Flusse erhebender Nebel zog sich gleich einem weißen Florschleier zwischen das eine und das andere Ufer der Newa. Als ich an die Ecke der Französischen Gesandtschaft kam, sah ich den Marschall Marmont, welcher mit der ganzen außerordentlichen Botschaft daselbst eintrat; einen Augenblick nachher erschienen sie auf dem Balkon.
Einige Personen waren, wie ich, auf dem Kai stehen geblieben, nicht, weil sie von dem unterrichtet gewesen wären, was vorgehen sollte, sondern weil sie, da die Dreieinigkeitsbrücke von den Truppen besetzt war, sich sich nicht nach den Inseln begeben konnten, wo sie Geschäfte hatten. Man sah sie besorgt und unentschlossen mit leiser Stimme miteinander reden, denn sie wußten nicht, ob keine Gefahr für sie dabei sei, hier zu verweilen. War mich anbelangt, so war ich fest entschlossen, da zu bleiben, bis man mich wegjagen würde.
Einige Minuten vor vier Uhr entbrannte ein großes Feuer, und zog meine Blicke nach einem Punkte der Festung. Zu gleicher Zeit, und da der Nebel sich zu zerstreuen begann, sah ich das schwarze Schattenbild von fünf Galgen am Himmel hervortreten; diese Galgen waren aus ein hölzerner Schaffot gestellt, dessen auf Englische Art eingerichteter Boden sieh mittelst einer Fallthüre unter den Füßen der Verurteilten öffnete.
Schlag vier Uhr sahen wir die nur zur Verbannung verurtheilten auf den Wall der Citadelle steigen, und sich um das Schaffot herum ordnen. Sie waren in großer Uniform, hatten ihre Epaulette und ihre Orden; Soldaten trugen ihre Degen. Ich versuchte Waninkoff unter seinen unglücklichen Gefährten zu erkennen, aber es war in dieser Entfernung unmöglich.
Um vier Uhr und einige Minuten erschienen die fünf Verurteilten auf dem Schafotte; sie waren in graue Kittel gekleidet und trugen eine Art von weißer Kapuze auf dem Kopfe. Ohne Zweifel kamen sie aus verschiedenen Kerkern, denn in dem Augenblicke, wo sie versammelt waren, erlaubte man ihnen sich zu umarmen.
In diesem Augenblicke kam ein Mann, der sie anredete. Fast sogleich ließ sich ein Hurrah hören; im ersten Augenblicke wußten wir die Ursache davon nicht, späterhin sagte man und, ich weiß nicht, ob es wahr ist, daß dieser Mann den Verurtheilten das Leben versprochen, wenn sie einwilligten, um ihre Begnadigung zu bitten; aber, fügte man hinzu, sie hatten auf diesen Vorschlag mit dem Rufe: Es lebe Russland! es lebe die Freiheit! geantwortet, ein Ruf, der durch die Hurrahs der Umstehenden erstickt worden sei.
Der Mann entfernte sich von ihnen, und die Scharfrichter näherten sich. Die Verurtheilten thaten einige Schritte, man legte ihnen den Strick um den Hals und zog ihnen die Kapuze über die Augen.
In diesem Augenblicke schlug es vier und ein Viertel.
Die Glocke bebte noch, als der Boden plötzlich unter den Füßen der armen Sünder fehlte; zu gleicher Zeit ließ sich ein großes Getümmel hören; Soldaten stürzten auf das Schaffot; ein Schauder schien durch die Luft zu ziehen, der und erbeben machte. Einige unbestimmte Schreie drangen bis zu uns; ich glaubte, daß ein Aufruhr statt fände.
Zwei der Stricke waren zerrissen, und die beiden Verurtheilten, zu deren Erdrosselung sie bestimmt, waren, nachdem sie nicht mehr gehalten wurden, in die Tiefe des Schafotts gefallen, wo der eine den Schenkel und der andere den Arm gebrochen hatte. Von daher rührte die Aufregung und das Getümmel. Was die anderen anbetrifft, so fuhren sie fort zu sterben.
Man stieg mit der Leiter in das Innere des Schafforts hinab und brachte die armen Sünder wieder herauf. Man legte sie liegend hin, denn sie konnten sich nicht aufrecht erhalten. Nun wandte sich einer von ihnen zu dem andern. Sieh, sagte er zu ihm, wozu ein Sklavenvolk gut ist; es versteht nicht einmal einen Menschen aufzuhängen.
Während dem, daß man sie wieder herausbrachte, hatte man neue Stricke in Bereitschaft gesetzt, so daß sie nicht lange zu warten brauchten. Der Henker kam wieder zu ihnen, und sich selbst helfend, so viel sie konnten, gingen sie ihrer Todesschlinge entgegen. In dem Augenblicke,wo man ihnen den Strick um den Hals legte, riefen sie mit lauter Stimme: Es lebe Rußland! es lebe die Freiheit! mögen unsere Rächer kommen! Ein Leichenruf, der ohne Echo erstarb, denn er fand kein Mitgefühl. Diejenigen, welche ihn ausgestoßen, hatten ihre Zeit falsch beurtheilt und sich um ein Jahrhundert geirrt.
Alls man dem Kaiser diesen Vorfall berichtete, stampfte er unwillig mit dein Fuße: Warum hat man mir das nicht gemeldet, rief er aus; jetzt wird es das Ansehen haben, als sei ich strenger als Gott.
Aber niemand hatte gewagt, den Aufschub der Hinrichtung auf seine Verantwortung zu nehmen, und fünf Minuten, nachdem sie den letzten Ruf ausgestoßen, hatten sich die beiden armen Sünder schon im Tode mit ihren drei Gefährten vereinigt.
Nun kam die Reihe an die Verbannten; man las ihnen mit lauter Stimme ihr Unheil vor, das ihnen Alles in dieser Welt, Rang, Ehrenzeichen, Güter, Familien entzog; hierauf traten die Scharfrichter auf sie zu, entrissen ihnen eines nach dem andern, die Epaulette und Orden, welche sie unter dem Rufe in das Feuer warfen: Siehe da die Epaulette eines Veräthers! Siehe da die Orden eines Verräthers! Hierauf endlich, aus den Händen der Soldaten ihre Degen nehmend, faßten sie dieselben am Griff und an der Spitze, und zerbrachen jeden Degen über dem Haupte seines Herrn, indem sie sagten: Siehe da den Degen eines Verräthers!
Nachdem auch dieses vollzogen, griff man aufs Gerathewohl in einen Haufen Kittel von grauer Leinwand, ähnlich denen, wie sie das gemeine Volk trägt, und hüllte die Verbannten in sie, nachdem man sie ihrer Uniformen entkleidet; hierauf ließ man sie durch eine Treppe hinab gehen, und führte jeden wieder in seinen Kerker zurück.
Der Wall wurde wieder öde, und es blieb nur eine Schildwache, das Schaffot, die fünf Galgen, und an diesen fünf Galgen die fünf Leichname der Hingerichteten da.
Ich kam zu Louisen zurück, und fand sie in Thränen, knieend und betend.
– Nun? sagte sie zu mir.
– Diejenigen, sagte ich, welche sterben sollten, sind todt, und die, welche leben sollten, leben.
Louise beendigte mit gen Himmel geschlagenen Augen und mit einem Ausdrucke unbeschreiblicher Dankbarkeit ihr Gebet.
Als sie ihr Gebet beendigt, fragte sie mich:
– Wie weit ist es von hier nach Tobolsk!
– Ohngefähr acht Hundert Stunden, antwortete ich.
– Das ist weniger weit, als ich dachte, sagte sie; ich danke.
Ich blieb einen Augenblick schweigend, indem ich sie betrachtete und ihre Absicht zu durchschauen begann.
– Warum richten Sie diese Frage an mich? fragte ich sie.
– Wie? Sie errathen es nicht? antwortete sie mir.
– Aber, rief ich aus, das ist in diesem Augenblicke unmöglich; Louise, bedenken Sie, in welchem Zustande Sie sind!
– Mein Freund, sagte sie, seien Sie ruhig, ich weiß, was die Mutter dem Kinde schuldig ist, eben so gut als das, was sie dem Vater schuldig ist; ich werde warten.
Ich verbeugte mich vor dieser Frau, und küßte ihr mit eben so vieler Ehrerbietung die Hand, als ob sie eine Königin gewesen wäre.
Während der Nacht wurden die Verbannten abgeführt und das Schaffot verschwand, so daß, als der Tag anbrach, keine Spur mehr von dem, was vorgefallen, vorhanden war, und daß die Unbetheiligten glauben konnten, einen Traum gehabt zu haben.
